Unlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 50. Donnerstag, den 10. März. 1904 (Nachdruck oerbotcir) Hl Gfther Maters. Roman von George Moore. Spät am Abend, als die Dienerschaft sich eben zu Bett kegeben wollte, erfuhr man, daß Peggy das Haus verlassen »md mit dem Sechsuhrzuge nach Brighton gefahren sei. Esther stand schon am Fuß der Treppe, als sie das hörte. Mit einem entsetzten Ausdruck auf dem Gesichte wandte sie sich jäh herum. Margarete hielt sie fest. „Es nützt nichts, Liebchen, Du kannst heute abend nichts inehr thun." „Ich kann zu Fuß nach Brighton gehen." „Nein, das kannst Du nicht; Du weißt den Weg nicht, und selbst wenn Tu ihn wüßtest, wie wolltest Du die beiden finden?" Sarah und die Grover sagten gar nichts, und schweigend gingen die Dienstboten in ihre Zimmer hinauf. Margarete schloß die Thür und blickte Esther an, die auf einen Stuhl niedergesunken war und vor sich hin ins Leere starrte. „Ich weiß, wie Dir zu Mute ist," sagte sie.„Gerade so ging es mir, als man Jim Story rauswarf. Zuerst scheint es, als könnte man es gar nicht überleben. Aber es geht schließ- lich doch." „Ob er sie wohl heiraten wird?" „Wahrscheinlick; sie ist ja furchtbar reich."-- Zwei Tage darauf stand im Hof vor dem Küchenfeuster eine Droschke. Peggys Gepäck wurde darauf geladen. Zwei schöne, große Reisekörbe mit den Anfangsbuchstaben ihres Namens darauf. Dann kniete der Kutscher auf seineni Silz nieder, beugte sich über das Verdeck des Wagens und machte Platz für noch ein Gepäckstück: eine kleine, braungestrichene, mit einem Strick zusammengebundene Kiste. Diese kleine 5tiste erweckte in Esther von neuem die Erinnerung an William, und das Scknierzgefübl in ihrem Herzen wurde so überwältigend, daß sie die Küche verlassen mußte. Sie ging in ihre Aufwasckiküche, schloß die Thür, setzte sich nieder und bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze. Aber sie weinte nicht. Sie schluchzte ein paarmal krampf- hast auf und dann ging sie wieder an ihre Arbeit, als ob nichts passiert wäre. XII. „Sie sind oben ganz toll darüber.„Ginger" und der „Alte" sind am wütendsten. Sie sagen, sie können ihr Haus nun gleich wieder verkaufen und sich irgendwo anders an- siedeln. Denn nun wird kein anständiger Mensch mehr zu ihnen kommen! Ihid das jetzt gerade, wo es anfing, ihnen gut zu gehen. Auch Miß Mary ist furchtbar traurig darüber: sie sagt, sie wird nun wohl niemals heiraten können. Und um die Familie Barfield völlig zu ruinieren, brauchte >,Gingor" nur noch das Küchenmädchen zu heiraten." „Miß Mary ist viel zu gütig, um etwas zu sagen, tvas die Gefühle eines andern verletzen könnte! Nur so ein böses, heuchlerisches Geschöpf wie Sie bringt cS fertig, so etwas zu sagen." „So, da haben Sie Ihr Fett, meine Liebe!" sagte Sarah, die sich mit der Grover gestern gezankt hatte und nun ihre Rache nehmen wollte.— Die Grover blickte Sarah ganz erstaunt an, und ihr Blick drückte deutlicher noch als Worte aus:„Nimmt denn wirklich jemand die Partei dieses kleinen, dummen Küchenmädchens?" Dann erzählte Sarah, um Mrs. Latch zu schmeicheln, wie groß die Familie Latch vor drei Generationen dagestanden habe! Die Barficlds waren damals noch gar nichts— und selbst heute hätten sie ja nichts andres als ihr Geld, und das hätten sie bei einer Fuhrhalterei verdient. „Und das sieht man ihnen auch ganz deutlich an," sagte Sarah.„Vergleicht nur mal unfern„Ginger" mit dem jungen Preston oder dem jungen NortHcote! Da sieht man so recht den Unterschied!" Esther hörte diesen Gcsvrächen jetzt, zu Ende Oktober, mit dem gleichen unbeweglichen Gesicht uird dem gleichen schweren Herzen zu, wie sie es zu Anfang September gethan hatte. Sie hatte jetzt keinen Feind und keinen Gegner im Lause. Sie f�at gßen jetzt leid. Sie wiipdtgiön und erkannten es alle ün, daß Esther schwer gelitten hatte und noch litt. Und nun, wo sie sich nur von Freunden lunringt sah, konnte Esther an gar nichts andres mehr denken, als welch ein glückliches Leben sie in diesem Hause hätte führen können, wenn William nicht gewesen wäre. * Es war eines Nachmittags im Anfang Dezember: Mrs. Latch war eben hinaufgegangen, um ein Schläfchen zu machen, Esther saß in der Küche, in der Nähe des Feuers. Ein krankes Rennpferd mit verbundenen Beinen war vorher an der Küche vorbei in den Hof hinausgeführt worden; es wurde zu einem kldinen Spaziergang geleitet, und als der Klang seiner Hufe sich in der Ferne verloren hatte, war Esther ganz allein. Sie saß auf ihrem hölzernen Stuhle, dem Küchenfeirstcr gegenüber. Einen Friß hatte sie auf den Feuervorsatz gestellt, den Ellbogen auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, und ihre Wange