Mnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 77. Dienstag, den 19. April. 1904 (Nachdruck verbsleii.) "t ßfthcr Maters. Roman von George Moore. „Na, wenn das Deine Meinung ist, kann ich ja gehen," sagte William. Und er stand auf und sah sie an. Esther saß ganz still da und wagte kaum, die Augen zu erheben: aber ihr Herz schlug heftig� Würde er nun wirklich gehen und nie zurückkommen? Sollte sie ihm eine gleichgültige oder gar keine Antwort geben? Sie zog das letztere vor. Vielleicht war es ungerecht von ihr, denn ihr mürrisches Schweigen irritierte ihn: aber er setzte sich doch nieder und bat sie, ihm zu verzeihen, und sagte, er wollte gern auf sie warten: und da hörte ihr Herz auf, zu klopfen, und ihre Hände und Füße wurden ganz kalt.„Meine Frau," sprach er weiter,„glaubt, daß ich kein Geld habe, und denkt infolgedessen, Schindllider mit mir spielen zu können: ich aber habe neuerdings ein riesiges Glück im Wetten gehabt und habe ein Paar Tausend Pfund in der Bank liegen: tausend hatll ich mal zunächst auf die Seite gelegt, denn ich hatte eigentlich die Absicht, das Wetten auf-- zugeben und Bookmaker zu werden, und bin es nun auch seit- dem. Ich habe natürlich ein paar Ups und Downs gehabt, aber ich kann mich doch schließlich nicht beklagen. Wie Du mich heute vor Dir siehst, besitze ich dreitausend Pfund bar." Als sie diese Summe hörte, öffnete Esther die Augen weit. Sie sah William fest an. Sie hatte die Absicht gehabt, ihn abzuschiitteln, lim einen andern Mann heiraten zu können. Aber in diesem Augenblick fühlte sie etwas von jener Liebe, die sie ernst für ihn gehabt, in ihrem Herzen wieder aufkeimen. „Ich muß jetzt nach Hause gehen," sagte sie,„meine Herrin wird auf mich warten." „Sei doch nicht so eilig: es ist ja noch ganz früh. Außer- dem haben wir ja auch noch immer nichts abgemacht." „Du hast mir die ganze Geschichte von Deiner Ehe er- zählt: ich weiß wirklich nicht, was das eigentlich mit mir zu thun haben soll." „Ich dachte, es würde Dich interessieren, zu sehen, daß ich nicht ganz so schuldig bin, wie Du geglaubt hast." Die Abenddämmerung begann sich rasch herabzusenken. „Ich mliß nach Hause gehen," sagte sie noch einmal. .„Was Du mir noch weiter zu sagen hast, kannst Du mir ja auf dem Rückwege sagen." „Nun also gut, Esther. Das A und O von der Geschichte wäre das: Wenn ich die Scheidung kriegen kann, so könnten wir beide wieder zusammengehen: was denkst Du davon?" „Ich meine. Du solltest lieber versuchen, Dich mit Deiner Frau wieder auszusöhnen. Wahrscheinlich thut ihr das, was sie gethan hat, schon wieder sehr leid." „Das ist alles Mumpitz, Esther! Es thut ihr gar nicht leid, und es würde ihr ebensowenig einfallen, sich mit mir zu versöhnen, wie mir nüt ihr. Wir können nun mal nicht mit- einander leben, also wozu es nochmals versuchen? Nun laß Du doch endlich Vergangenes vergangen fein. Du weißt ganz gut, was ich meine: Heirate mich!" „Ich glaube nicht, daß ich das könnte." „Dann hast Du irgend einen andern Kerl gern. Du hast einen andern gern und willst nicht, daß ich zwischen ihn und Dich komme. Darum sagst Du, ich soll zurückgehen zu meiner Frau. Aber an das, was ich schon mit ihr durchgemacht habe, denkst Du nicht." „Du hast nicht die Hälfte von dem durchgemacht, was ich durchgemacht habe! Ich wette, daß es Dir noch nie an'nem Mittagessen gefehlt hat, mir aber sehr oft." „Aber,, Esther, denke doch an das Kind!" „Das ist gut, wirklich! Du mußt m i r sagen, an das Kind zu denken, nachdem i ch alle diese Jahre wie eine Sklavin für den Jungen gearbeitet habe— und Du nichts für ihn ge- than hast." „Willst Du mir also wirklich nein sagen?" »,Jch will nichts mehr mit Dir zu thun haben." „Und Du willst mir auch nicht erlauben, das Kind zu sehen?" Esther besann sich einen Augenblick, dann sagte sie:„Du kannst das Kind sehen, wenn Du willst." „Wo ist eS?" „Du kannst nächsten Sonntag mit mir zu ihm fahren nun aber laß mich gehen." „Um welche Zeit soll ich Dich abholen?" „Ein wenig nach drei." XXVI. William wartete auf sie vor dem Hause, und während sie ihren Hut aufsetzte, dachte sie nach iiber das, was sie ihm sagen und wie sie sich verhalten sollte. Sollte sie ihm erzählen, daß sie Fred heiraten wollte? Mit einein scharfen Ruck steckte sie die lange Nadel, die ihren Hut festhalten sollte, durch das Stroh hindurch und ent- schied sich endlich dafür, ihm zu sagen, was der Moment ihr gerade eingeben würde. Als sie ihn draußen sah, bemerkte sie sogleich, wie prächtig er gekleidet war. Er trug ein Paar hellgraue Beinkleider. und in dem Knopfloch feines eleganten Jacketts steckten ein paar feuerrote Nelken. Zuerst gingen sie schweigend nebeneinander her. Endlich fragte Esther: „Warum willst Du eigentlich den Jungen sehen? In all diesen Jahren hast Du doch nicht an ihn gedacht." „Das will ich Dir gleich sagen, Esther!