Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 79. Donnerstag, den 21. April. 1904 (Nnchdnlll uevOolcn.) 4öi Sftber Maters. Roman von George Moore. Esther sah ihren-Knaben.- vor sich stehen in einem neuen, schwarzen Sammetanzug und einer himmelblauseidenen 5irawl�5e. „Sein Vater— ich meine Mr. Latch— war Donnerstag früh hier und nahm ihn mit nach—" „Nahm mich mit nach London," fügte der Kleine ein. „Und brachte ihn in diesen Kleidern zurück." „Wir waren in einein so großen. Laden in Oxford Street," sagte der Kleine,„und die Leute mußten so viele Anzüge her- unterholen, bis mir einer paßte. Es war'recht schwer, etwas zu finden, was Vater gefiel, und ich glaubte schon, wir würden fortgehen, ohne einen Anzug gefunden zu haben, aber ich konnte doch nicht in diesen alten Kleidern mit Vater in London umher- laufen. Die sehen wirklich ruppig aus, nicht wahr?" sagte er und stieß verächtlich mit den Füßen danach. Es war dies ein kleiner grauer Anzug, den Esther ihm mit ihren eignen Fingern genäht hatte.„Vater hat mir auch noch Maß nehmen lassen zu einem zweiten Anzug, aber der wird erst in einigen Tagen fertig werden. Und dann ist er mit mir nach dem Zoologischen Garten gegangen, wo wir die Löwen und die Tiger und eine ganze Menge Affen sahen. Da ist zum Beispiel einer— aber warum siehst Du so böse aus, lieb Mütterchen? Gehst Du denn niemals mit Vater in London spazieren? London ist wunderschön. Und dann gingen wir durch den Park und sahen eine Menge Jungen, die Boote auf dem Fluß schwinimen ließen. Vater fragte mich, ob ich auch ein Boot hätte. Aber ich sagte. Du hättest nicht Geld genug, um mir Spielsachen zu kaufen. Er fand das sehr traurig für mich, und auf dem Wege nach dem Bahnhof hielten wir vor einem Spielwarenladen an und er kaufte mir ein Boot. Darf ich es Dir zeigen?" Jackie war viel zu beschäftigt mit dem Gedanken an sein neues Boot, um den Ausdruck der intensiven Bitterkeit auf seiner Mutter Antlih zu bemerken. Mrs. Lewis aber sah es und wollte ihm schon zurufen, es bleiben zu lassen, aber bevor sie sich noch zu irgend etwas entschließen konnte, hatte er das Boot schon angeschleppt und zwang es seiner Mutter in die Hand. „Dies hat drei Segel und einen Mast. Siehst Du, das ist ein Kutter, Vater hat es mir gesagt. In einer halben Stunde wird er hier sein, wir wollen dann das Boot in dein großen Teich da drüben schwimmen lassen, und wenir es gut hinüberkommt, will er mich mitnehmen nach dem Park, wo das Wasser drei-, viermal so groß ist wie hier. Glaubst Du, Mütterchen, daß mein Boot dort rüberkommen wird? Ich weiß nicht, wie es heißt. Wie heißt es doch, Mütterchen?" „Achi ich weiß nicht, langweile mich doch nicht mit Deinem Boot." „Aber, Mütterchen, bist Du mir denn böse, weil Du mein Boot gar nicht ansehen willst? lind willst Du nicht mit mir und Vater nach dem Wasser gehen, wenn wir es schwimmen lassen?" „Nein, ich will nicht mit Dir gehen. Du brauchst mich gar nicht mehr. Ich habe kein Geld, um Dir Boote zu kaufen. Nun laß mich doch endlich zufrieden mit Deinem langweiligen Boot,," und gereizt, ärgerlich, wie sie war, nahm sie das Spiel- zeug und schleuderte es übers Zimmer hinüber. Beim Anprall gegen die Wand zerbrach der Mast, und die Segel und Schnüre lagen nun in einem verwirrten Haufen. Jackie lief schnell hinzu; er hob sein Spielzeug auf und sah sehr traurig aus. „Nun kann es nicht mehr schwimmen," sagte er,„der Mast ist zerbrochen und die Segel zerrissen. Mütterchen— warum hast Du mir mein Boot zerbrochen?" Das Kind brach in Thränen aus. In diesem Augenblick trat William ein. „Warum weint das Kind?" fragte er, und aus seiner Stimme ertöpte ein leichter Ton von Autorität, der Esther ungemein empörte. „Was geht es Dich an, warum er weint?" sagte sie, indem sie sich umwandte.