Unterhalt, mgsblati des Uorwärts Nr. 68. Mittwoch, den 6. April. 1904 (Nachdruck verboten.) Mi Gltker Maters. Roman von George Moore. Als Esther das Zimmer betrat, legte das Mädchen das Buch nieder und verließ das Zimmer. „Es ist mir zu Ohren gekommen," sagte Mrs. Trubner, „daß Sie ein Kind haben. Waters; aber so viel ich weiß, sind Sie nicht verheiratet." »Ja, gnädige Frau, ich habe Unglück gehabt? ich habe ein Kind, aber was schadet das,, so lange ich meine Pflicht thue und ordentlich arbeite? Ich kann mir doch nicht denken, daß die Köchin sich über mich beklagt hat, gnädige Frau?" „?tein, die Köchin hat sich durchaus nicht über Sie beklagt, aber ich glaube mcht, daß ich Sie engagiert haben würde, wenn ich etwas davon gewußt hätte. In dem Zeugnis, welches Sie mir zeigten, schreibt Mrs. Barficld, daß sie Sie als ein durchaus religiöses Mädchen kennen gelernt hat." „O. gnädige Frau, ich hosse auch, daß ich das bin. Und ich habe meinen Fehltritt schon bitter bereut, ich habe schon so viel dadurch gelitten." „Ja, so sprecht Ihr alle! Aber wenn Ihnen das nun noch einmal passierte... und in meinem Hause! wenn nun..." „Glauben Sie denn also nicht, gnädige Frau, daß man eine Sünde bereuen und Vergebung dafür erlangen kann? Unser Herrgott sagt doch— „Gleichviel: Sie hätten mir immerhin davon Mitteilung inachen müssen. Und was Mrs. Barfield anlangt, so finde ich das von ihr ganz und gar unverantwortlich." „Also würden Sie denn, gnädige Frau, jedes arme Mädchen, das einmal ein Unglück gehabt hak, für immer daran hindern, sich ihr Brot zu verdienen? Wenn alle Damen so dächten, so müßten ja alle diese armen Mädchen sich und ihre Kinder gleich umbringen. Sie haben ja gar keine Ahnung, wie nahe einem diese Versuchung gelegt wird. So'ne Kinderpflegerin sagt:„Gieb mir fünf Pfund und ich finde dir jemand, der dein Kind adoptiert, und du wirst in deinem ganzen Leben nicht mehr davon belästigt werden." Ja, diese Worte hat eine auch zu mir gesagt. Aber ich. ich bin der Versuchung nicht unterlegen: ich habe mein 5tind von der Frau fortgenonimen und wo anders in Pflege gegeben, und ich will ihn durch meiner Hände Arbeit großziehen: wenn ich um seinetwillen aber meine Stelle verlieren soll—" „O, in der That, mir würde es sehr leid thnn, irgend jemand daran zu verhindern, sich sein Brot zu verdienen." „Sie sind ja selbst eine Mutter, gnädige Frau, Sie wissen doch auch, wie das thut." „Aber, liebes Kind, das ist doch— etwas ganz andres— ich weiß wirklich nicht, was Sie damit meinen. Waters." �„Ich meine, wenn ich um meines Kindes willen meine Stellung verlieren soll, so weiß ich wirklich nicht, was aus mir werden wird. Wenn ich Sie, gnädige Frau, mit meiner Arbeit zufriedenstelle—" In dieseni Augenblick trat Mr. Trnbner ins Zimmer. Ein großer, korpulenter Mann mit den gleich scharfen Zügen wie seine Mutter. Er kam cllvas eilig ins Zimmer rind fast außer Atem. „O, o. Mutter!" stammelte er,„ich— ich— Pardon— ich wußte.nicht—" schon wollte er sich zurückziehen, da sagte Mrs. Trnbner: „Dies ist unser neues Küchenmädchen, dasselbe, welches die Dame in Süsser uns so warm empfahl." Esther sah etwas wie einen Zug von Widerwillen über sein Gesicht gleiten. „O, dann werde ich lieber gehen, Mutter, arrangiere Du doch die Sache mit ihr!" .Mem, nein, Harold, ich muß init Dir sprechen." „Ach neiit, nein, lieber nicht; ich weiß ja gar nichts von der ganzen Sache." Er wollte schon das Zimmer verlassen: aber seine Mutter hielt ihn zurück, und er sagte, ein wenig gereizt: „Nun, was ist denn nur? Ich bin jetzt gerade sehr be- schäftigt und—" Mrs. Trubner sagte Esther, sie solle draußen im Korridor warten. �„Nun," sagte Mr. Trubner, als er mit seiner Mutter allem war,„hast Du sie entlassen? Du weißt doch, daß ich alle derartigen Dinge Dir allein überlasse." „Sie hat mir ihre Geschichte erzählt, Harold, sie versucht ihr Kind durch ihre eigne Arbeit aufzuziehen— sie sagte, wenn man sie daran hindern wollte, ihr Brot zu verdienen, so wüßte sie nicht, was aus ihr werden sollte. Ihre Lage ist in der That eine sehr, sehr traurige." „Ich weiß, ich weiß, natürlich! Aber darum können wir doch keine leichtsinnigen Weiber im Hanse behalten. Uebrigens weiß diese Sorte einem immer schöne und tugendhafte Ge- schichten zu erzählen, aber die Welt ist ja voll von Heuchlern. Vielleicht lügt diese gerade nicht, aber jeder ist eben sich selbst der Nächste und muß sich schübcn wie er kann." „Sprich nicht so laut, Harold!" sagte Mrs. Trubner. „ENvas leiser, bedenke doch, daß ihr Kind von ihr allein ah- hängt. Wer weiß, was aus ihr wird, wenn wir sie entlassen. Wenn Tu willst, werde ich ihr eine Monatsgage auszahlen: aber Du mußt die Verantwortung auf Deine Schultern nehmen." „Ich übernehme gar keine Verantwortung. Ja, wenn sie ein halbes Jahr bei uns gewesen wäre und sich zur Zu- friedenheit benommen hätte, dann würde ich vielleicht sagen, wir dürfen sie so nicht wegziehen lassen. Aber es giebt eine Menge guter, braver Mädchen, die eine Stelle ebenso nötig brauchen wie sie. Ich sehe nicht