— Aber weißt Du, es ist wirklich famos, so mit Dir wieder spazieren gehen zu können, und wenn Du nur endlich Vergangenes vergangen sein lassen wolltest, könnten wir beide doch wohl noch zu» sammenkommen. Was meinst Du?" Esther erwiderte darauf nichts, und er fuhrt fort: „Es ist in der That seltsam, so mit Dir wieder ausgehen zu können. Dich nach all diesen Jahren wieder getroffen zu haben, noch dazu, wo ich doch gar nicht in Deiner Gegend wohne. Es war ein reiner Zufall, der mich dorthin führte. Ich hatte eine geschäftliche Sache mit einem Freunde zu be- sprechen, der in der Gegend wohnt, und wie ich von ihm zurück- komm' und an das denke, was er mir gesagt hat, sehe ich Dich nur entgegenkommen mit dem Bierkrng in der Hand. Und ich denke so bei mir: Das ist, weiß Gott! das hübscheste Mädchen, das ich lange gesehen habe. So eine möchte ich wohl hinter dem Schanktisch im„Kings-Head" haben! Du siehst noch genau so aus, wie damals, auch nicht ein bißchen der- ändert. Und wie ich nun Deine weißen Zähne und die glänzenden Augen sehe— da denke ich: Großer Gott, das ist ja Esther!" „Ich dachte. Du wolltest über das Kind mit mir sprechen?" „Das will ich auch, aber zuerst kommst Du an die Reihe. Und wie ich Dir dann in die Augen sehe, da fühle ich doch, daß ich die ganze Zeit über mich getäuscht hatte, und daß Du die einzige warst und bist, die ich je geliebt habe." „Also dann war das nur'ne Lüge, daß Du das KinL. gerne sehen möchtest." „O nein, durchaus nicht! Ich möchte sowohl Mutter wie Kind haben, wenn ich sie kriegen könnte, weißt Du.— DaS, was ich Dir jetzt sage, ist die reine und volle Wahrheit, Esther. Das Kind hielt ich allerdings zuerst imr für ein Mittel, um Dich vielleicht zurückzukriegen. Aber dann allmählich begann ich mich auch für den Jungen zu interessieren, nachziioemeii, wie er wohl aussehen möchte,, und schließlich ging es mir doch in einem fort im Kopfe herum, daß Du die Miitter meines Kindes bist. Und da kam plötzlich der Wunsch, Euch beide zu kriegen, und seitdem— ja— seitdem Hab' ich an gar nichts. andres mehr deickeii können." Bei diesen Worteil hatten sie die Eiseubahilstatioii erreicht, und William eilte voran, um die Billets zu kaufen. Man hörte von unten schon das Rollen des Zuges, und sie rannten so schnell wie möglich die Treppe hinab und sprangen gerade im letzten Augenblick noch in das Coiipä zweiter Klasse hinein. „Wir sind in der falschen Klasse," rief Esther erschrocken. „Nein, nein, nur rein, rein!" rief William, stieß sie in das Coup6 hinein und sprang ihr nach gerade in dem Moment, da der Zug sich in Bewegung setzte. „Beinahe hätten wir den Zug versäumt," sagte er. � „Du fährst jetzt wohl immer zweiter Klasse?" fragte ietzk Esther '„Ja, immer." sagte er,„Peggy wollte nie zweiter Klasse fahren, da fuhren wir immer erster. Jetzt aber ist mir vre zweite Klasse gerad' wieder gut genug." Sie saßen allein in dem Coup6. William beugte sich zu Esther hinüber und nahm ihre Hand in die seine. „Versuche doch, mir zu verzeihen. Esther!" sagte er. Sie entzog ihm ihre Hand. Da stand er auf, setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Taille. „Nein, nein," rief sie,„nichts davon, bitte— das ist alles vorüber zwischen uns." Er sah sie fragend an und wüßte nun nicht recht, wie er sich verhalten sollte. „Ich weiß, daß Du schwere Zeiten hinter Dir hast. � Erzähle mir doch etwas davon: was thatest Du, nachdem Du Woodview verlassen hattest?" Unglücklicherweise fügte er hinzu: „Bist Du inzwischen irgend einem begegnet, den Du gerne hattest?" Tie Frage irritierte sie, und sie sagte rasch:„Was geht das Dich an?" Wieder schwiegen beide. Tann sprach William von den Barfields, und Esther konnte nicht umhin, diese Geschichte aufmerksam anzuhören. Von Woodview her stammte ja all ihr Unglück. Sie war dort hingekommen, als das Vlut in ihren Adern am kräftigsten floß, und Woodview war infolgedessen der deutlichste Eindruck ihres ganzen Lebens geblieben. An alles mußte sie jetzt wieder zurückdenken: wie das Pferd in Goodwood gewonnen hatte; an den Ball in Shoreham Gardens; und sie lauschte auf- merksam, als William erzählte: „Der arme Alte, er ist nie mehr drüber hinweggekommen; das hat ihn ganz niedergeschmettert.