Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 49. Mittwoch, den 9. März. 1904 (Nachdruck verboten.) ivt Gfthcr Maters. Roman von George Moore. „Ich will Euch waS sagen," sagte William,„hütet lieber Eure Zungen: wenn die oben von solchen Redensarten was erfahren, könntet Ihr wohl bald Eure Stellen hier verlieren— und solche wie hier finden sich so leicht nicht wieder." „Meine Stelle verlieren!" sagte Sarah—„was mach' ich mir daraus! Machen Sie sich nur keine Sorge um mich, ich werde schon immer wieder'ne andre Stelle finden. Aber da wir doch nun mal dabei sind, kann ich Ihnen sagen, daß Sie viel näher daran sind, Ihre Stellung zu verlieren, als ich die meine." William zögerte und schien nach einer?lntwort zu suchen. Inzwischen geboten Mrs. Latch und Ntr. Leopold Schweigen. Die Jockeyjungen jirinsim vor Vergnügen, Sarah sah ärgerlich drein, Mr. Swindles und Mr. Leopold machten nachdenkliche Gesichter. Die älteren Dienstboten hatten das Gefühl, daß die Sache sich nicht auf das Bcdicntenzinuner be- schränken, sondern sicherlich noch an demselben Abend im „Roten Löwen" wiederholt werden und am Morgen darmif womöglich das Stadtgespräch bilden würde. » Am folgenden Tage sah Esther etwa um vier Uhr Mrs. Varsield, Miß Mary und Peggy über den Hof dem Garten zuschreiten, und als sie bald darauf nach dem Holzschuppen ging, sah sie Peggy eiligen Schrittes und vorsichtig unter dem Schutz des dichten immergriinen Gesträuches aus dem Garten zurückkommen und in das Haus hineinschlüpfen. Sofort eilte Esther in die Küche zurück und wartete ans den Klang der Salonglocke. Sie brauchte nicht lgngc zu warten, die Glocke ertönte, aber so schwach, daß Esther sich sagte: „Sie hat sie kaum berührt, das ist ein verabredetes Signal, er hat sicher schon darauf gewartet, und die andern sollten es nicht hören." Sie mußte an das viele, viele Geld denken, das, wie sie gehört hatte, die junge Dame besaß, und an die schönen Kleider, tvelche sie stets trug. Wie konnte sie dagegen ankämpfen wollen? Sie, mit ihrem armseligen Kattunkleide uird ihrem Dienstbotenlohn! Nein, jeht wird er sie sicherlich nie wieder ansehen... Aber o, wie böse und wie gottlos»var dies doch alles! Wie konnte eine, die so viel schon hatte, von einer, die so wenig besaß, noch etwas stehlen? Ja, es war sehr grausam und sehr gottlos, und es würde sicher weder für sie, noch für ihn gut enden, davon war sie überzeugt: denn Gott strafte die Bösen immer. Sie wußte, daß William Peggy nicht liebte, und es war eine Sünde und Schande von ihm nach dem, was er ihr versprocheil hatte, nach dein, was zwischen ihnen beiden passiert war. Nie hätte sie geglaubt, daß er so falsch sein könnte: und plötzlich flaimntc ein glühender Haß auf das Mädchen, die ihn ihr geraubt hatte, in ihrem Herzen auf. Jetzt saß er sicherlich an ihrer Seite im Salon. Da, wo er hingegangen ivar, durste sie ihm nicht folgen. Er war hinaufgegangen zu großen, reichen Leute», die ihre Tage in Faulheit und in Sünde verlebten, die die ganzen Tage über aßen und tranken und spielten und wetteten und an gar nichts andres dachten und sich von Mitlneilschen bedienen ließen, die ihnen gehorchen und jeden Wunsch erfüllen mußten. Sie wußte sehr wohl, daß diese reiche» Leute ihre Dienstboten als untergeordnete Geschöpfe betrachteten. Aber warum? War sie nicht aus dem gleichen Fleisch und Blut gemacht wie jene? Peggn trug ein schönes Kleid und sie ein schlechtes, aber darum war jene doch nichts Besseres als sie. Wenn man ihr das Kleid wegnahm, war sie nichts andres als sie, eine Frau gerade wie sie auch. Sie schritt durch die grüne Thür hindurch den breiten Korridor entlang. Endlich befand sie sich am Fuße der mächtigen, glatt polierten eichenen Treppe, die von einem großen,, bimtfarbigen Fenster erhellt wurde, zu dessen beiden Seiten marmorne Statuen aufgestellt waren. Auf dem ersten Treppenabsatz standen Säulen und blaue Vasen, und gestickte Vorhänge hingen vor den Fenstern. Wie inr Traume sah das Mädchen alle diese Sachen, wie im Traume sah sie die Menge von hellen Thüren und konnte sich zuerst nicht entscheiden, welche von den vielen wohl die Salonthür sein mochte, hinter der. in eben diesem Augenblick William, zwischen den goldenen Möbeln und»veichen Teppichen in der tvarmen, parfümierten Luft, den Worten des gottlosen Weibes. lauschte, die ihn von ihr gelockt und ihr geraubt hatte. Plötzlich, ohne daß sie es erwartete, öffnete sich eine Thür und William trat heraus: als er Esther erblickte, wußte er zuerst nicht, ob er sich zurückziehen oder herauskommen sollte. Dann flog ein gemischter Ausdruck von Zorn und Furcht über sein Antlitz, er trat ihr rasch entgegen und sagte: „Was machst Du denn hier?" lind dann mit veränderter Stimme:„Das ist gegen die Hausordnung, Du weißt es doch." „Ich will die da drin sehen," erwiderte Esther. „Weiter nichts? Willst Du ihr vielleicht auch etwas sagen? Na, das erlaube ich nun mal nicht: was soll denn das heißen, daß Du mir hier nachläufst und auflauerst?" „Ich habe ihr etwas zu sagen." „Darüber wollen wir in der Küche miteinander reden," erwiderte Williani, packte sie bei den Schultern und zwang sie so, vor ihm her zu marschieren. Sie sah, wie die junge Dame, ihr Taschentuch vor dem Gesicht, rasch die zweite Treppe hinauflief. Esther machte eine Bewegung, als ob sie ihr folgen wollte, aber William hielt sie davon zurück. Sic wandte sich um, riß sich von ihm los, ging den Korridor hinab und betrat die Küche. Ihr Gesicht war totenbleich, ihre kurzen, kräftigen Arme hingen zitterizd herab, und William sah, daß er sie jetzt vor allen Dingen nicht in Zorn bringen durste. „Nun hör' nial zu, Esther," sagte er,„Du solltest mir verteufelt dankbar sein, daß ich Dich verhindert habe, etwas Blödsinniges anzustellen." Efthen* Augenlider zitterten und ihre Augen wurden ganz groß MWZorn. aber sie konnte zuerss. nicht sprechen. „Wenn un Miß Margarete—" fuhr William fort. „Geh fort von mir! Geh fort!" schrie sie. Die glänzende Klinge eines großen, scharfe» Messer? auf dem Küchentisch fiel ihr in die Augen: vor ihren Blicken wurde alles rot, sie ergriff das Messer und rannte damit auf William zu. William wich eilig zurück, und Mrs. Latch fiel ihr in den Arm. Esther schrie laut auf und warf das Messer nach ihm: sie hatte die Wand getroffen, dort fiel es init lautem Klirren zu Boden. Sic riß sich von Mrs. Latch los und wollte das Mvsser von neuem ergreifen. In diesem Augenblick aber ver- ließen sie ihre Kräfte und sie siel ohnmächtig zurück. „Was hast Tu denn dem Mädchen gethan?" fragte Mrs. Latch. „Nichts, Mutter! Wir haben uns eben ein bißchen ge< zankt, das ist alles. Sie ist eifersüchtig, weil ich mit Sarah spazieren gehe." „Das ist nicht wahr. Ich kann Dir die Lüge vom Gesicht ablesen: ein braves Mädchen greift nicht zum Messer, bevor. ein Mann sie halb wahnsinnig gemacht hat." „So ist's recht: nimm nur immer Partei gegen Deinen Sohn! Wenn Du mir nicht glauben willst, kannst Du sie ja selber fragen." Er wandte sich auf dem Absatz um und ging zur Küche hinaus und auf den Hof. Mrs. Latch sah ihm nach, wie er m den Hof hinab und den Ställen zuschritt: dann wusch sie Esthers Antlitz mit kaltem Wasser, und als diese die Augen öffnete, blickte sie die alte Frau fragend an und begriff zuerst gar nicht, was passiert war. „?ta, geht's Ihnen nun besser, mein Kind?" „O ja, aber— aber— was—" dann kehrte ihr die Er- innerung zurück.„Ist er fort? Hab' ich ihn getroffen? Ich erinnere urich jetzt, daß ich—" „Nein, Sic haben ihn nicht getroffen." � „Ich will ihn nie tviedersehen! Nie wieder! Ich muß wahnsinnig gewesen sein; ich wußte gar nicht mehr, wa.S ich that." „Sie können mir ein andres Mal die ganze Geschichte erzählen." „Sagen Sie mir nur, wo er ist. Ich muß das wissen." „Ich glaube, er ist nach dem Stall gegangen, aber Sie dürfen ihm jetzt nicht nachlaufen. Morgen könnt Ihr Euch sprechen." „Ich will ihm gar nicht nachlaufen. Aber habe ich ihn wirklich getroffen? Nur das will ich wissen!" „Nein, nein, es ist ihm nichts geschehen.— So, nun geht's Ihnen schon besser. Stützen Sie sich nur auf mich! Ich werde Sie hinaufführen in Ihr Zimmer. Wenn Sie erst im Bette sind, werden Sie sich schnell erHolm. Ich werde Ihnen eine Tasse Thee hinaufbringm." „O danke, danke sehr! Aber wie werden Sie denn mit dem Mittagessen fertig werden?" „Ich werde schon fertig werden. Gehm Sie nur hinauf und legen Sie sich hin!" Eine leise Stinime der Hoffnung sagte Esther in ihrem Herzen, daß William ihr vielleicht doch noch zurückkehren werde. Abends stand sie wieder auf aus dem Bett und ging hinunter. Die Stiche war ganz voll von Menschen. Margarete, Sarah und die Grover waren da, und sie hörte, daß gleich nach dem Luncheon Mr. Leopold zum Herrn gerufen worden war und den Befehl erhalten hatte, William ein Monatogehalt auszuzahlen und ihn sofort zum Hause hinauszuwerfen. Sarah, Margarete und die Grover beobachteten Esthers Ge- ficht, als sie dies hörte, und waren erstaunt über den gleich- gültigen Ausdruck, der aus ihren Zügen lag. Sie schien sich sogar zu freuen, und sie freute sich in der That! Etwas Besseres hätte ja gar nicht passieren können. Nun man William von ihrer Nebenbuhlerin entfernt hatte und ihr böser Einfluß nicht nichr auf ihn wirken konnte, würde er sicherlich zu ihr zurückkehren. O. wenn er ihr nur das leiseste Zeichen von Zuneigung