Anterhaltungsblatt des Horwärks 3?r. 76. Sonntag, den 17. Zlpril. 1904 (Nachdmck bei&olcn.) 43i Gftbcr Alaters. Roman von George Moore. Esther weigerte sich nicht. Sie gingen hinein und suchten nach einer Stelle, wo sie sich sehen konnten. „So, dies erinnert niich so'n bihchen wieder an frühere Zeiten," sagte William und sehte sich dicht neben Esther nieder. „Wenn Du von solchem Unsinn zu reden beginnen willst, so gehe ich sofort! ich bin nur deshalb hier bei Dir, weil Du sagtest. Du wolltest mir etwas Besonderes über das Kind sagen." «Nun, sag' mal, ist es denn nicht natürlich, daß ich meinen Sohn sehen möchte?" „Woher weißt Du, daß eS ein Sohn ist?" „Ich denke. Du sagtest es; aber ich wünschte, daß es ein Junge wäre; ist es einer?" „Ja, es ist ein Junge, und ein wunderschöner Junge, ganz anders als sein Vater. Ich habe ihm immer gesagt, sein Vater sei tot." „Und thut ihm das leid?" „Gar nicht, denn ich Hab' ihm auch gesagt, daß sein Vater nicht gut zu mir war; und er fragt nichts nach solchen Menschen, die böse zu seiner Mutter waren." „Du hast ihn also gelehrt, mich regelrecht zu hassen." „Er weiß überhaupt gar nichts von Deiner Existenz, woher sollte er es denn?" „Sehr wahr; aber Du brauchst deshalb doch nicht so häß- lich zu mir zu sprechen. Das Geschehene kann nun mal nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ich weiß, daß ich schlecht zu Dir gewesen bin, aber ich selbst bin auch verdammt schlecht behandelt worden. Tu hast allerdings schwere Zeiten durch- zumachen gehabt, aber wenn Dir das einen Trost gewährt, kann ich Dir nur sagen, das; es mir ganz ebenso ergangen ist." „Es ist gewiß unrecht von mir, aber Dein Anblick hat so viel Bitterkeit in meinem Herzen aufgewühlt, wie ich'S gar nicht sagen kann," erwiderte Esther. William lag lang ausgestreckt in den; dürftigen Grase. Er hielt einen langen Grashalin zwischen seine«; kleinen gelben Zähnen und kaute daran. Beide schwiegen einen Augenblick. Er sah Esther an, sie saß kerzengerade da und ihr gesteiftes Kattunklcid breitete sich über den kümmerlichen Grasboden hin. Ihre Jacke war vorn offen und hing lose herab. Er fand sie sehr hübsch und stellte sie sich in Gedanken schon vor als seine Frau hinter dem Schanktisch im„Kings-Head". Seine erste Ehe war kinderlos geblieben und hatte ihm überhaupt in keiner Weise Glück gebracht. Jetzt wünschte er sich eine Frau von Esthers Art, und eine große und wahre Sehnsucht nach seinem Sohn begann in ihm aufzukeimen. Er versuchte in Esthers unbeweglichem Antlitz zu lesen. Es sah ernster aus als sonst, verriet aber nichts von der Leidenschaft, die in ihr tobte. Sie dachte nach. Sie mußte es einrichten, daß die beiden Männer einander nicht begegneten. Wie sollte sie William nur loswerden? Sie bemerkte, daß er sie ansah, und um seine Gedanken von ihr abzulenken, fragte sie ihn schnell, wohin er denn damals mit seiner Frau gegangen sei, als sie Woodview verlassen hatten. Er antwortete zuerst nicht, dann sagte er: „Peggy wußte die ganze Zeit über, daß ich in Dich ver- schössen war." „Ach, das ist ja ganz gleichgültig; erzähle mir doch, wohin Ihr gingt; man sagte, Ihr wäret ins Ausland ge- gangen." „Ja; wir gingen zuerst nach Boulogne, das ist in Frank- reich; aber fast alle Leute sprechen dort englisch; und ich fand dort gleich ein famoses Billardetablissement, wo alle die großen Sportsleute sich abends versammelten. Wir machten auch die Rennen mit; gleich am ersten Tage hatte ich Glück, ich setzte auf drei Pferde, die alle