Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 59. Mittwoch, den 23. März. 1904 (Nachdruck verboten.) 201, Gfthcv Maters. Noman von G e o r g e M o o r e. XVII. Sie war glücklich, ihr Kind lag neben ihr. Ihre Glieder hingen schlaff und müde herab, und die langen Tage im Hospital verflogen in stillem, friedlichem Einerlei. Elegante Damen, Beschützerinnen des Hospitals, kamen und stellten allerhand Fragen an sie. Esther erzählte, dag ihr Vater und ihre Mutter in Vauxhall Bridge Road wohnten, und sie gestand ferner, daß sie sich vier Pfund bar erspart habe. In dem Zimmer, in welchem sie lag, standen zwei Betten, und die Insassin des andern Bettes erklärte, sie sei völlig arm und be- säße weder ein Obdach noch einen Freund auf der Welt. Natürlich wandten sich alle Sympathie und alle HilfS- Versprechungen dieser zu, und man betrachtete Esther als ein Mädchen, welches keiner Hilfe bedurfte lind dieses Vergehens überhaupt nicht hätte schuldig werden dürfen. Auch ein Geist- licher besuchte sie. Er redete viel in Esther hinein über GotteS Güte und Weisheit, aber alles, was er sagte, erschien Esther steif und wie aus Büchern erlernt, eS kam nicht von Herzen und drang deshalb auch nicht zum Herzen: und Esther schämte sich fast, daß diese frommen Worte es nicht vermochten, sie in tiefster Seele zu rühren. Ja, wäre es ein Geistlicher ihrer eignen Gemeinde gewesen, der da kam, an ihrem Bett kniete und mit ihr zusammen die Gebete sprach, an die sie gewöhnt war, es hätte wohl mehr Eindruck auf sie gemacht: aber dieser wohlgenährte, wohlgeklcidctc Geistliche, mit seinen auswendig gelernten Buchreden,.'rschien ihr als ein völlig Fremder und konnte auch nicht auf einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit von dem neben ihr schlummernden Kinde ab und auf das lenken, was er sagte. Der nennte Tag war vorüber, aber Esther erholte sich nur sehr langsam, und es wurde beschlossen, sie bis am Ende der dritten Woche im Hospital zu behalten. Sie wußte sehr wohl, daß es von dem Moment am wo sie die Schwelle des Hospitals überschritt und in die Welt da draußen zurückkehrte, keine Ruhe und keinen Frieden mehr für sie geben würde: und wenn sie an das Geräusch in den Straßen, an das Leben und Treiben da draußen dachte, erfüllte sich ihr Herz mit Furcht.— Ganze Stunden lag sie da, dachte an ihre geliebte Mutter und wünschte sehnlichst. Nachrichten von ihr zu erhalten. Endlich eines Tages teilte man ihr mit, daß ihre Schwester da sei, um sie zu besuchen, und ihr ganzes Gesicht erstrahlte vor Freude. „Jenny, was ist passiert, geht es Mutter schlecht?" „Mutter ist tot. darum bin ich hergekommen, ich wollte es Dir sagen, ich wäre schon früher gekommen, aber—" „Mutter tot? O, Jenny, Jenny! Nein, o nein, nicht meine arme Mutter!" „Ja, Esther, sie ist tot, ich wußte, daß Dir das schrecklich weh thun würde: wir sind auch alle sehr traurig gewesen, aber sie ist doch nun mal tot: sie ist jetzt sogar schon lange tot: und ich wollte Dir gerade sagen—" „Jenny, was heißt das, lange schon tot?" „Na, vor einer Woche haben wir sie begraben: es that uns allen so leid, daß Du nicht beiin Begräbnis sein konntest: wir waren alle da und hatten alle Krepp auf unfern Kleidern, und Vater hatte Krepp auf seinem Hut: wir haben auch alle geweint, namentlich in der Kirche und am Grabe, und wie der Küster die Erde'raufwarf auf den Sarg, da klang es doch Ifo schrecklich, daß ich ganz laut schluchzen mußte.� Und Julie, die verlor ganz und gar den Kopf, die wollte mit Mutter zu- sammen begraben werden; ich mußte sie mit Gewalt fort- führen; und dann gingen wir nach Hause und aßen Mittag." „O, Jenny, Jenny! Unsre arme Mutter ist also fort bon uns für immer! Aber wie ist sie gestorben, sag' mir doch? war es ein sanfter Tod? Oder hat sie viel leiden müssen?" „Gott! da giebt es nicht viel zu erzählen: Du warst kaum fort, da begann Mutter schon Schmerzen zu kriegen. Und da war sie doch so schlecht den ganzen Tag und die ganze Nacht durch, daß man es kaum mehr im Hause aushalten konnte; das Geschrei und das Gestöhne war gar nicht mehr an- zuhören!" „Und dann?" „Und dann wurde das Baby geboren: aber es war rot: und Mutter ist an Schwäche gestorben. So hat wenigstens der Doktor gesagt." Esther barg ihr Geficht in ihrem Kopfkissen. Jenny wartete, und ein häßlicher, egoistischer, selbstbesorgter Zug legte sich über das ordinäre Londoner Straßengesicht. „Nu, hör' mal zu, Esther, Du kannst ja weinen, wenn ich wieder fort bin. Ich kann nicht lange hier bleiben, und ich Hab' Dir doch so viel zu sagen." „Ach, Jenny, Jenny, sprich doch nicht so! Sag' niir lieber, ob Vater gut zu Muttern war?" „Ich weiß wahrhaftig nicht, er hat wohl nicht