Nnlerhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 12. Dienstag den 12. April. 1904 (Nachdruck verboten.) 39i Bfther Alaters. Roman von George Moore. ES geschah dicS gegen Ende?lugilst. Um acht Uhr sah man jevt schon die Sterne am Himmel, und der in Rauch ein- geliüllte Sonnenuntergang sah triibe und traurig aus in diesen Straßen der Äorstadt. Esther sowohl wie Z�red fanden Vergnügen an ihrer beiderseitige» Gesellschaft, und sie wanderten nun ein paarmal hinaus nach dem kleinen öden Square, auf welches man ein Paar spärliche, dünne Sträucher angepflanzt hatte. Fred begann sofort die Unterhaltung von neuem, die neulich im Laden abgebrockzen worden war. „ES thut mir leid," sagte er,„daß das Papier, das Sie holen, nicht zu nützlicheren Zwecken verwendet wird." „Wenn Sie meine Herrin kennten, würden Sie das nicht sagen!" „Sie wissen vielleicht nicht," sagte er,„daß Romane sehr oft Geschichten enthalten, in denen Männer die Frauen andrer Männer lieben. Solche Bücher können nichts nützen, sondern nur schaden." „Ich bin sicher, daß meine Herrin solche Dinge nicht schreibt, wie sollte sie das?! Sie ist unschuldig wie ein Lamm." „Aber wie können Sie das wissen, da Sie ihre Bücher nicht kennen?" Im Laufe ihrer Unterhaltring kam es heraus, daß Miß Rice selten oder nie zur Kirche gehe. Darüber war Fred sehr entsetzt. „Ich hoffe," sagte er.„daß Sie nicht dies schlechte Beispiel Ihrer Herrin befolgen." Esther mußte eingestehen, daß sie während einiger Zeit ihre religiösen Uebungen vernachlässigt hätte. Und Fred war darüber so erschreckt, daß er ibr allen Ernstes den Rat gab. diese Stelle zu verlassen und in eine religiösere Familie ein- zutreten. „O nein, ich bin ihr viel zu viel Dank schuldig, um daran nur denken zu können. Und es ist auch nicht ihre Schuld, wenn ich in letzter Zeit nicht so viel au Gott gedacht habe, wie ich sollte. Dies ist meine erste Stelle, in der ich überhaupt Zeit habe zum Beten und zur Religion." Diese Antwort schien Fred wieder einigermaßen zu be- friedigen. „In welche Kirche sind Sie denn früher gegangen?" „Meine Eltern gehörten der Brüdergemeinde an." „Welcher? der geschlossenen oder der offenen?" „Das weiß ich nicht mehr. Ich war damals noch ein kleines Kind." „Ich gehöre zu den Plymouth-Brüderu." „O, wie merkwürdig!" � „Vergessen Sie nur das eine nicht, daß unsre Seele nur errettet werden kann, wenn wir fest an Gott glauben und an das Opfer der Kreuzigung." „Ich weiß es, und ick glaube daran." Dieses Geständnis Esthers schien sie einander auf einmal viel näher zu bringen. Und am folgenden Sonntag führte Fred Esther seiner Gemeinde zu und stellte sie dieser vor als eine Schwester, die ihnen zeitweilig abtrünnig geworden war, aber nie aufgehört hätte, in Herz und Gesinnung die Ihre zu bleiben. Esther hatte einer solchen Zusammenkunft nicht mehr bei- gewohnt, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. und das kahle Ziminer, das nüchterne Dogma, welche beide so voll- kommen mit ihrer schlichten Natur übereinstimmten, erinnerte sie wieder an ihre Kindheit, ihre Heimat, an Vater und Mutter, an alles, was sie verloren hatte— und ergriff sie in tief- innerster Seele. Fred hielt bei dieser Gelegenheit die Predigt. Er sprach von der Wiederkunft des Heilandes, bei welcher die Gläubigen in Wolken von Glorie gehüllt zum Himmel einporschweben würden, und von der Verwüstung der Welt, die über sie kommen würde, vor ihrem endgültigen Untergang in den Flammen der Hölle. Die zuhorchenden Gesichter wurden starr vor Staunen und Erwartung. Und ein junges Mädchen neben Esther schloß die Augen und streckte die Hand aus, wie um sich zu versichern, daß Esther noch da und nicht in einer Wolke gen Himmel ge- schwebt