gewannen. Am zweiten Tage ging es nicht ganz so gut. Dann gingen wir nach Paris; das muß ich wirklich sagen, die Rennplätze liegen dort riesig bequem, kaum eine halbe Stunde zu fahren, so ist man schon da." „Hat Paris Deiner Frau gefallen?" „O ja, es hat ihr ganz gut gefallen. Da sind ja alle die großen Modewaren zu haben, und die Läden sind wirklich prachtvoll. Aber ich hatte es bald satt, und dann gingen wir nach Italien." „Wo ist das?" „Das ist unten im Süden. Ein scheußliches Land; da bekommt man nichts wie sauren Wein zu trinken, und alles, was man ißt, ist in Oel gekocht, und den ganzen Tag über thut man nichts als Bildergaleriei; besehen. Davon hatte ich nun auch bald genug, und wie ich's nicht länger aushalten konnte, sagte ich:„So, nun ist's genug; ich will wieder nach England zurück, wo ich wieder ein ordentliches Beefsteak und ein gutes Glas Ale bekommen kann, und wo man gelegentlich auch ein anständiges Pferd zu sehen kriegt!"" „Aber sie muß Dich doch sehr geliebt haben?" „Ach ja, so auf ihre Weise. Aber sie liebte es immer, sich nnt den Sängern und Malern, die wir dort kennen lernten, zu unterhalten, da war ja auch nichts Schlimmes dran; das Schlimme kam erst, nachdem wir etwa drei Jahre verheiratet waren." „Was geschah denn da?" «Na, da Hab' ich sie eben abgefangen." „Ach ja— abgefangen! Ihr Männer glaubt immer das. Schlechteste von den Frauen." „O nein, bei ihr Hab' ich ganz recht gehabt, sie konnte mich nicht mehr ausstehen, und ich konnte sie auch nicht mehr ausstehen. Es war ja auch nichts Natürliches— die ganze Geschichte. Ihre Freunde konnten meine Freunde nicht sein, und was meine Freunde anbelangte, so hörte sie nie auf, mich ihretwegen zu beleidigen. Wenn ich einen Freund mit nach Hause brachte, wollte sie nie in demselben Zimmer mit uns bleiben. So hatten die Dinge sich schließlich zugespitzt— und ich mußte doch immer und inuner an Dich denken, und manchmal sprachen wir sogar von Dir. Eines Tages sagte sie: „Dir thut's wohl schon leid, daß Du nicht lieber einen Dienst- boten geheiratet hast?" und daraus sagte ich:„Und Dir thut's. wohl leid, daß Du einen geheiratest hast. Wie?"" „Das war gut; was sagte sie darauf?" „O, die! Sie legte ihre Arme um meinen Hals und sagte, sie liebte niemand auf der Welt so sehr wie ihren langen Bill. Aber alle diese Mätzchen konnten mich nicht mehr blind machen, und ich sagte zu mir selbst:„Halt die Augen offen." Denn da war ein junger Kerl, der immer um sie cum- scharwenzelte in einer Weise, die mir nicht gefiel. Er war immer so furchtbar höflich zu mir, redete in einem fort von Pferden, und dabei konnte ich doch sehen, daß er keine Spur davon verstand. Er ging sogar soweit, mich nach Kempkon zu begleiten." „Und wie endete die ganze Geschichte?" „Ich war fest entschlossen,, gut acht zu geben auf diesen jungen Schafskopf und mit einem früheren Zuge von Ascot zurückzukehren, als sie mich erwartet hatten. Ohne jedes Ge« räusch trat ich ein und lief hinauf nach dem Salon. Da saßen sie beide vertraulich zusammen auf dem Sofa. Ich sah ihnen sofort an, daß meine Rückkehr sie erschreckt hatte. Der junge -Mensch wurde erst ganz rot, dann blaß, stand auf, stammelte etwas, wovon ich kein Wort verstand, es war natürlich Blöd- sinn. Sie aber rief:„Was, Tu bist schon zurück?. Wie war es denn in Ascot? Hast Du Glück gehabt?" „„Ausgezeichnet," sagte ich,..Hab' mich sogar sehr gut amüsiert: aber jetzt werd' ich mich hier noch besser amüsieren." „Während ich sprach, fixierte ich meine Frau