„Was geht das Kind Dich überhaupt an, daß Du Dir das Recht herausnehmen darfst, hierher zu kommen und Befehle zu geben? Solche Niederträchtigkeit aber sieht Dir ganz ähnlich. Erst bittest Du und flehst mich an. Dich das Kind sehen zu lassen, und dann kommst Du nachher heimlich hierher und versuchst es, durch einen neuen Anzug und ein ele»des»>Lpielzeug mir seine Liebe zu stehlen." „Aber, Esther, Esther, einen solchen Gedanken Hab' ich nie gehabt! �Jch habe wahrhaftig keine böse Absicht dabei ge- habt. Mrs. Lewis meinte nur, das Kind bedürfte ein wenig der Zerstreuung, und da—" „Ah, also Mrs. Lewis hat Dich gebeten, ihn nach London mitzunehmen?! Merkwürdig, welchen Einfluß doch ein bißchen Geld auf die Menschen hat! Seit Du nur den Fuß in dies Haus gesetzt hast, thut sie nichts andres mehr, als vor Dir dienern und knicksen. Es gefiel mir ja gleich nicht, aber ich glaubte doch nicht, daß sie so treulos zu mir werden würde." Und plötzlich wandte sie sich heftig zu ihrer alten Freundin und sagte:„Wer hat Dir erlaubt, ihm das Kind zu geben, und wenn es auch nur auf eine Stunde war? Wer bezahlt Dir die Pension für das Kind, er oder ich? Sag' mir das doch, was hat er Dir dafür gegeben, ein neues Kleid oder Geld?" „O,, Esther, ich bin erstaunt! Wie kannst Du so zu mir sprechen? Wie kannst Du nach all diesen Jahren, die wir uns kennen, von mir glauben, daß ich bestechlich sei?" Mrs. Lewis verbarg ihre Augen hinter ihrer Schürz?, und Jackie schlich sich hinüber zu seinem Vater. „Ich habe das Boot nicht zerbrochen, Vater, Mütterchen hat's gethan. Sie ist ganz wütend; ich weiß nicht, warum; aber ich habe nichts gethan." William nahm das Kind auf seinen Schoß. „Mütterchen hat es auch nicht absichtlich zerbrochen; so, nun sei ein guter Junge und weine nicht mehr." Jackie blickte durch seine Thränen hindurch den Vater an. „Wirst Du mir ein andres Boot kaufen? Aber heilte sind die Läden ja nicht offen." Dailn sprang er von seines Vaters Schoß herab, nahm das Spielzeug auf, kam zu Williain heran und sagte: „Könnten wir es nicht wieder in Ordnung bringen?, Was glaubst Du?" „Jackie, Liebchen, laß Deinen Vater zufrieden, geh' ins andre Zimmer, mein Kind!" sagte Mrs. Lewis. „Nein," sagte Esther,„laß ihn ruhig hier bleiben. Ich will nichts mehr mit ihin zu thun haben; er kann in Zukunft sich mit allem an seinen Vater wenden." Und sie wandte sich um und ging nach der Thür. Der kleine Kerl aber warf sein Boot nieder, lief ihr nach und hing sich verzweifelnd an ihren Rock. „Nein, Mütterchen, nein. Du mußt nicht gehen; ich frage gar nichts mehr nach dem Boot. Ich habe Dich viel lieber als das Boot, ich brauche gar kein Boot." „Esther, Esther, was ist das für ein Unsinn? So höre doch zu!" „Nein, ich will Dir nicht mehr zuhören; Du aber sollst jetzt mir zuhören. Alles sollst Du jetzt hören! Als ich Dich letzte Woche hierherführte, fragtest Du mich im Zuge, waS ich all diese Jahre über gethan hätte. Damals wollte ich Dir nicht direkt darauf antworten, jetzt will ich es thu». Ich bin im Armenhause gewesen." „Im Armenhause?" „Ja; wundert Dich das?" Und nun begann sie zu sprechen und schleuderte ihm ihre Worte entgegen, als wären es Ziegelsteine gewesen, und er- zählte ihm die ganze Geschichte der letzten acht Jahre. Die Geschichte vom Hospital, von Mrs. Rivers, von Mrs. Spires, von der Nacht auf der Brücke am Flußufer und vom Armen- hause. „Und als ich aus dem Armenhause