Hwterhallmgsblatt des Worwürls Nr. 61. Freitag, den 11. März. 1904 (Nachdeuik verboten.) is, EltKer Maters. Nomon von George Moore. „O nein, gnädige Frau! Sie sind die gütigste Herrin gewesen, die je ein armes Mädchen hatte! aber—" „Aber was, Esther?" „Ja, gnädige Frau, das ist es... ich habe mich selber gehöht, weil ich Sie so betrügen niuhte... ja, das that ich! Aber ich kann nun doch nicht länger blast an mich denken. Jetzt must ich doch noch an ein andres denken!" Mrs. Äarsield sah sie jetzt fast mit Bewunderung an. Und sie fühlte, dast ihre Beurteilung des Charakters"dieses Mädchens doch keine falsche gewesen war. Sie sagte darum in viel weicherem Tone: „Vielleicht haben Sie recht, Esther. Wenn ich es gewustt hätte, hätte ich Sie tvohl nicht hier behalten können wegen des schlechten�Beispiels für die andern. Ich hätte Ihnen nur mit Geld Helsen können. Groster Gott! Wenn ich es bedenke! Ein junges. Weib in diesem Zustande sechs Monate allein in London... Es ist ganz gut, dast Sie eS mir nicht früher ge- sagt haben, Esther. Und da Sie, wie ich sehe, die Ver- antwortung für Ihr Kind schon jetzt empfinden, so will ich hoffen, daß Sie ihm nie eine schlechte Mutter sein werden, wenn Gott eS Ihnen lebendig schenkt!" „O nein, gnädige Frau, das werde ich gewiß nicht sein." „Armes Mädchen! Armes Mädchen! Sie wissen jetzt noch gar nicht, welche harte Prüfungen Ihnen bevorstehen! Ein Mädchen von zwanzig Jahren! O, daS ist eine Schande!! Mag Gott Ihnen Mut geben, Ihr Unglück geduldig zu ertragen!" „Ich weist, dast eine schwere Zeit vor mir liegt, gnädige Frau. Aber ich habe Gott uin Kraft gebeten. Er wird sie mir geben, und ich darf nicht murren. Ich bin noch immer nicht so schlecht daran, wie manche andre. Ich besitze noch fast acht Pfund. Ich hoffe, ich werde durchkommen, gnädige Frau, das heißt, wcim Sie so gütig sein wollen, mir mein Zeugnis nicht zu verweigern." „Kann ich, darf ich Ihnen ein Zeugnis geben? Aber ja; die Versuchung war da, Sie sind verführt worden: die Ver- antwortung trifft eigentlich mich: ich hätte besser auf meine Leute aufpassen sollen.— Sagen Sic mir, nicht wahr, es war nicht Ihre Schuld, Esther?" „O, gnädige Frau, eS ist immer die Schuld der Frau! Cr hätte mich nur nicht so grausam verlassen dürfen, wie eres gethair hat: das ist der einzige Vorwurf, den ich ihm nrachen kann. Das übrige ist alles ebenso sehr ineine Schuld wie die sciire. Ich hätte an jenem l-lbend nicht so viel Bier trinken dürfen. Außerdem aber liebte ich ihn, rnid Sie wissen ja, gnädige Frau, wie das dann ist.— Ich dachte mir auch zuerst gar nichts Böses und ich liest mich von ihm küssen. Wir gingen abends viel zusammen spazieren. Er sagte mir, dast er mich liebe, und daß er mich heiraten wolle: so ist dann alles gekommen.— Nachher verlangte er dann, ich solle bis nach dem St. Leger warte»: das ärgerte mich und ich sah nun eigentlich rrst ein, wie sehr ich gesündigt hatte! Von da au wollte ich glicht mehr mit ihm gehen und nichts mehr mit ihm zu thun lhaben. Und während wir nun so miteinander grollten, ist Miß Peggy ihm nachgegangen und hat ihn mir weg- genommen." Bei dem Namen Peggy bewölkte sich Mrs. Barsields Antlitz. „Sie sind wirklich schmachvoll behandelt worden, mein vrmes Kind: von alledem habe ich nichts gewußt. Also er ifagte, er wolle Sie heiraten, wenn er seine Wetten beim Leger gewänne? O, dieses Wetten! Ich-weiß, ich weist: in diesem ganzen Hause wird an nichts andres gedacht, oben und unten: das ganze Haus ist wie vergiftet durch und durch, und es ist doch alles nur die Schuld von—" ■ Mrs. Barfield ging schnell ein paarmal im Zimmer auf Und ab, dann sah sie Esther an und sprach erregt weiter „Ich habe es mit angesehen, mein halbes Leben lang, nichts andres als das: und ich habe nichts andres daraus cnt- stehen sehen als Sünde und Kummer und Verzweiflung: Sie sind nicht das erste Opfer: o, welches Elend, welches Elend, welcher Jammer!" Mrs. Barfield bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen, als wolle sie die Erinnerungen, die auf sie einstürmten, von sich abwehren. „Ja, gnädige Frau, verzeihen Sie, daß ich es zu sagen wage— aber ich glaube auch, daß dies Wetten auf Renn- Pferde viel Unglück bringt! Den Tag, als die Herrschaften alle fort waren in Goodwood, da ging ich hinunter nach dem Strand: ich wollte mal sehen, wie der Strand hier aussieht: ich bin doch auch in einer Seestadt geboren, lind da traf ich am Strande Mrs. Leopold, ich meine Mrs. Nandal, Johns Frau: und die sah so unglücklich und so traurig aus, daß ich sie, uin ihr Gesellschaft zu leisten, zum Thee nach Hause bc- gleitete. Und sie war so erregt, gnädige Frau, daß sie ver- gessen hatte, daß ihre Theelösscl versetzt waren, und als ihr dann einfiel, daß sie mir nun keinen Löffel zum Thee geben konnte, da