ruhte in ihrer Hand. Der rote Schein des Feuers spielte auf ihrem bunten Kattunkleide, und während sie da so ruhig saß, sich nicht bc- wegte, kaum mehr dachte, fühlte sie plötzlich, tvie etwas in ihr zuni Leben erwachte. Wie das Flügelschlagen eines Vogels fühlte es sich an! Ihr ganzer Körper erzitterte, und ihr Herz schien still zu stehen. Als diese Ohninachtsanwandlung vorüber war, sprang sie entsetzt vom Stuhl empor. Ihre beiden Hände hatte sie auf die Hüften gepreßt, ihr Antlitz war totenbleich, und große Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Hell und blendend, wie ein Stern am Himmel, war plötzlich die Wahrheit vor ihr aufgegangen: in einem Augenblick war der Vorhang von dem furchtbaren Drama, das die Zukunft ihr bringen sollte, hinweg- gezogen. Sic wußte, daß es kein Mittel gab, sie davon zu erlösen, daß sie es Stunde für Stunde, Tag für Tag wirklich durch- leben mußte. lind das schien ihr so unermeßlich entsetzlich, daß sie für einen kurzen Augenblick glaubte, wahnsinnig zu sein. Aber nein, nein, sie war nicht wahnsinnig... es war die Wahrheit! Sie wird nun Woodvicw verlassen müssen!.., O. die Schande... die Schande dieses Geständnisses!... Dies Mrs. Barfield sagen zu müssen!... die so gütig zu ihr gc- wescn war, die so große Stücke auf sie hielt!... Zu Hause bei ihrem Vater wird sie keine Heimstätte finden... nein, heimatlos wird sie sich in London herumtreiben müssen... Eine Stelle in der Stadt annehmen?... unmöglich! Man wird sie ohne Zeugnis entlassen, und �heimatlos würde sie in London umherirren, und von Monat zu Monat würde ihre Lage schlimmer und verzweifelter werden! ES wurde ihr übel. Aber der Körper erlöste die Seele auf einen Moment von ihren Qualen, und fast bewußtlos, krank bis zum Tode, sank sie auf ihren Stuhl zurück.— Sie trocknete mit der Schürze den Schweiß von ihrer Stirn. Vielleicht daß sie sich doch noch irrte!— Sie barg ihr Antlitz in beidenHändcn: dann sank sie auf die Kuie nieder, lehnte die Stirn aus den harten Stuhl vor sich lind betete zu Gott, daß er ihr Kraft verleihen möge, das Kreuz geduldig zu tragen, welches er ihr auferlegt hatte. Noch immer hoffte sie, daß sie sich vielleicht irre. Diese Hoffnung hielt zwei Wochen vor. Aber am Ende der dritten Woche wurde sie zu Wasser. Sollte sie sofort zu Mrs. Barfield gehen und ihren Fehltritt eingestehen? Aber Mrs. Barfield, wie sehr sie sie vielleicht auch be- dauern würde, konnte sie unmöglich behalten, wenn sie die Wahrheit wußte; wenn sie aber keinem etwas sagte, brauchte noch keiner die Wahrheit zu erfahren. Sie konnte vielleicht noch ein Vierteljahr in Woodvicw bleiben und den Lohn fiir dieses Quartal fiir ihre schwere Zeit zurücklegen... Ihren ersten Vierteljahrslohn hatte sie fiir Stiefel und Kleider ausgeben müssen; den zweiten hatte sie eben ausbezahlt bekommen. Wenn sie noch ein Vierteljahr hier bliebe, hätte sie acht Pfund in der Tasche und drei Monate Zeit gewonnen. So könnte sie vielleicht durchkommen.-. Aber wird es möglich sein, noch drei Monate lang unentdeckt hier zu bleiben?... Sie entschloß sich, es jedenfalls zu wagen. » Drei Monate voll quälender, beständiger Furcht gingen vorüber, und niemand, nicht einmal Margarete, erfuhr von Esthers Zustande. Da sie noch wenig sichtbare Veränderungen in ihrer Figur bemerkte, da aber jeder Pfennig, den sie noch verdienen konnte, eine Lebensfrage für sie war, entschloß sich Esther mutig, es noch einen Monat zu wagen. Tann wollte sie kündigen und gehen. Noch ein Monat verging, und Esther machte sich bereit, von hier zu weichen, als auf einmal ein geheimnisvolles Flüstern von Mund zu Munde ging; und eines Tages ließ Mrs. Barfield sie zu sich ins Bibliothekzimmer bescheiden. Esther erbleichte, und ihre Augen nahmen den Ausdruck der Angst an: es war ihr entsetzlich, vor Mrs. Barfield hin- zutreten und ihren Fehltritt eingestehen zu müssen. Margarete, die neben ihr stand und ihr diesen Gedanken vom Gesicht ablas, sagte: „Nur Mut, Esther, Du kennst doch die„Heilige", sie wird schon nicht schlimm sein, sie ist immer nachsichtig gegen die Fehler andrer Menschen." „Was ist denn los. was fehlt denn Esther?" fragte Mrs. Latch, die noch nichts von der Sache gehört hatte. „Ich werde es Ihnen nachher erklären, Mrs. Latch," sagte Margarete.