Anterhaltnngsblatt des Vorwärts Nr. 66. Freitag, den 1. April. (Nnchdnii? vcrboicn) Bithcr Maters. Roman von George Moore. Diese Nacht mußte Esther nun jedenfalls im Arinenhause verbringen, und was dann? Sie wußte es nicht. Sie konnte auch ihre Gedanken nicht festhalten, und wieder irrte sie planlos in den Straßen umher. Endlich blieb sie ans einer Brücke stehen, sah dm dunklen Abcndhimmcl an mit seinen silbernen Sternen, und das mächtige Wasser, das da unter ihr, zu ihren Füßen unablässig wogte und plätscherte. Sie wußte nicht mehr, was thun, was denken. Sollte sie wirklich in dieser sternenhellen, großen, reichen Stadt mit ihrem Kinde elend sterben? Zu Grunde gehen? Und warum, warum? Es blieb ihr jetzt nur noch das Armenhaus! Aber dieser Gedanke war ihr so schrecklich mitunter glaubte sie, daß sie wahnsinnig würde: mit Gewalt hielt sie endlich ihre Gedanken zusammen und fragte sich, warum sie denn nicht ins Armenhaus gehen ivolle, wenigstens für diese Nacht. Um ihretwillen wäre es ihr egal gewesen, aber um ihres Kindes willen: mit ihm ging sie so ungern dahin. Doch schließlich, wenn es.Gottes Wille war, so mußte sie sich fügen. Aber lelbsr dieser Trost vermochte sie nicht zu überzeugen, und wieder wanderte sie planlos ans der Brücke ans und nieder. ES war eine kalte Nacht: sie wickelte ihr Balm fest in ihr Tuch ein und versuchte noch einmal sich zu über- reden, das Obdach des Armenhauses anzunehmen. Alles, was sie hier sah, erschien ihr fremd und so seltsam! Die blasse� glasige Scheibe des Mondes da hoch oben am Himmel, die vielen Lichter, die Goldstücken gleich vom User ins Wasser zu fallen schienen, und wieder mußte sie denken: das Armenhaus, das Armeichaus! Was hatte sie verbrochen, um ein so bitteres Schicksal zu verdienen? Und vor allein, was hatte das un- schuldige Kind verbrochen? Sie hatte das Gefühl, daß, wenn sie erst einmal das Armenhaus betreten hatte, sie für immer dort bleiben und für immer gebrandmarkt sein würde. Dann waren sie und ibr Kind für ewige Zeiten Bettler.?lber was sonst, was sonst? Was kann ich denn sonst thun? fragte sie sich noch einmal verwirrt und setzte sich müde ans eine der Bänke irieder. Ein junger Mann in Gesellschaftstoilettc ging an ihr vorüber t»id betrachtete sie. Ter Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ihm nachzulaufen und ihm ihre Geschichte vorzutragen. Warum hüte er ihr denn nicht helfen sollen? Es wäre ihm gewiß ein leichtes gewesen: vielleicht, vielleicht thätc er's! Aber bevor sie sich noch entschließen konnte, ihn anzureden, hatte er schon eine Droschke bestiegen und war davongefahren. Sie blickte zu den Fenstern der großen Hotels hinauf und dachte air die vielen, vielen reichen Leute, die dort wohnten und denen es ein leichtes sein würde, sie vor dem Armenhause zri bewahren. Hinter diesen Fenstern klopfte gewiß mehr als ein gütiges Herz, welches ihr gern geholfen hätte, wenn sie sich ihm hätte offenbaren können. Aber da lag eben die Schwierig- keit: sie konnte doch keinen anreden und ihm ihre Geschichte er- zählen: und keiner konnte von selbst das Elend ahnen, welches sie erduldete: lind sie war außerdein ja mich nach so unwissend, so ungebildet, sie hätte sich gar nicht einmal verständlich zu machen gewußt. Man würde sie für eine gewöhnliche Bettlerin gehalten haben. Nein, nein: nirgends konnte sie Hilfe finden— als eben nur im Armenhause! Ja, dort mußte sie hin! Der Gedanke an ihr furchtbares Elend würgte sie fast,, und auf der Höhe der Verzweiflung angelangt, schoß ihr einmal, ein einziges Mal der Gedanke durch den Kopf, ob sie doch nicht besser daran gcthan hätte, ihr Kind bei Mrs. Spires zu lassen. Wozu sollte denn der arme, kleine Kerl auch leben? Ein zweiter junger Mann im Gesellschaftsanzug kam ihr entgegen. Er sah so glücklich, so behäbig ans, er ging mit solch langen, elastischen Schritten einher. Er blieb vor ihr stehen und fragte sie, ob sie spazieren ginge. „Nein, mein Herr! Ich bin im Freien, weil ich nicht weiß, wohin ich gehen soll." „Wie kommt denn das?" Und er setzte sich neben sie nieder, und sie erzählte ihm die ganze Geschichte von ihrem Elend. Er hörte sie gütig an, und sie glaubte schon, daß nun etwas Wunderbares passieren würde. Er aber machte ihr nur ein Kompliment über ihren Mut und ging weiter. Da merkte sie, daß es ihm nicht ge- fallen hatte, eine traurige Geschichte anzuhören. Nun kam ein Strolch und setzte sich zu ihr auf die Bank. „Gleich," sagte er,„wird ein Schutzmann kommen und! uns fortjagen von hier. Aber eigentlich ist's mir egal: es ist doch zu kalt, um