Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 52. Sonntag, den 13. März. 1904 ivt (Nachdruck vcrbotcli.) Gfthcr Alaters. Roman von George Moore. regnete draußen, und der Wind pfiff heulend durch vie Baumwipfel. Der Weg war naß und aufgeweicht, und über den kahlen Feldern hing wie ein Schleier ein weißlich- grauer Nebel. Die Häuser unten am Meeresufer blickten "'nfam und verlassen, und in der Seele des Mädchens sah es - �n�ivur�iäw'WSoovlew'gcgairgeu,"uM'0Kir ihr unerträglich gewordnenen Heims zu entfliehen, und nun pilgerte sie zurück nach diesem selben Heim in tausendmal schlimmeren Umständen, als sie es verlassen hatte, und noch dazu schwer beladen mit der Erinnerung an ein verlorenes Glück. All der Kummer und Schmerz schwoll in Esthers Herzen au, als sie endlich im Eisenbahn-Coupö saß und zum Fenster hinausblickend zum letztenmal die steifen Pflanzungen unten am Ufer und die geraden Linien und Ecken des gelben, italienischen Hauses zwischen den Bäumen hindurchschimmern sah. Sie zog ihr Taschentuch aus der Tasche, hielt es vor ihr Gesicht und verbarg ihr Elend, so gut sie konnte, vor den übrigen In- fassen' des Coup6s. XIII. Als Esther an der Victoriastation ankam, regnete eS in Strömen. Sie raffte ihr Kleid sorgsam auf, um es nicht zu beschmutzen, und während sie durch den Kot watete, pfiff ein naßkalter Wind ihr ins Gesicht. Sic ließ ihre Kiste beim Portier stehen, weil sie nicht wußte, ob ihr Vater sie aufnehmen würde. Sie wollte jedenfalls erst ihre Mutter darum be- fragen, da man nicht gewiß sein konnte, in welcher Laune man ihn traf. Brachte sie ihre 5tiste gleich mit, so war es ja mög- lich, daß er sie sofort zur Thür hinauswarf; es war darum besser, sie vorerst zurückzulassen und nachher noch cininal den Weg zu machen, um sie zu holen. In diesem Augenblick goß ein furchtbarer Regenstrom auf sie hernieder, und sie fühlte, wie das Wasser in ihre Stiefel eindrang. Der Himmel war aschgrau, und alle die niedrigen, aus Ziegeln erbmiten Häuser waren vom Nebel umhüllt; die Straße'stand schon fast unter Wasser, war einsam und menschenleer und kaum ein Laut darin zu hören, als das melancholische Geklingel der Trambahn. Sie zögerte einen Augenblick, unschlüssig, was sie thun sollte. Sie wollte keinen Pfennig unnötig ausgeben, da sie sich aber des alten Sprichworts entsann, welches sagt, daß ein gut angelegter Pfennig oft mehr wert ist, als ein zu unrechter Zeit gespartes Pfund, machte sie dem Kutscher ein Zeichen an- zuhalten und betrat den Wagen. Die Trambahn fuhr durch die enge Straße, in welcher die Familie Saunders wohnte, und als Esther die Hausthür öffnete, konnte sie gleich bis in die Küche hineinsehen und hörte von dort die Stimmen der Kinder. Mrs. Saunders stand oben und fegte die Treppe. Als sie die Hausthür gehen hörte, beugte sie den Kopf iiber das Treppengeländer und rief: „Wer ist da?" „Ich. Mutter." „Was? Du, Esther?" „Ja, Mutter!" Rasch eilte Mrs. Saunders die Treppe hinab, lehnte den Kesen an die Wand, umarmte die Tochter und küßte sie ab. „Na, das ist schön, daß Du Dich wieder einmal sehen läßt nach so langer Zeit, Esther. Aber Du siehst nicht gut aus,"— und mit rasch veränderter Stimme sagte sie:„Was ist passiert? Hast Du Deine Stelle verloren?" „Ja, Mutter!" „O, wie mir das leid thut! Ich glaubte. Du wärest dort so glücklich. Bist Du etwa wieder einmal zornig gewesen und hast ihr unhöflich geantwortet? Die Herrschaften sind ja manchmal so, daß sie einen leicht in Wut bringen, und Du mit Deiner unglücklichen Heftigkeit!. f. Ich weiß doch, wie Du fchon immer als Kind warst!" „Nein, Mutter, ich kann meiner Daine keine Schuld geben, und auch meine Heftigkeit war nicht schuld. Nein, nein, nein; das war'S nicht, Mutter—" „Aber, mein armer Liebling, so erzähle mir doch." , �stber Zögerte. Die Kinderstimmen waren verstummt, und die Hausthur stand noch immer offen. „Komm in die gute Stube; dort können wir ruhig mit« einander sprechen. Wann erwartest Du Vater zurück?" „Ach, das wird schon noch ein paar Stunden dauern.� „Mrs. Saunders wartete, bis Esther die Hausthür ge« schlössen hatte, dann gingen sie beide in die gute Stube hinew und setztm sich zusammen auf das kleine Roßhaarsofa am Fenster. Die Unruhe in ihren Herzen spiegelte sich auf ihren Gesichterii wider. im slevemen Monat... „Ach, Esther! Esther!— wie schrecklich!