herauskam," fuhr sie fort,„da bin ich durch ganz London gewandert, um eine Stelle zu finden mit sechzehn Pfund per Jahr, denn das war das Wenigste, was ich annehnren konnte, da ich für das Kind zu sorgen hatte, und als ich eine solche Stelle nicht finden konnte. da saß ich hier und aß trockenes Brot. Die kann es Dir sagen," — sie deutete auf Mrs. Lewis—„die hat es alles mit an- gesehen. Von der Schande und dem Spott und dem Hohn, die _ o ich zu ertragen hatte, habe ich noch gar nichts gesagt. Du würdest das ja gar nicht verstehen. Und aus wie vielen Stellen hat man mich herausgeworfen, als man hörte, daß ich ein Kind habe, denn man wollte keine leichtsinnigen Frauenzimmer im Hause haben. Leichtsinnige Frauenzimmer! Ja. so hat man mir gesagt. Und während i ch dies alles durchmachte, lebtest Du in Reichtum und Ueppigkeit mit einer feinen Dame im Auslande, und nun, wo sie Dich nicht mehr haben will, wo sie Dich rausgeworfeu hat, nun kommst Du hierher zu meinem Kinde und verlangst Deinen Anteil daran. Deinen Anteil! Mit welchem Recht? Tu hast gar keinen Anteil daran— gar keinen!" „Esther!" „Und dann kommst Du hierher in Deiner niedrigen, kriechenden Art und Weise und versuchst mir des Kindes Liebe hinwegzustehlen." Sie konnte nicht mehr sprechen. Vor der Gewalt ihrer Leidenschaft versiegte ihre lörperliche Kraft, und das Schweigen. das jetzt im Ziminer herrschte, wirkte fürchterlicher noch als ihre heftigen Worte. William stand da, beschämt, entsetzt, und wünschte nur, dasi die Erde ihn verschlingen möchte. Mrs. Lewis beobachtete Esthers bleiches Antlitz und fürchtete, sie würde in Ohnmacht fallen. Jackic hielt vor Staunen Mund und Augen weit geöffnet und das zerbrochene Boot ruhig in einer Hand. Er hatte nichts voi? der ganzen Scene verstanden; die Heftigkeit seiner Mutter hatte ihn erschreckt. und das erschrockene, kindliche Schluchzen, in welches er schließlich ausbrach, beendete glücklicherweise die peinliche Scene. Mrs. Lewis nahm ihn in ihre Arme und versuchte ihn zu beruhigen. Willian» wollte sprechen, er bewegte die Lippen, aber er brachte kein Wort hervor. Mrs. Lewis flüsterte ihm zu: „Jetzt können Sic nichts mit ihr machen, sie ist zu auf- geregt. Gehen Sie jetzt lieber; wer weiß, was sie sonst noch sagt." William verstand die Anspielung. „Wenn einer von uns beiden von hier weggehen muß," sagte er,„so bin ich es natürlich." Er stand an der Thür, mit seinem Hut in der Hand, und wartete, ob Esther noch etwas sagen würde. Aber sie stand da, mit dem Rücken zu ihm gekehrt, und schwieg. Endlich sagte er: „Adieu, Jackie; Du willst mich mm wohl nie mehr wieder- sehen?" Jackie warf als einzige Antwort sein Boot weg und barg sein Gesicht an Mrs. Lewis' Schulter. Willianls Gesicht zeigte deutlich, daß Jackies Antwort ihn kränkte. „Bitte Deine Mutter, mir zu verzeihen." sagte er.„und Du hast ganz recht, sie mehr zu lieben als mich; sie ist Dir stets eine gute Mutter gewesen." Er setzte seinen Hut auf und ging ohne ein weiteres Wort zur Thür hinaus. Keiner sprach, und das Schweigen, wurde immer peinlicher. Jackie betrachtete sein zerbrochenes Boot, und dann nahm er es und trug es weg in eine Ecke, als inter- essierte es ihn nicht länger. Er nahm den vorher verschmähten alten, grauen Anzug auf und ging damit ins Nebenzimmer hinein. Heute würde man nun doch nicht mehr nach dem Wasser hingehen, da konnte er ebensogut den neuen Anzug ausziehen. Auch gefiel er seiner Mutter in den alten Kleidern besser. Als er wieder zurückkam, hatte er die alten Kleider an, und seiner Mutter that das Herz weh, als sie ihn so sah und bedachte, wie hart