ein, warum wir leichtsinnige Frauenzimmer im Hause behalten sollen� während es doch so viel anständige giebt." „Also willst Du, daß ich sie fortschicken soll?" „Ich will überhaupt nichts damit zu thun haben: Tu mußt wissen, was daS Richtige ist. Wenn nun das Gleiche noch einmal passiert, hier bei uns? Meine Vettern, die zu uns kommen, dann die vielen jungen Leute—" „Aber die bekommen sie doch gar nicht zu sehen." „Nun, thu, was Tu willst, es ist Deine Sache, nicht meine. Mir ist's egal, solange ich nicht damit belästigt werde. Behalte sie, wenn Tu willst. Du hättest Dich eben genauer über sie er- kundigen sollen, bevor Tu sie engagiertest. Die Dame, die sie Dir empfohlen hat— ich weiß wirklich nicht— ich an Deiner Stelle würde ihr einen energischen Brief schreiben— das muß ich stigen." Sie hatten vergessen, die Thür zu schließen, und Esther stand draußen im Korridor, halbtot vor Scham und Zorn—- denn sie hatte jedes Wort gehört. 1- Von nun an sah sie ein, daß es notwendig war« die Existenz ihres Kindes geheim zu halten, lim dies zu ermög- lichcn, bielt sie sich von den andern Dienstboten fern, suchte keine Intimität mehr mit ihnen und war so streng und genau in ihrem Benehmen, daß die andern sie oft verlachten. Sie fürchtete die Bemerkungen der andern darüber, daß sie stets allein ausging, und langte oftmals ganz außer Atem vor Furcht imd Aufregung bei dem kleinen Häuschen an, in welchem ein kleiner Junge neben einer gutmütigen Frau stand und die Bilder in den illustrierten Blättern betrachtete, die seine Mutter ihm mitgebracht hatte, denn sie hatte kein Geld, um ihm Spiel- fachen zu kaufen. Sowie er sie aber sah. ließ er die Zeitnngeil niederfallen, rief:„Da kommt Mütterchen!" und rannte ihr mit ausgestreckten Armen entgegen. O diese Umarmung, dieser Kuß! Esthers ganze Seele lag darin. Sie sebte sich dann, plauderte init Mrs. Lewis, die derweilen nähte, hielt das Kind auf ihrem Schoß oder besah mit ihm zusammen die Bildchen in den Blättern und war glücklich. Jbr wundester Punkt war ihre Kleidung, und sie hatte oftriials das Gefühl, lieber in die Sklaverei von Mrs. Bingley zurückzukehren, als die Demütigung zu ertragen, jeden Sonntag in den gleichen, alten Sachen auszugehen, in welchen die andern Dienstboten sie nun schon seit acht oder neun Monaten sahen. Die andern ließen sie es wohl fühlen, daß sie sie als die Niedrigste der Niedrigen betrachtetem als die Dienerin der Diener. Sie inußte manchen Spott und manchen Schimpf von den andern einstecken, um nur jeder Diskussion zu entgehen, welche ihre Stellimg hätte gefährden können. Sie mußte ihre Augen schließen, wenn sie sah. wie die Köchinnen stahlen, sie mußte ausgehen und ihnen Bier holen, wenn sie's verlangten, ja, sie mußte sogar gelegentlich für sie arbeiten. Aber es gab dafür ebeir keine Abhilfe. Sie konnte sich ihre Stellung nicht wählen, sie mußte nur darauf bedacht seiu, daß ihr Lohn über sechzehn Pfund das Jahr betmg, und jede Unbequemlichkeit� die die Stelle sonst mit sich brachte, ruhig in den Kauf nehmen. Ter Kampf, den Esther kämpfte, war ein geradezu heroischer, es war der Kampf einer Mutter für das Leben ihres Kindes gegen alle die Mächte und Gewalten, die die Civilisation gegen die niedrig und illegitim Geboreneu ins Feld führt. Heute ist sie in dieser Stellung: aber welche Sicherheit hat sie, daß sie sie behalten wird? Ihre ganze Existenz hängt davon ab, daß sie sich ihre Gesundheit erhält, und außerdem hängt sie noch von den Launen ihrer Herrschaft ab. Esther kannte die Fährlichkeitcu ihres Lebens jetzt schon genau, und wenn sie an einer Straßenecke eine unglückselige Mutter traf, die ihr eine braune Knochenhand unter ihrem zerlumpten Shawl entgegenstreckte und für das kleine Kind, welches sie in ihrem Arme hielt, bettelte, so überlief es sie eis- kalt und sie zitterte am ganzen Körper. Auch sie brauchte nur drei Monate außer Stellung zu sein, und auch sie würde auf der Straße herumirren als Blumen- Verkäuferin, Streichholzverkänferin oder... Aber es wollte scheinen, als wären derartige Befürchtungen grundlos. Seit einiger Zeit hatte sie Glück. Sie war in einem reichen Hause im Westend von London. Ihre Herrin war gütig zu ihr� und sie stand mit den andern Dienstboten auf gutem Fuß: und wäre nicht ein unglückseliger Zufall dazwischen- gekommen, so hätte sie sich diese Stellung wohl zu erhalten gewußt. Die jungen Söhne des Hauses waren gerade während der Sommerfcrien zu Hause. Eines Abends, als sie in ihr Zimmer hinaufgehen wollte, ging Master Harry an ihr auf der Treppe vorüber, und sie trat bescheiden zurück. Er aber blieb stehen, sah sie an und lächelte ihr zu. „Wissen Sie, Esther, daß ich Sie furchtbar gern habe?" sagte er,„Sie sind wahrhaftig das hübscheste Mädchen, das ich kenne. Wollen Sie nächsten Sonntag mit mir spazieren gehen?" „Master Harry, wie können Sie so zu mir sprechen I Bitte, lassen Sie mich durch!" (Fortsetzung folgt.): (Nachdruck verboten.) früblmgsieben am Suclpol. Aehnlich wie in der hohen Arktis dürften in absehbarer Zukunft auch die