Hlnlerhaltungsblatt des Worwärts Nr. 63. DienStass, den 29. März. 1904 (Nachdruck verboten.) so] Gfthcr Maters. Noman von George Moore. Efther dachte daran, daß es hieß, ein Leben für das andre hergeben. Nein, mehr noch: die LUnder ziveier armer Mädchen Maren hingcopfert Morden, damit das Ätnd einer reichen Iran am Leben bliebe. Und auch das Mar noch nicht genug; auch das Leben ihres schönen Jungen sollte nun noch gefordert werden! Und während Esther so nachdachte, fiel ihr eins nach dem andern ein, und ihre Aufregung stieg immer höher. Sie mußte an gewisse An- spielungen und Winke von Mrs. Spires denken, die sie auch zur Zeit nicht verstanden hatte: und es wollte plötzlich diesem armen, unwissenden Mädchen so scheinen, als wäre es das Opfer einer schwarzen, weiwerzweigten Verschwörung. Sie hatte plötzlich die Empfindung eines eingekerkerten Tieres, und sie maß mit den Blicken die Thüren und Fenster in der unklaren Hoffnung, entfliehen zu können. In diesem Augenblick klopfte es an die Thür, und das Hausmädchen trat ein. „Die Frau, die Ihr Kind in Pflege hat, ist hier." Esther fuhr von ihrem Stuhl empor, und die fette, kleine Mrs. Spires watschelte ins Zimmer. Tie Enden ihres bunten Shawls berührte» vorne den Bodcp: ihr 5ilcid war vorne Niel zu kurz und ließ ein paar große, ganz neue Guinmizug- flicfcl sehen. „Wo ist mein Baby?" rief. Esther,„warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?" „Na. nun sehen Sic nial, Liebchen, das süße, kleine Ding schien mir heute nicht so wohl Zu sein wie sonst, und da wollte ich ihn lieber nicht mitbringen, denn der Weg ist doch so weit, und es ist kalt draußen— hier ist's schön warm. Darf ich mich setzen?" „Ja, dort, bitte: aber nun sagen Sie mir, was fehlt nieinem Kinde?" „Ein bißchen erkältet, Liebchen, nicht der Mühe wert, davon zu sprechen. Sic dürfen sich ja nicht darum aufregen, das würde dem Kindchen hier in der Wiege schlecht bekommen. Darf ich's mir ansehen? Ein kleines Mädchen, nicht wahr?" „Ja, es ist ein Mädchen." „Ein reizendes kleines Mädchen, und wie kräftig sie aus- sieht! So hat sie gewiß nicht ausgesehen, bevor Sie herkamen? Na, und nun wette ich doch, daß Sie sie schon gerade so lieb haben, als wäre es Ihr eignes Kind." Esther gab keine Antivort. „Wissen Sie, Ihr Mädels, Ihr seid alle zuerst rein wie verrückt mit Euren Kindern. Aber schließlich— für so'n armes Dienstmädchen ist so'n Kind'ne große Ausgabe. Ich finde es nun rein, als ob es von der Vorsehung bestimmt wäre, daß die reichen Frauen ihre Kinder nicht selbst nähren. Was sollte denn sonst aus all den armen Mädels werden? Dann gäbe es ja keine Ammenstellen mit großem Lohn mehr. Haben Sie meinen Rat befolgt und ein Pfund die Woche gefordert? Solche reichen Leute, wie die hier, was ist für die denn ein Pfund die Woche oder auch zwei Pfund? Wenn ihr 5lind nur eine gute Amme hat?" „Lassen Sie das, das ist meine Sache. Sagen Sic niir lieber, was meinem Kinde fehlt." „Herr Gott, das habe ich Ihnen doch schon gesagt: nichts fehlt ihm,'n bißchen erkältet ist er, aber ich>vußw doch schon, daß Sie besorgt sind, darum bin ich hcrgekomnien; ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht einen Doktor für ihn haben wollen." „Braucht er denn den Doktor? Ich denke, Sie sagen, es ist nichts Schlimmes." „Das ist nun ganz Ansichtssache: manche holen gern gleich den Doktor, wenn das.Kind auch nur ein ganz klein bißchen kränklich ist, andre wieder glauben nicht an Aerzte, wollen nichts mit ihnen zu thun haben. Darum bin ich her- gekommen: wollte fragen, wie Sie es damit halten. Ich hätte den Doktor schon heute morgen holen lassen, denn ich gehöre zu denen, die an das glauben, was der Doktor sagt: aber ich "-•Hc nicht mehr Geld: da dachte ich, ich wollte mal erst her ' was bitte"" In diesem Augenblick kam Mrs. Rivers in die Kinder- stube: sie blickte zuerst nach der Wiege, dann fiel ihr Auge aus die knicksende Airs. Spires. „Das ist Mrs. SpireS," sagte Esther,„die Frau, die niein Kind in Pflege hat, gnädige Frau. Sie hat mir schlechte Nachrichten gebracht: mein Kind ist krank." „Alle Kinder kränkeln gelegentlich ein bißchen: diese Frauen machen inuner eine große Geschichte aus allem." „Mrs. Spires würde doch nicht sagen, daß mein ftiud krank ist, wenn es nicht krank wäre." „Ja, gnädige Frau, das Dingchen war heute wirklich ein bißchin kränklich, und ich—" „Nun, so kann sie den Doktor holen lassen. Sie haben ihr JhrKind än Pflege gegeben und müssen ihr also auch die Pflege überlassen. Unter keinen Umständen aber kann ich eS erlauben, daß sie wieder hierherkommt und Sic aufregt." „Das Geld war ein bißchen knapp bei mir, gnädige Frau. darum mußte ich erst hierherkommen und nüt der Amme sprechen. Ich weiß, ich weiß, daß man sie nicht aufregen darf. und die Gesundheit Ihres Kiudelchens ist natürlich die Haupt- fache, und wenn Sie es mir nicht übelnehmen, möchte ich sagen. daß es ein herziges, schönes.Kindchen ist. Die Amme scheint