sei. Als Fred Esther nach Hause begleitete, gestand' sie ihm, daß sie lange schon nicht mehr so glücklich gewesen sei wie an diesem Tage. Er drückte ihre Hand in der seinen und dankte ihr mit einem seelenvollen Blick. Nun gehörte sie ihm für immer und immer. Nichts konnte sie mehr voneinander reißen, denn er hatte ihre Seele errettet. Seine Exaltiertheit setzte sie in Erstaunen._ Aber ihre eigne angeborene Gläubigkeit— obwohl solcher Exaltiertheit nicht fähig— war ihr doch in den schweren Kämpfen ihres Lebens von großem Stutzen gewesen. Und ihre Gedanken verloren sich nun weiter in die Zukunft hinein. Fred wiirde nun natürlich von ihr verlangen, daß sie am nächsten Sonntag wieder mit ihm zur Kapelle käme, sie aber wollte lieber nach Dulwich gehen. Früher oder später würde er unfehlbar ausfinde», daß sie ein Kind besaß, und dann würde er sie nie wiedersehen wollen. Es war schon besser, daß sie es ihm selbst erzählte, als daß er es erst von andern hörte. Aber sie fühlte, daß diese Demütigung, diese Schande ihr entsetzlich sein würde, und sie wünschte jetzt fast, daß sie ihn' niemals kennen gelernt hätte.— Sollte das Kind denn wirklich zwischen sie und jedes Glück im Leben treten? Natürlich würde es am besten sein, die Bekannt- schaft mit Fred gleich wieder abzubrechen. Aber welch einen Grund konnte sie ihm dafür angeben? Ihr Passierte auch wirk- lich jedes Unglück im Leben! Wenn er sie nun gar bäte, ihn zu heiraten, dann mußte sie ihm ja doch so wie so die Wahr- heit sagen. Gegen Ende der Woche klopfte eines Tages jemand an ihr Küchenfenster. Sie blickte hinaus, es war Fred. Er fragte, warum er sie so lange nicht mehr gesehen hätte! „Ich habe keine Zeit gehabt," sagte sie. „Können Sie heute abend ein bißchen herauskommen?" „O ja, wenn Sie wollen." Sie setzte ihren Hut ans und ging hinaus zu ihm. Beide schwiegen, aber wie von einem gemeinsamen Impuls geleitet, richteten beide ihre Schritte nach dem kleinen Square, wohin sie auch ihren ersten Spaziergang gemacht hatten. Er sprach zuerst: „Ich habe in den letzten Tagen viel an Sie gedacht, Esther; ich— ich— möchte— ja— ich möchte Sie heiraten." Esther gab keine Antwort. „Wollen Sie?" sagte er. „Nein,— ich kann nicht! ES thut mir sehr leid; bitte, sprechen Sie nichts mehr davon." „Warum können Sie nicht?" „Wenn ich Ihnen den Grund sagte, würden Sie mich gar nicht mehr heiraten wollen. Aber ich kann es Ihnen ja sagen; warum denn nicht? Ich bin nicht das gute Mädchen, für welches Sie mich halten. Ich habe ein Kind! So, nun wissen Sie's; nun werden Sie wohl genug von mir haben." Es war ihre derbe, kurz angebundene, aufrichtige Natur» die ihr diese Worte abpreßte, und es war ihr in diesem Augen- blick ganz egal, tvas er that. wenn er sie auch auf der Stelle verließ. Er wußte nun alles und konnte thun, was er wollte. Er schwieg eine Weile; dann sagte er: „Aber Sie habe:, bereut, Esther, nicht wahr?" „Ich sollt' cS meinen, und gestraft bin ich auch worden, genug für ein Dutzend Kinder." ,.O, das ist also nicht erst kürzlich passiert?" „Kürzlich? ES ist fast acht Jahre her." „Und diese ganze Zeit über sind Sie dann brav geblieben?" „O ja, ich denke, ich bin brav gewesen." „Nun dann also, wenn—" „Kein„Wenn", bitte; wenn ich Ihnen so nicht gut genug bin, wie ich bin, können Sie ja wo anders hingehen, sich eine holen. Vorwürfe will ich nicht anhören, davon habe ich nun schon genug gehört." „Ich wollte Ihnen gar keine Vorwürfe machen; ich weiß wohl, daß das Leben einer Frau viel schwerer ist, als das unsre. Wenn eine Frau fällt, ist eS nicht immer ihre Schuld. Ein Mann aber hat stets an seinem Falle schuld, denn es liegt stets im Bereich seiner Macht, der Versuchung zu entfliehen." „Dennoch