Inierhaltungsblatt des Jorwarts Nr. 48. Dlonstag, den 8. März 1904 (Nachduuf verboten.) ibi Bfther Maters. Roman von George Moore. Sarah wollte c5 scheinen, als wären Esther und William nicht mehr die guten �reniide von ehedem; sofort hellte ihr mürrisches Gesicht sich auf. „Na, so waS? Seht die Hlos; an, sitit sie doch da und starrt in ihre Theetasse hinein, mit'nein Gesicht, als lväre sie in'ner Bibelklasse." „Was gellt das Sie an?" fragte William. „Was mich das angeht? Ich seh' nicht gern ein häßliches Gesicht am Friihstückstisch." „Dann ist's gut, daß lein Spiegel hier ist: ein wahres Glück!" erwiderte William. Sarah und William begannen nun heftig zu zanken, und während dieses Zankes verließ Esther rasch das Zimmer. Auch während des Mittagsessens sprach sie kaum ein Wort: wieder riefen die andern ihr zu. sie solle sich init William versöhnen: sie aber gab kaum Antwort und versuchte, ihm am Nachmittag zu entgehen, indem sie sich in ihrem Zimmer so lange einsperrte, bis sie glaubte, nun sei die Stunde, wo er mit der Equipage auszufahren hatte. Aber sie hatte sich um einige Minuten verrechnet, und als sie die Treppe herunter- kam, erblickte William sie und rannte den ganzen langen Korridor hinab ihr entgegen. Er legte seine Hand init bittender Gebärde auf ihren Arm. „Rüllr mich nicht an!" sagte sie lind ihre Augen flammten fast gefährlich auf. „Welcher Unsinn,.Esther! Na, nun mack'S aber nicht zu toll." „Geh fort! Du sollst nicht zu mir sprechen." „Aber ich will Dir nur ein Wort sagen: so höre doch zu." „Gel, von mir fort! Wenn Du mich nicht sofort zufrieden läßt, gehe ich zu Mrs. B-arfield." Unwillkürlich trat William zurück: sie ging in die Küche hinein und warf die Thürs hinter sich zu. Er war bei ihren Worten ein wenig bleich geworden, wartete noch einen Augenblick und eilte dann fort nach dem Stall hin. Wenige Momente später sah ihn Esther sich auf seinen Plah neben dem Kutscher auf der Equipage chtzen. Da es von Esther nachgerade bekannt war, wie sie mit jemand, mit dem sie sich gezankt hatte, oft acht, auch vierzehn Tage lang nicht sprach, erregte auch ihr Schweigen diesmal wenig Per- dacht. Die andern glaubten, die beiden hätten sich irgend einer Kleinigkeit halber veruneinigt, und Sarah meinte:„Was für Narren die Männer doch sind! Da bettelt er sie nun in einem fort an, ihm zu verzeihen! Seht ihn bloß an, wie er ihr nachläuft, da eben schon wieder in den Holzschuppen!" Sarall hatte recht: William folgte Esther von der Küche in die Aufwaschküche, von der Aufwaschküche in den Holz- schuppen. Sie gab ihm meist gar keine Antwort, wenn er sprach, sondern glitt rasch an ihm vorüber, und wenn er ihr mit Gewalt den Weg vertrat, sagte sie heftig: „Laß mich vorüber: ja?— ich muß meine Arbeit thun:"... und wenn er dann noch ein Wort sagte, so sprach sie davon, sich bei Mrs. Barficld zn beklagen. Es war nicht ihr Wille gewesen, sich ilqn zu ergeben: er hatte einen Augenblick der Schwäche bei ihr benutzt, das war ihre Auffassung von ihrer Sünde, und wenn ihr Herz sich mitunter für ihn erweichen wollte, und der Gedanke ihr wohl kam, daß eS ja egal wäre, da sie einander doch heiraten wollten, so war wiederum ein andrer Impuls in ihr, der sie antrieb, das Gegenteil von dem zu thun, was sie thun wollte. Sie hatte das Gefühl, als könnte sie seine Achtung nur dann wieder gewinnen, wenn sie ihn: lange Zeit hindurch ihre Berzeihung verweigerte. Das strenge religiöse Gefühl, welches beständig ihre Seele erfüllte, der strikte Protestantis- mus in ihr diente dazu, ihre instinktiven und anerzogenen Vorurteile noch zu verstärken, und die natürliche Scham, die sie zuerst empfunden hatte, verschwand fast vor der Gewalt ihrer plötzlich sich aufbäumenden Tugend. Sie hatte kaum mehr Furcht vor Entdeckung: was that es denn, ob andre es erführen oder nicht, da sie es doch wußte? tltid in stiller Nacht bat sie auf den Knien Gott um Vergebung: aber er schien streng zu bleiben und ihr nicht ver- geben zu wollen, denn ihre Sünde war die unverzeihlichste es war gerade die, gegen welche ihre Sekte besonders au- kämpfte. Mit schwerem, bedrücktenr Herzen legte sie sich nach verrichtetem Gebet allnächtlich nieder. Die Tage vergingen und schienen in ihr keine Ver« änderung hervorzurufen, und William ward eS endlich müde, ihr nachzulaufen. „Wenn sie partout mucksch sein will, laß sie!" dachte er— und ging mit Sarah aus: und wenn Esther dann das Paar vom Küchenfenster aus über den Hof gehen sah, so sprach's in ihrem Herzen:„Laß ihn doch mit ihr gehen; ich will ihn nicht haben!"— denn sie wußte wohl, daß das seinerseits nur ein Versuch war, sie eifersüchtig zu machen; und daß er eine solche List anwandte, um sie rrimzukriegeu, ärgerte sie noch mehr an ihm: so daß, als sie eines TageS einander im Garten begegneten, wohin sie Futter für die Katzen trug, und er sagte:„Verzeih' mir doch, Esther, ich bin nur mit Sarah ausgegangen, weil Du mich ganz toll gemacht Haft!"