weiten Einöden des Südpolargebietes ihre mannigfaltigen Geheimnisse den rastlosen Trägern der internationalen Polarkunde entschleiert haben. Tie Namen„Gauß",„Discovery",„Antarktik" und vor allem„Southern Croß", das Fahrzeug Kapitale Borch- grevinks, dem es vergönnt war, daZ für die Hochseeschiffahrt so be- dcutungsvolle Problem des südlichen Magnet-Centrums zu lösen, legen rühmenswerte Beweise dafür ab, mit welchem wagemutigen Eifer die Erschließung des antarktischen Cireumpolargcbietes neuer- dings in Angriff genommen worden ist. Manche der bisher ge- wonnenen Erfahrungen deuten darauf hin, daß die äußere Natur in beiden Polgebieten im Ivesentlichen von verwandten biologischen Gesetzen und Einflüssen beherrscht wird, so namentlich im Hinblick auf diejenigen Erscheinungen der organischen Welt, die dem Kreise der niederen Plankton- Wesen angehören. An höher organisierten Wesen ist die antarktische Fauna arm, weit ärmer noch als das Nord- polarmeer, das außer den eigentlichen Tiefseebewohnern auch auf seinen zahlreichen Streu-Jnscln neben mannigfachem Kleinwild �(Blau- und Eisfüchsen, Lemmingcn, Schneehasen usw.)«ine ganze Reihe von Repräsentanten der höchstentwickelten Säugetierklassen — es sei nur das stattliche Wildren, der Moschusochse und der Eisbär genannt— beherbergt, ganz zu geschweigen von den zahllosen Schwimmvogelarten vom Gcschlechte der Alken, Scharben, Summen und Polarmöven, die fast in allen arktischen Meeren vor- kommen und hier in zuweilen myriadenhafter Menge die bekannten „Vogelbergc" bevölkern. Alle diese buntwcchselnden Erscheinungen, die der Polarlandschaft ihr charakteristisches Gepräge verleihen, fehlen an, Südpol und werden hier durch Gestalten ersetzt, deren Fremd- artigkeit dem Beobachter auf de» ersten Blick verrät, daß er einer durchaus eigenartigen, in sich abgeschlossenen Welt gegen iib ersteht. Als eine der merkwürdigsten Vertreter dieser seltsamen Fauna kann vor allem die farbenprächtige Sippe der Niesen- oder Kaiser-Pinguine gelten: jene abnorm gestalteten Vögel, die in ihrer würdevoll gravi- tätischen Haltung einigermaßen an den aufrechten Gang des Menschen erinnern, mit ihren zum Fluge untauglich gestalteten, statt dessen in veritable Fischflossen umgewandelten Flügelrudimenten und der seidenweichen, zerschlissenen Befiederung einen völlig für sich abge- sonderten Rangplatz einnehmen und zusammen mit der ebenso wunderlich anmutenden Erscheinung des gigantischen See-Elefanten als die bemerkenswertesten Mitglieder der antarktischen TiergruW gelten können. Für den reisenden Forscher sind diese in großen Kolonien lebeitden Vögel von unschätzbarer Bedeutung, und speciell die Teil- nehmer der vor kurzem glücklich geborgenen Nordensköld-Expedition dürften schwerlich im stände gewesen sein, den unerhörten Strapazen einer zweimaligen Ueberwinterung erfolgreichen Widerstand zu leisten, wofern jene seltsamen Urbewohner der Eiswüste mit ihrem blutreichen, nahrhaften Fleische und ihrem warmen Fedcrkleide den schmachtenden Reisende»! nicht den erforderlichen Schutz gegen Hunger und Kälte geboten hätten. „Ter Anblick des ersten Pinguin-Zuges", so erzählt Borch- grevink,„löste bei uns einsanien Polarreisenden stets eine Fülle buntwechselnder Stimmungen und Eindrücken aus. Er verhieß uns Frühling und lichte Tage, Sonnenschein und Wärme, Lebensfreude und neues Hoffen auf bessere Zeiten!.. In endlosem Reigen rücken die Kolonnen des Vogelvolkes beim Eintritt des Frühlings heran. Einer hinter dem andren herschreitend, wandern die stolzen Vögel über dci, zu Eis erstarrten Ocean dahin, — südwärts, dem kleinen Polareiland entgegen, das sie seit Jahr- zehnten, vielleicht Jahrhunderten zu ihrer Brutstätte erkoren haben: eine kümmerliche Heimat, die auch diesem genügsantstei, aller Polar- Vögel nur unter Mühen und Anstrengungen das Nötigste zum Unter- halt darbietet. Weiß wie frisch gefallener Schnee lenchtc» die silbernen Vorderleiber dem Beobachter entgegen; bald hat die erste Kolonne den Bcobachtungspostcn der Forschungserpcdition passiert, und im Rücken angesehen gleicht der norwärtS schreitende Zug mit den schwarzblau gefärbten Rückenfedern einer feierlichen Begräbnis- Prozession, die in melancholischer Grandezza ihrem Bestimmungsorte zustrebt. Jedes einzelne Mitglied des Zuges hält seine nackten, nur mit Schuppen besetzten Flügel wagcrecht ausgestreckt,<— der Weg über das violett schimmernde Eis birgt manche verräterische Spalte und Unebenheit, und die massiven Schwimmfüße geben dem großen Körper nur eine schlechte Stütze. „Schon nach wenige» Augenblicken haben die vorne mar- schierenden Pinguine einen spiegelglatten Pfad hergestellt, auf dem die nachfolgenden Kolonnen wie auf sauber polierten! Parkett dahin- schreiten. Nun ereignet sich ein grotesker Zwischenfall. Einer der imposanten Vögel hat bei einer zufälligen Wendung des Kopfes den Standpunkt ihrer menschlichen Beobachter ausgekundschaftet und stapft nun, nach einem Augenblick namenloser Verblüffung, der ihm einen freundschaftlichen Kniff von seinem