„Ginger" ivar es, der das Pferd ritt, er that wohl alles, was er konnte, aber er verlor den Start. Wohl versuchte er ihn wieder zu gewinnen, abex das Glück war nun mal gegen ihn: es ging nicht.— Er verlor das Rennen: das hat dem Alten das Herz gebrochen. Er mußte alle seine Pferde verkaufen und starb bald darauf. Er starb an der Schwindsucht: wie ich höre, ist die in der Familie erblich. Miß Mary auch—" „O, erzähle mir von ihr," sagte Esther, die die ganze Zeit über an Mrs. Barfield und Miß Mary hatte denken müssen. »Ihr geht es doch wohl hoffentlich gut?" „O nein, auch nicht, sie kann gar nicht mehr in England leben: sie muß jeden Winter nach Afrika gehen." In diesem Augenblick rollte der Zug in die Blackfriars- Station hinein. „Wir werden gerade noch den Vieruhrzug nach Peckham erwischen," sagte Esther. Sie liefen rasch die Treppe hinauf, und William eilte so, daß Esther rufen mußte:„Nein, nein, William, das geht nicht; ob wir den Zug kriegen oder nicht, so schnell kann ich nicht gehen." Aber sie erreichten den Zug doch noch, und wieder hatten sie ein Coup6 für sich allein, und er zog beide Fenster herauf, damit sie, wie er sagte, leichter miteinander plaudern könnten. Er redete immer noch von dem Mißgeschick einiger Pferde der Barfields, während Esther von Mrs. Barfield sprechen wollte. „Du scheinst sie ja furchtbar gern gehabt zu haben; was hat sie denn für Dich gethan?" „Alles, nachdem Du fort warst. Sie war sehr, sehr gut zu mir." „O, das freut mich zu hören," sagte William. „Also sind sie den Sommer über immer in Woodview und den Winter im Auslande?" „Jawohl. Den größten Teil der Besitzung haben sie verkauft: aber Mrs. Barfield, die Heilige— Du weißt doch, wir nannten sie immer die Heilige—, die hat ihr eignes Ver- mögen, fünfhundert Pfund im Jahr. Damit leben sie denn. so gut es eben geht. Aber sie können sich weder mehr Pferde noch Wagen balten, und Ende Oktober reisen sie stets fort und kommen erst Anfang Mai wieder. Ah! Woodview ist nicht mebr das, was es war. Erinnerst Du Dich noch an die Pracht- vollen Ställe, die sie zu bauen begannen, nachdem Silber- fchwanz das Rennen gewonnen hatte? Na, die sind noch genau in der Verfassung, wie sie damals waren; auch nicht um ein Atom vorwärts gekommen." „Wetten scheint keinem einzigen Glück zu bringen. Mich geht es ja nichts an, aber wenn ich Du wäre, so würde ich es aufgeben und lieber irgend eine ordentliche Arbeit anfangen." „Mir ist es bis jetzt noch ganz gut bekommen. Wo würde ich denn heute sein, wenn ich nicht gewettet hätte?" „Sind also all die Dienstboten fort von.Woodview? Was mag aus ihnen geworden sein?" „Erinnerst Du Dich noch meiner Mutter, der Köchin? Sie ist vor ein paar Jahren gestorben." „Mrs. Latch! Oh, das thut mir sehr leid!" „Na, es war'ne alte Frau! Du erinnerst Dich doch auch' noch John Randals? Der hat jetzt'ne Stelle in Cumberland Place, nahe Marble Arch; manchmal kommt er rum zu mir in den„Kings-Head" und trinkt was. Sarah Tucker, die hat auch irgendwo in der Stadt'ne Stellung. Was aus Margarets Gale geworden ist, weiß ich nicht." „Die habe ich eines Tages im Strand getroffen. Ich hatte den ganzen Tag über nichts gegessen, war fast ohnmächtig vor Hunger, und da führte sie mich in ein Wirtshaus und gab mir zu essen." „Hier sind wir endlich in Peckham," sagte William. Sie gaben ihre Billets ab und traten hinaus in eine un- regelmäßig gebaute, kleine Straße voller armseliger, kleiner Häuser und elender kleiner Läden. „Hier herum," sagte Esther,„hier geht's nach dem Rye." „Da wohnt Jackie?" „Nicht weit davon. Kennst Du East Dulwich?" „Nein, hier bin ich noch nie gewesen." „Mrs. Lewis, das ist die Frau, die ihn in Pstege hak, wohnt in East Dulwich, das ist nicht weit von hier. Wir haben von hier etwa noch eine Viertelstunde zu gehen. Das ist Dir doch nicht zu weit?" „Wenn ich mit Dir gehe, nein," erwiderte William galant, und sie gingen weiter. Sie kamen durch eine Art Park, über eine kleine Brücke und in ein weites Feld hinein. William verglich dieses mit der Ehester Rennbahn. „Aber doch lange nicht so groß?" sagte Esther. Nun wandten sie sich nach rechts und stiegen eine lange, monotone und sehr häßliche Straße