Mnterhalwngsblatt des Vorwärts Nr. 71. Sonntag, den 10. April.. 1904 (Nachdruck verboten.) 3*i Bfthcr Qlatcrs. Roman von George Moore. Esther erzählte nun ihre Geschichte, und während sie er- gälilte, ruhten Miß Rices Augen beständig auf ihr. voller Güte und zartem Mitleid. „Das ist eine traurige Geschichte, sehr traurig, wie sie leider— leider alle Tage passiert! Sie aber sind für Ihr Ver- gehen hart bestraft worden!" „O ja, Fräulein! Das bin ich! lind eS ist so schwer, wenn ich bedenke, daß ich alle diese Jahre so hart gekämpft haben soll, um nun doch schließlich ins Armenhaus zurückgehen zu müssen. Nicht daß man dort etwa schlecht behandelt wird, das kann ich nicht sagen. Aber ich denke immer an das Kind! Damals war er ein ganz kleines Baby! Da schadete cS ihm noch nichts, und wir waren ja auch nur ein paar Monate dort. Außer mir gicbt's keinen, der darum weiß. Nun aber ist er schon ein großer Junge, und die Erinnerung an das Armenhaus wird ihm für immer bleiben, und er wird stets daran zurück- denken wie an eine furchtbare Schande." „Wie alt ist er denn jeht?" „Im Mai war er sechs Jahre. Fräulein! lind es ist sehr, sehr schwer gewesen, ihn so weit groß zu ziehen. Ich be- zahle jetzt sechs Schilling die Woche für ihn Pension. Das ist allein schon mehr als vierzehn Pfund, llnd mit zwei Pfund das Jahr kann man sich doch kaum anständig kleiden— selbst in meiner Stellung! llnd nun wächst er und wird immer größer und kostet immer mehr Geld. Freilich ist Mrs. Lewis, die Frau, die ihn in Pflege hat, sehr gut und liebt ihn fast so sehr wie ich. Sic will durchaus nichts an ihm verdienen. Darum war mir's auch möglich, bis jetzt durchzukommen. Aber ich sehe doch, daß es so nicht mehr weiter geht. Er kostet immer mehr, und mein Lohn bleibt immer der gleiche. Es war das mein Stolz, Fräulein, ihn von meiner Hände Arbeit zu er- ziehen. Und ich hoffte, ihn zu einem tüchtigen Mann machen zu können und ihn etwas lernen zu lassen, womit er sich später fein Brot verdiente. Aber es soll nun mal nicht sein. Fräulein! Nein, es soll nicht sein! Wir müssen demütig sein und zurück- kehren zum Armenhause." „Aus alledem ersehe ich, daß Sie tapfer gekämpft haben, Esther!" „Ja, Fräulein, das habe ich. und es war ein schwerer Kampf! Keiner kann auch nur ahnen, wie schwer! Aber danach würde ich nichts fragen, wenn nur nicht jetzt das Ende wieder ebenso traurig wäre, wie der Anfang war! Mm wird ihn mir fort nehmen, Fräulein! Solange er im Armenhanse ist, werde ich ihn nicht zu sehen bekommen. O, ich wünschte, ich wäre tot! Es ist zu schwer, ich ertrage das nicht länger!" „Nein," sagte Miß Rice,„solange ich es verhindern kann, solle» Sie nicht ins Armenhaus zurückgehen. Esther!— Gut denn, ich will Ihnen den Lohn geben, den Sie verlangen. Es ist zwar mehr, als ich geben dürfte— achtzehn Pfund das Jahr! Eigentlich dürfte ich es nicht! Aber Ihr Kind soll Ihnen nicht fortgenommen werden, und Sie sollen auch nicht ins Armen- haus gehen. Sie sollen zu mir kommen lind bei mir leben, Esther. Es giebt nicht viele Frauen, die so tapfer sind wie Sie!" XXIII. Vom ersten Tage an interessierte sich Miß Rice für ihr Dienstmädchen und ermutigte sie zu jeder Art von Vertraulich- keit. Aber es dauerte doch eine längere Zeit, bevor sie beide die ihnen angeborene Zurückhaltung abgelegt hatten. Sie waren einander sebr ähnlich; beides ruhige, von außen her kalt erscheinende Engländerinnen mit starken, warmblütigen Herzen. Bald begannen sich die Instinkte eines treuen Wachhundes in Esther zu entwickeln, und sie wachte nicht allein über dem Wohlergehen des ganzen Haushaltes, sondern auch über der Gesundheit ihrer Herrin. „Nein, Fräulein," sagte sie,„Sie müssen Ihre Suppe essen, solange sie warm ist. Sie haben den ganzen Vormittag iüber geschrieben. Jetzt müssen Sie aufhören! Sonst werden Sie noch krank werden, und ich muß Sie pflegen." � Wenn Miß Rice abends ausging, hielt Esther sie un Korridor an. „Nein,, Fräulein, das kann ich nicht mit ansehen, daß Sie so ausgehen. Sie können sich ja den Tod holen! Sie müssen Ihren warmen Mantel anziehen!" Die Freundinnen von Miß Rice waren meist Mittelalter- liche Damen. Ihre Schwestern, große, kräftige Frauen, kamen sie von Zeit zu Zeit besuchen, und auch ein stets sehr modisch gekleideter junger Mann kam, den Miß Rice immer mit Ver- gnügen empfing. Er hieß Mr. Alden, lind Miß Rice erzählte Esther, daß er auch Romane schriebe. Stundenlang saßen die beiden zusammen und sprachen über ihre Bücher. Und Esther begann bald zu fürchten, daß Miß Rice ihr ganzes Herz einem geschenkt hätte, der sich nichts daraus machte. Aber vielleicht irrte sie sich. Vielleicht befriedigte es ihre Herrin vollkommen, den jungen Manu einmal in der Woche zu empfangen und mit ihm ein paar Worte über ihre