Mnterhallungsblatt des Horwürts Nr. 74. Donnerstag, den 14. Zlprtl. 1904 (Nachdntck verboten) 41] efthcr Maters. Roman von George Moore. An der Hausthür sagte Fred Esther adieu. Sie hatte ihm versprochen, im Frühjahr seine Frau zu werden, und er schied mit freudigem Herzen von ihr. Auch sie fühlte sich sehr glücklich, und sie eilte sofort die Treppe hinauf, uin ihrer geliebten Herrin zu erzählen, welch einen schönen, glücklichen Tag sie verlebt hatte, und ihr für die Erlaubnis hierzu zu danken. Und Miß Rice legte das Buch, in welchem sie eben gelesen hatte, nieder in den Schoß und lauschte auf Esthers Bericht von ihrem Glück mit einer so tiefen, stillen Sympathie, als hätte es sich um ihr eignes Glück gehandelt. XXV. Als aber der Frühling kani. bat Esther Fred, noch bis zum Herbst zu warten, und gab als Entschuldigung dafür den Grund an, daß Miß Rice in der lebten Zeit nicht sehr wohl gewesen sei und ihrer Pflege dringend bedürfte. lind Fred mußte sich fügen und warten. Es war an einem jener langen, blassen Abende Ende Juli, wo es dem Himniel völlig unmöglich zu sein scheint, dunkel zu werden. Die Straßen lagen träge und still da in dein Staub und der Hitze des Sommers, und Esther in ihrem hellen Kattunkleide war stehen geblieben und sah voller Mitleid einein armen Pferde zu, wie es eine schwerfällige Droschke mühsam durch den lose hiiigestreutcn Kies den Hügel hinauf- zuziehen bemüht war. Sie war so vertieft in diesen Anblick und ihr Mitleid für das Tier, daß sie den ihr entgegen- kommenden großen, breitschulterigen Mann gar nicht bemerkte, dessen Beine in seinen hellgrauen Hosen und unter dem etwas zu kurzen,, schwarzen Jackett merkwürdig lang aussahen. Er ging niit großen, gleichmäßigen Schritten einher, hielt in der einen Hand einen kleinen Stock, während die andre in seiner Hosentasche stak, und quer über seine Weste hin hing eine schwere goldene Uhrkette. Er trug ferner einen kleinen, braunen Hut und eine rote Krawatte. Der Backenbart und die glattrasierte Oberlippe ließen ihn eineni vornehmen Kaminerdicner ähnlich sehen. Alich er bemerkte Esther zuerst nicht, und als sie nuil so mit abgewandtcm Stopfe einen Schritt seitwärts that, die Augen immer noch auf das Droschkenpferd gerichtet, prallte sie heftig gegen ihn an. Er sprang schnell zur Seite, um dem Inhalt des Bier- kruges, der zur Erde fiel, zu entgehen. „Sehen Sie sich doch ein bißchen vor auf der Straße," brummte er etwas mürrisch, dann aber plötzlich, als sein Blick auf das Mädchen fiel, änderte sich sein Ton: „Was, Esther, Du?" „So, nun ist mein Bier verschüttet und mein Krug zer- brachen," klagte Esther. „Es giebt noch Bier genug im Wirtshause: und ich werde Dir auch einen andern Krug holen." „Sehr liebenswürdig: ich kann mir aber selbst holen, was ich brauche." Sie blickten einander fest an und schwiegen: endlich sagte William: „Nein, aber das ist doch wirklich unerhört, daß wir ein- ander begegnen; und noch dazu so! Das ist zu gelungen! Na, ich freue mich aufrichtig, Dich wiederzusehen." „So? Wirklich? Na, meinetwegen; unsre Wege aber liegen weit auseinander; adieu!" „?lber, Esther, so warte doch nur einen Augenblick!" „Meine Herrin wartet auf ihr Essen, ich muß gehen und frisches Bier für sie holen"— erwiderte sie kalt. „Soll ich hier auf Dich warten?" „Auf mich warten? Selbstverständlich nicht." Rasch eilte Esther in ihre Küche zurück; und während sie einen andern Krug aus dem Schrank nahm, flogen eine Menge von Gedanken ihr blitzartig rasch durch den Kopf. Der Mensch würde sicherlich draußen auf sie warten. Was sollte sie an- fangen! Welch ein llnglück! Wenn er sich's nun in den.Kopf setzte, ihr nachzulaufen, und Fred und er einander begegneten? Welch ein Unglück! „Möchte wohl wissen,»voraus Sie warten?" sagte sie, als sie wieder herauskam. „Aber, Esther, das ist doch wahrhaftig nicht sehr höflich.. nach so vielen Jahren.. man.. man könnte ja fast glauben. »Es ist mir sehr gleichgültig, was Sie glauben; machen Sie, daß Sie fortkommen! Hören Sie? Ich will nichts mit Ihnen zu thun haben. Sie haben mir wohl noch nicht genug Böses angethan?">' j-» «Aber so sei doch bloß ruhig und höre mir zu; ich will Dir ja alles gern erklären." „Ich brauche Ihre Erklärungen nicht— gehen Sie fort von mir." Ihr ganzes Wesen empörte sich gegen ihn, und ihr leiden- schaftliches Herz empfand ans einmal von neuem das ganze furchtbare Unrecht, welches sie durch ihn erlitten hatte. Mit flammenden Augen trat sie von ihm zurück. Und vielleicht war es nur die Erinnerung an den ersten vorhin zerbrochenen Bierkrug, der