hinan, die sich bergauf wand und auf beiden Seiten von ganz kleinen Häusern und noch kleineren Gärten begrenzt war. Auf dem Gipfel dieses Hügels befand sich ein Stück freies Feld, das mit Bäumen be- pflanzt war. Da kam ihnen ein kleiner Junge entgegen- gelaufen, llnd sowie er ihn sah. hatte William die deutliche Empfindung, daß das sein Kind war. „Wie der kleine Kerl rennt!" sagte er bewundernd,„er wird sich noch den Hals brechen, wenn er nicht vorsichtiger ist." (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Das Dreieck. Skizze von Lisa Wenger-Ruutz. Inmitten einer saftigen, grünen Wiese stand ein großes Bauern- haus mit kleinen Fenstern. Vor den Fenstern blühten eine Menge Geranien und Fuchsien, und hinter den Fenstern sah man oft ein altes Gesicht voll Runzeln, mit stark gebogener Nase und freundlichen. manchmal unruhig flackernden Augen. Das war der Matten-Uli, der Vater des jetzigen Bauern. Er war sehr alt und nicht mehr fähig. seinem Sohne irgendwie in der Wirtschaft an die Hand zu gehen, seine Hände zitterten und nur ganz langsam kam er, auf seinen Stock gestützt, vorwärts. VordemHause.aufderSonnenseite.hatte seinSohn eineBank angebracht, da saß der Alte bei warmem Wetter den ganzen Tag. Seine Leute waren nicht unfreundlich gegen ihn, es gab ihm keiner ein unfreundliches Wort, man schob ihn nicht beiseite, wenn er irgendwo im Wege stand, er bekam auch sein rechtes Essen, aber es hatte niemand mehr Freude an ihm, es hatte niemand Zeit für ihn und es hatte niemand Geduld mit ihm. Und ein wenig Geduld mutzte man freilich haben mit dem alten Uli. Er war kindisch ge- worden und seine Geisteskräfte hatten bedeutend abgenommen. Eine einzige Sache beschäftigte ihn noch und die nahm sein ganzes Denken in Anspruch, das war das Dreieck, das„richtige" Dreieck, wie er es nannte. Er hätte so gerne gewußt, ob an einem richtigen Dreieck alle drei Seiten gleich lang seien. Wie er gerade darauf gekommen, konnte man nur vermuten. Vor einiger Zeit waren neben seinem Land Vermessungen vorge- nommen worden; es hatte sich dabei um ein Dreieck gehandelt, das wie ein Kell in seine Wiese hineingeklemmt war. Der alte Bauer hatte mit regem Interesse an den Verhandlungen teilgenommen. Das Resultat war für chn. daß der Begriff eines Dreiecks, eines richtigen, sich in seinem Kopf festgesetzt hatte und nun darin spukte und ihn beunruhigte. Der Matten-Uli ist übercx, hieß es. Der Vater ist kindisch ge- worden, sagten seine Leute. Und von dem Tag an war es reine Barmherzigkeit, daß man freundlich gegen ihn war, und der Bauer und seine Frau rechneten es sich hoch an, daß sie den Vater nicht aus seinem sonnigen Zimmer mit den Geranien vertrieben und ihm seinen Kaffee gaben um vier Uhr, wenn die Bäuerin sich welchen kochte. Da saß er denn auf seiner Bank vor dem Haus und hielt die große, weiße Hauskatze, die Zenzi, auf den Knien und streichelte sie ittti seiner braunen, harten, verarbeiteten Hanb. Von Zeit zu Zeit nahm er einen Stock und zeichnete em gleichtmntliges Dreieck auf die Erde und sah es lange an, immer leise vor sich hinmurmelnd. Kam dann jemand, so frug er:„Kannst Du mir nicht sagen, ob an einem richtigen Dreieck alle drei Seiten gleich lang sind?" und sah den Betreffenden fragend und flehend an, aber selten hatte einer Zeit, bei ihm stehen zu bleiben und seine Frage zu beantworten. Zuletzt hörte man gar nicht mehr hin, wenn er etwas sagte, und der Alte mußte den ganzen Tag seinem Problem nachsinnen. Einmal gegen Abend kam ein kleines, etwa achtjähriges Büblein daher und wollte frische Milch haben. Es schlenkerte seine Blechkannen hin und her und pfiff so vergnügt dazu, wie einer der Vögelchen, die auf dem Hollunderbaum saßen, der vor dem Hause stand. „Guten Abend, Großvater," sagte es, den Alten anredend, wie es in der Gegend Sitte war, und der Alte fuhr aus seinem Sinnen in die Höhe. „Guten Abend, Bübli," grüßte er, und sah das Kind glücklich an, denn er liebte Kinder und sein Sohn hatte keine;„Du bist aber ein liebes Bübli." Der Kleine lachte ein wenig verlegen ob des Lobes und blieb bei dem Alten stehen. „Bübli," sagte der, und sah den Kleinen fast ängstlich an. „könntest Tu mir nicht sagen, ob an einem rechten Dreieck alle drei Seiten gleich lang sind?" Ganz verblüfft ob der Frage, schüttelte das Kind mit dem Kopf. „Nein, das weiß ich nickt," sagte es ernsthaft,„aber weißt Du, ich kann ja morgen den Schulmeister fragen I" „Ja, Bübli, ja. das mußt Du tun;" sagte freudestrahlend der Alte,„gelt Du thust es und vergißt es nicht? Ich schenke Dir gewiß einen schönen Apfel." Das Kind versprach es und ging in den Stall, um seine Milch zu holen. Als es wieder fort war, nickte der alte Uli beständig vor sich hin und lachte über das ganze Gesicht.