-- Nein, ich kann es gar nicht glauben!" „Arme Mutter, aber es ist doch wahr!" Esther erzählte rasch ihre ganze Geschichte, und als ihre Mutter noch nach mehr Einzelheiten fragen wollte, sagte sie: „Ach, Mütterchen, das ist doch ganz egal; ich spreche lieber'nicht mehr darüber, als gerade nötig." Thränen rollten über die eingefallenen Backen der Mutter herab, und als sie sie mit dem Schürzenzipfel hinweg- wischte, unterbrach cm leises Schluchzen das Schweigen im Zimmer. „Weine nicht, Mutter. Ich bin sehr schlecht gewesen, aber Gott wird gut zu mir sein. Ich bete immer zu ihm, so wie Du es mich gelehrt hast, und ich denke, ich werde schon so oder so durchkommen." „Aber Vater wird Dich nicht hier behalten, er wird schimpfen, wie er es schon immer thut, daß so viele Mäulec da sind zum Füttern." „Ich will auch gar nicht umsonst hierbleiben; ich weiß schon, daß er mich dann rauswerfen würde. Ich kann für mein Essen und Wohnen bezahlen. Ich habe ganz hübsch ver- dient bei den Barfields, und obwohl Mrs. Barfield mir sagte, daß ich nicht bei ihr bleiben könne, hat sie mir doch vier Pfund bar gegeben, damit ich, wie sie sagte, mein Unglück leichter er- tragen könne.— Dort unten nannten alle sie die„Heilige", aber sie ist auch wirklich eine Heilige. Ich besitze also fastj zwölf Pfund. Weine nicht, Mütterchen, bitte, weine nicht, das nützt ja doch nichts, und Du mußt mir ja doch noch helfen, tapfer zu sein. Mit Geld in der Tasche kann ich irgendwo eiir Unterkoinmen finden, aber ich möchte doch lieber bei Dir sein; und ich denke, Vater wird sich noch freuen, mir die gute Stube hier und mein Essen für zehn bis els Schilling die Woche zu geben; so viel könnte ich wohl bezahlen, und er ist doch wahr- haftig keiner, der Geld von sich weist. Glaubst Tu nicht, daß er nüch hier behält?" „Ich weiß nicht, Kindchen, ich weiß nicht. Man weiß ja nie im voraus, was er thun wird. Ich habe es schrecklich ge- habt in der letzten Zeit. Und jedes Jahr ein Kind! Ach ja, wir armen Frauen, wir haben schon was zu ertragen!" „Armes Mütterchen," sagte Esther. Sie nahm der Mutter Hand in die ihre, legte den Arm um ihren Leib, zog sie zu sich heran und küßte sie zärtlich. � „Ich weiß ja, wie er war; ist er denn zetzt noch schlimmer geworden?" „Na, ich glaube, er trinkt noch ein bißcheil mehr als- früher, und darum, glaube ich auch, ist er noch heftiger, Neulich war's erst, da koche ich ihm sein Mittag; ein schönes Stückchen Beefsteak war's, und es sah so saftig aus, daß ich ein ganz kleines Häppchen abschnitt und kostete. Wie er das nun sieht.'schreit er doch los:„Na. Du. Alte, was machst Du init meinem Mittag?" Ich sage:„Ich habe mir nur ein kleines Stückchen abgeschnitten, um zu kosten."...„Na, da will ich Dir noch etwas zu kosten geben," sagt er und gicbt mir doch einen Schlag gerade mitten ins Gesicht, hier Zwilchen den Augen... Ach.'Du hast es gut gehabt in Deiner Stelle. Du hast gewiß schon vergessen, was wir hier alles durchzumachen haben." „Du bist immer zu gut zu ihm gewesen, Mutter. Mir hat er nie mehr etwas gethan, weißt Du, seitdem ich ihm das eine Mal das heiße Wasser ins Gesicht goß." � „Manchmal ist es inir gerade so. als könne ich es nicht mehr lange ertragen, Esther, und dann habe ich das Gefühl. als müßte ich hingehen und ins Wasser springen. Jenny und Julie— Dil erinnerst Dich doch noch an die kleine Julie?-- die arbeiten schon tüchtig. Jetzt sitzen sie auch bei ihrer Arbeit in der Küche. Johnnie macht uns viel Kummer, der Junge kann doch kein wahres Wort sprechen. Erst neulich wieder hat er so gelogen: da schnallte der Vater sich seinen Gürtel ab und hat ihn damit durchgehauen: aber auch das nützt nichts. Wenn Jenny und Julie nicht wären, wüßte ich nicht, wie wir jemals auskommen sollten. Sie arbeiten den ganzen Tag cm. ihren Hunden, und die Leute sagen immer, ihre Hunde seien besser gemacht als alle andern... Wer bei dem ewigen Drehen und Füllen werden ihre armen Finger ganz zu Schanden... Aber klagen thun die Mädchen doch nie. und ich würde es auch nicht thun. wenn er nur ein bißchen freund- licher wäre und nicht immer die Hälfte von seinem Gelde im Wirtshaus vertränke. Für Dich habe ich mich immer gefreut. ------ff V---- Sio+'f haftig nichts vorsköhiien, aber manchmal ist's mir doch wahr- haftig gerade so. als müßte ich mich hinlegen und sterben. wenn ich nachdenke, was aus den Kindern werden soll, weil wir doch immer weniger Geld kriegen, und immer mehr Aus- gaben kommen... Ich habe Dir noch nichts davon gesagt. aber Du siehst es mir doch an, daß schon wieder eins kommt: ja, ja, die vielen Kinder sind's, an denen wir armen Franeir ' ganz zu Grunde gehen. Ja, Dein Unglück ist auch schwer, aber Tu mußt eben Mut haben, wir werden alles thun, was möglich ist; mehr als hoffen kann man ja nicht." Mrs. Saunders wischte wieder ihre Augen mit dem Schürzenzipfel ab. und dann gingen Mutter und Tochter ohne weitere Worte zusammen in die Küche, wo die Mädchen an der Arbeit saßen. Die Küche war ein langer, niedriger Raum mit einem Fenster, das auf de» kleinen