giebt es nicht einen Mann, der von sich be- haupten könnte, daß er nie ein Unrecht gethan." „O doch, Esther, es giebt solche!" Esther blickte ihn an. „Ich weiß, was Sie meinen. Esther, aber ich kann Ihnen mit Wahrhaftigkeit beteuern, daß ich ein solcher Mann bin." Er gefiel Esther um dieser Seelcnreinheit willen durchaus nicht besser als zuvor-, im Gegenteil; und die klaren Töne seiner etwas kalten Stimme ärgerten sie nur. „Darum werfe ich aber durchaus keinen Stein auf solche, die weniger rein sind als ich. Ich wollte Ihnen auch durchaus keine Borwürfe machen, Esther. Ich meinte nur, ich wünschte, Sie hätten mir dies gesagt, bevor ich Sie in unsre Gemeinde einführte." „Ah so; also Sie schämen sich meiner? Nun, dann be- halten Sie Ihre Scham nur für sich selbst!" „Nein, Esther, das ist's nicht." „Aber Sie möchten es wohl gerne sehen, daß ich mich vor den andern denuitige? Nein, auch davon habe ich nun genug gehabt." „Nein, Esther: so hören Sie mich doch nur an. Solche Sünder, die nicht bereut haben, dürfen bei uns noch nicht mit- beten mit der Gemeinde, aber ich glaube, daß Sie schon bereut haben, nicht wahr?" „Ja!" „Und ein Sünder, welcher bereut— dies sollte der Gegen- stand meiner nächsten Predigt werden— kommen Sie nächsten Sonntag wieder nüt?" (Fortsetzung folgt.x Allgemeine Versammlung cler cleutscben meteorologischen Gesellschaft. Am Freitag, dein zweiten SitzrnigStage, wurden zunächst einige neue meteorologische Instrumente besproclien und zum Teil demon- striert. Professor Sprung vom meteorologischen Observatorium in Potsdam Hat einen Apparat konstruiert, der den elektrischen Zu- stand der Luft an der Oberfläche der Erde genauer registriert, als es die bisher angewandten Jnstrnincnie dieser Art vermocht hatten, und der, was bisher anch nicht erreicht war, größere elektrische Spannungen mit völliger Sicherheit verzeichnet, sogar solche, die zu einer wirklichen Gcwitterbildung ausreichen. Eine wichtige Neuerung bildet der Apparat, den Tr. Elias vom Berliner aeronautischen Observatorium vorführte. In neuerer Zeit hat sich herausgestellt, daß der elektrische Zustand der höheren Luftschichten von viel größcrem Einfluß auf die Wetterbildung ist. als man früher angenommen hatte. Es erscheint unter diesen Um- ständen wünschenswert, daß die Drachen und Fesselballons, die zur Erforschung des Zustandes der Atmosphäre täglich aufgelassen toerden, außer den Instrumenten, welche de» Druck, die Temperatur und die Feuchtigkeit der Luft stetig verzeichnen, auch einen Apparat enthalten, der Aufzeichnungen über die Luftelektricität herstellt. Die Einrichtung. die vom Tr. Elias getroffen wurde, ermöglicht dies mit großer Präcision, besonders ist sie gesichert gegen die sehr nahe liegende Gefahr, daß nicht nur die Elektricität der von Drachen selbst durch- fahrenen Luftschicht angezeigt wird, sondern auch Ferngewitter oder die elektrischen Wellen, die von zufällig zur gleichen Zeit vor- genommene» Versuchen über drahtlose Telcgraphic herrühren. Zu den, wichtigsten Instrumenten des Meteorologen gehört der Regenmesser, d. h. ein Gefäß zum Auffangen und Messen des zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gefallenen Regens, womöglich verbunden mit einer Vorrichtung zur Selbstregistrierung dieser Regenmengen. Tr. Steffens von der Berliner land- wirtschaftlichen Hochschule führte einen neuen Regenmesser, oder cigcnt- lich Niederschlagsmesser vor, denn er registriert nicht nur die Regen- menge, sondern auch den gefallenen Schnee. Zu diesem Zweck ist eine Petroleumlampe angebraöbt, die ohne viel Perroleumverbrauch doch so viel Wärme entwickelt, daß der frisch gefallene Schnee dabei schmilzt und das Gewicht des Schmelzwassers ebenso