scharf, und ich sah es ihr auf dem Gesicht an, daß gar kein Zweifel an der Sache mehr möglich war. Da packte ich ihn denn an der Kehle und schrie:„Ich gebe Ihnen zwei Minuten Zeit, um die Wahrheit zu gestehen, ich weiß ohnehin alles, aber ich will es. nun auch noch von Ihnen hören. Nun also raus damit oder ich erwürge Sie." Und ich drückte einmal fest zu, um ihm zu zeigen, daß ich im Ernst sprach. Er verdrehte die Augen wie ein abgestochenes Kalb, und meine Frau schrie:„Hilfe. Mörder!" Ich ließ ihn los, stellte mich zwischen sie und die Thür, drehte den Schlüssel im Schloß um und steckte ihn in die Tasche.„So," sagte ich,„nun werdet Ihr beide die Wahr- heit gestehen." Er sah totenbleich aus, und es schien, als hätte er sich am liebsten im Kamin verkrochen; sie aber sah ents. als ob sie mich am liebsten umaebracki hätte- es war nur nichts Na. ivSttnt sie daZ ihun konnte, und do sagte sie Plötzlich in ihrer ekelhaften, sarkastischen Weise:„Eigentlich, Percy, sehe ich gar nicht ein, warum er es nicht erfahren sollte. Ja," sagte sie,„er ist mein Geliebter, nun kannst Du Dich von mir scheiden lassen, sobald Du willst." Das erstaunte mich ein bißchen und ärgerte mich zugleich, denn ich hatte die Absicht gehabt, den Kerl vor ihren Augen so lange zu würgen, bis er es eingestand, bloß unr ihn vor ihr zu beschämen. Aber dies kleine Ver- gnügcn verdarb sie mir, denn sie sagte:„So, Percy, nun wollen wir gehen!" Darauf sagte ich:„Ja, das sollt Ihr, aber nicht ohne meine Erlaubnis." Tann schloß ich die Thür aust nahm ihn beim Kragen und führte ihn bis an die Schwelle. Er kanr mit, sanft und zitternd wie ein Lamm, das ab- geschlachtet werden soll, und an der Thür gab ich ihm einen solchen Fußtritt, daß er Hinausslog wie eine Kugel aus der Pistole. Er rollte die ganze Treppe himmter bis unten hin.— lllnd sie sah mich an mit Augen!!— Wahrhaftig, weißt Du, wenn sie mich hätte morden können, sie hätte es in den, Moment gern gethan. Aber sie konnte es nicht, und so beruhigte sie sich denn anscheinend ein bißchen.„Laß mich ruhig gehen," sagte sie,„Tu kannst mich ja jetzt doch nicht mehr haben wollen: Du kannst Dich scheiden lassen, ich werde die Kosten bezahlen." „Fällt mir gar nicht ein," sagte ich,„Dir diesen Gefallen Zu thun. Also Tu möchtest ihn heiraten?" „Ja, er ist ein Gentleman; von Deiner Sorte Hab' ich nun genug gehabt; aber wenn Tu Geld haben willst, will ich Dir gerne etwas geben." „Ich lachte sie einfach aus, und so in diesem Tone redeten wir wohl noch eine Stunde lang weiter miteinander. Dann wurde sie auf einmal ruhiger; ich wußte sofort, daß sie etwas vorHatto, aber ich konnte mir nicht recht klar machen, was. Wir bewohnten zwei Zimmer im Hotel, einen Salon und ein Schlafzimmer. Sie erhob sich plötzlich und ging ins Schlaf- zimmer hinein. Ich ging ihr nach, bloß um sicher zu sein, daß sie mir nicht entwischen konnte. Vor der Thür stand eine schwere Kommode, und ich hielt es nicht für möglich, daß sie die würde rücken können, darum ging ich wieder in den Salon zurück. Aber merkwürdig, sie hatte es doch möglich gemacht, die Kommode zu rücken, ohne daß ich es hörte, und bevor ich ihr noch nachkonnte, war sie zur Thür hinaus und wie ein Vlitz die Treppe hinuntergesaust. Ich ihr natürlich nach; aber sie hatte einen zu großen Vorsprung; bevor ich noch die halbe Treppe runter war, hörte ich schon die Hausthür zuschlagen." Beide schwiegen einen Moment. William warf den Gras- Halm, an dem er gekaut hatte, fort. Esther drehte einen Halm nervös zwischen den Fingern. „Aber was hat diese ganze Geschichte eigentlich mit mir ZU thun?" fragte sie.