Hof hinausblickte. Am Ende des Hofes war ein Kohlcilloch. ein Schutthaufen und ein kleiner hölzerner Stall. In der Küche stand ein langer Tisch und an der Wand eine Bank: links war die Kochmaschine, ihr gegen- über stand ein wackliges, altes Buffett, und zwischen den arm- seligen Tellern und Töpfen waren die Spielhunde ausgestellt. Manche nicht größer als eine Faust, manche fast so groß wie ein kleiner Pudel. Jenny und Julie waren eiyige Tage hin- durch sehr fleißig gewesen und vollendeten eben die letzten Hunde, die zu der Bestellung gehörten, die sie voni Laden er- halten hatten. Drei kleinere Kinder saßen am Boden und waren damit beschäftigt, das braune Papier zu zerreißen und es den größeren Schwestern zuzureichen, wenn diese es forderten. Die großen Mädchen saßen da über den Tisch ge- beugt vor den eisernen Formen und füllten diese mit braunem Papier, welches sie festklebten und dann mit flinken, geschickten Fingern arrangierten. „Ach, da ist ja Esther." sagte Jenny., die Aeltere.„Du meine Güte, sieht die großartig aus! Wie'ne Dame! �ch hätte Dich kaum erkannt!" Beide küßten ihre Schwester, aber mit großer Vorsicht, aus Furcht, die schönen Kleider Esthers, die sie bestaunten, mit ihren. klebrigen Fingern zu berühren: dann dachten sie, in Bewunderung versunken, darüber nach, wie herrlich es doch fein müßte, eine Stelle als Dienstbote zu haben. Esther hob jetzt Harry, einen kleinen, vierjährigen . Jungen, in ihren Armen empor und fragte ihn, ob er sie noch kenne. „Nein, ich glaube nicht," sagte er. „Aber Du kennst mich doch noch, Lizzie." sagte sie zu einem siebenjährigen Mädchen, dessen helles, rotes Haar förmlich leuchtete m der rasch zunehmenden Abenddämmerung. „Ja." sagte die Kleine.„Du bist meine große Schwester: Tu bist über ein Jahr fort gewesen, in Stellung." „Und Du. Maggie, kennst Du mich noch?" � Maggie schien zuerst zweifelhaft, aber gleich_dararif nickte : sie eifrig mit dem Kopf., „Komm, Esther, sieh mal, wie schön Julie ihre Hunde macht," sagte Mrs. Saunders.„Sie macht sie bald ebenso . schnell wie Jenny. Sie ist freilich noch ein bißchen nachlässig, folgt noch nicht so gut, wie sie sollte. Hier zum Beispiel ist . einer, der hat zwei gemz verschiedene Schultern." „Ach, Mutter, als ob einer den Unterschied bemerkte!" „Den Unterschied nicht bemerken, nun seh doch einer! - Sieh Dir bloß den Hund an, ist das natürlich? Wie kann man so nachlässig sein." _„Esther, sieh Dir bloß Juliens Hund an," rief Jenny. „Der hat bloß'ne halbe Schulter: ein wahres Glück, daß Mutter es gesehen hat, denn wenn der Fabrikant so was sieht, findet er gleich noch ein halbes Dutzend andre auch schlecht, und Gott weiß wie viel Schillinge er uns dann wieder ab» ziehen würde." Julie begann zu weinen.. � „So ist Jenny immer zu mir: immer zanken und schelten: sie ist bloß neidisch, weil Mutter sagt, daß ich so schnell arbeiten kann wie sie; wenn man ihre Sachen genau untersuchen wollte—" „Da sieh Dir, bitte, meine Hunde an: alle die auf der rechten Seite vom Büfsett. Meine sind alle in schönster Ordnung: wenn mir einer einen mit einer schiefen Schulter zeigt, will ich doch gleich—"...., „Jenny hat gern alles ebenso dick, wie ste selbst ist, drum stopft sie soviel Papier in ihre Hunde." lFortsetzung folgt.)! Die Kuidcrubr, Grad' am ersten Vorfrühlingstag war es. Diese sonnenlose Zeit, die mir endloser schien, als jemals zuvor, war jäh versunken. lieber die weite Ebene, dort draußen in meiner stillen Einsamkeit, flutete schimmernde Verheißung. Die toten Bäume, die verstreut standen, atmeten und man wähnte den leuchtenden Hauch wie leises, hellgrünes Gewebe um die dunklen Aeste geronnen. In der Zcrne erschlossen geheimnisvoll blauende Waldzüge Pforten neuer Welten stemder Seligkeit. Jeder Hahnenschrei und jedes Hundcgebell war wie verzaubert. Irgendwo ein herüberwehender Peitschenknall erweckte die Vorstellung einer lustigen Frllhlingssahrt, da heiße Jugend begehrlich zu zweit ins ahnende Leben kutschiert. Die himnielan steigenden Rauchsäulen, die im Thal, dort, wo der Kanal ausgeschachtet wurde, von den Maschinen wehten, schienen wie von heiligen Opferfeuern den Dank für die Wiedergeburt der Sonne zu künden. War das alles nicht geschaffen zum freien Feiertag'? Würden nicht die Menschen herausströmen aus den Häusern, den Werkstätten, den Arbeitsstuben, den Schulen, und in festlicher Gewandung singend zum Fest der ersten Sonne, der gewaltigen Lebenshoffnung strömen? Wird nicht all' das millionenfache Dasein, das unter Tage kümmert, aufwachen und jubeln in der Wallfahrt des Glücks? Ach, nichts regt sich, kein Märchen erblüht, kein Fest gebiert der leuchtende Augenblick. Die Arbeit läßt niemanden frei, und