genau registriert «Verden kann, wie im Sommer das Gewicht des Regenwassers. Tann sprach Professor Tr. A. Schmidt von, erdmagnetischen Observatorium in Potsdam über„Grundzüge eines Planes zur laufenden systematischen Bearbeitung der Beobachtungen über magnetischc Störungen". Bei der Beobachtung des Erdmagnetismus kommt es darauf an, seine jeweilige Richtung und Stärke festzustellen. Dies geschieht mittels feiner Magnetnadeln, die sorgfältig so auf- gehängt sind, daß sie möglichst ungehindert schwingen und den Acnderungen des Erdmagnetismus genau folgen können. Man hat natürlich das Bestreben, diese Schwingungen der Magnetnadeln ebenso zu registrieren, wie die Veränderungen des Barometers, des Thermometers(Feuchtigkeitsmesser). Wollte man die Magnetnadeln aber mit Negistrierapparaten belasten, so würden sie nicht mehr frei genug schwingen können. Man hat sich deshalb genötigt gesehen, Bor- kehrungen zu treffen, daß die Schwingungen der Magnetnadeln sich auf gleichmäßig abrollenden Streifen photographisch empfindlichen Papiers selbst abphotographieren: dies geschieht natürlich in Räumen, die den photographischen Dunkelkammern gleichen, d. h. kein schäd- liches, das photographische Papier angreifendes Licht enthalten. Aus den so erhaltenen Photogrammen kann man nicht bloß die im großen und ganzen ziemlich gleichmäßigen täglichen un! jährlichen Aende- rungen des Erdmagnetismus bestimmen, sondern auch den Verlauf größerer magnetischer Störungen, sogenannter magnetischer Gewitter erkennen. Die Kurven dieser magnetischen Gewitter sehen nun sehr unregelmäßig und wirr aus. Professor Schmidt hat aber gezeigt. daß man durch eine Zerlegung der Kurven, Ivie sie schließlich mit allen Kurven vorgenommen werden kann, in mehrere Kurven, ähnlich der Zerlegung einer Kraft in die Komponeirtcn, aus denen sich dieso Kraft zusammensetzt, hier ganz regelmäßig verlaufende Kurven er- hält. Die eine dieser so erhaltenen Kurven zeigt, welchen Verlauf die magnetische Störung auf der ganze» Erde, oder doch auf einem großen Teil der Erde genommen hat. die zweite giebt an, welche lokalen Einflüsse sich hierbei geltend machen. Auf diese Weise ist in die scheinbar regellosen, magnetischen Gewitter Ordnung und Gesetz gebracht. Auf der ganzen Erde existieren zur Zeit nur sehr wenige erdmagnetische Observatorien�. Die elektrischen Straßd gebügelt aussah und eine weiße Weste und einen Cylindcr trug: �Wär' ihr aber sehr recht, was ist siesti so quatsch... sie tonnte ja reinkommen." „Alle Weiber sind quatsch," meinte ein Dritter mit verächt- lichcm Tone, ein etwas grüner Jüngling mit sehr dünnem Bärtchen. „Stimmt I" ging eS durch das Coups; nur die beiden Damen riefen entrüstet:„Na!" „Das ist ja eine Frechheit\" sagte die hübsche Schwarze und ihre Augen funkelten auf. „Alle Weiber sind quatsch!" wiederholte der Jüngling und sah mit Siegermiene im Coups umher.„Was sie machen, das machen sie dumm, und wenn man mal'n Aerger hat, dann hat man rhu um die Weiber. Oder haben Sie schon mal'n Aerger gehabt, wo nicht'n Frauenzimmer dahinter steckt? „Bravo!" rief der mit der weißen Weste, und der kleine Dicke, der neben ihm saß, nickte bedächtig. Seine Frau gab ihm einen Rippenstoß:„Na Justav, willst Du etwa hier'n Ton sagen?" „Er sagt ja noch gar keinen", meinte der Jüngling mokant. „Nich mal Anton", fügte der in der Ecke hinzu.