Arbeiten zu sprechen. Esther jedoch kam es vor, als würde i h r das nicht genügen, wenn sie einen Schatz hätte! Doch sie hatte keinen und konnte auch keinen brauchen. Sie war nur von zwei Gefühlen beseelt: dem Ehr- geiz, ihrer Herrin Haus in Ordnung zu halten und ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen, und der Freude darüber, daß ihr Kind nun in Sicherheit war und sie alles für ihn bezahlen konnte. Und länger als ein Jahr genügten ihr diese Empfindungen vollkommen, ja sie lehnte sogar einen Heiratsantrag ab. Und wie sehr ihre Verehrer sie auch baten, sie ging nie mit einem oder dem andern spazieren. Einer von diesen Verehrern war Geschäftsführer in einer Papierhandlung, wohin Esther fast jeden Tag zu gehen hatte, um Schreibpapier, Löschpapier, Tinte und Federn für ihre Herrin zu kaufen. Fred Parsons, so hieß dieser Geschäftsfiihrer, war ein magerer, kleiner Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er hatte eine hohe, vorspringende Stirn, kleine, spitze Züge und sehr spärlichen, blonden Bart und Schnurrbart, ein zurück- tretendes Kinn und brennendrote Lippen. Sein farblos blondes Haar begann sich schon über der Stirn zu lichten, und sein fadenscheiniger Rock, den er im Geschäft trug, hing schlaff und lose von den vornübergebeugten Schultern herab. Dafür aber besaß er eine klare, helle Stimme, die, wenn er sprach, wohl bezeugte, daß er von dem, was er sagte, durchdnmgen war. Und sein Kopf war ganz angefüllt von einigen wenigen, dafür aber um so festeren religiösen und politischen Gedanken und Ansichten. Er>var früher in einem großen Geschäft im Westend Londons gewesen, aber seine unbezähmbare Begierde, jeden Kunden zu fragen, ob er an das Wiedererscheinen des Messias glaube, hatte seinen Prinzipal veranlaßt, ihm zu kündigen. Er war erst seit wenigen Wochen iil West-Kensington, hatte Esther ein einziges Mal Papier verkauft und Federn, und schon be- gann er darüber nachzudenken, welchem religiösen Glauben sie wohl angehörte. Doch seine letzte.Kündigung war ihm noch zu frisch im Gedächtnis, und er enthielt sich zunächst jeder Frage. Aber nachdem Esther eine Woche lang täglich gekommen war. hatte er schon inehr Mut gefaßt. Sie waren eines Tages allein im Laden. Esther war nach Briefpapier gekommen. Fred be- dauerte es, daß sie incht nach dem üblichen großen Predigtpapier gekommen war. Dann wären seine Fragen von vornherein gerechtfertigt gewesen. Aber auch selbst so konnte er die Ge- legenhcit nicht von der Hand weise».> Er sagte: „Ihre Dame scheint aber viel Papier zu brauchen. Sie haben ja erst vorgestern vier Buch geholt." „Ja, das war für ihre Bücher; heute braucht sie Brief- Papier." „Ah! Ihre Herrin schreibt also Bücher? '/Ich hoffe, daß sie gute Bücher schreibt, nützliche Bücher." Er warf einen scheuen Blick um sich, ob auch nicht jemand. anders ihn höre."„ „Ich meine solche Bücher, die reuige Sünder zu Gott zurückführen." „Ich weiß wirklich nicht, was sie schreibt, �ch weiß nur, daß sie Bücher schreibt. Ich glaube, es sind Romane."_ Esther bemerkte sofort, daß Fred Romane mißbilligte. Und das that ihr leid; denn er schien ein netter, freundlicher Mensch zu sein. Und sie hätte ihm gern die Versicherung ge- geben, daß ihre Herrin die letzte Person auf der Welt sei, die etwas schreiben würde, was andern schaden könnte. Aber Miß Rice wartete auf das Papier, und sie verabschiedete sich rasch von Fred. Ihre nächste Begegnung fand auf der Straße statt; Esther ging aus, um frische Eier für das Frühstück ihrer Herrin ein- zuHalen. Von weitem schon sah sie sich jemand entgegenkommen, den sie zu erkennen glaubte; ein magerer, kleiner Mann mit rötlichem Haar, welches sich unter dem Rande seines großen, weichen Filzhutes leicht lockte. Er grüßte und lächelte ihr sanft zu, als er an ihr vorüberging. „Mein Gott," dachte sie,„das ist ja der aus der Papier- Handlung. Ich habe ihn kaum erkannt." Am nächsten Abend begegneten sie einander wieder auf der Straße.> Sie war ausgegangen, um ein bißchen Luft zu schöpfen. Und er eilte nach der Bahnstation, um seinen Zug zu erwischen. Sie blieben einen Augenblick stehen und sagten einander guten Tag; und an den drei folgenden Tagen begegnete» sie einander nun um acht Uhr abends fast auf der gleichen stelle. „Wir scheinen uns ja fortwährend zu treffen," sagte er. „Ja! Nicht wahr? Sic kommen wohl wieder ans Ihrem Geschäft?" „Ja, ich verlasse es immer unr acht Uhr." (Fortsetzung folgt.), Oer EilcnbaKmarif der KeUigen Güter. Der preußische Eisenbahnminister hat vor einiger Zeit einen Erlaß verbreilct, demzufolge die Eiscnbahndirektorcn angewiesen wurden, aus eigner Initiative, ohne erst die ministerielle Anregung zu erwarten, schlechte, den staatlichen Interessen schädliche, sowie An- stand und gute Sitte gröblich