alles bleibt mürrisch und müd. Mch selbst aber, den eine mächtige Bc- gier treibt, mich auf diesen feuchten Boden. Natur umarmend, niederzuwerfen, hält von der Verwirklichung der verzückten Sehn- sucht die nüchterne Erwägung ab, daß solcher Enthusiasmus unver- meidsich eine Woche reuevollen Schnupfens zur Folge haben ivürde. So ziehe ich den Vorhang vor meinen empfindsamen Uebermnt, und steige, den wirren Vorfrühlingswahn als eine gar nicht originelle Angelegenheit verscheuchend, in den allen Rüttelzug, in dessen überheizten Wagen die geschlossenen Fenster der eingesperrten Luft den ganzen Reichtum an Miasmen reffender Menschlichkeit ungemindert erhallen. In Berlin schwindet der letzte Rest des überschwenglichen Ge- fühls. Hier gedeiht kein Vorfrühling, höchstens erwächst ein mattes Gefühl, daß es leidlich schönes Wetter sei, und auf der Schattenseite an den Abhängen der grau überstrichenen Backsteingebirge weht eS wie Kellerluft. Jetzt ist meine Seele fest und solide gepflastert, und wenn ich versuchen würde, einen Stein auszuheben, nichts andres würde hervorwachsen als ein Gewirr emsig kriechender Asseln. Jetzt bin ich gewappnet, auch den Anblick jenes kleinen SaalcS im Gewcrkschaftshause zu ertragen, Ivo schlicht und schmuck- los die furchtbare Welt der Heunarbeit in einem Ausschnitt ge- zeigt wird. Das ist die ewige Anssperning der Sonne, das ist der lebens- längliche Kerker der Arbeit, der Dunkelarrest nie endender socialer Entbehrung. Heimarbeit— klingt das Wort nicht traulich wie ein Bild Ludwig Richters? Heimverwllstungsarbett sollte man diesen Bezirk des Grauens nennen. Hier vcrschioindet die gleißende Schaufenster- Heuchelei der Arbeit. Hier blickt man in die kranken, modernden Eingeweide der Lohnarbeit. So sollte man die Ausstellung in Saint Louis gestalten. In jedem Produkt sollte Arbeitslohn und Arbeitszeit angegeben sein, und dazu jenes Chaos kleinster giftiger Geschosse, die unablässig aus die ge- marterten Leiber der Arbeitenden eindringen, fcharftanttge Metall» splitterchen, tödliche Staubatomc. zerstörende Gase. Anfangs entsetzt man sich, wenn nian auf den Zetteln, die die Ausstellungsgegenstände erläutern, Stundenlöhne von 20, 1ö Pfennigen liest. Schnell aber gewöhnt man sich, in diesen Arbeitserträgen Reichtümer zu sehen. In der Blumenfabrikation und der Papierindustrie sinken die Löhne auf fünf Pfennige, und bei den Sonneberger Spielwaren und den Schwarzwälder Uhren wird die Menschenarbeit völlig entwertet: die Ernte einer Stunde ist nur noch in Bruchteilen eines Pfennigs zu messen. In dieser Ausstellung zerfällt aller Glanz deS Lebens. In lichten Gewändern führt Ihr die Liebste zum Tanz— seht Ihr nicht das Blut der ruchlos getöteten Stunden, das aus den Poren der zarten Stoffe unablässig rieselt? Seidene Blumen ranken an der leidenschaftlich lvogenden Brust— zergnülte Nächte— die Stunde 6V3 Pfennige spendend— habe» sie geschaffen I Andächtig — 207— sinkt Ihr nieder, um den kleinen seidenen Schuh der Erwählten zu küssen— das anmutige, feine Kunstwerk stammt aus einer Höhle der Heimarbeit, in der fast ein Dutzend menschlicher Ge- schöpfe hausen, arbeiten, kochen. schlafen, wo schon die Gesichter der Kinder zu alten, ernsten Larven erstarrt sind. die nie ein Lachen erhellt. Die dustenden Frauenhaare, die unsre Lyriker theoretisch befingen und unsre Lieutenants praktisch genießen, lösen sich unter der Kosenden Händen, die Radeln, die sie festhielten, fallen herab— diese Nadeln legten sauber in Papierhüllen der- hungernde ArbeitSsträstinge, und für 1000 Pakete zu je 20 Nadeln erhielten sie SO Pfennig. Auf einem der Tische, dort, wo die Kleineisenindustrie ihre Schrecken enthüllt— die Hände der Heimarbeiter sind billiger als die Maschinen, welche die Fajbritation dieser Artikel leisten konnten— ist tvie achtlos ein Hqustjia � wertlosen Spiellands hingestreut. Es sind jeuc KindernhrtitMstsO�zrnen Zifferblättern, die man drehen muß, wenn sich die Zeiger vorwärts bemom.r, ja» ------- w. M*/ vv f doch kleine Maschine�'HZtz���VsZrlteileil»lühsellg zusammen- gesetzt werden mnssen/.MWlljnZ mechanisch greifende Kinder- finger haben Oe gefügt� itnd wenn sie 1200 Stück voll- endet haben, beträgt ihr'Mbwfevcrdienst ll'/z Mark, 1200 Slück— 3Vz Mark, das Dutzend 3'/z Pfennige! Der Kriegsminister sprach neulich von seinem„bißchen Gehalt", den 30 000 Mark. Ich rechne, wie viel von diesen Uhren er anfertigen müßte, um das bißchen Gehalt zu verdienen. Er soll nur 3ö000 Mark kriegen, damit die Rechnung einfacher sei. Dann hätte er 12 Millionen Uhren im Jahre herzustellen, täglich rund 33000— eine unlösbare Aufgabe, auch wenn er 21 Stunden des Tages ohne Pause die Finger Hetzen würde. So