brach sie ganz zusammen und weinte sehr und er- zählte mir all ihr Unglück." „Was hat sie Ihnen denn erzählt, Esther?" „Ich kann mich nicht mehr so auf alles besinnen, aber es war auch immer ein und dasselbe! Wenn das Pferd nicht ge- wann, waren sie ruiniert: und wenn es gewann, wurde so lange weiter gewettet, bis sie auch so gut wie ruiniert waren. Aber so schlecht, wie an dem Tage, als Silberschwanz den Preis gewann, wäre es ihnen noch nie gegangen, sagte sie. Wenn er nicht gewonnen hätte, wären sie auf die Straße ge- worfen worden, und nach allem, was ich gehört habe, wäre es der halben Stadt ebenso ergangen." „Also der kleine Mann hat auch schon darunter gelitten! Ich hielt ihn für klüger als die andern! Ja, dieses Haus ist der Ruin der ganzen Gegend, und anstatt Rechtlichkeit und Tugend um uns herum zu pflanzen, haben wir nur Gottlosig- keit und Laster verbreitet." Mrs. Barfield ging im Zimmer auf und ab und sprach erregt weiter, wie zu sich selber: „Ich habe mein Lebtag dagegen angekämpft, aber ohne Erfolg. Wieviel Elend werde ich noch daraus erwachsen sehen?" Dann wandte sie sich zu Esther und sagte: „Ja, das Wetten ist eine große Sünde, und viele, viele haben schon darunter gelitten und werden noch leiden. Jetzt aber- handelt es sich um Sie, Esther. Wieviel Geld haben Sie?" „Beinahe acht Pfund, gnädige Frau." „Und wieviel, glauben Sie, werden Sie brauchen, um die Zeit zu überstehen?" „Ich weist es nicht, gnädige Frau, ich habe ja keine Er- fahrungen. Ich denke, Vater wird mir erlauben, zu Hause zu bleiben, wenn ich Bezahlen kann. Für sieben Schilling die Woche wird er mich wohl behalten. Und wenn dann meine Zeit kommt, werde ich ins Krankenhaus gehen." Während Esther so sprach, hatte Mrs. Barfield rascl� b"- rechnet, daß zehn Pfund ungefähr genügen könnten. Ihre Rückfahrt nach London, zwei Monate Pension a sieben Schilling die Woche, das Zimmer, das sie sich in der Nähe des Hospitals würde mieten müssen vor ihrer Entbindung, und in welches sie nachher mit ihrem Baby zurückkehren müßte— alles dieses zusammen würde wohl vier bis fünf Pfund kosten. Dann müßte sie Kinderzeug kaufen. Wenn sie ihr vier Pfund schenkte, hätte Esther zwölf Pfund, und damit würde sie wohl durchkommen. Mrs. Barfield ging zu ihrem altmodischen Schrcibpult hinüber, holte aus einem Schubkasten ein Papierröllchen hervor und entnahm diesem etwas Geld. „So, Esther, nun hören Sie mal zu. Ich werde Ihnen vier Pfund geben, dann haben Sic zwölf, und dies wird wohl genügen. Sie sind mir ein guter Dienstbote gewesen, Esther, ich habe Sie sehr gern, und es thut mir leid, mich von Ihnen zu trennen. Sie müssen mir schreiben und mitteilen, wie es Ihnen geht, und wenn Sie dann wieder eine Stelle� haben wollen und ich eine frei haben sollte, so werde ich Sie gern zurücknehmen." Härte hatte auf Esther stets die Wirkung, auch sie zu ver- härten und trotzig zu machen: Güte aber rührte immer schnell ie&eS gute Gefühl in ihr auf; und sie hatte jetzt nur den einen dringenden Wunsch, sich ihrer Herrin zu Füßen zu werfen: aber ihre schlichte, nüchterne Natur hielt sie davon zurück, und sie sagte in ihrer geraden Weise: „Sie sind viel zu gut zu mir, gnädige Frau: ich verdiene das gar nicht; ich weiß, daß ich's gar nicht verdiene." „Genug, genug, Esther, sagen Sie nichts weiter; ich hoffe nur, daß Gott Ihnen Kraft verleiht, Ihr Kreuz geduldig zu ertragen. Nun gehen Sie und packen Sie Ihre Sachen. Aber, Esther, empfinden Sie denn auch Ihre Sünde? Können Sie wahr und wahrhaftig vor Gott hintreten und sagen, daß Sie bereuen?" »O ja, gnädige Frau, das kann ich.—" „Dann knien Sie hier nieder, Esther, und beten Sie zu Gott, daß er Ihnen in der Zukunft mehr Kraft geben möge, um der Versuchung zu widerstehen."— Beide Frauen blickten einander an. Esthers Augen standen voller Thränen. Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich der Thür zu. „Noch ein Wort, Esther," sagte Mrs. Barfield.„Als Sie mich vorhin wegen eines Zeugnisses fragten, zögerte ich; jetzt aber sehe ich ein, daß es unrecht von mir wäre, Ihnen ein solches vorzuenthalten. Wenn ich das thäte, bekämen Sie vielleicht nie wieder eine Stelle, und wer weiß, was Ihnen dann alles passieren könnte. Ich weiß nicht, ob ich recht daran thue, aber ich weiß wohl, was es heißt, einem Dienstboten ein Zeugnis zu verweigern; und ich will diese Verantwortlichkeit nicht auf mich laden." Mrs. Barsield schrieb Esther ein Zeugnis, in welchem sie sie als ein ehrliches, arbeitsames Mädchen beschrieb, sie wollte auch noch schreiben„zuverlässig", zögerte aber und schrieb an- statt dessen:„Ich halte sie für ein durchaus gutes, gottes- fürchtiges Mädchen." Dann ging Esther hinauf, um ihre Sachen zu packen. Als sie wieder herunter kam, fand sie sämtliche Dienstboten in der Küche versammelt; man