verletzende Preßerzeugnisse von dem Verkauf in Bahnhofsbuchhandlnngen auszuschließen. Der Erlaß des Herrn Budde geht offenbar von der metaphysisch- tarifmäßigen Erkenntnis des Ministers aus, daß in den Personen- beförderungsgebühren nicht nur der Transport der Leiber, sondern auch der Seelen einbegriffen ist. Wäre dem nicht so, würde nur das Körpergewicht und nicht auch die unsterbliche Seele im Personenbillet bezahlt, dann wäre schlechterdings nicht einzusehen, warum es einen Unterschied zwischen Personen- tind Gütertarifen giebt. Die Seelenfracht bedingt die verschiedene Wertung, und mit dem Leib wird zugleich das seelische Gepäck heiliger Güter befördert. Als solches Verkehrsinstitut zur Beförderung nicht nur der irdischen, sondern auch der himmlischen Güter kann sich die Bahnverwaltung allerdings wohl nicht der Pflicht entziehen, auch über das Seelenheil der Reisenden zu wachen, und da, einem beharrlichen Gerücht zu- folge, die Seele viel höher im Preise steht als der Leib, so mag es wenig bedeuten. daß gelegentlich von der Eisenbahn ein paar Änochenbriiche und Kopsampntationcn ausgeführt werden, dagegen wäre es ein unersetzlicher Schaden und eine furchtbare Anklage gegen die Eiscnbahnverwaltung, wenn auch nur eine einzige Seele durch die Schuld des Verantwortlichen Herrn Budde zu Schaden kommen würde. Aber auf der andren Seite läßt sich begreisen, daß die ministerielle Verordnung den Eisenbahndirektoren einige Sorge be- rcitete. Sie erschraken vor der Last der neuen ungewohnten Ver- antwortung, und sie verwandelten sich noch auf ihre alten Tage in schwermütige grübelnde Denker, die mit den ewigen Problemen auf Tod und Leben rangen: Was ist schlecht? Was schädigt die staat- lichen Interessen? Was ist Anstand, waS gute Sitte, und was ver- letzt diese beiden geheimnisvollen Wesen gröblich? Mit den staatlichen Interessen wurde man noch Verhältnis- mäßig leicht fertig. Es war klar, daß jedes Preßerzeugnis ohne weiteres schlecht war, das den Monarchen angriff, das Heer verleumdete, die Kirche kränkte, die Autorität unterminierte, Minister verhöhnte oder gar die Eisenbahnverwaltung kritisierte. Nebstdem durften natürlich die ewigen Institute der Ehe, des Eigen- tum und der Gesinde-Ordnung in keiner Weise angetastet werden, die Klassen nicht verhetzt und die Reichen nicht geschmäht werden. Auf diesem Gebiete ist sich jeder Eisenbahndirektor klar, hatte man doch schon seit jeher deshalb alle socialdemokratischen Preßerzeugnisse, den„Simplicissimus, das französische Witzblatt„Le Rire" und ähnliche Organe der Verderbnis und der staatlichen Jnteressenschädigung für sämtliche Bahnhofs-Buchhandluugen verboten. Aber nun kam der Anstand und die gute Sitte hinzu! War das nicht über die Kraft eiueS königlich preußischen Eisenbahndirektors? Besonders lebhaft ging die Sache einem Manne im Kopf herum, der irgendwo in den Ostmarken die ger- manische Kultur im Bereich seines Direktionsbezirks verbreitete. Niemandem wurde ein Billet verkaust, der es auf polnisch verlangte und dadurch die Interessen des Staates schädigte. In den Betriebs- Werkstätten wurde jeder unbarmherzig entlassen, der auch nur einen Halbvetter hatte, der mit einem Mitglied einer freien Gewerkschaft befreundet war. Bei den öffentlichen Wahlen mußten sie Mann für Mann antreten und dem Kandidaten des Eisenbab munisters ihre Stimmen geben. Wer aber bei geheimen Wahlen einen andren wählte, der wurde alsbald ermittelt und gleichfalls hinausgeworfen. Den Bahnhofs-Buchhandlungen hatte er auch längst seine be- sondere Aufnierksamkeit geschenkt. Socialdcmokratische und polnische Preßerzeugnisse werden ausgeschlossen. Darüber hinaus versuchte er in positiver Wirksamkeit die schlechte Litteratur durch gute zu verdrängen. Auf seine Anweisung versahen die Bahnhofs- Buch- Händler die ballenweise in Broschürenform vorrätig gehaltenen Socialistenreden Bülows und Eisenbahnreden Buddes mit feuer- roten Leibbinden, auf denen mit Riesenthpen ausgerufen wurde: „Pikant!— Sensationell 1" Verlangte ein zur Unsittlichkeit neigender Reisender Novellen von Maupassant, so fragte ihn der Ver- käufer zunächst allemal, ob er nicht lieber jene„pikanten" Schriften nehmen wolle. Leider hatten diese Bemühungen bisher wenig Erfolg. Die jetzige Verordnung des Ministers versetzte den strebsamen und pflichteiftigen Eisenbahndirektor in eine außerordentliche Auf- regung. Das seelische sittliche Schicksal seines ganzen Bezirks war plötzlich auf seine Schultern gelegt. Die Ansprüche, die an seine Kraft gestellt wurden, befeuerten aber lediglich seinen Ehrgeiz. Er wollte den Ostmarken zeigen, was ein Preußischer Beamter zu leisten vermochte. Zunächst ließ er sich die gesamten Preßerzeugnisse der Bahn- hofs-Buchhandlnngen zur Prüfung ausliefern. In der