Hintermann einträgt, von der ebenen Heerstraße hinweg mitten in den glitzernden Schnee hinein, den Kurs gerade auf die befremdliche Erscheinung im Pelzkleidc zu- nehmend. Sein Beispiel findet unverzügliche Nachahmung, und nach wenigen Minuten sind wir von einer Gesellschaft neugieriger Pinguine umgeben, die sich mit ihren leuchtend weißen Westen und den glänzend schwarzen Schwalbenschwänzen ausnehmen wie eine Korona gelehrter lluivcrsitätsprofessorcn, die im Begriff steht, einem unglücklichen Examinmiden aus den Leib zu rücken. Tas akademische Dentamen wird mit einem vielstimmigen Colloquium eröffnet, worauf ein alter, am Schnabel schon ganz eisgrau ausschauender Pinguin-Senior, oftenbar der Vertreter des anatomischen Faches, sich uns mit einigen watschelnden Schritten nähert und uns«in paar reelle Schnabelhiebe — Tiefquart und Terzen— versetzt. Ein Genosse beeilt sich, ihm dabei in der Weise zu sekundieren, daß er unsre dicken Renntier- kleidcr durch energisches Zerren auf ihre Haltbarkeit prüft. Wir selbst stehen unbeweglich auf einem Flecke und weiden uns an dem hilflosen Erstaunen des hochgelehrten Kollegiums, das seine ganze bisherige Erfahrungswelt durch unser unmotiviertes Erscheinen über den Haufen geworfen sieht. Die Okular-Jnspektion scheint den Wissensdurst der Ivürdigon Korona endlich zufriedengestellt zu haben; nach abermaligem akademischen Colloquium, aus dem auch der in die Pinguinsprache nicht näher Eingeweihte deutlich die Freude heraus- hören kann, daß man allhier einer neuen, bis dahin völlig un- bekannten Pinguin-Art auf die Spur gekommen ist, wird der unter- brochene Marsch in gewohnter Weise fortgesetzt." Die übrigen Kolonnen haben inzwischen ihren Vortrab bis weit nach Süden hin vorgeschoben. Hier und da erheben sich große Pack- eisblöcke, die den: wandernden Vogelschtvarm ein unüberstcigbarcs Hindernis entgegenstellen. Aber das Hemmnis erweist sich immer nur als ein scheinbares, denn die rüstigen Wanderer wissen sich überall mit dem Terrain auf das meisterhafteste abzufinden. Mit großer Vorsicht wird ein Eisberg erklommen, worauf man mit gleicher Sorgsamkeit den Abstand bis zur nächsten Blockeiswand prüft. Kommen Eisspalten und schroff abfallende Vertiefungen in den Weg, so mißt jeder Vogel mit geübtem Blick die Entfernung von der einen zur andren Seite, Ivorauf er nach mehreren zögernden Anläufen mit einem gewaltigen Sprunge die Kluft überwindet. Wenn der Sprung glückt, verweilt der befiederte Turner einen Moment am jenseitigen Rande, mustert noch einmal die Länge des Abstandes und giebt seiner Gcnugthuung durch triumphierendes Geschrei Ausdruck. Abc« nicht immer geht es bei diesen gymnastischen Exerzitien nach Wunsch des kühnen Springers zu. Alle Augenblicke geschieht es, daß einer beim Abspringen ausgleitet oder auch die Distanz nicht richtig abschätzt und dann als lebendige Lawine blitzschnell in die Tiefe rollt. Eigen- tümlich genug verletzen sich die dergestalt abgestürzten Tiere nur in den seltensten Fällen, und nach einigen Augenblicken sieht man den Verunglückten für gewöhnlich in sichtlich beschämter Haltung Hinte»! seinen vorausgehenden Kamerad«» wieder cinhcrtrotten. Unmittelbar nach der Ankunft cnif dem gemeinsamen Brutplatze wird von der ganzen Kolonne mit den Vorbereitungen für die häus- liche Setzhaftmachung begonnen. Die älteren Pinguine haben ihr genau abgegrenztes Gehege, das sie Jahr um Jahr von neuem be- ziehen. Der Nestcrbau vollzieht sich in notgedrungener Anpassung an die trübselige Kargheit der Polarnatur, in ziemlich primitiver, obschon keineswegs kunstloser Weise. Eine natürliche oder künstlich mit Schnabel und Füßen hergestellte Vertiefung im Boden bildet das eheliche Schlaf- und Brutgemach, glatt abgeschliffene Steine von regelmäßiger Größe und Rundung liefern die sorgsam zusammen- gefügte Ringmauer, als Ersatz des mangelnden pflanzlichen Van- Materials. Am geschäftigsten gestaltet sich das gemeinsame Treiben unter den jungen Pinguinen. Handelt cS sich für diese doch nicht bloß um die Auslvahl einer neuen Brutstätte, sondern zugleich um die Ergattcrung einer jungen Lebensgefährtin. In grotesk-gecken- haftcr Haltung watscheln die liebesdürstigen Pinguin-Jünglinge von einem Ende der Kolonie zum andren und halten mit Kennerblick Ilmschau unter den heiratsfähigen Töchtern des Landes. Ist die Rechte gefunden, so beginnt ein regelrechter Flirt mit Bücklingen, Flügelschlagen, gesanglichen Vorträgen zweifelhafter Güte und andren Renommistereien, der dann auch bei der koketten Schönen alsbald zum ersehnten Ziele zu führen pflegt. So höfisch galant der Pinguin-Seladou sich in seiner Cour- macherei ausführt, ebenso energisch besteht er hinterher auf der Respektierung seiner ehelichen Gerechtsame. Der Pinguin lebt in Monogamie, und die Heilighaltuug der ehelichen Treue wird von jedem Männchen als oberstes aller gesellschaftlichen Gesetze gefordert. Weniger genau nimmt man es mit den übrigen Vorschriften der Sittenlehre; speciell in Sachen des Mein und Dein herrschen auf der Kolonie insgemein