viel an sie gedacht; die meiste Zeit über war er im Wirtshaus. Er fagte, er könne es nicht in'nem Hause aushalten, wo'ne Frau so schreie und heule. Eine von unfern Nachbarinnen kam und pflegte Mutter, und ganz zuletzt kam auch noch der Doktor zu ihr." Esthers Thränen strömten herab, während sie ihre Schwester betrachtete, und die Frau in dem andern Bett meinte, es sei eine Narrheit, wenn Frauen z» ihrer Entbindung in ihrem eignen Hause blieben, denn da gäbe es doch meistens nur einen betrunkenen Mann, viele.Kinder und nichts zu essen: so wäre es doch wohl fast überall. In diesem Augenblick erwachte Esthers Baby und schrie nach Nahrung. Sic legte es an die Brust. Jenny betrachtete das Kind: der Anblick schien sie zu interessieren, obwohl sie ganz erfüllt war von dem, was sie ihrer Schwester mitteilen wollte. „Dein Baby sieht mächtig gesund aus," sagte sie. „Ja, das ist eS auch; lauter schöne grade Gliederchen: ein wunderschöner Junge. Aber, Jenny, Jenny, denke doch bloß an Mutter, an unsre arme, tote Mutter!" „Ich denke wohl an sie, Esther, aber darum kann ich doch auch Dein Baby ansehen: weißt Du, er sieht Dir ähnlich. In den Augen hat er so was Aehnliches: aber schließlich— nein — nein ich weiß doch nicht, ob ich ein Baby haben möchte. Wo soll denn ein arines Mädchen wie unsereins das Geld her- nehmen, was das kostet?" „So Gott will, soll es meinem Knaben nie an etivas fehlen, solange ich für ihn arbeiten kann! Aber, Jenny, nimm Dir an mir kein Beispiel, bleibe Du immer ein gutes, braves Mädchen: versprich mir, daß Du nie der Versuchung unter- liegen wirst! Versprichst Du?" „Ja, ja, ich versprech' es Dir." „So'n HauS wie unsres;'n betrunkener Vater, so viele Kinder, und nun, wo Mutter tot ist. wird es schlimmer sein als je zuvor. Du, Jenny, bist die älteste. Du mußt auf die Kleinen aufpassen und mußt versuchen, so viel wie möglich Vater vom Wirtshaus fernzuhalten. Ich kann ja nicht bei Euch sein: denn sowie ich wieder wohl bin, muß ich mich nach 'ner Stelle umsehen." „Ja, das war es gerade, worüber ich mit Dir sprechen wollte. Vater will nämlich auswandern: er will nach Australien. England hat er nun dick, sagt er; und da er seine Stelle bei der Eisenbahn verloren, hat er sich entschlossen, aus- zuwandern. Es ist schon alles arrangiert, er ist bei so'nein Agenten gewesen, und der hat ihm gesagt, er wird zwei Pfund pro Person für die Ueberfahrt bezahlen müssen: das will was heißen in so'ner großen Familie wie unsre. Und da es nun Vater schon so teuer wird, sagte er, ich bin alt genug, um allein hier zu bleiben und mir Geld zu verdienen. Wenn ich das Geld für meine Ueberfahrt hätte, würde er inich schon nnt- nehmen, aber ohne daS thut er's nicht.— Das eben war's, was ich Dir erzählen wollte." Jetzt erst begriff Esther, daß Jenny zu ihr gekommen ivar, sie um Geld zu bitten, aber sie konnte ihr keins geben, und der Gedanke, daß ihre ganze Familie sie verlassen wollte, erfüllte sie mit Schrecken. Sie wußte nicht, wo Australien war, sie hatte wohl mal davcm sprechen hören, und auch gehört, daß es Monate und Monate dauerte, dort hinzukommen. Aber mehr wußte sie davon nicht, und das Gefühl, daß sie nun alle von ihr gehen wollten, daß nun alle die Ihren in einem großen Schiff über das große Meer fahren lind sich weiter und weiter von ihr entfernen würden, entsetzte sie. Sie sah förmlich von ihrem Bette aus das Schiff: sie sah die kleinen Geschwister, Jenny, Julie nnö die kleine Ethel, sah, wie sie mit Bänden und Taschentüchern ihr zuwinkten, und wie sie dann an Bord des großen Schiffes allmählich ihren Blicken entschwanden. Unwillkürlich brach sie in Thronen aus. „Worüber weinst Du denn, Esther? Weißt Du, ich Hab' Dich noch nie weinen sehen, es kommt mir ganz komisch vor!" „Ach, ich bin ja noch so schwach; Mutters Tod hat mir das Herz gebrochen, und nun soll ich noch dazu auch Euch alle verlieren." „Ja, es ist schlimm, wir werden Dich auch sehr vermissen. Aber, was ich Dir sagen wollte. Tu hast doch verstanden, daß Vater mich nur mitnehmen will, wenn ich meine zwei Pfund bezahle; das wirst Tu doch nicht zugeben, Esther, daß ich allein hier zurückbleiben muß?" „Tu meinst, ich soll Dir das Geld geben, Jenny? Aber das kann ich nicht! Ich habe Vater schon zu viel von meinem Gelde gegeben, ich habe kaum genug mehr übrig, um zu leben, bis ich gesund bin. Ich habe nur noch vier Pfund übrig. Die gehören doch meinem Kinde; das Geld von meinem Kinde kann ich Dir nicht geben! Gott allein weiß, wie ich's möglich machen werde, durchzukommen, bevor ich'ne Stelle finde." „Aber Tu bist doch schon fast wieder gesund! Na, wenn Du mir nicht helfen kannst, kannst Du's eben nicht. Dann weiß ich aber