„Geh nur, Esther, geh schnell." Esther ging raschen Schrittes den Korridor hinauf und sah schon im voraus das dämnierige Zimmer vor sich, mit den kleinen, grünen Sofas, dem runden, mit Büchern bedeckten Tisch, dem Klavier in der Ecke, dem Papagei und den Kanarien- vögeln in ihren Käfigen. Einen Augenblick blieb sie zögernd an der Thür stehen, dann klopfte sie leise. Tie wohlbekannte Stimme rief:„Herein". Sie trat ein und befand sich vor ihrer Herrin. Mrs. Barfield legte das Buch, in dem sie gelesen hatte, nieder und blickte Esther an. Sie sah nicht böse aus, wie Esther gefürchtet hatte, aber ihre Stimme klang ein wenig schärfer als sonst. „Ist das wahr, was ich gehört habe, Esther?" Esther ließ den Kopf hängen und sagte leise: ..Ja!" „Ich habe Sie für ein braves Mädchen gehalten, Esther!" „Ich mich auch, gnädige Frau." Mrs. Barfield warf einen raschen Blick auf das Mädchen, zögerte einen Augenblick und sagte dann: „Und diese ganze Zeit hindurch— wie lange ist es nun schon...?" „Fast sieben Monate, gnädige Frau!" „Alle diese Zeit über haben Sie uns belogen?" „Es waren schon drei Monate vorüber, bevor ich's selber wußte, gnädige Frau." „Drei Monate: und weitere drei Monate haben Sie also jeden Sonntag �hier in diesem Zimmer beim Gebet mit mir gekniet: zwölf Sonntage haben Sie hier neben mir gesessen, wenn ich Sie losen lehrte, und kein Wort davon gesagt!" Die Schärfe in Mrs. Barfields Stimme erweckte ein Ge- fühl von Trotz in Esthers Herzen, und ihre Augenbrauen zogen sich finster zusammen, als sie sagte: „Wenn ich's Ihnen gesagt hätte, würden Sie mich sofort weggeschickt haben: und ich besaß damals nur einen Viertel- jahreslohn, damit hätte ich entweder verhungern oder mir das Leben nehmen müssen." „Es thut mir sehr leid, Sie so sprechen zu hören, Esther." „Es ist das Unglück, gnädige Frau, das aus mir spricht!" „Warum konnten Sie sich denn nicht mir anvertrauen? Ich bin doch nie strenge zu Ihnen gewesen. Nicht wahr?" lFortsetzung folgt. js lNachdruck verboten.) Enrico fern. Porträt-Skizze von Wilhelm Holzamer. Es ist vor der �Ecols des Hautes-Etudes". Eine beträchtliche Menge wartet auf der Straße, bis die schmale Thüre geöffnet wird. Eine Droschke kommt angefahren. Die Insassen möchten sich vor uns andern Einlaß verschaffen. Aber die Menge wehrt sich da- gegen. Sie müssen harren und zurückstehen. Einer von ihnen, ein Herr in Pelzmantel und Schlappbut, alle überragend, lächelt zu dem Widerstand, und wie sein Begleiter Einspruch erheben will, verbietet er's ihm. Er will warten. Die schmale Thür ist geöffnet worden. Rasch ist der Saal überfüllt. Es heißt für jeden, seinen Platz bewahren, wenn man schon einen gcsimden, einen Platz erkämpfen, wenn man noch im Geschiebe ist. Mit liebenswürdiger Vorsicht drängt sich der große Herr in Pelzmantel und Schlapphut wieder vor. Aber hier giebt's keinen Pardon. Nicht wanken und nicht weichen ist die Parole. Nun gut. so bleibt er stehen. Neben ihm ruft ein Camelot Postkarten mit dem Porträt Enrico Ferris aus. Der große Herr sieht den Rufer belustigt an. Er sieht und wartet. Er wartet halt. Wir betrachten ihn, wie er vor uns steht. Eine markante Erscheinung durch Größe und Kopfform, Haltung und GefichtSausdruck. Blitzende, junge, idealistische Blauauge». Man liest Energie in ihnen und Frische. Thatmcnschen haben sie so. die nicht zurückschrecken, die Hindernisse reizen, denen sie die Kräfte spornen. Man denkt, es muß„Einer" sein, der solche Augen hatl Schärfe blitzt in ihnen, und von Güte spricht ihr Glanz. Sie sehen scharf nach einem Ziele, sie sehen Er- süllung. Sie träumen und schauen, sie fordern und führen. So einer, der sie hat, der muß die Begeisterung haben, hingerissen zu sein und hinzureißen. Er muß die Thatkraft haben, Wege zu bahnen und die Güte, Stätten zu bereiten. Aber diese Jugend auch, an das eigne Wirken zu glauben und darin von Erfolg und Sieg durch» drungen zu sein. ES ist mancher Charaktcrlopf hier in der Versammlung zu sehen. mancher zieht unsre Aufmerksamkeit auf sich. Manch graues Haupt und viele junge Köpfe— eindrucksvoll und ausdrucksvoll. Gegen» stand nachsiunender Betrachtung. Das Acnßere des Menschen, Zeichen und Zeuge seines inneren Wesens, Künder von Leiden und Leben bei w vielen. Von allen Stufen und Verschiedenheiten in Alter, Stand und Nation. Schwärmer und Fanatiker, Pflichtmenschcn und tüchtige Arbeiter— besonders auf geistigem Gebiete— und feiner nüanciert eS sich: Leid hier und Bitterkeit, Sehnsucht und Erwartung, Verkümmerung und Frohmütigkeit, Herbheit und Derbheit dort. Weichheit wieder und Vcrloreniein, mannigfaltig ist die Sprache, und aller Art sind die Stempel, die die Züge tragen: aber kein Kopf fesselt so sehr, wie der des großen Mannes, der jetzt wieder begonnen hat, sich sachte vorwärts zu schieben. Ein Gedanke durchblitzt uns... sollte er?... aber nein, er hätte es doch gewiß nicht nötig, sich so durch die Menge zu schieben. Aber doch— wie er bald nach links, bald nach rechts, bald mit dem Gesicht nach vorn, bald nach hinten ge- wendet wird bei seinem