sehr dehnbare Bcgrisfe. Sobald ein älterer Pinguin, dem Beschaulichkeilsdrangc des Alters folgend, für einen Moment in philosophisches Grübeln versinkt, ist auch schon der eine oder andre Rackchar— namentlich wenn er der Kategorie der neu- gebackcncn Ehemänner angehört, sprungbereit, um sich die Situation in seiner Art zu nutze zu machen. Hinterrücks nähert er sich dem meditierenden Philosophen und stibitzt ihm einige der schönsten Bau- steine sozusagen unter den Füßen fort, worauf er sich mit großartig gespielter Harmlosigkeit zum eignen Wigwam zurückverfügt und dort die erworbene Beute an gehöriger Stelle unterbringt. An sonnigen Tagen verbleibt das Pinguinmännchcn zumeist in der Nähe des Nestes. In kerzengerader Haltung, den wohlgeformten, hakenförmigen Schnabel steil gen Himmel gerichtet, die ausdrucks- vollen Augen über die Umgebung schweifen lassend, liebt es das Haupt der Familie stundenlang zu verharren. Dan» öffnet er plötzlich seine kleinen, verkümmerten Flügel, schlägt eine geniale Geste, wie ein Heldentenor, der das hohe C zu nehmen gedenkt, und im nächsten Moment entströmen seiner Kehle eine Reihe wunderlich-bizarrer Laute— heisere, krächzende und kreischende Töne, die von dem ver- zückt aufhorchenden Weibchen als melodischste aller antarktischen Licbesweisen dankbar entgegengenommen werden. Die Fruchtbarkeit der Pinguine ist keine große. Das Weibchen legt zwei mattweiß glänzende Eier, dir von' ihm abwechselnd mit dem Männchen in 3l) Tagen erbrütet werden. Die Zoologen des „Zcmtbern Gross" kamen auf die Idee, die Temperatur in dem Brutgelege so eines Pinguinpärchens festzustellen. ES erschien ihnen nämlich ganz unfaßbar, wie in einer solchen Umgebung, die beständig viele Grade unter Null aufzuweisen hatte, von den Vögeln die nötige Brutwärme in dem auf nackter Erde angebrachten Lager erzielt iverdcn konnte. Es sollte indessen lauge währen, che die einschlägigen Versuche zum Ziele führten. Tie klugen Vögel entdeckten nämlich jedesmal das in ihrem Ehegcmach deponierte Meßinstrument und hatten natürlich nichts schleunigeres zu thun, als den verdächtig glänzenden„Stein" mit dem Schnabel zu packen und ihn ein paar hundert Schritte vom Neste entfernt sorgfältig niederzulegen. Schließlich glückte es aber doch, sie zu überlisten, und man konnte nunmehr feststellen, daß die Turchschirittstcmpcratnr sich auf 43 Grad Celsius hielt! In ihrer Gesamtheit bietet die tausendköpfige Vogelkolonie das Muster eines Massenstaates. Ucbcrall herrscht reges Leben, Pflicht- bewußter Arbeitsdrang und Verträglichkeit. Bei hier und da vor- kommenden Zwistigkeiten handelt es sich in der Regel um einen in klasronti ertappten Steindieb, mit dem dann auch sehr kurzer Prozeß gemacht wird. Die Balgereien wegen„Steinranbes". so er- zählt Borchgrcvink in seiner humorvollen Weise, riefen allemal Hunderte von gefiederten Zuschauern herbei, die mit lautem Stimmen- gcwirr die Streithähne anzuspornen trachteten. Zuweilen nahm die Geschichte jedoch auch größere Dimensionen an; der Kampf pflanzte sich auf mehrere Sippen fort und endete allerseits mit blutigen Köpfen und übel zerrupften Silberwesten. In ihrem sonstigen Betragen kennzeichnen sich die Pinguine als in hohem Grade eitle, von ihrer Schönheit höchlichst überzeugte Gc- schöpfe. Man könnte sie geradezu als die Strchcr der antarktischen Tierwelt bezeichnen. Kam zufällig irgend ein Pinguinmännchen in der von Borchgrcvink näher beobachteten Kolonie von seinem Jagd- ausfluge mit derangiertcr Toilette, etwa einem Tang-Flecke auf dem weißen Brustgefieder zurück, so wurde ihm solche Unachtsamkeit von Freunden und Nachbarn mit ernster Geberde verwiesen. Man bildete einen lichten.Kreis um den Sünder und hielt minutenlange Zlvie- sprach, bis der gründlich Abgerüfselte schließlich Reißaus nahm und sich kopfüber in die nahe Brandung stürzte. Nach genommenem Bade ttmchte er dann— leuchtend wie frischer Firnschnee— wieder empor, um auf Umwegen demnächst seinem heimatlichen Neste zuzuschleichen, wo die liebende Gattin mit einer gebührenden Moralpauke die gestörte Harmonie wieder ins rechte Gleichgewicht brachte.— H. Hildebrandt. Kleines feuUIeton. k. Wer sich's leisten kann. Aus Paris wird berichtet: Jede Saison schafft eine Specialität in der Toilette, die für die neue Mode bestimmend wird. Die Toiletten-Manie dieser Saison ist die Ausgestaltung des unteren Teiles des Aermels, vom Ellbogen bis zum Handgelenk, und von diesem anscheinend un- wichtigen Bestandteil hängt wieder der Stil in vielen andren Dingen ab, vor allem in den Handschuhen. Die fashionablen Pariser Schneider erschöpfen alle ihre erfinderische Geschicklichkeit in der künstlerischen Bekleidung des Unterarms. Richtiger wäre es, Nicht- betteidung zn sagen, denn nicht nur Taillen und Blusen, sondern auch die meisten chiken, kleinen Pelerinen oder Frühlingsumhänge haben heute Aermcl, die gerade unterhalb des Ellbogens aufhören. Die alte Mode, den Ellbogen selbst unbekleidet zn lasten, ist zum Glück nicht wieder belebt worden, denn nur selten haben