hier zu schlafen: ich glaube, es wird bald regnen, und ich habe einen so schrecklichen Husten." Sollte sie sich ein Obdach für die Nacht bei Mrs. Jones erbitten? Aber das war noch so weit, so weit! Sie glauvte gar nicht, daß sie überhaupt im stände wäre, noch so weit zu gehen. Und wenn Mrs. Jones vielleicht fortgezogen wäre, was sollte sie dann thun? Schließlich—- das Armenhaus in jener Gegend war um nichts besser als das Armenhaus in dieser Gegend! Und ein Nachtquartier, was würde ihr denn auch das viel nützen? Mrs. Jones konnte sie nicht umsonst bei sich behalten, und sie konnte sich auch kein zweites Mal nach einer Stelle als Amme umsehen; denn das Hospital würde sie nicht wieder empfehle». Wieder begannen ihre Gedanken sich nach allen Windrichtungen hin zu zerstreuen. Sie mußte Plötzlich an ihren Vater denken, an ihre Brüder und Schwestern, die nach Australien gefahren waren. Ob die wohl dort angekommen waren? Und ob sie an sie dachten lind ob—-—? Die im Mondenschein daliegende große Stadt starrte ihr eisig ins Antlitz, und sie und ihr Kind waren auf dem Wege zum Armenhaus! Wer hätte je geglaubt, daß sie so tief sinken würde! Sie und ihr Knabe würden Bettler werden! Ihr Blick fiel auf den Strolch neben ihr. Er war eingeschlafen: er kannte gewiß das Innere des Armenhauses gut. Sollte sie ihn fragen, lvie es dort wäre? Auch er besaß wohl keinen Freund in der weiten Welt. Sonst würde er nicht hier an» kalten Flußufer schlafen. Er konnte ihr wenigstens den Wec» nach dem Arinenhause zeigen. Sollte sie ihn danach fragen? Aber der arme Mann schlief, und wenn man schlief, war man glücklich. Nein, sie wollte ihn nicht wecken. Der Nollmond hoch oben am Himmel, die steinerne, starre, große Stadt, die glasige� endlos dabinrollende Fläche des Wassers, alles das zusammen machte sie fast schwindlig— und sie hatte plötzlich nur noch den einen Wunsch, die Augen zu schließen lind init dem Mond und mit dem dahinrollenden Wasser fortgetragen zu werden, weit fort ans dieser Welt. Ihr Baby wurde immer schwerer im Arme. Der Strolch. der jetzt in seiner zusammengekrümmtcn Stellung nur noch aussah wie ein Bündel Lumpen, schlief fest. Sie aber konnte nicht schlafen. Eine verspätete Droschke eilte an ihr vorüber. und sie horchte den Tritten der Pferdehufe und dem Klappern der Räder zu, bis auch diese Laute verstummt waren. Die Stille um sie herum wurde jetzt fast hörbar, bis sie endlich von dem gemessenen, lauten Schritt des Schutzmannes, der seine Runde machte, unterbrochen ward. Esther erhob sich und ging ihm entgegen. Sie fragte ihn nach dem Wege zum Lambeth- Armenhause. Und als sie dann fortschritt in der Gegend nach Westinilister zu, hörte sie, wie er mit harten Worten den schlafenden Strolch weckte und ihm barsch befahl, weiter- zugehen. � Diejenigen Leute, die sich ihre Dienstboten aus dem Arinenhause holten, wollten nie mehr als vierzehn Pfund pro Jahr geben, und damit konnte sie nicht die Pension für ihr Kind bezahlen. Die Vorsteherin war ihre Fmindin geworden. Sie that, was sie konnte,, aber das Gebot lantete immer: „Vierzehn Pfund, mehr können wir nicht geben." Endlich bot ein Kaufmann in Chelsea sechzehn Pfund pro Jahr, und gleichzeitig machte die Vorsteherin Esther mit einer Mrs. Lewis bekannt, einer einsamen Witwe, die sich bereit erklärte, für fünf Schilling pro Woche das Kind in Pflege zu nehmen. So blieben Esther drei Pfund pro Jahr für ihre Kleidmig übrig, drei Pfund pro Jahr für sich selbst. Welch ein unerhörtes Glück! Der Laden des Kaufmanns stand sehr vorteilhaft an einer Straßenecke. Die Wohnung befand sich über dem Laden, lind der Eingang zum Laden war im Kings Road. Die Fanlilie Bingley bestand ausnahmslos ans häßlichen, harten Menschen, die sowohl aus ihren Kunden wie aus ihren Dienstboten das Menschenmögliche herauszupressen wußten. MM. Vuigley war eilw grove, knochige Frau mit kleinen, 'grauen Löckchen, die ihr zu beiden Seiten des Gesichts herab- hingen. Wenn sie in ihrem schmierigen Schlafrock morgens in die Küche hinunterkam, um das Kochen zu überwachen, sprach sie stets mit einer verärgerten, strengen Stimme zu dem Mädchen. Sonntags trug sie immer ein schwarzes Atlaskleid, eine goldene Brosche und eine lange goldene Kette um deu Hals. An diesen Tagen that sie dann äußerst vornehm, und wenn ihr Mann sie„Mutter" nannte, erwiderte sie mit ge- spitztem Munde: „So bemuttere mich doch nicht in einem fort!" Mitunter war sie auch liebenswürdiger zu ihm, band ihm seine Krawatte und schob ihm deu Kragen zurecht. Die ganze Woche hindurch trug der Hausherr