schien auf sie zu warten. Sarah kam ihr entgegen und sagte; „Wir wollen als Freundinnen scheiden, Esther, nicht wahr? Und wenn wir uns auch manchmal gezankt haben— jetzt sind Sie mir nicht mehr böse, was?" „Ich bin niemand hier böse; wir sind in den letzten Monaten alle gute Freunde gewesen; alle, alle seid Ihr sehr gut zu mir gewesen!" Und Esther küßte Sarah auf beide Wangen. „Und es thut uns allen sehr leid. Dich zu verlieren," sagte Margarete, die sich an sie herandrängte,„und Tu mußt uns bald schreiben, damit wir wissen, wie es Dir geht." Margarete, die ein sehr weiches Herz hatte, begann jetzt schon zu weinen und Esther zu küssen, und erklärte, daß sie noch nie zuvor mit einer Zimmergefährtin so gut ausgekommen wäre. Esther schüttelte die Grover die Hand, und dann be- gegneten ihre Augen denen der alten Mrs. Latch. Die alte Frau streckte die Arme nach ihr aus und zog sie an sich: „Mein Herz will brechen," sagte sie,„wenn ich bedenke, daß mein eigner Sohn Dir so ein Unrecht zugefügt hat, mein Kind! Aber wenn es Dir an etwas fehlt, so schreibe mir. Du sollst es haben. Du wirst auch Geld brauchen, hier ist welches." „Tanke, danke vielmals; aber ich habe genug. Mrs. Barfield ist sehr gütig zu mir gewesen!" Das Geräusch so vieler Stimmen lockte auch Mr. Leopold aus dem Büffettzimmer hervor. Er kam mit einem Glase Bier in der Hand und brachte dadurch Sarah auf einen Ge- danken.— «Wir wollen auf Babys Wohl trinken," sagte sie.„Mr. Leopold wird uns das Bier dazu liefern!" Einige lachten gutmütig über diese Idee, und Esther barg ihr Antlitz beschämt in den Händen und wollte fortlaufen. Aber Margarete hielt sie fest. „Welcher Unsinn!" sagte sie.„Wir denken alle darum nicht schlechter von Dir. Das ist ein Unglück, das uns allen passieren könnte." „O, ich hoffe nicht," sagte Esther.— Das Bier war getrunken worden, Esther wurde geküßt Und umarmt, einige Thränen wurden vergossen, und dann machte Esther sich auf den Weg über den Hof an den Ställen vorbei, (Fortsetzung folgt.x Hus dem JVUilihlebcn. Wenn auf irgend einem Gebiete viel U e b e r Produktion beklagt wird, so kann man eine Wette wagen, daß außerdem nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Unter Produltion be- steht. So ist es mit unserm Berliner Musiktreiben: innerhalb des Allzuvielen fehlt es doch allseits an Wichtigem. Dazu kommt jetzt noch, daß die Freie Volksbühne in ihren musikalischen Vorführungen anscheinend eine Stockung eintreten läßt. So offen wir gegen manche Mißgriffe der Freien Volksbühne unsre Bedenken erheben mußten, so bedauern wir dennoch diese Unterbrechung eines sonst rühmenswerten Strebens. Vielleicht ist es eine teilweise Ausfüllung dieser Lücke, daß sich neuerdings ein„Berliner V o l k s ch o r" gebildet hat, ein ge- mischter Chor, bereits aus mehr als 200 Mitgliedern bestehend und mit Absicht darauf gegründet, daß eine Lücke im Berliner Konzert- leben ausgefüllt werde. Er will größere Chorwerke und Oratorien klassischer Meister einüben und sie zu billigsten Preisen besonders für die Arbeiterklasse Berlins aufführen. In erster Reihe ist die Wahl gefallen auf„Das Paradies und die Peri" von Robert Schumann. eine Wahl, die trotz der etwas süßen Eintönigkeit des Werkes will- kommen geheißen werden kann. Nun ist in solchen Fällen eine Hauptschwierigkeit folgende. Es giebt manche Gesangvereine, besonders von Kleinbürgern, die ihren Gesangsmeistern zumuten, den Mitgliedern ohne Notenkenntnis die Stimmen Takt für Takt einzupauken. Eine tief bedauernswerte Steigerung des landläufigen Dilettantismus! Der Berliner Volkschor will von vornherein über eine solche Stufe hinaus sein und kein Mitglied ohne Notenkenntnis mitführen. Zu diesem Zwecke wird dort vom April ab musikalischer Elementarunterricht erteilt, so daß bis dahin alle der Noten noch Unkundigen ohne weiteres beitreten können, während späterhin nurmehr Kundige genommen werden. Diese Einrichtung scheint uns bereits ein günstiges Zeichen für den Geist zu sein, der den Verein beherrscht. Doch können wir ein andres Bedenken nicht unterdrücken. Bei solchen Unternehmungen spielt oft nicht nur das künstlerische Streben, sondern auch das Interesse für Geselligkeit, Unterhaltung, selbst Politik usw. eine Rolle. Davor kann man alle Hochachtung haben; es fragt sich aber dann immer, wie viel im Rahmen eines künstlerischen Referates davon zu halten ist— also kurz nach dem specifisch Artistischen. Demnach ist auch der neue Berliner Volkschor unsrer Sympathie in dem Maße sicher, als es sich bei ihm um reine Kunst, also speciell um Veredelung des Materials an Stimmen und der Formen der Vorführung, handelt. Daß der Chor bereits jetzt über 200 Mitglieder zählt, macht uns immerhin stutzig; eine so große Zahl bietet namentlich für den An- fang weit weniger Gewähr