würde man sein bißchen Gehalt mit ehrlicher Heimarbeit verdienen! Diesen schuldlos zu ewiger Verdammnis verurteilten Kindern leuchtet vergebens Sonne ünd Freiheit. Ihr Dasein ist auf die kleinen blechernen Räder geflochten, die sie in das Uhrgehäuse Tag für Tag, Stunde für Stunde einsetzen, festgeschmiedct von unentrinnbarer Not und im grausen Kreise rund- um getrieben vom Hunger. Das junge Dasein ist verengt und der- ödet zu ein paar Haiuierungen, die vom Morgen bis in die Nacht in gleichem Einerlei wiederholt werden müssen. Wäre ich allmächtiger Gesetzgeber, so würde ich verfügen, daß in jeden Gebrauchsgegenstand die vergeudete Arbeit und verdienten Pfennige in flaminenden Worten sichtbar eingebrannt, eingcäzt, ein- gewebt würden. Diese Zeichen würden die Träger verbrennen und die brutalsten Gewissen erweichen. Das blinde Lachen der Ahnungs- losen und die stumpfe Roheit der Ausbeuter würde angstvoll in sich zusammenbrechen. Ein Weltbrand der Welterneuerung würde hinter dem Trugbild der Schönheit die Hölle ihrer Erzeugung erscheinen lassen, aus der dann der Drang allmächtig emporflammen würde, die Menschheit von ihrer Qual zu erlösen.... Ich bm lvieder auf der Straße, das Herz voll Zorn. Der Vorfrühling ist bis auf den letzten Rest der Erinnerung tot. Da erzählen uns die Philosophen der Sattheit, wie herrlich sich die Gc- sellschast allmählich langsam zum Besseren entwickelt. Wahrhaftig, langsam, zum Wahnsinn langsam! Und währenddessen sinken die Geschlechter ins Grab, und unselige Kinder fertigen blecherne Uhren, 1200 Uhren für Z'/z Mark. Man redet uns vor, diese Gesellschaft sei ein kunstvolles Uhrwerk, in dem der Zeiger der Geschichte vor- wärts strebt. Eine Lüge ist's, eine verräterische Lüge! Das ist keine Uhr, die von selber geht. Eine plumpe, elende Kinderuhr ist dies Gestige der Gesellschaft, eine Kinderuhr, an der die Thränen der Kinder rosten, und dessen Zeiger nur vorwärts kommt, wenn wir selbst uns zu ihrem Schicksal auswerfen und sie drehen!— Jo 0. Kleines feuilleton. er. Eine Sklavin. Es lag eine drückende Stille über der kleinen Tischgesellschaft. Vater und Msuttcr atzen schweigend, Lenchen, die Große, sah verschüchtert drein, selbst die sonst so hellen Stimmen der beiden Kleinen tönten gedämpft und flüsternd. „Was ist denn eigentlich?" fragte der Mann endlich und schob den geleerten Teller zurück. Es antwortete niemand, aber die Mutter sagte:„Tu kannst abräumen, Lenchen, und wasch' auch gleich in der Küche ab." Das war das Zeichen zum allgemeinen Ausbruch. Die Kleinen stürmten jubelnd hinaus. Der Backfisch räumte das Geschirr zu- sammen und ging gleichfalls. Tie Frau faltete das Tischtuch und legte es beiseite, dann räumte sie im Zimmer umher, aber unruhig und planlos; es war ersichtlich, sie hatte etwas auf dem Herzen. „Was giebt es denn?" stagte der Mann zum zweiten Male. „Ach!—" Sie seufzte und zupfte an der Kommudendecke, dann kam sie plötzlich an den Tisch zurück und ließ sich schwer auf ihren alten Platz fallen:„Ja, ich muß es Dir ja doch sagen, es hilft ja nichisl Es ist nämlich... ach je, und ich weiß ja, wie schwer Dir's wird... und eigentlich kannst Du es gar nicht/aber es muß doch sein, ich brauch' noch acht Mark. Ich muß noch'was besorgen für Lenchen." Nun war es heraus. Sie atmete tief, von einer Last befreit. Ter Mann fuhr indessen auf. mit finsterem Gesicht:„Was brauchstc? Acht Mark? Wozu denn?'S is ja alles dal." „Ja, aber's is doch noch so kalt, da kann Lenchen nich per Taille geh'n, da muß sie noch'n Jackett haben. Ich nehm' aber gar kein's, ich nehm' ihr bloß'n Tuch und..." „Und das wirstc gefälligst auch lassen. Sie hat ja noch ihr neues Winterjackett, das kann sie anziehen." „Nee, Fritz, das kann se nich." Tic Frau wurde eifrig.„Zur Einsegnung kommen se alle mit neue Frühjahrsjacketts, und ich will ihr ja auch bloß'n Tuch nehmen, für drei Mark, und.. „Und wenn wir's nicht können, wirft's lassen!" Er stand auf und ging erregt im Zimmer auf und ab.„Noch 'mal acht Mark, das kann ich ja gar nicht Was denkste Dir denn eigentlich! Du weiht ja. was ich de Woche habe; Du weißt ja ganz gut allein, daß ich das nich kann..." „Ja, ja!" Sie seufzte wieder,„'s muß doch aber sein! � Und nn muß ich ihr auch noch'n Gesangbuch kaufen; Tante'Mstri��lchd ihr doch eins schenken, die schenkt ihr aber nu'n Ryrih «UoaHf«« tr-r „Gieb ihr doch Dcins; das is ja noch wie neu." „Ich soll ihr mein Gesangbuch geben?" Sic drehte sich empört zu ihm herum:„Na. Fritz. Du hast aber Einfälle, wo ist'n das Mode, daß die Einseguungsmädchen alte Gesangbücher nehmen? Das thut man doch nicht." „Na, wenn De nur Geld hast,'n neues zu kaufen." er lachte kurz auf,..'n Gesangbuch für drei Mark. Weggcschmiss'nes Geld. Nachher liegt's im Kasten und se sieht's in Leben nich wieder an. j'rade wie Du und ich." „Aber es muß doch seinl" Sie blieb bei ihrem stereotypen „es muß doch sein." Er wurde wütend:„Jawoll, es muß sein, und das schwarze Kleid mußte sein, und alles andre mußte sein,'s Krankenhaus für Dich muß auch noch bezahlt werden. Tis muß auch sein, sonst pfänden se uns aus, und Wein sollste auch trinken, damit De wieder zu Kräften kommst.