— sie die Zähne fest zusammenpreßte und ihm gar keine Antwort gab. Da aber stellte er sich breit vor sie hin in den Weg, eist« schlössen, sie diesmal nicht los zu lassen. „Ich habe Dich sehr lieb, Esther." sagte er,„und ich will Dich heiraten, sobald ich genug verdient oder gewonnen habe, um Dir ein behagliches Heim bereiten zu können." „Tu bist ein böser, gottloser Mensch," sagte sie.„Ich will Dich gar nicht heiraten." „Das thnt mir sehr leid, Esther, ich bin nicht so schlecht, wie Du glaubst: aber Deine Heftigkeit geht immer gleich mit Dir durch. Sowie ich ein bißchen Geld zusaminen habe „Wenn Du ein guter Mensch wärst, würdest Du mich jetzt sofort heiraten." „Das will ich auch thun, wenn Du eS willst, aber die Sache ist die,--- ich besitze im Augenblick nur drei Pfund. Ich habe Pech gehabt in letzter Zeit--" „Du kannst an gar nichts andres denken, als an das gottlose Wetten. Gell nun, laß mich durch, ich will Deine Lügen nicht anhören." „Nach dem St. Leger-Rennen werde ich sicher—" „Laß mich durch, ich will nicht mit Dir sprechen." „Aber, Esther, so höre doch zu; ob wir uns nun heiraten oder nicht— so, in dieser Weise, können wir nicht neben- einander weiter leben: die werden alle bald was merken—" „Ich werde von Woodview fortgehen," sagte sie. Aber sie hatte noch kaum die Worte gesprochen, als es ihr klar wurde» daß sie in der That fort müsse, je eher, je besser! „Laß mich nun gehen... wenn Mrs. Barficld—" lieber Williams Antlitz glitt ein Zug des Zornes, und er sagte: � ,,_ „Ick, will als anständiger Kerl an Dir handeln: aber Du läßt mich ja nicht. Bist so mucksch und eigensinnig wie ein Maulesel: Sarah hat ganz reckst: so eine wie Tu wurde nein Mann das Leben zur Hölle machen!" � Sie aber hatte nur einen Gedanken: er mutzte sie erst wieder achten können. Von Anfang an hatte sie das Gefühl gehabt, daß dies illre einzige Hoffnung sei. und diese zuerst undeutliche Empfindung entwickelte sich nun, bis sie zn einem klaren Gedanken wurde, und sie beschloß, nicht eher»ach- zugeben, als bis er seine Sünde einsähe und sie dann bäte. ihn zu heiraten. Aber die Liebe in ihr für den Mann selbst kämpfte einen gewaltigen Kamps gegen ihre religiösen Vor- urteile. Diese Liebe war gleichsam wie ein Sonnenstrahl, der ans ein im Nebel vergrabenes Thal hcrabscheint: blitzartige Zuckungen von Leidenschast drangen durch ihren Eigenwillen hindurch, schmolzen ihn beinahe hinweg, und unbewußt fast suchten ihre Augen mitunter die Williams— unbewußt wandte sie ihre Schritte aus der Küche in den Korridor hinaus, wenn sie dort seinen Schritt zn vernehmen glaubte... Hätte Esther ein wenig früher nachgegeben, so wäre ihr Schicksal sicherlich ein ganz andres geworden. Denn als ihr Herz endlich ihr Vorurteil besiegt hatte, als ihre Liebe für William das Nebergewicht gewann, als sie sich danach sehnte» flch in seine Arme zu werfen und zu sagen:„Ja, ich liebe Dich, mach' mich zu Deinem Weibe,"— da bemerkte sie, oder glaubte doch wenigstens zu bemerken, daß seine Blicke den ihren auswichen, und sie fühlte, wie Gedanken, die sie nicht kannte, in seinem Herzen Wurzel geschlagen hatten, Gedanken, die ein unbestimmtes Angstgefiihl m ihr erweckten. Und als ihre Leidenschaft erst wieder für ihn zunahm, bemerkte sie gar mancherlei, was dem gewöhnlichen Zuschauer nicht aufgefallen sein würde. Ihr allein erschien es auffällig, daß, wenn im Salon geklingelt wurde und Mr. Leopold sich langsam erhob, William aufsprang und sagte: „Ich habe jüngere Beine als Sie, bleiben Sie nur ruhig sitzen. Kein andrer, nicht einmal die mißtrauische Sarah glaubte etwas andres, als daß William sich in der Gunst Mr. Leopolds zu befestigen wünschte. Esther aber, obwohl ihr die Wahrheit noch unbekannt war. glmibte in dem leisen Geläute der Salon- glocke die Todesglocke ihrer Hoffnungen zu hören. Sie achtete darauf, wie lange er oben blieb, wenn er hinaufging, und fragte sich besorgt, was ihn dort wohl so lange aufhalten könne! IEs war in letzterer Zeit kühleres Wetter eingetreten. Mußte er vielleicht ein Feuer anzünden? Sie»mißte nicht, wer sich im Salon befand. Endlich erfuhr sie von Margarete, daß Miß Mary und Mrs. Barfield nach Southwick gefahren seien, um einen Besuch zu machen, und von einem der Stalljuugeu hörte sie, daß der„Alte" und„Ginger" früh morgens schon zum Jahrmarkt nach Fendoan hinübergeritteu und noch nicht zurück wären. Also konnte es nur Peggy gewesen sein, die geklingelt hatte. Esther arbeitete weiter. Aber während sie arbeitete, fiel ihr plötzlich etwas ein, etwas, das sie bis dahin vergessen gehabt hatte. Am ersten Sonntag, als sie zum erstenmal in das Bibliothekzimmer zum Gebet ging, hatte Peggy auf dem kleinen, grünen Sofa gesessen, und während Esther durch das Zimmer schritt, war es ihr aufgefallen, welch einen be- wundernden Blick