gut für sie zu passen: da sind Sie wohl gewiß sehr zufrieden mit ihr." „Ja eben; und darum will ich mich nicht, daß sie aus- geregt wird." „Es soll nicht wieder vorkommen, gnädige Frau, ich verspreche es Ihnen." Esther sagte nichts, aber ihr Gesicht ivar bleich und trotzig geworden. Allerhand Worte schwebten ihr auf den Lippen. aber sie wußte noch nicht recht,, wie sie sie herausbringen sollte. „Wenn das 5ti»d wieder gesund ist, und der Doktor damit zufrieden, und keine Gefahr der Ansteckung mehr vorhanden. so können Sie eS mir hierherbringen: einmal im Monat ivird genügen. Wünschen Sie sonst noch etwas?" „Mrs. Spires meint, mein Kind müßte den Arzt haben." „So soll sie den Arzt holen lassen." „Das Geld ist aber ein bißchen knapp." „Wieviel wird es kosten?" fragte Esther. „Nun also, der Doktor kriegt fünf Schilling. Aber dann muß man auch noch die Medizin bezahlen, die er verschreibt. und dann brauche ich auch noch ein Stück Flanell für das Kindchen... Vielleicht könnten Sie mir im ganzen zehn Schilling geben." „So viel Geld habe ich gar nicht mehr: aber ich muß mein Kind sehen," murmelte Esther und wandte sich der Thiire zu. „Nein, nein, Amme: davon kann gar keine Rede sein» lieber bezahle ich die ganze Geschichte selbst. Also Mrs. Spires. wieviel brauchen Sie?" „Zehn Schilling lverdeu fürs erste genug sein, gnädige Fran." „Hier sind siez kaufen Sie dein Kinde alles, was es braucht: nehmen Sie einen Arzt, aber erinnern Sie sich, daß ich Ihnen verbiete, wieder hierherzukommen und die Amme aufzuregen. Vor allen Dingen haben Sie kein Recht, bis in die Kinderstube zu kommen. Ich weiß gar nicht, wie das ge- schehen konnte: ein Irrtum de-s neue» Hansmädchens. Ohne nicinc besondere Erlaubnis dürfen Sie meine Amme niemals sprechen." So sprechend trieb Mrs. Rivers Mrs. Spires fast aus der 5i!nderstube hinaus. Esther hörte,>vie sie auf der Treppe noch miteinander sprachen. Sie horchte zu und versuchte dabei nachzudenken. Sie m u ß t e ihr Kind sehen, sie fühlte, daß sie es mußte, und mit angstvoll klopfendem Herzen fragte sie sich, ob man es wagen würde, sie mit Gewalt zurückzuhalten. In diesem Augenblick kam Mrs. Rivers in das Zimmer zurück. „Nein, das kann ich wirklich nicht erlauben," sagte sie. „daß die Frau wieder hierherkommt und Sie aufregt." Und init einem Blick auf Esthers miirrisch-entschlosseues Gesicht fügte sie hinzu: „Noch dazu um nichts und wieder nichts Sie aufregt. Ich versichere Sie, das Kind ist ganz wohl, ein klein wenig er- kältet, tveiter nichts." „Ich muß mein Kind sehen," erwiderte Esther. „Das sollen Sie auch, sowie der Doktor es gestattet." HHHHUHmUB -«Ich muß mein Bavy heuie sehen, gnädige Frau." „Heute, Amme? Davon kann gar keine Rede sein. Sie konnten mir ja eine Ansteckung ins Haus schleppen und mein Kind krank machen." „Ihr Kind ist Ihnen nicht lieber als mir meins" „Sie scheinen zu vergessen, daß ich Ihnen fünfzehn Schilling die Woche bezahle." „Das Geld habe ich angenommen für mein Kind, nicht für Ihres." „Amme! Amme! Hüten Sie Ihre Zunge! Ich ver- sprechen Ihnen, daß Sie Ihr Baby sehen sollen, sowie der Doktor erlaubt, das; es hierhergebracht wird. Mehr können Sie von mir nicht verlangen." Esther sprach weder, noch bewegte sie sich, und Mrs. Mivers, die nicht länger mit ihr streiten wollte, ging zu der Wiege hin. „Sehen Sie nur, Amme, der kleine Liebling ist eben aufgewacht! Kommen Sie her und nehnien Sie sie! Sie will gewiß zu Ihnen." Esther gab keine Antwort. Sie stand da und starrte vor sich hin, und es wollte Mrs. Rivers scheinen, als wäre es besser, sie jetzt allein zu lassen. Langsam näherte sie sich der Thür; als ein kleiner Schrei aus der Wiege ertönte, blieb sie stehen und sagte: „Nun, Amme, was ist los? Sehen Sie nicht, daß das Kind auf Sie wartet?" Da sagte Esther, wie aus einen, Traume envachend: „Wenn Sie Ihr Kind so sehr lieben, warum nähren Sie es denn nicht selber? Das möchte ich wissen! Sie sind ebenso kräftig und gesund wie ich. Ich kann wenigstens nicht sehen, daß Ihnen etwas fehlt." „Sie vergessen, zu wem Sie sprechen, Amme!" „O nein! Ich spreche zu der Mutter dieses Babys. Nicht wahr? Warum nähren Sie es denn nicht selber?" Mrs. Rivers versuchte immer noch ihre gute Laune auf- recht zu erhalten. „Sie dürfen doch nicht vergessen, Amme," sagte sie,„daß ich Sie für die Pflege meines Kindes bezahle." „Ja, das weiß ich. Aber das ist kein Grund. Was war denn das mit den zweien, die schon gestorben sind? Als Sie dies zuerst sagten, da glaubte ich, Sie meinten zwei von Ihren Kindern. Aber das Hausmädchen hat mir erzählt, daß es die Kinder von den zwei Ammen waren, die Sie vor mir schon hatten, und deren Milch für Ihr Kind nicht paßte. Unsre Kinder sind es, die sterben müssen. Ein Lebe» für ein Leben; nein, mehr; zwei Leben für ein Leben, und nun soll auch mein armer, schöner Junge noch sterben." Esther schwieg, und die beiden Frauen standen da und blickten einander au. „Ich erlaube Ihnen nicht, so