Vorwärtsschieben— ist nicht unter dem vollen Schnurrbart ein Zucken um den Mund. Kriechen nicht leise Fältchen an der Nasenwurzel hinauf— und verraten den heimlichen Spaß, unerkannt zu sein? I „Enrico Ferri l" tönt's durch den Saal. Hände heben sich empor, klatschen, Stühle werden gerückt, im Mittelgang zwängt man sich zur Seite, dem Vordringenden Platz zu macheu und sieht ihn lind sieht einander verwundert an, daß er gerade da ist, wo man ihn am wenigsten vermutet hat. Der breite Schlapphut ist abgenommen, und ein angegrauter Lockenkopf neigt sich in kurzem Nicken. Das Haar ist wohl schon ein wenig gelichtet, sein ursprünglich brauner Ton glänzt noch durch, an den Seiten aber schließt eS in weißen Büscheln ab, die breit von den Schläfen abstehen. So schlicht und einfach kam Ferri. So steht er nun auch oben auf seinem Platze. Der Saal jubelt ihm zu. Er setzt sich und scheint nun ganz in sich zurückzusinken, unberührt und abwesend. Unberührt und abwesend, selbst sicher und wie zur Selbstbewahrung, um ganz auftichtig zu bleiben, nicht Komödie zu spielen, nicht Kon- zessioiten zu machen. Ganz ehrlich er selbst zu bleiben im Jubel und Trubel der Menge. Und er ist auch wohl von Wichtigerem, Höherem erfüllt, um sich zu einem Jnscenesetzen reizen zu lassen. Ferri spricht. Im ersten Moment ist man enttäuscht. Die Stimme ist schwach, dünn, fast krank. Sie erscheint belegt, an- gegriffen, klanglos. Man bettachtet die große Gestalt auf ihre Verhältnisse, ob die Brust nicht zu schmal erscheint und zu ein- gefallen. Derzeit hat er weiter gesprochen, behaglich, klar, die Disposition seiner Rede entwickelnd. Auf den Klang der Stimme achtet man nun nicht mehr. Man ist gewissermaßen schon sicher in ihr. Sie führt einen schon, sie ängstigt nicht mehr. Die Hände sprechen mit. in kleinen, aber bestimmten und bc- zeichnenden Beivegungen. Der Oberkörper beugt und biegt sich, und die Augen— die Augen find ganz Leben, Innerlichkeit, ganz Schauen. Ferri„schaut", was er spricht! Ein wenig hilft noch sein Französisch mit, diesen Eindruck zu üben und zu verdeutlichen. Sein Französisch ist schön und klar, aber es„sucht" ein wenig. Dadurch sieht man das Wachstum des Gedankens, des Gefüges der Gedanken, sast körperlich. Die Rede floß ruhig bis jetzt dahin. Sie war bis jetzt mue Darlegung. Sie ist sttcug. Es scheint keine„Schlager" zu geben. Sie ist fast zu stteng fiir französische Zuhörer, sast zu schwer. Sie ist zu sehr„purer Geist". Ein Philosoph spricht hier, der die großen Beziehungen hat, dem sie klar und geläufig sind. Der nur für sie, — II nur den Gehalt seiner Darlegungen, daS Nahe benutzt— nie sie aber zu einer nur oratorischen Wirkung ausnutzt. Man ist ganz in den Gedankengang eingezwungen. Es ist eine starke Notwendigkeit im Ganzen; man wird nicht nur von einzelnen Momenten gepackt. Würde man Fern hier etwa mit JauröS vergleichen, so müßte man sagen, daß er innerlicher, kernhafter, gehaltvoller ist. Jaurös ist oratorischer und oft sprachlich kerniger. Er spricht berechneter. Er macht darum eher Konzessionen. Er kennt sein Publikunr und zieht eS in Rechnung. Ferri ist nicht von seinem Sprechen hingerissen, wie der Franzose, er laßt sich nicht in seiner Sprache gehen, er führt sie vielmehr mit fester Hand an festen Zügeln und hat Bedacht auf ihren Inhalt, mit dem sie beladeir ist, und um den es ihm in erster Linie gilt. Aver mist ist er von der Darlegung zur Darstellung über- gegangen. Ein Poet ist er nun. In einem Drama von Ibsen könnte er so vorkommen. An Stockmann im.Volksfeind" denkt man, aber das Poetische nimmt hier die Schärfe und Bitterkeit. Aber genau so rückhaltlos überzeugt ist er. Darum wird er nie ein Nur-Schöngeist, wie ihn d'Annunzio geschaffen hätte. Manch- mal erhebt er sich zu einer Weite und eröffnet einen Horizont von so allgemeiner Gülttgkeit des Menschlichen, daß man eine Gestalt von Goethe zu hören vermeint. In seiner Weltbürger- lichkeit scheint dann wieder etwas vom WesenSkerne des Marquis Posa zu liegen, die Darstellung gewinnt Kraft und Fülle, daß man begeistert an Viktor Hugo denkt. Also man begeistert sich. Die einzelnen Bilder stehen in deutlicher Anschaulichkeit vor einem— zu einem großen Bilde fügen sie sich zusammen. Das Publikum atmet kaum. Die Maschine in den Formen der menschlichen Arbeit— die Formen der menschlichen Arbeit in der Zukunft war das Thema— nichts äußerlich, nicht auf einen einzigen Punkt hindrängend— Mosaik von allen Punkten der Betrachtungsmöglichkeiten aus, in aller Vielfältigkeit der Erscheinung. Aber ttotz aller Detaillierung eine große Gesamt- Wirkung. Da hebt es sich hoch, hoch, wie mächtige Bogen, wie strebende Pfeiler, das ist Nattern und Raffeln der Räder, Fauchen, Stampfen, Hämmern— da sind hohe berußte Fenster, weite Säle mit geschäftigem Hin und Her, Nüchternheit, Schiveiß, der ein- tönige Gang bei Tag und Nacht.