auch nicht, was ich anfangen soll. Vater nimmt mich nicht mit, wenn ich nicht das Geld habe." „Für jede Person�, sagst Du, kostet's zwei Pfund?" „Jawohl." „Und ich besitze vier. Für vier Pfund könnten wir alle beide mitgehen, wenn nicht das Baby wäre; aber ich denke, für ein Kind an der Brust würden sie wohl nichts rechnen!" „Ich weiß nicht, aber Vater— Du weißt doch, wie der ist." „Das ist wahr, er will mich nicht haben, ich bin ja nicht sein Kind. Aber, Jenny, Liebling, o, es ist schrecklich, so ganz allein zurückzubleiben. Unsre arine Mutter tot, und nun geht Ihr alle nach Australien, und ich werde nie mehr einen von Euch wiedersehen." Beide schwiegen. Esther legte das Kind um an die andre Brust, lind Jenny dachte nach, was sie wohl noch zu ihrer Schwester sagen könnte, um sie zu bewegen, ihr das Geld�, welches sie haben wollte, zu geben. „Na, wenn Tu mir das Geld nicht geben willst, muß ich eben hier bleiben; es ist aber schade, denn alle Leute sage», daß ein junges Mädchen in Australien famose Chancen hat. Gott weiß, was aus mir wird, wenn ich allein hier bleibe." „Such' Dir doch'ne Stellung. Dann können wir ein-- ander von Zeit zu Zeit ja sehen. Schade, daß Du nicht ein bißchen kochen kannst, dann könntest Tu doch als Küchen- mädchen gehen." „Nein, ich kann nichts als die ekligen Hunde mache», und von denen Hab' ich nun gerade genug." „Du kannst doch immer eine Stelle als Mädchen für alles in einem Logicrhause annchmen." „'ne Stellung in'nem Logierhaus? Ich danke schön! Ich denke. Du hast genug davon kennen gelernt; es wundert mich, daß Du mir das zumuten willst!" „Na, was gedenkst Du denn zu thun?" „Ich könnte doch in der Pantomime auftreten, so als Statistin,, wenn man mich da nehmen wollte." „O, Jenny, Jenny, das wirst Du doch nicht thun: ein Theater ist ein sündhafter Ort, das haben wir doch gelernt!" „Zum Teufel mit der Sündhaftigkeit! Von all dem Predigen und Reden Hab' ich nun genug gehört; davon kann man nicht leben." „Ich kann jetzt nicht mit Dir darüber streiten; ich bin noch nicht kräftig genug, es könnte auch der Nahrung schaden," sagte Esther, und dann wiederholte sie noch einmal:„Ich hoffe, Jenny, daß mein Beispiel Dich warnen wird, und daß Tu keine Dummheiten niachen, sondern immer ein gutes, braves Mädchen bleiben wirst." „Warum denn nicht? Wenn's geht!" „Wie traurig, daß Du so sprichst, wo Mutter noch kaum kalt geworden ist in ihrem Grabe!" Auf Jennys Lippen schwebten die Worte: Du bist die Rechte, Tugend zu predigen, du mit deinem Kinde an der Brust! Aber sie hatte Furcht vor Eschers ihr wohlbekannter Heftigkeit, hielt die gefährlichen Worte zurück und sagte statt dessen:„Ich Hab' doch damit nicht gemeint, daß ich nun gleich heute abend auf die Straße lmisen will; ich meine nur, daß ein Mädchen, das in London allein bleibt, auf schlechte Wege kommen kann, ohne daß sie es will." „Nein, das giebt's nicht,- sagte Esther.„Wenn ein Mädchen auf Abwege kommt, ist's immer ihre eigne Schuld!" Esther sprach die Worte fast mechanisch, aber plötzlich enk- sann sie sich wieder Jennys Anliegen und fügte hinzu:„Ich würde Dir gern das Geld geben, wenn ich's wagte; aber eA gehört doch dem Kinde; nein, ich darf es nicht!" „Ach, Du kannst es schon, wenn Du nur willst. Glaubst Du vielleicht, ich würde Dich sonst darum bitten? Aber wis lange noch, dann verdienst Du ein Pfund die Woche." „Ich?, Ein Pfund die Woche? Was fällt Dir denn ein, Jenny?" „Warum denn nicht? Du kannst doch als Amme gehen, dann verdienst Tu ein Pfund und Dein gutes Essen, Trinken, Kleider und alles dazu." (Fortsetzung folgt, x „Das Gespenst unserer Zeit" In der deutschen Belletristik herrschen zur Zeit die verschiedensten Tendenzen. DaS an sich löbliche Streben, neue Stoffgebiete auf- zusuchen, ist nachgerade in eine förmliche Hetzjagd ausgeartet. Preußen- Deutschland als Klassenstaat tritt in den meisten Romanen auffällig hervor. Den Angelpunkt bilden die drei „apokalyptischen Reiter": Kirche, Kapitalismus, Militarismus. Beweis dafür bieten die allerhand„Gesellschafts"- Romane, als da sind: AdelSromane, Pastorenromane, Offiziersromane. Dazwischen gehen natürlich Romane des kapitalistischen BiirgcrtumS und solche, die sich, allerdings nur sporadisch, mit dem Stand der Aerzte, Künstler, Schriftsteller, Ingenieure ec. befassen. Beinahe ebenso reich macht sich der Frauenroman bemerkbar. Er zeigt die Tendenz, den Typus des„neuen Weibes" zu schaffen. Ohne sociale Streiflichter geht's da nicht ab. Und das ist selbstverständlich. Es gilt den Kamps um die Anerkennung der Frau in staatsrechtlicher wie in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht. Die Tendenz künst- lcrischer Vertiefung macht sich hier