die junge Dame auf Williams mächtige Gestalt geworfen hatte. Damals hatte sie nicht darauf ge- achtet, heute aber trat ihr der Borfall scharf vor die Seele, und die ganze Nacht hindurch hatte Esther das Bild des Mädchens mit den kohlschwarzen Haaren und dem bleichen Gesicht vor Augen. Am nächsten Morgen wartete Esther schon darauf, daß die Glocke ertönte, die ihren Geliebten von ihr hinwegrufen sollte. Die Stunden des Nachmittags vergingen langsam, und sie hatte fast schon zu hoffen begonnen, daß sie sich geirrt habe, als das metallene Zünglein der Glocke klang. Sie hörte die mit grünem Fries bezogene Thür hinter ihm zufallen, aber immer noch tönte das Glöckchen in ihren Ohren fort. Dann wurde es im Korridor ganz still. Wie einer, der sich zur Nachtzeit in: Morast verirrt hat und sich schon langsam sinken fühlt, empfand sie plötzlich, daß es nun an der Zeit sei zu einem letzten, verzweifelten Kampf; sie fühlte, daß sie um ihren Geliebten kämpfen mußte. Aber wie? William schien ihr jetzt förmlich aus dem Wege zu gehen, und sein Verhalten schien anzudeuten, daß er nichts dagegen haben würde, wenn ihr Zerwürfnis noch länger andmierte. Aber sowohl Stolz wie Zorn waren nun von ihr abgefallen, sie fühlte jetzt nur noch, daß sie im Begriff war, ihn zu ver- licren, und mit tausendfach verschärfter Feinfühligkeit erriet sie seine Absichten, erriet sie alles, was er dachte und thun wollte, und ermöglichte es, ihm eines Tages ini Korridor zu begegnen, da er eS am wenigsten erwartet haben mochte. Sie stieß ein leises, verlegenes Lachen hervor. „Ich scheine Ihnen ja fortwährend in den Weg zu kommen." „Was schadet das? Wenn nian in einem Hause dient, ist das ganz natürlich." Sie standen da und blickten einander an. Eine Er- klärung schien jetzt unvermeidlich; aber in eben diesem Augen- blick ertönte dicht über ihrem Kopf wieder die Salonglocke. „Ich muß hinauflaufen," sagte William rasch, wandte sich von ihr ab, und bevor sie noch ein Wort sagen konnte, war die Thür hinter ihm zugefallen. « Eines Tages machte Sarah die Bemerkung, daß William jetzt sehr viel im Salon zu thun zu haben scheine. Instinktiv aufgestachelt fuhr Esther empor und sagte: „Ich halte nicht viel von Damen, die ihren Dienern nach- laufen." Alles blickte aust Mrs. Laich legte ihr großes Tranchiermesser nieder und heftete ihre Augen auf ihren Sohn. „Dame?" sagte Sarah)„die ist doch keine Dame! Wie- viel Jahre ist's denn her, daß ihre Mutter ihren eignen Hof noch gefegt hat?." (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Der letzte f)excnbrand in franken. Deutschland hat vor den übrigen Kulturländern den stazlvürdigen Vorzug, daß auf seinem Boden der verruchte Wahnwitz der Hexen- Prozesse die meisten Opfer gefordert und am längsten gewütet hat. Es ist kulturtämpferische Ucbcrlieferung, die katholische Kirche allein mit diesem Vorwurf zu belasten. Im Interesse der geschichtlichen Wahrheit muh aber festgestellt werden, dah der Protestantismus sein gerüttelt Maß von Mitschuld an dem finsteren Treiben hat, und dah auch in protestantischen Landen die Hcxeubrände mafienhaft flammten, als der blutige Wahn auf dem Höhepunkt angelangt war: im ausgehenden 16. und beginnenden t7. Jahrhundert. Das war ein eifriger Lutheraner und eine rechtSgelchrte Leuchte des protestantischen Sachsen, jener Carpzoiv, der sich 1067 in der Einleitung zu seiner berüchtigten „Kriminalpraxis" rühmte, bei zwanzigtausend Hexenprozessen und derlei Sachen mitgewirkt zu haben. Der Protestantismus war dem tollen Aberglauben ebenso unterworfen, wie die Alleinseligmachende. Wahr ist aber, dah von katholischer Seite der mörderische Aberwitz zuerst in ein System gebracht worden ist— in dem be- kannten«Hexenhammer", dah die letzten Hexcnbräude in katholischen Gebieten Teutschlands stattgefunden haben, wo der Gräucl erst niit der gesetzlichen Ermordung der„Hexe" Anna Maria Schwägelin in Kempten, dem Machtbcreich des Kemptcncr Fürstabts, am 11. April 1775 sein definitives Ende erreichte, und dah ein katholisches Fürstentum des Reichs das Paradies der Hexen- richter gewesen ist. Das Fürstbistum Würzburg hat auf diese Bezeichnung ge- gründeten Anspruch. In der Stadt Würzburg allein wurden zwischen 1li27 und 1029 über zweihundert Personen als Hexen und Hexen- nieistcr verbrannt. Auf einen einzigen Tag, den 23. Oktober 1027, wurden in Würzburg 03 Personen wegen Hexerei hin- gerichtet, und im Jahre 1029 spricht der Würzburger Kanzler brief- lich die Meinung aus, dah noch 400 Einwohner aller Stände ivegcn Hexerei prozessiert werden mühten; er teilt u. a. mit, dah er Kinder von sieben Jahren hat hinrichten sehen. Der Hintermann dieser Scheusäligkeiten war der Fürstbischof selber, Adolf von Ebrenbcrg, dem es vor allem um die der Konfiskation verfallenen Güter der Hingerichteten zu thun war. Dieser Mann schreckte nicht davor zu- rüci, seinen eignen