— dis muß erst recht sein." „Nee, neel Dann laß man den Weinl Dann trink' ich keinen Wein mehr, dann sparen wir das Jeld da." Sie wurde lebhaft. „Und jebcn's für faulen Zauber aus!" Er brummte vor sich hin. „Aber Fritz, so was zu sagen.. Sie nahm eine erschrockene Miene an:„Jetzt nennste de Einsegnung faulen Zauber. Wie kannste denn so spotte»! Darum jcht's uns auch so schlecht, weil Du so'n Spötter bist!" „Ach!" Er lachte hell aus. Der Frau traten beinah' Thränen in die Augen:„Wenn'S nach Dir ginge, brauchte Lenchen womöglich gar nich eingesegnet zu werden." ..Nee, stimmt, �iind'ne jauze Menge Geld würden wir sparen und 'nc janze Menge Sorgen hätten wir weniger." Er pfiff durch die Zähne. „Aber das Kind muß doch eingesegnet werden," sie schrie auf. „was sollten denn alle Verwandten sage» und..." „Ach so. wegen der Tanten und Onkels..." Er lachte wieder. „Wegen der Tanten und Onkels müssen wir nnS in Sorgen stürzen." „Nee, jar nich wegen der Tanten und Onkels," ihre Augen funkelten auf,„auch wegen der Sache. Das weißte recht gut; und wenn ich auch keine Betschwester nich bin, und eigentlich jrade so denk', wie Du, und weiß, daß's Janze bloß so'ne... so'ne... Sache is"— sie hatte offenbar eine Scheu, sich darüber auszudrücken —„dies könnt' ich doch nich, meine Tochter nich einsegnen lassen, da hätte ich viel zu ville Angst, daß dies kein Glück bringt, und daß man seine Strafe'für kriegt. So hängt man denn doch an seine Grund- sätze, wo man d'rin erzogen worden is." „Jeesl Dann häng' doch d'ran und laß se einsegnen; Du läßt se ja auch einsegnen und ich red' nichts dawicdcr. Ich will Dir ja überhaupt nich an Deine Jefühle," er wurde ernst,„nee. daS weihte. das liegt mir sehr ferne,'s kann jeder denken, was er will; aber. wenn die Jeschichte sein muß, warum muß sc denn mit so ville Kledage sein? Wo man schon kaum's liebe Durchkommen hat, da soll man nu noch Kinkcrlitzkens kaufen. Zieh' ihr'n sauber'» Rock an, und kämme se glatt, dann is sc auch anständig angezogen." „Ja, ja," sie nickte vor sich hin.„Dies ivär' ja'n Ausweg, aber würde der Pastor se denn so nehmen? Nee." „Dann sag' Deinem Pastor, er predigte selber, sein Herrgott sähe nich auf Kleider." „Nee, Fritz, nu spottest De schon wieder! Laß doch man bloß's Spotten sein. Du sollst sehen, dafür kriegen wir unsre Strafe." „Jawoll, natürlich kriegen wir die," sein Unmut brach los.„das is ja überhaupt so in der Welt, daß de Juten ihren Lohn und de Bösen ihre Strafe kriegen. Darum lausen ja auch so ville Lumpen 'rum und leben herrlich und in Freuden." „Nu sag' es doch man wenigstens nicht," sie rang die Hände. „ja. doch's is so, aber sprich's doch nich aus; ich Hab' so'ne Angst. wenn de so was sagst. Und wenn ich auch jar nich weiß, wo vor. Aber ich Hab' so'ne Angst. Das steckt noch so d'rinn." Sie schluchzte auf, das rührte ihn sofort, er trat zu ihr und strich ihr über's Haar:„Haste Angst? Nee, die. Mite nich haben. Nu wein' man nich. Alte. Hier haste meinen Trinis>>�. versetze ihn, Du wirst woll so viel kriegen, daß's reicht für��Lers Er legte ihr den schmalen Goldreif aus d>n»,z!ij>p.„>, Sic nahm ihn, noch immer schluchzend:„Ja. pr--..iVit halT auch schon d'ran gedacht, daß wirklich nichts weiter übrig bktidw-Ach/a, — 208— 's is gar nich zu sagen, was so'ne Einsegnung für Sorgen macht. Aber,'s muh doch sein!" „Muh es fein?"— Der DLann war an das Fenster getreten ilind starrte auf den Hof hinaus, und still für sich wiederholte er noch einmal:„Muh es sein?"— — Die Dauerhaftigkeit flüssiger Luft wird veranschaulicht durch das Ergebnis eines Versuches, der zwischen Berlin und Genf gemacht worden ist,'Die Herstellung von flüssiger Luft für wissenschaftliche «und technische Zwecke hat bekanntlich gerade in Deutschland einen er- ihcblichen Umfang angenommen. Für den Aufschwung dieser In- dustrie mühte nun die Frage, wie weit sich flüssige Luft ohne einen erheblichen Verlust durch Verdunstung transportieren läht, von fast --scheidender Bedeutung sein. Dieser Erwägung hatte jener Versuch �.Optung zu verdanken. Eines Morgens wurden, wie das all." mitteilt, in Berlin in einer üblichen besonderen Ver- �n�.-"ieni Eisenbahnzug zwei Liter flüssige Luft übergeben. Die SCtirimg IXQJ Ctfi Iimi; im; �tuyci«...... ✓?