und da in erfreulicher Weise geltend. Der stoffliche Reiz wiegt aber vor. Der litterarische Wert ist meistens Null. Unr so verschärfter tritt der Kritizismus, die bald versteckte, bald offene Satirisicrung auf. Die Einwirkung des SocialismuS zeigt sich hier insofern, als die Sehkraft für Schäden und Auswüchse am Gesellschastskörpcr verschärft wurde. Dies Moinent verleitet nun freilich öfters zn sensationeller Behandlung. DaS Augenblicksinteresse au diesen oder jenen Vorgängen und Erscheinungen im öffentlichen Leben hebt mir allzu häufig die künstlerische Wirkung aus, die— wir sehen das bei den jüngsten Militärromanen— entweder von vornherein beiseite gelassen wurde, oder aber nicht zu erreichen war. weil die Aktualität des Stoffes noch keinerlei dichterische Perspektive zuließ. Vorausgesetzt natürlich, daß der Autor kein gc- wohnlicher Romanschreiber, sondern eine künstlerische Persönlichkeit ist und daß er sich dein jeweiligen Stoff als Kenner irnd Wissender gewachsen zeigt. Prüfende Betrachtung kehrt nicht selten das gerade Gegenteil. Anders wurde so mancher Roman ungeschrieben bleiben. Und das wäre gut. Denn es wird unglaublich viel gesündigt an unbeabsichtigten Thatsachenfälschungen, sinnividrigcn litteilen und Verdrehungen, die samt und sonders aus UnWissen und Scheinkenntnis hergeleitet werden inüffen. Handelt es sich bloß um eine Licbesgeschichte, geht's noch an. Brenzlicher wird es schon, wenn Menschen einer besonderen Bcrufssphäre in eben diesem Milieu geschildett werden sollen. Schlimmer steht es allemal da, lvo Klassenunterschiede, ganz bestimmte Anschaunge» chrcr großen Volksgememde in Frage kommen. Dreht es sich vollends um eine auf einer Neuordnung der Dinge und Verhältnisse sich cmporringende Weltanschauung, wie sie von der Socialdemokratie vertreten lvird, so bedingt das für den Schriftsteller nicht allein, daß er über positives Wissen verfüge, sondern auch, daß er selber vom Geiste jener Weltanschauung durchdrungen sein müsse. Daraus folgt, daß sich kein Dichter, sei er noch so bedeutend, migestraft an einen socialen Romanstoff wird Ivagen dürfen, so lange er nicht den haltlosen Boden bürgerlicher Anschauungen verlassen hat. Anders würde jedwede zur Schau getragene sogenannte„Volks- srcundlichkeit" den Verdacht frivoler Koketterie oder tendenziöser Dar- stellung erwecken. Ob die crstere nicht noch verwerflicher sei als die letztere, mag hier uncrörtctt bleiben. Hinlviederum wäre es aber auch borniett, einer künstlerischen Schöpfung von vornherein den Vermerk beivußter Parteilichkeit zuzuschieben, bloß weil der Autor Socialdemokrat ist. Auf alle Fälle bedeutet die Behandlung eines streng sociale» Problems für den Schriftsteller die Scylla und CharybdiS zugleich. Untenrimmt er das Wagnis dennoch, so wird in erster Linie zu untersuchen sein, ob sein Können der Aufgabe gewachsen ist. Sehen wir einmal, in welcher Weise der soeben erschienene Roman:„Das Gespenst unserer Zeit"*) von Heinrich Keller jene Anforderung erfüllt. Die Handlung spielt in Wien. ") Egon Fleische! u. Co., Berlin. Preis 5 M. Damit rechtfertigt sich auch der Titel deZ Buchest Der Verfasser unternimmt es zu schildern, wie alle arbeitenden Stände, nicht nur der Handarbeiter im engeren Sinne, der Proletarier, um ihre Existenz ringen und unter der Verkehrtheil der heutigen Verhältnisse zu leiden haben, wie sie unglücklichen Zufällen, Arbeitslosigkeit und Untergrabung der Gesundheit auf der einen, Geschästsstockungen und Krisen auf der andren Seite ausgesetzt find, an denen sie keine Schuld tragen und die sie nicht abwehren können. Im Vordergrunde der Handlung steht der Sohn eines Handwerkers, der des letzteren allmählichen Geschäftsruin mit erlebt und hierdurch sowie infolge eigner Schicksale auf die Erforschung der Ursachen hingelenkt wird. Die Typen der andern Stände, der Bauer, der Fabrikant, der Arzt, ein Staats- beamter, große und kleine Handeltreibende, erwerbende Frauen, wie eine Prwatlehrerin, eine Gesindevermieterin, endlich Fabrik- arbeiter werden zur Handlung derart in Beziehung zu setzen versucht, daß der Held die traurigen Schicksale dieser Personen beobachten kann und nni ihnen in Rapport tritt. Er erkennt den Druck, der auf allen lastet, auf den Reichen wie auf den Armen, und sieht die Folgen dieses ZustandeS, Hunger, Untergrabung her Ge- sundheit, Verlotterung, Verbrechen. Prostitution und Verzerrung des Begriffs der Ehe, die ein Handelsartikel geworden ist. Durch den Untergang seiner Familie, besonders seiner Braut, einer Fabrik- arbeiterin, wird in ihm die Begeisterung geweckt, für die Allgemeinheit im Sinne einer Besserung der Weltordnung auf socialistischer Basis zu wirken. Er