und grausam sie vorher zu ihm gewesen war. Sie zog ihn zärtlich in ihre Arme. „Du sollst ein neues Boot haben, mein Liebling," sagte sie,„ebenso schön, wie das, das ich zerbrochen habe." „Wirklich, Mütterchen? Eins mit drei Segeln und einem Mast, einen wirklichen Kutter?" „Ja, mein Liebchen, Du sollst ein Boot mit drei Segeln bekommen." „Wann willst Du mir das Boot kaufen� Mütterchen? Morgen?" „So bald als irgend möglich, Jackie!" Dies Versprechen schien ihn zu befriedigen, aber plötzlich fragte er: „Wird Vater nun nie mehr zurückkommen?" .Willst Tu ihn denn zurückhaben?" (Fortsetzung folgt.)] Berliner Kunftfalone. Die plastische Kunst Victor Rousseaus, der bei Keller und Reiner ausstellt, zerfällt deutlich in drei verschiedene Stoff» gebiete. Einmal sind es kleinplastische Gruppen uud Figuren. Hier giebt er sein Bestes. In diesen kleinen Bronzen versteht er charakteristische Bewegungen elegant festzuhalten und das Augen» blickliche einer Haltung erhöht er unmerklich zu einem symbolischen Ausdruck. Graziös ist die Gruppe„Antiker Tanz", leichtbeschwingt, ohne spielerisch zu werden. Ernst und feierlich steht die„Mutter", die das Kind auf dem Arm hält. Und in in sich gekehrter Haltung träumt ein Mensch und sinnt einer fernen Vergangenheit nach:„Erinnerung".„Harmlos" nennt Rousseau das Spiel zweier Riädchen, die im Lausen sich fangen. Auch da, wo Rousseau nur einen Akt giebt, wie in«Frau mit Hut", wirkt er durch die feine Art, mit der er diese kleine Figur groß hinstellt. Das zweite Gebiet sind die Porträts. Sie sind in Stein ge» dacht. Hier fehlt bis dahin die persönliche Note. Es ist eine Un- entschiedenheit in der Handhabung des Meißels, die bald zur akademischen Gelecklheit werden kann. Die sachliche Beschränkung ist zu einfach. Es seblt ein großer Zug ins Seelische, der das Porträt zur Bedeutung erhebt, die nicht nur der Person des Dargestellten klar wird. Nur ein Frauenporträt in Profilstellung wirkt durch die strenge Harmonie der Linien, die herb und charakteristisch sind. Diese Büste ist in einem Zuge hingestellt und das Nebensächliche hat sich vom geklärten Kern losgelöst. Zu dritt pflegt Rousseau, der belgische Bildhauer, die große, symbolische Darstellung. Doch hier wird er leer. Er füllt die Grenzen, die er sich zu weit steckt, nicht aus. Und beängstigend gähnt die Leere. So ist seine„Demeter" kein erbaulich Stück, und das„Verhängnis" bleibt zu sehr Schablone. Wo der Kern dieses Talents steckt, ist schwer zu sagen. Die Auswahl ist nicht reichhaltig genug. Jedenfalls giebt sie keinen An- halt. Giebt sie das Wesen des Künstlers dennoch vollständig wieder, so ist sein Können wohl respektabel uud sein Wollen strebt dahin, trotz Anlehnung an Vorbilder, selbständige Wege zu gehen und Be- wegungsmotivc feinplastisch auszugestalten. Doch es haftet ihm etwas an, etwas Sanft- Akadeinisches, das über einen gewissen Mangel zier- lich hinwegtäuscht. Neben Rousseau nimmt der Maler Kays er- Ei chberg den größten Teil des Ausstellungssaales in Anspruch. Er sieht derb und unver» fälscht das Stück Nawr, in dem er lebt. Es sind märkische Motive. Kiesern, die ficki in den blauen Himmel recken. Wasser mit Schilf. Dorf nach Regen. Verschneite Landschaft. Alles ist klar betont, so daß ein dekorativer Zug unverkennbar aus dieser Gegenüberstellung der farbigen Gegensätze sich ergiebt. Am besten versteht Kayser den Schnee wiederzugeben und das Wasser. Seine Motive, von Leistikow zweifellos angeregt, sind nicht so träumerisch und tief erfaßt, wie es die Art des genannten Malers ist. Jedoch ist diese kühlere Malweise, die frisch und