„Ne det is wohl nu nich quatsch 1" Die Frau zog ihre Schultern hoch und warf dem Spötter einen wahrhaft vernichtenden Blick zu; her knickte denn auch fast zusammen:„I ch Hab' ja doch gar nicht behauptet, daß Einer quatsch wär." „Eine," rief der mit der weißen Weste. Man lachte. „Eine?" fragte der Jüngling in äußerst weltweisem Tone. „sagen Sie nur ruhig alle. Na, was Hab' ich'n heut früh erst wieder erlebt? Geh ich über die Jannowitzbrücke, biestert da so'n Mädel bor mir her, hat'n Korb am Arin, will einholen, läuft über'n Damm. Mit'n mal— was geschieht? Fällt ihr's Port- monnaie aus der Tasche, hat die Tasche natürlich hinten. Denken Sie, sie wird sich bücken? Nee. Biestert immer weiter geraden- Wegs zum Kaufmann rein. Na. ich itehni' mir's Portmonnaie, denk', du wirst mal sehen, was sie sagt. Endlich kommt sie— hat'n Korb voll Pakete. Fräulein, sag ich, haben Sie denn nun alles bezahlt? Nee, meint sie seelenruhig, ich Hab' mein Portemonnaie zu Hause liegen gelasten. So, sag' ich, zu Hause? Sehen Sie mal hier... also nicht mal das weiß so'n Frauenzimmer, wo sie ihr Porte- monnaie hat." „Lange Haare, kurzer Sinn," nickte der mit der Weißen Weste, „ja, wie so die Weiber sind. Im Geschäft kann man auch'» Lied von singen. Alle Stellen nehmen se weg. Arbeiten? Ja wollt Hutschel, futschel... aber putzen und kokettieren und verliebte Blicke schmeißen." „Ihnen etwa?" fragte die hübsche Schwarze und ihr ganzes Gesicht sprühte. „Wie so de Weiber sind"... wiederholte der Wcißwestigc und sah seine Feindin herausfordernd an:„Ich hab's doch jetzt auch erst wieder erlebt. Kommt da so'n neues Lehrmädel ins Comptoir, kann nichts, weiß nichts, versteht nichts, aber'ne hübsche rote Bluse, und de Haare gebrannt und verliebt wie'n Stint." „In Sie etwa," schrie die Schwarze dazwischen und ihre Füße trommelten einen Marsch auf dem Fußboden. Der Weißwest'-e ließ sich durchaus nicht beirren:„Ich soll aufpassen, daß sie die Briefe richtig adressiert. Kann man etwa ewig hinterhcrsitzcn hinter solcher kleinen Gans? Ich verlaß mich drauf, sie macht's richtig— na, natürlich, sie macht'S falsch... wer hat'n Aerger? Ich!" „Na. was passen Sie denn nicht auf, wenn Sie'n Lehrmädchen haben?" fragte die Schwarze. „Allen Aerger hat inan durch die Weiber," wiederholte der dünnbärtige Jüngling, aber diesmal etwas schwermütig.„Jawohl. verliebt sind sie ivic die Stinte und kokettieren, wo sie könne x, will man sich dann aber selbst tvas erlauben, dann sagen sie: So war's nicht gemeint!" „Sehr denkbar!" meinte die Schwarze ironisch. „Und Recht haben müssen se auch immer und'S letzte Wort behalten," rief der Weißwestige. „Bravo!" sagte der Jüngling, und auch der kleine Dicke nickte wieder bedächtig und verständnisvoll. Seine Frau gab ihm est in neuen Rippenstoß:„Justav, was hast'» da zu nicken? Du thust ja gerade, als sprechste aus Erfahrung. Justav, nn sag' bloß keinen Ton mehr..." „Aber, er hat ja überhaupt noch nichts gesagt." meinte der in der Ecke mit frommer Miene. Die Frau fuhr herum, daß ihre Röcke flogen.„Was wollen Se? Wollen Sie was? Mischen Sie sich nich unter Eheleute. Sie... und lassen Se uns raus! Hier is Großgörschenstraßc. Justav. wie lange zoddelst'n noch? Komm!" Donnernd fuhr der Zug in die Halle, eS entstand ein all- gemeiner Tumult im Conpo. „Und die Weiber taugen doch nichts," sagte der Weißwestige, als die Schwarze an ihm vorüber ging.„Wenigstens manche," fügte er mit einen, Zwinkern nach„Justavs Frau" und einem galant sein sollenden Lächeln hinzu. Allein die Galanterie zog nicht; die hübsche Schwarze, die schon an ihm vorüber war, drehte sich noch einmal um und rief triumphierend: „Na und wenn wir nichts taugen, denn taugen lvir nichts, dann wollen wir auch gar nichts taugen, fcrtigwerden ohne uns könnt Ihr Männer ja doch nicht I"— Theater. Berliner Theater.„Die große Null". Schlvan! in drei Akten von Hans Richter.