zu mir zu spreche»; Sie vergessen sich, Amme!" „Nein, gnädige Frau, ich vergesse mich nicht, und Sie wissen sehr wohl, daß ich nur die Wahrheit spreche. Ich habe viel darüber nachgedacht, und jetzt verstehe ich die ganze Ge- schichte. Wievielmal haben Sie mir nicht schon angedeutet, daß es mir doch nicht möglich sein wird, mein Kind groß zu ziehen, daß es mir immer wie eine Kugel am Fuße hängen wird. Vielleicht haben Sie sich nichts Schlimmes dabei ge- dacht; aber ich glaube doch, daß Sie gedacht haben, wenn mein Kind stürbe, dann.gehörte ich ganz und gar dem Ihren an." (Fortsetzung folgt.). Eins dem JNIuliklcbem Das Dirigieren der Orchester durch Kapellmeister, die für den einzelnen Fall herbeigeholt werden, das sogenannte Gastdirigicren, wird jetzt immer häufiger. Man kann ihm grundsätzlich wohl nur den Wert von Kuriositäten und von Förderung der Finanzen zu- erkennen. Ein künstlerisches Jneinaniderleben' von Orchester und Dirigent ist auf diesem Wege so gut toie nicht möglich. Daß sich jetzt die Philharuwniker in Wien damit helfen, haben wir bereits erwähnt. Run ist die Reihe an den Berliner Phil- harmonikcrn, allerdings nur in ihren populären Kon- zelten. Ihr in der vergangenen Woche verstorbener Populär- dirigent Rebitschek lag seit längerer Zeit schwer krank, und so wurde denn zu dem Mittel gegriffen, bald diesen, bald jenen berühmten Mann zum Dirigenten zu nehnien, und erfolgreiche Solisten nvch obendrein. Dadurch sind natürlich diese Konzerte weit besser besucht als früher, häufig gänzlich ausverkauft; und eine Hebung des tünst- llerischcn Gesamtgeistcs ist doch auch eine Folge davon. Am neulichen Dienstag nahmen wir die Gelegenheit wahr, ein solches Dirigieren von Siegfried Wagner anzuhören. In der Mite des Abends standen drei Bruchstücke aus eignen Opern deS Komponisten. Die temperamentvolle, natürlich frische, herzhafte, doch auch bisweilen herzlich unbedeutende Art des Komponisten kannten wir schon. Ihr entspricht seine Dirigierweise; auch sie hat etwas Frisches. Natürliches, allerdings auch weder etwas Großartiges, noch einen Reichtum an Feinheiten. Als Komposition machte der Kirmetz-Walzer aus der Oper„Herzog Wildfang" mit Recht einen guten Eindruck. Es giebt nicht bald einen fühlbareren Gegensatz als den zwischen einem solchen Konzert, zu dem sich mehr als die zwei- bis dreitausend Menschen drängen die in der großen Philharmonie Platz haben, und jenen kleinen Konzerten, angehender oder halb bcimrnter Solisten, wie sie Tag für Tag in den mittleren und kleineren Sälen statlsinden. Ein paar Freunde der Konzertgeber, ein paar Musikkritiker, ein paar Konservatoristen, und ein oder der andre durch einen unbegreiflichen Zufall Hineiuverjchlagene füllen einzelne Teile des SaalcS. Typisch sind diese Konzerte auch durch die ewig wiederkehrenden sachlichen Mängel. In den Vordergrund möchten wir von diesen Mängeln die Beschränkung auf einen kleinen Ausschnitt aus der MusUlittcratuc stelle». Kein Wunder, daß es„unten" so zugeht, wenn„oben" die großen Beispiele gegeben werden l DaS Rcpertoir unsrer Königlichen Oper leistet in dieser Beziehung herrliches. Daß es hoch an der Zeit ist, einmal wiederum einen Cyklus von Opern deS alten Gluck zu versuchen, oder statt dessen eine andre ähnliche Bereicherung, bedarf kaum einer eignen Hervorhebung. Ein andrer typischer Fehler der allermeisten Solistenkonzerte ist die bekannte Eigenschaft so vieler Virtuosen: das Dick-Auftragcn. Ueber den häßlichen Klang des Drcinhauens unsrer Klavierlöwen und Klavicrlöwinnen haben wir uns schon einmal ausgesprochen. Sehen denn diese Menschenkinder nicht ein, daß sich eine große Stärke auch anders als durch direktes Erzielen einer hohen Intensität erreichen läßt? Der Maler ist weitaus nicht im stände, der Helligkcn des Tageslichtes auf seinen Bildern auch nur einigermaßen nahe zu kommen. Er versteht es aber, indirekte Hilfsmittel anzuwenden, daß die Vorstellung von einer großen Helligkeit trotzdem zu stände komme. Auf entsprechende Weise muß es nun auch in der Musik möglich sein, den Eindruck von ge- waltiger Stärke mittelbar zu erreichen: durch Abstufungen, ivelche eine mäßige Intensität beträchtlich stärker erscheinen lassen, als sie sonst sein würde. Diese Erwägung drängte sich uns auf in dem Konzert einer Klavierspielerin, die wir im übrigen zu den besseren rechnen müssen: Amalie Klose, deren zweiten Klavierabend im Saal Bechstein wir kurz bor jenem Wagner-Konzert hörten. Sie verfügt über mannigfache Mittel der Darstellung, namentlich über reiche dynamische Abstufungen, und versteht auch, Gestaltungen zu geben, würde eS aber nicht nötig haben, dabei wieder in einen Ueberlärm zu geraten. Ins- besondere möchten wir doch unsren reproduzierenden Musikern die ganz elementare Beachtung empfehlen, daß in einer Reihe von Tönen immer einige einen geringeren, und mtdre einen höheren Tonwert haben.