zukommen ließ! Sofort wollte sie zu ihm gehen und ihm alles vergeben! Aber ein bißchen später, als das Mittagsgeschirr vom Eßzimmer henmterkam, durchlief ein Flüstern die Suche, daß Peggy oben vermißt würde... (Fortsetzung folgt.). (Nochdruck verboten.) Cadoiils zwanzicf frank» Lon Michel T h i v a r s. Autorisierte Ncbersetzung aus dem Französischen. Zur Zeit, da diese Geschichte spielte, Ivar Alphonse Cadoul noch nicht der berühmte Lustspieldichter, dessen Namen heute die Theater- Zettel der Anschlagsäulen gepachtet zu haben scheinen. Damals war er nur ein bescheidener Ministerialbeamter mit 2400 Franks Jahreögchalt, der vom fünften Tage eines jeden Monats bis zur nächsten Gehaltszahlung einen verzweifelten llanips umS Dasein zu kämpfen harte. Ein ausgesucht schlechter Beamter übrigens, lenkte Cadoul nur durch seine Unpünkrlichkeit die Aufmerksamkeit der hohen und höchsten Vorgesetzten auf sich; namentlich die Aufmerksamkeit Herrn Madurincs, seines BurcauchcfS, dessen vier Haare— die einzigen, die er auf seinem ehrenwerten Schädel vor dem Zahn der Zeit zu retten gewußt hatte— täglich vor Unwillen über Cadouls UnPünktlichkeit zu Berge stiegen. Herr Madririne, der sich Tag für Tag mit fahrplamnäßiger Pünktlichkeit Schlag zehn Uhr vor seinem Schreibtisch niederlieh, betrachtete Zuspätkommen geradezu als ein todeswürdiges Verbrechen. Nach diversen, leider nutzlosen Verweisen und Verwarnungen, die er dem unpünktlichen Beamten durch den Mund deS Unterchefs hatte erteilen lassen, beschloh der hohe Vorgesetzte in höchsteigner Person gegen diesen Unfug einzuschreiten, ein Exempel zu statuieren, das Cadoul und sämtlichen andern Beamten seines Ressorts einen heilsamen Schrecken einjagen sollte. Eines Morgens um 1020 Uhr klingelte er dem Bureaudiener. „Ich lasse Herrn Cadoul bitten, zu mir zu kommen." „Herr Cadoul ist noch nicht da," meldete der Bureaudiener. Die vier Haare des Chefs sträubten sich in einer unheilkündendcn Art und Weise. „Es ist gut!... Sie werden ihn zn mir schicken, sobald er kommt." Erst um 12'' U Uhr hielt Alphonse Cadonl seinen Einzug in das Kabinett des gestrengen Chefs, einen Einzug freilich, der an alles andre, als an den Einzug eines Triumphators erinnerte. Durch seine Kollegen über das drohende ttngelvitter informiert, welches sich unter den Haaren des Chefs zusammengeballt hatte, lieh der angehende Lustspieldichter den Kopf hängen und krümmte den Rücken, als erwartete er im nächsten Augenblick ein kaltes Sturzbad. „Ah I... Ah!... Da sind Sie ja endlich, mein Herr I" bc- gann Herr Madurinc mit einer schrecklichen Ironie im Ton.„Um 1 Uhr geruhen Sie also zum Dienst zu kommen?" Dabei warf er einen wilden Blick aus die Uhr. Einen Moment dachte Cadoul daran, einzuwenden, die Uhr gehe vielleicht etwas vor, aber dann erwog er sehr vernünftig, dah eine Uhr in 24 Stunden schwerlich 23/4 Stunden vorgehen kann, be- sonders eine im Staatsdienst stehende Uhr, die gewissermaßen zu ganz besonderer Pünktlichkeit verpflichtet ist. Er zog es also vor zn antworten, richtiger gesagt, zn stammeln, eine wichtige Familien- angelegenheit sei die llrfache seiner Verspätung. „Familienangelegenheit? Das ist leicht gesagt!" entgegnete der Chef mit einem boshaften Hohnlächeln.„Ich bin wirklich neu- gierig, zu erfahren, was das für eine Familienangelegenheit ist?" „Was für eine Familienangelegenheit?... sZa, wenn ich das nur selbst wüßte?" fragte Cadoul zurück— natürlich nur im Stillen. Laut dagegen stotterte er verlegen: «Mein Herr, ich... ich..." „Sie bilden sich doch nicht etwa ein, ich werde mich mit einer so lächerlichen Entschuldigung zufrieden geben?" „Mein Gott... ja, mein Herr... Die Angelegenheit ist... ist sehr delikater Natur... und... und wenn Sie... wenn Sie die Güte haben wollten... kurz, ich möchte Tie inständigst bitten, nicht iveiter in mich zu dringen..." DaS war natürlich im Gegenteil ein Gnmd mehr für Herrn Madurinc, nur immer heftiger m seinen Untergebenen zu dringen. Er ging sogar noch weiter: er befahl einfach. Seine vier Haare richteten sich wütend in die Höhe, und hinter ihnen sah der Unglück- liche Alphonse das Gespenst des Gchaltabzugs und andrer mehr oder minder schwerer Disciplinarstrafen austauchen. „Teufel! das macht warm!" sagte er— wieder zu sich. Laut sügte er hinzu: „Wenn es denn sein muh, mein Herr, will ich Ihnen alles sagen, obwohl es mir schwer, unsäglich schwer fällt, das Geständnis meiner Armut abzulegen." Und mit einem Aufwand von Einzelheiten, welcher der Frucht- barkeit seiner Phantasie die gröhte Ehre machte, erfand er in alter Geschwindigkeit einen Onkel,' der weit, sehr weit, ganz unten iin Süden wohnte, einen alten, sehr