— Hans Richter oder Gustav Schefranek, der Regisseur des Berliner Theaters, der hinter dem Antoren-Pfeudonym steckte, hatte mit seinem anspruchs- und Harm- losen Schwanke einen schallenden und im Anfang auch gar nicht unverdienten Hciterkeitsersolg. Die Situationen und Witze des ersten Aktes waren teilweise gute Bekannte oder sahen doch solchen wenigstens sehr ähnlich— aber das schadete ihnen nichts, erweckte vielmehr von vornherein durch allerhand angenehme Erinnerungen an früheres Lachen eine gemütliche Sympathie und Prädisposition zur Erneuerung dieser wohlthätigen MuSkelübimg. Die hausmütterlich besorgte zungenbehende möblierte Wirtin, ihre Pflegebefohlenen: das junge, den, ersten Patienten entgegen- sehende Medizincr-Freundcspaar, der eine ein Berlobungs- enthusiast, der andre radikaler Eheseind im Namen der Freiheit. endlich der biedere, agrarische Verwandte aus Württemberg mit dem treuherzigen Dialekte— das alles heimelte in amüsanter Weise an. und kleine, bühnengerecht ersundcuc Ucberraschungcn brachten den gerade erforderlichen Zusatz von Beweglichkeit in das phlegmatische Behagen. Sogar die vage Hoffnung auf ein bißchen wirkliche Satire wurde geweckt, es schien, als solle gemäß der Theorie des Ehe- f einbc», der Mann sei in der Ehe innner die große Null, den besseren Hälften etwaS am Zeuge geflickt werden. Statt dessen folgte aber ein völlig direktions loses Durcheinander von Einfällen, das sick, zu GeschmackSwidrigkeiten. für die selbst der Schwanktitel nicht mehr als mildernder Ilmstand geltend gemacht werden kann, steigerte. Um die junge Schwiegermutter deö Verlobten günstig zu stimmen, macht ihr schließlich der Ehcfeind iu einer heroischen Freundschafts- anfwallung einen Heiratsantrag, wird vor den Standesbeamten ge- schleppt und entdeckt nach viertägiger Schmoll- und Zankehe, dies sei die Dame seines Herzens! Daß die lachlnstige Laune des Publikums trotzdem nur wenig abflaute, war wesentlich der Dar- stellung zu danken, die daö bißchen Situationskomik der um den tauben Kern der„Handlung" hcrumgcspouncucn Scene brillant herauszuholen und zu steigern verstand. Insbesondere Willy R o h l a u d als schwäbischer, zu verwegener Kurmacherei aufgestachelter Vetter vom Lande, und Harry Walde» als der ehefeindliche Part des FreudcSpaareS machten sich um den Erfolg ihrcS Kollegen verdient. Sehr drollig waren auch K l a r a W e n ck als Vernneterin und im letzte» Akte Albert S ch i u d l e r in der Rolle des weißhaarig ehrwürdigen, doch unentwegt für Ungarinnen schwärmenden Pro- fessorS.——dt. Neues kgl. Opernhaus(Kroll).„König Oedipus" von Sophokles. Uebersetzt von U. v. Wilamowitz- Möllcndorff. Musik von Heinrich Bellcrmann.(Wohlthätigkeits- Vorstellung.)— Diese altgriechische Tragödie ist in ihrer Scelcnstimmung dem resignierenden Pessimismus des biblischen Hiob verwandt. Der Chor, den Sophokles in einem andren seiner Dramen jenen mächtigen Hymnus auf die menschliche Kraft anstimmen ließ: „Vieles Gewaltige lebt, aber nichts ist gewaltiger als der Mensch". ist hier ein Herold der Klage. in den Gesängen die Ohnmacht alles Menschlichen dem unerforschlich und unerbittlich waltenden Schicksale gegenüber verkündend: „Ihr Menschengeschlechter ach— euch die wandeln im Lichte, wie— acht ich ähnlich dem Nichts euchl" Oedipus, der von allen Gepriesene und Beneidete, der als Fremdling nach Theben ver- schlagen, die Rätsel der Sphinx gelöst und, die Bürger von dem Ungeheuer befreiend, König wurde in der Stadt— er der Stärkste und Klügste stürzt von dem Gipfel seiner Macht in namenloses Elend. Eine Stunde zertrümmert, lvas viele Jahre bauten, und sein Geschick erscheint dem Chor als ein Symbol des allgemeinen Menscheuloses.