Neffen, einen siebzehnjährigen Jüngling, mit dem die Familie ausstarb, als Zauberer in der kannibalischsten Weise um- bringen zu lassen, mit der Begründung:„Ich will lieber keinen Stammhalter meines Geschlechts haben, als dah ein Zauberer meine Fannlie fortpflanze." Der schauderhafte Verwandtenmord veranlasste ein Einschreiten des Reiches gegen das Würzburger Schreckensregiment und das vor- läufige Aufhören der Hexenverfolgung. Auf Adolf von Ehrenberg folgten ein paar Bischöfe aus der Fannlie von Schönborn, die humaner gesinnt waren und keinen Scheiterhaufen flammen liehen. Aber das llcbel war nicht radikal ausgerottet, sondern in den Massen des Volkes wie unter den Pfaffen und Fürsten lebte der alte Wahn mit uugeschwächter 5krast iveiter und konnte jeden Augenblick neue Opfer fordern. Ein geistlicher Augenzeuge des Würzburger Treibens war ja darüber zur Einsicht in die ganze Barbarei der Hexen- Prozesse gekommen, der Jesuit Friedrich von Spee, der zur Zeit der ärgsten Raserei als Universitätsprofessor in Würz- bürg geweilt hatte und 1031 seiiieu Abscheu in einer latrinischen Schrift zum Ausdruck brachte. Das hat ultramontane Geschichlsklitterer, wie Janssen, veranlaßt, dem Jesuitenorden ein Hauptverdienst an der Bescitigung des Hexenwahns zuzuschreiben. Das ist aber eine ganz unhaltbare Phantasie. Spee war nicht nur in seinem Stand, sondern auch in seinem Orden ein weißer Rabe. Wie sehr gerade der Jesuitenorden in Deutschland noch ein Jahr- hundert später an dem Standpunkt des„Hexeuhammers" von 1489 festhielt, zeigte sich bei Gelegenheit des letzten Hexeubrandes in Franken, bei dem Justizmord, der am 2l. Juni 1749— in Goethes Geburtsjahr— tut der greisen Nonne Maria Renata Singer von Mossau zu Würzburg begangen wurde. Die moralische Verantwortung für dies Verbrechen fällt durchaus auf die in Würzburg damals maßgebenden Jesuiten, deren Autorität flir den derzeitigen Fürstbischof maßgebend war. Es gab wohl unter der Würzburger Geistlichkeit ein paar Leute, die soviel Menschlichkeit besaßen, daß sie den Versuch machten, dem blutigen AuSgaiig der Tragödie vorzubeugen; aber auch sie besaßen nicht den moralische» Mut. um dem ganzen Unwesen grundsätzlich den Fehdehandschuh hinzuwerfen, sondern begnügten sich mit der weniger gefährlichen Taktik, in deni einzelneu Fall flir ein uou llguet und dann für mildernde Umstände zu plaidiercn. In ihrer ungeheuren Mehrzahl aber steckten die Würzburger Pfaffen entweder selbst noch bis über Hals und Ohren im tiefsten Hexenwahn, oder sie ließen den edlen Zweck, dem Volk die Dummheit zu erhalten, das Mittel des Justiz- inordes heiligen. Man sieht jetzt m dem Fall der Maria Renata, der bisher nicht ganz aufgeklärt war, bis auf den Grund, nachdem der bekannte bayrische Publizist und Politiker Zb Memming er daS ganze urkundliche Material') ausgegraben und zu einer unsrer interessanten kulturgeschichtlichen Studie verarbeitet hat, bei deren Lektüre man sich staunend fragen möchte, wie solch ein Höllenbrueghel von Aus- geburten des Narrenhauses noch in der Mitte des 13. Jahrhunderts, im Zeitalter der Aufklärung dem civilisierten Europa vorgeführt werden konnte: wenn man nicht bedächte, dah in diesen Anfängen des 20. Jahrhunderts erst kurze Zeit verflossen ist, seit der Teufel Bitrou und seine Schwanzhaare Furore machten und Gläubige fanden. Die unglückliche Maria Renata Singer von Mossau war Sub- priorin des Prämonstratcnser-Nonneiiklosters Unterzell bei Würzburg und seit fünfzig Jahren Insassin des Klosters, als sie im Jahre 1749 als siebzigjährige, körperlich und geistig gebrochene Greisin von ihrem schrecklichen Geschick ereilt wurde. Es war schon seit Jahren in Unterzell nicht richtig. Im Jahre 1740 ivar die junge Nonne Maria Cacilia von Pistorini, die thatsächlich an Fallsucht und Hysterie litt, durch den Klosterprovisor Paler Siard in sachverständige Be- Handlung genommen. Der gute Mann glaubte, sie sei von einem Teufel besessen, und versuchte den Dämon auS ihr heraus zu bc- schwören, nach seiner voreiligen Meinung mit gutem Erfolg. Die Pistorini war aber nachher wieder mit dabei, als im Jahre 1748 der graste Teufelsspuk in Unterzell losging. Es war eine ganz krankhaste Gesellschaft, die in dem Kloster unter für Geist wie Körper gleich nachteiligen Existenzbedingungen zusammengesperrt ivar. Mindestens ein halbes Dutzend unter den Nonnen war teils geradezu verrückt, teils wenigstens im aller- höchsten Mäste hysterisch. Sie hatten die abenteuerlichsten Wahn- Vorstellungen und Marotten und tobten schliehlich nach einem gangbaren Ausdruck„wie besessen". Ihre geistlichen Berater hatten gar' keinen Zweifel, dah sie wirklich besessen seien, gingen wieder mit Exorcifieren an die Arbeit und suchten herauszubringen, woher die bösen Geister kämen. Und es war bald heraus, wer als Urheberin des ganzen Unheils anzusehen sei: Niemand anders als die