das gleiche kurze Jackett. Sonntags aber erschien er stets in einem schlecht ge- machten, langen, alten Gehrock. Seine lange Oberlippe war glatt rasiert, aber linterhalb des Kinnes trug er ein paar färb- lose Haare, die weder braun noch rot waren, sondern jenes häß- liehe Grüngelb aufwiesen, welches manches Haar beim lieber- gang zum Ergrauen annimmt. Wenn er sprach, öffnete er seinen Mund sehr weit und schien sich nicht im mindesten der vielen Zahnlücken und der drei oder vier gelbschwarzen Stummel, die ihm noch übrig geblieben waren, zu schämen. John, der ältere der beiden Söhne, war ein stiller, schweig- samer Mensch, der nichts so gern that, wie an den Thüren horchen. Er behorchte die Unterhaltungen seiner Schwestern; die Esthers mit dem kleinen Mädchen, das ihr gelegentlich ein paar Stunden in der Küche helfen durfte, und kauerte zu diesem Zweck ungeniert halbe Stunden lang auf der Treppe nieder. Er hatte auch eine Braut, und Esther dachte mitunter für sich, die müßte es wohl sehr nötig haben, um sich mit einem so widerlichen Menschen einzulassen. Wenn er mit ihr aus- ging, rief er ihr grob zu:„Komm, Anny!" ging ruhig vor ihr zur Thür hinaus und bot ihr draußeil nicht einmal seinen Arm. Wie Jungen und Mädchen nebeneinander herschlendern, wenn sie aus der Schule kommen, so kam auch dieses Brautpaar stets von seinen Spaziergängen zurück. Hubert, der jüngere Sohn, war ganz ailders geartet. Er hatte weder das mürrische Wesen der Familie, noch die häßliche, lange Oberlippe. Er war der einzige rosige Punkt in diesem so grau in grau ge- färbten Haushalt, und Esther hörte stets mit Vergnügen seine herzliche Stimme, wenn er von der Hausthür aus seiner Mutter zurief: „Ich habe den Schlüssel, Mutter, es braucht keiner auf mich zu warten." Und die Mutter rief ihm dann zu: „O, Hubert! Komm nur nicht später nach Hause als elf Uhr! Tu gehst doch nicht schon wieder zum Ball? Dein Vater wird sicherlich die elektrische Glocke an die Thür macheu, um genau zu höre», wann Tu nach Hause kommst." Die vier Töchter hatten sämtlich die lange Oberlippe der Familie und eine recht gesunde Gesichtsfarbe. Die älteste war die häßlichste. Sie führte die Bücher für ihren Vater und buk die Kuchen in der Küche. Die zweite und dritte schienen nach Heiratskandidaten auszuspähen, und die vierte litt an hysteri- schen Anfällen oder Krämpfen. Das ganze Haus der Bingley sah aus wie sie selber: nüchtern, sauber und hart. Tie Treppe war mit weißgrauem Filz belegt, und die von oben bis unten weiß gemalten Wände mußten stets vor Sauberkeit glänzen. In den Fenstern standen keine Blumen; aber die Züge an den Stores mußten stets in vollkommener Ordnung sein. Im Salon standen mehrere schwerfällige Tische, Stühle, ein Sofa und Schränke; die Sessel waren alle mit weißen Deckchen be- legt, und als Zierat standen eine Menge häßlicher Glas- und Porzellanvasen herum; auch ein Klavier war vorhanden, und jeden Sonntagabend mußte eines von den jungen Mädchen Choräle darauf spielen, zu welchem die ganze Familie im Chor mitsang. Dies ivar das Haus, in welches Esther als Mädchen für alles mit einem jährlichen Lohn von sechzehn Pfund eintrat. Siebzehn Stunden täglich, also zweihundertdreißig Stunden in vierzehn Tagen, mußte sie waschen, scheuern, fegen, kochen, Gänge laufen und ununterbrochen arbeiten, ohne je auch nur einen Augenblick für sich zu haben. Jeden zweiten Sonntag durfte sie vier bis fünfthalb Stunden ausgehen. Ihre Aus- gehezeit war nominell von drei bis neun. Aber es war ihr gesagt worden, sie müsse rechtzeitig zurück sein, um den Abend- brottisch zu decken, und wenn sie einmal um fünf Minuten nach neun zurückkam, sah sie schon saure, strenge Gesichter und hörte Klagen und Beschwerden. Geld hatte sie. gar keines. Ihr Viertcljahrslohn würde erst in vierzehn Tagen fällig sein, und da dieser Termin nicht mit ihrem Ausgehsonntag zu- sammenfiel, konnte sie ihr Baby noch drei lange Wochen nicht besuchen. Seit einem ganzen langen Monat hatte sie ihn nicht gesehen, und eine fast unüberwindliche Sehnsucht nach ihm erfüllte ihr Herz. Die Sehnsucht, ihn in ihren Armen zu halten, ihn an ihre Brust zu drücken, seine weichen Baby- wangeir an die ihren zu legen, seine dicken, weichen, warmen, fetten Füße in ihren Händen zu fühlen. Sie mußte denken, wie schnell die vier herrlichen Stunden der Freiheit vorüber- fliegen, und wie dann zwei neue Wochen der Sklaverei be- ginnen würden. Zwanzigmal schon hatte sie sich resigniert und entschlossen, ihr Geschick zu ertragen, aber ebenso oft empörte sich ihr Herz