Zwischenzeit mußten sie sich mit dem Verschleiß der Bülow- und Budde-Sieden sowie von Kurs- und Gesangbüchern begnügen. Der Eisenbahn- Direktor aber las nun Tag und Nacht. In dem Bezirk häuften sich die Entgleisungeir und Zusammen- stöße, jeden Tag wurden ein paar Bremser zerdrückt, die Zustände unter den Beamten und Arbeiten» wurden so schlimm, daß selbst die Zugführer an einen Streik dachten und die Bahnhofs-Vorsteher ver- stöhlen den„Weckruf der Eisenbahner" lasen. Der Bezirks-Direktor aber verhielt sich gleichmütig. Was kam es auf solche materiellen Schädigungen an! Das Seelenheil stand in Frage. Das Seelen- heil war in seine Hand gegeben. Dieser erhabenen Aufgabe mußte er sich ganz und gar widmen. Und er las, las, las— ein Don Ouichote der Eisenbahn. Je mehr er aber las. um so schwieriger wurde seine Aufgabe. Bald hatte er jedes Urteil verloren. Einen Tag fand er alles an- stößig, einen andern gar nichts. Wo gab es einen festen, untrüglichen Maßstab für Anstand und gute Sitte? Er bemerkte, daß die Romanschreiber mit Vorliebe Entkleidungs- scenen schilderten.„Die Baronin warf hastig den pastellblauen, mit Hermelin verbrämten Theatcrmaiitcl ab." Zweifellos, das war noch im Bezirk seiner Direktion zulässig. Dann hieß es jedoch:„Sie zog den unsagbar feinen und kleinen Stiefel aus und tchlüpste mit den in resedagrünen Seidcnstrümpfchen steckenden Füßchen in Purpur- farbene, goldgestickte Pantöffelchen." Verstieß das nicht offenbar gröblich gegen Anstand und gute Sitte? Keine anständige Frau, geschweige denn eine Baronin, zieht sich vor Fremden die Schuhe aus, und er, der Eisenbahn-Direktor, war doch Zeuge dieser Handlung, ohne mit der Baronin verheiratet zu sein. Allerdings konnte die Baronin doch unmöglich wissen, daß er sie bei dem Schuh- Wechsel beobachtete. Oder er fand folgende Stelle:„Die Selbstmörderin wurde schnell entkleidet und der junge Arzt bemühte sich, sie ins Leben zurückzurufen." Das war doch eigentlich nur wissenschaftlich und sittlich erlaubt. Indessen, der Arzt war jung und es stellte sich heraus, daß die entkleidete Selbstmörderin keineswegs tot war. War das nun gute Sitte oder nicht? Besondere Schwierigkeiten bereitete ihn» das Kußwesen.„Der Lieutenant küßte das süße Mädchen auf die winzige rosige Ohr- muschel." Niemals hatte der Eisenbahn-Direktor seine Frau auf die Ohrmuschel geküßt. Die Ehe aber war die hohe Schule des Anstands. Die ganze Figur seiner Frau war freilich für die gute Sitte gleichsam geboren, und von seinen sonstigen persön- lichen Erfahrungen im Kußwesen war der Direktor verpflichtet, amt- lich keine Kenntnis zu nehmen und ihnen keinerlei Einfluß auf feine amtliche Entscheidung über den Anstand der Preßerzeugnisse zu ge- statten. Nach zwei Wochen war der Eisenbahndirektor so unsicher ge- worden, daß er überhaupt keine Urteilsfähigkeit mehr besaß. Er versuchte die Unbefangenheit seiner heranwachsenden Tochter zu Hilfe zu nehmen. Sie studierten die ihnen übergebenen Bücher sehr fleißig und erklärten sie sämtlich für riesig nett. Als sie sich aber mit selt- samem Eifer erboten, dem Papa die ganze Arbeit abzunehmen und alle Schriften zu prüfen, wurde der Eisenbahndirektor stutzig und dachte an das Seelenheil innerhalb seiner Familie. Das Endergebnis war, daß der Eisenbahndirektor zu der resignierten Erkenntnis kam, daß Anstand und gute Sitte höchst relativ seien und daß sich darüber nichts Gewisses ausmachen ließe. Angstvoll sah er die unvermeidlichen Folgen des Erlasses voraus: er war ein Quell ewiger Mißgriffe. Ob er ein Preßerzeugnis erlaubte oder verbot, immer lief er Gefahr, sich eine ministerielle Rüge zuzuziehen. Gab eS denn keinen Ausweg? War denn das Gebiet des Auws und der guten Sitte komplizierter als das Eisenbahnwesen? Da hatte man Schnellzüge und Personenzüge, v- und D-Züge, man hatte vier Wagenklassen, Rückfahrkarten, Militär-, Schüler- und Arbeiterkarten, Rundreisebillets, feste und zusammenstellbare, man hatte schließlich unzählige Ortschaften mit Tausenden von Kilometern und wenn man zuletzt unter den Millionen möglicher Fälle einen be» stimmten zu würdigen hatte, dann Hab es doch allemal bis auf Kilometer- bruchteile genau für jeden Fall ein festes, i» barer Münze metz- und zahlbares Endresultat. Wie der Eisenbahndirektor das erwog, blitzte ihm die rettende Idee auf. Darum konnte er zu keinem sicheren Urteil kommen, weil er immer nur zwei Gegensätze angenommen hatte: Anstand oder Unanständigkeit, gute oder schlechte Sitte. Nun gab es aber Zweifel- los tausendfache Nuancen und man konnte nur auf Grund eines alle Besonderheiten mnfassenden und specialisierenden Tarifs zum Ziele gelangen. Mit erwischtem und siegesgetvissem Eifer ging der Eisenbahn- direktor aufs neue ans Werk. Die eingelieferten Bücher enthielten