Frauen einen runden rosigen Ellbozen mit Grübchen; gewöhnlich ist er spitz. Man wird also in dieser Saison eine Flut dünner Spitzen in weitläufigen Falten sich den Armbewcgungcn der hübschen Trägerinnen anschmiegen sehen. Da aber die Spitze durchsichtig ist, muß etwas erfunden werden, um den zarten, weißen Arm vor zn heißen Sonnenstrahlen j zu schützen. Hier setzt nun die Thätigkeit der Handschnhfabrikanten ein. Lange schwedische Handschuhe, die auch dem eckigsten Arm weiche Konturen verleihen, sind gegenwärtig ,,en vogue". Diese Handschuhe Iverdcn mit Spitzcninkrustationen verziert, die oft von den Wurzeln der Fingernägel bis zum Ellbogen reichen. Dazu werden echte Chantilly, Venetianer oder Alpenspitzen oder auch nur hübsche Nachahmungen verwendet. Natürlich muß die Spitze des Aermels zn der dcS Handschuhes passen, und diese Ilebereinstiimnung erstreckt sich sogar auch auf die durchbrochenen Spitzen der Strümpfe. Die Spitzen des Handschuhes sind entweder durchbrochen, so daß die weiße Haut durchschimmert, oder das Leder des Handschuhes bleibt intakt, oder es Wirdes aach eine andre Farbe unter die Spitzen gelegt. Die Mode der kurzen Aermcl und langen Handschuhe erfordert natürlich Armbänder, eine Mode, an der ist den letzten zwanzig Jahren nur die Engländerinnen wegen ihrer ziemlich eckigen Arme ständig fest- gehalten haben. Diese Mode ist auf die Rejane zurückzuführen, denn sie entwickelte sich ans den Spitzenschleiern, die die bekannte Schauspielerin im vorigen Jahre in„I,s Joug" trug.— en. Ein Todfeind der Baumwolle. In den großen Baumwoll- Pflanzungen der westlichen Vereinigten Staaten ist eine schwere Be- unruhignng ausgebrochen durch die Verwüstungen einer neuen Jnsektenpest, die sich mit reißender Schnelligkeit ausgebreitet hat. Der Träger der Krankheit ist der sogenannte Samenwurm, die Larve eines Käfers, der ein Verwandter des bei uns nur allzugnt bekannten Apfelblütenstechers ist. Entdeckt wurde das Insekt un Jahre 1843 in Mexiko und erregte dreizehn Jahre später zum erstenmal eine peinliche Aufmerksamkeit im mexikanischen Staat Coahuila, wo es im Zeitraum von sechs" Jahren die Baumwoll- enrten mit einer solchen Vollständigkeit vernichtete, daß die Pflänzlingen in dem befallenen Gebiet überhaupt ausgegeben werden mußten. Dann wanderte der Samenwurm weiter nach Norden und Osten und erreichte nach weiteren drei Jahrzehnten den Rio Grande, der die Grenze zwischen Mexiko und dem Staat Texas bildet. 1892 überschritt das Insekt den Fluß und eröffnete den Angriff auf das Baumwollgebiet des südlichen Texas. Schon 1894 hatte es sich derart verbreitet, daß 50 bis 90 Proz. der Baumwollernten in Süd- Texas zu Grunde gingen und die Regierung der Vereinigten Staaten sich zur Veranlassung eingehender Forschungen über die Fortpflanzung, Verbreitung und die mögliche Be- kämpsnng des gefährlichen Einwanderers entschließen mußte. Merkwürdigerweise— denn sonst Pflegt man in Amerika mit solchen Maßnahmen gründlich zu verfahren— geschah nichts Ordentliches; das Insekt schritt weiter vor. und erst im Jahre 1902 stellte sich heraus, daß man mit einer energischen Abwehr nicht länger warten konnte, jetzt aber zu Experimenten in großem Maßstabe mit bedeutenden Kosten schreiten mußte. Noch ist der Samenwurm auf Texas beschränkt, aber das von ihm befallene Gebiet wird schon auf den 28. Teil aller Baumwollpflanzungen der Vereinigten Staaten geschätzt, und»och besteht keine Wahrscheinlichkeit dafür, daß seine Ausrottung gelingen wird. Die Sachverständigen äußern sich viel- mehr dahin, daß das Insekt in den nächsten 20 Jahren vermutlich das gesamte Baumwollgebiet der südlichen Vereinigten Staaten in Besitz genommen haben wird, und daß auch keine Anzeichen dafür bestehen, der Grad der angerichteten Verwüstungen werde mit der größeren Ausbreitung nachlassen. Allein im Jahre 1902 wurde der Verlust an der Baumwollernte durch die Ver- heerungen deö Samenwurms auf eine Summe geschätzt, die nach den verschiedenen Angaben zwischen 8 und 25 Millionen Dollar be- trug. Gift und Jnseltenfallen haben sich als gänzlich unwirksam er- Wielen, dagegen hofft man darauf rechnen zu dürfen, daß die große Kälte im Dezember und Januar dem Käfer großen Schaden zu- gefügt hat. Das Parlament der Vereinigten Staaten hat jetzt für die Ausrottmig der Baumwollpest eine Million Mark bewilligt. aber man befürchtet, daß diese Aufwendung zu spät kommt und fldj als ungenügend erweisen wird. Der Baumivollfeind ist ein Knfcr von grauer Farbe. großer als unser Apfelblütenstecher. Die Eier werden einzeln in die Blütenknospcn der Baumwollpflanze abgelegt, die dann absterben oder auch in die Samenbehälter, in denen man bis zu zwölf der dicken weißlichen Larven geftlnden hat. Die Blätter der Bauniwollpflanze werden nicht angegriffen. Die Geschichte der Baumwollpest hat bisher eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der des berüchtigten Colorado-Käfers, dessen Verwüstungen in den Kartoffelfeldern noch inl übelsten An- denken stehen. In beiden Fällen waren die fraglichen Insekten zwar nur den Specialforschern bekannt, und man hatte sie nur in ver- hältnismäßig geringer Zahl auf einigen wildwachsenden Pflanzen gefunden. Dann warfen sie sich plötzlich auf eine Kulturpflanze und nahmen an Zahl in demselben Verhältnis zu wie ihre Verwüstungen.