„Wenn das alles ist, was Tu mir er- zählen wolltest—" „Na, Tu bist gut! Hast Tu mich nicht selber um die Geschichte gebeten?" „Also Tu hast zwei Frauen verlassen, anstatt einer, das ist so ungefähr das Ganze, was ich daraus verstehe," sagte sie kurz. (Fortsetzung folgt. Sin Merkblatt cler Wmgstreiie. Von allen Dingen dieser Welt, die ich nie verstanden habe und, vorausgesetzt, daß ich es nicht doch noch zum Minister bringe, nie- mals verstehen werde, ist mir am unverständlichsten jenes dunkle, übersinulichc Wesen, das man Königstreue neunt. Spricht man zu mir gar von angestammter Königstreue, so gerate ich rettungslos in jene Gemütsstimmung, in der sich Herr v. Pod- bielski befinden muß, ivenn er in parlamentarischem Schöpfer- dränge die Anfänge einer neuen Sprache und neuer Denk- gesetze ersinnt, die dann im agrarischen Zukunftsstaat ans dein Verwaltungswege eingeführt werden dürften.„Dies Drama, meine Herren, ist kein Drama, sondern eine Komödie"— rief er soeben im Herrenhause namens der zu begründenden neuen Sprache und Logik aus. Dieses Tier ist kein Tier, sondern ein Elefant. Diese Pflanze ist keine Pflanze, sondern eine Rose. Dieser Mensch ist kein Mensch, sondern ein Staatsmann. So werden wir künftig denken, wenn erst die Getreidezölle die angemessene Höhe erreicht haben, obzwar ich fürchte, mit dem letzten Beispiel einen kleinen Rückfall in die annoch geltenden Hirn- regeln erlitten zu haben. So denke ich aber schon heute, so- bald der geheimnisvolle Begriff der angestammten Königstreue mein Bewußtsein angreift. Es scheint, als ob auch in einigen Provinzen des preußischen Staates die Menschen in einen ähnlichen Zustand geraten, wenn man ihnen von angestammter Königstreue spricht. Namentlich in der Provinz Hannover herrscht das Leiden. Tort giebt es nämlich wunderliche Leute, die sich erinnern, daß sie nicht immer Provinz, sondern früher einmal Königreich waren, daß sie den Welsen, nicht den Hohenzollern angestammt waren, und daß vor kaum 38 Jahren der plötzliche Wechsel aller heiligsten Gefühle eingetreten ist. Wenn diese Leute von angestammter Königstreue reden, so meinen sie immer noch den welfischen Herrn. Das ist selbstverständlich ein gemeingefährlicher Irrtum, fast Hochverrat. Aber jene Leute be- greifen ihre Sünde nicht, und ich verstehe vollständig, daß sie es nicht begreifen. Neulich im Reichstag hat sich Herr v. Hammerstein redliche Mühe gegeben, von Polizei wegen den Hannoveranern die richtige Vorstellung von angestammter Königstreue beizubringen. Er meinte, Preußen werde nie seine im Kriege erworbenen Provinzen aufgeben,„um einigen Leuten zu gefallen, die an alten Erinnerungen festhalten". Man bemerkt also zunächst, daß die angestammte Königstreue der Hannoveraner schon deshalb keine richtige augestammte Königstreue sein kann, weil sie eben nach polizeilicher, aktcumäßigcr Ermittelung nur alte Erinnerungen dar- stellt. Ferner ist das kein echt angeflammtes Königtun,, lveil der alte König schon seit 38 Jahren verschwunden ist, und zwar nicht etwa infolge von Rechtsbrnch und Gewalt, sondern infolge eines Gottesgerichts:„Dieser Rechtsbruch und diese Gewalt wäre einmal durch den Ablauf von 38 Jahren gewissermaßen schon Recht ge- worden; aber es ist kein Rechtsbrnch, es war eine tkriegSentscheidung, und der Krieg ist ein Gottesgericht, und in diesem Gottesgericht ist Hannover unterlegen." Wer versteht nun nicht, daß