ausreichendes Material. Er teilte alle Vorkommnisse in den Pretz- erzeugnissen hinsichtlich der staatlichen und sittlichen Würdigung in vier Klassen. Tarif A wertete alle denkbaren Verstöße gegen die staatlichen Interessen nach der vierfach abgestuften Schwere— eine verhältnismäßig einfache Aufstellung. Dagegen war der Tarif L, der die Möglichkeiten auf dem Felde deS Anstands und der guten Sitte erschöpfte, ungeheuer kompliziert und zerfiel in eine große Zahl Specialtarise. So wurde z. B. das Kußwescn gesondert tarifiert, je nach dem Alter und dem Geschlecht der Beteiligten, der Körper- gegend, nach den Motiven, nach dem Grade der Verwandtschaft und den. Maß der Verheiratung, nach der Intensität, nach der Dauer. „Endlose" und„saugende" Küsse wurden beispielsweise durchweg in die vierte Klaffe verwiesen, Küsse auf die Ohrmuschel wurden als minder schlimm zu Delikten erster Klaffe, Küsse zwischen Kindern unter drei Jahren wurden als einwandfrei befunden. Nun», ehr ergab sich das Verfahre» von selbst. Von jedem Preßerzeugnis wurden die Points zusammengezählt, und welches mehr als zwölf Punkte erzielte, wurde verboten. Es ergab sich, daß die meisten aller zur Prüfimg eingesandten Schriften anstößig waren und die wenigen, die unter 12 Punkten blieben, waren so vergilbt, daß man sofort sah, wie lange fie den Käufern vergebens angeboten waren. Die Buchhändler der Bahnhöfe wurden von dem Ergebnis in Kenntnis gesetzt. Zugleich erhielten sie eine ausführliche Anweisung, in welcher Art sie den Eisenbahndircktor von dem Inhalt der Schriften in Kenntnis zu setzen hätten, die sie etwa auslegen wollten. Zwei Tage darauf erhielt der Eisenbahndirektor auf Grund seiner Anweisung von einem Buchhändler solgendes Schreiben: „Frage ergebenst an, ob folgende Geschichte zulässig ist. Sie hat diesen Inhalt: Ein verheirateter König, der aber die Weiber auch sonst liebt, hat ein Verhältnis mit einem Hütemädcheii. Er bringt sie erst in sein Schloß, dann aber geht er in der Nacht zu ihr. Es werden diesbezüglich u. a. folgende Reize aufgezählt: 1. weibliche: Augen, Zöpfe, Haar, Zähne, Lippen, Wangen, Hals, Brüste(I) usw. 2. männliche: Locken, Augen, Backen, Hände, Kehle, Beine(1). Das Hütemädchen macht außer vielen andern die Anspielung:„Unser Bette grünt". Auch behauptet sie durchaus glaubhaft, daß die Linke des Königs unter ihrem(des Hüte- müdchens) Haupte liege und seine(des Königs) Rechte sie herze.. Weiter brauchte der Eisenbahndirektor nicht zu lesen. Er glühte bor Begier, schlug in den Tarisen»ach und rechnete. Ja. ivar der Buchhändler wahnsinnig, daß er ihn überhaupt fragte I Ein König, der einen Ehebruch begeht, dazu mit einem augenscheinlich noch im Schutzaltcr befindlichen Hütemädcheii I Natürlich Anspielung auf die Sittenlosigkeit der Monarchie und die Unzucht auf dein Lande, was durchaus den staatlichen Interessen widerspricht. Dann die Anatomie des Leibes 1 Nicht auszudenken. Schon die ersten Zeilen ergaben nicht weniger als 240 Points I Der Buchhändler bekam sofort telegraphischen Befehl:„Buch schicken, nicht verkaufen." Noch am selben Abend wurde dem Ciicnbahndirektor das Buch zugestellt. Er gedachte sicki eine arbeitsame Nacht mit der Lektüre zu verschaffen. ES war ein schweres, dickes Buch, in schwarze Glanz- leinwand gebunden, mit einem vermutlich auf Täuschung berechneten Kreuz auf dem Deckel. In ihm stak ein Haussegen als Lesezeichen. Der Eisenbahndireltor schlug es ans und las: Das Hohelied Salomos!—_ J o o. Kleines feuilleton. —„Zu guter Letzt." Wilhelm Busch, der am 1ö. April sein 72. Lebensjahr vollendet, ist der Alte geblieben an Frohsinn und Laune, Witz und Schalkhaftigkeit. Seine soeben bei Fr. Basier- mann(München) erschienene Gedichtsammlung„Zu guter Letzt" beweist es. Und noch etwas ist hinzugekommen: Das stille Schauen und die leise Wehmut des Alters. Hundert Gedichte enthält das Büchlein. Es wird Vielen Freude bereiten. Nach- stehend eine Probe: Ein Philosoph von ernster Art Der sprach und strich sich seinen Bart: Ich lache nie. Ich lieb es nicht, Mein ehrenwertes Angesicht Durch Zähnefletschen zu entstellen Und närrisch wie ein Hund zu bellen; Ich lieb es nicht, durch ein Geinccker Zu zeigen, daß ich Witzentdecker; Ich brauche nicht durch Wertvergletchm Mit andem mich herauszustreichen, Um zu ermessen, was ich bin. Denn dieses weiß ich ohnehin. Das Lachen will ich überlassen Den minder hochbegabten Klassen. Ist einer ohne Selbstvertrau'n In Gegenwart von schönen Frau'n, So daß fie ihn als faden Gecken Abfahren lassen oder necken, Und ftihlt er drob geheimen Groll Und weiß nicht, was er sagen soll, Dann schwebt mit Recht ans seinen Zügen Ein unaussprechliches Vergnügen. Und hat er KurSverlust erlitten, Ist er moralisch ausgeglitten, So gicbt es Leute, die doch immer Roch dümmer sind als er und schlimmer, Und hat er etwa krumme Beine, So giebt's noch krümmere als seine. Er tröstet sich und lacht darüber Und denkt: Da bin ich mir doch lieber. Den Teufel laß ich aus dem Spiele. Auch sonst noch lachen ihrer Viele, Besonders jene ewig Heitern, Die unbewußt den Mund erweitern, Die so zu sagen, auserkoren Zum Lachen bis an beide Ohren. Sie freuen sich mit Weib und Kind Schon bloß, weil sie vorhanden find. Ich dahingegen, der ich sitze Auf der Betrachtung höchster Spitze, Weit über allem Was und Wie, Ich bin für mich und lache nie.