dagegen. Endlich mußte sie sich selbst eingestehen, daß es ihr unmöglich sei, auf dies Vergnügen an verzichten. Sie würde ihr Kleid zum Pfandleiher tragen; es war freilich das einzige, das sie besaß. Und was würde ihre Herrin dazu sagen? Aber gleichviel! Sie mußte ihr Kind sehen! Und wenn sie dann später ihren Lohn bekam, konnte sie ihr Kleid wieder auslösen und würde sich auch ein paar neue Stiefel kaufen. Und sie schuldete Mrs. Lewis schon einen ganzen Posten Geld. Fünf Schilling die Woche— das machte dreizehn Pfund pro Jahr. Es blieben ihr somit nur drei Pfund pro Jahr für ihre eignen Siesel und Kleider, die Fahrten hin und zurück zum Kinde und alle weiteren Bedürfnisse des Kleinen. O, dachte sie, es ist nicht möglich, nicht möglich! Niemals kann ich das durchführen. (Fortsetzung folgt.); (Nachdruck verboten.) Arielen Krifebans Wasserkur. Eine Ostergeschichte aus der Lüneburgcr Heide von Erika Riedberg. (Schluß.) Eben schlug es elf Uhr vom Kirchturm. Der Nachtwächter tutete in seil» Horn und begab sich auf den Rundgang. Krischan schlich leise über den Hos zum Pferdestall, sich den größten Tränkeimer, den er finden konnte, zu seinem Vorhaben zu holen. Ganz von»»»heimlichen Vorstellungen erfüllt, saß er nun wieder geduldig auf dem Stein, zuweilen vor sich hinmurmelnd, bald einen frommen Liedervers, bald den„Bötespruch", dessen er sich zum Glück sicher erinnerte. Dann wieder zerbrach er sich den Kopf, wo sein Buch hin- gekommen sein könne, undjnitten in aller Unruhe fiel ihm ein, daß eS der Bauer in seinem Schrank haben müfie, dem hatte er's vor Jahren mal gegeben. Na, jetzt war's zu spät, die Vorschrift nach- zulcscn, halb zwölf hatte es schon geschlagen. Die Angst stieg ihm bis an die Kehle, aber keinen Mo»»ent dachte er daran, seinen Plan aufzugeben; er mlißte helfen. Ivo sonst keiner mehr Rat wußte. In diese»» Augenblicken war Thielen Krischan, der oft verhöhnte, abergläubische Krischan ein Held. Jetzt drei kurze Schläge durch die stille Nacht: Dreiviertel l Mit zitternder Hand griff er nach seinem Eimer, da wisperte es auch schon jenseits des Zauns. „Büst dor? Den», tumm furns." Bebend reichte Krischai» erst den Ein»cr hinüber und kletterte mühsam nach. Drüben knickten ihm fast die Beine ein. Gottsjämmerlich war ihm zu Mute. „Na, nu man krccgel(mutig), Krischan," munterte ihn Peters auf.„Kiriep de Dumcn in. Ick lat Dick nich in'n Stich." „Peters, ick segg Dick." preßte Thiele heraus,„wör't nich üm de Gesundheit, ick däh't nich." „Jo, jo, de Gesundheit is't aberst ok wert. Ick segg üminer, wenn de Kauh örn Swanz Verlarn het. denn markt sei irst, wa hei god tau Wasen is. Nu man losl Los. Krischan, slief de Beenl Kurasch, olle Bengel, un wiß dat Mut Hollen." Lautlos wie zwei Schatte»» schlichen die beiden an den Mühlbach, Die feierliche Ruhe über der»veitcn, noch winterlich schwarzen Heide legte sich schwer und drückend wie ein Alp auf Thieles erregtes Gemüt. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn, in angstvollen Schlägen pochte sein Herz gegen die Brust. Mit dem ersten Glockenschlage bückt er sich zum Wasser. Da—> ein eisiger Luftzug hat seinen Nacken gestreift— seine zitternde» Hände lassen ums Haar den Eimer sinken. Bebend am ganzen Körper versucht er's nochinals. Wieder der entsetzliche Hauch! Er weiß nun ganz genau, wer hinter ihm steht. Seine Zähne schlagen klappernd zusammen, er fällt am Rand des Baches in die Knie, und so. während der letzte Schlag der zwölften Stunde durch die Nacht verhallt, schöpft er das heilungverheißende Osterwasser..„. Minutenlang bleibt er wie von Grauen gelähmt, beide HaniS an den Eiiner vor sich gestützt,«ruf den Knien. Als aber zum dritten» mal die Kälie über seinen Nacken hinwcht. raffte er sich schaudernd zusammen, und mit krampfhaftem Griff den kostbaren Eimer packend. raste er, die Augen starr geradeaus gerichtet, dem Hof zu. Er sah nicht, wie Nachtwächter Peters lachend ein langes Pfeifenrohr wieder unter seinem Mantel verbarg. Tiesmal hatte der Teufel gründlich gepustet. * Die Bäuerin war nach einer vielfach gestörten Nacht noch etwas eingeschlafen. Der Bauer lag dtronengclb, in fürchterlichster Laune in seinem Bett. Er hatte sich das Gesangbuch reichen lassen, nach alter Ge- wohnhcit am Sonntagmorgen ein paar Verse zu lesen. Jedoch die Ostcrliedcr klangen ihm heute wie Hohn. Er, der Schmcrzgeplagtc. dem Grabe Zuschreitende, vermochte nicht mit ein- zustimmen in den Jubel. Bitter bereute er in dieser Stunde, aus lauter Eigensinn und Bosheit dem Arzt stets zuwidergehandelt zu haben. Nu» war's zu spät, nun