— Theater. F r e i e V o l k s b n h n e.„Frau Marrens Gewerbe". Schauspiel in vier Akten von Bernhard Shaw.— Die Leitung der„Freien Volksbühne" hat das nnbestreitbare Verdienst, zu aller- erst eine Aufführung Shawscher Dramen in Deutschland geivagt zu haben. Als zweites Stück verleibte sie ihrem Repertoir das Schau- spiel„Frau LZarrrenS Gewerbe" ein, das nun am Ostersonntag im Metropol- Theater vor ihren Mitgliedern in der eigens diesem Zwecke dienenden und, wie gleich betont sei, ganz ausgezeichneten Verdeutschung von Elisabeth Grottewitz ge- geben wurde. In„Frau Marrens Getverbe" behandelt Shaw eine Seite der Franenfrage, die ohne eine ökonomische Re- organisation der Gesellschaft nicht zu lösen ist. Der Stoff ist so „dögontable", wie das aufgezeigte Problem kühn und verblüffend. In Frau Marren verkörpert der Dichter das Prototyp einer intcr- nationalen„Hotel garni"- recte Bordcllbesitzerin. Nicht, wie die Frau durch eigentümliche Lebensumstände dazu kam. ist für die Be- urteilnng ihres Wesens und die gesellschaftliche Vcrrottung in England entscheidend. Als springender Punkt erscheint bielmehr ihre ans dem Verharren bei diesem gemeinen Getverbe sich ergebende inoralische Anschauung und das intime Verhältnis, welches Adel und Bürgertum zu der Frau in Beziehung setzen. Ein Baron ist auch hier wieder Nutznießer au? einer der schändlichsten aller„Professionen". Fürwahr, ein ver- worfenes Subjekt, dieser Baron— im Grunde genommen das Spiegelbild seiner Kaste; während der„höhere" Bürgerstand Eng- lands durch zwei Typen charakterisiert wird. Der eine, das ist der, wenn auch freiester Moral zugängliche, doch im Grunde anständige Künstler. Der andre, faul bis zur Wurzel, ist— ein Geistlicher. Alle drei sind Frau Marrens Freunde von früheren Zeiten her. Fragt sich nur, in welcher Art. Der barönliwe Rons ist'S wegen des Geschäftes, der Künstler aus menschlicher Gesinnung, der Pastor aus leichtlebigen Jugendbeziehungen. Es ist nämlich nicht ganz erwiesen, ob er, ob der Baron der Erzeuger von Frau Warrens Tockter ist. Frau Warren weiß eS selber wohl kaum. Und schließlicki sind das Dinge, über die sich die laxe Anschauung jener Sippe hinwegsetzt. Hauptsache bleibt doch das Geschäft. Und dies Geschäft wirft dem Baron für seinen Teil 35 Prozent ab. Nun hat aber der Reberend auch einen Sohn. Daß der ein frohlebiger Nichtsnutz wurde, ohne Talent, ohne Streben nach ehrlicher Arbeit, wie sein geistlicher Vater, ist am Ende nicht sonderbar. Daß er danach äugt, sich durch Heirat mit Frau Warrens Tochter finanziell zu„situieren", entspricht auch nur wieder jenen Anschauimgen, die die Jugend gewisser Kreise des„höheren" Bürgertums seit je in Erbpacht genommen hat. Frau Warrens Tochter ist aber von andrem Schlage. Das schutzige Geld der Mutter verschaffte ihr eine ausgezeichnete geistige Vorbildung. Vivie, in englischen Instituten erzogen, hat die Universität durchlaufen und sogar den matheinatischen Dokrorhut erworben. Die Mutter hat sie, zu ihrem Glück, kaum je erkannt, deren Vorleben, deren Gewerbe, freilich auch ihre eigne Herkunft nocki viel weniger. Ein- mal mußte aber doch dieser Moment eintreten. Ein partielles Geständnis der Mutter offenbart ihr deren Gewerbe. Eine cynische Erklärung des BaronS. der sich das Mädchen mit seinem Gelde als Gattin kaufen will, offenbart ihr aber auch den letzten Grund aller Dinge. Nicht nur. daß sie erfährt, daß die Mutter ihr Gcwerbe noch gegen- wärlig mit höchstem Geschäftseifer fortsetzt, sie muß aus dem Munde des zurückgewiesenen BaronS auch hören, daß der Reverend ihr Vater, mithin dessen Sohn ihr Halbbruder sei. Wie sie sich nun von dem ganzen Kreise, besonder? aber von der Mutter lossagt, um frei von jedlvedcr Sentimentalität, ans eigner Kraft und eigner ersprießlicher Arbeit ihr künftiges Leben aufzubauen: das bildet den Ansklang des Dramas.* Betrachtet man das Stück lediglich als solches, losgelöst vom englischen Boden, so muß ohne weiteres zugegeben werden, daß es der entscheidenden Bedingungen eines reinen Dramas ermangelt. Bon eigentlicher Handlung ist nicht viel vorhanden, obwohl nur That- fachen auf Tbatsachen folgen. Sie ergeben sich aber lediglich an? den Redekämpfcn der einzelnen Personen gegeneinander. Einmal, im dritten Akt, erspart uns der Dichter selbst nicht einen Effekt, wie er in englischen Sensationsromanen angewendet zu werden pflegt. Manches mutet auch unwahrscheinlich an. So dürfte namentlich die wenig respektierliche Art, mit der der Taugenichts von Sohn seinen! Vater, dem Reverenden, begegnet, befremden. Etwa? starr Gewaltsame? scheint ferner auch in der Handlungsweise Vivies zu liegen. Vergißt man jedoch keinen Augenblick, daß es englische Verhältnisse und englische Personen sind, die dort vorgefiihrt werden, und