Snbprion» des Klosters, die ihrer Strenge wegen bei den geistlichen Schwestern und ihrer Sparsamkeit und Selbständigkeit wegen bei den Patres, die amtlich in dem Nonnenkloster zu thun hatten, vor allem dein Probst des benachbarten und vorgesetzten Mönchsklosters Oberzell nichts weniger als beliebt war. Von den Besessenen und deren Dämonen einstimmig der Hexerei beschuldigt und auch sonst sehr stark belastet, fast Maria Renata bald hinter Schlost und Riegel. An ihrer Schuld konnte gar kein Ziveifel sein, denn sie leugnete ja gar nicht, sondern gestand ihren Bund niit dem Teufel und ihr ganzes Treiben offen ein: sie war nämlich selber durckz das NarrenhauStreiben um sie her angesteckt; ihre nachherigen Auslagen sind so kreuzkonfus, dast sie ohne weiteres irren Geistes erklärt werden imist. Ihrem Bekenntnis war austcrdem mit sehr schlagenden Gründen nachgeholfen worden. Bei ihrer Einsperrung hatte man sie, um ein Geständnis z» erpressen, mit unbarmherzigen Schlägen bedacht, besonders hatte der Pater Siard ihr unter Faustschlägen ins Gesicht ge- sagt:„Canaille, willst Du nicht gestehen?" Sie hat nachher, wie urkundlich feststeht, erklärt,„dast sie ein weit mehrcres als sie auf sich gehabt, auS alleiniger Furcht der etwa zu gewardenten sgewärtigenden) Schlägen bekennet und eingestanden habe". Es ist das weiter nicht beinerkcnöwcrt: denn das Gesetz erlaubte ja An- Wendung der Folter zur Uebcrführung mutmastlichcr Hexen. Aus den Protokollen der Vorvernehmung und des Hanptvcrhörs vor dein geistlichen Jiiguisitionsgcricht seien nur einige von den verrücktesten Sachen hervorgehoben, die da ganz ernstlich als töd- lichcs Belastungsmaterial aufgezeichnet sind. Die altersschwache Greisin, die so gebrechlich ist, dast sie aus einem Sessel zum Verhör hingetragen werden mnst, sagt aus, der Teufel sei alle Montage zu ihr gekommen, um mit ihr zu buhlen das müstte ein dummer Teufel gewesen sein I Die Jngnirenten aber gehen der Sache bis in unsägliche Einzelheiten nach. Klar ist danach, dast die Angeklagte auch nächtlicher Weile zum Hexen- tanzplatz geritten ist. Dast sie ihren Schilderungen dieler Lustbar- leiten und jenes Unigangs mit dem Teufel wiederholt hinzufügt, sie glaube, dast es mehr im Traum geschehen, sie hätte im Schlaf mit dem Teufel gesündigt, aber nicht wachend, ist natürlich ganz un- erheblich. So werden auch ihre und der„Besessenen" Aussagen, wonach sie die Mitschlvestern und auch Mönche verhext hat, so dast sogar mehrere gestorben, für bare Münze, nicht für leere Träume und verrückte Hirngespinste von TollhäuSIcrn genommen. Das non plus ultra sind die Stellen der Protokolle, wo davon die Rede ist, „wie dann ihr lasterhaftes Leben entdeckt worden". Die Aermste schiebt es auf die Katzen. Das Kloster sei nämlich so voll Mäuse und Ratten gewesen, dast eS jeder Nonne erlaubt worden sei. sich eine Katze zu halten, um unter den« Ungeziefer aufzuräumen. Sie selber hat sogar drei gehalten.„Diese drei Katzen aber wären drei Teufel gewesen, welche geredet sowohl in ihrem Zimmer als in dem Klostcrgang, die Nonnen hätten abends und in der Nacht solches gehört und darauf acht gehabt, und wäre eine graste Furcht im Kloster gewesen, da solches Reden eine Nonne der andern gesagt und gcklaget, so haben sie eS dem Probst an- gezeigct, dast meine drei Katzen redeten." Auf die Frage, ob sie Mäuse gemacht habe, erwidert Maria Renata, sie habe blost die- *) Das verhexte K l o st e r. Nach den Asten dargestellt von A. Memminger, Redastcur und Abgeordneter. 1904. MeinmingerS VcrlaaSanstalt, Würzburg. Preis M. 2.50. jenigen, welche halbtot geivesen. durch Anhauchen wieder lebendig gemacht. Ihre schwarze Katze habe gesagt:„Es kommt jemand", oder.Es ist jemand draus". Die Mäusegeschichte macht den Wahn- sinn der Nonne ganz offenkundig. Nicht aber für das geistliche Gericht, mit vielleicht einer Ausnahme. Es beschließt, der„Gerechtig- keit" freien Laus zu lassen und blost die Hexe der Gnade des Fürst- bischofs und des weltlichen Gerichts zu empfehlen. Dem Fürstbischof— es war gerade ein neugebackener, Karl Philipp Graf von Grciffcnclau— nuist bei der ganzen Sache nicht übennästig wohl zu Mute gewesen sein. Er holte nämlich im Mai 1749 ein Gutachten der Würzburger theologischen Fakultät ein, die aus lauter Jesuiten bestand. Die Herren Professoren bejahten die Frage:„Können bei einer Besessenheit die bösen Geister zu der Aussage gezwungen werden, ob die Besessenheit ein Tenfclswerk sei"? verneinten nicht die Frage:„Können die bösen Geister durch Beschwörungen zu der Aussage gezwungen werden, durch welche Zauberer oder Hexen eine solche Besessenheit veranlaßt wurde?", sondern erklärten bloß die Angeberei dritter Personen für gefährlich. Und zum dritten gaben sie auf die Frage, welcher Glaube den durch die Beschwörungen bearbeiteten böseii Geistern beigemessen werden könne, wenn die Aussagen