mutzte er dran glauben. Seufzend schlug er das Gesangbuch zu. Da öffnete sich langsam die Thür. In einer Hand einen Stallcimcr, in der andren eine messingne Wasserkelle tragend, trat Thielen Ärischan ein. Er war in seinem besten, schwarzen Abendmahlsanzug, sein Gesicht trug den Ausdruck höchsten, feierlichsten Ernstes. Stumm kam er an das Bett, und ohne des Bauern erstaunte Frage:„Wat wutt De denn maken, Krischan?" zu beantworten, schlug er die Bettdecke am Futzcnde zurück, tauchte die Kelle in den Eimer und. indem er eintönig murmelte: „Ick doh dick böten, De Dübel schall bin Wehdag sräten". gotz er abwechselnd auf jedes der kranken Beine eine Kelle voll Wasser. Ter Bauer kreischte wie am Messer. „Hür upl Hest öwcrsnapp? Hür up, verdreihtc Hundl" Krischan murmelte und füllte ungerührt weiter. Das Bett schwamm im Ilmsehen. Dem Bauern traten vor Angst und Wut die Augen fast aus dem Kopf. Es gelang ihm schliehlich, die so lange bewegungslos gewesenen Beine hochzuziehen, jedoch Krischans Kelle folgte erbarmungslos. und während vorher nur die Fütze naß geworden, lief ihm jetzt das Wasser auch über den Leib. „Ick doh dick böten, De Dübel schall—" Da fiel Thiele die Kelle aus der Hand. Mit ungeheurer An- strengung war der Bauer aus den, Bett gesprungen. Rechts und links sausten ein paar klatschende Ohrfeigen auf Krischan nieder. „Tu verfluchten Satanskirl, wutt Tu mick vcrsupen? Kannst nich afflöwen, bctt ick asfschulvcn dauh?" Krischan lictz ihn ruhig prügeln und schimpfen. Seine hell- blauen Augen starrten in andachtsvollem, unbegrenztem Staunen das Wunder an. Der Bauer aus dem Bettl Ganz stuhr aus den kranken Beinen I Rein, so schnelle Besserung durch sein Hcilwasser hätte er doch nicht für möglich gehalten. Nur das Gesicht, das sah noch schlimm aus. Blitzschnell bückte er sich— und klatsch fuhr dem Kranken ein voller Gütz über den Kopf. „Tau Hülp, tau Hiilpl" brüllte Tietge— wie vom Schlag ge- troffen siel er rücklings auf das Bctt nieder. „Herr du mein Gott, wat giwt't denn?" Notdürftig einen Unterrock übergeworfen, stürzte die Bäuerin herein. Krischan sprang ihr entgegen. „Ick hcw öm böt't. Hüt nacht Klock twölwcn hew'ck't Oster- water halt. Mächbig het't hulpen. Glieks kumm hei up de Veen un rat ut'n Beddl" flüsterte er eifrig. Die Frau rang entsetzt die Hände. „Natt gaten hest öm? Jesus. Jesus, wa süht hei utl Hei is an'n Starwcnl Mal surns, hal'n Dukterl Spann anl De Fötz. Lat sei lopcn, as sei künntl" Krischan stand starr. „An'n Starwen is bei? Stimmer is't wur'n?" fragte er stotternd vor Schreck. „Kannst nich kieken? Hest schön wat anrichd mit Diu oll Spöke- wark. Mal hen. hal furns'n Dukterl" Indes Krischan niedergedonnert, aus allen Himmeln gerissen. wie besessen zum Arzt jagte, brachte die Bäuerin mit Hilfe des zweiten Knechtes und der Mädchen den Kranken in ein trockenes Bett. Schwer ächzend, beängstigend nach Lust ringend, lag er da. Gesprochen hatte er noch nicht, nur einmal, als er bemerkte, datz sich die Stube mit Neugierigen füllte, sagte er ärgerlich: „Rut mit Jucht" Wie ein Lausfcuer hatte sich die Nachricht von Thielen KrischanS lHeldenthat und ihrem bösen Ausgang im Dorf verbreitet. Auch Nachtwächter Peters war gekommen. Sein ranzeliges, schlaues Gesicht, in dem die kleinen, listigen Augen sonst so pfiffig zwinkerten, sah heute ganz ernst und teilnahmsvoll aus. Er schien ordentlich aufzuatmen, als er den Kranken nicht, wie die Bäuerin ziemlich verständlich flüsterte,„halo an'n Starwen" fand, sondern er hielt diesen nach seiner inneren Ueberzeugung, und er hatte viel Erfahrung in dieser Hinsicht in einem langen Leben gesammelt, durchaus nicht für unrettbar. Er ging der Frau mit vernünftigen Ratschlägen zur Hand, er- bot sich auch, bis zur Ankunft des Arztes dort zu bleiben, und vcr- suchte vor allem für Ruhe zu sorgen, denn ein ganzer Menschenhaufen stand noch immer fragend und sich verwundernd herum, dem Kranken zum sichtbaren Aergcr. In all diese Aufregung hinein klang auf einmal voll und feicr- lich die Kirchcnglocke. Und was allem Zureden Peters' und der Bäuerin nicht gelungen war, brachte ihre Stimme im Nu fertig. Augenblicks war Tictges Hof und Haus leer und ruhig; dafür wimmelte der Kirchstcg von grotz und klein. Gerade wurde der Schlutzchoral angestimmt, da jagte Krischan. neben sich der Doktor Hinze, mit dampfenden Pferden auf den Hof. Er nahm sich kaum Zeit, die schweitztricfendcn Tiere, deren Wohl ihm sonst so am Herzen lag. in de» Stall zu bringen. Eilig schlich er hinter dem Arzt her in die Stube, wo diesem von der Frau