künstlerischer Entwicklung, als eine ge- ringere Zahl. Hinter den Coulissen giebt es wahrscheinlich noch viel mehr Schwierigkeiten, die immer wieder durch quantitative Mängel her- vorgerufen sein dürften. So besteht z. B. in Berlin außer den Opernorchestern(die ja für das folgende nicht in Betracht kommen) und dem Philharmonischen Orchester kaum eines, das einem künsr- lerisch strebenden Konzcrtgeber zur Verfügung stünde. Tie Orchester- Vereinigung von Profesior Hollaendcr scheint manche Schwierig- kcitcn in sich zu haben; und über die sogenannte Musikerbörsc in Berlin wird erst recht geklagt. Hilst sich jemand diesen Umständen gegenüber durch Benutzung einer Militärkapelle, so tauchen nun wiederum zwei Borwürfe auf: erstens, daß den Civilmusikern billige Konkurrenz gemacht, und zweitens, daß ein künstlerisches' Minus geboten werde. Dem steht aber mindestens die gute Eingcspieltheit und disciplinsichere Korrektheit dieser Spieler gegenüber. So fanden wir es ganz wohl angezeigt, daß Herr Paul Kurz zu seinem Kompositionskonzert am vorigen Montag in der Singakademie eine solche Kapelle zugezogen hat. Vor einiger Zeit entdeckten wir in Herrn Kurz, dem Dirigenten des Männergesangvereins„Schild- Horn"(1883), einen Komponisten, der zwar noch ziemlich tief in der Einförmigkeit des Vercinsgcsanges stak, aber doch schon durch einige individuelle Züge darüber hinauswies. Sein nculiches Konzert brachte uns in die Stimmung, es bis zu Ende zu hören; eine bereits bemerkenswerte Erscheinung. Aus den mehrfachen Männcrgesangs- kompositionen, Sololiedern und Orchesterstückcn des Genannten haben wir den Eindruck gewonnen, daß wir uns mit der Hoffnung, die wir auf ihn gesetzt hatten, nicht getäuscht haben. Am bemerkenswertesten scheint uns seine Fähigkeit, Naturstimmungen durch eigentümliche, sozusagen wellenförmige Tonfolgen darzustellen. Dabei läßt der Komponist immerhin festere, markantere, anschaulichere Grundlinien vcrmisien; es wallt und webt etwas gar zu viel. Manchmal wird diese Eigentümlichkeit von ihm streckenweise so eintönig, daß man fast schon von Langeweile sprechen könnte; dann tritt meistens eine Wendung ein. und. nun stellen sich den bisherigen, etwas gar epigonenhaften Zügen unerwartete, modernste Tongebilde gegen- über, daß es nur so kracht.. Dies gilt z. B. von dem Männcrchor mit Sopran-Arie:„Tie vierte Bitte". Leicht sind seine Sachen für einfachere Chorgesellschasten nicht; das sehr schöne„Hochamt im Walde" giebt an Schwierigkeit manchen vielgenannten Kompositionen moderner Größen nichts nach. Der schon erwähnte Schildhorn- Verein stand getreulich und mit technischem Können, wenn auch nicht mit besonders klangschönen Stimmen, für seinen Chormeister ein. Ausnahmen von dem viclbeklagtcn Uebclstand unschöner Stimmen in unserm rauhen, deutschen Lande verdienen immer eine besondere Beachtung. So dürfte z. B. innerhalb der fortwährenden i Not cm guten Tenoren ein Gastspiel willkommen sein, das neulich im Theater des Weste ns der Tenorist Christian Hansen begann. Er besitzt eine wirkliche, nicht nur scheinbare Tenorstimme von hohem, lyrischem Klang und ist auch so weit geschult, daß Einzel- heilen, wie z. B. Ungleichmätzigkeiten im Ausspinncn hoher Töne, wohl mit der Zeit nachgeholt werden können. Dramatisches Spiel fehlt ihm aber noch sehr. Es handelte sich damals um den„Postillon von Lonjumeau". Dieses einigermaßen wirklich musikalische Scherz- spiel wurde an jenem Theater besser gesungen, als sonst dort gesungen zu werden pflegt. Dazu half nicht nur der oft gerühmte Herr Emil S t a m m e r mit; auch Jenny Fischer machte ihre gesangs- technisch reiche Rolle gut. Allerdings können wir nur über einen Teil der Aufführung berichten. Der Ruf zum Anhören derselben kam uns so spät zu, daß nur die schleunigste Eile noch einen Bruchteil fürs Anhören retten konnte. Da wir neulich schon die Sclrtmcrigieiten berührt haben, die es hier für Menschen und Kritiker giebt, so darf auch wohl diese Kleinigkeit als ein Beispiel für viele erwähnt werden. Manche nicht üble Gesangsstimme ist uns in den letzten Tagen noch untergekommen. Sc der Tenor Rudolf Scheffler, mit einer gut tenorigen, zarten, hübschen Stimme, die. abgesehen von einigen Einklemmungen der Töne, nicht wesentlich verbildet ist, aber für schwerere Aufgaben noch lange nicht zureicht, besonders infolge einer Armut an Klangfarben und ähnlicher Langweiligkeiten. In der Weiterbildung dieser Stimme werden hoffentlich auch die Kon- sonanten nicht vergessen. Zugleich mit �dem Genannten konzentrierte die anscheinend bereits beliebte Sopranistin Theodora Salicath. Ihre Stimme ist etwas scharf und nicht immer ganz rein, wohl aber reich an Klangfarben, an Nuancen der Stärke und an energischem Ausdruck. Nicht übergehen möchten wir einen Anfänger, Herrn R