alten, außerordentlich alten Onkel, der außerdem kränklich, bedauernswert kränklich war. Aber das war noch nicht alles. Dieser alte Onkel, der nach den, Tode seiner Eltern Vaterstelle an ihm vertreten hatte, war mittellos, vollkommen mittel- los— man konnte überhaupt nicht mittelloser sein. Und er, Cadoul, unterhielt mit seinem Gehalt nicht nur sich, sondern auch diesen ehr- würdigen Greis. Doch was kann man mit 2400 Fr. Gehalt viel anfangen? Cadoul muhte jeden Monat Ivahrc Wunder an Scharf- sinn und Diplomatie vollbringen. Wenn er. wie z. B. heute, zu spät ins Bureau kam, so war nur der ehrwürdige Onkel im Süden die Veranlassung. Seinetwegen war er wieder einmal von Pontius zu Pilatus gelaufen, um den halben oder ganzen Louisdor, welchen der Onkel brauchte, unter bisweilen ach I so bitteren Demütigungen und Erniedrigungen zu borgen... jawohl! Einfach rührend! UebrigenS weniger die Geschichte vom alten Onkel als der Ton, in welchem sie erzählt wurde. Dieser verteufelte Cadoul verriet schon damals ein ganz bedeutendes Talent fürs Theater. Er spielte seine kleine Scene mit einer geradezu vollendeten Kunst. Geberden, Intonation, Ausdruck— alles meisterhaft! Sogar das von innerer Bewegung zeugende Zittern der Stimme am Schluß.... Selbst Herr Madurtne, der wirklich über jeden Ver- dacht erhaben war, als leide er an einem llebcrmah von Enipfind- samkeit,— selbst er war hingerissen. „Ich gebe zu..." erwiderte er in mildcrem Tone, während seine vier Haare sich langsam legten, augenscheinlich ebenfalls weich- gestimmt durch die rührende Erzählung,„ich gebe zu, dah Ihre Lage sehr... sehr bedauernswert ist; aber, mein lieber Freund, die Verwaltung kann darauf keine Rückficht nehmen." „Das weih ich wohl, mein Herr." „Wenn Sie sich in augenblicklicher Verlegenheit befinden, warum wenden Sie sich nicht an Ihren Bureauchef?" „An Sie?" rief Cadoul und rih Mund und Augen weit auf. „O! mein Herr, so etwas würde ich niemals wagen..." „Sehr unrecht von Ihnen. Ein Bureauchef muh nicht bloß der Vorgesetzte... er mutz auch lvie ein Vater für seine Untergebenen sein und empfinden... Haben Sie nun Ivenigstens den ganzen oder halben Louisdor gesimden, den Sie heute brauchten?" „Leider nein!" antwortete Cadoul, dessen Herz, von Hoffnung geschwellt, plötzlich schneller zu schlagen begann. „Hier! Nehmen Sie I" sagte hoheitsvoll Herr Madurinc, indem er sein Portemonnaie öffnete und Cadoul 20 Frank reichte.„Und merken Sic sich: ich erweise Ihnen diese kleine Gefälligkeit mit Freuden, damit Sie Ihren Kollegen nicht weiterhin das verderbliche Beispiel der Unpünktlichkeit geben." Cadoul war vor Verlvunderung sprachlos. Er nahm den Louis- dor, erschöpfte sich in Danksagungen und kehrte ins Bureau zurück. wo er vor den Augen seiner verblüfften Kollegen einen phantastischen Cake-walk exekutierte. „Es ist also alles gut abgelaufen?" fragte einer.„Der Chef war nicht zu ruppig?" „Dah keiner von Ihnen sich in Zukunft einfallen läßt, an die vier Haare des Herrn Madurinc zu rühren!" erklärte feierlich der künftige Lustspieldichter.„Er hat mir 20 Frank geborgt— von jetzt an ist er sür mich geheiligt I... Herr Madurine ist ein Bruder ... was sage ich, ein Bruder!... er ist ein Vater l... Er hat erklärt, er betrachte sich als unser aller Bater t" Am näcksten morgen— o Wunder!— erschien Alphonse Cadoul als Erster im Bureau. Allgemeines Erstaunen. Vom Bureaudieiier bis zum ältesten Schreiber. Der Unterchef wollte seinen Augen nicht trauen und verglich schnell seine Uhr mit der des Ministeriums, um sich zu vergewissen, dag nicht etwa er selbst sich verspätet hätte. Nur Herr Madurine war nicht erstaunt. „Die Menschen kennen— das ist Haupterfordernis für den, der berufen ist, Menschen zu führen I" nuirmelte er, sich in die Brust werfend.„Diesen Burschen da habe ich durch einen einzigen Blick pünktlich wie einen Chronometer gemacht!" Der geniale„Menschenfllhrcr" sollte sich nicht lange in seinem Glück sonnen. Schon am nächsten Morgen traf der Chronometer mit einer Stunde Verspätung ein, am darauf folgenden Morgen mit zwei. Am dritten Tage nahmen die vier Haare deS Chefs wieder ihre vertikale Stellung ein. Abermals citierte er den unpünktlichen Beamten vor sein Angesicht. „Aber mein Herr... begann er. Cadoul liesi ihn nicht aussprechen. „Ja, mein Herr... unterbrach er ihn mit thränenerstickter Stimme.