„Morgen weiß ich es, niorgen sagt es mir das Bübli." Am nächsten Morgen saß er schon früh auf der Bank vor dem Haus und spähte die Landstraße hinunter, die an der Wiese vorbei- führte, ob das Bübli noch nicht komme. Er ging sogar mit ganz kleinen wackligen Schritten den schmalen Weg entlang, der durch die Wiese führte und in die Straße mündete. Dort sah er sich nach allen Seiten um. Als niemand kani, kehrte er auf seinen alten Platz zurück. Den ganzen Tag war er vergnügt und freute, sich, daß es ihm nun endlich jemand sagen würde, was er schon so oft gefragt und doch noch immer nicht wußte. Endlich kam das Kind. Ms es guten Abend gesagt, frug der Alte gespannt:„Weißt Du es?" „Ja freilich," lachte der Junge,„der Lehrer hat gesagt: natürlich seien alle Seiten gleich lang an einem richtigen Dreieck, sonst wäre es ja gar keines." „Hcrt er das gesagt? Nim, da bin ich doch froh. Ja, da bin ich wirklich recht froh. Also gleich lang seien sie, hat er gesagt?" „Ja, das hat er," bestätigte das Büblein.„Sieh einmal. Groß- Vater, was ich heute für schöne Zahlen gemacht habe!" Er zeigte dem Alten sein Rechenheft und er, der sonst für nichts mehr Sinn hatte als für seine Dreiecke, ergriff das Heft und sah es aufmerksam durch, rechnete leise die Zahlen nach und tätschelte den Kleinen auf die rote Wange. „Freilich, freilich. Tu bist ein gescheiter Junge! Und alle Seiten seien gleich lang, sagte er. gelt?" Der Kleine nickte und holte seine Milch. Am andern Abend, als er wiederkam, sah ihn der Alte bekümmert an.„Bübli," sagte er,„ich weiß gar nicht, ob an einem richtigen Dreieck alle Seiten gleich lang sind?" „Ja, Großvater, hast Du es schon wieder vergessen? Der Lehrer hat es ja gestern gesagt I" „Freilich, freilich hat er! Ich weiß es wohl, aber es ist drum nicht sicher I Wenn ich es nur sicher wüßte!" „Weißt Du was, Großvater," sagte das Büblein eifrig,„wir wollen eins zeichnen und dann messen wir es." „Ja, Bübli, ja, das wollen wir tun," nickte der Großvater und wurde ganz lebendig. Er nahm seinen Stock und zeichnete ein gleich- schenkliches Dreieck in das Gemisch von Staub, Erde und Sand vor der Bmik. Aber es wurde krumm und ungleich. Da ergriff der Junge den Stock, legte ihn auf die Erde und zeichnete und maß, und wischte aus und zeichnete wieder, daß die Augen des Alten vor Freude glänzten. Endlich war der Bube zufrieden mit semem Machwerk. Erholte einen Bindfaden aus der Tasche und fing an die drei Seiten des Dreiecks damit auszumessen. „Es stimmt, es stimmt! Siehst Du wohl, Großvater, siehst Du wohl, sie sind alle gleich!" triumphierte er. Der Großvater hatte mit höchstem Interesse zugesehen und klatschte nun wie ein Kind in die Hände vor Freude. „Wahrhastig, sie sind alle gleich, alle drei, alle ganz gleich! Ja, nun sehe ich es, natürlich, nun kann ich es ganz gut sehen. Da, Du liebes Bübli, hast Du ctwaS." Er zog aus der einen Hosentasche eine ganze Handvoll dürrer Apfeschnitze und aus der andern Zwetschen. Die hatte er sich mit vieler Mühe im Speicher selbst geholt und gab sie nun dem Jungen, der sofort ein paar in den Mund steckte. Wieder wartete am nächsten Tag der Alte voll Ungeduld auf seineu kleinen Freund. Ms er gegrüßt hatte, sagte Uli:„Hansli, hör einmal, könntest Du mir nicht sagen, ob an einem rechten Dreieck alle drei Seiten gleich lang sind?" Ganz erschrocken starrte der Junge den Alten an. „Aber. Großvater, der Lehrer hat es ja gesagt und wir haben es ja gemessen!" „Freilich, freilich." sagte kleinlaut der Alte,„aber weißt Du. tch weih es halt doch nicht sicher." Einen Augenblick besann sich der Kleine, dann sagte er:„Hör einmal, Großvater, Du gehst ja doch nicht mehr in die Schule, da brauchst Du das gar nicht mehr zu wissen." „Es ist auch wahr. Hansli." atmete der alte Uli ersichtlich aus. „ich brauche es ja gar nicht zu wissen!" Daraus zeigte der Kleine dem Alten sein Schreibheft und er» zählte ihm, daß der Lehrer ihnen heute Steine gezeigt habe und gesagt, wie sie hießen, und daß er nun solche suchen wolle. Eifrig hörte der Großvater zu und vergaß nicht, dem Hansli ein paar Äpfelschnitze zu