zweitens, daß Shaw, der Satiriker, absichtlich die dramatische Form benutzt,„um den Zuschauer zu zwingen, uner- freulichen Thatsachen ins Gesicht zu sehen", so lösen sich alle Be- denken und scheinbaren Widersprüche auf natürliche Weise. Die Logik der Shawschen Beweisführung ist unbestreitbar, sobald man hinhorcht auf den innerlichen Reichtum an Geist und sorgsam motivierten Feinheiten, wovon jede Redewendung und jede Situation voll sind. Das Stück bestätigt vollkommen jenes bemerkenswerte Urteil, das Georg Brandes irgendwo einmal über Shaw gefällt hat: Dieser sei eine„originelle, grundenglische Erscheinung". Ob nun die Darstellung den Forderungen des Stückes in allem gerecht wurde, das ist die andre Frage. Sie kann nur bedingungsweise bejaht werden. Viel zu viel deutsche Auffassung kam durch die Dar- steller in diese englischen Charaktere und Typen hinein. Lamentable Züge, wie Anna Müller-Lincke solche vermischte, sind einer Frau Warren völlig fremd. Der dramatische Accent versagte dort, wo er notwendig war. Einzelne Bruchstücke vorzüglicher Wiedergabe konnten indessen vermerkt werden. AgneS Wieprecht, welche die eigenartige und schwierige Rolle der Vivie an Jenny Rauchs Stelle fast in letzter Stunde übernommen hatte, hielt sich anfänglich brillant. Später versagte Sprache und Spiel: es kam allzu viek affektierte Theaterei hinein, die dem Charakter der Vivie nicht wohl ansteht. Jedoch erweckte die Darstellerin den be- gründeten Anschein, daß es ihr gelingen werde. ihren Part ansprechend herauszuarbeiten. F r a n z' S ch ö n f e l d kehrte als Baron Crofts mehr den Cymker, als den über seiner Situation stehenden Ironiker heraus. Frank Gardener, durch Paul Birron äußerlich recht lebendig gegeben, war doch mehr belustigend, als tief gefaßt. Pread wurde von Emil H ö f c r und der alte Reverend Gardener von Jacques M o r v a y ziemlich glaubhaft in die Erscheinung gebracht. Die Zuschauer folgten den Vorgängen auf der Bühne mit höchster Spannung. Das lebhafteste Für und Wider der Diskussion während der Pausen, der starke Applaus nach den einzelnen Aktschlüssen betvies, das; man den Dichter begriffen hat. Für ihn war's ein voller Erfolg.— e. k. Humoristisches. — Eine kleine Verwechselung. Als Giolitti zum erstenmal italienischer Ministerpräsident war und eine Reise von Rom nach Piemont machte, war infolge einer Zeilenvcrschicbung auf der ersten Seite eines piemontischen Blattes am Schluß zu lesen: .. G i o l i t t i s Ankunft. Gestern traf auf unserm Bahnhofe der Ministerpräsident ein und wurde vom Präfekten, vom Bürgermeister und von zahlreichen Freunden begrüßt. Kaum hatte der wackere Gcndarmerie-Wachtmeister ihn erblickt, so ergriff er ihn beim.Kragen und schleppte ihn. trotz seiner heftigen Beteuerungen, ins Gefängnis, zur großen Befriedigung aller ehrlichen Leute." Oben auf der zweiten Seite des Blattes las man dann i„ Ne r h a f t n n g eines llcbelthäters. Gestern endlich gelang es der öffent- lichen Macht, des berüchtigten Verbreiters falschen Geldes, Gincomino, habhaft zu werden. Der Bürgermeister, der Präfekt und alle Eingeladenen eilten ihm entgegen, ihm die Hand zu schütteln: die Musik spielte den Königsmarsch unter dem begeisterten Beifall der Menge. Morgen findet ein Festessen zu Ehren deS illustren Mannes statt."— Notizen. — Das Marbach er Schillermuseum enthält jetzt 2000 Bücher und 15 000 Handschristen.— — SarahBern Hardt veröffentlicht gegenwärtig im„Strand Magazine" ihre Memoire n. Der erste Abschnitt behandelt ihr Pensionatsleben im Kloster und reicht bis 1857.— — Von den klassiichen Aufführungen im Neuen Theater wird die nächste Schillers„Kabale und Liebe" sein. Die Be- setzung der Hauptrollen ist folgende: Tilla Duricux spielt die Lady Milford, Lucie Höflick die Luffe, Emanuel Reicher den Präsidenten, Hedwig Mangel und Max Reinhardt das Millersche Ehepaar, Georg Engels den Hofmarscball Kalb und Eduard v. Winterftein den Ferdinand.— — Im M ü n ch e n e r G ä r t n e r p l a tz- T h e a t e r hat die dreiakttge Operette„Die M i l l i o n e n b r a u t", Text von A. M. Willner und E. Lima, Musik von Heinrich Bert«, bei der Erstaufführung sehr gefallen.— — Im Braun schweizer Hoftheater erlebt nächstens die Oper„Rübezahl und der S p i e l m a n n von N e i s s e" von Hans Sommer die Erstaufführung.— — Unter dem Titel„Die Kunst weit" soll in Wien iWiener Verlag) dieser Tage das erste Heft einer neuen Knnst-Zeit- sckirift erscheinen, die den' historischen und zeitgenössischen Kunst- erscheinnngen Oestreich-UngarnS dienen will. Herausgeber und Redakteur ist Dr. Ludwig W. Abels.— — In Bergen sNorwegen) wird ein ständiger Kursus f ü r Meeres forsch n ng eingerichtet werden, der in englischer und deutscher Sprache abgehalten wird und kostenlos ist. Die Vor« lesungen. Uebnngskurse, Anleitung zu Arbeiten im Laboratorium ec. finden alljährlich vom 15. August bis zum 15. Oktober statt.— Veraucwvrtl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: VorwärtSBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinSV7,