sie davon zurückhielt, ilnn den zweiten an den Kopf zw werfen. Aber die Lust, ihm etwas Böses an- zuthun, verschwand, und ihre Wut kehrte sich lvieder iwch innen und verwandelte sich in stilles, mürrisches Schweigen. So ging sie weiter. Er folgte ihr die Straße hinauf und bis ins Wirtshaus hinein. Sie reichte den Krug über den Schanktisch hinüber zum Füllen und suchte»vährenddesscn in ihrer Tasche nach dem Gelde. Aber sie hatte keins bei sich. Sofort reichte William einen halben Schilling hin. Esther warf ihm einen raschen, zornigen Blick zu und sagte zum Wirt: „Ich werde Ihnen das Geld morgen bringen, Sie wissen ja: 41 Avondale Road." „Ist gut, ist gut," sagte der Wirt,„aber was soll ich nun mit diesem halben Schilling anfangen?" „Ich weiß nicht," sagte Esther ruhig,„er gehört nicht mir." Der Wirt mit dem halben Schilling zwischen den kurzen, dicken Fingern blickte Williani fragend an. William lächelte, zuckte die Achseln und sagte: „Ja, so find sie eben manchmal." Er öffnete die Thür für sie,»md als sie vor ihm hinaus- ging, konnte sie nicht umhin, ihn aitzusehen und in seinem Blick zu bemerken, daß er sie mehr denn je bewunderte. Sie haßte ihn dafür, und ein sonderbarer Gedanke über die Ungerechtigkeit des Schicksals erwachte plötzlich in ihr. Dieser Plann hatte erst ihr Leben vernichtet, hatte sie dann verlassen und war von ihr fortgegangen— und nun gerade in dein Augenblick, wo sich die Hoffnung auf ein neues, schöneres Leben vor ihr entwickelte, mußte er wieder ihren Weg kreuzen. „Es war nichts andres als Dein mürrisches Wesen, das uns getrennt hat," sagte William.„Du wolltest ja vierzehn Tage lang keinen Ton mehr mit mir sprechen, und geändert hast Tu Dich in der Hinsicht auch noch nicht, wie ich sehe," fügte er hinzu, indem er sie von der Seite beobachtete. Und in der That blieb Esthers Antlitz steif, hart und kalt, bis er endlich anfing, ihr zu erzählen, wie unglücklich er verheiratet sei. „Ein niederträchtiges Frauenzimmer ist und war sie,— wir leben auch gar nicht mehr zusammen, weißt Du, schon seit drei Jahren sind wir getrennt; ich konnte es nicht länger mit ihr aushalten. Sie war eine— ach, aber das ist'ne lange, lange Geschichte." Esther gab immer noch keine Antwort. Er sah sie mit besorgten Blicken an und merkte wohl, daß sie nicht leicht wieder zu gewinnen sein würde; und nun begann er von seinen finanziellen Verhältnissen zu sprechen. „Nun hör mal zu, Esther!" sagte er und blieb neben ihr vor dem Hanse stehen.„Gelt, Du wirst mal einen Sonntag mit mir spazieren gehen? Ich bin beteiligt an dem Wirts- haus„The Kings Head". Und habe das ganze Jahr über tüchtig beim Nennen gewönne»?. Ich habe Geld genug, um Dich ordentlich ausführen zu können. Ich möchte wieder gut »nachcn, was ich Dir?nal Böses angethan habe. Vielleicht?st s Dir gar nicht mal gut gegangen die gai?ze Zert über. Was hast Di? denn alle diese Jahre hindlirch gethan?— das mocht ich wohl wissen." „Was ich gethan habe? Ich? Ich habe mir Mühe ge« gebe??, Dein Kind zu erziehen. Das habe ich gethan!" Esther erstickte fast an ihren Worten._- „Mein Kind!" rief William. Er stand da wie vom Schlage getroffen. Esther aber ließ ihn stehen und fchliipfte rasch an ihm vornber ins Haus hinein. Einen Augenblick schien es fast, als wollte er ihr folgen. Aber dann überlegte er sich die Sache. Er zögerte eine kleine Weile und ging dann langsam fort in der Richtung nach der Eisenbahnstation hin. „Seien Sie nicht böse, Fräulein, daß ich Sie habe warten lassen," sagte Esther zn ihrer Herrin.„Aber ich hatte unter- Wegs ein Unglück und mußte zurückkommen, um einen andern Krug zu holen." „Was für ein Unglück, Esther?" „Ich paßte nicht ordentlich auf, Fräulein! Ich sah einem armen Droschkenpferd zn, das solche Mühe hatte, vorwärts zu kommen. Da rannte ich mit einem Vorübergehenden zu- sammen und ließ in meinem Schreck darüber den Biertrug fallen." „Wie kam denn das, daß Sie so erschraken? Kannten Sie den Vorübergehenden?" Esther stand da, mit dem Rücken zu ihrer Herrin hin, am Büffett beschäftigt. Und da es Miß Rice scheinen wollte, als fei ihrem Mädchen etwas Ernsthaftes Passiert, sagte sie nichts weiter und aß schweigend ihr Mittag. Eine halbe Stunde später kam Esther ins Arbeitszimmer ihrer Herrin und brachte den Thee. Sie trug den kleinen Bambustisch herbei und sehte ihn dicht neben ihre Herrin hin, und während sie dies that, brachte die Ruhe im Zimmer, das stille, friedliche Licht der einsamen Lampe, der Ausdruck der Ruhe und Zufriedenheit auf Miß Rices Antlitz ihr unwillkiir- lich mit noch