— 11c. Frühling im Bodethal. Noch liegt auf dem Brocken eine dichte Schncckappe, aber langsam und unaufhaltsam weicht sie den warmen Winden und den lauen Regen des Frühlings. Die im Sommer oft so wafferarmcn Bäche füllen sich. Hoch geht vorn Schmclzwaffer auch die untere Bode; von den Felsblöcken, die ihr Bett im Sommer erfüllen, ist nur wenig oder gar nichts zu sehen. Das im Winter geschloffene Thor ans der Tcufelsbrücke ist geöffnet und gestattet die Wanderung von Thale nach Trcseburg auf dem unteren Fußpfade und damit einen Naturgenuß, den der nicht kennt, der nur im Hochsommer das überfüllte heiße Thal besucht und auf Schritt und Tritt Fußgängern ausweichen muß. Jetzt aber ist es einsam dcr unten. Das Rauschen des Waffers schlägt an unser Ohr, bald stärker, bald schwächer, je nachdem unser schmaler Pfad nahe dem llfer hin- führt oder in Windungen aufsteigt. Bald führt er an Felsen vor- über, von denen das Wasser heruntertropft und grüne Moospolsteu gum Schwellen bringt, bald geht es eine Strecke fast eben im Walde hin, und von oben schauen mächtige Klippen durch die Wipfel auf uns herab. Die noch kahlen Bäume hindern den Ausblick nicht, so daß wir nach allen Richtungen den Fclscharaktcr des Bodethalcö auf uns einwirken laffen können. Unter den Buchen blühen blaue Leberblümchen, zartroter Lerchensporn und weiße Anemonen. Hier und da ein dunkler Fichtcnbeirand. Und noch seltener, an den Ge- hängen der sagenberühmten Roßtrappe und in stillen Seitcnthälcrn. stehen alte Eibe», von denen manche schon weit über tausend Jahre alt sein sollen. Der Weg senkt sich wieder hinab durch ftachcre Thalgclände und bald ist Treseburg erreicht. Es ist nicht zuviel, denselben Weg wieder zurückzuwandern, denn in der umgekehrten Richtung gewinnt die Landschaft ein neues Gepräge, und die Roßtrappe bildet dann den großartigen Abschluß der Tour. Man kann auch, wenn man von Treseburg nicht noch weiter bodeaufwärts wandert, zum Plateau aufsteigen und entweder am linken Ufer über die Roßtrappe oder am rechten über den Hexentanzplatz zurückkehren; ab und zu erreicht man dabei herrliche Ausblicke in das enge Bodethal hinab. Nur wenige Wochen noch, und zartes Grün wird die Baum- krönen verschönen, reicherer Flor den Boden decken, vielstimmiger Gesang der Vögel das sanfter werdende Rauschen der Bode begleiten; das Bodethal wird im Pflingsgewande erstrahlen. Wer eö kann. lasse sich auch diesen Genuß nicht entgehen. Er muß ihn freilich mit großen Scharen von Ausflüglern teilen.— Völkerkunde. k. Die Glückögötter Japans. Tie„sieben Götter des Glücks", die gleichsam einen specifisch nationalen Zusatz zum japanischen Buddhismus bilden, sind, wie ein englisches Blatt er- zählt, auch heute noch die populärsten. So gering im allgemeinen der religiöse Glaube ist, so kennt doch jedes Kind auf den ersten Blick die„sieben Götter". Nur in wenigen japanischen Häusern oder Gärten fehlt ein Altar oder ein Heiligtum, das einem von diesen mystischen sieben Göttern geweiht ist. Die Tempel, die oft halb versteckt in den Gärten liegen, enthalten häufig nur eine Stein- tafcl oder einen Pfosten aus Holz. Stein oder Metall mit irgend einem eingeritzten Gebetspruch. Lampen brennen davor, und die Poiivopser lbestc�en aus Getreide oder andren Nahrungsmitteln. Japan ver- ldankt die Erhaltung der Götter, die es verehrt, mehr seinen Künstlern vis seinen Priestern. Vier der Götter werden nur als Halbgötter betrachtet; ihre Popularität rührt eben von dem Umstände her, dasz man einen grohen Teil irdischer Materie ihrem göttlichen Wesen bei- gemengt glaubt und ihnen Verständnis für die Schwäche der Menschen zuschreibt. Autorität freilich genießen diese„weltlichen Götter" nicht. Die drei andren GlückSgötter erscheinen dagegen dem japanischen Volk ehrfurchtgebictender. Einen sehr deutlichen Begriff vcn der Bedeutung und Macht der einzelnen Götter findet man nicht bei den Japanern; ihre Angaben darüber sind sehr unbestimmt. Am Abend vor Neujahr werden die Götter Ebisu, Daikotu und Fukurolu-jiu als„Götter des Glücks" angerufen und alle bösen Deister durch einen Bohncnregen gebannt mit dem Ausruf:„Tretet iein, gute Geisterl Ihr Teufel, hinweg!" Die Bohnen sollen