jene Ivelfische Königstreue keine Köuigstreuc, sondern eine Gotteslästerung ist, eine Auflehnung gegen de» allerhöchsten, himmlischen Gerichtshof, der seine Urteile mittels Flinten, Säbeln und Kanonen zu fällen pflegt � nach polizeilicher Feststellung. Schließlich beruht jene Kriegstreue deshalb auf einem Irrtum, weil ja inzwischen— doch das kann nur mit Herrn v. Hammersteins eignen Worten gesagt werden:„Diese Partei Es blühe ewig, glücklich im Beglücken I So, nur so äußert sich die wahre angestammte Königstreue, nur so erhält sie sich zugleich auf dem Laufenden. Eifere jeder diesem Beispiel nach, dann kann es ihm niemals fehlen und er wird niemals unter jene Königslästerer, Vatcrlandslosen und Hoch- Verräter sich verirren, die frech und schamlos immer noch„Cumber- länder" in die Weiheverse setzen, während es korrekt längst„Hohen- zoller" heißen muß.— Joe. Kleines feuületon. fn. Alt und Jung. Tie rundliche alte Dame schob sich mit lebhaft uml>erblitzenden Augen von der Küche in die Stube, wo Seiler saß, während seine junge Frau lachend der Tante folgte. „Wirklich, Fritzingl" rief diese fröhlich dem Neffen zu,„ich! habe Dir zwar schon zu Deiner Hochzeit gratuliert, aber ich mus; es noch einmal thun. Eigentlich sollte man's ja immer erst, ivcnn einige Tage vorbei sind und man die Küche der jungen Frau gesehe» hat. Na, ich habe sie nun gesehen und— potztausend!— das.ist ja der reine Juweliersladcn, wenn auch das Geschirr bloß aus Blech und Thon ist. Wahrhaftig!" sie lachte mit ihrem vollen Gesicht der jungen Frau zu,„er hat eine schöne Eroberung an Dir gemacht, Gustel" „Setze ihr nur keine Späne in den Kopf, Tante Hilde," mahnte Seiler.„Unsereiner hat nachher seine liebe Not, die Dinger wieder herauszubringen. Uebcrhaupt, Ivo Tu weißt, daß Tu Autorität bei Gustc bist." „Und Fritz duldet keine andren Götter neben sich," lachte die junge Frau. „Wie alle Männer," sagte Tante Hilde, und die Blicke fuhren vergnüglich forschend im Zimmer umher.„Auch Eure Stube ist nett. Wirklich: es war doch wohl man knapp mit Euren Mitteln, aber was sich damit machen ließ, das habt Ihr gemacht.... Nur der Regulator kommt mir etwas groß vor für das kleine Zimmer. Na. das täuscht oft vorher. Und Ihr werdet hier ja auch nicht ewig wohnen bleiben." Sie öffnete den Kleiderschrank, rüttelte an den Bcttpfostcn. hob die Decke vom Tisch und prüfte einen Stuhl auf� seine Festigkeit.„Alles gediegene Arbeit! Nicht so'n alter Bazar- schund, wie das heute leider Mode ist.— Nein!" sie schlug die Hände zusammen.„Da ist ja auch noch der alte Sekretär von Deinem Vater, Fritz, von meinem Bruder! Du, dafür muß ich Dir einen Kuß geben, Junge! Daß Du Dir den behalten hast! Das ist brau von Dir, Fritzingl Wenn Du wüßtest, wie mich das freut!" Und sie betrachtete mit gerührten Blicken das alte Möbel. „Ja," sagte Fritz,„es ist ein so altes, ehrwürdiges Stück. UnL fast ein Kunstwerk. Heute kriegt man so etwas kaum noch zu kaufen." „Ach, überhaupt heute!" Die Lippen der alten Dame kräuselten sich verächtlich.„Was Du heute kriegst! Da kannst Tu in hundert Stuben kommen und eine sieht so dumm aus wie die andre. Es ist ja kein Charakter mehr d'rin— wie in den Menschen. Tie sind auch alle abgehobelt jetzt! Und..." sie stutzte plötzlich und trat an daZ Sopha, zur Wand hinaufsehend,„na, aber was sind denn das für: Bilder!" Sie wiegte den Kopf hin und her.„Kinderl Was habt Ihr Euch da für putzige Sachen hingehängt!" Jetzt kniete sie auf dem Sopha und buchstabierte an den Unterschriften zweier Kupfer- stichc:„Nymphe im Walde?"