verstärkter Gewalt ihr eignes Mißgeschick, den Kummer, die Verzweiflung, die Unruhe und Leidenschaftlich- keit ihres eignen ganzen Lebens vor Augen. Noch nie hatte sich ihr die Ueberzeugung so fest auf- gedrängt, daß das Unglück ihr steter Begleiter durchs Leben sein werde. Sie dachte an all das Unglück, das sie schon gehabt hatte, und wunderte sich, wie es ihr überhaupt möglich gewesen war, es zu ertragen. Nun hatte sie eine kurze Weile Ruhe und Frieden gehabt, und jetzt sollte ihr schon wieder alles vernichtet werden. Fred war auf vierzehn Tage zu seinen Eltern hinaus- gefahren. Noch elf oder zwölf Tage würde sie also in Sicher- heit sein, nachher aber— was konnte nachher aber nicht alles passieren? Ihr sicherer Instinkt belehrte sie, daß, obwohl Fred über ihren Fehltritt leicht hinweggegangen war, solange er nicht wußte, wer der Vater ihres Kindes feß er sie vielleicht doch nicht mehr würde heiraten wollen, wenn William darauf beharrte, ihr nachzulaufen. Oh, wenn sie nur an jenem Abend gerade nicht aus- gegangen wäre, oder doch nicht gerade zu jener Stunde! Sie wäre William dann vielleicht niemals begegnet. In ihrer Gegend wohnte er jedenfalls nicht, sonst hätte sie ihn auch früher schon treffen müssen. Aber vielleicht war er eben erst dorthin gezogen. Das wäre das Schlimmste von allem. Aber nein, nein, es war ein purer Zufall gewesen! Wenn das Bier, welches sie im Hause hatte», einen oder zwei Tage länger vorgehalten, oder ein oder zwei Tage früher zu Ende gewesen wäre, so wäre sie William vielleicht niemals begegnet!— Nun aber konnte sie ihm nicht mehr entgehen! Er ver- brachte die ganzen Tage fast in der Straße»nd wartete auf sie. Ging sie aus, um etwas zu besorgen, so folgte er ihr hin und zunick und wartete auf sie. Und dann flüsterte er ihr allerhand zu. Sie sei hübscher denn je, sie sollte doch auf ihn hören,— er hätte nie eine andre geliebt, und er wollte sich scheiden lassen und sie heiraten und ihr Kind zu sich nehmen. Esther gab ihm keine Antwort, aber ihr Zorn schäumre auf bei seinen letzten Worten: I h r K i n d! Er meinte damit seines und das ihre! Aber wie könnte denn Jackie jemals sein Kind werden?! War es denn nicht sie ganz allein gewesen, die für chn gearbeitet und ihn erzogen hatte? Und sie dachte so wenig an Williams Vaterschaft, als wäre das Kind vom Himmel herab direkt in ihre Arme gefallen. Eines Abends, als sie den Tisch deckte, drohte ihr Schmerz sie beinahe zu über- wältigen. Rasch und, wie sie glaubte, unbemerkt wischte sie eine Thräne aus ihren Augen hinweg. Aber Miß Rice hatte die Bewegung bemerkt, und in ihrer gütigen, leisen lind wohl- klingenden Weise sagte sie: „Esther, es will niir scheinen, als ob Sie Kummer hätten? Kann ich Ihnen denn nicht helfen?" „Nein, Fräulein, nein! Es ist nichts! Es wird gleich wieder gut sein." Aber trotz der mutigen Worte konnte sie ein Schluchzen in ihrer Kehle nicht unterdrücken. „Sagen Sie mir doch, was Ihnen fehlt, Esther! Selbst wenn ich Ihnen vielleicht nicht helfen kann, es erleichtert doch das Herz, wenn man über sein Unglück sprechen darf. Ihrem Kinde fehlt doch nichts?" „Nein, Fräulein, nein! Gott sei Dank! Dem Inngen geht es gut. Mit ihm hat es nichts zu thun, das heißt"— mit einer furchtbaren Anstrengung drängle sie die Thränen zurück—„o wie dumm aber von mir! Unser Mittagessen wird ja kalt!" «Ich will mich gewiß nicht in Ihr Vertrauen drängen',, Esther. Aber Sie wissen doch, daß—" „Ja, Fräulein, ich weiß, daß Sie die Güte selber sind« Aber für mich kann keiner was thun. Ich muß es eben er- tragen. Sie fragten mich, ob es etwas mit meinem Kinde zu thun hat? Nun ja, gewiß, es ist nichts mehr und nichts weniger, als daß ich seinen Vater wieder getroffen habe." „Aber, Esther, das ist doch kein Grund, traurig zu sein. Ich hätte geglaubt, im Gegenteil, das müßte Sie frenen." „Ja— es ist nur natürlich, daß Sie so denke», Fräulein. Die, die das Unglück nicht keime», denken stets anders als die andern! Sehen Sie. Fräulein, es ist nun fast neun Jahre her, daß ich ihn nicht gesehen habe. Und in diesen neun Jahren Hab' ich s o viel gelitten und durchgemacht, s a viel— o, keiner wird jemals wissen, wieviel! Ge- arbeitet habe ich wie ein Sklave und gehungert und solche Sorgen gehabt— und nun, wo endlich das Schliinmste hinter mir liegt, da kommt er ruhig daher und verlangt, daß ich ihn heiraten soll, wenn er von seiner Frau geschieden sein wird." (Fortsetzung folgt.j (Nachdruck verboten.) k)eimkekr. Von Karl Busse. Das HauS am See war festlich erleuchtet. Mit dem Mend- Schnellzug war