den buddhistischen Dämonen nämlich sehr unangenehm sein. Bon allen diesen Göttern gilt Ebisu als der einzige echte japanische Gott. Er ist von der göttergleichen Rasse, von der der Mikado ein direkter Abkömmling ist. In der bildenden Kunst des -modernen Japan wird er in japanischer Kleidung dargestellt, wie er in der einen Hand einen roten Tai-Fisch und in der andren eine Angel hält. Die volksrimilichcn Darstellungen geben ihm ein Zachendes Gesicht, während er den 5>ai»pf des Tais am Ende seiner Angelrute beobachtet. Er wird auch ferner dargestellt, wie er sich -mit seinen Gefährten bei einem japanisch-olympischcn Mahl erfreut, bei dem ein Tai die krönende Speise bildet. Dem Gott Ebisu an Rang noch weit überlegen ist aber Daikoku. der gleichsam der Schutz- Kott der militärischen Klasse ist. Daikoku steht natürlich jetzt be- sonders in hohen Ehren; überall brennen Fackeln und Opfergeschcnke sind auf seinen Altären aufgehäuft. Jeder Soldat, ob zur Marine «der zum Landheer gehörig, betet zu Daikoku um Kriegsglück. Sein Wild ist in jeder japanischen Hütte zu finden, hat einen Ehrenplatz «uf jedem Kriegsschiff und wird von jedem Soldaten als Talisman .getragen. In der modernen Kunst wird Daikoku in der altertüm- lichen Kleidung eines wohlhabenden chinesischen Bürgers dargestellt, mit einem kurze» Rock, der unter der Brust gegürtet ist, weiten Knie- hosen und ein paar riesigen Stieseln. Der.Kopf seiner niedrigen Mütze fällt ihm über die Stirn; seine rechte Hand hält einen Hammer, während die linke das obere Ende eines Sackes erfaßt, der um seine Schulter geschlungen ist. Er steht auf gut gefüllten Reis- ballen. Eine einzige Frau ist unter den sieben Göttern des Glücks vertreten— Bentcn. Sie verleiht Reichtum, Fruchtbarkeit und wird vis Mutter von 12 Söhnen betrackitet. Sie wird meist mit einem Saiteninstrument dargestellt und ist das Sinnbild der Harmonie. Im Volksglauben besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Glücksgöttin Bentcn und den Schlangen, da sie nach der Tradition am„Schlangentag" zuerst nach Japan kam. Deswegen werden Schlangen bis zu diesem Tage in vielen Teilen Japans heilig ge- hasten.... Die Japaner werden ihren„Glücksgöttcrn" freilich auch häufig -l.n'ieu, besonders wenn sich daraus für sie irgend ein Glückszufall in Gestalt eines materiellen Vorteils crgicbt. Dem ist wohl auch zum Vleil der Fortschritt der katholischen und protestantischen Propaganda in Japan zu verdanken. In Japan gicbt es heute 23 00» Katholiken und noch mehr Protestanten. Natürlich haben alle, die als Diener, Kutscher und in ähnliche» Stellungen gern in einer europäischen Familie unterkommen möchten, ein Interesse daran, Christen zu werden. Ebenso häufig werfen sie aber dann, wenn sie erst auf »igiren Füßen stehen können und der Europäer nicht mehr bedürfen, ihre christliche Maske ab und kehren wieder zu ihrem hergebrachten Kult, zu ihren Glücksgöttern, zurück, oder verharren auch in -religiöser Indifferenz. Eine heitere Episode, die für die Art, wie Idie Japaner zu Christen werden und für einige Zeit den Gott der Christeil als glückbringend verehren, recht bezeichnend ist, erzählt iH. Dumolard.„Man findet nicht nur Japaner, die während be- stimmter Perioden ihres Lebens Christen sind, sondern auch andre, Sie regelmäßig zu bestimmter Jahreszeit sich zum Christentum be- kennen. Dies ist häufig vom Juli bis zum September der Fall. So kann man besonders in Karuizawa Beispiele dieser Art be- obachten. Karuizawa ist ein kleines Dorf, das in einem bergigen Distrikt gelegen ist, an den Abhängen des Asama Dama, des größten Vulkans im Lande. Die protestantischen Missionare schätze» besonders !das gesunde Klima des Ortes und erholen sich dort für einige Wochen von der Mühsal ihres Berufes. Ihre Ankunft übt auf die eingeborene Bevölkerung jedesmal eine sehr seltsame Wirkung aus. Als ich zum erstenmal im Frühling Karuizawa besuchte, hatte ich in diesem kleinen Dorfe einen herzlichen, freudigen Willkomm gefunden. Wie er- staunt war ich aber, im folgenden Sommer alle diese japanischen ..Spitzköpfe" in gelehrige Schüler der Rcverends verwandelt zu finden. Die kleinen im Grün versteckten Tempel ertönten nicht mehr vom Klang des heiligen Gong. Die Priester, die verstanden hatten, -daß das pekuniäre Interesse dem religiösen vorgehen müsse, hatten sich zu ihren Brüdern in der Nachbarschaft zurückgezogen. Die hübschen Tänzerinnen waren nicht mehr da. um die endlosen, japani- scheu Mittagessen zu erheitern. So kommt es also, daß die Bevölke- -rung von Karuizawa in jedem Jahre während dreier Monate christ- lieh ist..." Aus dem Pflanzeuleben. — Die Beschädigung der Blätter durch Wind. Ilm den schädlichen Einfluß, den der Wind auf die Pflanzen ausübt, iin Laboratorium prüfen zu können, hat, wie