„Durch Dein unselige? Ge- schick gewarnt, preis' ich keinen Menschen mehr glückselig." Und wie Hiob, ist auch dieser Oedipus ein innerlich Schuldloser, der mit Bewußtsein keine That verübt, die den Zorn der Himm- lischen reizen könnte. Die Gottheit, ob einer oder viele, sendet das Schicksal, wie es ihr beliebt; kein Schimmer vergeltender Gcrechtig- keit verklärt das Furchtbare, das sie verhängt hat. Bei der Frei- heit, mit der die griechischen Tragiker den überkommenen Sagen- stoss geformt und ihren Intentionen angepaßt haben, kann davon, daß Sophokles etwa durch den Mythus entgegen seiner eignen Ueberzeugung zu einer solchen, den Zusammenhang von subjektiver Schuld und Sühne völlig ausschaltenden Be- Handlung der Fabel gezwungen worden, nicht wohl die Rede sein. Es sind Züge in der Sage wie in dem Stück, die nur einer leichten Aenderung bedurft hätten, wenn der Dichter das Grüß- lich-Unvernünstige des über den Helden verhängten Schicksals durch eine sogenannte„tragische Schuld" hätte mildern«vollen. Aber er will nicht. Zlvar betont er das herrisch Aufbrausende in der Figur des OedipuS, aber so zu sagen nur als Attribut des königlichen Standes: er hält diesen Zug offenbar absichtlich auch in den Scenen mit Thiresias und Kreon in solchen Grenzen, daß er, nach griechischer Auffassung, jedenfalls durchaus nicht einen Makel der Persönlichkeit, eine Vergeltung fordernde frevelhafte lieber- Hebung anzeigt. Unschuldigen Sinnes, muß Oedipus schuldig«verden. und«vider Willen frevelnd. Jainmervoll als Frevler verderben,«veil der Willkiirwille der Götter, voraus verkündet in einem dunklen Orakclspruch, es so beschlossen. Alles ivas Menschenwitz ersinnt, um dem Verhängnis zu entgehen, ist nur ein Glied in der Kette, die unsichtbar den Fliehenden umtvinden und ihn zu Boden reißen wird. Weil ihm gelveissagt war, er«verde von seines Sohnes Hand fallen, gab Laios, der Thebanerkönig, Befehl, den Knaben, den ihin Jokaste geboren, auszusetzen. Von einem Hirten aufgenommen und an einen fremden Königshof gebracht, wächst Oedipus heran, ohne um seine Herkunft zu wissen. Der Zufall, in dem Dienst des Schicksals, führt die beiden in einem Hohliveg zusammen, entsacht Streit zivischen ihnen und der Sohn muß den ihm unbekannten Vater erschlagen. Und«vie LaioS dem Orakelspruch, indem er ihm zu entrinnen sucht, nur um so sicherer verfällt, so auch Oedipus selbst. Weil ihm verkündet ist, er«verde seinen Vater töten, seine Mutter ehelichen, darum verläßt er die Stadt, die er für seine Heimat, den König und die Königin, die er für seine Eltern hält. Es ist auf dieser Flucht vor dem Schicksal, daß er unwissend,«villenlos den. der ihn erzeugte, tötet und, in Theben den Thron besteigend. Jokaste seine Mutter freit.— Das Sophokleischc Drania stellt die abschließende Katastrophe dar, den Augenblick, Ivo, wieder nach dem Willen der Götter, der Schleier von den verborgenen Gräueln fallen muß. Schlag um Schlag ent- wirrt sich da? Ganze. Die trotzige Eurpörung, urit der Oedipus die Bezichtiguug des blinden Sehers, er sei der Mörder, abgewiesen, verwandelt sich in bange Furcht, und dann, als auch der letzte rettende Zweifel ihm geraubt«vird, in grenzenlosen Jammer. Er durchbohrt seine Augen, um sich, von Schande bedeckt, in elvige Nacht zu bergen und mit rührender Klage, doch ohne An- klage der iin Lichte thronenden grausamen Götter, nimmt er Ab- schied von den geliebten Töchtern Jsmene und Antigone.