„Ich weiß, was Sie sagen wollen.... Aber ich bin unschuldig, wahrhaftig! Lediglich meine Schüchternheit, meine dumme Schüchternheit ist schuld daran.... Ich wagte nicht, ein zweites Mal von Ihrem grobmütigen Anerbieten Gebrauch zu machen. Aber loenn Sie darauf bestehen.... Ich must Sie loieder um einen Louisdor bitten, mein Herr!" schloß er mit verzweifeltem Gefichts- ausdruck. Na, das Gesicht des Herrn Madurine hättet Ihr sehen sollen! Aber durfte er„nein" sagen? War er eS nicht selbst gewesen, der durch seine unvorsichtigen Worte Cadoul zu diesem Appell an seine Börse ermutigt hatte? Mit einer Grimasse entnahm er seinen, Portemonnaie die ge- forderten 20 Frank. Aver gleichzeitig beschloß er, von nun ab die Verspätungen oder das Ausbleiben seines Untergebenen soviel wie möglich zu ignorieren. Dieses Shstem schien ihn,— ökonomischer. Doch damit war Cadoul nicht gedient. Da der Berg nicht zu ihn, kam. ging er eben zum Berg. Da sein Chef ihn nicht mehr rufen ließ, um ihn zu tadeln, suchte er seinen Chef auf, um ihn daran zu erinnern, daß er der„Vater seiner Beamten" sei. Sein Tarif schwankte nicht um eine Centin, c. Jedesmal zwanzig Frank. Er war definitiv geheilt von dem, was er seine„dumme Schüchternheit" nannte. Eines Tages versuchte Herr Madurine, sich mit seinem Beamten auf der Basis von 1(1 Frank zu einigen—, Cadoul antwortete in äußerst respektvollem, aber festem Ton, daß ihm mit dieser Summe nicht gedient sei. Herr Bkadurine entschloß sich, ihn, einen Urlaub von acht Tagen zu bewilligen, damit er„seine Familienangelegenheiten ordnen könnte"—, Cadoul nutzte gewissenhaft seinen Urlaub aus und er- schien erst am neunten Tage wieder. Resultat: 20 Frank. Nun versuchte Herr Madurine ein andres Mittel. Er gab Be- fehl, Cadoul nicht vorzulassen, und weigerte sich, ihn zu cinpfangen. Cadoul erwartete ihn respektvoll auf der Treppe. Es kam soweit, daß der unglückliche Herr Madurine nicht mehr wagte, sein Bureau zu verlassen, aus Furcht, auf den lästigen Cadoul zu stoßen, der, stets respektvoll, in irgend einem Korridor auf der Lauer lag. Ursprünglich grau, waren die vier Haare des Chefs vollständig weiß geworden. Es mußte ein Ende gemacht werden. EincZ Morgens fragte Herr Madurine beim Kommen den Bureaudiener: „Ist Herr Cadoul da?" „Jawohl, mein Herr. Ich werde ihn sofort benachrichtigen, daß Sie ihit zu sprechen wünschen." „Rein, nein!" wehrte Herr Madurine crschrebt ab. Ohne sein Bureau betreten zu haben, machte er Kehrt und kletterte die Treppe hinunter, wo er seinen Palelot hermetisch zu- knöpfte, wie nin den Zugang zur Tasche zu verteidige», in Ivelcher er sein Portemonnaie trug. Verkehrte Welt! Von diesem Tage an war es der ehemals so pünktliche Herr Madurine, der durch seine Unpünktlichkeit unliebsam auffiel. War Cadoul nicht da, rührte Herr Madurine sich nicht aus seinen, Bureau. Sobald aber Cadoul erschien, beeilte sich Herr Madurine, auSzukneifen. Cadoul war nicht dumm. Er durchschaute bald die Gründe dieses sonderbaren Betragens. Er begriff, daß seine Anwesenheit dem Vorgesetzten unangenehm war. Was that er also? Mit einer heldenhaften Seelengröße opferte er sich, der brave Bursche! Er schickte sich selbst in die Verbannung und erschien nur noch an, Ultimo eines jeden Monats in, Ministerium, um sein Gehalt in Empfang zu nehmen. Und Cadoul war auch nicht undankbar. Er setzte sich hin und schrieb seinem Chef folgenden Brief: Mein Herr! Aeußerer Umstände halber ist cS mir bisher leider nicht möglich gewesen, Ihnen mündlich auszudrücken, wie unendlich dankbar ich Ihnen bin, wie tief ich mich in Ihrer Schuld fühle. Meine Schuld ist eine doppelte! einmal eine moralische— für die unermeßliche Freundlichkeit, welche Sie so gütig waren, mir zu teil werdei, zu lasse»! zweitens eine materielle, welche mich nicht weniger drückt. Die erstere werde ich nie abtragen können. Meine Dankbarkeit wird erst mit dem Tode erlöschen. Die ziveite hoffe ich leichter tilgen zil können. Aber auch dazu bedarf ich Ihres gütigen Beistandes. Meine ergebene Bitte an Sie geht also dahin, geneigtest für meine möglichst baldige Beförderung Sorge tragen zu»vollen. Einmal in emer besser dotierten Stellung, hoffe ich wenigstens meine materielle Schuld nach und nach abtragen zu können. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung. Ihr ewig dankbarer Alphonse Cadoul.— Kleines Feuilleton. Ir. Tcm Südpol am nächsten. Den„SUdpolrekord" haben be- kanntlich drei Teilnehmer der englischen Südpolarcrpedition auf der „Discovery", Kapitän Scott, Lieutenant Shacklctoi, und der Zoologe Wilson, bei einer Schlittcnreise aufgestellt, die sie in den Monaten November 1902 bis Februar 1993 unternahmen. Lieutenant Shackleto», der infolge einer Erkrankung seit längerem nach England zurückgekehrt ist, schildert diese denkwürdige Schlittenreise durch die Eiswüstcn des Südpolarmeeres zum erstenmal ausführlich in einem längeren Artikel, den er in„Pcarsons Magazine" veröffentlicht, und dem wir folgendes entnehmen:„Als die Zeit für Schlittenreisen heranrückte, wurden eifrige Vorbereitungen getroffen, die Hunde trainiert, die Schlafsäcke gewechselt und die Zelte und Vorräte zurecht- gelegt. Alles mußte bis aus die halbe Unze geioogen werden, denn da ein Mann nur für sechs Wochen Proviant und Kleidung für sich mitnehmen kann, mußte das Gewicht so gering wie möglich gestaltet werde'.'