unmittelbar wirkt, offenbar in dem Teniperament begründet und es ist gerade von Vorteil, daß Kayser da seinen eigenen Weg sucht. Seligmann- Paris giebt die Landschaft nicht so ungeschminkt wieder. Er wertet sie ab. Er vergleicht. Und giebt dem Bilde einen sanften, blassen Schimmer, durch den er die Dinge sieht. Ist es Mode, die er mitmacht oder eigene Initiative? Es ist schwer zu ent- scheiden. Zumal er in seinen Sachen so wenig hervortritt. Sie können ebenso gut von einem talentvollen Kopf einem anderen nach- empfunden sein. Seine besten Arbeiten sind Waldstücke. Da giebt er die graue, stille Lust zwischen den Stämmen sehr fein. A. S a ch e t t o- München giebt kleine Bildchen, in denen er festzuhalten sucht, was ihn entzückt. Es find ganz harmlose Sachen. Jntsrieur. Ausblick aus dem Fenster. Ein Dach. Aber man merkt, sie sind mit Liebe gesehen, und die einfache Art, wie der Maler diese Dinge wiedergiebt, nimmt unwillkürlich für ihn ein. Sachetto hat einen ausgeprägten Sinn stir feine Stimmungen. Das be» weisen die rote Brücke über den Kanal(er nennt es:„Aus Berlin"), der„Abend" und der„Morgen"; in beiden Bildern geht er der Luftstinimung nach und schafft aus dem Zusammenwirken der Färb» töne die Stimmung, die Zeit des Tages. Gegen ihn hebt sich scharf Eduard Elle-Brüsselab, der die Dinge giebt wie er sie sieht. Zwar liebt auch er das Nebeneinander bunter Farben. Aber er bevorzugt hier die Freiheit, stimmt nicht ab und seine kleinen Gartenstücke— in der Art stimmt er mit Sachetto wohl überein, mir die Maltendenz ist eine andre— wirken prickelnd und lebendig in dem lebhasten Sprühen der Farben. Gerade weil die Bilder so klein sind, wirken sie. Ins Große übertrieben, würden sie banal wirken. Andre Scenen wählt Elle vom Markt, wo er mich Gelegenheit hat, in kleinen Ausschnitten malerisch feine Punkte zu finden. Es ist eigentlich ein Durcheinander in dieser Ausstellung. Und weshalb Sabine Reicke da noch mit zwei Bildern— eins davon stellt den Bürgermeister dar— vertreten ist, ist unklar. Sie bringt noch mehr Unordnung in das Zuviel hinein. Zudem ist ihr Farben» empfinden öußerlich-modern und wenig sympathisch. Es ist geschmack» los, um es offen zu sagen. Doch Keller und Reiner suchen ein Kauf- Publikum und strecken daher ihre Fühler nach allen Richtungen aus. Man darf bei ihnen nicht so streng künstlerisch werten. Auch in Schuttes Kunstsalon sind gleich mehrere Künstler mit Einzelkollektionen vertreten. Die Bilder von Agathe Herr- mann sind unpersönlich und flau, und wenn man auch gewohnt ist. bei Schulte allerlei zu sehen,»vorüber man den Kops schüttelt, so ist dies selbst hier beinahe unverständlich. Wohlgemerkt— es giebt noch Geschmackloseres in diesen Sälen, die als Treffpunkt für bestimmte Gesellschaftskreise dienen, in denen die Damen, in Seide rauschend, gelangweilt die Wände betrachten. Doch man merkt so gar nichts von eignem Sehen bei ihr und das bitzchen Farbengefühl sieht so angelernt aus. Ludwig Dettmann, der Leiter der Mademie in Königs» berg, dem man angeraten hat, er solle doch seine secessionistische Malweise aufgeben, oder man werde ihm den Laufpaß geben, scheint sich diese Mahnung zu Herzen genommen zu haben. Bedeutend war er nie. Aber es giebt tüchtigere Sachen von ihm, als diese senti- mentalen Stücke. Auch farbig ist er morsch geworden. Wie fein und kräftig stellte er ftüher manchmal die Farben gegen einander. Es machte wohl oft den Eindruck des allzu sehr Gewollten, jedoch es war doch etwas. Aber diese großen Lein- wandflächen, in denen Dettmann ein Liebespaar in der Frühlingsnacht giebt, dann dasselbe im