unerwarteter Besuch eingetroffen. Das Mädchen hatte gezögert, ihn einzulassen. Da hatte der junge Mann sie beiseite geschoben. „Bin ich so fremd hier geworden? Ist mein Vater noch nicht hier?" Und ohne den Paletot abzulegen, hatte er die Glasthiir zum nächsten Zimmer geöffnet. Es war dunkel darin, aber er fand sich zurecht. Tief atmend blickte er auf den See hinaus. Hier hatte er als Kind gespielt. Drüben, auf der Promenade, wo an Sommerabcndcn die jungen Mädchen Arm in Arm lustwandelte», war er den Nachbarstöchtern nachgestrichen. Die Lehrer hatten ihn immer einen„Luftikus" ge- nannt. Da schallten Schritte im Nebenzimme". Sie zögerten. Dann ward rasch ein Kopf hineingesteckt. „'n Abend, Grcthe I" Ein Schrei:„Richard!" Und da lag ihm das ganze Mädel am Halse. Wie Schwesterarme umklammern können I Tausend Fragen. ... DaS sprudelte nur so heraus!„Wo kommst Du her? Laß' Dich doch'mal ansehen! Was ist denn passiert? Weiß eS denn Papa schon? Und Lisbeth... ach, ich freu' mich ja halb zu Schanden I" „Und Du quirlst wieder," sagte er mit ein wenig mühsamem Lächeln.„Ein Quirl muß sich drehen, das ist die alte Geschichte." Es hüpfte alles an ihr. So war sie schon als Kind gewesen. Es war selffam, wie die Familie sich schied. Hier der Vater, den nichts aus seiner Ruhe brachte, und Lisbeth, die blonde Nudel, die man auch erst vorwärts stoßen mußte. Auf der andren Seite er, Richard, und Grete, die leichten, flinken, die nicht stillstehen konnten. Es mochte das Erbteil der früh verstorbenen Mutter sein, über die merkwürdig wenig im Hause geredet ward. Es ward am Abend eine ausgedehnte Sitzung. Der alte Zint- graff hatte seinen Sohn scharf angesehen und am Rockknopf gefaßt. „Alles all rix-llt, Junge?" «Natürlich, Papa I" „Dann freut mich Dein Kommen, so überraschend es ist. Osterurlaub?" „Ja." Die Schwestern hatten in der Küche derweil gelocht und gebraten. Aver der Bruder aß wenig. Er goß sich dafür oft das GlaS voll und rauchte eine Cigarre nach der andern. Als Grete ihn mit tausend Fragen bestürmte, weshalb er über einundeinviertel Jahr nicht zu Hause gewesen sei, ob er keinen Koffer mitgebracht habe, wie er in der Großstadt lebe, ob er nicht anS Heiraten denke, wehrte er ab. „Morgen. Kinder— da könnt Ihr fragen nach Herzenslust. Heut' laßt mich zufrieden." Dann erhob et sich, schob den Vorhang beiseite und blickte auf den See hinaus. Aber der„Quirl" versuchte noch ein letztes Mittel. Sie stellte sich neben ihn und flüsterte»hm ins Ohr:„Soll ich Lene König'rüberholen?" Da hob er fast ungestüm den Kopf:„Nein, nein I" Es bebte wie Angst in dem Worte. Lene König, die in Kinderspielen seine Frau gewesen war l „Früher hättest Du Ja gesagt", brummte der Quirl. Und ohne den Blick vom See zu lassen, erwiderte Richard Zint- grast:„Hat sie noch die Kinderaugen?" Die Schwester lachte:„Aendcrn sich denn die Augen auch, wenn man älter wird?" Er gab keine Antwort. Die Lampen sangen. Der Alte strich ein paarmal über sein Weißes Haar. Plötzlich zog er die Uhr. „Marsch ins Bett nnt Euch, Mädels. Morgen müßt Ihr früh 'raus." Es half auch kein Bitten. Die Schwestern sagten Gute Nacht. Richard nahm sie mit verlegenem Lächeln am Kopf und küßte jede, daß Grete sich erstaunt schüttelte: „Nun geht die Welt unter— Richard wird zärtlich." Dann hörte man sie lachend und plaudernd in ihr Zimmer gehen. Vater und Sohn blieben allein. Es war mit einemmale eine drückende Schwere und Stille in dem Räume, als hätten die beiden Mädchen alle Leichtigkeit und alles Leben mitgenommen. „Schmeckt Dir die Cigarre?" fragte der Alte dann. „O ja... danke I Aber ich finde, das ist hier eine böse Licht- Verschwendung." Er erhob sich und löschte in den Nebenzimmern die Lampen. „Du hast hier im Dunklen gern am Feilster gesessen und auf das Wasser gescheu." Mit nicht ganz sicherer Hand nahm er auch die Tischlampe auf — die letzte, die brannte und das Zimmer erhellte— und trug sie in die Stube nebenan, wo er sie auf den Schreibtisch stellte. Nun ivar tiefe Dämmerung im Räume. „Die Cigarre schmeckt wirklich.... Noch inimcr die alte Sorte! Seltsam, es ist hier überhaupt alleS wie früher. Auch der See." Er zog die StoreS vor den Fenstern zurück. Da lag der See, ?roß, dunkel, nur eine breite, goldene, hüpfende, flimmernde Bahn chlug das Mondlicht darüber. Der Mond war fast voll. In seinem Glänze ertranken die Sterne, die ihm nahe waren. Nur sehr weit entfernt von ihm blitzten ein paar auf. Da schob der Alte den Sestel ans Fenster. Er holte tief Atem und sah hmaus. „Erzähl'," sprach er ruhig und gefaßt.