. Als wir das erste Mal aufbrachen, waren ungefähr 97 Grad unter Null; wir mußten aber nach neun Tagen zurückkehren, da wir infolge der Kälte kaum schlafen konnten. Die Kleider wurden während solcher Schlittenreiscn nie gewechselt, bis auf die Socken, die jeden Abend erneuert wurden, da sonst unsre Füße erfroren wären. Da loir Pclzsiicfel anhatten, wurden die Füße natürlich warm und feucht, so daß die Strümpfe nacksts gefroren wären. Auf jener ersten Reise wogen unsre Schlafsäcke ungefähr 6'/- Kilogramm; infolge der Verdichtung unsres Atems und des Schmelzens von Eisteilen rings- um während der Nacht wogen sie bei unsrer Rückkehr etwas über 12'/- Kilogramm. Man kann sich denken, tvic allmählich wir unsren Weg in die gefrorene Bedeckung fanden, die wir langsam aufthautc»; es war immer feucht darin. Auch das Wiedcranziehen der gc- frorcncn Socken war sehr unangenehm; manchmal dauerte es drei- viertel Stunde, bis wir unsre Strümpfe und Stiefel anbekamen. Tie Reise, bei der wir 92 Grad 17 Minuten südlicher Breite erreichten und den Südpolarrckord mit über 200 geographischen Meilen schlugen, dauerte 91 Tage. Während des größten Teils der Reise marschierten wir 19 Meilen am Tage, gelangten aber nur 9 Meilen südwärts, da unsre Hunde 1-1 Tage nach Verlassen des Schiffs zu sterben begannen und wir die Hälfte unsrer Schlitten 9 Meilen vor- wärts bringen, dann 9 Meilen zurückgehen und die andre Hälfte der Schlitten 9 Meilen vorwärts expedieren mußten. Nach einem Monat machten wir eine Niederlage von dein Proviant, den wir nicht nötig hatte», und gingen mit de» wenigen überlebenden Hunden direkt nach Süden vor. Als unsre Hunde starben, verkürzten ivir u»S noch mehr die knappe Tagesration und zündeten auch, um Oel zu sparen. den Ofen nur zweimal täglich au. Unser kaltes Frühstück bestand aus 7 Stückchen Zucker, ein wenig trocknem Scehundsfleisch und IV- Zwieback. Die armen Hunde sahen immer bei den Mahlzeiten zu uns auf, in der Hoffnung auf einen herabfallenden Brocken; wir waren aber selbst knapp daran; da das Hundefutter verdorben war, so mußten wir meist am Ende eines Tages einen Hund töten, um die andren Tiere zu füttern. Die Zeit verging und tvir wurden immer hungriger: wir begannen bald vom Essen zu träumen. To ging es Tag für Tag weiter. Am 31. Dezember erreichten wir unsren südlichsten Punkt; dort wurde die britische Flagge gehißt." Interessant ist die Eintragung vom Weihnachtstagc 1992 in Lieutenant ThackletonS Tagebuch:„Ein wundervoller Tag, der wärmste, den Ivir bis jetzt gehabt haben. Wir haben unsren besten Marsch seit dem Verlaffcn unsrer Niederlage gemacht: 19 geogra- phischc Meilen. Wir befördern jetzt alles selbst, da die Hunde that- sächlich nutzlos sind... Ich hatte für diesen Tag einen Plumpudding beiseite gelegt, als ich das Schiff verließ. Er wog nur sechs Unzen und war in meinen Socken— natürlich reinen— in meinem Schlafsack versteckt. Ich hatte auch ein wenig Stechpalme, die ich vom Schiff mitgenommen hatte... Es war ein prächtiges Weihnachtsesfcn. Wir wollten den Pudding mit Brandy, wie es sich gehört, anzünden. fanden aber, daß dieser verdorben war. Wir waren heute Abend wirklich satt... Wir haben bcschloffcn, daß unser südlichster Punkt an» 28. erreicht tvcrden muß, denn, wie eine Untersuchung zeigte. haben der Kapitän und ich wieder Anzeichen von Skorbut. Es ist nicht ratsam, weiter zu gehen; denn wir sind dann ungefähr 139 Meilen von unsrer Niederlage entfernt, und die Hunde nützen zu nichts...."„Am 31. kamen wir," heißt es dann weiter,„auf unser«„äußersten Süden" an. Wir sahen zur Rechten die riesige» bis 14 000 Fuh hohen Berge, die wir enideckt hatteir� südwärts erstreckte sich die flackic EiSebene, so weit man sehen konnte; ostwärts begrenzte wieder Eis den Horizont; im Norden schien die Sonne unverändert hell. Diese Sonne war Tag für Tag um uns gegangen, ohne je unterzugehen. Es war fast ebenso langweilig, wie die lange Winternacht. Der geringe Vorrat an Nahrung, die Anzeichen von Skorbut, die Hunde"fast alle tot, und dabei wurden wir jeden Tag schwächer,— so waren wir gezwungen umzukehren. Zu unsren Leiden lam jetzt noch die Schneeblindheit hinzu; der Glanz von Sonne und Schnee zugleich reizt die Augen entsetzlich. Unsre Augen wurden bandagiert; wir wurden so an den Schlitten geführt, um ihn zu stostcn, und