die„Umschau" mitteilt. Hansen einen Apparat konstruiert, der aus zwei miteinander ver- bundenen Kammern besteht. Iii der einen Kammer bewegt sich daS treibende Rad. in der andern das von diesem bewegte Windrad. Als Kraft wurde Wasser benutzt. Hansen vermochte so einen die Blätter ziemlich stark bewegenden Luftstrom zu erzeugen, der un- unterbrochen. Tag und Nacht, aus einem tvciten Mündungsrohre strömte. Die unter anderm mit Tabakpflanzcn ausgeführten Ver- suche hatten ein Ergebnis, das mit des Verfassers Beobachtungen unter natürlichen Verhältnissen und mit Versuchen im Freien, die er an Wcinstöcken ausgeführt hatte, übereinstimmte. Die dem Winde ausgesetzten Blätter bekamen an den Rändern trockene Stellen, die sich allmählich weiter ausdehnten, bis der ganze Blattrand trocken und braun geworden war. Der übrige Teil der Blätter war völlig gesund. Um festzustellen, ob der Luftstrom ganz lokal wirke, tvurde ein Tabakblatt so vor das Windrohr gebracht, daß nur der Rand getroffen wurde. Nach 14 Tagen war hier langsam an drei unter- brochenen Stellen des Blattrandes das Gewebe in der Größe von etwa 1 Quadratcentimeter vertrocknet. Die übrige Blattfläche lvar unverändert geblieben. Diese Art der Einwirkung des Windes ist, wie Hansen ausführt, ganz verschieden von den Veränderungen, die ein Blatt beim Vertrocknen zeigt, und läßt sich nicht aus der über- mäßigen Transpiration herleiten.„Die Grenze von gesundem und durch den Wind vertrocknetem Gewebe fällt scharf zusammen mit der Braunfärbung der hier durchziehenden Leitbündel, welche Im gesunden Gewebe farblos sind. Die Gcfäßbündcl werden offenbar von dem Winde auffallend verändert."— Humoristisches. — In der Hochsaison. Wirt:„Da hab'n S' Ihr Marli wieder 1 Stehsi S auf— es is ch Gast da, der mehr für's Bett zahlen will l"— — Unentbehrlich.„Wodurch haben Sie sich denn Ihrem Chef so unentbehrlich gemacht?" „Ja sehen Sie, ich führe eben die Bücher so, daß sich kein andrer Mensch mehr drin auskennt!"— — Ein Rendezvous..... Nun, ist die Dame gekomnicn, mit der Du hier in der Konditorei ein Rendezvous vereinbart hattest?" „Natürlich I Als Erkennungszeichen sollte sie eine Portion Schlagsahne essen— sverzweifelt)— jetzt sitzt die Arme drüben und würgt eine Portion nach der andern hinab— und ich bin zu schüchtern, sie anzusprechen!... Aber sobald ihr schlecht wird, geh' ich hin I"- — Philosophische Betrachtung. Bauer(vor dem Glückshafen):„Sakra, jetzt Hab' i' wieder lauter Hanswursteln er- wischt!... Da sag'n s' allaweil:„Der Dumme hat's Glück"— ja wie dumm muß ma' denn nacha sein, bis ma"wasg'winnt?"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Die Zeitschrift„Deutsche Dichtung" hat, infolge des Todes ihres Begründers und Herausgebers Karl Emil Franzos, ihr Erscheinen eingestellt; ihre erste Nummer erschien am 1. Oktober 1836.— — Die schweizerische Arbeiterschaft Ivill dem Dichter Georg H e r w e g h an seinem Grabe in Liestal bei Basel ein Denkmal errichten.— — Die Posse„Bessere Leute" von GanS L u d a s s h und Engel, fand bei der Erstaufführung im W i e n e r R a i- m u n d t h e a t e r eine freundliche Aufnahme.— — Das Centraltheater bringt am 12. d. Mts. die drei- aktige Operette„Der S o m m e r v o g e l" von Victor Hol- l ä n d e r, Text von Okonkowsky und Schanzer, erstmalig heraus.— — Die M ü n ch e n e r Secession erwählte dieser Tage an Stelle Fritz v. Uhdes, der aus Gesundheitsrücksichten sein Amt nieder- legte, v. Hab ermann zum ersten Vorsitzenden; als zweiter Vor- sitzender ging Albert v. Keller aus der Wahl hervor. Uhde bleibt im Vorstand.— — Ein R e i s e st i p e n d i u m von 2906 Mark hat die LoniS- Boissonnet-Stiftung an Architekten und Bau-Jngenieure zn vergeben. Bewerber haben die Aufgabe, die bisher nur unvollständig und in einer ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung nicht entsprechenden Weise veröffentlichten romanischen Baudenkmäler von Hildes- heim neu aufzunehmen und in einer zusammenfassenden kunst- geschichtlichen Bedeutung zu behandeln. Alles Nähere durch das Bureau der Technischen Hochschule zu Charlottenburg.— — Einen Preis von 200 Mark hat die Semkenbergische Naturforschende Gesellschaft in Frankfurt a. M. für die beste Arheit ausgesetzt, die einen Teil der Paläontologie des Gebietes zwischen Aschaffenburg, Heppenheim, Alzey, Kreuznach, Koblenz. Ems, Gießen und Büdingen behandelt; nur wenn es der Zusammen- hang erfordert, dürfen andre Landesteile in die Arbeit einbezogen werden.— — Die Gesamtausbeute an K r a b b e n an den deutschen Küsten wird pro Jahr auf etwa 10 Millionen Pfund, die einen Wert von zwei Millionen Mark haben, beziffert.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: VorwärtSBuchdruckcrei n. Verlagsanstalt Paul Singer �Co., Berlin LW.