wird der Führer dieser Volksbewegung und erhält als Abgeordneter des Reichstags für die Verwirklichung seiner Bestrebungen weitesten Spielraum. Man wird aus diesen Andeutungen ersehen, daß der Verfasser alle Kontrasterscheinuugen des Daseins nebst allen Argumenten be- rückfichtigt hat. Käme es darauf an, so wäre gegen den Roman wenig einzuwenden, weil er zudem durch fleißig studierte Milieu- schilderungen des Wienerischen Lebens, besonders aber durch Verwertung eines unverfälscht wiedergespiegelten Dialektidioms, als echtestes Charakterisicrungsmittel äußerst wirksam gehoben erscheint. Ebenso richtig sind die meisten Personen, namentlich aus dem Arbeiter- und Kleinhandwerkerstande hingestellt, so lang sie in ihrer Sphäre vcr- bleiben. Sie erhalten aber fast ohne Ausnahme immer einen Stich ins gewaltsam konstruierte, sobald sie der Verfasser heraustreten läßt. Nun reden, handeln, steige» und fallen oder enden sie, wie er es will. Jedem ist die Ouinteflenz einer social formulierten Anschauung hinten angeklebt, etwa, wie die altitalienischen Maler den auf ihren Bildern dargestellten Menschen erklärende Zettel in die Hand oder den Mund gegeben haben. Ein arbeiter- freundlicher Unternehmer vom Schlage des Großfabrikanten Hart- mann, der sich sogar mit Marx', LassalleS Schriften vertraut zu machen unternommen hat, der schließlich mit dem Helden des Romaus, feinem Vorarbeiter Duzbrüderschaft schließt, ist. wenigstens nicht für jene Zeit der Anfänge des SociäliSimis in Oeftreich, kaum denkbar. Auch die Menschenfreundlichkeit des Kassenarztes dürfte schwerlich soweit gehen, gleich jedem Patienten bei Konsultationen über Proletaricrkrankheiten und deren Vermeidung ein Kolleg zu halten. Die Lebensführung der Bauem-Marie von der Vergewaltigung durch einen zum Strolch hinabgesunkenen Schreinergesellen bis ins Bordell hat den Haut-fxüur gewisser Wiener Lokalblätter. Die Motivierung des Streiks mit»ach- folgendem Krawall klingt unwahrscheinlich. Sollten gewerkschaftlich organisierte Arbeiter denn wirklich nicht die Ziele der Organisation und den Zweck eines Streiks kennen? Endlich schmeckt auch des Helden große Jungfemrede im Parlament, mit der das Buch schließt, allzu ausdringlich nach Apotheose — und Papier. Die dem UrWiener anhaftende Weichheit, Gutmütigkeit und Gutgläubigkeit in mancherlei Dingen ist auch mit dem Verfasser über Gebühr durchgegangen. Wenn er davon los- kommt, verspricht er einmal Vollendeteres zu leisten. Denn dieser Roman ist trotz aller seiner Gestaltungsmüngel immerhin als eine höchst erfreuliche Kraftprobe zu bewerten. Weit weg von irgendwelchem socialen Anhauch bewegt sich „Ein K l e i n st a d t r o in a ii" von Georg W a s n e r.*) Ein Re- gierungSbanmeister, der von Berlin nach einem ostpreußischcn Land- städtchen versetzt ist, nebst seiner jungen Frau geben darin den Angel- Punkt der ziemlich alltäglichen Handlung ab. Wie die beiden Großstadt- menschen sich dort zurechtfinden müssen, sowie sie mit den Honoratioren, als da sind: der Landrat, der Bürgermeister, der Gynmasiumsdirektor, der Landgerichtsrat, einige Gutsbesitzer und deren Frauen in Verkehr und Widerpart geraten, wie darunter das Glück ihrer Ehe zusammenzubrechen droht: das macht die Handlung aus. Der Verfasser ist ja wohl emsig dabei, das Ostpreußentum jener Kleinstädter recht eindringlich zu kennzeichnen. Aber alt' dieser Klein- kram ist doch eher dazu angethan, falsche Vorstellungen zu wecken. Denn was sich da als ostpreußische Art geriert, ist typisch für jedes Landncst, wo auch immer cS sei. Zum Schlüsse läßt es der Ver- fasser auch nicht an einer gruseligen Sccne für empfängliche Seelen fehlen. Er ftihrt den Baumeister an einem Felsen an, Flusse— soll doch wohl bloß ein„erratischer Block" sein?— von wo herab er seine junge Frau stürzen will. DaS ist doch ein bißchen reporter- Haft— und unwahrscheinlich. Alles in allem genommen: ei» Kon- versationöroman ohne litterarische Note. Eher kommt diese Bezeichnung dem Roman:„Die stillte *) Egon Fleische! u. Co.. Berlin. Pr. 3, öl) M. Stadt"*) von Richard Huldfchiner zu. Er spielt in Tirol bei der.Engelsburg" der Margarete Maultasch. Historische und sagenhafte Reminiscenzen schwingen da in eine stille Liebeshandlung hinein, eine Liebeshandlung, die von Menschen unsrer Tage redet. Die stille Stadt ist ein kleiner Ort,„da unten im Gebirge, in dem jeder Mensch ein Sonderwesen ist. Jedes HauS hat sein eignes Gesicht. Und jeder Mensch in dieser Stadt hat fein eignes Gesicht, und keinen läßt sie aus, der nicht den Stempel einer geheimnisvollen Besonderheit mit sich davon trüge". Das Glück wohnt nicht in ihren Mauern und ihre Stille ist nicht der Frieden der