„Tie Toteninsel?" „Gefallen sie Dir nicht?" fragte Fritz. „Gefallen?" Das runde Gesicht der Tante nahm einen ganz melancholischen Ausdruck an.„Ich bitte Dich, Fritz! Kann einem so etwas überhaupt gefallen? Ich will mich ja nicht in Eure An- gclcgenhciten mischen... Ich meine: es ist natürlich Eure Sache, was Ihr mögt... aber das müßt Ihr doch selber sagen: in die Wohnstube gehören solche Bilder nicht!" „Eine Gemäldegalerie Hab' ich doch nicht," antwortete Seiler, „oder soll ich sie in den Korridor hängen?" „Gar nicht hängen sollst Du sie! Wenn Du Dich nicht von ihnen trennen kannst, so lege sie meinetwegen in eine Mappe und schließe sie in die Kommode, aber baumele sie nicht da auf, wo jeder Mensch, der zu Euch kommt, sie sehen muß!„Nymphe im Walde"! So'n unangczogenes Frauenzimmer! Offen an der Wand! Und „Toteninsel"! Hn! Mich schuttcrts schon, wenn ich bloß daran denke!" Die alte Dame schüttelte sich wirklich. „Bist Du aber graulich!" lachte Guste.„Wir denken uns weiter nichts dabei. Oder doch bloß, wenn, man sie so recht mit Absicht be- trachtet und in der richtigen Stimmung ist.". Die Tante hörte nicht darauf. Wehmütig starrte sie zur Wand hinauf.„Und darunter wollt Ihr die Photographien Eurer Verwandten aufhängen. Kinder! Glaubt Ihr denn wirklich, daS patzt zusammen?" Sie wurde ganz rot vor Aufregung:„Ja, ich will es Euch sagen. Das patzt zusammen, wie solide Leute und Leichtfertigkeit! So!" Sie drehte sich halb schluchzend um.„Nehmt's mir nicht übel!" „Nein," lächelte Fritz,„da hast Du natürlich recht. Das würde schlecht zusammen stimmen. Aber das beabsichtigen wir auch nicht. Photographien kommen überhaupt nicht an die Wand." „Wie?" Tante Hilde war sehr erschrocken.„Die Bilder Eurer Lieben hängt Ihr nicht auf?" „Bater und Mutter sind im Standrahmen auf der Kommode, wie Du siehst," erklärte Guste. „Ja, aber die andern alle. Es gehören doch noch mehr zur Familie." „Die stecken im Photographic-Album," sagte Seiler.„Und das liegt ii, der Kommode. Willst Du's sehen?" „Nein.— Also das liegt in der Kommode!" Tante Hilde nickte vielsagend vor sich hin. „Wir können uns doch unmöglich die ganze Wand mit zum Teil ganz gleichgültigen Bildern bekränzen," ärgerte sich Fritz. „Oder meinst Du, es sieht schön aus, wenn da überall ein Gesichts- Zlex neben dem andern klebt? Der eine womöglich pechschwarz, der andre gelb und verwässert vor Alter? Scheuhlichl" „So, das findest Du scheutzlich?" Sic legte ihre Hand auf seinen Arm:„Steh' mal, lieber Junge, man mutz dabei doch an die inneren Beziehungen denken. Aber hast Du die ctlva zu den andern Bildern?" „Ganz gewitz kann man auch dazu Beziehungen haben! Sehr lebhafte sogar!" „Zu der Waldnhmphe etwa?" Die alte Dame blickte ihn plötzlich mihtrauisch an. Fritz lachte hell auf. Und Guste mutzte auch lächeln und sagte:„Ich glaube, Tante, Du verstehst ihn nicht." „Ja, weitz Gott!" Tante Hilde seufzte tief und sah die jungen Leute hilflos an:„Ich verstehe Euch wirklich nicht, Kinder."