a o u l S t r o m f e l d, der so viel ernstes Streben und Können zeigte, daß wir über seine mannigfachen UnVollkommenheiten hincuis auf eine gute Zukunft für ihn hoffen können. Bon dem. was aus den Mängeln und Vorzügen seines Gesanges in weiteren Kreisen interessieren dürfte, erwähnen wir nur die Erscheinung, daß der Sänger von einer anfänglichen Befangenheit an gegen Ende des Konzerts hin in seinen Leistungen berrächtlich vorwärts schritt. Es ist interessant zu hören, wie in einem solchen Fall die Klänge anfangs voll von Ge- räuschen sind und sich dann über diese hinaus immer reiner erheben. Schade, daß die sonst sympathische Stimme der Sopranistin Rosa Halpcrn allzu flimmernd und zitterig ist und manche selbst leicht herauszubringende Vokale zu sehr zerdrückt, als daß wir an ihre Leistungen anders als mit dem Wunsche nach einer gründ- lichcn Weiterbildung zurückdenken möchten, die aber in diesem Fall ebenfalls der Mühe wert sein dürste. Mit der Genannten zusammen konzertierte ein Violinmeister, der bereits längst zu den bestbekannten zählt: Franz Qndricek. Vielleicht ist gerade der Umstand, daß der Künstler in eine frühere Zeit zurückreicht, der Grund davon, daß wir hier einem energisch gestaltenden Spieler begegnen, von so festen und reichen Accenten, wie wir sie für gewöhnlich nicht zu hören pflegen. Wir meinen damit nicht nur Sarasate. Wohl aber dürfen wir uns einmal erlauben, Musik als dasjenige zu definieren, was jenseits des Sarasate beginnt und diesseits des Joachim noch immer nicht zu Ende ist. Ter eben genannte Meister gab neulich zusammen niit Eugen d'Albert ein Sonaten-Konzert, in welchem wir wiederum die überaus reiche, aber bereits gar zu minutiös feine Welt bewundern konnten, die Joachims Eigen ist. Ob es sich da um ein Einschrumpfen früherer Größe durch das Alter, oder vielleicht um einen allmählich veränderten Maßstab des Hörers handelt? Jedenfalls haben wir hier allerwahrhafteste Miisik vor uns; und bei der allgemein herrschenden Verwirrung darüber, was künstlerische und was andre Musik ist, können wir nur wünschen, daß Meister Joachim häufiger zu hören wäre, als in den etwas exklusiveren Konzerten, in denen er meistens spielt. Dagegen möchten wir nicht raten, den großen Saal der Philharmonie für solche feinste Vorführungen zu benutzen; in diesen weiten Räumen kann eine solche Leistung geradezu überhört werden.— sz. Kleines f euilleton. c. Die Tücken des Gedächtnisses. Das Gedächtnis ist, wie Montaigne gesagt hat, der Behälter des Wissens. Es spielt uns in- dessen oft genug die merkwürdigsten Streiche, die sehr komplizierte Phänomene sind und die zu erklären sehr schwierig ist; oft vcr- wandeln sie uns in Don Quixotes, die eine fixe Idee zwingt, gegen nicht bestehende Windmühlen zu kämpfen... Ein Mitarbeiter des „Globe" illustriert dies an einigen Beispielen. Edison, der ein ganz vorzügliches Gedächtnis haben joll, leidet oft geradezu an Geistes- abwesenheit. Als er eines Tages mehrere Stunden lang über ein physikalisches Problem nachgedacht hatte, begab er sich mit seinem Assistenten ins Eßzimmer und setzte sich zu Tisch. Nachdem er sich bedient hatte, dachte er wieder über das Problem nach, ließ den Kopf auf die Brust fallen und verfiel in Schlaf ohne gegessen zu haben. Inzwischen stellte der Assistent statt des vollen einen leeren Teller hin, und als Edison erwachte und den leeren Teller vor sich sah, rieb er sich die Augen, begriff nichts und sagte schließlich:„Sapristi, bin ich zerstreut I Ich habe gegessen und erinnere mich dessen nicht mehr K Bekannt ist die Geschichte von Newton, der sich ein Ei zum Frühstück kochen wollte. Als da? Mädchen in fein Zimmer trat, fand es den in Nachdenken ver- sunkenen Herrn mit dem Ei in der Hand, das er aufmerksam be« trachtete, während in der Kasserolle, in der das Wasser kochte, seine Uhr lag. Ein andrer Denker, dessen Name verschwiegen wird, ging eines Tages auf der Straße, ohne aufzusehen. Er stieß an eine Dame. in dem Glauben, daß es ein Hund sei. rief er:„Aus meinem Weg, dummes Bieh I" Äls er seinen Irrtum bemerkte, entschuldigte er sich vielmals. Ein Stück weiter wollte er die Straße überschreiten, in deren Mitte eine Kuh stand; diesmal glaubte er, es mit einer Dame zu thun zu haben. Er blieb also stehen, zog den Hut und sagte mit liebenswürdigem Lächeln zu der Kuh:„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau, erlauben Sie, daß ich über die Straße gehe." Ein ähnliches Abenteuer erzähtt man sich von dem Walzerkomponisten Metra. Zwei Wochen nach seiner Hochzeit mit einer amerikanischen Sängerin besuchte sein Freund Arsäne Houssaye, der als Zeuge bei der Hochzeit gewesen war, das junge Paar in seinem Hause in der Avenue Wagram. Er fand die junge Frau klagend und ganz in Thränen aufgelöst. Sie erzählte ihm, daß ihr Mann am Abend vorher ohne Hut heruntergegangen wäre, um eine Zeitung zu kauten und nicht zurückgekommen sei, Wo war er? War ihm ein Unglück zugestoßen? Was sollte sie thun? Die Tage vergingen und eine Woche später traf Houssaye zufällig in einem Omnibus Metra.