Wunschloscn. Ihre Stille ist vielmehr Verzicht und das innerliche Verbluten geschlagener Kämpfer, die den Wahn des Kampfes erkannt haben. Die ganze Stadt„ist wie ein Friedhof, Leichenstein bei Leichenstein, weiß, kalt, hohnvoll und unsäglich still". Ein Friedhof. in dem das Weib begraben ist, das v i e l l e i ch t das„Glück" gebracht hätte, ein Friedhof, den religiöser Fanatismus fchleichender Mönche in langem, langem Haß gefüllt hat. Ein Jude liebt«ine christliche Frau. Aber sie kommen nicht zusammen; denn die Geliebte stürzt sich zum Fenster des alten Schlosses hinaus. Durch das ganze Buch geht zionistische Sehnsucht. Die Sprache hat träumerische Ver- sonnenheit. Die Menschen hufchen wie gespenstige Schatten vorüber. die Handlungen zucken in Schmerz getaucht. Verbluteudes Sehnen. die feine Stimnmng der Stille, Lyrismus ist alles. Ein Roman ist das nicht, aber eine reizvolle Novelle, eine Apologie jener differenzierten Sehnsucht im Volke Israels, welche in der zionistischen Bewegung ihren sonderbaren, seelischen Ausdruck empfangen hat.— Ernst Kreowski. Kleines Feuilleton. <3. Erinnerungen. Es war eigentlich kein Platz mehr auf dem Perron; die beiden Männer in der Ecke rückten indessen zusammen. der junge Arbeiter nahm sein Handwerkszeug unter den Arm und so fand der Alte doch noch ein Eckchen; er bot eine etwas ausfällige! Erscheinung. Linkisch und unbeholfen, in einem Rock von stark ver- altetem Schnitt, verriet er auf den ersten Blick den Provinzialen. „Hermannplatz I" sagte er zum Schaffner.„Sie fahren doch Hermannplatz?" „Allemal. Hcrmannplatz, Rixdorf." „Man findet sich ja gar nicht mehr hier zurccht," sagte der Alte. als müßte er sich der Frage wegen entschuldigen; er warf einen hilf- losen Blick über die Gegend:„Das hier, das ist doch die... dis Pionierstraße, nicht wahr?" „Blücherstraße," erwiderte der Schlosser.„Pionierstraßc? Reo — jiebt's ja gar nich." „Doch, doch— die Pionierstraßc muß hier herum sein." „Js mal gewesen," mischte sich der Graubart in der Ecke inZ Gespräch.„Pionierstraße? Liebe Zeit! Wie lange is'n das her?'" „Das war vor zwanzig Jahren mal." lachte der junge Arbeiter, „da hieß die hier so." „Denn ist sie das hier doch?" Der Alte schien sich zu freuen, daß er Recht behalten:„Und jetzt heißt sie? Wie heißt sie? Blücher- stratzc?..." „Blücherstraße," wiederholte der Graubart.„Sind wohl lange nicht hier gewesen?" „So an die zwanzig Jahre nicht... erst jetzt wiedermach Berlin gekommen." Der Alte wurde redselig. „Na, denn kennen Sie die Gegend überhaupt nicht wieder,'" lachte der Graubart,„vor zwanzig Jahren? Liebe Zeit! Da war man ja hier schon aufs Dorf." „Ja. anders war'S." Ter Alte nickte und maß die hohen Hcftiser mit scheuen Blicken.„Die vielen Straßen I Und früher waren da nur Gärten und Wiesen, und drüber weg sah man die Kirchhöfe in der Bergmannstraßc. Das war fast wie'n Wald." „Na, die Kirchhöfe sehen Sc heut auch noch; da kommen ss schon." Der junge Arbeiter wies die Bärwaldstraße hinunter. „Ja, da sind siel" Ter Alte nickte und wieder streifte sein Blick die endlosen Straßenzüge hinab.„Lieber Gott, wenn ich so denke? vor zwanzig Jahren, da fingen hier schon die Buden an, und die erste» die man sah, das war eine mit Menschenfressern." „J wo. die stand weiter rauf, die stand ja oben bei die Karusselle. hier war die Eisbahn," fiel der junge Arbeiter ein. „Eisbahn?" wiederholte der Alte. „Die war ja doch erst zehn Jahre später," sagte der Graubart. „ja, die Schwedische Eisbahn. Das war damals die größte hier im Südwesten; und dann liefen wir bei elektrischem Licht. War was Neues damals. Ja. das ist auch gewesen." Er seufzte leicht. Den Alten schien die Eisbahn nicht zu interessieren; er fing wieder von den Menschenfressern an.„Ja, die Bude; wenn ich an die Bude mit den Menschenfressern denke! Meine kleine Schwester schrie jedesmal, wenn sie bloß in Sicht kam, und ich faßte auch an Mutters Rock. Links waren die drei gemalt, die trugen blutrote Federkronen und.. „Und rechts saß einer und fraß ein kleines Kind. „Ach, Sic haben sie auch noch gekannt?" „Na allemal!" Der junge Arbeiter lachte. „Was denken Se denn? Die stand auch noch zu meine Zeit. •) Egon Fleischet u. Co.. Berlin. Pr. 3 Mark. blofc oben rauf— bei's Zickeniväldchen, und luenn wir mit's Kaffee- kochen fertig waren, denn jab Mutter jedem von uns'n Jroschen, und heidi l ging's bei die Menschenfresser, sie frahen aber keine Menschen mehr" „Ich glaube, sie waren überhaupt bloh angestrichen," lachte der Mte,„und davor hat man sich nun jcgraultl Ja, und's Zicken- Wäldchen, da standen die Karusselle und die Riesenschaukeln, und das schönste waren die Spritzkuchenbäcker, bei denen es immer so schön nach Schmalz roch. Jetzt kommen wir Wohl bald ans Zicken- Wäldchen?" „Ach Gott, das giebt's ja auch längst nicht mehr." Der Grau- hart loies nach rechts:„Hier war's, wissen Sie noch? Da drüben kommen die Kirchhöfe raus, daran tverdcn Sie wohl die Gegend kennen. Ja, jetzt steht die neue Kirche hier." „Und so schöne Häuser," der Alte musterte den Kaiser Friedrichs- platz,„ja, da sind die Kirchhöfe, und daneben war der„Hofjäger" und die Heide fing an. Wo ist denn blotz die Hascnheide?" „Wir fahren ja schon durch," meinte der Arbeiter. „Ja, ja, das ist die Hascnheide!" nickte auch der Graubart be- sräiigend.