— und da ist der Mensch I Keine Individualität mehr, kein willen- und ziel- und zweckloses Wesen in nienschcnwürdigcm Dasein, mit der freien, liebenden, genießenden Lust an der Arbeit und dem Stolz am Werke; eine Maschine nur I Und daS alles in der Kulmination einer großen, bedeutenden Kultur- rntwicklung, ein Höchstes und Letztes einer„bourgeoisen Civilisation". In diesem inhaltlichen Gipfelpunkt hat zugleich auch die rednerische Darstellung ihren Gipfel erreicht, sich zu ihrem höchsten Ausdruck aufgeschwungen. Die Stimme des Redners ist gewachsen. Sie ist laut, groß und stark; belebt und ausgiebig sind die Gebärden, die Sprache hat deutlicher ihren fremden Acccnt, italienische Worte fließen ein und werden rasch korrigiert. Die Hörer sind hingerissen. Wieder denkt man an Jaurös, wie er eine solche Wirkung vor- bereitet, wie er retardierend immer mehr und mehr Spannung häuft, wie er seine Perioden verlängert und beim ersten Beifall seinen Sieg thatsächlich ausnutzt und Kraftwort zu Kraftwort fügt, bis zur Heiser- kcit laut wird und jedes neue Wort, das zugleich auch ein neuer Treffer ist, mit einer Armbewegung unterstreicht, die wie ein Peitschenhieb ist, der den Gegner trifft und den Hörer ausstachelt. Fern steht ruhig da oben, den Köpf ein wenig geneigt, den Blick nach innen gerichtet. Er denkt an den Sieg der Sache, nicht an den des Wortes. Er triumphiert nicht. Jaures ttiumphiert eigentlich immer. Oder er scheint wenigstens zu sagen: So, da habt Jhr's l Fern sieht man es an: er mußte das sagen und mußte es s o sagen! Man möchte fast meinen, daß er denken könnte: Hab' ich das nun auch stark, wichtig, bedeutend genug gesagt, wie das für die Sache nöttg ist? In diesem Augenblick vergißt man den Italiener ganz. Ein Deutscher könnte da oben stehen. Denn was der Unterschied zwischen ihm und dem französischen Redner ist, das erscheint viel mehr als der Unterschied germanischer und ftanzösischer, als italienischer und ftanzösischer Art. Er spricht weiter. Darlegungen und Darstellungen begleiten, unterstützen einander, verflechten sich ineinander. Philosoph und Poet, Denker und Agitator, Führer und Seher. Und auch das Lächeln erscheint wieder auf den Lippen, das heinilich-bclustigte Lächeln: ein kühnes Wort, ein scharfes Schlaglicht, eine kecke Bc- ziehung, eine groteske Gegenüberstellung, ein einleuchtender Vergleich, eine gute Anekdote. So wie er sich durch die Menge gezwängt hat, so spielt er mit ein paar leichten humoristtschen Verkapptheiten. Und dann ivieder findet er Gleichnisse von geradezu biblischer Schönheit und Größe: Die Blätter, die Crispi hatte abreißen laffcn von den Bäumen der italienischen socialistischen Bewegung, die aber bald wieder hervorsprosscn, weil die Wurzeln nicht ausgerissen werden konnten, denn die Wurzeln waren tief und festgewachsen im mensch- lichen Elend... Die Feinde auf der Planke im stürmenden Ocean, der Stärkere den Schwächeren tötend— die Brüder in den besseren, gesicherten Verhältnisfen der festen Erde, helfend einander und sich liebend.? Verbesserung der Lebensverhältnisse macht die Menschen bester.... Es find hohe, schöne Worte. Es sind nicht Worte mir. Es ist das Leben in ihnen. Gefühltes, reiches Leben. Es ist ein Glanz darin und eine Macht. Die Macht edler Menschlichkeit und voniehmen RenschtumS. )d— DaS Poetische steigert sich dann zum Prophetischen. ES ist wie ein Moment des Verzücktseins: Das Kreuz, das Christus schwer gen Golgatha geftagen, es ist daS Symbol der Arbeit, wie sie das Christentum aufgefaßt hat, als eine Beschwerde, eine Last, eine Marter. es ist das Symbol der Arbeit dieser Zeit bis zu unsrer heutigen Kultur und Civilisation— aber für die Arbeit der neuen Zeit, in Vethätigung, Sinn und Geist einer neuen Kultur, die der Arbeit einen neuen Sinn und Wert giebt, wird es leichter und leichter werden und wird dieses Synibol nicht mehr sein... Da bricht er ab. Wie eine Erschöpfung gleitet eS über sein Antlitz. Die Menge jubelt. Er bleibt ruhig und still. Er ist zufrieden mit seiner Arbeit, er ist froh um sie, er ist stolz und stark in ihr. Er trägt ihren zu- künftigen Wert schon in sich, er lebt diesen Wert schon. Er hat seinen Wert tn ihr. Sie hat ihren Wert für die Menschheit. Das ist ihr Dienst. Das ist seine Freiheit, die Freiheit des Arbeiters, die er gefeiert, um der Arbeit willen. Der Arbeit und des Arbeiters der Zukunft... kleines feuilleton. lc. Eine Schlittenfahrt über den Baikalsce. Tie außerordent- lichen