„Du bist ja ein netter Ehemann," sagte er zu ihm. „Hoffentlich hast Du Deine Frau wieder aufgesucht?"—„Unmöglich, lieber Freund, denke Dir, ich kann mich nicht besinnen, wo ich wohne. Seit einer Woche suche ich vergeblich meine Wohnung und ich bin schon ganz verzweifelt." Oft ist es Geistlichen passiert, in chrer Predigt Worte zu gebrauchen, die nichrs weniger als heilig waren. So traf einmal ein englischer Prediger, als er sich zu seiner Kirche begab, unterwegs eine Fisch- Händlerin, die ausrief:„Wer kauft schöne Karpfen, ganz frisch? Sie sind lebendig, lebendig I U— u— u!" Als er nun seine Predigt begann, sammelte er sich und sagte:„Sehr gesiebt* Brüder, wenn der Sünder seinen Fehlern, Satan und der Eitelkeit der Welt entsagt, kann er sicher sein: seine Seele wird gerette» werden und bleibt lebendig, lebendig I U— u— u l" Diese letzten Worte sprach er mit der Intonation, wie die Fischweiber sie an« wenden. Auch im Theater kommt oft ein plötzliches Versagen des Gedächtnisses und Geistesabwesenheit vor. Sarah Bernhardt betritt daher nie die Bühne, ohne sich das Stück genau anzusehen, selbst wenn sie die Kamelien- dame spielt. Madame Patrick Campbell, die große englische Schau spielerin, hat auch dieses plötzliche Stocken des Gedächtnisses erfahren müssen. Vor etwa zehn Jahren betrat sie einmal die Bühne, und als sie ihre Antwort geben mußte, war sie wie von einer Lähmung betroffen: sie wußte ihre Rolle nicht mehr, eine Rolle, die sie über dreihundert mal gespielt hatte; sie wußte mchts, absolut gar nichts mehr. Diese Gcdächtnisstockung dauerte mehrere Minuten; sie wußte jedoch ihr Publikum durch eine so dramatische und schmerzvolle Mimik zu fesseln, daß man nichts bemerkte; aber der Seelenzustand der Schauspielerin während dieses Anfalls war schrecklich.— — Bratenduft und Silbcrklang. Der„Kölnischen Zeitung" wird geschrieben: Unter verschiedenen Einkleidungen ivird folgende Ge- schichte überliefert: Ein armer Schlucker kauert sich an das Fenster eines Garkochs und zieht, um sein trockenes Brot zu würzen, wäh- rend des Kauens mit geblähten Nüstern den Duft ein, der von den lieblich zischenden und brodelnden Töpfen und Pfannen aufsteigt. Der geizige Garkoch behauptet, der Zaungast begehe, indem er den Bratenduft einsänge, einen Diebstahl, und verklagt ihn. Der Richter läßt ein Silberstück auf dem Tische tanzen und fällt den Spruch, der Koch sei durch den Klang des Geldes für den Geruck, seines Bratens bezahlt. Rabelais, für lockende Küchendüste sehr empfänglich, hat die artige Geschichte dramatisch dargestellt; sie spielt vor der Garküche des Petit-Chätelct und die Stelle des Richters vertritt ein auf gut Glück zur Entscheidung des Streites gewählter Spaßmacher, der die Münze genau untersucht, che ihr Klang den verblüfften Koch bezahlt. Die..Revue ckes ötuäee rabelaisienues" teilt über den Ursprung der Anekdote folgendes mit: Schon Vor dem Erscheinen des Pantagruels erzählte man sie in Frankreich; das salomonische Urteil wird Guillaume de Tignonville zugeschrieben, der von 1401— t408Ober« richter von Paris war. Der Vorgang soll sich in der Rue St. Martin abgespielt haben, und der Geruchdieb, den Rabelais einen kaguin, Kerl, Halunken nennt, soll ein Schusterbube namens Facin gewesen sein. Weit vor dem IS. Jahrhundc:l aber wird die Geschichte im Novcllino, einer von Boccaccios Decameron in den Jahren 1280 bis 1290 ver- öffentlichten italienischen Novellensammlung erzählt, sie ist hier nach Alexandria unter die Türken verlegt. Die Novellensammlung enthielt keine Originaldichtungen, sondern Poesien aus zweiter Hand; die Spuren des Bratenduftes lassen sich bis zu den Legenden der Tumulen, einer vorderindischen Rasse, von der wir eine ausgezeichnete Litteratur besitzen, und der Khmcr, eines der bedeutendsten Völker Hinterindiens, verfolgen. Die kleine Anekdote ist also eine altehr- würdige Reliquie, die vor vielen Jahrhunderten vom fernen Asien nach Europa gewandert ist.