- Den geringeren haben beispielsweise die sogenannten Weib- lichon Endungen und die sogenannten Auftakte. Aus den Versen der Sprechsprache ist dies doch ziemlich allgemein bekannt; die Wesen- verlvandtjchaft zwischen Sprechsprache und Tonsprache wird aber leider häufig ganz übersehen. Als wir neulich emer Chorprobe des vor kurzem erwähnten„Berliner Bolkschorcs" beiwohnten, und uns über Eifer und Fortschritte dieser jungen Vereinigung freuten, konnten wir für das vorhin Gesagte auch dort ein Beispiel finden. An einer Stelle, der die Tcxtworte zu Grunde liegen:„ES lebt der Tyrann", neigte der Chor dazu, das„Es" stärker zu betonen als das „lebt"; der verdienstvolle Chorleiter, Herr Dr. Ernst Zander, ruhte mit Recht nicht eher, als bis dieser Fehler, und zwar mit Ein- ficht in sein Wesen, abgestellt war. Da möchten wir nun wünschen, daß diese Einsicht auch auf solche musikalische Tätigkeit übertragen würde, bei der es stck im Grund um gleiches wie bei der Betonung von Worte» handelt; ich kenne nicht bald etivas kunstwidrigeres, als wenn nebensächliche Töne wuchtige Accente bekommen. Während bei Fräulein A. Klose der Bortrag von Beethovens C-mall-Bariationen uns zu diesen Auslassungen reizte, müssen wir der Konzcrtgeberin andrerseits zu Tank verpflichtet sein, daß sie ein uns im damaligen Augenblick nicht geläufiges Klavierstück von einem Komponisten brachte, der sonst nicht allzu viel gespielt wird: Cesar Frairck. ES war ein Praeludium, Clioral und Fuge, ein gut klaviermäßigcs Werk mit einer ganz interessanten Behandlung der Aufgabe, auf dem Klavier einen Choral durch die Klaviersprache darzustellen. Eine neuerliche Aufführung von Haendels„Judas Maccabäus" durch die „Singakademie" sei mit besonderer Anerkennung der Direktion Georg Schumanns verzeichnet; rS würde sich empfehlen, das; man über die(Chrysandersche) Fassung des Werkes ein aufklärendes Wort sagte. Akit Recht hat das Holländische Streichquartett, dessen Mitglieder großenteils schon länger auf dem hiesigen Konzert- bodcn segensreich wirken, in einem vor kurzem gegebenen Konzert ein Klavierquintett, op. 39 k-mc>II, von Hugo Kaun, das noch nicht allzu sehr bekannt sein dürfte, vorgetragen Wir konnten eS mit Vergnügen als eine entschieden echte sympathische Komposition begrüßen; sie war durchaus nicht gestört durch den Effekteindruck, den in einem vorausgehenden Quartett von P. Tschaikowsky einzelne pikante Stellen auf das für derartiges überaus empfängliche Publikum inachte». Im Vortrag eines Quartettes von Haydn durch diese Ouaetettvereinigung waren ihre Stärken und Schwächen, die doch aber schließlich nur die Stärken und Schtoächen fast aller Konzertierend--' von beute sind, dcutlick zu erkennen. Ahr''iee",,v reiches Spiel patzte gut für die belebteren Sähe, weniger aber für daZ Adagio; eine getragene Melodie gleichsam aus der Tiefe heraus- zuholen und sie vor der Einförmigkeit zu bewahren, zu der solche langsamen Satze verleiten, ist eben doch nur möglich bei einer Ver- ticsung in die Prinzipien, die»vir mehrmals und auch diesmal Wieder angedeutet habe». Dabei möchten wir vor allem auf folgendes aufmerksam machen. Wie schon, früher das eine oder das andre Mal erwähnt, befestigt fich in theoretischen Kreisen allmählich die Einsicht, dah jegliche Kunst, nicht nur die tönende, eine Aussprache von Inhalten unsres Seelen- lebens ist, die wieder der mannigfachsten Art sein können: nicht nur Gefühle und Affekte, sondern auch Vorstellungen, und zwar der nutzeren Wahrnehmung wie nicht minder der innerlichen Phantastik. Zu diesem Ausdruckswesen, das ja schlictzlich jeder Sprache eigen ist, «nutz aber, damit Kunst da sei, auch noch die schöne Form hinzutreten, mit einem specifischcn Interesse an ihr und mit dem Können, datz dieses Interesse auch zur richtigen Verwirklichung bringt. Nun werfen sich manche Theoretiker vorwiegend auf den ersten jener beiden Be- ftandteile jeder Kunst; die AusdnickSbedeutung, namentlich der Musik, wurde seit einiger Zeit namentlich von englischen Aesthctikern betont, während sonst bei vielen deutschen Aesthetikern, zumal wenn sie den bildenden Künsten nahe stehen, dieser biologische Sinn der Kunst übersehen wird. Als Herbert Spencer gestorben war, wurde auch feine Betrachtun» der Musik als eines elementaren biologischen Faktors wieder hervorgeDcht; eine Betrachtung, die sich leider mehr bei dem aufhält, was der Kunst als Kunst doch nur zu Grunde liegt. Dagegen machen es unsrc Äunstpraktiker umgekehrt: sie sind insofern Artisten, als sie das Interesse und ein Können für die Veredclungsformen bc- sitzen, die der natürliche Ausdruck des Seelenlebens bekommen mutz, um Kunst zu werden; doch eben diese Grundlage ihrer eignen Welt übersehen sie am allermeisten, und wen» sie manche jüngste Aesthetik zu lesen bekämen, so würden vielleicht auch sie glauben, datz die Kunst des Wohlgefallens halber da sei— worüber sonst Künstler ge- wöhnlich besser Bescheid wissen. Nun sind in der jüngsten Zeit tonwissenschaftliche und sprach- wissenschaftliche Forschungen aufgetaucht, die auch für diese Tinge klärend wirken können. Weniger gehört hierher, auch wenn es sonst von hoher Bedeutung ist, das Grammophon: das heitzt der Apparat. der mittels der Phonographie die Stimmen von Sängern usw. auf- nimmt und für die Dauer bewahrt. Es ist die Rede von einem Museum für solche Aufnahnren, daS in Berlin errichtet werden soll; und wir können aus mehreren Gründen, nicht zuletzt aus didaktischen, nur lebhaft dafür eintreten.