geben. Abend für Abend stellte nun der alte Bauer dieselbe Frage au das Kind, und jedesmal fand der Kleine eine beruhigende Antwort. Fand er einmal keine, so lenkte er den Alten ab, erzählte aus de» Schule, zeigte ihm Steine und Moose oder ein Vogelnest, das er gefunden und worüber der Lehrer ihm vieles hatte sagen können. Den ganzen Tag freute sich der Alte auf das Kind, und belästigte die Seinen selten mehr mit seiner Frage. Er sparte sie für den Hansli und der antwortete ihm immer gleich steundlich und eifrig. Eines Abends als der Knabe kam um seine Milch zu Holm, war der Großvater nicht da und auch sonst niemand zu sehen. „Großvater!" rief er laut. Da hörte er in der Stube mit den Geranien seinen Namen rufen und stieg die Treppe hinauf, fand auch schnell die rechte Tür und machte auf. Da lag der Großvater in seinem Bett, hatte fieber- heiße Wangen und hustete. „Ich bin krank, Hansli, ich habe Schmerzen in der Brust, ich kann nicht recht denken! DaS Dreieck, Hansli, das Dreieck, was ist doch mit dem Dreieck?" „He, Großvater, was wird's sein? DaS Dreieck hat halt drei gleich lange Seiten, das ist alles!" „Richttg, richtig, Hansli! Richtig, richtig, es hat drei gleich lange Seiten! Niemand weiß es, nur Du weißt eS, Hansli! Du bist ein lieber Bub, Hansli, komm ich will Dir etwas geben." Ec tastete mit den zitternden Händen unter seinem Kopfkissen und gab Hans einen Schlüssel. „Da, Hansli, da," sagte er mit seiner heiseren, leisen Stimme, „mach' den Schrank auf." Hans that es.„Im schwarzen Rock, weißt Du, der, in dem ich zum Abendmahl gehe, ist etwas in der hintern Tasche. Gieb es mir." Der Knabe that wie ihm geheißen und brachte einen Beutel aus Schweinsblase, wie ihn die Bauern oft gebrauchen, um ihren Tabak darin aufzubewahren. Der Alte öffnete ihn und zeigte Hans den Inhalt. Er war voll Goldstücke. „Nimm," flüsterte Uli und band hastig den Beutel wieder zu. „nimm schnell. Das ist für Dich, weil Du es gewußt hast. Du allein! Das Dreieck..." murmelte er dann vor sich hin. Das Fieber begann zu steigen. Hans ging. Unten begegnete er der Bäuerin.„Was hast Du denn da. Junge?" frug sie mißtrauisch, als sie den schweren Beutel sah, den Hans in beiden Händen trug. „Das hat mir der Großvater gegeben." „Gieb her," schrie die Frau und ritz ihm den Beutel aus den Händen, öffnete ihn und sah, daß er voll Goldstücke war. Sie wurde ganz bleich.„Das ist nicht für Dich, Kind." sagte sie dann schwer atmend,„der Vater wußte nicht, was er that. Er ist verrückt, Du weißt es." Sie besann sich einen Augenblick.„Da," sagte sie dann, und bot Hans eines der Goldstücke, der es schüchtern nahm,„bring das Deiner Mutter und sage ihr. die Matteu-Bäuerin hätte es Dir gegeben, weil Du so gut gegen den Vater gewesen. Und nun geh', Kind!" Sie drängte Hans vor die Thüre, ging mit dem Geld in ihre Stube und verriegelte sie.— Als Hans am andern Abend wiederkam, war der Großvater sterbend. Hans setzte sich an sein Bett. Bei dem Geräusch, das er dabei machte, öffnete der Sterbende die Augen. „Bübli." flüsterte er fast unverständlich,„was war es doch? Das Dreieck?" Hans sagte:„Es hat drei ganz gleiche Seiten. Großvater," abe» der alte Matten-Uli hörte ihn nicht mehr, er war tot.— lfteiues fcialleton. tt. Morgenlicd der Schwalbe. Der Morgen leuchtet golden in den Hof hinein. Die Sonne ist noch so ttaumumfanaen, so jugend» lich und feurig. In ihren Augen glüht noch die Hoffnung des An- fängers; später, wenn fie die Hälfte ihrer Reise zurückgelegt uitd all das Elend der Erde gesehen hat, dann schaut fie grell und nüchtern und leidenschaftslos herab auf unser Treiben. Aber schon und iuß ist doch der Wahn ani Morgen! Der Tau perlt auf allen Blunten, die Lust ist noch so rein. Wie aus einem Bade steigt die Welt am Morgen hervor. Es ist alles so schön und stark und gut am Morgen. Durch dt« Glieder rinnt eni kraftvoller Strom, fie sehnen sich danach zu schaffen. Wie geschäftig sich die Brüder und Schwestern regen, bald sind sie stier, bald sind sie da, und wenn sie einander begegnen, dann sagen sie sich höflich Guten Morgen und plaudern mit cmander Es ist noch kein böser Laut in ihrem Munde, noch kein böser Gedanke in ihren sanften Augen. Wie lustig sie sich regen,>vie graziös sie dabei schweben in der leichten Luft I Arbeit ist Spiel und Spiel ist Arbeit. Der ganze Hof lebt und bewegt sich unter ihrem steten Gehen und Kommen und Flattern und Schweben und