beständig gleich lauten, die weise Antwort, daß man einigen Glauben an solche Aussagen nicht ab- weisen dürfe. Zum Schluß erklären sie mit einem Satz des Jesuiten Lessius:„Wenn der böse Geist die verborgenen Zauberer oder deren Verbrechen offenbart, so ist das Bekenntnis nicht rundweg zu ver- werfen, weil bei schweren Verbrechen keine Judicien geringschätzig behandelt werden dürfen: weshalb der Richter durch den Sinn einer solchen Angeberei heimlich für sich ohne Bedenken eine Belehrung schöpfen kann, so daß er gewichtigere Judicien daraus ableiten kann." Nach diesem Hohn der Gottesgelahrten auf Vernunft und Wissenschaft bekamen nun die Juristen das Wort. Das Blut- gericht ging einfach nach den Vorschriften der Carolina zu Werke. Es fand die Verbrechen der Maria Renata durch ihr eignes Ge- ständnis und die Aussagen ihrer Mitschwestern vollständig' bewiesen und verurteilte daher die Angeklagte am 18. Juni 1749 zum Scheiter- Haufen. AuS besonderer Milde ward die Sentenz dahin geändert, daß die Hexe erst geköpft, ihr Leichnam verbrannt werden soll. Und in dieser Weise geschah am folgenden Tage der Justizmord. Das Schlachtopfcr wurde hingetragen. Ein gleichzeitiger Bericht erzählt erbaulich, wie„der Kitzinger Scharsrichter das Schwert entblößt und mit einer so ausnehmenden Geschicklichkeit den Kopf abgehauen, das; alle Umstehenden das vollkommenste Vergnügen über diesen so glücklichen Vollzug haben verspüren lassen." Der Kopf war zum warnenden Excmpel auf einen Pfahl gesteckt, während der Rumpf ans den Scheiterhaufen geworfen wurde. An Ort und Stelle hielt der Jesuit Goar als sogenannter Galgcn- pater eine Predigt, die unter Berufung auf einschlägige Bibelstellen haarscharf bewies, daß alles nach Gottes Wort und von Rechts ivegen vor sich gegangen sei. Er riskierte auch eine Bennutung. warum Gott die ganze Sache habe geschehen lassen, und da scheint ihn, die Haupt- fache:„wegen denen Üngläubigeu. Diese müssen ans dermahliger Begebenheit unividersprechlich erkennen, daß auf der Welt seien Hexen und Zauberer, mithin auch Teufel, von welchen sie ihre Künste erlernen. Gehet hin, ihr Atheisten, nach Unterzell, um jene Ordenspersonen, welche Maria Renata bezaubert, an- zuhören. Was gilts, ihr werdet gestehen, daß in diesen Menschen etwas mehr als ein Mcnich verborgen sei. Weilen aber die einheimische Feind oder Geister in denen Besessenen ans die Kirchenbeschwörungen gedemütigt, endlich auch ausgetrieben werden, so müssen wir daraus schließen, dast sie einen, iveit mächtigeren Geist, neinblich Gott, welchen die Kirch anruft, unterworfen seien: Psalm 83, Vers 8, merkt es doch, ihr Unweise unter de», Volk, und werdet einmal witzig, ihr Narren." Diesmal hatte sich die Jcsuiteiischlanheit aber verrechnet. An- statt als ein neuer Beweis für die Größe und Wahrheit der katho- tischen Kirche und Lehre angeschen zu werden, lieferte daS Verfahren gegen Maria Renata den ungläubigen Feinden der Allcinsclig- machenden Wasser auf die Mühlen. Ueberall in der civilisierten Well erhob sich über den Würzburger Hexenbrand ein Schrei der Eutrüstung, in den sogar ei» paar katholische Geistliche einstimmten, Das einhellige Urteil der aufgellärten öffentlichen Meinung blieb denn doch, wie das Urkundenmatcrial zeigt, nicht ohne Eindruck auf den Fürstbischof und seine pfäsfische Umgebung. Es schreckte sie von einer Wiederholung der Prozedur ab. Diese wäre sonst bloß folge- richtig gewesen. Die �verrückten Nonnen von Unterzell blieben nämlich auch nach den, Tode der Subprivrin behext und gaben nun weitere Personen als der Zauberei schuldig an. Aber man hatte genug und ließ nun endlich die Acrzte in ihr Recht treten. Maria Renata blieb also daS letzte Opfer, daS der Herenwah» in Franken gefordert hat.— _ 81. C o n r a d y. Kleines feuilleton. nr. Himbeeren und Brombeeren. EL giebt eine Pflanzen- gattung, die nennen die Botaniker mit dem lateinischen Fach- ausdrucke IdubuS. Das ist eine der formcnreichsten Sippen, die wir kennen, und es giebt Forscher, die sich nur allein mit ihr beschäftigen. Da existieren Hunderte von Arten, und außerdem vermehren die TastardbiMngen, zu denen jene neigen, den Fonnenrei-btnm nutzer- ordentlich. Dabei gehen die Arten so sehr in einander über, daß nur Ivcnige sich in dieser bunten Gesellschaft zurecht finden können. Zu der Gattung Kuba-! gehören auch unsre Himbeeren und Brom- ibeeren. Die Himbeere ist nun gerade eine der am leichtesten erkenn- baren und fest umgrenzten Arien der Gattung. Ihre Früchte, die von Natur rot, bei kultivierten Sorten aber auch gelb aussehen, sind sehr sütz und aromatisch, ihre Stacheln sind klein und weich. Sie ist eine unsrer verbrcitetsten Pflanzen und wohl jedermann bekannt. Nun gicbt es aber in andren Äindern auch noch andre Arten, die zu dieser Untergattung der Himbeeren gehören. Von ihnen wird bei uns eine sehr häufig angepflanzt, nicht