(Eben lese ich, dah die Sache günstig Vorwärts schreitet und am 2. April in einer Sonder-Tcmonstration vorgeführt wird, veranstaltet von der„Deutschen Grammophon- Aktiengesellschaft", Charlottenstratze 85.) Wichtiger aber ist diesmal eine Reihe von Entdeckungen des Germanisten Professor S i e v e r s in Leipzig. Er hat in der Tonhöhe und Sprachmelodie der einzelnen Schriftsteller ein neues Hilfsmittel der philologischen Kritik entdeckt und autzcrdcm gefunden, datz jede Person über eine besondere Sprach- melodie verfügt, die durch die Wahl der Wörter, durch die Stellung der Worte und der Sätze usw. zur Geltung kommt und dementsprechend auch herausgehört Iverden muh. Zweisilbige Worte geben eine tiefere Tonlage als einsilbige, und dergleichen mehr. Dazu hat Professor M e r i n g e r in Wien nach bereits früher bekannt gc- wordenen Forschungen über den Zusammenhang zwischen unserem alltäglichen„Versprechen" und dem sprachhistorischen„Lautwandel" diese seine Forschungen jetzt durch Fortsetzung der Betrachtungen Sicvers ergänzt. Ihm ist der Lautwandel die Folge oder Er- scheinungsform einer andren Tonart, Art zu sprechen usw., und zwar fangen die Aenderungen nicht mit dem einzelnen Laut an, sondern mit dem ganzen Satz, mit seiner musikalischen und gedanklichen Färbung. „Man betrachte(so schrieb er vor.kurzem in einem Artikel der „Neuen Freien Presse":„Etwas vom Nachahmungstriebe".) die jetzt ün Reiche übliche Art zu sprechen� sie geht von Preußen aus, und namentlich vom preuhischcn OffizlerSsiande; daher der kurz ange- bundene Satzbau, die bestimmte Art, die hohe Tonlage". Wir möchten dabei mahnen, datz die gesprochenen Sätze nicht nur auf ihre Ton- höhe hin, sondern auch nach ihrer Dynamik und Agogik betrachtet werden; d. h.: wir ändern im Satz unsre Tonstärke, und wir ändern in ihn, auch unser Zeitmatz. Wir beginnen meist in beiden ansteigend, führen den Satz zu einem Höhepunkt, der in der Regel mit dem Höhepunkte der Tonierung zusammentrifft, und enden, indem wir schwächer und langsamer werden. Weit weniger wichtig als die hier angeführten theoretischen Fortschritte ist die merklvürdige Neigung, musikalische Verhältnisse auf andren Gebieten als dem Tongcbiete loiederzufinden. Kenner haben klängst die Versuche aufgegeben, die Farben in irgend einer den Tönen ähnlichen, Reihe zu ordnen; und trotzdem tauchen immer wieder der- artige Versuche auf. Für den uns zugewendeten Inhalt der Ton- erschcinungcn und der Farbenerscheinungen sind eben keineswegs blotz die Schtvingungszahle» matzgebend, sondern es kommen auch noch Verhältnisse physiologischer und psychologischer Art hinzu. Deswegen scheinen uns gleich den Versuchen, Farbenakkorde den musitalischen Akkorden zu Seite zu stellen, auch solche Versuche verfehlt wie der neuerliche, die Atomgewichte in der Chemie den Schtoingungszahlcn her Töne an die Seite zu stellen. Solche Uebereinstimmungen von Zahlen, wie man sie bei dieser Gelegenheit aufgestellt hat, lassen sich für das Tongebict schließlich mit allem möglichen finden; und das ist ja auch der Musik in ihren Grundlagen, wie in ihren höchsten Höhx� ciaen dast iick in sie schliestlicb alles bincimntcrvreticren läßt. Um so wertvoller sind Bemühungen, wirkliche mnsikalisch-natur- wissenschaftliche Probleme mit einem ordentlichen Festhalten des Themas zu behandeln.„Die Physiologie der Bogen- f ü h r u n g auf den Streichinstrumenten. Bon Dr. F. A. Stein- Hausen. Oberstabsarzt. Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf u. Härtel. 1993", ist eine der bedeutendsten Erscheinungen der jüngsten Zeit auf diesem Gebiete. Uns sind mehrere private Urteils über dieses Buch bekannt geworden: keiner hatte es zu tadeln; von einer Seite hietz es nur. das Buch enthalte nichts eigentlich Neues; ein andrer erklärte es für„ganz grundlegend". Wir glauben immerhin, datz es zwar lauter Weisheiten sagt, die man sich auf Grund bisheriger Kenntnisse auch hätte selber sagen können, daß aber die Entfaltung des hierher gehörigen Gcdankenkomplexes ein „ganz grundlegendes" Verdienst des Verfassers ist. Ihm kommt es darauf an, den Bogen der Streichinstrumente gleichsam als den Aus- druck der Funktion unsrer Organe zu kennzeichnen; wobei es aller- dings irreführend ist, ihn„gleichsam daS getreue Abbild des Baues von Arm und Hand" zu nennen. Er erklärt die Bewegungen des Armes und der Hand und macht insbesondere daraus aufmerksam. datz eine Bewegung, ivelche die Hand vereint mit dem Unterarm aus-. führt, die