„Weshalb bist Du hier?" Richard Zintgraff stand am andren Fenster, hatte den metallenen Riegel gefaßt und starrte auch hinaus. Er hatte schlaffe Züge jetzt. Er war abgespannt und todmüde. „Weil ich feige bin," sagte er.„Nimm Dich zusammen. Vater!" Und wieder durch das Dunkel die ruhige Stimme— die Stimme, die ruhig sein wollte—:„Erzähl' 1" Da sprach der Sohn:„Morgen früh ist Sonntag. Morgen früh darf ich nicht mehr am Leben sein. Da draußen... bin ich feige. Ich will mir M»lt holen." (Schluß folgt.) kleines feirilleton. Rcdcblüten ans dem KönigSbcrger Stadtparlamcnt teilt die „Hartungsche Zeitung" mit. Sic sind während des letzten Jahres von einem Sammler im Magistratskollegium dort und in der Stadt- verordnetcnversammluug aufgezeichnet worden. Die Verhandlungen in den beiden städtischen Körperschaften haben sich in den letzten Monaten insbesondere um die Frage der Eingemeindung gedreht. Dabei sind einzelne der Bororte nicht gerade gut weggekommen. Von den Vorderhufcn zum Beispiel, die lange besondere Schwierigkeiten machten, sagte einmal ein Redner, daß sei„das reine Klotzkorken- viertel"; derselbe Redner scheint auch nicht viel von Maraunenhof zu halten,„wo bis jetzt keine Laus wohnt". Von einem andern Borort meinte ein Redner, das sei„ein völlig ungenießbares Stück Land". Und als die Frage der Präzipualbelastung einzelner Vororte auf der Tagesordnung stand, behauptete jemand mit einem kühnen Bild:„Es geht dock nicht an, daß wir uns ein Töpfchen an- legen, in das die Vororte etwas hineinfließen lasten sollen".„Jetzt kommt der hinkende Pferdefuß nach", sagte bei einer andern Gelegen- iheit einer der Stadtväter, und wieder ein andrer wollte„gleich an die Quelle gehen, die das Eisen im Feuer hat". Eine weitere lebhaft ventilierte Frage ist das Wasserwerk und das Ortsstatut über die Wasterabgabe. Von dem letzteren sagte ein Magistrats.nitglied:„Ich bin überzeugt, daß die Schwerfälligkeit des ganzen Gebäudes zu seiner Aufhebung führen wird". Gelegentlich der Wasserzinsdebattc be- hauptete dann ein Stadtverordneter:„Der Hausbesitzer ist auch kein Engel, der sein Wasser umsonst abgiebt", während ein andrer meinte: „Wir haben die Wasserleitung bisher nicht als gewerbliche Kuh be- trachtet", und wieder ein andrer erklärte,„man müsse sich auf den Gesichtspunkt stellen". Von einer Kasse im Krm, kenhause wurde be« hauptet:„Die Kasse rekrutiert sich aus den Leichen, die nach de« Anatomie geschafft werden", und von der verflossenen Finanz,- kommission:„Die 24 Mitglieder der ehemaligen Finanzkommission hatten die geistige Vaterschaft über die andern 73 Stadtverordneten"� Ein ärztliches Mitglied der Stadtverordnetenversammlung erklärte! mit vollem Recht:„Es giebt unter den Aerzten ebenso viele Menschen wie in andern Ständen". Privatstratzen sind nach der Behauptung eines Stadtrats,„wenn sie nicht durch die städtische Verwaltung gereinigt werden, Schmutzoasen". Besonders tiefsinnig klingt folgen- der Satz:„Ter Zaun besteht aus einein Verhältnis von Qualitäten'", Bei einem Unterstützungsgesuch wurde vom Magistratstisch geltend gemacht,„der Mann habe ja im ganzen nur ein Kind". Das Pendant dazu war ein andrer Mann, von dem der betreffende Stadt- rat erklärte:„Der Mann ist ein Pechvogel, jedes Jahr ist ein neues Kind da, und jedes Jahr sterben ihm ein paar Kinderl" Ein andrer Main» erhielt folgende Zusicherung:„Der Mann, der in diesen, schweren Amt sein Leben verliert, soll in reichlicher Weise pensioniert werden". Und mit Recht behauptet bei einer solchen Gelegenheit ein andrer Redner:„Jeder Mensch klammert sich an den Strohhalm, der ihm die Möglichkeit seiner Bezüge sichert". Ein klassisches Wort, das ebenfalls vor nicht zu langer Zeit ein Stadtvater dem Gehege seiner Zähne entfliehen ließ, lautete:„Da wird das summum jus zu dem zweischneidigen Schwert, welches sich ängstlich an eine kalkulatorische Berechnung anklammert".— — Geschäftsleute auf dem Kriegsschauplatz. Der Kriegsbericht« erstatter des„Tcmps" erzählt von sonderbaren Existenzen, die sich auf dem Kriegsschauplätze umhertreiben. Der merkwürdigste Typus ist die amerikanische Halbweltlcrin, die— mit Pferden handelt. Ein reizendes Weib von üppigen Formen, von frischem Teint und gold» blondem Haar verkaust ihr Lächeln, ihre Liebkosungen— und mongolische Ponys. Sie spricht russisch und chinesisch, ist immer elegant, hält sich nur an die„große" Klientel, ist hochmütig und unnechbav für dcks kleine Gelichter und sammelt in dem Lande, aus dem alle Weiber geflüchtet sind, enorme Gewinne an, die es ihr in Bälde ge- statten werden, den fernen Osten zu verlassen, um an den Ufern des Hudson von ihren Renten leben zu können.