— Die dem Volksglauben entsprechende Veräilßerlichung der natürlichen Schicksalsmächte zu einer von oben her das Menschenleben be- stimmenden, in Orakelsprüchen ihren Willen manifestierenden Götter- «oelt nimmt dem Drama heute einen Teil seiner Wirkung. Was bei den Griechen lebendige Tradition, das müssen«vir jetzt mühsam erst durch Fiktion ersetzen. Wie immer es um den poetischen Wert bestellt sei, von den Schicksalsschauern einer großen, moderneu Dichtung,«vie der Jbsenschen„Gespenster",«verde» die meisten, schon darum,«veil es hier keiner solchen künstlichen Brücken bedarf, viel unmittelbarer, mächtiger und nachhaltiger bewegt werden. Die tvohl abgerundete, mit großem Beifall von der dicht- gedrängte» Zuschauerschar aufgenommene Vorstellung«var vom Schauspielhause insceniert. M o l e n a r gab einen krafwoll statt- lichen Oedipus, dem man nur einen helleren Klang der Stimme. hätte wünschen mögen, L u d Iv i g spielte den Kreon. K r a u ß u e ck den Seher. Die Jokaste sprach, anmutiger vielleicht als es dem Alter dieser Königin geziemte. Frau Arnold vom Schiller-Thcatcr. Sehr reizvoll und lebendig klang der Gesang der Chore nach den alten vor einem halben Jahrhundert komponierten Bellerinannschen Weisen.——dt. ' Humoristisches. — Chinesischer Humor.(Aus der Anekdotensammlung „Hsia-Lin-Fuang" oder„das Buch des Lachens".) Ein Mann, der eine Kuh gestohlen hatte,«var dabei ertappt «vordeu, und mußte als Strafe einen hölzernen Kragen, auf dem sein Vergehen vermerkt war, öffentlich tragen. Einige seiner Freunde, die bei ihm vorbeigingen, fragten ihn, lvas er begangen hätte. „O. gar nichts," entgegnete er,„ich sah ein Stück alten Taues und hob es auf." „Aber", erwiderten seine Bekannten,„man Ivürde Dich doch nicht so strenge bestrafen,«veil Du ein altes, unbrauchbares Tau auf- gehoben hastl" „Run, tvohl nicht," antlvortete der Mann,„aber u«r g l ii ck- li ch e r w e i se«var eine junge Kuh an dem Stricke be« festigt."— Ein Holzhauer, der einen Bündel Holz trug, lief gegen eine» Arzt,«vorauf letzterer ihn zu schlagen sich anschickte. „Stoße mich mit dem Fuß, wenn Du willst, aber schlage mich nicht mit Deinen Händen," sagte der Holzhauer. „Du bist ein Thor." bemerkte ein Zuschauer,„ein Schlag mit seiner Faust könnte Dir nicht so wehe thun, als ein Stoß mit dem Fuße." „O," entgegnete der Holzhauer,„ich fürchte«nich nicht, mit seinem Fuße in Berührung zu kommen, aber ich«v ü r d e ein verlorener Mann sein, falls ich unter seine Hände käme."— Notizen. — Oskar Wilde'S Schauspiel„Lady Winder m eres Fächer"«vird die erste Novität des Deutschen Theaters unter Lindau'» Direktion sein.— — Das Central-Theater hat die drciaktige Operette „Die Amazone", Text von Fr. W. Wulff und A. Stern, Mufik von Franz V. B l o u, zur Aufführung erworben.— c. Der italienische Komponist A l f a n o hat eine neue Oper „ A r« f e r st e h u n g" vollendet. Das Werk, denr der gleichnannge Tolstoj'sche Roman zu Grunde liegt,«vird zu Beginn der kommenden Saison in der Mailänder Scala erstmalig in Scene gehen.— — Eine Ausstellung von Radierungen erster englischer Meister bereitet das Künstlerhaus vor; die Eröffnung ist auf den 17. April angesetzt.— t. Die Zahl der Säugetiergattungen. Der ameri- kanische Zoologe Palmer hat eine ungeheure Arbeit durch Herstellung einer Liste aller Säugetiergattungen geleistet, die als ein besonderes Heft des großen Werkes über d,e uordamerikanische Tierlvelt, einer von dem Landlvirtschafts-Ministerium der Vereinigten Staaten heraus- gegcbeiren Veröffentlichung, erschienen ist. Bis Ende 1900 Ivaren nach den Forschungen dieses Gelehrten über 4000 Gattungsnamen für Säugetiere vorgeschlagen, und im Jahre 1901 noch über 100 neue hinzugekommen. Danach kann die Größe der von Palmer unter- nonunenen Arbeit abgeschätzt«Verden, der den Versuch gemacht hat. all' diese Namen kritisck auf ihren bleibenden Wert hin zu sichten. Außerdem aber unterscheidet sich diese Liste von den meisten ihrer Vorgänger dadurch, daß sie für jede Säugetiergattung angiebt, zu welcher Familie und zu welcher Ordnung sie gehört.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagsanstaltPaulSingcrLcCo..BerlinL1V«