— Völkerkunde. — Eine Hochzeit in Armenien. Ein Mitarbeiter des „Levante Herald" schildert eine jüngst in Bardisag stattgefundene armenische Massentrauung. Zweiunddreißig Paare wurden in diesem Städtchen an einem Sonntage vermählt. In Armenien wird die Verlobung von den Elternpaaren vorbereitet, und dem Bräutigam ist es nicht erlaubt, seine Braut vor dem Hochzeitstage zu sprechen. Die Massentrauungen erklärt der Mitarbeiter mit dem frühen Oster- feste und dem in Armenien üblichen Brauche, daß während des Festes und einige Wochen vordem keine kirchlichen Ehen geschlossen werden dürfen. Daher der starke Andrang, der dem Wunsche entspringt, vor derSpcrrzeit die erforderlichen Formalitäten zu erledigen. Dic Trauungsfeierlichkeitcn werden dadurch eingeleitet, daß die Eltern des Brautpaares an Freunde und Bekannte kleine Säcke mit Süßigkeiten versenden. Am Freitag vor der Vermählung begeben sich die weiblichen Mitglieder der Familie des Bräutigams in das Haus der Braut, um ihr beim An- kleiden behilflich zu sein! am folgenden Tage ladet der Bräutigam seine Freunde zu sich und mit ihnen begiebt er sich zu einem Barbier. Dort läßt sich der angehende Ehekandidat und seine Begleiter das Haar schneiden und den Bart kratzen. Die Rechnung bezahlt der crstere. Die Hochzeitsfestlichkeiten nehmen an diesem Tage, also Sonnabend, ihren Anfang und lverden vier bis fünf Tage ausgedehnt. Am Sonntage werden die Kleider des Bräutigams zur Kirche getragen und durch einen Priester ge- segnet. DaS Vorrecht, dem Bräutigam beim Ankleiden behilflich zu fem, wird im kleinen Kreise versteigert und zwar trachten sich die jungen Leute zu überbieten, um ihre Freundschaft zu beweisen. Der Höchstbieter zahlt die Summe an den Priester und hilft dem Bräutigam in die Kleider. Während der Versteigerung ist der letztere anwesend und verfolgt den Vorgang klopfenden Herzens, hat er doch dem Höchstbieter die doppelte Entschädigung zu zahlen. Wenn alle diese Vorverhandlungen geregelt sind, werden der Bräutigam und sein Trauzeuge unter Eskorte und mit großem Lärm in das väterliche HauS gebracht. Freunde und Verwandte finden sich ein. Die Speisen be- stehen aus Fleisch und Kartoffeln. Lauch oder Sellerie: daneben werden aber auch Kuchen und andre Süßigkeiten verteilt. Der Sonntag ist ebenfalls ein Tag der Lustbarkeit. Die Braut wird von den Freunden ihres künftigen Gatten im Triumphe abgeholt. Am Abende hat die Braut vorschriftsmäßig eine gewisse Zeit zu weinen, um anzudeuten, wie sehr es sie schmerzt, Vater, Mutter und Geschwister zu verlassen. Man bietet ihr von allen Seiten Taschentücher an. Es wird ge- sungen, getanzt und getrunken, und sobald die Schläfer am nächsten Morgen von ihrem Rausche erwacht sind, wird der Weg zur Kirche angetreten. Die weiblichen Anwesenden gehen voran. Bei der Rückkehr der Prozession ereignet es sich oft, daß von dem an- geheiterten Teile der Hochzeitsgesellschaft die Fensterscheiben benachbarter Häuser eingeworfen werden. Die Kosten hat der neu- gebackene Ehemann zu tragen.— l„Breslauer Morgen-Zeitung.") Aus dem Tierleben. er?. D e r S a n d f l o h i n A f r i k a. Zu den unangenehmsten Insekten der Westküste Afrikas gehört der Sandfloh. Dieses unserm gemeinen Floh verwandte Kerbtier ist zwar kaum halb so groß wie dieser, aber es hat die gefährliche Gewohnheit, sich in die Haut des Menschen und verschiedener Tiere einzubohren und darin seine Eier abzulegen. Die ausschlüpfenden Larven leben und wachsen in der Wunde und rufen dadurch bösartige Geschwüre hervor. Namentlich sucht der Sandfloh gerade die empfindlichen Stellen unter den Nägeln der Füße und Hände als Brutplatz aus. Nach den Berichten der Loango- Expedition ist der Sandfloh jedoch ursprünglich in Westafrika nicht heimisch, er wurde vielmehr im Jahre 1872 durch_ ein englisches Schiff von Brasilien eingeschleppt. Südamerika ist nämlich die eigentliche Heimat des Tieres. Nun zeigt Georg Henning in einem Artikel in der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrift", daß schon ein Reisender in früherer Zeit die Sandflohplage in Afrika kennen ge- lernt hat. Der Baseler Wundarzt Samuel Braun erzählt nämlich im Bericht seiner ersten Reise nach Westafrika, die in den Jahren ItUI bis 1013 stattfand, von einer Krankheit, bei welcher „kleine Würmelein, ivie sie im Käs pflegen zu wachsen", Löcher in den menschlichen Körper fressen. Das Uebel trat damals sehr heftig auf, die Wunden eiterten stark, und in vielen Fällen erfolgte sogar der Tod. Mit diesem Bericht ist ohne Zweifel die Sandflohplage gemeint. Diese Insekten sind ja so klein, daß sie nicht leicht wahrgenommen lverden, auch ruft das Einbohren in die Haut zunächst nur ein Jucken hervor. Die Larven sind dann eher zu erkennen, und sie hat Braun als Würmelein mit schwarzen Köpfen ganz richtig beschrieben. Auch Pechucl-Loesche berichtet in der „Loango-Expedition", daß bei Vernachlässigung oder falscher Be- Handlung der Wunden Verstümmelung und selbst Verlust des Gliedes, ja womöglich gar der Tod verursacht werden könnte. Die Behandlung war sowohl bei Braun, wie bei der Loango-Expedition dieselbe: die Wunde wurde ausgebrannt. Rur geschah dies"bei der letzteren mit Höllenstein, Braun ivandte den scharfen Saft der Simonen an. Auch der Namen, den der alte Wundarzt dem Uebel giebt, scheint auf die portugiesische Bezeichnung für Sandfloh zu stimmen. So kann kein Zweifel sein, daß zu jener Zeit die Sandflohplage in der Kongo- gegend geherrscht habe. Weder in den Reiseberichten vorher, noch in ben zahlreichen nachher wird der Sandflohplage iviedcr bis auf die Loango-Expedition Erwähnung gcthan. Die Seuche war danach Vcrantwortl. Redakteur: Julius KaliSki Berlin.