die wunderliche Geschichte nochmals auseinandergesetzt ward. Indes der Arzt die Untersuchung vornahm, kam PeterS zu Krischan heran. „Ick hcw't jo scggt, de Dübel wör in't Späl. Nu süh düt mol an," flüsterte der ihm gedrückt zu. „Heft öm denn wcdder scihn?" konnte sich der alte Sünder nicht enthalten zu fragen. „Nee, aber fäuhltl" war Thieles kurze Antwort. Nun horchten beide angestrengt, was der Doktor sagte. Dieser hatte den Kranken genau untersucht und gab der Frau seine Verordnungen. Auf ihre angstvollen Fragen erwiderte er: Es sei allerdings ein heftiger Rückfall eingetreten. Er vcr- lange strenge Befolgung aller Anweisungen, sonst stehe er für nichts. Es brauchte ja keiner zu wissen, datz er bei sich dachte, der kalte Gütz könne, wenn die Folgen der grossen Aufregung ohne Gefahr vorübergingen, gar nicht so viel schaden, er habe im Gegenteil das Gute zuwege gebracht, den alten Eisenkopf mürbe zu machen, der nun ganz zahm und wcichmütig, gehorsam seinen Befehlen nachkomme.» würde. Krischan und Peters folgten dem Doktor auf die Diele. „Mutt hei starwen, Herr Dukter?" fragte erstercr voller Schrecken. Dem Arzt that der grosse, treuherzige Mensch leid. „Nein, wenn aufgepasst wird, nicht." beruhigte er ihn. Die Last, welche bei diesen Worten heimlicherweise von Nacht- Wächter Peters Seele siel, war wohl nicht minder gross, als die seines kindlich vertrauenden Genossen. „Uppassen?" wiederholte Krischan hoffnungsvoll.„Dor schall't nich an fahlen I" setzte er entschlossen hinzu. Und er patzte auf. Ten ganzen Ostersonntag wich er nicht aus dem Hause. So- bald der Bauer einmal einschlief, schlich er in die Krankenstube, setzte sich still zu Häupten des Bettes, lvo er nicht von ihm gesehen werden konnte, und hielt gewissenhafte Wache. Ter Frau lvar's schon recht. Sie selbst war todmüde von aller Last und Aufregung, mutzte auch, datz sie keinen besseren Wärter als Krischan finden konnte. Er muhte sich nur möglichst hüten, dem Bauern vor die Augen zu kommen, sonst ging bei dem die Wut wieder los. Jetzt am Abend war Tietge nach starkem Schweiss endlich fest eingeschlafen. Krischan saß noch immer auf einem Schemel am Kopfende des Bettes. Tie matt brennende, kleine Lampe stand hinter einem als Schirm aufgerichteten alten hannoverschen Landcskalender. Krischan wachte und grübelte. Es ging ihm nicht aus dem Sinn, warum das Wasser erst so schnell half und dann mit einem Male alles so verschlimmerte. Ob irgend etwas beim Schöpfen versehen war? Gesprochen hatte er doch nicht, trotz seiner furchtbaren Angst, als das Pusten angefangen. Wenn er nur das Buch hätte, um mal nachzulesen, ob alles seine Richtigkeit gehabt, so, lvie cr's ausgeführt. Dort in jenem Schrank verwahrte der Bauer Gesangbuch, Bibel und was er sonst noch Gedrucktes besah. Wenn irgendwo, so mutzte es dabei sein. Nachsehen wollte er nun. Ter Kranke schlief ja fest. Behutsam streifte er die Schuhe von den Füssen, stand geräuschlos auf und schlich auf Strümpfen an de» Schrank. Leise öffnete er die nur angelehnte Thür, und richtig, in einer Ecke unter einem Stotz alter Zeitungen, welche wohl der Märkte und Vichvcrkaussanzcigen wegen aufgehoben wurden, lag sein lang ge- suchtcs Eigentum.„Nicdcrsächsische Sagen und Erzählungen" stand auf dem Umschlag. Fast härte er vor Freude aufgejuchzt. Eilig ging er au den Tisch zurück und schlug das Buch auf. So ziemlich nach der Mitte zu, meinte er sich zu erinnern, mutzt.e es stehen. Blatt um Blatt wandte er um. Jedes zeigte Spuren vielfacher Lektüre, die Ecken waren braun vom Umblättern mit an- gefeuchtetem Finger, wozu augenscheinlich Tabakssaft einen Teil des Materials geliefert. Hier, Seite hundertundneunzig, da stand's. „In der Osternacht, Schlag zwölf Uhr. mutz eine Jungfrau stillschweigend an ein ftietzendcs Wasser gehen und--" Starr hafteten Thielen Krischans Augen auf dem Verhängnis« vollen Wort. Der Kopf sank ihm ans die Brust, wie ein schweres Seufzen kam es aus seinem vor Schrecken offen gebliebenen Munde: „Ick bün twors min Leivdag'n ornlichen Kirl Wasen— abcrst'n Jungfrau— 1 Nee, nee. so watl"— Kleines feuilleton. gc. Hnseucier. Einem alten Volksglauben nach legen zu Ostern bis Hasen Eier, aber man glaubt daran nur scherzweise: um so interessanter ist es, daß in der Naturalicnsanimlung zu Ansbach„Hasen- eier" aufbewahrt werden, zu denen ein Protokoll vorhanden ist, das sich bemüht, darzuthun, jene Eier habe wirklich ein Hase gelegt. DaS merkwürdige Schriftstück lautet wörtlich: „Protokollun. Actmi Onozbach vor dem Hcrrschaftl. Jäger Hauß den 28. July 