Kornfeld. dann noch einmal am Kirchhofe— das ist des Guten zu viel. Und auch das herannahende Gewitter auf einem andren Bilde wirkt banal. die Sonne sieht so reglementmäßig aus und das ganze Bild mit den beiden Leuten, die sich gegen den Wind beugen, wirkt fatal ge- macht, gestellt, ausgedacht. Es ist nichts Gutes, was uns Dettmann, der einst mit unter den Fortschrittlern marschierte, hier zeigt. Es ist Schablone. Die Akademieluft scheint doch der künstlerischen Lebens« kraft nicht günstig zu sein. Besser sind zwei kleine Stücke„Enten hinterm Hause",„Aus der Amrumer Heide". Diese sind ohne Prätension und ehrlich herunter gemalt. Die Porträts von Karl Ziegler, der augenblicklich ein beliebter Porträtmaler sein soll, sind grauenhast. Geleckt. Geziert. Roh. In Charakteristik wie Farbengebung banal. Photographie ist Kunst dagegen. Außerdem hängen im Oberlichtsaal noch eine Reihe von Bildern von Friedrich Fehr. Diese machen den günsttgsten Eindruck. Freilich muß man sich an sie gewöhnen. Und sie bedürfen vielleicht dieser Folie des Minderwertigen, um sich so herauszuheben. Aber man sieht wenigstens den Willen und das Streben, persön- lich zu sehen und das Gesehene wiederzugeben. Die Farben find wohl noch dunkel und schwer, zäh und lehmig. Aber im ganzen schält sich ein Charakter heraus, der sich treu bleibt. Es ist eignes Farbengefühl, düstere Accorde, gegen die ein Rot oder Grün gesetzt ist. Manchmal ist das Licht nicht richtig verteilt und die Lichtquelle erscheint unmotiviert und forciert. Doch ist wenigstens der Versuch gemacht, die Atmosphäre ins Bild zu zwingen. Noch sind die Farben zu schwer. Und über deni Ganzen liegt lähmend eine trübe Stimmung. A. Hazledine- Brüfiel weiß mit interessanten Bildern aus der alten, toten Stadt Brügge zu fesseln. Er giebt da einsame Gassen hinter dem Thor an der Stadtmauer, sttlle Straßen, wo die Frauen draußen fitzen, alte Märkte, auf denen weißbärtige Gestalten ihren Kram ausbieten, und die merkwürdigen, altertümlichen Häuschen mit den roten Dächern schauen, wie seit Jahrhunderten, diesem Treiben zu. Es ist nicht nur das Aeußerliche, das Lokale, das bei Hazledine fefielt. Er weiß die intime Stimmung wieder im Bilde hervorzuzaubern. Der Frankfurt-Cronberger Künstlerbund ist kollektiv vertreten. Im allgemeinen ist sein Niveau nicht aufsehenerregend. Manche recht trostlose Bilder sind darunter und es liegt keine Ver- anlassung, ihrer viel Erwähnung zu thun. Nur die, die unter ihnen auffallen, seien daher genannt. Das ist R. G u d d e n mit einem andalusischen Dorf(hier hilft allerdings das an sich interessante Sujet dem Künstler, diese gleichfarbigen, bräunlichen, platten Dächer des Dorfes über der lang hingestreckten grünen Ebene, gegen den Rücken eines kahlen Höhenzuges gelehnt, woraus sich ein feiner Farbenzusammenklang ergiebt) und R. H a p p mit einem frisch und natürlich empftmdenen„Hohlweg" und Rob. Hoffmann.— E r n st Schur. kleines feirillcton. k. Hut-Etikette in Korea. Zu den merkwürdigsten Sitten in Korea gehört die Hut-Etikette. Von altersher knüpften sich Vor» stellungcn von Rang und Würde an das Tragen eines besttmmten Hutes. Die Hüte sind in Korea keinen Modewandlungen unter- warfen, denn schon zu den Zeiten der Ming-Dynastte und deS Kon- fuziuS trug man Hüte, die aus demselben Material gearbeitet waren und dieselbe Form hatten wie heute. Es giebt Hüte für alle Stände und alle festlichen Gelegenheiten, für den hohen und niederen Adel, für kleine Beamte, Sänftenträger und für fast jede Ceremonie. Es giebt Hüte, die getragen werden, wenn jemand das Mannesaltcr er- reicht, ja, es