«..c ein und wurde nach Verlauf eines weiteren halben Tages dem chemischen Laboratorium der dortigen Universität eingeliefert. Das Glasgefäh enthielt immerhin noch ein viertel Liter flüssige Luft, die sofort zu Experimenten in Benutzung genommen wurde. Sicher war ldies der längste Transport, der mit der merkwürdigen Flüssigkeit bisher vorgenomnien worden ist, und sein Ergebnis ermutigt wohl zu weiteren Proben mit größeren Mengen, bei denen der Verlust dann noch entsprechend geringer ausfallen wird.— Kulturgeschichtliches. gc. Bestrafung gewaltthätiger Ehefrauen im Mittelalter. Die Strafrechtspflege des deutschen Mittelalters, so hart sie im allgemeinen auch war, hat doch auch so manchen humo- ristischen Zug aufzuweisen. So findet sich zum Beispiel in manchen uns noch aus jener Zeit enthaltenen Folterkammern ein wunderliches Gerät vor, das etwa wie eine Tonne aussieht, auhcn mit bunten Wildern bemalt und auf der oberen Seite mit einem Loche versehen ist, groh genug, um einen menschlichen Stopf hindurch zu stecken. Dieses Instrument hieh der Schandmantel und war vorzugsweise bestimmt, bösen Weibern, die sich an ihren Eheherrcn vergriffen hatten, zur Strafe um Hals und Schulter gelegt zu werden. Sonn- tags muhten die Unglücklichen, mit dem Holzkleide angethan, zum Gespött der ganzen Gemeinde an der Snrchenthür stehen. Uebrigcns galt dieser Schandmantel noch als eine vcrhältnismähig geringe Strafe; häufig ahndete man körperliche Mißhandlungen, mit deiren sich eine„böse Sieben" gegen ihren Ehemann vergangen hatte, un- gleich schimpflicher. Eine solche härtere Bestrafung gewaltthätiger Eheweiber bildete zum Beispiel der Eselsritt, ein sehr weit ver- breitcter Brauch, der noch bis zum Jahre 1604 in St. Goar am Rhein in Hebung war. Hier erhielt der Besitzer der Gröndclbacher Mühle alljährlich zwei Klafter Holz gegen die Verpflichtung, den Esel zu stellen, auf dem die Weiber,„so ihren Mann geschlagen". rücklings durch die Stadt reiten muhten, während der Amtsdiener auf öffentlicher Straße das Urteil verlas, nachdem der Tambour mit seiner Trommel dem Manne des Gesetzes Gehör verschafft hatte. Dann zog die Menge johlend und schreiend, von den Stadtknechtcn nur mit Mühe von Angriffen auf die ohnedies hart Bestrafte zurück- gehalten, durch alle Gassen des Ortes bis zum Gefängnis zurück. Auch in Darmstadt und den umliegenden Ortschaften begegnet uns die Sitte des„Esclsrittcs" noch bis in das 17. Jahrhundert.— Aus dem Tierleben. ov. rs.s: 11 c 5 0? m Einsiedlerkrebs. Dr. Pohn, ein Mitglied des Allgemeinen Psychologischen Instituts in Paris, hat in oen letzten Monaten Experimente mit verschiedenen Mcerestiercn an- vsstellt, xim die Zähigkeit der Sinneswahrnchmungen und überhaupt die Intelligenz dieser riere zu prüfen. In seiner neuesten Veröftent- lichung bcichaftigt er sich mit dem bekannten Einsiedlerkrebs der Gattung Pagums, und zwar im besonderen mit dem Bernhardskrebs Mit Recht gehören diese Kruster zu den bekanntesten Mcerestieren' die m jedem größeren Aquarium das Staunen des Beschauers er- regen. Sie ähneln in ihrer Gestalt durchaus einem Krebs oder einem Hummer, nur mit dem wesentlichen linterschiede, daß der ganze Hinterleib des Panzers entbehrt. Damit nun dieser nicht die Bc- gehrlichkeit irgend eines Leckermauls unter dem Räubergesindcl des Meeres errege, versteckt ihn der Einsiedlerkrebs regelmäßig in dem leeren Gehäuse einer Mecresschnccke von bestimmter Art. Weil er immer als Bewohner eines solchen Schneckenhauses zu finden ist, hat *r., l, bezeichnenden Namen des Einsiedlers erhalten. Der weiche Hinterleib paßt sich mit der Zeit durchaus dem gekrümmten Verlauf - der Höhlung des Schneckengehäuses an. Ist der Krebs noch auf der Suche nach einem Hause, so prüft er die nächste teere Schnecken- Wohnung aufs genaueste, bevor er von ihr Besitz ergreift. Er krümmt seinen weichen Hinterleib bogenartig und studiert die Maße des Gc- ' häuses, dabei nimmt er auch die Scheren des zweiten und dritten Bcinpaares zu Hilfe. Besonders aber ist wohl der Hinterleib derart empfindlich, dah seine Wahrnehmungen den Kruster genau über die Form der Höhlung verständigen, die er in Beschlag zu nehmen gedenkt. und zwar vergewissert er sich mit diesem Körperteil sowohl über die Ausmaße, wie über die Form des Jnncnrmims, während das Betasten Wr Scheren bon außen nur die gröbere Untersuchung zu leisten bat. Weun ein Bernhardskrcbs auf eine Beute trifft, so versuchr er f?e chrft weder mit den Scheren oder mit der Krümmung seines Körpers aufzunehmekk. Eriveist sie sich dafür als zu groß, sck läht er sie liegen; ist sie zu klein, so entschlüpft sie dem Räuber. Andernfalls saht er sie mit den Anhängen am Ende des Hinterleibes. die in Haken umgebildet sind. Bezüglich der Wahl ihres Gehäuses scheint es den Krebsen auch noch auf das Gewicht der Schalen anzukommen, von dem sie sich dadurch überzeugen, daß sie die Schale umzudrehen versuchen. Bemerkenswert ist, dah ein Einsiedlerkrebs. den man aus seinem Hause herausgeholt hat, letzteres nicht wieder erkennt. Er kann getäuscht werden, wenn man ihn zwischen Kiesel- steine oder unbewohnbare Schneckenhäuser setzt, denn es dauert dann eine ganze Weile, bis er erkannt hat, daß diese Gegenstände zu seiner alten Behausung in keiner Beziehung stehen.