„Kennen Sie erst recht nicht wieder, was? Ja, früher hat's Volk hier im Gras gelegen, jetzt kostet'ne Wohnung über tausend Mark, und es wohnen nur feine Leute da." „Aber die Heide,— die Heide..." Der Alte starrte völlig fassungslos die breite Prachtstrahe entlang. „Na, die is hinter de Häuser: da darf man nich mehr rin, da schießen jetzt die Soldaten drin," sagte der junge Arbeiter. „Und das ist schade." meinte der Graubart.„Ja. sie lacbeir ja heute, wenn man sagt,'s war'n Wald gewesen,'s war aber doch einer." „Und was für einer!" Der Alte kam ordentlich i»S Feuer. „Man konnte sehr schön im Moos liegen und durch die Bäume in den Himmel sehen, und Eidechsen fand man auch da und 5iäfcr! was Hab' ich inir aus der Heide manchmal mitgenommen, wie ich'n Junge war...." „Und das schöne Buschholz, oben beim Türkenkirchhof, wissen Sie noch, das schöne Buschholz?" Die Augen des Graubartes strahlten gleichfalls auf.„Da spielten wir Räuber und Stadt- soldat..." „Und wenn Mädchen bei waren, Räuber und Prinzessin. Wohl. jawohl..." Der Alte schmunzelte. „Dies Buschholz habe ich auch noch gekannt." nickte der Arbeiter vergnügt,„ja, da könnt' man was aufstellen." „Und jetzt alles verbaut," sagte der Alte,„all die alten Wirts- hausgärtcn weg..." „Und es gab solche gemütlichen 5kneipen hier," nickte der Grau- bart.„Da zog sich Vater die Jacke aus und sah in Hemdsärmeln, wenn's ihm zu warm wurde." „Stimnit, stimmt," der Alte schmunzelte weiter,„und den Tanzsalon,— haben Sie auch den gekannt? Da sind wir denn nachher tanzen gegangen, so als junge Leute; was es da für hübsche Mädels gab!..." „Da Hab' ich meine erste Liebe kennen gelernt," nickte der Grau- bart und in sein faltenreiches Gesicht kam ein verträumter Zug. „Gott, ja, war nur'n kleines Nähmädel, aber tanzen konnte sie. tanzen!... Und ein Lachen hatte das Dingchcnl" Er brach jäh ab. „Na, hübsche Mädels giebt's jetzt auch noch hier." warf sich schliehluch der junge Arbeiter zum Verteidiger seiner Alters- genosjinnen auf.„Was denken Se denn?.Kommen Sc mal Sonn- tags raus, was hier für hübsche Mädels sind! Und schöne Lokale haben wir doch auch hier. Und im Sommer die Sommerfcste mit Feuerwerk! Ich sag' Ihnen, das is janz anders, wie in de alte Hasenheide I" Er fühlte sich offenbar Plötzlich als„Jung-Berlin" gegenüber„den beiden Alten". Die beiden Alten hörten ihn aber nicht, sie sahen mit verlorenen Blicken vor sich hin und ihre Gedanken waren weit weg in einer längst entschwundenen Zeit.— — Einheimische und eingebürgerte Pflanzen als Heilmittel be- spricht Gustav Zahn(„Au? den koburg-gothaischcn Landen", Hest 1, 1903). Wenn man das gegebene Verzeichnis mit dem vergleicht, welche? sich in dem„Kurzen Unterricht von natürlichen Dmgen" aus der Zeit ErnstS des Frommen findet, wo auch die pflanzlichen Mittel für bestimmte Krankheiten zusammengestellt sind, so treffen wir alle die arzneilichcn Hausmittel an, welche in Dorf und Stadt noch heute eine Rolle spielen; man beachte nur, was für Pflanzen am„Kräutersonntage" zu Heilzwecken eingetragen werden. Das Volk vermag sich eben nur schwer von seinen althergebrachten und altgewohnten Medikamenten zu trennen. Hiervon gicbt die stattliche Reihe von Blüten, Früchten, Blättern und Wurzeln Zeugnis, welche größere Drogengeschäfte aus Lager halten, oder welche Apotheken als veraltet noch führen, weil sie eben von den Leuten verlangt werden, obwohl sie der geltende Arzneischatz nicht niehr kennt. Auch die Naturheilmethode der Gegenwart hat sich 71 jeuer Volksinittel aus dem Pflanzen- reiche zu nutze gemacht, obtvobl einige Eiferer alle innerlichen Mittel verwerfen und die Heilung nur der Lebenskraft des Menschen überlassen wollen. So gelten als Magen- und schwcihtreibcnde Mittel: AniS, Basilicum, Baldrian, Brennessel, Dost, Eberdistel, Eichenrinde, Enzian, Fenchel, Fiebcrklce, Fünffingerkraut, Hirten- täschel, Kümmel, Kalmus, Nelkenwurz, Rhabarber, Schachtelhalm, Schafgarbe. Sanikel, Tausendgüldenkraut, Thymian, Veilchen. Kamille, Hollunderblüten, Lindenblüten. Als Brustmittel gelten: Andorn, Betonica, Enzian. Ehrenpreis. Huflattich, Königskerze, Kreuzkraut, Lungcukraut, Mohn, Schlüsselblume, Schlehenblüte, Süßholz. Bei Geschwüren und Wunden nennt man als wirksam: Griechisches Heu sl'oenum graecnm), Leinsamen, Beinwell, Majoran, Quendel, Huflattich, Arnika, Schachtelhalm usw.