der Früchte tvegen, denn sie sind nicht viel wert, aber um ihrer Schönheit willen. Die wohl- riechende Himbeere(Rubus odoratus) ist in der That einer unsrer schönsten Ziersträucher, doppelt wertvoll deshalb, lveil er im Sommer blüht, wo die meisten Sträucher nur durch ihren grünen Kaubschmuck zieren. Die wohlriechende Himbeere hat schon einen ganz andren Wuchs als unsre einheimischen Rubus- Arten, die wirklich alles andre eher als schön sind. Aber jener aus Nordamerika stammende Strauch hat eine etwas höhere, buschige, runde Gestalt, die Blätter sind grotz, fünflappig, und die Triebe sind stacheltos. Wunderschöne, sehr graste, dunkelrote Blüten aber machen erst diese Himbeere zu einer wirklich hervorragenden Zierpflanze. In den letzten Jahren sind auch noch andre Himbecrartcn eingeführt worden. Die schönste von ihnen ist die Köstliche Himbeere(Rubus deliciosus). Ein etlva anderthalb lvtetcr hoher Strauch, bcstht sie anmutige dreilappigc Blätter und sehr graste, vier bis fünf Ccnti- mctcr breite Blüten von rcinweistcr Farbe. Eine andre aus Japan stammende Art( Rubus pbocnicolasius) wurde vor etwa einem Jahrzehnt unter dem Namen Japanische Weinbeere mit viel Reklame als neuer Fruchtstrauch von Amerika her eingeführt. Die kleinen gelblichroten Früchte dieser Himbeerart sind nun in der That recht Ivohlschmeckend, und der hochaufstrebcndc Strauch mit seinen auffallenden, rotborstigen Trieben nimmt sich recht gut aus. Aber leider ist die japmtische Weinbeere recht frostempfmdlich und das ist ihrer Verbreitung sehr hinderlich, da sich bei uns niemand gern der Ätühc unterzieht, eine Pflanze im Winter sorgfältig einzu- decke». Bon ganz andcrm Schlage als die Himbeeren sind die Brom- Geereii. Sic haben meist Schützlinge mit sehr starken Stacheln. Ihre Früchte sind schtvarz. In Deutschland gicbt es sehr viele Brombecrarien. die ehbare Früchte liefern. Das Volk unterscheidet die einzelnen Species nicht. Nur eine Art hebt sich aus der Schar dieser grostcn recht gleichförmigen Gnippe heraus. Das ist die Ackerbrombcere, auch Brambcere genannt. Sie kriecht viele Meter�weit am Boden hin und überzieht mitunter Steinbrüche aber auch Felder vollständig mit ihren dahinkriechendcn Ranken. Ihre Früchte sind blau bereift, der Geschmack derselben weicht auch ctivas von dein der andren Brombeeren ab. Seit einiger Zeit ist auch eine amerikanische Brombecrart(Rubus viilosus) bei uns in vielen Sorten eingeführt worden. Diese Brombeeren treiben sehr lange, schlanke Schützlinge, so datz sie zur Bcrankung von Zäunen und Wänden benutzt werden können. Sie liefern eine erstaunliche Menge schöner grostcr Früchte, und werden deshalb schon ziemlich häufig bei uns angepflanzt. Neben diesen strauchartigen Himbeeren und Brom- beeren, deren Triebe verholzen, gicbt es auch einige Rubus- Arten, die krautig bleibe». Besonders zwei von ihnen sind erwähnenswert: die Fclsenhim beere und die M u l t b c c r e. Die erstcre, die in trockenen Laubwäldern, meist auf 5talkbodcn wächst, liefert rote, tvcinsäucrliche Früchte. Die Multbccrc, auch Zwcrgmaulbeerc gc- iiannt, besitzt ebenfalls rote Früchte, die in nordische» Ländern sehr geschätzt sind. Sie wächst auf Hochmooren und Ivird nur acht bis fünfzehn Ceniimetcr htch. Sic ist eine echt nordische Pflanze, bei uns kommt dieser Zwerg aus der Rubus- Sippe nur an einigen der kältesten Orte auf Mooren vor. auf dem Ricfcngcbirgc und an einigen Stellen West- und Ostpreußens.— Theater. Neue freie Volksbühne(Schiller- Theater dl.): ..P a u l i n e". Berliner Komödie in drei Akten von Georg Hirschfcld.— Liegls am schöpferischen Unvermögen der je- wciligen Dramenschreiber. oder sollte das Berliner Leben wirklich so flach, so poesielos-nüchtern, so humorfremd-banal sein, wie es in den allermeisten Lokalstückcn abgeschildert wird? Was in Hirsch- fcldS„Komödie" zunächst auffällt, ist, daß das Stück gar keine Komödie ist. Ihm fehlt die höhere dichterische Idee, die Schwingung leise spöttelnder Ironie. Es ist nichts mehr und nichts lveniger als der Abtlatsch von Guckkastenbilderri in willkürlichen Ilebertrcibungcn. Keine Gestalt ist echt. Die karikierende Schilderei soll den Humor ersetzen, an tvelchent es HirHseld total zu g-brecken scheint. Lediglich im Auftakt der Handlung stiftrt man so ctivas wie„sonnige" Heiterkeit, die den ersten Akt belebt. Aber schon der zweite enttäuscht. In der wüsten Prügelscene im Kitschmannschen Tanzlokal steckt kein Fünkchcn wirklicher Komik, und der dritte Akt läßt das ganze Stück zu Claurenscher Rührseligkcit hinabsinken. Da lacht man nicht mehr. Acin. Hirschfeld ist kein Komödiendichter.— Das Ensemble des Schiller- Theaters bemühte sich um ,, Pauline" mit gutem Ge- lmgen.— e. Ic. Verantwortl. Redakteur: Julius Kuliski. Berlin.