— Ein andrer TypuS aus demselben Lande des vor nichts zurückschreckenden„Unter- nehmungsgeistes": der geschäftstreibende Reporter. Er vertritt diese Zeitung aus New Dort, jene Zeitung aus Boston, vielleicht noH zwei oder drei andre Blätter, daneben aber auch eine Konserven- fabrik aus Chicago und eine Schnapsfabrik aus Kentucky. Er war auf den Philippinen als„Cowboy", in Transvaal als Volontär, Er trägt ein halbes Dutzend Ordensauszeichnungen auf der Brust und auf seinen Visitenkarten den Titel Major oder auch, wenn es notthut, Oberst. Brauchen Sie einen Revolver? Er weiß von einem, den man für einen Pappenstiel haben kann— für das Fünffach« seines Wertes. Brauchen Sie etwas gepökelte Zungen? Er wird Sie mit dem besten Zungenhaus der Welt in Verbindung setzen, Er ist immer und überall zu finden, gestiefelt und gespornt; er hat seinen Vertreter in Port Arthur, einen in Liaojang, einen a» den Gewässern des Jalu. Er allein kennt die Quintessenz der Wahrheit über den Krieg, das Geheimnis der Operationen4 brachte man der Theekultur im Kaukasusgebiet nur wenig Interesse entgegen. Seit diesem Jahre wurden aber Anbauversuche in aus- gedehntem Maße in der Nähe von Batrim vorgenommen. Die hierbei erzielten Resultate haben erwiesen, daß die Aussichten auf eine er- giebige Theekultur in Transkaukasien sehr günstig sind. Für die Ent- Wicklung der Thccstaude in Transkaukasien hat sich am geeignetsten erwiesen die Gegend am Schwarzen Meer, von Suchnm im Norden bis zur türkischen Grenze im Süden. Einer Ausdehnung der Thee- kultur weit nach dem Innern des Landes stehen viele ungünstige Verhältniste, besonders klimatische, entgegen. Ausländern ist cS nicht gestattet. Ländereien entlang der Küste zu kaufen oder zu pachten, Die Bodenart ist in den einzelnen Gegenden des bezeichneten Küstenstriches sehr verschieden; es findet sich sowohl tiefroter Lehm als auch leichter schwärzlicher Boden. Das Klima ist dem Wachstum der Thecstaude sehr zuträglich; es fallen hier ziemlich beträchtlich« Regenmengen nieder, durchschnittlich 96 Zoll im Jahre und teilweise noch mehr. Tie Niederschläge verteilen sich auch ziemlich gleichmäßig auf das ganze Jahr. Tie Hitze ist nie übermäßig, und die Sommer-. temperatur bewegt sich zwischen 38 und 54 Grad Celsius in der Sonne. Die milde Frühlingswitterung, welche gewöhnlich zu An-. fang März einsetzt, ist zur Vornahme des Umpflanzens der Setzlings sehr günstig, und der im Frühjahr häufig auftretende Regen macht meistens die künstliche Bewässerung der Samenschulen und Setzlings entbehrlich. Auf den bereits bestehenden Theeplantagen ist die echt« chinesische Theestaude vorwiegend vertreten, auf den älteren Plan- tage:' sog«--ausschließlich, es ist jedoch a»lch Samen aus Indien. Ceylon, Java und Japan importiert worden. Alle Theesortcn ge- deihcn gut. besonders aber die chinesische. Fast jede Art der An- Pflanzung ist bereits ausgeprobt worden, vom Einlegen des Samens! bis zum Umpflanzen von sechs Monate bis drei Jahre alten Stauderr, und zwar mit und ohne Erdballen an den Wurzeln. Die günstigster» Erfolge sind anscheinend mit jungen Pflanzen erzielt worden, bei denen die Erde an den Wurzeln belasten wurde. Dieses Verfahren ist zwar kostspielig, man erzielt dabei aber einen sehr geringen Prozentsatz an eingegangenen Pflanzen. Im Jahre 1902 wurden durchschnittlich 20 Pud(a 19,36 Kilo- gramm) auf einer Dcssätine sa 1,69 Hektar? gccrntct. Die Preise für diese Ernte stellten sich auf rund 1 Rubel für das russische Pfund und ergaben hiernach eine Einnahme von nahezu Lrio Rubel pro Dessätine. Ganz in der Stahe von Batum befinden sich zur Zeit 1131 englische Acres la 40,S Ar) unter Thcekulwr Gewöhnlicher Thee von Transkaukasieu wurde in London mit 1 Schilling bis 1 Schilling 2 Pencc pro Pfund tariert. Der laukasische Thcc besitzt ein schönes Aroma und einen Geschmack, welcher dem des Ceylon- und indischen Thees sehr ähnelt. Einige Proben des besten seitens der Domänen gelieferten Thees wurden von russischen Exporteuren auf einen Wert von 4 bis 6 Rubel pro Pfund ge- schätzt,—(»Der Tropcnpflanzer".) Tkeater. N c u e s T h c a t e r.