Sichwiegen und Auf- und Niederfliegen. Wie kleine Pfeile schwirren sie in der Luft umher, wie zarte, sanfte Pfeile, die der Wind spielend bald hierhin, bald dorthin trägt. Bald nähern sie sich andren, bald entfernen die sich neckisch, um nur desto lieber wieder zusammen zu kommen. Ach, wie der Morgen voll Eintracht ist! Wie süß und erhebend es ist, einträchtigen Wesen zuzusehen. Kein Wort kann eS sagen, kein Lied kann es singen, Wie ich sie liebe, alle die schönen, leichtbeschwingten Wesen in der Luft I Kleinen Sicheln gleichen ihre anmutigen Flügel und ihr Steuer ist in eine zierliche Gabel ausgezogen. Soviel Anmut hat kein andres Wesen auf der Welt, kein andres fliegt so leicht I Ich möchte ihnen allen sagen, ivie gern ich sie sehe und wie mein Herz jubelt bei ihrem munteren Reigen in der Luft. Es giebt so viel Freude in der Welt, lind jeder freut sich über uns, wenn wir traulich an ihm vorüberfliegen. Ach, aber es giebt auch Feinde, und manchmal giebt es leider auch Streit. Könnte nicht immer Friede und Harmonie unter uns allen sein, wie jetzt an diesem goldenen, träumerischen Morgen, Könnte nicht einer den andern verstehen, einer dem andern helfen und ihm ein gutes Wort des Friedens sagen. Warum ist das Wort so rauh, daß die Seele blutet, wenn sie es hört? Wie leicht könnte unser Leben sein, wenn wir immer zu einander hielten. Die Erde spendet von allem genug. Ein jeder findet, tvas er braucht, um sich ein Heim zu bauen. Ein jeder findet ein liebendes Herz, das sich mit ihm vereint. Ich weis; nicht, warum es in mir so jubelt an diesem goldigen Morgen. Wird nicht eine andre Zeit kommen? Ach, dast mein Lied so schwach ist. Wie wenige werden es hören. Unzählige Lieder ver- klingen täglich. Aber sie singen nicht vom Frieden, wohl darum müssen sie so schnell sterben. Welch zaubervolles Licht durchstrahlt diese reine Morgenlust! Kommt, kommt, Schwestern, Brüder, singt es mit mir, das Lied vom Frieden!— elc.„Das Hauptzollamt ist offen"— pflegen die Bauern des bastrisch-böhmischen Waldgebirges zu sagen, sobald der Schnee weg ist und der Frühling auf den Höhen seinen Einzug gehalten hat. Hiermit beginnt nämlich das Handels- und Schmugglergeschäft mit böhmischen Ochsen, die dann zollfrei über die„Granitz" sGrenze) geschafft werden. Denn gar mancher Waldler, der's nicht nötig hätte und dem's keiner ansieht und der so thut, als kenne er den Sinn der obigen Spitzmarke nicht, zieht ans der Schwärzcrei einen machmal ansehnlichen Gelvinn. Daß dies Geschäft so leicht sei, läfzt sich angesichts der Wachsainkeit der Grcnzaufseher nicht so ohne weiteres be- hauptcn. Da heiszt es für die„Pharisäer", das sind die schmuggelnden Bauern, die Schlauheit der„Zöllner", welche Tag und Nacht ihre Strecke kontrollieren, zu übertrumpfen. Die Spionage wird deshalb auf beiden Seiten mit höchstem Raffinement betrieben. Dem Schmuggler kommts darauf an, ganz genau zu wissen, um welche Stunde und Minute der„Grenzer" die und die Strasze passierte, wo und zu ivclchcr Zeit dieser sich im Wachthaus vom Vorgesetzten in seinem Kontroll- buch den Dienstgang bestätigen lassen muß, um nun solche Momente zur Bugsierung des Viehes über die Grenze zu benutzen. Natürlich steht letzteres schon in deren unmittelbarer Nähe irgendwo im Ver- steck, oder es tummelt sich auf der Weide. Das hat auch tveiter nichts Ausfälliges, weil die Bauern ihren ganzen Viehbestand Sommers über draußen haben. Anders steht es schon bei nächt- lichem Schmuggel. Da müssen besondere VorsichtSinaßregeln ge- troffen Iverden. Sie bestehen darin, daß man die Hufe der Ochsen mit Woll- oder Leinenlappen umwickelt, damit sie leise auftreten können. Rasch gehts dann über die Grenze. Weil aber auch die Aufseher oft außer der üblichen Zeit ihr Revier kontrollieren, so könnte es leicht geschehen, daß sie die Schmuggler oder ihre lebende Ware vorzeitig abfangen. Um solche? zu verhüten, bedienen sich die Bauern diesseits und jenseits der Grenze besonderer Ver- ständigungszeichen. Ist es am Tage nicht zu„hoanrucki" (höhenrauchig), das heißt soviel, daß der Ausblick auf die jenseitigen Höhen nicht durch Nebel verdeckt ist, dann hält cs nicht allzuschwer, sich durch Späher von drüben her ver- gewisser» zu lasten, ob„die Luft rein" ist oder nicht. Nachts müssen kurze Blickfeuer von verdeckten Laternen oder von sonstigen Leucht- körpern als Signale benutzt werden. Passierts aber doch, daß man voin„Grenzer" überrascht wird, so läßt der Schmuggler ruhigen Blutes ein paar Ochsen als Beute abfangen und ist nun sicher, daß, während die„Zöllner" damit beschäftigt sind, unterdessen mit dem übriggebliebenen Vieh der bayrische Boden ungefährdet erreicht wird. Kurz, der Schliche und Kniffe, die auf beiden Seiten angewendet werden, sind Legion und der tragikomischen„Stückeln", die jahraus jahrein längs der böhmer Waldgrenze passieren, nicht minder.