— („GlobuS".) Meteorologisches. LS. E i n c w i ch t i g e W e t t e r w a r t e. Die Regierung der Republik Argentinien hatte im Jahre 1901 auf dem kleinen Eiland von Aüo Nucvo, das in der Nachbarschaft von State» Island, also östlich vom 5tap Horn, in einer südlichen Breite von 91 Grad 39 Minuten gelegen ist, eine Wetterwarte eingerichtet, die in lieber- einstimmung mit den verschiedenen Südpolar-Expeditionen arbeiten sollte. Es war von mahgebcndcr Seite betont worden, dah die zum erstenmal gebotene Gelegenheit mehrerer gleichzeitiger Forschungs- reisen im Südpolar-Gebiet mit allen Mitteln ausgenutzt werden mühte und dah deshalb auch aus den am meisten gegen den Südpol vor- geschobenen Festländern der Erde Beobachtungen angestellt werden sollten. Dieser Anregung hatte die argentinische Regierung durch Schaffung der erwähnten Wetterwarte Folge geleistet. Jetzt kommt die Nachricht, dah die durch ihre Lage äußerst wichtige Anstalt für Witterungsbcobachtungen dauernd erhalten bleiben und zu einem erstklassigen magnetischen und meteorologischen Observatorium aus- gestaltet werden soll. Sie erhielt zu diesem Zweck eine vollständige Ausrüstung mit Apparaten, wie sie für eine Station erster Ordnung erforderlich sind. Die Beobachtungen, die während der internationale» antarktischen Campague auf der Insel gemacht tvorden sind, sowie ihre Fortsetzung im Jahre 1993 werden binnen kurzem veröffentlicht werden. Auch sonst wird die argentinische Republik fortan einen thätigen Anteil an den meteorologischen Arbeiten nehmen und bald in Bahia Blanea in etwa 39 Grad südlicher Breite eine Wetterwarte eröffnen. Später soll dann ein größeres Netz- wert von Observatorien längs der atlantischen Küste der Republik geschaffen werden.— Humoristisches. — Geschlagen. Hermine(prahlerisch!:„Meinetwegen ist schon ein Herr verrückt geworden." S i e g l i n d e(triumphierend):„Und meinetwegen ist einer wieder zur Vernunft gekommen." � — Genau. Besuchende Dame:„Wann ist denn Ihre Gertrud geboren?" Bankier:„Sie erblickte das elektrische Licht am 24. Februar, daS Licht der Welt sieben Stunden später!"— — Die k ü n st l e r i s ch e Köchin. Gnädige:„Aber um Gottes willen, was haben Sie denn da zum Knödelmachen für Dinger?" Köchin:„Bitte sehr, das sind Modellierhölzer."— („Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Die S o p h o k l e i s ch e ,. E l e k t r a". in der Wilbrandtschen Bearbeitung, wird vom Akademisch-Litterarischen Verein in einer Matinee am 16. April im Theater des Westens aufgeführt.— — Das Ausführungsrecht von Perosis Oratorium„Die Auferstehung des Lazarus" ist vom Theater des Westens erworben worden.— — ,. D u n j a", eine Oper von Iwan Knorr, geht heute erstmalig im Koblenzer Stadttheater in Scene.— — Zur Bearbeitung der Sammlungen Norde nskjölds hat die schwedische Regierung 65 999 Kronen bewilligt. Bedingung ist, dah die Sammlungen ohne weitere Vergütung dem Staate über- lassen werden.— c. Einen Preis von 199999 Mark hat die Regierung von Queensland für die Erfindung eines sicheren Mittels zur völligen Ausrottung des zähen Unkrauts, das als„Feigen- d i st e l"(Optmtia) bekannt ist, ausgesetzt. Die Feigendistel ist eine Kakrusart, die in Queensland aus Amerika eingeführt ist.— — Der erste deutsche Volks-Hochschultag fand dieser Tage in Wie n statt. Anwesend lvaren zahlreiche östreichische und reichsdeutsche Professoren, die der Volks-Hochschulbewegung nahe stehen. Bei den Beratungen wurde von einzelnen, namentlich reichs- deutschen Rednern, die Organisation der östreichische» volkstümlichen Universitätskurse, die vom Staat Zuschüsse erhalten, als mustergültig hingestellt, von andern wieder bekämpft. Einen Volksunterricht durch Studenten hielt man für bedenklich. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Der nächste deutsche Volks- Hochschultag wird in Berlin tagen. — Peruanische H ö h e n b a h n e n. Die Linie zlvischen Oroya, dem Endpunkt der peruanischen Centralbahn, und Cerro de Pasco sollte mit Ablauf des Jahres 1993 vollendet sein. Ihr höchster Punkt liegt in 4782 Meter Meeresböhe. Eine kurze Linie, die den Minenbezirk von Morococha mit der Centralbahn verbindet, ist kürzlich fertiggestellt worden. Sie zweigt sich bei Ticlio(etwa 4739 Meter Höhe) ab, steigt noch gegen 40 Meter und senkt sich dann auf 4645 Meter herab.— ">rantwort. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LiCo., Verlin S W.