R o l l b c w c g u n g um die Längsachse des Unterarmes, „diese wichtigste Bewegung, auf der die ganze mechanische Bogen- führung beruht", völlig unbekannt ist. Er zeigt weiterhin, datz mit jeder, auch der kleinsten Bewegung der dem Rumpfe ferneren Ge- lenke eine solche auch dem näher am Rumpfe belegenen Gelenke ver- bunden ist. Die Kleinheit dieser Bewegung läßt sie mißachten; und daher kommt jenes Uebermatz von Quälerei, das unsrcn Musik- schiilenr nicht nur der Geige, sondern auch des Kladieres angethan wird, indem man sie zwingt, den Oberarm und womöglich auch den Unterarm in steifer Ruhe zu halten und immer„aus dem Hand- gelenk zu spielen". Natürlich: das Handgelenk darf nicht steif sein; aber es darf keineswegs als von vornherein steif betrachtet werden. so datz man es erst lockern müßte; und die Fixierung des Armes kann es erst recht steif machen. Kehren wir zu unserm Verfasser zurück, so möchten wir be- sonders seinen hauptsächlichen Satz wiedergegeben:„Tee Mechanismus der Bogenführung ist also ein zusammengesetztes Hebelsystem mit zahlreichen Drehpunkten". Alle seine Drehungen sind kreisförmig; die gradlinige Bewegung ist gänzlich Unnatur. Mutz aber der Bogen gradlinig fortbewegt werden, so läßt sich dies bekanntlich nur durch eine Kombination kreisförmiger Drehungen ermöglichen. Taraus zeigt er nun immer eingehender, wie jeder Versuch einer Feststellung des Oberarmes usw. nicht nur fehlerhaft. sondern geradezu ganz aussichtslos ist. Es handelt sich auch noch um kleinere Muskeln, die den verschiedenen Gelenken eine gewisse Gegenkraft geben; in ihrer feineren Einübung beruht die ivescntliche. Schwierigkeit aller Technik. Tann erfahren wir,— und es dicL eine merkwürdige Anologic zu etwas, das wir oben gesagt hatten— daß es für den Strcichinstrumcntspicler verfehlt ist, einen großen Ton durch ein Uebermatz an Reibungsdruck zu erzielen. Dieses Uebermatz verbraucht Muskelkraft, und dieser Verbrauch kann zu einem ver- steifenden Fixieren von Hand und Fingern führen. Sorgfältig geht der Verfasser auf die Bedeutung des Handgelenkes ein; nicht auf seine excessive Beweglichkeit, sondern auf seine relative Feststellung komme es an. Methoden, welche die Gelenke und Muskeln mit mechanischer Gewaltsamkeit ausarbeite», Iverden abgewiesen: innneu wieder wird darauf hingewiesen, datz zahlreiche Muskeln zusammen- wirken, und datz der Klang um so voller, breiter und singender wird und um so mehr den eigentümlichen, unstofslicheu Charakter erhält, je mehr Muskeln sich beteilige».— sz. kleines f euUleton. — Tie indische Auswanderung. Das„Board of Trade Journal" veröffentlicht«inen mntlichen Bericht der indischen Regierung über die Auswanderung aus Indien in den letzten Jahren. In de» mit IVOVVL endigenden 20 Jahren betrug die Zahl der indischen Aus- Wanderer 310 349, von denen 138 060 wieder zurückkehrten. Aus der Statistik gewinnt eL den Anschein, datz die Auswanderung zum Anwachsen neigt, während das Verhältnis der zurückkehrenden Aus- Wanderer abnimmt. Es giebt fünf Plätze in Indien, von denen die Auswanderung gesetzlich vor sich gehen darf: Kalkutta. Bombay. Madras und die französischen Niederlassungen Pondichery und Karikal. Die Auswanderung aus Bombay hat vor vielen Jahren aufgehört, indessen sind jener Hafen und Karachi neuerdings zur Ein- chiffung von Arbeitern für die llgandabahn benutzt worden, die dort im Einverständnis mit der indischen Regierung angeworben wurden. Ucber 27 000 solcher, meist in Punjab angeworbener Arbeiter ver- ließen zu jenem Zweck Karachi in den drei mit 1900 endigenden Jahren. Im letzten Berichtsjahr ist dort kein indischer Arbeiter inchu angeworben worden, da die Bahn ihrer Vollendung entgegenging. Aus den französischen Niederlassungen hat feit 1884 nur noch einmal, 1883, eine Auswanderung stattgefunden Kalkutta ist der geeignetste Hafen für die Verschiffung von Emigranten aus de» ärmeren Klassen der dicht bevölkerten Distrikte vonLudh, Bchar und dem östlichen Teil der Vereinigten Provinzen, und der Hauptstrom der Auswanderung von dort ging denn auch den Hugly hinunter. Von den indischen Auswanderern im �ahre 1901/1902 wurden 12 310 oder 55 Proz, von fallut*' fft, und zwo""-ch B'-itisch-Gubana � niv�T, Fidsim. r �ncb-Gv wurden in jenem Mire 10 131 Auswanderer, vorzugsweise auS den Tamildistrikten, verschifft: sie gingen nach Natal und Mauritius. Es findet ein beträchtlicher Abflusz von Arbeitern auS Madras nach Ceylon und den Stroits statt, doch fällt dieser nicht unter das Aus- Wanderungsgesetz. Im letzten Jahr gingen 7763 indische Arbeiter nach Natal, 1276 nach Dcmerara, 42S1 nach Mauritius, 2542 nach Trinidad, 2319 nach Fidschi und 1343 nach Niederländisch-Guyana. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Auswanderung unter den dafür bestehenden Gesetzen, und die Zahl derjenigen, die Indien als Passagiere und ohne Mitwirkung der Anwcrbc-Agenturcn für die Kolonien verlassen, ist dort nicht mit einbegriffen: ebensowenig die nach den heiligen Stätten Arabiens gehenden Pilger, von denen eine kleine, aber unbestimmte Zahl nicht zurückkehrt.