„5t o k e t t e r i e". Ein Zwischenspiel von R a o u l A n e r n h c i m e r,— Die Auernheimerschc Plauderei hatte im Neuen Theater die Ehre, Oskar Wildes feingeformter Salome- Tragödie als Zwischenspiel voranzugehen. So war durch die Ge- scllschaft, deren das Stückchen gewürdigt wurde, wohl eine gewisse Erwartung gcrvfttfertigt,— Stellung verpflichtet. Indes die Novität entpuppte sich als simples Rcsidenztheatergcnre, gerad' gut genug, um eine der üblichen Pariser Ehebruchsposseu einzuleiten. Eine schöne Dame der Gesellschaft besucht einen viel umschwärmten Schrift- steller in seinein Jniiggcsellcnheim, sie möchte vor der Welt als seine Geliebte gelten, doch ohne alle die Ilnbcguenilichkeiten, die mit einer realen Liäson verbunden wären, In dem Wechselspiel der Eitelkeits- geständniss»— er ist unbeschadet momentaner Verliebtheit nicht weniger blasiert als sie— gab cS hier und da eine amüsierende Wendung, aber eine unerträglich geschraubte nitd verschrobene Schlich- Pointe hob hinterher auch diese einzigen Wirkungen wieder auf, Sehr pikant und lebendig war Tillh WaldeggS Spiel.in der weiblichen Rolle, ihr Gcgeupart, Herr Sachs, gab den Litteraten in der Maske eines bekannten Wiener Dramatikers, eine Anspielung, die das Unwirkliche der Schemenfigur vielleicht noch peinlicher hervor- treten ließ,—— dt. Ans dem Tierleben. — D i e Wanderung des Maulwurfs durch die W e st e r- H a n-.H a r d e. Im„Prometheus" schreibt A, Lorenzen: .Der nördliche Teil Jütlands ist eine Insel, zur Hauptsache aus den beiden Landschaften Vcndsyssel und Thyland bestehend, welche durch die Landenge von Vust in der Westcr-Han-Harde verbunden sind, Während der Maulwurf südlich vom Lim-Fjord und in Vendsysscl gemein ist, fehlt er in Thliland und auf den Inseln des Lim-Fjord ITHHHolm, Mors), hat aber seit 1366 seine Verbreitungsgrenze be- trächtlich nach Westen vorgeschoben. Schon seit Menschengedenken ist er in den Kirchspielen Aggersborg und Göltrup häufig gewesen, Die sauren Strandwiesen, welche sich den Lim-Fjord entlang ziehen nitd in der Form von Sümpfen fast die ganze Landenge durchqueren, bereiteten jedoch seinem weiteren Bordringen ein Hemmnis, das aber in den Jahren 1866—1865, vielleicht unter Benutzung der Land- strasje nach Thisted. überschritten wurde. In den folgenden zehn Jahren nahm er die großen 5tirckspicle 5tlim und Thorno in Besitz und drang sogar ganz bis an den Strand von Thorup, obwohl die nur spärlich in Kultur genommenen Heide- und Dünenlandschaftcn ihm doch wenig zusagen mußten, 1877 zeigte er sich ini östlichen Teile idcs Kirchspieles Vust, und innerhalb des fruchtbaren Bodens war er bald bis an ein neues Hindernis vorgedrungen, das durch den zwar ausgetrockneten, aber stark wasserhaltigen, schwer thonigen Boden des Bygholm-Weilers, den nicht ausgetrockneten Han-Wciler und die Dünen bereitet wurde. Diese schwierige Strecke ist nach den Be- obachtungen des Wege-Assistenten Mortensen dadurch überwunden, daß der Maulwurf die, Abhänge der Landstraße benutzt hat; wo aber der Boden nur ein wenig angebaut gewesen ist, hat er die Chaussee verlassen und so das 1 Kilometer breite Hindernis genommen. Gegenwärtig haust er nach den Mitteilungen von Jcppescn arg in einem kleinen kultivierten Moorgebiete westlich desselben, und hier befindet sich die westliche Grenze des geschlossencii, von ihm in den letzten 46 Jahren eroberten Gebietes, das etwa IV- Quadratmcilen umfaßt, während die Grenze seiner Verbreitung um etwa 2 Meilen nach Westen vorgeschoben ist. Daß der Bhgholin-Weiler nicht über- schritten ist. geht daraus hervor, daß der Maulwurf auf Han-Näs mit seinem günstigen Boden fehlt. Jedoch soll er merkwürdigerweise neuerdings in vereinzelten Exemplaren weiter westwärts bei Hjardemaal und Oesterild und bei Sennels beobachtet sein; wie er dahin gelangte, ist aber nicht durch Beobachtung festgestellt,— Meteorologisches. ig. T e m p e r a t u r s ch w a n k u n g e n am B a i k a l- S e e. Prof, A. Wocikof hat in der„Meteorologischen Zeitschrift" eine wichtige Arbeit besprochen, die in Beziehung zum Baikal-Sec steht, Die Temperaturverhältnisse in der Umgebung dieses gewaltigen Binnensees waren und sind wohl auch noch eine der wichtigsten Fragen für den russischen Aufmarsch in Ostasien, Doch sind die Ergebnisse der von dorther mitgeteilten Be- obachtungen auch für die Wissenschaft im allgenieincn recht merkwürdig. Zur Zeit sind auf der Südseite des Baikal-Sees siebe» Stationen vorhanden, an denen die Temperatur fortlaufend " antwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: durch selbstthätige Apparate aufgezeichnet wird. Unter den Ergeb« nissen fällt am meisten die Thastache ganz ungelvöhnlich bedeutender Aenderungen der Temperatur innerhalb kurzer Zeit auf. Diese Er- scheinungen treten hauptsächlich vom Februar bis zum Juni ein, wenn der Unterschied der Temperatur des SeewasserS von der des Festlandes durch die zunehmende Erwärmung deö Erdbodens immer bedeutender wird. Die Beobachtungen stammen von der Küste einer Bucht am Südufer und von dem Ort Pereemnaja, Die Zeitangaben in folgendem beziehen sich auf den 24-Stundentag, Die erste BeobachtnngSreihe stammt vom 20. Mai 1900. Um 14 Uhr 45 Minuten zeigte der Thermograph an der erwähnten Seebucht eine Temperatur von 15,8 Grad, in der nächsten Viertelstunde war sie bis 2g>/z Grad gestiegen, also fast um 11 Grad; in der nächsten halben" Stunde fiel sie wieder um einen noch höheren Betrag, nämlich bis 14,3 Grad, um in den nächsten fünf Minuten wieder auf 23,3 Grad zu steigen und dann in einer weiteren Viertelstunde bis auf 10,5 Grad zu fallen: ferner stieg die Temperatur binnen zehn Minuten wieder auf 26 Grad, sank aber in der folgenden Stunde bis auf das Minimum von 8,9 Grad und hob sich dann in zehn Minuten bis auf 27,5, Derartige Temperaturwechsel können schlechthin als unerhört bezeichnet werden. Glücklicherweise kommt es wohl nirgends vor, daß sich in zehn Minuten die Temperatur um 18 bis 19 Grad verändert, Die Erkältungen würden bei uns dann tvohl kein Ende nehmen und die schwersten Folgen für die Gesundheit mit sich bringen. Am Baikal-See steht jene Erscheinung durchaus nicht vereinzelt da. denn ganz ähnliche Temperaturreihen werden nur als weitere Beispiele angegeben für den 26, Mai 1901 und für die Tage vom 5,, 20. und 27, Juni 1962, Am letztgenannten Tage wird sogar ein Temperatur- stürz von 21 Grad in fünf Minuten verzeichnet, an andrer Stelle ein solcher von mehr als 13 Grad in einer Minute. Dabei darf man nicht etwa denken, daß diese Temperaturschwankungen durch das Kommen und Gehen der Sonne unmittelbar veranlaßt wurden, weil die meteorologischen Apparate selbstverständlich so aufgestellt werden, daß sie von den Sonnenstrahlen nicht getroffen werden. Die Erklärung liegt hauptsächlich in einem plötzlichen Umspringen des Windes, Die vom See kommenden Winde sind in den bezeichneten Monaten kalt, die vom Lande wehenden warm. Die vom Lande stammenden Winde haben die Eigenschaften eines echten Föhns, indem sie sich beim Herabstürzen von den GcbirgS- rändern erwärmen und außerdem verhältnismäßig trocken werden, eine Erscheinung, die jedem Kenner der Alpen vertraut ist. Die höchste TageStemperatur stellt sich am Baikal-See sehr oft erst nach Soniieninitergang ein. Aus obigen Mitteilungen ist es ferner be- greiflich, daß die Tcmheraturuiiterschiede auch beim Marsch, je nach der Höhe des augenblicklichen Ortes, sehr bedeutende Schwankungen zeigen müssen. Schon in 100 Metern über dem Meeresspiegel kann die Temperatur eine ganz andre sein als in dessen unmittelbarer Nähe,— Humoristisches. — Unverfroren. Patient:„Herr Doktor, ich habe gestern den Professor Schncbcl konsultiert; der meinte, daß ich dank Ihrer total falschen BchandlungSweisc wahrscheinlich binnen kurzem das Zeitliche segne." Junger Arzt:„Soo.., dann muß ich Ihnen aber gleich Ihre Rechnung ausschreiben!"— — Die Zeiten ändern sich,„Was macht denn eigentlich Dein Jugcndgeliebtcr, den Du immer mit Baldur, dem Licht- g o t t e. verglichen hast?" „Ach Infi' mich mit dem alten O e l g ö tz e n zufrieden I"— — Vorsichtig, Zwei polnische Handelsleute wollen ein Ge- schüft gründen und haben zu diesem Zwecke vor dem Notar einen Gesellschaftsvertrag errichtet. Der Notar liest ihnen die Bestimmungen desselben noch einmal vor und fragt, ob sie mit allem einver- standen sind, „Herr Notar", erwidert der eine,„mer muß heutzutage an alles denken. Ich möchte noch aufgenommen haben: Im Fall eines Konkurses wird der Gewinn gleichmäßig verteilt, auch wenn die Einlagen nicht gleich sind."—(„Luftige Blätter".) Notizen. — Das Berliner Theater bringt noch in dieser Saison eine Novität heraus:„Die Sturmglocke", ein sünfaktiges Drama von Vogler.— — Im Düsseldorfer Stadttheater erlebt am 19, d, M. Cyrill K i st l e r s dreiaktige Oper„Der Vogt auf Mühl- stein" die Erstaufführung.— — Der Magdeburger Heldenten or Karl Kurz« Stolzenberg ist auf fünf Jahre unkündbar an die Wiener H o f o p e r engagiert worden,— — Ein neuer artesischer Brunnen wurde dieser Tage in Paris(auf der Butte anx Cailles) in Gebrauch genommen. Die Bohrung desselben begann 1866, wurde aber über 20 Jahre lang unterbrochen. Der Brunnen ist 1100 Meter tief, er liefert 10 660 Kubikmeter Wasser den Tag, Das Wasser ist rein und hat 25 Grad Wärme, weshalb ein großer Teil zur Speisung einer un- entgeltlichen Badeanstalt verwandt wird.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LrCo.,Berlin2i,V.