am Ende des Tagewerks wurde man vom Schlitten in dqs Zelt geführt. Anfang Januar herrschte oft Blizzard mit sehr turftcra Schnee; der schmolz dann im Zelt und man lag die ganze Nacht in Wasser. Am 11. Januar hatten wir nur noch zwei Hunde. Schließlich fanden wir unsre Niederlage auf, worauf ich zusammenbrach und einen Blutsturz bekam. Darauf wurde alles, was nicht absolut notwendig war, weggeworfen, und meine beiden Gefährten, Kapitän Scott und Dr. Wilson, beförderten jeder ungefähr 122'/- Kilogramm; ich konnte nichts thun, sondern nur vor den Schlitten mich weiter durchkämpfe». Dabei waren meine beiden Gefährten durch Nahrungsmangel und beginnenden Skorbut selbst keineswegs in guter Gesundheit; sie sorgten jedoch aufopfernd für mich. Am 8. Februar erreichten wir die„Discovery" und fanden, daß daS Ersatzschiff„Morning" dort gewesen tvar und uns Briefe und Nach- richten von der Außenwelt gebracht hatte Kunst. es. Bei W e r t h e i in überwiegen diesmal die zeichnenden Künste. Georg B r a u mii l l e r ist ein junges Talent, das auf dem Gebiete der Lithographie und des Holzschnitts eigne Wirkungen sucht und eigne Wege geht. Manchmal haben seine Episoden, die er erzählt,»och etwas Ünzufammenhängendes, das in gutem Sinne bezeichnend ist für feine Anfüngerschaft. Er strebt nicht zum Genre, zum anekdotenartigen Erzählen. Darum dieser charakteristische Gesichts- »Vinkel, der nicht die Dinge nach fertiger Schablone in Beziehung zu einander treten läßt. Sein perspektivisches Sehen macht ihm noch manchmal Schtoierigkeiten. Aber daß er da nicht leichtfertig um- geht, das ist ein Zeichen: hier will ein Charakter im Besonderen hinaus. Er vergreift sich noch im Gegenstände und sucht Wirkungen, die außerhalb seiner Kraft liegen. Doch dieses Entgleisen aus ehr- lichem. nachdenkendem Suchen ist nicht ohne Wert. Er lernt dabei die Mittel sorgsam und Ivählerisch gebrauchen. Man traut ihm zu, daß er auf diesen Gebieten einmal etwas Tüchtiges und Ehr- liches zu sagen haben wird. Großzügig ist seine„Ruhe im Hafen": Uebersicht über das Wasser, ein Krahn bildet den natür- lichen Abschluß nach oben, vorn stehen ein paar Arbeiter. Dieses Bild fällt auf lvegeii seiner energischen Licht- und Schattemvirkung. und es scheint, als wäre hier sachgemäß aus dem Material heraus, dein Zwecke gemäß gestaltet. Hier vertieft sich auch der Raum in freier Änordniing. Nächstdem hebe ich„Am See",„lieber den Dächern" und„Schatten" hervor. Bemerkenswert sind wegen ihrer Farbigkeit auch die„Schopfhühncr", Braumiiller vergreift sich oft in den Maßeil. die er noch nicht recht auszufüllen versteht. Dies wird ihm später besser gelingen. Jetzt erfreut sein technisches Können, sein ernstes Arbeiten. Alois K o l b erstrebt gedankliche Wirkungen. Er folgt den Spuren Klingers. Dies sei nur gesagt, um die Richtung anzu- deuten. Er wertet das Leben und seine Geschehnisse und die Grund- ziige dieses Treibens krystallisieren sich ihn, zu festen Symbolen. In den: dreiteiligen Bilde„Menschen" formt er den Taumel und die Rätsel, die uns erwarten, mit denen wir abzurechnen haben. Ein eigner freier Charakter kommt heraus in„Mode" und„Spinnen" leine weibliche Gestalt in der Mitte, in den Fäden des Netzes allerlei Männerköpfe am Boden). Es ist manch Nebcrkommcnes und leicht llebernommenes in diesen Werten. Man möchte lieber nicht dieses feste, fertige Urteil, das die Formen bändigt. Lieber mehr Werden! Jedoch— nicht wünschen, sondern erkennen ist das Amt des Kritikers l W o l f g a n g Müller ist ein dekoratives Talent. Sein „Fichtenwald mit Alpenglühen" oder„Fichtenwald mit Abend- Himmel" konnte eine Tapete, einen Wandteppich abgeben, so ver- schlnngen sind die Zweige auf rotem Grunde und so zart zu einander gestimmt. Er malt auch allerlei Interieur-Entwürfe: ein „Speisezimmer", ein„ovales Zimmer", ein„Schlafzimmer" und auch sein„Liebesashl" ist ein dekorativ gestalteter Raum. Er scheint die Farben getreu in der Natur zu suchen, im Wald, im Blätter- gewirr, und nur die Form gestaltet der Wille. So ist seiucil Eut- »vürfen eine natürliche Beziehung zu der Landschaft gesichert, der er daS Spiel der Farben entnimmt. Intim berühren die ganz anders gearteten Studien:„Grüner Wald",„Mohnblumen". Sie erfreuen durch die Wärme der Arbeit. Georg Jahn liebt die eiufachen Gegensätze. Er verliert sich nicht in Irrwege. Dadurch ivahrt er sich den großen Zug, die uu- gestörte Licht- und Schatteulvirkuug seiner Blätter. Er ficht die Wirklichkeit mit geradem Auge und nichts lenkt ihn täuschend und lockend vom Wege ab. Besonders gelungen sind die Porträts „Mein Vater".