Schwierigkeiten, mit denen die Russen beim Truppentransport über den Baikalsee— über den jetzt ein Schienenweg gelegt ist— fti kämpfen haben, läßt die Schilderung eines englischen Korrespon» deuten erkennen, der fünf Tage nach der Kriegserklärung auf der Rückreise aus dem Osten am Baikalsee anlangte und die Ücberfahrt auf Schlitten machte: Alles stürzte zu den Schlitten, die für uns bereit standen. Mit einiger Mühe sicherte ich mir einen Platz in einem derselben und begann die Fahrt, eingehüllt in alle die Be- deckungen, die mir nur zu Gebote standen. Als wir uns jedoch erst einmal auf dem See selbst befanden, faßte uns ein beständiger, schneidender Wind, der alle meine Pelze zu durchdringen fchien, als wären es ebenso viele Papierblättcr. Ich habe noch nie in meinem Leben so sehr unter der Kälte gelitten; für fünf Minuten war ich fast unempfindlich. Und dabei war der grimmige Sturm mir nur im Rücken, und die langen Truppenlinien, die in ihre Schlitten ge- packt waren, hatten ihn voll im Gesicht. Dieses endlose Vorrücken der russischen Verstärkungstruppen über diesen arktischen See bot ein seltsames Schauspiel. Der Weg war durch Tclegraphenpfosten be- zeichnet, die in Entfernungen von etwa 18<1 Metern aufgerichtet waren. Als wir einhersausten, mit einer Geschwindigkeit von gut 12'/- Kilometer in der Stunde, wobei unser Kutscher den Pferden eincit seltsamen Gesang zusummte, schien die Reihe von vorrückenden Schlitten Hunderte, ja selbst Tausende zu zählen. Bei diesem Truppenftansport wurden sechs Mann in einen Schlitten gepackt, der nur für drei gebaut war. Wie sie dieses schreckliche Wetter ertragen konnten, Uberschritt mein Verständnisvermögen. Sie trugen freilich ihre Soldatenröcke, aber andren Schutz hatten sie kaum. Bisweilen traf ich einen leeren Schlitten, neben dem die Passagiere, die Sol- baten, einherstampftcn, um die erfrorenen Glieder zu erwärmen. Sie waren blau vor Kälte und schienen sehr elend zu sein; ein Russe, mit dem ich zusammen reiste, versicherte mir, daß viele von ihnen erfrorene Glieder haben müßten und sterben würden, bevor sie noch die andre Seite des Sees erreichten; ich konnte nicht anders als ihm Glauben schenken. Auf den äußeren Wegspuren fuhren die Schlitten mit Vorräten, die meisten mit fünf Pferden vor jedem, langsam in langen Linien vorrückend. Ich sah mehrere Schlitten, aus denen Schienen hervorragten, aber zu jener Zeit— am 15. Februar— tvar noch keine Spur irgend einer Bahnlinie über das Eis zu sehen. Wenn dies also geschehen ist, so muß es an einem späteren Datum gewesen fein, als die russische Presse ankündigte. Die Oberfläche des Eises war sehr unregelmäßig und uneben. An einigen Stellen waren fußbreite Risse und Spalten, während hier und da das Eis sich zu Hügeln aufgelvorfen hatte, die mich fast aus meinem Schlitten schleuderten. Trotz des Windes war ein seltsamer, wandernder Nebel um uns, der die Fernsicht verhüllte. Nach 2'/- Stunden sahen wir die große Erholungsstation aus Holz, Filz und Ziegeln, die jedes Jähr in der Mitte des Sees erbaut wird. Den müden Reisenden erschien sie ein wahrer Palast. Erst nach zwei Tellern Suppe und etwas dampfendem Kaffee fühlte ich wieder meine Beine und Füße. Mit großem Bedauern verließ ich die gastliche Erholungsstation und vcr- schlvand wieder in meinen Hüllen. Sechs Stunden nach dem Auf- bruch erreichte ich die kleine Stadt, wo meine Eisenbahnrcise aufs neue beginnen sollte. Die Kriegspreise begannen sich an den Buffetts fühlbar zu machen; die Bauern hatten die Lieferung von neuen Lebensmitteln lange eingestellt, und der Preis für Lebensmittel stieg beständig. Das Brot verteuerte sich um das doppelte. Zucker und Kaffee um das dreifache. Gleichzeitig bemerkte ich auf den Neben- geleisen die gewöhnlichen Warenzüge halb vergraben in SchUcc- wehen...— Litterarisches. !. Ernst Kreowski:.Rotfeuer". Gedichte. Leipzig, Kommissionsverlag von L. Staackmann.— Was Kreowski rn> einem neuen Gedichtband bietet, sind Stimmungen und bauadenartige Dichtungen. Ein schwermütiger Ton geht durch diese Strophen, die von eignem Leid, persönlichen Enttäuschungen und von Not und Elen» breiter Volksschichten erzählen. Manchmal kommt der Dichter auch satirisch. Wo der Volkston angeschlagen wird, gelingt's ihm ge- wöhnlich am besten. Die äußere Form ist immer einwandsfrei, die Verse glatt, die Reime rein. Nur manchmal laufen ihm recht gesuchte Worte unter; die Bilder sind hier und da zu aufdringlich der griechischen Mythologie entlehnt. Einige Gedichte gelangten schon früher in der„Neuen Welt" und im„Neue Wclt-Kalcndcr" zum Morlick. Volt dm LSriAn sei:» hier güsignnt:„Sletit TrwkMdcl", die wuchtige„Äschcrmittwochs-Rhapsadie", der gewaltige„Sturni- Hymnus", das tändelnde Idyll„Märchen", das auSgelasscn-lusrige Faschingsgcdicht„Rcdoute" und das satirische Zeitbild„Armen- ball."