giebt sogar bestimmte Examens», Verlobungs- und Hochzeitshllte, Hüte endlich, die während der Trauerzeit und zu offiziellen Besuchen bei hohen Würdenträgern aufgesetzt werden. Der Hut ist ein Ehrenzeichen und sein Fehlen ein Zeichen von Schande. Viele Jahre durften die Schlächter keine Hüte tragen, da sie nach der buddhistischen Lehre, die es für eine Sünde hält, einem Wesen das Leben zu nehmen, eine verachtete Klasse sind. Im Jahre 1892 jedoch wurde in einer Petition an die koreanische Regierung beantragt, daß es den Schlächtern in den acht Provinzen erlaubt sein möge. Hüte zu tragen. In der Petition wurden die Leiden der Schlächter geschildert, Wie sitz 500 Jahre lang bedrückt worden wären, obgleich sie kein Verbrechen gegen ihr Land begangen hätten. Die Regierung gab diesem Gesuch statt. Als nun der Schlächter Pak, der das Bittgesuch aufgesetzt hatte, von dem Erfolg der Petitton.benachrichtigt wurde, schrieb er an die Landschlächter, teilte ihnen die bevorstehende Befreiung mit und warnte sie davor, durch diese plötzliche Rangerhöhung„aufgeblasen" zu werden. Einen Monat später wurden Plakate mit der Bekannt- machung, daß die Petition genehmigt sei, im ganzen Lande an- geschlagen. Die Schlächter von Söul durften schon einige Monate früher Hüte tragen, aber wenn ein Landschlächter vorher mit einem Hut ging, rief man ihm zu:„Du Hund von Schlächter, warum trägst Du einen Hut wie unsereiner I" Schlächter werden für niedriger als Bettler angesehen, denn es heißt:„Aus einem Bettler kann noch etwas gemacht werden, aber ein Schlächter kann unmög- lich jemals höher steigen..." Wenn ein Knabe sieben Jahre alt wird, beginnt er einen geknoteten Haarbüschel zu tragen, der nie seine Form ändert. Jeder Koreaner trägt Tag und Nacht ein Band um den Kopf. Die Hüte werden auf dem Scheitel getragen, mit Huwadeln an die Haarknoten gesteckt und mit Schnüren oder Bän- dern unter dem Kinn gebunden. Zu der Kopsbedeckung des korea- nischen Adels gehören auch kreisrunde oder ringförmige Standes- abzcichen, eine Art Knöpfe von etwa einem halben Zoll im Durch» niesser, die hinter den Ohren getragen und durch ein Band an, Kopfe befestigt werden. Amüsant ist die Rangliste des Adels, die man aus diesen Standesabzeichen erhält. Fünf Grade des Adels werden auf diese Weise sinnbildlich dargestellt: erster Rang: weißer glatter Nephrit; zweiter Rang: glattes Gold; dritter Rang: ciseliertcs Gold; vierter Rang: geschnitzter weißer Nephrit; fünfter Rang: Schildpatt(früher Silberj. Der Knopf der königlichen Familie besteht aus glattem grünen Nephrit. Der Nattonalhut Koreas(kat) ist aus feiner Seide über einem Bambusgestell gearbeitet und gesteift. Der cylinderische Kopf ist abgestumpft, und die breite Krempe hat lange Bindebänder. Der Kopf ist 4'/z Zoll hoch, und die Krempe hat einen Durchmesser von 18 Zoll. Früher war sie infolge einer königlichen Verordnung viel breiter, damit die Verschwörer nicht mit einander flüstern konnten, denn infolge der breiten, steifen Krempe blieb ein bestimmter Zwischenraum zwischen ihnen, der ver- trauliche Gespräche ausschloß. Der„üon" ist ein breites, kreisrundes Band aus schwarzem Roßhaar, 7'/, Zoll hoch, und wird von An- gehörigen der Gelehrtenklasse getragen. die noch kein Examen gemacht oder ein Amt gehabt haben. Für die untere Klasse der Kaufleute oder Arbeiter aber ist dieser Hut „tabu". Zu dem koreanischen Civildienstexamen gehört die Prüfungskappe„yu kon", die aus grobem, schwarzem Baumwollstoff in Form einer Papierdüte besteht, 9 Zoll hoch ist und einen Durch- meffer von 7 Zoll hat. Sie wird von Studenten nur