— Humoristisches. — Kein Wunder.„Denken Sio-fich, der Hubcr hat neulich auf der Jagd, statt einen Hasen, ein K nitougtschossenl" „Das wundert m,ch gar nicht k..�-«-svchat-tn der Naturgeschichte immer'n Vierer g'habtl"— mthß sie — Gerechtes«seit äjT" Stunden gewartet, bis er endft■ wieder herausfliegt) können . I e» u v«. vv-.„-• en-vgrii und alsdann sofort nicht gleich'r a u s-. meine Zeit nicht ge- schmeißen stohlenl" — DerbeleidigteG roßbau er.„.... Wirklich, mein lieber Veitelbauer, ich kann nur sagen:„Ein sehr hübsches Fleckchen Erde" l" „F l e ck ch e n E r d e?.., San S' so guatl,,, Dös san fünfhundert Tagwerk I"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Comödianten-Dünkel. Im Wiener Deutschen Volkstheater wird nächstens„Rose B e r n d" von Haupt- mann gegeben. Fräulein Adele Sandrock sollte die Frau Flamm spielen. Fräulein Sandrock meldete sich krank. Nun ging der Regisseur Kadelburg zu ihr und zeigte ihr folgendes Telegramm: „Bitte Frau Sandrock zur Uebcrnahme der Frau Flamm in meinem Namen herzlichst zu ersuchen. Herzlichst grüßend Gerhart Haupt- mann."— Und was antwortete Fräulein Saudrock? Hier steht es: „Der Hauptmann kann mir den Buckel' r a n- steigen, ich kenn' i h n gar nicht. Ich denke nicht daran. die Rolle zu übernehmen."— — Im M ü n ch e n e r G ä r t n e r p l a tz- T h c a t c r erlebt noch in diesem Monat eine neue Operette von Heinrich Berte: „Die M i l l i o n e n b r a u t" die Erstaufführung.— — Der Berliner Volks-Chor, welcher billige künst- lerische Konzerte für die Kreise des arbeitenden Volkes, insbesondere Aufführungen größerer Chorwerke veranstalten will, nimmt bis zum 1. April noch Mitglieder ohne Notenkenntnis auf, deren Meldung jeden Mittwoch, abends von 8'/-— 10 Uhr. in der Aula des Sophien- Realgymnasiums, Steinstr. 31— 34, erfolgen kann.— — Bedeutende Blätter der graphischen Kunst hat das Berliner Stupfcrstich-Kabinett erworben: eine Kreide- Zeichnung Rembrandts:„Die Darstellung Christi im Tempel", eine Rubenssche Kreidcstudie zu einer Anbetung der Hirten, von Dürer eine Federzeichnung, die drei Bauern und Bauer und Bäuerin, Vorstudie zu Kupferstichen; von Wilhelm L e i b l ein Bild seiner Tante und von Max K l i n g e r eine Menukarte.— — Einen Preis von 1200 Mark schreibt die„Zeitschrift für physikalische Chemie" für die beste Lösung der folgenden Aufgabe aus:„Tie Littcratur über katalytischc Erscheinungen soll in mög- lichster Vollständigkeit gesammelt.und systematisch geordnet werden."— — Der Wert einesBienenvolkes für die Landwirtschaft. Eine interessante Berechnung stellt der Ingenieur Ferdinand Lupsa in der„Carinthia" auf: Ein Bienenvolk zählt im Sommer durchschnittlich 18 000 Stück. Etwa 75 Bienen fliegen in der Minute aus, von 7 Uhr morgens bis 0 Uhr abends wären somit 40 500 Flüge zu zählen. Jede Biene besucht während ihres Fluges ungefähr 45 Blüten, ein Bienenvolk an einem Tage also 2 227 50l> Blüten. Rechnet man ungcführ 100 schöne Tage für das Jahr, so erhält man 222 750 000 Blüten, die von einem Biencnvolke in einem Jahre besuchst werden. Wird nun auch nur der zehnte Teil der 222 750 000 Blüten befruchtet, so wären das immer noch 22 275 OOll Befruchtungen, die ein Bienenvolk im Jahre besorgt. Rechnet man den Wert von 1000 Befruchtungen nur auf einen Pfennig, so hätte die Landwirtschaft einem einzigen Biencnvolke immer noch 222,75 M« im Jahre zu verdanken.— — Der Tabakbau geht im G r o h h e r z o g t u m Hesse» immer mehr zurück. Nach den statistischen Aufnahmen gab es vor sechs Jahren in Hessen noch 2030 Tabakpflanzcr, heute gicbt es nur noch 1300; vor sechs Jahren waren rund 07 900 Hektar mit Tabak bebaut, heute nur noch 42 800 Hektar; vor sechs Jahre» wurden noch 1 137 400 Kilogramm gcerntct, im abgelaufenen Jahre nur 792 200 Kilogramm.— — Der schwerste Mann Europas soll ein Hotelbesitzer in Willenberg(Ostpreuhen) sein. Bei einer Gröhe von 1,71 Meter wiegt er 250,5 Kilogramm und mißt um die Brust 1,80 Meter, um den Gürtel 1,97 Meter.— Vevantwortl.Mdakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagsanstaltPaul Singer chCo., Berlin SW.