— — Drei deutsche Baumricsen. Im Organ der ostpreutzischen Land- wirtschaftskammcr wurde seiner Zeit eine Frage aufgeworfen: Wieviel Meter im Durchmesser mißt der stärkste Baum Deutschlands und wo ist derselbe zu finden??lus der Antwort von Dr. Giersberg, die reiches Material aus allen Gegenden Deutschlands enthielt, sei folgendes hervorgehoben: Der stärkste Baum in Deutschlmrd ist die Riescnlinde bei Staffelstem in Bayern(Obcrfranken), an der Bahn von Lichtenfels nach Bamberg. Dieselbe ergab bei einer Messung am 1. März 1900 unten an der Erde, da, wo sich noch Wurzelwülstc finden, eineir Umfang von 24 Meter; dagegen über den Wurzel- Wülsten einen genauen Umfang von 17,10 Meter, hier also einen Durchmesser von 5,43 Meter. An der nordwestlichen Seite ist der Baum abgestorben und stammfaul, während die südöstliche Hälfte desselben noch grünt und alljährlich prächtig blüht; das Innere des Baumes ist hohl. Das Alter dieser Linde wird auf 1100 bis 1200 Jahre geschätzt.— Auch der zweitgrötzte Baum in Deutschland ist eine Linde. Dieselbe steht bei Neucnstadt mn Kocher in Württemberg und hat einen Durchmesser von 4,13 Meter in Brusthöhe; ihr Alter wird auf 1200 bis sogar 1800 Jahre geschätzt; sie ist fast vollständig abgestorben.— Eine fast gleich starke, jedenfalls aber die drittstärkste Linde ist die berühmte Heederlinde in Ostfriesland, nördlich der Stadt Meppen an der Grenze des Bourtanger Moors, im Kreise Aschendorf bei der Station Dörpen. Der Stamm derselben ist wenig hoch über der Erde merkwürdig verengt, hat hier einen Umfang von 11,10 Meter, also 3,53 Meter Durchmesser. Nach oben zu, da, wo die Aeste derselben auseinandergehen, verdickt sich der Stamm sogar bis zu einem Umfange von 13,00 Meter, entsprechend einem Durch- mcsser von 5,92 Meter. Bon der Grösse dieses Baumes kann man sich am besten einen Begriff machen, wenn man berücksichtigt, datz da, wo sich die Aeste verzweigen, bis vor kurzem in dem Baum ein Tisch stand, um welchen sechs Personen bequem auf Stühlen sitzen und trinken konnten. Die mächtige, prachtvolle Krone tvar kuppelförmig gewölbt und noch bis vor wenigen Jahren ganz gesund; jetzt ist der Niese leider auch im Absterben.— en. Eine japanische Papierpflanze. Die Wände der japanischen Häuser bestehen aus einem Fachwerke von Holz, das mit seinem Papier bekleidet ist, so datz wohl das Licht, aber nicht der Wind ein- dringen kann. Diesem Gebrauch ist zum grossen Teil die bedeutende Entwicklung zuzuschreiben, die der Papierindustrie in Japan be- schieden gewesen ist. Das von den Japanern hergestellte Oelpapier ist billig und sehr dauerhaft. Manche Sorten davon sind von solcher Dauerhaftigkeit, datz sie über ein Jahr vorhalten. Ueberhaupt dient das Papier in Japan zu Verwendungen, die bei uns unbekannt sind, namentlich sind wir noch weit davon entfernt, das Papier zu Ver- Packungen in so ausgedehntem Matzstab zu benutzen. Papiersäcke zur Aufbeivahrung von Thee halten besspielsweise acht Jahre lang vor. Die merkwürdigste der japanischen Papicrsorten ist ein durch- sichtiges Lederpapier, das so weich ist wie das feinste Kalbleder und ausserdem die Besichtigung der Ware von aussen her gestattet, ohne Satz die Verpackung geöffnet wird. Das Ledcrpapier ist für die zapam, che Industrie um so wertvoller, als die Zahl der Haustiere, Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlas: die ein gutes Leder liefern könnten, dort sehr beschränkt ist. Während in Europa und in Amerika das Papier aus Holzstoff, aus macerierten Pflanzenfasern oder aus Rückständen von Baumwolle oder Leinwand verfertigt wird, benutzt man in Japan dazu die innere Rindenschicht von Bäumen oder Sträuchern. Daher rührt die grötzere Weichheit, die mehr seidenartige Beschaffenheit und die grötzte Widerstands- fähigkeit des japanischen Papiers. Durch Nässe verliert es letztere, gewinnt sie aber, nachdem es trocken geworden ist, sehr schnell wieder. Allerdings kann das japanische Papier nur durch eine besondere Be- Handlung