17ö8. Nachdem von dem herrschaftl. Wildmeister Bolz zu Sulz die Anzeige geschehen, daß bei dem Förster Fuhrmann zu Solnhofen ein Haas, den er als jung aufgezogen, etliche Eher gelegt haben soll, und solche Sache, weil es als eine sehr seltener Begeben- heit und große Rarität Serenissimo untertänigst vorgetragen worden, als haben Höchstgedacht dieselben befohlen, ersagten Förster den Be- fehl zuzufertigen, daß er sogleich nach dessen Empfang den Haasen nebst den Ehern wohlverwahrt anhero bringen und sich darüber ad Protokollum vernehmen lassen solle, damit solche Eher nebst dem Haasen, der sie gelegt, in der jtunstkammer zur Rarität ausbewahrt und diese seine Aussage als ein glaubwürdiges Attestat beigelegt werden könne. Solchemnach findet sich gedachter' Förster zu Solu- Hofen, Rahmens Joh. Friede. Fuhrmann, 62 Jahre alt, geziemend ein und sagt auf Befragen beim Jagdsekretariat pflichtmäßig aus: Er habe den Haasen, als er anno 1755 mit seiner Frau, welche aus Langenaltheim gebürtig, am Bartholomä auf dasige Kirchweyh ge- gangen, unterwegs an einer Eichen auf einer Pfälzichen Wildfuhr in der s. g. Haart gefangen und mit nach Hauß getragen. Diesen Haas, den er mit Samen und Getreyd aufgezogen, sehe so groß als eine andere Häsin der Wildnis getoorden, und habe das frühe Jahr darauf im Monat Märtz in> einer alt hölzernen Truhen, worein er beständig gesperrt gewesen, ein Eh, sowie ein kleines Hühnerey gelegt, Anno 1757 auch im Monat Märtz habe solcher das 2. und im Monat April das 3., dann anno 1758 in obiger Zeit in etlichen Wochen das 4. und 5. Eh gelegt, welch 4 letztere ganz rund geformt gewesen. Bon diesen 5 Ehern habe ein Herr Äeichs-Erbmarschall Graf Poppenheim geöffnet, worinnen nichts als weißes Wasser gewesen, und eines habe Herr Forstmeister von Drechsel zu Wendelstein bekommen, die übrigen 3 aber habe er nebst der Haesin, die sie gelegt, nach Triesdorf abge- liefert. Endet hiermit seine Aussage unter dem Zusatz, daß er solche im Falle Verlangens eydlich erhärten könne und wurde, nachdem er sei» Protokoll zu mehrere dessen Bekräftigung eigenhändig unter- schrieben, dimittiert: ut supra. Franz Schilling. Joh. Friede. Billing. Joh. Friede. Fuhrmann."— Kunst. es. I m K ü n st l e r haus sind in einem der Seitenkabinette einige M a l e r i n n e n versammelt, die alle bis zu einem gewissen Grade als talentvoll bezeichnet werden müssen. Ja, bei einigen meint man hier und da sogar Anzeichen zu entdecken, die auf eignes, künstlerisches Sehen hindeuten. Und wohlthuend ist der Gegensatz dieses Strebeus zu den platten Geschniacklosigkeiten, die sich hier in so schönen Räumen breit machen. El. Sievert versteht lebendige Porträts hinzustellen. M. Slavona beob- achtet gut ein paar Katzen und setzt deren Weichheit und Schmiegsamkeit in Farbe um. F. Stört giebt eine gut empfundene Landschaft, in der rote Dächer als farbiger Accent die Monotonie durchbrechen. H. Weiß nötigt Achtung ab mit einem sehr fein arrangierten und wiedergegebenen Stillleben. O. von BoznanSka widmet sich dem Porträt. I. Gerhardt erweitert das Porträt zu stimmungsvollen Seelenschilderungen. Die beste unter ihnen, die kräftigste, Käthe K o l l lv i tz, ist mit feinen Kinderstudien vertreten.— Aus dem Tierleben. — Hühnerhabicht und R e h f i e p. Vor einigen Tagen befand ich mich— so erzählt Herm. Goetze im„Hubertus"— zum Revidieren der Eisen im Revier und stand gerade bei einem, als ein größerer Raubvogel 166 Schritte vor mir im Bestände aufblockte. Da ich unbedeckt stand, mußte er mich unbedingt eräugt haben: trotzdem bewegte ich mich zwei Schritte langsam hinter den nächsten Baum und suchte dort sofort meine Andrae-Hohenadlsche Blatte hervor, die ich stets bei mir führe. Nach einigen Minuten brachte ich einige leise Töne mit ihr hervor; nichts rührt sich. Noch zwei-, drei-, viermal fiepte ich, ohne daß der Raubvogel, den ich hinter dem Stamme hervor beobachtete, sich rührte. Beim fünften Fiepen strich aber der Räuber plötzlich ab, beschrieb einen Bogen und blockte auf einer Eiche, kaum 40 Schritte von mir enkfenit. auf. Ich hatte ihn bereits mit ange- backtem Drilling erwartet, schoß ihn sofort herunter und konnte ihn inuii als weiblichen Hühnerhabicht ansprechen. Wenn ich auch genug erlebt habe, daß Raubvögel gern auf das Rehfiep zustehen, so war ich in diesem Falle doch sehr erstaunt, daß der sonst so scheue Habicht, obgleich er mich zweifelsohne eräugt haben mußte, so dicht an mich heran kenn. Wie schon häufig, kann ich den Waidgenossen nur empfehlen, das Rehfiep im Revier stets bei sich zu führen und in der Zugzeit der Raubvögel ausgiebig von ihm Gebrauch zu machen. Die meisten Jäger ahnen gar nicht, was alles auf dasselbe zusteht und welch interessante Beobachtungen man mit Hilfe dieses Instruments machen kann; sind mir doch verschiedentlich sogar Eichhörnchen auf das Fiepen gesprungen, und dabei konnte ich an dem den Eichhörncken eigentümlichen Murksen feststellen, daß sie von weiterher herankamen, indem sie manchmal das grüne Blätterdach des Waldes oder auch den Boden zur Annäherung benutzten; häufig kamen sie in voller Flucht, dabei ständig murksend.