— j�ulturgeschichtliches. — Speisezettel von 1764 und 1766. Die„Frankfurter Zeitung" bringt zwei Speisezettel, die Dr. Diehl im 2S. Band der„Monurnenta Germaniae Paedagogiea" veröffentlicht hat, zum Wiederabdruck. Die beiden Schinausereien fanden bei Gelegenheit des Examens der Lateinschule in dem oberhessischen Städtchen Nidda statt. Sie lauten: „Nidda, den 28. August 1764. Wurde mit dem Slernwirth Johannes Orth wegen der zu haltenden Herbst Oxamon Mahlzeit aoooräirst und demselben von jeder Person Ein Gulden Acht Albus versprochen worden. Dabey demselben aufferlegt ist, folgende Speiße auffzutragcn: I. a) Eine Suppe nebst Huhn b) Wirsing Krauth nebst Brodwürst und spanisch Brod e) Sauer Krauth mit schweinen Fleisch d) Rindfleisch mit Scnsst oder Mcrrettich o) Eine Pastete nebst gcflüget oder Sauer Fleisch. 11. a) Earpcn mit Brüh oder Blau d) Kalb oder cingebictzt Fleisch g c) Hecht mit Brüh d) Gebackenes. III. a) Braten mit Salat b) Gebratene Hahnen mit Quetschen c) Krebs d) Torten e) Klingen oder Brctzel k) Allerlch Obst." Handelt es sich hierbei um drei verschiedene Mahlzeiten an einem Tage, so bezieht sich der zweite Zettel nur auf ein Essen. „Nidda, den t. Sept. 1766. Wurde wegen der aufs künstigcn Montag zu haltenden Examen Mahlzeit mit dem zeitigen Sternwirt Ludwig Rullmann accordiret und demselben vor nachstehendes Essen nchmlich Eine Suppe Gcinüß und Brathwurst Ein Stück Rindfleisch mit Zugehör Ein Essen Earpcn Gebratene Haßcn Kalbs Brathen Dorten und Bretzeln von jeder Pcrsohn, die der alten Observantz nach bei dießen Tractemeni adhibiret worden, 27 alb. versprochen." Daß dabei auch nicht schlecht gebechert wurde, lehren andre Ein- träge. 1766 z. B. vertilgen in Nidda 19 geladene Gäste 66 Maß Wein und 21 Maß Bier!— Httnioristisches. — Sekundärbahn-Jdyll.„Sind die Züge auf dieser Strecke immer so leer?" „Na, ich sag' Ihnen, neulich bin ich'mal in ein Coups ein« gestiegen, da war sogar a' Mausfall'n aufg' stellt!"— — Unter Vorbehalt. Richter:„Sind Sie nun bereit, nach dem vorgeschlagenen Vergleich die gegen den Herrn Kläger ausgcstoßenen Schimpfworte— Ochse und Kameel— zurück« zunehmen?" Angeklagter:„Jawohl— aber vorläufig nur auf ein Jahr!"— — Blaues Blut. Bäuerin:„... Was S' nöt fag'n I A' b l a u' s Bluat hab'n S', Frau Baronin?... O mei, o mei — kann mer denn gar nix dagegen thun?"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Da- Kleine Theater bereitet eine Aufführung von S t r i n d b e r g s„Fräulein I u l i e" vor: Gertrud Eysoldt wird die Titelrolle, Hans Waßmann den Diener spielen.— — B e r na r d Shaws Komödie„Helden" hat bei der Aufführung im Deutschen Schauspielhause zu Ham« bürg keinen rechten Erfolg finden können.— — Georg Michael Conrads Vierakter„Kehraus" hat bei der Erstaufführung im Münchener Schauspielhause nicht gefallen.— — In der Dresdener H o f o p e r werden an vier Montagen volkstümliche Sin fonie-Konzerte zu ermäßigten Preisen gegeben werden.— — Im Salon Cassirer beginnt am 21. April eine Paul Cezanne- Ausstellung.— — Weißfelchen im Laacher See. Ein sehr interessanter Versuch des Rheinischen Fischereivereins ist, wie Halbfaß im „Globus" mitteilt, geglückt. Vor 12 Jahren setzte dieser Verein Weißfelchen in den Laacher See aus und im Dezember vorigen Jahres wurden in einem Netzzuge 1166 dieser in Deutschland nur noch im Bodensee vorkommenden äußerst schmackhaften.Fische im Geiamtgewichte von rund 9Ccntner gefangen. Die Fische, die sehr gut genährt aussahen, wogen durchschnittlich b/ Pfund. Von den ge« fangenen Fischen wurden zwei bis drei Millionen Eier gewonnen und befruchtet und dann mangels geeigneter Einrichtungen zur künstlichen Erbrütung in den See geschüttet. Im nächsten Jahre soll der Fang an fünf bis sechs Stellen des Sees betrieben werden, und man kann auf das Ergebnis sehr gespannt sein.— Verantwortl. Redakteur: Paul Bültner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanftaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.