—(„Globus".) Theater. Berliner Theater. ,. E r st a r r t e Menschen." Schau- spiel in drei Akten von Ludwig Huna.— Von„Maria Theresia" und„Waterkant", den beiden Stücken, die gegenwärtig de' Abend- repertoire des Berliner Theaters beherrschen, sticht daS Schauspiel Hunas, eines östreichischen Offiziers, dem das bescheidene Los einer Sonnabenduachinittags-Premiere zu teil wurde, vorteilhaft ab. ES ist kein Spekulantenftück. Man hat den Eindruck, daß der Autor unter dem Zwange eines lvirklichen Erlebnisses stehend, das, was ihm dabei als daS charakteristisch Wesentliche erschien. in ehrlichem Ringen zu gestalten bestrebt war. Weit freilich haben die Kräfte nicht gereicht. Die Längen und Unbeholfen- heiten in der Scencn'führung verraten die Anfängerschaft: viel bedenklicher aber erscheint eine gewisse farblose Mattigkeit des Dialogs, die Annnt in der Erfindung verlebendigender, die Phantasie beschäftigender Nuancen. Der Gedanke bleibt spröde, er erschließt sich nicht zur Fülle der Anschauung. Um ihm die adäquate Form zu geben, dazu hätte es einer Kunst der feinsten Stimmnngsmalerei bedurft. Wie daS Stück geworden, interessiert es eben nur durch den Gedanken und die Absicht, den Ausatz und allgemeinen Umriß der Situation. Die Else ist eine jener nicht seltenen Iveib- lichen Naturen, die von dein Schicksal vorbestimmt er- scheinen, an der Tiefe ihres rückhaltlos sich hingebenden Liebcsempfindcns zu Grunde zu gehen. Weder leichtsinnig, noch genußsüchtig, noch betrogen oder durch die Not getrieben, ver- fallen sie dem ersten besten, der sie anzieht, auch wenn sie wissen, daß er nicht fähig und nicht willens ist, dauernde Gefühle zu ererwidern; und die Lösung des rasch geschlungenen Bandes wird für sie zum furchtbaren, Lebensmut und Stolz und Selbstbewußtsein niederbrechendcn Verhängnis. So hat Else, als sie de» jungen Fant. an welchen sie ihr Herz gehängt, verloren, besinnungslos verzweifelnd, den Tod in kalter Winternacht gesucht. Ein junger Maler bringt die Erstarrte in das Atelier, wo er mit einigen Kiinstlersreunden— armen Schluckern— haust. Langsam erwacht sie wieder zum Leben, dem kalten, öden, leeren, dem sie entfliehen wollte. Sein Zuspruch, gütig, kameradschaftlich- herzlich, thut ihr wohl und, als sie ihm stockend ihr Schicksal erzählt, spricht er von seinen eignen Schmerzen. Auch er war ein Erstarrender, der, da er seine Kiinstlerhoffnungen zusammenbrechen sah, sich selbst ver- nickten wollte. Die Spannung löst sich in ihr: seine Bitte, zu einem Bilde ihm Modell zu stehen, will sie erfüllen, und er gelobt, er werde ihr, die er in der Erinnerung an die durchlittenen Liebes- quälen schaudern sieht, nie mit andern Wünschen nahen. Doch das neue Leben bringt der Unglücklichen, indem es sie aus den Fesseln der alten Liebe löst, nur neues, noch schmerz- licheres LiebeSleid, die Tragödie ihres Charakters vollendend. Rasch verblassen die Züge dessen, um den sie eben noch in den Tod hat gehen ivollen. Eine Krankheit heilt die andre. Es hilft nichts, daß Raul ein braver Bursche, der ein andres Mädchen liebt, ge- wissenhast sein Wort hält: ohne sein Wissen und Wollen entzündet sich in ihr verzehrend düster die Leidenschaft. Das Bild, zu welchcin sie Modell gestanden, ist das erste. in dem es ihm gelingt, für das. was seine Phantasie ersehnt, den ungebrochenen künstlerischen Ausdruck zu finden. Nun hofft er rasch und sicher auswärts von Erfolg zu Erfolg zu klimmen. Er nimmt Abschied von Else, harmlos, nicht anders, wie er von den Freunden Abschied nimmt. Da bricht in ihr das lang zurückgehaltene Sehnen schrankenlos hervor. Nicht der andren, ihr, an der seine Kunst gewachsen ist, soll er gehören. Vergebens mahnt er ruhig: freundlich zur Vernunft. Sie wirft das Leben fort zum zweitenmal, der Wein im Glase, mit dem sie beim Abschiedsfest dem Freunde zutrinkt, ist vergiftet. Ganz ausgezeichnet war Fräulein I d a R o l a n d, die bereits in dem Bierbaumschen Stücke eine überraschende Probe ihrer jungen Kraft gegeben, als Else: vorwefflich auch Herr W a l d e n als Raul. Sie gaben den inalten Worten manchmal eine wunderbare Wärme und Innigkeit.