— f Humoristisches. — A u s G e n d a r m e r i e- A n z e i g e n...... Da ich wußte, daß sich die Beschuldigte bei jedem Dreck über die Polizei be- schwerte, behandelte ich sie diesmal direkt human." „... Was weiter geschah, konnte Mitrubrikat infolge seiner bei der Schlägerei verlorenen Geistes- gegenwart nicht mehr angeben."— — Der Mitschöpfer. In einer kleinen Provinzstadt wird vom Musikverein„Die Schöpfung" aufgeführt. Bei Proben und Auf- führung wurde ein Mann verwendet, der die Notenpulte usw. aufzu- stellen hatte. Nach der Aufführung bekommt der Verein folgende Rechnung: „An der Schöpfung 3 Tage mitgeholfen, macht 0 M. 50 Pf." usw.— — Einfach.„Weshalb ist denn Deine Frau so wütendl" „Zuerst hat sie sich über das Dienstmädchen geärgert, dann hat sie sich über mich geärgert, weil ich mich nicht über das Dienst- mndchen geärgert habe, und jetzt ärgert sie sich über sich selber, weil ich mich darüber geärgert habe, daß sie sich über das Dienstmädchen geärgert hat. Ist doch furchtbar einfachl Nicht wahr?"— („Jugend".) Notizen. — Siegfried Wagners neue Tondichtung„B rüder L u st i g" wird im Hamburger Stadttheater die Erstauf- führung erleben.— — Im Elberfelder Stadttheater hatte die drei- aktige Oper„K o a u g a, Scene aus dem Negerleben" von F r e d e r i ck D e l i n s bei der Erstaufführung einen starken Erfolg.— — Die Hans a m Ende-Ausstellung bei Keller u. Reiner ist bis zum 7. April verlängert worden. Karfreitag und Ostern bleiben die Ausstellungsräume geschlossen.— — Die M ü n ch e n e r Jahres-Ausstellung für 1 90 4 im Glaspalast wird, wie bisher, am 1. Juni eröffnet und Ende Oktober geschlossen werden. Der Termin für Anmeldungen läuft bis zum 30. April; die Einlieferung der Kunstwerke hat in der Zeit zwischen den 10. und 30. April zu erfolgen.— — Für die Fischerei muß gegenwärtig die Nordsee als eines der wichtigsten Gewässer der Erde bezeichnet l Verden. Der Wert der in der Nordsee jährlich gefangenen FisRe wird, nach dem „Globus", auf 146 Mill. M. angegeben. Den Löwenanteil bean- spruckt davon Großbritannien mit etwa 114 Mill. M., wovon 29 Millionen mif Schottland kommen. Im sebr weiten Abstände erst folgen Holland mit 19, Frankreich mit 12,5, Deutschland mit 10. Norwegen mit 8,8, Belgien mit 3,1 und Dänemark mit 1,6 Mill. M. Die jährliche Ausbeute ist auf 17V- Millionen Centner Fische ge- stiegen. Nimmt man den Flächeninhalt der Nordsee zu rund 550 000 Quadratkilometer an, so ergiebt sich pro Quadratkilometer aus der Fischerei ein Nutzungswert von etwa 265 M.— — Für die Vertilgung von Kreuzottern sind in den Regierungsbezirken Danzig, Stettin, Köslin, Stralsund, Merse- bürg, Lüneburg, Aurich und im Landespolizeibezirk Berlin an Prämien aus amtlichen Mitteln in den Rechnungsjahren 1900, 1901 und 1902: 8942,50, 8874,50 und 13 894,25 M. für 36 060, 35 452 und 57 441 Stück vertilgte Kreuzottern bezahlt worden. Davon ent- fallen auf den Regierungsbezirk Köslin: 7730, 7356,50 und 10 960,50 Mark für 30 920, 29 425 und 43 842 Stück vertilgte Kreuzottern.— c. Radium als eine Gefahr für die Po st. Ein schwieriges Problem wird die Post, wie ein englisches Blatt schreibt, in der Beförderung von Radium zu lösen haben. Jetzt wird Radium mit der Post ohne jedwede Vorsichtsmaßregel verschickt, so daß eZ in Berührung mit Gegenständen kommen kann, die durch die Strahlen beschädigt werden können. Photographische Platten und Bromidpapier werden unbrauchbar gemacht, wenn sie nur wenige Augenblicke inner- halb eines Meters Abstand von einem Paket liegen, das einen unend« lich kleinen Bruchteil Radium enthält. Da die Strahlen nicht aus- zuschließen sind, wie gut und wie oft da? Radium auch verpackt sein mag, so tverden die Postbehörden es möglichenfalls nötig finden, daß alle Packungen, die Radium enthalten, mit Aufschrift versehen sind, bannt sie von Paketen mit photographischen Gegenständen ferngehalten werden.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustaltPaul Singer äcCo.,Berlin 84V.