— Druck und Verlag k sicher erloschen. Wahrscheinlich war sie ebenfalls durch das Schiff von Südamerika eingeschleppt worden, dc i die bequemste Fahrt nach dem Kongo hin ging o- der brasilianischen Küste entlang. Damals aber erlosch die Plage' bald wieder, weil es noch an Verkehr fehlte. Denn in den Reifet...chten, die in derselben Zeit ans Ober-Guinea, dem damals am häufigsten besuchten Gebiete Afrika?, stammen, wird der Sandfloh ebenfalls nicht erwähnt. Dagegen breitete sich im Jahre 1872 die Plage sehr schnell aus, und sie hatte in kurzer Zeit ganz Westafrika erfaßt. Allein sie scheint sich auch diesmal nach und nach zu erschöpfen. Schon etwa 20 Jahre nach der Einschleppnng nahm die Heftigkeit des Nebels merklich ab, da die Eingebornen immer mehr die Ursache und die Behandlung desselben kennen lernten. Henning meint daraus folgern zu können, daß man der Plage einmal gänzlich Herr werden könne und diese damit wieder voll- ständig ans Afrika verbannt werden würde. Nach Pechucl-Loesche ist an der afrikanischen Küste die Ansicht gang und gäbe, daß der Sandfloh nur eine vorübergehende Erscheinung sei. Danach möchte man annehmen, daß vielleicht im Volksbewußtsein das Auftreten und baldige Verschwinden der Sandflohplage fortlebe. Ein lokal und zeitlich sehr beschränktes Auftreten des Insektes kann ja vielleicht öfter vorgekommen sein, ohne daß ein Reisender dazu kam, der darüber hätte berichten können.— Technisches. — Der größte Oceandampfer der Gegenwart ist, nach dem„Prometheus", der für die White Star Line auf der Werft von Harland u. Wolff in Belfast gebaute Fracht- und Passagicrdampfcr ,. B a l t i c", der am 21. November 1903 vom Stapel lief. Er ist 222 Meter lang, 22,36 Meter breit, hat 16 Meter Raumtiefe lind eine Wasserverdrängung von rund 40 000 Tonnen bei 28 000 Tonnen Ladefähigkeit: sein Stapclgcwicht betrug 16 000 Tonnen. Die beiden vierstufigen Dampfmaschinen sollen dem Schiff eine Fahrgeschwindigkeit von 10,6 bis 17 Seemeilen in der Stunde geben. In England ist man nämlich der Meinung, daß für die mangelnde Geschwindigkeit des„Baltic" im Ver- gleich zu den Schnelldampfern die durch die hervorragende Größe des Schiffes bedingte Annehmlichkeit den Passagieren einen befriedigenden Ersatz bieten soll!„Baltic" ist jetzt der vierte Riesendampfer der White Star Line:„Oceanic" hat 17 274,„Celtic" 20 904,„Cedric" 20 980 und„Baltic" 24 000 Brntlo-Register-Tonnen. Hiergegen stehen allerdings die deutschen Schnelldampfer init ihrer bekannten, diesen englischen Fracht- und Passagierschiffen weit Über- legenen Fahrgeschlvindigkeit zurück:„Kaiser Wilhelm der Große" hat 14 360,„Deutschland" 10 602,„Kronprinz Wilhelm" 16 000 und „Kaiser Wilhelm II." 19 500 Register-Tonnen. Die„Baltic" soll 360 Mann Besatzung erhalten und 3000 Passagiere aufnehmen können. Der Speisesaal I. Klasse liegt auf dem Oberdeck und hat 370 Sitzplätze.— Notizen. — Bei I. G. Cotta erscheint jetzt die Säkular-Ausgabe von Schillers Sämtlichen Werken. Die 10 Bände starke Ausgabe bildet ein Gegenstück zu der großen Goethe- Jubiläums-Ausgabe.— — Der Provinzial- Landtag von Schleswig- H o l st e i n bewilligte dem Dichter Detlev v. L i li e n c r o n zu seinem 00. Geburtstag(3. Juni) ein E h r e n g e s ch c n k von 3000 Mark.— — Dem Carl Weiß-Theater ist die Aufführung deS Stückes„Ans einer k l e i u e u Garnison" von Fritz Ernst polizeilich verboten worden.— — Am nächsten Rovitäteno�end des Trianon- Theaters gelangt auch M i rb e a n S Einakter„Der Dieb", in einer deutschen Ilebersetzmig von Max Schönau, zur Aufführung.— —„Die faule Marie" ist der Titel eines Theaterstücks, das am Sonnabend im M ü n ch e n e r S ch a n s p i e l h a n s e die Erstaufführung erlebt. Die Gattin Hermann Sudcrmanns soll die Verfasserin sein.— — Kory-Towskas vieraktigeS Lustspiel„ M i ch a e l K o h l- Haas" erzielte in, Deutschen VolkStheater zu Wien nur einen Achtungserfolg.— Bnchereinlauf. — Irma Goeringer:„Die letzte Strophe", Novellen. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Preis 2 M.— — C a p t a i n Red Cloud:„Grcuzpanorama", Roman. Braunschweig. Richard Sattler. Preis 3 M.— — John Lehmann:„Befreites Glück", Roman. Berlin. Egon Fleischet u. Co. Preis 3 M.— — Wilhelm Gutekunst:„Der Li e b e s g o ck el Roman. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Preis 3 M.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 13. März._______ Vorwärts Vuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinLW,