Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 75. Freitag, den 15. April. 1904 (Nachdruck verbalen.) 42, Gftber Maters. Roman von George Moore. „Dann gicbt's also wohl einen andern, den Sie gern mögen, Esther i?" „Ja, gräiticitt, den giebt e?>. TaS ist es ja el-en, lind ich schäme mich durchaas nicht« es cinzugesteliln. Seit Monaten oder noch n-estr lind' ich mit Fred Parsons vrrfedrt, dem Gehilfen aus dem Papiergeschäft, wissen Sie. Sie haben ihn ja auch schon im Laden gesehen. Fräulein Er hat mich gebeten, ihn zu heiraten, und wir sind nun verlobt. Er ver- dient schönes Ge'd. dreißig Schilling die Wache, lind er ist ein guter Mensch: relig'ös, herzlich und gutmütig und tann eine Frau sicher glücklich machen, �n manchen Steärn wird c-Z einein armen Mädchen sehr schwer gemacht, seiner Religion treu zu bleiben, lind so halte ich auch schon ganz die Gewöhn- heit verloren, in die Bibelklasse zu gehen. Er aber hat mich zurückgeführt z« unserm Heiland, und doch Hab' ich ihin die ganze Geschichte von Iackic aufrichtig erzählt. Und er hat mir gar keine Vorwürfe genlacht, sondern hat mich nur bedauert, weil ich so viel zu leiden gehabt habe. War das nicht gut von ihm? Und er ist einmal mit mir bei dem Kleinen gewesen und war so nett und freundlich zu ihm, als wäre er sein eigner Vater gewesen. Aber nun ist das alles natürlich zu Ende. Denn wenn Fred dem andern begegnet, lvird er selbswerständ- lich ganz andrer Meinung werden."— Die Abenddämmerung war herabgesunken. Mist Rice hatte ihr Essen beendet, aber sie fast inimer noch unbeweglich da am Tisch und dachte liach über die Geschichte, die sie vorhin gehört hatte. Sie war eines jener zurückgezogen lebenden alten Mädchen, deren es in England so viele giebt, deren ganze eigne Lebenserfahrung sich auf einige Theegesellschaften de- schränkt und die sich ihre weiteren Kenntnisse des Lebens aus den französischen Romanen holen, mit denen sie ihre Bücher- schränke anfüllen. Esther stand regungslos da vor ihrer Herrin, auf der andern Seite des Tisches. „Wie täin's denn, dast Sie William— nicht wahr, er hcistt William?— wieder begegneten?" „Es war an jenen: Tage, Frqnl�in, als ich das Bier aus dem Wirtshause holen ging. Er war es, gegen den ich an- prallte, als ich den Biertrug fallen liest. Erinnern Sie sich noch, Fräulein? Ich erzählte es Ihnen damals. Ich mustte zurückkommen und mir einen andern Krug holen. Als ich dann aber hinauskam mit dem frischen Kruge, da wartete er noch auf mich. Er folgte mir bis zum Wirtshanse hin und wollte für das Bier bezahlen. Natürlich Hab' ich das nicht er- laubt. Ich sprach kein Wort zu ihm, aber er folgte mir trotz- dem wieder zurück bis hier ans Haus. Und als er mich dann fragte,>vas ich die ganze Zeit über gethan hätte, während er fort war, da glaub' ich. ich hätte auf einmal den Verstand ver iorcn, denn ich wurde ganz wütend, wie rasend, und sagte: .„Ich habe Dein Kind erzogen."—„Mein Kind," sagte er da, „also eS ist ein Kind da?"" „Nicht wahr, Esther, Sie haben mir doch erzählt, dast er eine der jungen Damen des Hauses heiratete, in dem Sie dienten?" „Junge Dame! Na,'ne Dame war sie gerade nicht, aber jedenfalls war sie entweder zu gut oder zu schlecht für ihn: denn sie haben wie Hund und Katz miteinander gelebt und sind nun schon seit drei Jahren getrennt." „Und spricht er von dem Kinde? Wünscht er es zu sehen?" „O ja, Fräulein! Gewist. Er hatte neulich die Frechhert, zu sagen, Jackie sollte u n s e r Kind werden! Unser! Stach all diesen Iahren, wo ich allein für das Kind s o gearbeitet habe und er nichts, gar nichts dafür gethan hat." „Vielleicht möchte er aber jetzt etwas für ihn thun? Viel- leicht ist das sein Hauptwunsch?" „O nein, Fräulein! Dazu kenn' ich ihn zu gut. Er ist eben schlau. Er denkt, durch das Kind auch mich wieder zu kriegen." „Jedenfalls sehe ich aber nicht ein, was Sie dabei go- Winnen, wenn Sie durchaus nicht mit ihm sprechen wollen. Vielleicht könnten Sie wirklich etwas von ihm für das Kind erlangen. Sagten Sie mir nicht, dast er ein Wirtshaus besitzt?" „Ja: aber ich will sein Geld nicht! Sind wir so lange ohne ihn fertig geworden, so tverden wir mit Gottes Hilfe es auch noch länger werden." „Wenn ich nun aber morgen sterben sollte, Esther! Be- denken Sie doch, dast Sie dann in genau derselben Position sein würden wie damals, bevor Sie zu mir kamen. Erinnern Sie sich noch daran? Sie haben mir oft erzählt, dast mir noch ein Schilling und sechs Pence zwischen Ihnen und dem Arme»- hause standen. Sie schuldeten Mrs. Lewis schon für zwei Wochen Geld und wußten nicht, wie Sie es bezahlen sollten. Ich kann niir wohl denken, dast Sie sich ein bistchen Geld bei niir gespart haben, aber viel niel>r als ein paar Pfund kann das ja auch nicht sein. Darum glaube ich, sollten Sie sich diese Gelegenheit doch nicht entgehen lassen: wenn nicht schon uin Ihret-, so doch nin des Kleinen willen. Nach Williams Ans- sage verdient er ja ordentlich Geld: er wird vielleicht gar noch ein vermögender Mann. Und da er von seiner Frau keine Kinder hat, könnte er sehr leicht den Wunsch hegen, alles, was er besitzt, oder doch einen Teil davon Jackie zu hinterlassen." „In Geldsachen hat er von jeher geprahlt, ich glaube nicht die Hälfte von dem, was er sagt." „Das ist möglich: aber trotzdem kann er Geld haben, und Sie haben kein Recht, ihm die Gelegenheit zu verweigern, für Jackie zu sorgen. Wenn nun das Kind selbst Ihnen später darüber Vorwürfe machen sollte?" „Das wird Jackie niemals thnn, Fräulein, er wird immer sagen und glauben, dast ich zu seinem Wohle gehandelt habe." „lind wenn Sie sich wieder einmal ohne Stellung bc- fänden, und der Kleine müßte hungrig zu Bette gehen, so würden Sie selbst sich Vorwürfe machen." „Das glaub' ich nicht, Fräulein." „Ich weist ja leider, daß Sie eigensinnig sind, Esther; wann kommt denn Mr. Parsons zurück?" „In acht Tagen, Fräulein." „Ohne William etwas von Parsons zu erzählen, können Sie doch immerhin von ihm ausfinden, ob er die Absicht hat, zwischen Euch beide zu treten. Ich bin ganz Ihrer Meinung: es ist wichtig, dast die beiden Männer einander nicht begegnen: aber dennoch will es mir scheinen, als ob Sie durch Ihre Weigerung, ihn das Kind sehen zu lassen, eine solche Be- gegnung im Gegenteil gerade herausbeschwören. Sehen Sie ihn oft in dieser Gegend?" „Ja, Fräulein, er scheint die ganzen Tage hier herum- zulungern, und das sieht auch gar nicht gut aus für das Haus. Ich schäme mich deswegen, denn seit ich bei Ihnen bin.' Fräulein, denke ich, Sie haben noch keinen Grund gehabt, sich darüber zu beklagen, daß ich mir Mämier nachlaufen lasse, nicht wahr?" „Aber begreifen Sie denn gar nicht, Sie einfältiges Mädchen, dast er so um so leichter Parsons begegnen wird, wenn dieser zurückkommt? Sie müssen eben etwas in der Sache thun." „Alles, was Sie sagen, Fräulein, scheint richtig und klug zu sein. Und doch wird es mir schwer, daran zu denken, dast ich überhaupt nur ein Wort zu ihm sprechen soll." „Ja. das haben Sie mir schon einmal gesagt. ES ist das überhaupt eine sehr zarte Angelegenheit, in der es schlver ist, Rat zu erteilen. Aber ich muß dennoch dabei bleiben, dast ich es unrecht finde, wenn Sie ihm die Gelegenheit vorenthalten wollen, etwas für Jackie zu thun. Der Kleine ist jetzt acht Jahre alt, und Sie haben nicht die Mittel, um ihn ordentlich zu erziehen: und Sie wissen doch, welch ein Nachteil es für Sie stets gewesen ist, nicht lesen und schreiben gelernt zu haben.". � „O, Jackie kann schon wundervoll lesen, Mrs. Lewis hat es ihn gelehrt." „Ja, Esther, aber es giebt noch vieles andre zu lernen, außer Lesen und Schreiben. Denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe! Sie sind ein vernünftiges Mädchen, denken Sie wohl nach über meine Worte heute abend, wenn Sie zu Bett gehen."— Als Esther am folgenden Tage William in der Straße bemerkte, ging sie zu Miß Rice hinauf und bat um die Er- laubnis, ausgehen zu dürfen. „Könnten Sie mich wohl für eine Stunde entbehren, Fräulein?" Miß Rice, die einen Mann in der Nähe des Hauses be- werkt hatte, sagte rasch: „Gewiß, Esther." „Haben Sie auch nicht Furcht, allein im Hause zu bleiben? Ich gehe nicht weit fort." „Nein, ich erwarte Mr. Aldcn. Ich werde ihm die Thür öffnen und dann den Thee selbst machen." Esther verließ das Haus und ging raschen Schrittes die Straße hinaus, als hätte sie etwas zu besorgen. William kam von der andern Seite herüber und ging neben ihr her. „Nun sei doch nicht mehr so schlecht und strenge zu'nem armen Teufel; hör' mich doch bloß einmal an." „Ich will Dich aber nicht anhören; was kannst Du mir sdenn zu sagen haben, das ich hören müßte?" Ihr Ton war immer noch schroff und mürrischz aber er bemerkte doch eine kleine Veränderung darin. „Komm ein paar Schritte mit mir und hör' mir nur zu; wenn das, was ich sage, Dir nicht gefällt, brauchst Du mich nie mehr anzuhören." „Und Du glaubst wirklich, daß Deine Versprechungen noch Wert für mich haben könnten? Tu mußt mich wahrhaftig für eine rechte Närrin halten!" „Wer, Esther, so höre mich doch an; Du willst mir nicht vergeben, gut— aber wenn Du mich doch nur bis zu Ende hören wolltest." �„Tu kannst ja sprechen; eS hindert Dich keiner daran." „Das geht nicht so schnell, das ist eine lange Geschichte. Ich weiß, daß ich mich schlecht gegen Dich benommen habe, aber es war das nicht so sehr mein Fehler, wie Du vielleicht glaubst; ich könnte Dir eine ganze Menge Sachen erzählen, die mich entschuldigen." „Was liegt nur au Deinen Erklärungen und Ent- schuldigungen? Wenn Du mir nichts andres zu sagen hast—" „Aber der Junge." „Ach so. an den Jungen denkst Du?" „Ja, und auch an Dich, Esther; die Mutter ist vom Kinde unzertrennbar!" „Allerdings! Aber der Vater nicht!" „Wenn Dn in diesem Ton weitersprichst, werde ich nie Mut haben, das zu sagen, was ich sagen will. Ich habe mich schlecht gegen Dich benommen, das weiß ich, und ich möchte nun hie Vergangenheit, so viel ich kann, gut machen." „Und das willst Du durch Dein Hinter-mir-her-Iaufen machen? Woher weißt Du denn, ob Du mir nicht dadurch gerade Unglück bringst?" „Willst Du damit sagen, daß Du einen andern hast und mich nicht mehr brauchst?" „Du tveißt ja nicht mal, ob ich nicht'ne verheiratete Frau bin; Du weißt gar nicht, in was für einem Hause ich lebe. Du läufst mir jetzt nach, weil es Dir gerade so Paßt, aber ob ich dadurch nicht vielleicht wieder meine Stelle verlieren könnte— daran denkst Du nicht!" „Zanken hat doch jetzt keinen Zweck, laß uns irgendwohin gehen, wo wir ruhig miteinander reden können; und wenn Dir dann das, was ich sage, nicht gefällt, so gehen wir eben wieder auseinander. Du sagst, ich weiß nicht, ob Du nicht vielleicht verheiratet bist; das weiß ich allerdings nicht, aber wenn Du noch frei bist— nun— um so besser. Bist Du's aber nicht, so brauchst Du's nur zu sagen, dann gehe ich und komme nie wieder.� Ich habe Dir genug Böses angethan, ich Hab' nicht die Absicht, nun auch noch zwischen Dich und Deinen Mann zu treten." William sprach sehr ernsthaft, und die Worte schienen ihm auch von Herzen zn kommen, so daß Esther fast gegen ihren Willen gerührt wurde. „Nein," sagte sie,„ich bin noch nicht verheiratet." „Das freut mich." „Ich weiß nicht, welchen Unterschied das für Dich machen kann, ob ich verheiratet bin oder nicht. Wenn ich's auch nicht bin, io bist doch Du es." William und Esther gingen schweigend nebeneinander her und horchten auf das in der Ferne verhallende Rollen und Rauschen der großen Stadt. Der Himmel war fast farblos; ein blasses Grau, vermischt mit einem matten Blau, und von dieser fast monotonen Mischung hob sich die aus roten Ziegeln erbaute Vorstadt ab wie ein rotes Monument. Vor einem freien, unbebauten Felde blieb William stehen. „Wir wollen hier hineingehen," sagte er,«da können wir besser plaudern." lFortsetzung folgt.)] (Nachdruck verboten) rjeirnkchn Von Karl Busse. (Schluß.) Wie aus Stein geschnitten saß der Me da. Seit der Junge ihn vorhin„Vater" genannt, der nach alter Gewohnheit immer „Papa" zu ihn, sagte, hatte er gewußt, daß Schweres seiner wartete. Und alle Kraft wandte er seitdem darauf, sich in der starren Ruhe zu erhalten, die er dem Schicksal entgegensetzte. „Ich Hab' gethan, was täglich geschieht. Wenn ick in der ganzen letzten Zeit die Zeitungen las, und wenn ich las. dieser und dieser und dieser hat Geld unterschlagen, dann Hab' ich immer gedacht: welches Datum diejenige Zeitung wohl tragen mag, die meinen Namen als den eines Betrügers nennt. Nun kann ich's mir aus- rechnen: übermorgen steht eS in den Blättern." Eintönig redete er, fast ohne Freud' und Leid. „Klag' mich nicht an I Was Du mir sagen könntest, Hab' ich mir alles selber gesagt. Viel mehr noch. Nun ist das Spiel aus. Bis gestern Hab' ich gehofft, noch alles verdecken zu können. Es geht ja schon lange. Ein ganzes Jahr lang. Vorige Ostern lernt' ich eine kennen— die hat mich verhext. Ich Hab' die Lene König von nebenan lieb gehabt. Aber die andre hat mich langsam zerbrochen. Stück für Stück... erst ging mein ganzes Gehalt drauf. Dann Hab' ich Schulden gemacht. Dann, als nur die anständigen Leute nicht mehr borgten, borgten mir die unanständigen.' Wucher- geschickten... ich wüßt' es... wenn ich nur Geld bekam, um es dem Weibe vor die Füße zu werfen I Dann nahm ich Geld aus der Kasse. Ein paarmal Hab' ich's zurückgelegt. Zuletzt könnt ich's nicht mehr. Da Hab' ich alles auf eine Karte gesetzt, an der Börse ge- spielt— verloren... Schluß! Vater, als ich verloren hatte, Hab' ich mich gefreut. Denn nun war alles glatt und klar. Es gab nur uoch Tod oder Zuchthaus. Das Hundeleben der letzten Monate... mit den Träumen, daß man schon gepackt wird... nnt der Angst vor jedem Schritt, bei jedem Klingelzeichen... das ist schlimmer als alles. Da bin ich in einen Vorort gefahren, in den Wald gegangen. Kreuz, quer... zehnnml hatt' ich den Revolver an der Stirn. Aber so verlunipt war ich schon, daß ich zu feige war, loszudrücken. Immer hatt' ich eine Ausrede... ich wollte Euch noch wieder- sehen... Abschied nehmen. Uin mir auch die letzte Entschuldigung abzuschneiden, fuhr ich her. Da bin ich I Jetzt spielt wohl schon der Telegraph nach allen Himmelsrichtungen. Und morgen friih klopfen sie an die Thür... an Deine Thür, Vater... und werden fragen: Wo ist Dein Sohn?" Ein Rucken und Zucken ging durch den Körper des Greises. Die starre Ruhe hielt nicht vor. Er erhob sich, schritt auf den Sohn zu, packte ihn mit beiden Händen— den welken, knöchernen, aber noch kräftigen— vorn am Rocke und schüttelte ihn aus Leibeskräften wie einen jungen Hund. Sein Gesicht stand fahl, bläulich in der Dänmierung. Er konnte nicht reden. Einen unartikulierten Laut brachte er nur hervor. Dann, als verließe ihn die Kraft, tastete er sich zurück, setzte sich wieder und ächzte. Richard Zintgraff hatte einen zerquältcn, übernuideten Ausdruck im Gesicht. „Ich Hab' mich vor der Stunde, wo ich Dir das sagen würde. gefürchtet. Gefürchtet viele Monate lang. Nur zuletzt nicht mehr. Ich Hab' gar nichts mehr... kein Ehrgefühl, nicht'mal Scham... alles zerbrochen! Man denkt in den ewig langen Nächten so viel. Gedanken, die man sonst gar nicht hat. Man glaubt, jeder glaubt, so etwas kann nur einem andern passieren. Und wo das nun so ist, fragt man sich: Warum fällt es gerade auf Dich! Du hättest die Lene König heiraten, ein zufriedener Mensch werden können... Schluß. alles vorbei! Weshalb? Weil man ein Lump geworden ist. Ich Hab' zuerst alle Schuld ans das... das Weib gewälzt. Lüge, Vater I Denn ein andrer Hütt' sie eben fortgestoßen. Aber seltsam ist mir, daß ich und keiner früher gedacht hat, waS in mir steckt. Daß ich so weit kommen kann. Ja, und eine Rettung giebt es nicht mehr. Wenn ich selbst nach Amerika käme— Kellner werde— bitter I Aber ich komm' nicht durch. Ich will auch nicht. Ich Hab' mir gesagt: Junge, Du bist ganz fertig; tiefer kannst Du nicht kommen. Willst Du im Zucht- Haus mit geschorenem Schädel Körbe flechten? Beweis' Dir selber, daß noch ein Nest von Ehrgefühl in Dir ist— stirb 1" Der Alte hatte schon längst mit der Hand Striche gezogen, alS wollt' er nicht mehr hören. Jetzt fragte er kurz: .Wie viel?" .lleber Zwanzigtausend.� Der Greis zitterte..Sie werden... gedeckt werden.� „Mit Deinem Gelde und dem der Mädchen. Das ist... das Bitterste." Er blickte scheu zu dem Bater hinüber. Der saß und schüttelte den Kopf. Wie alt der Mann war I Wie ein Totenschädel sah dieser wackelnde Kopf hier im Dunklen aus. Und der Mund formte Worte. Die Zunge gehorchte nicht ganz. Die Sätze Ivaren deutlich, aber es war trotzdem ein halbes Lallen. „Ich versteh' es doch nicht. Hast Du nie an einen alten Mann gedacht und diese weißen Haare?" Er legte beide Hände über dem Kopfe zusammen. „Und die Kinder... die schlafen schon... LiSbeth ist so glücklich... sie sollte bald Braut sein... der Sohn von Apotheker Reinhart.. „Wie sagst Du?... Schluß... vorbei! Mein Sohn, mein Sohn, warum hast Du nicht so lange ge- wartet, bis ich mein Grab Hab'!' Uhrenschlagen. Langsam... gemessen. Nun erloschen in den meisten Häusern die Lichter. „Es wird alles noch gut werden," sprach da Richard Zintgraff. Er sprach fester als vorhin. „Das Geld wird ersetzt. Anklage gegen einen Toten wird nicht erhoben. Wenn ich fliehe, kommt der Steckbrief in die Zeitungen. Wenn sie mich fassen, bleibt das Zuchthaus. Aber wem; ich tot bin, ist alles bald verwischt und vergesien. LiSbeth wird dann doch die Frau von Otto Reinhart werden können." Er ging auf den Vater zu. „Sage mir, daß ich unrecht habe— Du kannst es nicht." Schweigen. Auf der Straße die Schritte eines verspäteten Wanderers. Sie verhallen. „Wie schön uiiser alter See ist. Den hatte ich fast immer vor Augen. Drin gebadet, drauf Boot gefahren, Schlittschuh gelaufen. Liegt unser Boot noch an der alten Stelle, Vater?" Der Alte drehte langsam den Kopf. „Ja." Und oa neigte sich der Sohn über ihn, drückte daL greise Haupt an die Brust, daß er die Augen nicht sah. „Fluch' mir nicht, Vater. Bleib' hier sitzen. Hier hast Du mir immer zugesehen, wenn ich Schlittschuh lief oder fuhr. Bitte, bleib'... hier... sitzen. Ich Hab'... solche Angst, daß ich... wieder feige bin. Und wenn ich weiß, daß Du mir nachsiehst—" Er richtete sich auf, ließ den Kopf los. Nur die weißen Fäden deS Haares, die sich verwirrt hatten, strich er noch glatt. „Morgen ist Sonntag. Auf den Sonntag Hab' ich mich immer gesteut. Da war keine Schule." Und mit einem tiefem Atemzuge: „Morgen wird fiir mich auch keine Schule mehr sein." Er ging leise inö Nebenzimmer, wo die Lampe auf dem Schreib- tische brannte. Er suchte in seinen Taschen und legte einiges heraus. Daun beugte er sich noch einmal über den alten Mann. Ganz still ließ er sein Gesicht an dem des Vaters ruhen. Der saß stumpf da. Und Schritte zur Thür... der Schlüssel dreht sich im Korridor- schloß... die Thür wird zugedrückt. Mit einem Stöhnen fährt der Greis auf. Er will den Namen rufen. Er sinkt ganz zerbrochen zurück und starrt nur immer nach draußen. Draußen über die Straße geht jemand. Unsicher wie ein Be- trunkener. Er bleibt stehen und sieht ins dunkle Fenster. Er geht weiter zum See hinab. Vorm liegt mit zwei andern Booten das der Zintgraffs. Da richtet der Alte sich auf. Seine Hände fassen den Riegel, er will das Fenster öffnen, schreien. Warum geht der Riegel so schwer auf? Ist das Holz vom feuchten Wetter verquollen? Mit leisem Wimmern setzt sich der Greis nieder. Der See liegt vor ihm in ganzer Breite. Mitten drin die leuchtende Mondbahn. Das hüpft und gleißt und ist in ewiger Un- ruhe, während links und rechts davon Dunkel und Ruhe ist. In die leuchtende Mondbahn hinein fährt jetzt ein Boot. Es schwimmt schlaftrunken vorwärts. Einer steht aufgerichtet darin und blickt unverwandt nach dem Fenster. Ebenso unverwandt starrt der Alte nach draußen— nach dem Himmel, als müßte von dort Rettung kommen. Doch am Himmel leuchtet der Mond wie vorhin, die ruhige, goldene Scheibe. Aber der Wind hat sich aufgemacht, und siehe, wie eilende, drängende Heere, die sich alle einem Ziele zuwerfen, ziehen, hasten, jagen Wolken nach Süden. Zuerst leichte, weiße. Sie gehen unterm Monde hin, ihre Fahnen wehen in die goldene Scheibe. Sie verdecken sie nicht; sie werden nur versilbert dadurch; dustigen Schleiern gleich fliegen sie durch den Glanz und weiter. Graue, unabsehbare Scharen folgen. Tiefer wird der Schleier. der über den Mond fällt. Die goldene Bahn auf dem Wasser gleißt und flimmert weniger. Es ist gar kein Ende abzusehen. Es dauert lange, ehe sie vorüber sind. Dann eine Pause. Ein paar Wölkchen. Doch mit einem Male schiebt es sich heran, eine schwarze, zackige Riesenbau!. Schwer- fällig, plump rückt es vorwärts. Es rückt gegen den Mond an—» jetzt wälzt sich die schwarze Masse über ihn. Finstere Schatten laufen über den See, sie verschlucken den breiten, glitzernden Streifen. Totenblaß sieht man den Mond hinter dem schweren Dunkel. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber langsam, langsam, unaufhaltsam schiebt sich die schwarze Masse vorwärts. Drüben wird es schon heller, noch kurze Augenblicke— und der erlöste Mond tritt triumphierend hervor. Der Uferwald, das Wasser— alles wird hell. Der See leuchtet wieder. Das leuchtende, hüpfende, in Millionen Punkten flimmernde Wasser umdrängt ein Boot. Der Alte im Zimnier richtet sich auf. Er hält sich am Riegel. Das Boot ist leer. Er richtet sich immer höher auf. Seine Augen weiten sich. Er sieht— sieht—. Das Boot ist leer. Fast minutenlang sind die Finger noch uin den Fensterriegel ge- krampst. Erst dann lösen sie sich— ein schwerer Fall— kein Laut sonst. Das Haus, das vor Stunden so fröhlich erleuchtet war, ist ganz dunkel bis auf die einsame Lampe. Aber auch sie quält sich zu Ende und wird erlöschen, ehe der Sonntagmorgen anbricht.— kleines feinUeton. IK. Ter Frühlingssturm geht über die Lande. Frei saust er über die weiten, hier noch schwarzen, dort leicht ergrünten Ebenen, über die Wasierflächcn und Wiesen, bis er im Wald sich fängt und mit brausender Melodie durch die schwankenden Wipfel fährt. Hoch steht das Wasser auf den überschwemmte» Waldwiesen; trübselig ragen die Spitzen vorjähriger, vertrockneter Gräser über den Wasser- spiegcl und zittern im Winde. Unaufhörlich geht ein Windstoß nach dem andern über das Gewässer, dann kräuseln tausend Fältchcu seinen Spiegel und die verzerrten Bilder der Bäume und Siräuchcr des Ufers verschwimmen in ein schwärzliches Nichts. Von Zeit zu Zeit säubert der Sturm die Sonne von dunklen Wolkenballen und heitere Farbcntöne verschönen die Landschaft. Die gelben Staubbeutel der Weidenkätzchen erglänzen und die großen Blumen der Sumpf- dottcrblume, die sich endlich erschließen, um einen gelben Tcppich über die Wiesen zu breiten. Die zahllosen Kätzchen an den schwanken Zweigen der Birken sind noch geschlossen, sie ivarten auf bessere Zeiten, schaukeln hin und her und werden derweilen länger und dicker. Im Gebraust finden auch die Tiere des Waldes keine Ruhe. Die bunten Eichelhäher huschen von den Bäumen zum Waldboden und wieder hinauf, Wildtauben fliegen unruhig über die Wipfel und Eichhörnchen klettern auf und ab. Zaunkönig und Laubsängcr ver- suchen, mit ihren hübschen Sümmchen durchzudringen, besser aber gelingt es der Amsel, die über eine kräftigere Kehle verfügt. Wie der Sturm auch braust und tobt, er rärinit doch Hur dem Kommenden die Bahn; er fegt die Reste, die der zerstörende Winter noch übrig ließ, von Baum und Boden, jagt sie in die Gräben und Teiche, über die Felder und überliefert sie Organismen, die damit fertig zu werden wissen. Unaufhaltsam strecken sich die Knospen und Samen, um Besitz zu ergreifen von dem Boden, den der Sturm ihnen freigefegt hat.— Erziehung und Unterricht. Ie. Wie die Schuljugend Amerikas unterrichtet wird. Bei dem Interesse, das heute dem Leben des Kindes und seiner Erziehung besonders gewidmet wird, ist eine Um- stage von besonderer Bedeutung, die eine Kommission englischer Pädagogen unter Leitung von Alfred Mosely in amerikanischen Schulen veranstaltet hat. Moseli) hat jetzt die Berichte von 26 Kommissionsmitgliedern, die das letzte Vierteljahr von 1663 in den Vereinigten Staaten zubrachten, in einen, Bande gesammelt, der soeben in London erschienen ist. Professor Armstrong hebt be- sonders die Vertraulichkeit hervor, die zwischen Lehrern und Schülern in amerikanischen Schulen besteht und die sich z. B. auch in einem ständigen Meinungsaustausch zwischen ihnen äußert. Die charaktc- ristische Schnelligkeit im Auffassen und der„Scharfsinn" des amcri- kanischen Kindes werden dadurch, daß es Erwachsenen gleichgestellt und bereits wie ein junger Republikaner behandelt wird, noch be- sonders gefördert. Die Schuldisciplin wird nicht durch Strafen und Prämien aufrecht erhalten, der Lehrer muß sich vielmehr allein auf das„Interesse" seiner Schüler stützen. Freilich ist dies eine sehr gefährliche Methode. Das Interesse kann nicht immer auf einem Höhepunkt erhalten werden; auch uninteressante Arbeit muß bis- weilen geleistet werden, und es stellte sich heraus, daß die Fähigkeit der Konzentration gerade in den aufsteigenden Klaffen abnahm. Dreißig Mnuten war die längste Zeit, während der die Knaben ihre Aufmerksamkeit konzentrieren und wirksam arbeiten konnten. Die Kommission macht auf die Untcrbczahlung der Lehrer an den amerikanischen Schulen und auf das llebcrwiegen der Lehrerinnen aufmerksam. Infolge des gemeinschaftlichen Unterrichts beider Ge- schlechter und der großen Zahl von Lehrerinnen ist der amerikanische! Knabe nicht rauflustig. Er hat keine Lust, einem andern Knaben ein Loch in den Kopf zu schlagen oder sich auch selbst ein Loch schlagen zu lassen; er hat vielmehr etwas Weibliches an sich, daS häusig auch fel5 Verlvcichlichlmg erscheint und leicht in Sentimentalität aus- artet Das Ucberwiegen der Frauen zeigen folgende Zahlen: In dem Seminar in New Aork befanden sich l> Schüler gegen 211 Schule- rinnen, in Bridgwater l Massachusetts) 30 gegen 224, in Washington il gegen 86 Frauen. Sogar in den Schülerwerkstätten sind Lehre- rinnen, die in Holzarbeiten unterrichten.— Kulturgeschichtliches. — S ch u l z u ch t um 1 5 2 0. Einer alten Magdeburgischcn Keichcnpredigt entnimmt die„Magdeburger Zeitung" folgendes: .„Was denn die Regierung des Herrn Bürgermeisters Heinrichen Westphals seligcrn anlanget, Hab ich fast für 30 Iahren von allen ehrlichen Leuten, so ihn gekannt, gehöret, dag es eine feine stattlich«: und ansehnliche Person gewesen, der auch eine starte Sprache ge- habt, wie eine Posaun, und wann er etwas geredet, das; es ein An- sehen gehabt. Er habe auch sehr wohl regieret und sei bei der ganzen Bürgerschaft sehr lieb gehalten worden. Sonderlich sei er auch ein besonderer Schulfreund gewesen, der über Schulen und Präzeptoren, auch über gute cliZciplin ernstlich gehalten. Unter anderen wird gesagt, dag sichs einmal zugetragen, da noch die Pfarrschulen in den fülnehmsten Kirchen unterschieden, und iVl. Grcgorius Wilcken, Schulmeister zu S. Johannis gewesen, dah etliche grohe und alte Bachanten «(dasselbe wie Vaganten, fahrende Schüler), wie derselben damals viel auf den Schulen gelegen, sich gar trotzig wider ihren Uraeceplorem «nifgelehnet, also dag es der Schulmeister an einen ehrbaren Rath hat müssen gelangen lassen. Da ist der Herr Bürgermeister Heinrich Westphal seliger mit den Stadtknechtcn selbs in die Schul gangen, hat da vormcldet, lvas für einen ehrbarn Rath kommen, und wie trotzig und muthwillig sich etliche verhalten. Es wollte abxr ein ehrbar Rath solches durchaus nicht leiden, sondern Zucht und gute ttisciplin erhalten haben. Und damit sie sehen möchten, dag solches einem ehrbarn Rath ein Ernst wäre, hat er hl. Gregorio befohlen, die Ungehorsamen fürzustellen. Da solches geschehen, hat er ihnen geboten, dag sie sich hinlegen, und ihre Strafe gewärtig sein sollten. Da sie sich hingelegt, sind die Stadtkncchte zugetreten, haben die grogcn Bachanten halten müssen, bis sie wohl abgcstricgclt worden. Darnach hat er sie hart angesprochen, und endlich den Stadtknechtcn hefohlcn, sie zum Thor hinaus zu führen, und ihnen geboten, dag sie innerhalb eines Jahres in die Stadt nicht wiederum kommen sollten. Zum Beschlug hat er die ganze Jugend vermahnet, dag sie sich an diesem Exempel spiegeln, und forthin den Praeceptoribus gehorsam sein sollten. Das ist sehr löblich und wohlgethan. dag er mit solchem Ernst und Eifer über die Schule und gute chsciplin gehalten. Es ist aber der Bürgermeister Heinrich Westphal Anno 1532 jctzo für 54 Jahren von dieser Welt abgefordert l"— Technisches. ss. W i e die Radiumsalze gewonnen werden. Die Uraniumwerke in St. Joachimsthal, aus deren bisher als wertlos verworfenen Rückständen jetzt das Radium gewonnen wird, gehören der östrcichischcn Regierung. Dieser Teil des Erzgebirges ist bisher der einzige praktisch in Betracht kommende Fundort für Radium in Europa. Das Radium ist in seinem Vorkommen an zwei Metalle gebunden, an das Uranium und an das Barium, aber mit Barium zusanrmen ist es nur in solchen Mineralien zu finden, die gleichzeitig auch Uran enthalten. Die Strahlungsfähigkeit der Pechblende, des eigentlichen Minerals von Joachimsthal, ist zwei oder dreimal größer als die des reinen, metallischen Urans, aber «ine Tonne Erz liefert nur 0,1— 0,2 Gramm Bromradium. Außerdem hat man Radium in einer die Ausbeute lohnenden Menge nur in dem Mineral Carnotit im amerikanischen Staat Utah entdeckt, doch sind die Arbeiten zu seiner Verwertung dort noch nicht soweit gediehen, dag den Radiumwerkcn von Joachimsthal eine Konkurrenz «ntstandcn wäre. lieber die Art, wie an dieser Stelle die Aufbereitung der Pech- blende sich vollzieht, hat die„Oestreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen" eine belehrende Schilderung gebracht. Das Verfahren teilt sich in drei Vorgänge. Zunächst wird das Uranium heraus- gezogen durch Rösten des Erzes mit kohlensaurem Natron und Be- Handlung mit Schwefelsäure. Die zurückbleibende Lösung ist die Hauptquelle für Uraniumvcrbindungen. Der früher beiseite ge- worfene Rückstand wird jetzt sorgfältig gesammelt, da er bereits fünf- bis sechsmal mehr Strahlen liefert, als das Uran. Zweitens werden dann die Teile des Erzes, die Radium, Polonium und Aktinium, die drei strahlenden Elemente, enthalten, ausgeschieden und gereinigt.� Das daraufhin zu verarbeitende Material besteht aus den schwefelsauren Verbindungen von Calcium und Blei, aus Kieselsäure, Thonerde und Eisenoxhd; außerdem sind aber fast alle bekannten Metalle(Kupfer, Wismuth, Zinn, Kobalt, Nickel, Mangan, Vanad, Antimon, Thallium, Arsen, Barium, Tantal, Niob) vor- Händen sowie die schwefelsauren Verbindungen der strahlenden Stoffe. Der Schlamm wird mit starker Salzsäure behandelt, und in der Lösung bleiben Polonium und Aktinium zurück. Das Polonium wird mit Schwefelwasserstoff zum Niederschlag gebracht, das Aktinium durch Ammon. Was»ach dieser Behandlung zurückbleibt, enthält noch das Radium und wird fürs erste mit Wasser gewaschen und mit einer Lösung von kohlensaurem Natron gekocht, um die schwefel- sauren in kohlensaure Verbindungen zu verwandeln. Wenn es dann wieder mit Salzsäure versetzt wird, so crgiebt es eine Lösung, die miger Radium noch etwas Polonium und Aktinium enthält. Der durch Zusatz von Schwefelsäure bewirkte unreine Niederschlag birgt strahlendes Barium, Blei und Calcium sowie eine kleine Menge Aktinium. Eine Tonne des Rohmaterials liefert etwa 20 bis 40 Pfund schwefelsaure Verbindungen mit einer Strahlungsfähigkcit, die der des Uran dreißig- bis sechzigmal überlegen ist. Nun folgt der dritte Teil des Verfahrens zwecks Reinigung der Mischling und zwecks Herausziehung des Radium. Aus den kohlensauren Verbindungen werden durch Vcrmittelung von Salz- säure Chlorsalze gemacht, die filtrierte Lösung mit Sauerstoff an- gereichert und wieder mit Ammon versetzt. Die Stoffe, die dadurch ausgefällt werden, sind bereits stark strahlend, enthalten aber noch etwas Aktinium. Nun folgt noch eine Reihe von chemischen Ve- Handlungen, deren Schilderung ermüden würde. Schließlich werden die kohlensauren Verbindungen in Bromsalze verwandelt. Ter Ertrag von strahlendem Prombarinm beträgt nur noch 16— 22 Pfund auf die Tonne. Jetzt erst kann die Scheidung der beiden Bromsalze vorgenommen werden, was ebenfalls eine langwierige Arbeit er- fordert. Bisher ist das Radium nur in Verbindung mit Brom, Chlor, Salpetersäure und andren Salzbildnern oder Säuren ge- Wonnen worden, und als reines Metall ist das Radium noch immer unbekannt. Vielleicht kann es durch Vermittlung des elektrischen Stroms erhalten werden. Das Atomgelvicht des Radium ist von Frau Curie auf 225 berechnet worden. Die Radiumsalze sind tvcig, toerden aber mit der Zeit gelblich oder violett.— Humoristisches. — Die Schlange im Herzen. In einer Volksschule erzählt ein Lebrer den Elementarichiilern die Geschichte von Eva und der Schlange im Paradies. Er schließt mit den Worten:„Auch in den Herzen der Menschen wohnt eine Schlange,' die den Menschen zum Bösen verführt. Welche Schlange ist das wohl V Ein einziger Schüler meldet sich durch Handerheben und antwortet siegesgewiß: „Der Bandwurm!" — Ein schlauer O st p r e u ß e.„Wat willst denn Diu Jung mal werden laten?" „Ick denk: Magnetipatholog. He hat so'n seelenvullen Blick!"—. — Aus den Aufsatz heften verschiedener Gym- n a s i a st e n: Die Griechen verloren einen festen Fug nach dem andern. Dem neuen Papste fiel der Stuhl Pctri in die Hände. Als im Harz die Bergwerke kein Erz mehr lieferten, klammerten sich die Bewohner desselben an die Kanarienvögel und gebrauchten diese als Hebel zur Selbsterhaltung. Die Bewohner dieses Landstriches nähren sich von Holz- schnitzereien, dag sie davon nicht fett werden, ist selbstverständlich.— — Kasseler Deutsch. Fremder:„Ist das heute eine Wärme!" Kasseler(verwundert):„Wie meinten Sie, Wärme? (Würmer.)" Fremder:„Ich sagte, es sei heute sehr heiß." Kasseler:„Ach so, Sie meinen die Wärmete(Wärme)."— („Jugend.") Notizen. — Michael Georg Conrads bieraktiges Bühnenstück „Kehraus" erlebt morgen im M ü n ch e n e r Schauspiel- h a ufe die Erstaufführung.'— — Im Central-Theater ist die Erstaufführung des „Sonnenvogels" auf Donnerstag nächster Woche verschoben worden.— — Das Museum Folkwang in Hagen kaufte Arnold B ö ck l i n s„ P a n i m K i n d e r r e i g e n das Bild stammt aus dem Jahre 1803.— — A m t s st i l. In dem Wartesaale eines Bahnhofes war auf der Liste der Möbel zu lesen: 2 Stühle Rohr, 1 Bank Rohr usw., 1 Napf Spuck von Eisen.— — Aus dem GerichSsaal. Der„Daily Telegraph" gicbt folgenden Dialog zwischen einem Staatsanwalt und einem Zeugen aus einem kürzlich geführten Prozeß wieder. Der Staatsanwalt fragte:„Haben Sie— ich weiß, Sie haben nicht, aber ich muß Ihnen die Frage stellen— am 24.— es war nicht der 24., sondern der 25., aber das falsche Datum beruht auf einem Irrtum in den Akten— den Beklagten gesehen? Eigentlich handelt es sich nicht um den Beklagten, sondern um den Kläger, denn es liegt eine Gegen- klage vor, aber das verstehen Sie nicht— also: Ja oder nein?" Die einzige Antwort des so bestagten Zeugen war ein langgedehnteS „Was?"— Die nächste Nummer des Untcrhaltungsblattcs erscheint am Sonntag, den 17. April. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u. Verlag sanstalt Paul Singer LcCo., Verlin L W.