— Druck und Verlag: Aus dem Tierleben. — Die Winterschlafdriise deS JgelS. Carlier und Evans verschafften sich, wie„Die Umschau" berichtet, Ende Sep- temper 1901 20 bis 30 Igel und ebensoviel um dieselbe Zeit im Jabre 1902; die Tiere wurden im kühlen Keller mit Brot und Milch gefüttert, bis Ende Oktober der Winterschlaf begann. Jedes Tier wurde sodann gewogen, gezeichnet und in ungestörter Ruhe bis zum Gebrauch belasten. Am 23. eines jeden Monats vom Oktober bis April wurden einige Tiere getötet, nachdem vorher ihr Gewicht bestimmt war: dann wurde die Drüse möglichst schnell entnommen, gewogen, ge- trocknet und wieder gewogen. Nachdem so der Wassergehalt bestimmt war, wurde das Fett extrahiert und endlich in dein fettreichen Rückstand der Sttckstoff, Phosphor und die Aschenbestandteile in üblicher Weise gemessen. Die Winterschlafdriise zeigt, wenn sie vollkommen enttvickelt ist, eine Orangefarbe, sie wird während des Winterschlafes dunkler und am Ende desselben dunkelbraun bis schwarz. Ihr Gewicht war zuerst durchschnittlich 1—2 Proz. vom Körpergewicht, stieg im zweiten Monat auf 2,7 Proz. und sank dann ans 1 Proz. am Ende des Winterschlafs. Ihre Zusammensetzung änderte sich mit der JahreSzeit und auch mit den Individuen: immer aber fand man Wasser, Fette und fcttarttge Stoffe, Pigmente, Eiweis und Salze. Das Wasser betrug durchschnittlich 50—00 Proz. des Gesamt- gewichtes, die Fette variierten zwischen 40 und 17 Proz.; die Eiweiststoffe waren in der Menge von 15—16 Proz. zugegen. Aus diesen Zahlen ergab sich, datz die Tiere bei Beginn des Winterschlafes ungemein fett sind. Während der ersten Monate nimmt daS Körpergewicht sehr schnell ab, auch daS der Drüse, die viel Fett abgiebt: am Ende des ersten Monats beginnt sodann ein Sparen des DrüsenfetteS, und bis Ende März wird nur wenig von diesem abgegeben, erst wenn alles im Körper aufgespeichert gewesene Fett verschwunden ist, wird die Drüse die einzige Fettquelle, ihr Fettgehalt sinkt rapide, Anfang Mai ist ein Viertel ihres Fettvorrates verschwunden. Der Wassergehalt der Drüse ändert sich umgekehrt wie ihr Gehalt an Fett; die Eiweisstoffe zeigen hingegen nur eine Differenz von 0,78 Proz., d. h. sie werden gar nicht verbraucht. Der Phosphor nahm im ersten Monat schnell ab und blieb dann konstant, die GetvichtSabnahme des Körpers ivar bis Februar größer als die der Drüse, nachher wurde das Verhältnis umgekehrt. Diese Untersuchung bestätigt die bemerkenswerte Thatsackie, daß während des Winterschlafes das Leben allein durch Fett erhalten wird, ein Zustand, der notwendig ist, weil, wie bekannt, der Tier- körper nicht fähig ist, einen Vorrat von Stickstoff anzulegen. Hätten diese Tiere nicht die Fähigkeit erworben, ohne eine konstante Zufuhr von stickstoffhaltiger Nahrung zu leben, so wäre die Ueberwiulcrung eine Unmöglichkeit.— Notizen. — Im Weimarer Hoftheater hatte Max Vogrich» Oper„Der Buddha" bei der Erstaufführung einen starken Erfolg.— — LeBorneS Musikdrama„M u d a r r a" fand in seiner neuen Fassung bei der Erstaufführung im Elberfelder Stadt- Theater eine freundliche Aufnahme.— — Die Centralanstalt für Meteorologie ist durch Uebernahme de? nunniehr verstaatlichten ErdbebendiensteS zu einer Ecntralanstalt für Meteorologie und Geodynamik er Iv eitert worden.— — Für die Auffindung deS verschollenen Nordpol- fahrcrs Baron Toll oder eines Teiles seiner Expedition hat die russische Akademie der Wissenschaften einen Preis von 5000 Rubel, und a n st e r d e rn noch einen Preis von 2500 Rubel für den ersten Hinweis auf zweifellose Spuren seines Aufenchalts gesetzt.— — In den Vereinigten Staaten Nordamerika? unweit Ein- c i n n a t i ist, nach der„Nerthus", eine„Ooldkisb farrn" erstanden, die als einzige auf der Welt dasteht. Auf der zu ihr gehörigen ca. 70 Hektar großen Bodcufläche verfügt sie über sechs ungeheure Fischteiche, in denen sich die Goldfische in jeder Größe unihertummeln.(Die Goldfische stehen im Preise von Vg— 2 Dollar pro Stück.) Eine so riesige Fischzucht erfordert natürlicherweise ein zahlreiches Personal, nicht nur zur besonderen Pflege der Tiere, als auch zum Schutze derselben gegen deren geborene Feinde: Schild- kröten. Schlangen, Fischottern, Ratten?c. Täglich gehen zwei und nicht selten sogar drei Aquaricn-Waggons von dieser großen Goldfisch- züchtcrei nach New-Aork, Boston oder New-OrlcanS ab.— —„Zeigt'S aber nie in an d." Der„Frankfurter Zeitung" wird aus der Schweiz geschrieben: In der solothurnischen Gemeinde Niederpösgcn hatten kürzlich drei alte Leute von 8l, 85 und 92 Jahren in einem Civilprozeß Zeugnis abzulegen. Der 81jährige und der 85jährige Zeuge hatten ihre Aussagen durch llnterschrist be- stätigt. Nun reichte man dem 92jährigcn Großmüttercheu die Feder. Zögernd ergriff sie diese, entschuldigte sich, das Schreiben sei nie ihre starke Seite gewesen, und bat. als die Arbeit verrichtet war, den Beamten:„Zeigt's aber niemand 1*—__ Vorwärts Buchdruckerci u. Verla göanstaltPaulSiugccLcEo.,BerlinLW.