— Theater. c. Javanische Theater. Eine hübsche Schilderung eines japanischen Theater? bringt eine englische Zeitschrift. Anschlag- Zettel in grellen Farben, heißt es da, schmücken gewöhnlich den Ein- gang, und unzählige kleine Laternen sind aufgehängt, um das Ganze anziehender aussehen zu lasten. Ter Japaner braucht jedoch nicht erst große Anlockung; daS Theater ist eine der Hauptquellen seines Vergnügens. Das japanische Drama ist eine ziemlich langwierige Angelegenheit. Ein Stück beginnt meist um 10 Uhr morgens und dauert bis Mitternacht, natürlich mit Unterbrechungen zwischen den einzelnen Akten. Die Theaterbesucher gehen in Gesellschaften in daS Theater und bereiten FrühsrückSkörbc vor, als ob sie ein Picknick vorhätten. So können sie ihre Mahlzeiten mit derselben Regelmäßigkeit einnehmen, wie zu Hause. Das Theater ist nicht sehr luxuriös aus- gestattet. DaS Parterre, der beliebteste Play des Hauses, enthält nur eine Anzahl kahler, hölzerner Sitze. Die Logen sind trostlose, Keine Plätze mit Holzstühlen. Die Ventilation ist gewöhnlich sehr schlecht, und da das Rauchen erlaubt ist, ist das ganze Theater that- sächlich in Tabaksqualm gehüllt, während das Stück in vollem Gang ist. Zwei seltsame Sitten herrschen in japanischen Theatern: der weibliche Teil der Zuhörer sitzt stets von den Männern getrennt, und gegen Zahlung einer kleinen Summe hat man das Recht, aufzu- stehen und die Aufführung so zu verfolgen, ohne Rücksicht auf den Aergcr der dahinter Sitzenden. Die Bühne selbst hat auch einige Eigentümlichkeiten. An beiden Enden erstreckt sich eine Plattform bis in den Zuschauerraum und jedesmal, wenn dargestellt wird, daß eine Person sich auf eine Reise begicbt oder von einer Reise kommt. so macht der Schauspieler davon Gebrauch. Die Bühne befindet sich auf Walze», so daß, wenn ein Secncnwcchscl notwendig ist. das Ganze mitsamt den Schauspielern thatsächlich in die Runde gedreht werden kann. Frauen spielen nicht auf der Bühne: jede weibliche Rolle, die vorkommt, wird von einem Manne gespielt, der zu diesem Zweck besonders geschult ist. Wenn Schauspieler ihre Reden halten, so werden ihre Gesichter dllrch Kerzen beleuchtet, die auf langen Bambusstäben befestigt sind. Beim Beginn des Schauspiels werden die Zuschauer durcki Klopfen mit einem Hammer zur Aufmerksamkeit aufgefordert. Außer den eigentlichen Schauspielern sind andre Per- sonen über der Bühne verborgen, die den Chor singen, begleitet vom Samiscn, der dreisaitigen Guitarrc. Ter Lärm, den diese Leute vollführen, ist stark genug, um den Ausländer zu betäuben; aber der Japaner scheint ungeheures Vergnügen an dem Lärm und den Miß- tönen zu finden. Wenn die Schauspieler sich in ihrem Spiel er- wärmen, so wird der Lärm immer ärger und das Haus macht den Eindruck eines Pandämoniums. Tie Schauspieler hüpfen und springen auf der Bühne umher und stoßen ohrenzerreißende Rufe aus. Das geht so fort, bis der erste Akt vorüber ist. Gleichviel aber, wie sehr oder wie wenig die Zuschauer daS Stück gebilligt haben, sie bleiben ganz passiv, da das Klatschen und Zurufen in den japanischen Theatern nicht Sitte ist. Während der Pause werden Frühsrückskörbc hervorgehölt und man erquickt sich an Eiern, Früchten und Rciskuchcn. Der Nachmittagstcil der Vorstellung vergeht unter ebenso großem Lärm wie morgens. Eine zweite Pause— dieses Mal für den Thec— findet statt, und die Dienerschaft aus den benach- barten Thcehäusern erscheint und reicht Thec, Reis, Eier und Süßig- leiten herum. Wenn der Vorhang sich zum letzten Teil des SrückeS hebt, sind die Zuschauer wieder nur ganz Auge und Ohr und wenden nur selten den Blick von den Schauspielern ab. Gegen Mitternacht ist alles vorbei, und der Strom der Zuschancr ergießt sich in die Straßen,'entzückt über die Freuden, die der Tag gebracht hat, wenn auch der nächste Tag sie mit bohrenden Kopfschmerzen, als dein un- ausblciblichcn Tribut, findet. Die Stücke, die bei den Japanern am meisten Anklang finden, find solche mit vielen melodramatischen Zwischenspielen. Historische Stücke, die die alten Zeiten des japanischen Reiches schildern, sind gleichfalls sehr beliebt und Ziehen große Mengen in die Theater.