zu einem Schreibpapier gemacht werden, denn seine Fasern sind so lang, datz sie sich leicht in der Spitze einer Stahlfeder ver- sangen. Unter den japanischen Pflanzen, die der Papierindustrie die Rohstoffe liefern, ist eine der merkwürdigsten die EdgeworUiia papyrifera, die einen Papierbrei abgiebt, dem in Japan der Name Mitsumata beigelegt wird. Die Mitsumata wird in grossen Mengen nach Amerika ausgeführt, um dort namentlich zur Verfertigung von Papier für Urkunden benutzt zu werden. Die genannte Pflanze ist ein Strauch von stattlichem Aeutzeren, der fünf Fuh hoch wird und gerade in den Gegenden wächst, wo der Reisbau nicht fortkommt. Roter oder gelber Thon vulkanischen Ursprungs, vielleicht noch mit grobem Kies vermischt, scheint ihm als Standort besonders zu behagen. Die Ernte vollzieht sich in der Weise, datz die ganze Pflanze dicht über dem Boden abgeschnitten wird, worauf man vom Hauptstamm und den Zlveigen die Rinde abschält. Die so erhaltenen, langen, schwammigen Strähnen werden dann mit Aetznatron behandelt und verwandeln sich so in einen gleichmätzigcn Brei, der dann noch mit Wasser vermischt und wie Chlorkalk gebleicht wird. Eine Frau ver- mag mit Hilfe eines aus Bambus hergestellten Gerätes 000 Papier- blätter täglich zu machen. Dann wird das Wasser aus den Blättern ausgepretzt, die weiterhin gebürstet und an der Sonne getrocknet werden. Neuerdings ist man auch in Japan dazu übergegangen, das Papier mit Hilfe von Maschinen zu fabrizieren.— Hnuioristisches. — Verlorenes Vertrauen. Bauer:„Falsch Hab' ich g'schwor'n, und den Prozetz Hab' ich do' net g'wonnen!... Ein- g'sperrt haben s' mi' aa' no'I... Und da soll ma' a' Vcrtrau'u zum G'richt hab'n!"— — Boshafte Auffassung.„Sie haben ja das Auge verbunden I" „Hin ja, da ist mir etlvas hineingeflogen, als ich gestern abend nach Hause ging!" „Sie, das dürft' meine Frau nicht riskieren I"— — Beschwerde. G a st(der in der Nockensuppe ein Haar findet, zum Wirt):„Erlauben Sie mir, auf der Karte steht doch Nockerl- und nicht L o ck e r l suppe!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Der bei Port Arthur zu Grunde gegangene W a s i l i j Wereschtschagiu hat vielleicht die grauenhaftesten Schlachtenbildcr gemalt, von denen die Kunstgeschichte weitz. Durch seine Scenen aus dem russisch-türkischen Krieg<1878):„Verbandsplatz",„Ein- segimng" sein Pope segnet ungezählte Tote),„Sie sind gekommen" (töte Türken und Russen in wildem LAräuel übereinander),„Das ausgestorbene Lazarett",„Auf dem Schipkapatz alles ruhig" lerftorene Compagnien) usw. wurde er mit einem Schlage Welt- berühmt. Gutmütige meinten. Wereschtschagiu wolle durch diese ge- malten Greuel vom Kriege abschrecken. Später erkannte man, datz auch ein gut Stück Sensationslust in dem Russen stak.— — Die Aufführung der„Heroischen Komödien" von Adolf Paul- findet am 27. Llpril, nachmittags 3 Uhr, im Residenz-Theater statt.— — Im Präger Ratio iral-Theater lvird demnächst das Schauspiel des Dänen Johannes Marer„Die alte Ge- schichte" gegeben. In Kopenhagen ist das Stück noch nicht gc- spielt worden.— — In der diesjährigen Grossen Berliner Knust- a u s st e l l n n g werden Sonderaus st eil un gen haben: Ludwig Dill- Karlsruhe, der ftühcre Vorsitzende der.Miinckicner Secession; Gotthard Äuehl- Dresden, der Führer der ehemaligen Dresdener Secession; Oskar Frenze!- Berlin.— — Die 18. K u n st a u s st e l l u n g des Vereins der Künstlerinnen z u Berlin wird heute mittag<12 Uhr) im Ausstellungssaal der Akademie der Künste