„Meine Mutier" und zlvei Köpfe„Alte Frauen". Jahn hat gelernt, das Charakteristische liebevoll zu sehen und wieder- Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: zugeben. Die Runzeln und Fakten akter Gesichter giebt er peinlich genau, ohne in Aeußerlichkeit zu verfallen. Es sind noch die ein ivenig nervöseren Porttätstudien von Willy Schwarz zu erwähnen, der„Holländische Bauer" Max Sterns(lebhafter Farbengegensatz), die anerkennenswerte Arbeit von G. Körner„Getreide nach dem Regen"(die Luftstimmung ist gut gelungen), solvie die Arbeiten von"F. C l a u ß„Fischkästen", „Kinder im Bach", die farbig und lebendig sind.— Astronomisches. — Die Bewegung des Sonnensystems d u r ch den Weltraum. Eine wichtige Untersuchung über die Richtung, nach tvclchcr sich die Sonne samt der Erde und allen übrigen Planeten durch den Weltraum bctvegt, und über die Geschwindigkeit dieser Bewegung, hat, nach der„Kölnischen Zeitung", G. C. Comstock auS- geführt. Er gründet sie auf die scheinbaren Bewegungen von 07 licht- schwachen Sternen 0. bis 12. Größe, die während 00 Jahren auf verschiedenen Sternwarten genau beobachtet worden sind. ES ergab sich, daß die Sonne sich im Weltraum nach einer Richtung belvcgt, die in der Richtung des Sternbildes des Fuchses liegt, was mit den früheren Ermittelungen, die auf die gemeinsame Grenze der Stern- bilder Fuchs, Leier und Herkules hinweisen, gut übereinstimmt. Für die Geschwindigkeit der Sonncnbewegung fand sich die Größe von 23 Kilometer in der Sekunde, so daß also die Sorntc Jahr für Jahr mehr als 700 Millionen Kilomckcr im Welträume durchläuft, ohne daß dadurch selbst nach Jahrtausenden der Anblick des gestirnten Hinuncls für das bloße Auge sich merklich verändert hat. Dies ist natürlich lediglich eine Folge der ungeheueren Entfernung der Fix- sterne. Aus der in Rede stehenden Untersuchung ergab sich über- einstimmend hiermit, daß die durchschnittliche Entfernung der 07 licktschivachcn Sterne von uns keinesfalls wesentlich geringer als 800 000 Milliarden Meilen ist, eine Entfernung, die der Licht- strahl erst in 050 Jahren durchmessen kann.—> HumoristischcS. — Anstrengende Beschäftigung.„Na, Pcugglbaucr, was machst denn'u ganzen Tag?" „Mei! Z u a s ch a u'u tu' i halt, wie d' Säu fett wer«!"— — Die kleine Patientin.„Ach, Mama, ich bin so krank l — so krank wie damals, wo ich das gute Himbeer-Gelec bekam."— — Inserat. Neueste Schweizer Wanduhr„ N o t h e l f e r Schlägt von 12 bis 3 Uhr nicht. Praktisch für Ehemänner.— („Meggendorfer Blätter".) Notizen. — Gerhart Hauptmann hat daS Aufführungsrecht von „Rose Bernd" für Wien dein Deutschen V o l k s t h e a t e r überlassen. Das Stück wird an dieser Bühne noch in diesem Monat mit Haust Niese in der Titelrolle in Scenc gehen.— — An der Berliner Universität ist eine außcrordent- liche Professur für mittelalterliches Latein errichtet und mit dem bisherigen Privatdoccntcn Dr. Paul v. Winterfeld besetzt worden.— — Ein neuer Mondatlas ist kürzlich in Amerika erschienen und von der Ha rvard-Stern warte iu Cambridge (Massachnssets) herausgegeben worden. Der Leiter dieser Sternwarte, W. H. Pickcring, hatte auf der Insel Jamaica, iu einem für astronomisch-photographische Beobachtungen besonders günstigen Klima, eine astronomische Station errichtet.— — Die kanadische Regierung hat den deutschen Süd- pokardainpfer„Gau ß" um 75 000 Dollar für den Kapitän Bcrnier gekauft. Danach scheint dessen Nordpolfahrt gesichert zu sein.— — Wirkung der Pechblende. In der letzten Sitzung der inatheinatisch- naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Wie n ivurden zwei Stücke von Uranpecherz auS JoackninSthal vorgezeigt, Ivelche dem naturhistorischen Hofiimseum angehören. Das erste dieser Stücke ist in dem alten Katalog deS Abbes Stütz verzeichnet, der im Fahre 1805 abgeschlossen Ivnrde. Das zweite Stück würde im Jahre 1807 an- gekauft. Professor Becke zeigte, daß die Einwirkung dieser Stücke aus die photographischc Platte ebenso intensiv ist, wie die Einwirkung von Stücken, die in neuester Zeit aus Joachimsthal ge- kommen waren, und ebenso ivnrde von Professor Franz Exner»ach- gewiesen, daß die entladende Wirkung auf elektrisch geladene Körper ganz ebenso kräftig ist, wie bei frischen Stücken. Es crgiebt sich hieraus der direkte Nachweis, daß nach diesen beiden Richtungen hin die Eigenschaften deS Uranpeckcrzes im Laufe eines Jahrhunderts sich nicht in einer erkennbaren Weise geändert haben.— o. Amerikanischer Humor. Der g e h e i in n i S- volle Fremde. Tommy(dessen Vater Journalist ist):„Sag'. Mama, Iver ist eigentlich dieser Mann, der jeden Sonntag kommt und mich durchhaut'{" Mutter:„DaS ist Dein Papa, Tommy."— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LrCo., Berlin L4V.