— Medizinisches. — Einfluß der Schilddrüse auf die Heilung von K n o ch e n b r ü ch e n. Schon durch die Untersuchungen von Hanau und Steinlin war man darauf aufmerksam geworden, daß zwischen der Funktion der Schilddrüse lind der Heilung von Knochen- brüchen ein eigenartiger Zusammenhang waltete i indessen bestanden in dieser Frage noch mannigfache Zlveifel. Neuerdings hat nun Bayon, wie der„Prometheus den„Verhandlungen der Physikalisch- medizinischen Gesellschaft zu Würzburg" entnimmt, wiederum Ver- suche in dieser Richtung angestellt und ist zu den folgenden Resultaten gelangt. Die Entfernung der Schilddrüse bedingt beim Kaninchen eine Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: ganz erhebliche Verlangsannrng der Bruchheilung, und zwar tritt diese Verlangsamung sofort nach Ausschaltung der Schilddriise ein. Füttert man Kaninchen, denen die Schilddrüse exstirpiert wurde, mit Schilddrüsenpräparaten, so tritt eine Beschleunigung des Heilungs- Prozesses ein i indessen kann eine derarttge Fütterung die Funktion der ausgeschalteten Drüse doch nur teilweise ersetzen. Eine ähnliche Beschleunigung der Heilung war auch zu bemerken, wenn normalen Zieren(d, b. solchen dix ihre Schilddrüse noch besaßen) Schilddrüsen» Präparate verabreicht wurdest. Technisches. — Herstellung eine? metallischen UeberzugeS an f Glas. Gläser, welche mit einem Metallsalz versetzt sind, können dadurch mit einem metallischen Ueberzuge versehen werden, daß man den heißen Glasgegenstand reduzierenden Gasen aussetzt. Nach einem Verfahren von Schierack geschieht diese Reduktion in der Weise, daß Wasserstoff im Entstehungszuslande durch Zersetzung von festen oder flüssigen Kohlenwasserstoffen erzeugt wird,»velche auf der Oberfläche des Gegenstandes aufgetragen sind. Der gläserne, mit einem Metallsalz, beispielsweise Kupfersulfai versetzte Gegenstand wird z. B. mit Paraffin überzogen und daraus in fein geschlemmten Thon getaucht. Er wird sodann in eine Holzkohlen enthaltende Muffel gebracht, welche bis zur Rotglut erhitzt und dann wieder abgekühlt wird. Bei der starken Erhitzung wird das im Thon gebundene Wasier frei und zersetzt sich mit Kohlenwasserstoff derart, daß der Kohlenstoff zum Teil verbrennt, zum Teil sich ablagert und der Wasserstoff im Entstehungszustande die oberflächliche Reduktion dcS Metallsalzes herbeiführt. Durch den leicht entfenrbaren Thonüberzug wird bei der Abkühlung Oxydation verhindert.— („Technische Rundschau".) Humoristisches. — Aus derKaserne. Unteroffizier: JWaS sind Sie?" Rekrut:„Maler. Herr Unteroffizier." Unteroffizier:„Malen Sie von oben nach unten?" Rekrut:„Jawohl, Herr Unteroffizier." Unteroffizier:„Da sind Sie kein Maler, da sind Sie An st reicher!"— — Das moralische Niveau. Die„Straßburger Bürger- Zeitung" läßt sich aus Scherweiler melden:„Daß unsre Gemeinde noch lange nicht auf dem AuSfterbe-Etat angelangt ist, dürfte die Geburtenziffer des letztverflossencn JahreS zur Genüge beweisen. Das CivilstandSrcgister des betreffenden Jahres weist nämlich genau 100 Geburten auf. Gewiß eine schöne und zugleich für das moralische Stiveau unsrer Gemeinde, die etwa 2200 Katholiken zählt, günstige Zahl."— — A u S G e n d a r m e r i e- A n z e i g e u.„... Ich bringe den Joseph Huber von Matzdorf zur Anzeige, weil er bei ein- getretener Dunkelheit mit seinem Fahrrad durch das Ländthor fuhr. ohne an demselben, Ivie vorgeschrieben, eine hell leuchtende Laterne anzubringen..." ..... Der Hanptkrakehlcr?c. Fischer schlug daS große Auslage- fenslcr an der Löwenapotheke im Wert von ca. 3ö M. und hierauf den Weg nach Götzdorf ein..."(„Jugend.") Notizen. — Agnes S o r in a und Emanuel Reicher gehen vom Beginn der nächsten Saison' ab zu Brahm ans Lcssing-Theater, Rosa B e r t e n s verläßt als Dritte das Rheinhardtsche Ensemble! sie hat sich von Paul Lindau für das Deutsche Theater ver- pflichten lassen.— — Hermann H e y e r in a u s Schauspiel„Ghetto" wird voraussichtlich noch in diesem Frühjahr, mit Mar Reinhardt in einer Hauptrolle, im Kleinen Theater in Scene gehen.— — E r n e st 9k e n a ii s„ A c b t i s s i n von I o n a r r e" ist von Karl Strecker nm gedichtet worden. Unter dem Titel„Letzte Stunden" wird das Stück im Berliner Theater aufgeführt werden.— — In W e i ni a r erlebt am Sonnabend das fünfaktige Trauer- spiel„Der Thoren Thränen" von F. K o n k i c l die Erst- aufführung.— — Das Tri an on- Theater bringt als nächste Novität „Das elfte Gebot", ein Lustspiel von S6e, in einer deutschen Bearbeitung von Alfred Halm, heraus.— — Handels Oratorium„ B c l s a z a r" Ivird in einer Ein- richtung von Julius Spenge! vom Cäcilienverein in Hamburg auf- geführt werden.— — Der F l ä ch e u r a u m des früher auf 40 100. Quadrat« kilomctcr geschätzten Franz Josef- Lands beträgt nach den neuen Allsmessungen, die der Göttingcr Geograph Professor Hermann Wagner in„Petermanns Mitteilungen" veröffentlicht, nur 2j0 000 Quadratkilometer.— Vorwärts Buchdruckere i u.VerlagsanstaltPaulSinger äcCo., Verlin LW.