—-dt. Neue Freie Volksbühne(??encs Theater): „M a ch t". Ein sociales Schauspiel in vier Akten von I. W i e g a n d. — Das Drama hat bereits vor Jahresfrist am Oldenburger Hof- thcater seine Erstaufführung gehabt und ist unlängst auch in Bremen gegeben worden. Der Dichter durfte sich der Fürsprache Heinrich Bulthaupts erfreuen. Das war immerhin schon ein günstiges Zeichen. Ilnre�dessen hatte die Buchausgabe des Stückes Gelegenheit geboten, s,' �lde Die Lektüre ließ den Wunsch aufkommeik, dem Drama auch auf einer Berliner Bühne zu begegnen. Das ist nun geschehen, und wenn man dem Erfolg, den das Wiegandsche Schauspiel davontrug, trauen darf, so kann von einen, glücklichen Griff der Vereinslcitung gesprochen werden. Frei- lich ist der Erfolg mehr äußerlicher Art, weniger innerliche Nötigung. Jugendlicher Sturm und Drang schießt oft über das Ziel hinaus und läßt vor Freude an theatralischen Effekten eine psychologische Ent- Wicklung der einzelnen Charaktere solvie der Motive, die die„Hand- lung" abgeben sollen, noch vielfach vermissen. Der Autor vermochte jedoch das Interesse für den Mittelpunkt''ldcn zu spannen. Dieser Held, ein Erfindergenic, entpuppt sich als rücksichtslosester Egoist, als eine Art Cäsar, Napoleon oder Bismarck. Alle Menschen gelten ihm nur als Zweckmittel, lieber sie schreitet er kalt hinweg. Alle Macht des Kapitals reißt er an sich, nicht, nm nun durch sie segensreich z>» wirken, sondern nur, um sei c Erfindung— es handelt sich um eine Turbine, von der er sich eine totale Umwälzung der Seeschiffahrt verspricht— durchzusetzen. Nah am Ziel, stürzt er von seiner Höhe. Und ein Hirnschlag besiegelt auch zugleich äußerlich sein Ende. Die Zeichnung dieses Egoisten hat den Schein konsequenter Durchführung. Man errät aber sofort, wie alles kommen wird, lind das ist ein Fehler. Ein Dichter, der mich ein erfahrener Psychologe wäre, hätte dem Helden gewiß einige Züge menschlichen Gefühls beigesellt. Die andren Figuren sind nur in mehr oder weniger fragmentarischen Umrissen hingestellt. Es mangelt am Untergrunde der Erfahrung. Dichterische Energie aber läßt sich dem Drama als Ganzes nickt ab- sprechen. Leicht möglich, daß der Most, der sich hier noch„absurd gcberdet", einmal guten Wein giebt. Die Darstellung war in allen Teilen sehr gut.— e. k. Humoristisches. — Heiteres aus der Gerichtspraxis. Der „Frankfurter Zeitung" wird geschrieben:„Ich zeige hierdurch an, daß ans dem Speicher des Landwirts N. eine erhängte Leiche ge- funden ist. Vorgestern war sie noch lebendig und nannte sich Heinrich Schulze", so meldete der Polizist einer kleinen Gemeinde seiner vorgesetzten Behörde. Ein andres Mal berichtete er, daß ein Bauer im Winter um vier Uhr morgens Schweine aufgeladen, um sie zum Markt zu fahren. Die Tiere hatten lebhaft protestiert und die Anzeige lautete:„Anzeige gegen den Ackersmann G. wegen nächtlich aufgeladenen S ch w c i n e g e s ch r e i s."—- Das Rubrum, der Titel der Anzeige, ist oft schwieriger zu finden als für Romane nnd Theaterstücke. Ich erinnere mich noch mit vielem Behagen eines alten hannoverschen Aktenstückes aus dem Jahre 1834. Da war das Häuschen eines Webers abgebrannt und der arme Teufel gab an. daß vermutlich seine Katze vom Herdfeuer Kohlen ins Stroh getragen nnd so den Brand verursacht habe. Damals gab es noch keinen groben UnfugSparagravben: wenn eine Strafe nicht vorgesehen war, so strafte man mit Gefängnis bis zu acht Tanen„im Wege rechtlichen Durchgrcifcns". So erging es auch dem-'SBebcr: acht Tage„wegen Irreführe ns des Gerichts mittels einer Katze"— denn es war ermittelt, daß er nie ein solches Tierchen besessen hatte.— Der Kapitän eines Segelschiffes war seit einigen Stunde» in G. eingelaufen. Abends, als er an jedem Arme eine unzweifelhafte Begleiterin hatte, erhielt er von dem ab- gemusterten Matrosen Recly einige Ohrfeigen. Anzeige des Polizisten: „Der Kapitän ist als ein gebildeter und solider Mann hier allgemein beliebt und geachtet. Aus den Augen dcS Matrosen Reelb rbcr leuchtet ein recht roher Charakter, der durch seinen robusten Körperbau noch mehr bestätigt wird" usw.— Notizen. — Rudolf v. Gottschalls neues, dreiaktigcs Vcrslnstspiel „So zahlt man seine Schulden" fand bei der Erst- aufführung im Alten Theater zu Leipzig eine freundliche Aufnahme.— —„HanneleSHimmelfahrt" von G e r h a r t H a u p t- n, a n n wird am P a r i s e r A n t o i n e- T h e a t e r als Karfreitags- stück die erste französische Aufführung erleben.— — Von den bei Keller m Reimer ausgestellten 40 Bildern des Malers Hans am E n d e ist bis jetzt bereits über die Hälfte verkauft worden.— — Die I u b i l ä u m S- A u S st e l l u n g der s ch l e s Iv i g» holsteinischen K u nst g e n o s s e n s ch a�t ist dieser Tage in Kiel eröffnet worden. Annähernd 60 Künstler sind vertreten.— — Aus Quarzglas stellt man jetzt Thermometer her, die sich zum Messen von 300—750 Grad CelsiuS Hitze eignen.— g. Eine kleine Verwechslung. Ein amerikanisches Blatt hat zwei treue Abonnenten verloren und zwar auf folgende Weise: Ein Vater von Fwillingen wünscht zu wissen, Ivie er diese am besten durch die Zeit dcS Zahnens bringen kann, und ein andrer Abonnent, wie er seinen Obstgarten von Heuschrecken säubern kaim. Infolge der Verwechslung der Namen erhält der Besitzer von Zwillingen die Antwort:„Bedecken Sie sie sorgfältig mit Stroh, zünden Sie sie an und sie werden die Quälgeister schnell los sein." Der mit Heuschrecken Geplagte erhielt den Rat:„Neichen Sie ihnen ein wenig Kastoröl und reiben Sie die Kinnlade sanft mit einem Elfenbemstäbchen."— Vorwärts Buchdruckern u.Vxrln' r'3;!-"et&(iO.,Ser'' �W,