bei gelehrten Prüfungen getragen, die jährlich stattfinden. Dieser Hut. der vor mehreren Jahrhunderten aus China eingeführt wurde, soll die Form des Berges haben, in dessen Nähe Konsuzius geboren wurde. Der Hoshut oder offizielle Hut, samo, ist 7 Zoll hoch mit einein hohen, abgestuften Kops aus steifem Lackpapier und Bambus mit schwarzem Satin bezogen. Er schließt dicht über der Stirn, und hinten sind an jeder Seite gebogene, ohrförmige Flügel aus Gaze, die wagerecht vorragen. Dies ist die eigentliche „Krone" von Korea. Sic darf nur bei offiziellen Gelegenheiten vom Adel gelragen werden, außerdem aber dürfen Regierungs- beamte zu einer Audienz bei dem Kaiser in diesen hochosfiziellen Kopfbedeckungen erscheinen. Die Flügel sollen gemacht worden sein, um Ohren zu gleichen, die aufmerksam jedes vom König geäußerte Wort des Befehls in sich aufnehmen. Der kaiserliche Hut oder die Krone des Kaisers von Korea hat dieselbe Form wie der„samo", nur sind die Flügel nicht wagerecht, sondern senkrecht, zum Zeichen, daß der König seine Befehle nur vom Himmel erhält. Die Flügel heißen„Zikaden-FIiigcl"; da die Zikade das Emblem des Friedens ist und der König und die vornehmen Leute um den Frieden und die Wohlfahrt ihres Landes bemüht sind, schmücken die Zikadenflügel als Friedenssymbol ihren Kopfputz.— Aus dem Tierleben. — Im Hamburger Verein für naturwissenschaftliche Unter- Haltung berichtete Dr. Timm über die Untersuchungen, die die Gräfin Dr. v. Linden an den bunten Färb st offen angestellt hat, durch die die Flügel der Tagfalter aus der Gattung Vanessa(Admiral, Fuchs. Pfauenauge, Trauermantel usw.) geziert sind. Der„Hamburgische Korrespondent" bringt über den Vor- trag das Folgende: Der Farbstoff ist in den Flügelanlagcn der jungen Puppe znnächst grünlich, um dann durch gelb in rot und braun überzugehen. Auch die aus dem Ei schlüpfenden Raupen sind zunächst gelblich grün, um später rotfleckig und dann dunkel zu werden. Durch Reagentien läßt sich nun ein ähnlicher Farbenwcchtel hervorbringen. Sauerstoffentziehendc Mittel betvirken einen Um» schlag in Karminrot, oxydierende dagegen in Gelb. Diese Umwandlungen zeigen,"daß der Farbstoff, der nach seinem spektroskopischen Verhalten die größte Aehnlichkeit mit dem Gallen- und Harnfarbstoff hat, sehr geeignet ist, Sauerstoff aufzunehmen und an die Organe abzugeben. Die Gräfin hat eine große Reche von chemischen Versuchen angestellt, die einerseits die Verwandt- schast des Farbstoffes mit dein Blut-, Gallen- und Harnfarbstoff darthun, andrerseits beweisen, daß der im Darminhalt und den Exkrementen der Raupen sowie in deren Blut und in den Flügeln der Schmetterlinge befindliche Farbstoff verschiedene OxydationS- stufen eines und desselben Stoffes sind, der durch direkte Umwand- lung des aufgenommenen Blattgrüns entsteht. Im Darm der Raupen findet sich zunächst eine alkalische Blattgrünlösung, die all- mählich durch die vom Körper abgesonderten Säuren in eine rote Lösung übergeht, deren Körnchen von amöboiden Zellen verzehrt und durch den Körper transportiert werden und die der Schmetter- ling zum Teil absondert. So scheint der bunte Farbstoff, ähnlich wie in nnserm Körper der Blutfarbstoff, im Schmetterlinge den notwendigen Gasanstausch zu unterhalten. Ferner glaubt die Verfasserin, daß er auch die Aufspeicherung von Reservestoffen der- inittelt, eine Meinung, die dadurch gestützt wird, daß die Larven der Schmarotzerfliegen, von denen viele Raupen befallen sind, den Färb- stoff derselben in sich aufnehmen und verbrauchen. Die bunten Farben des Vancssenfliigels sind demnach verschiedene Oxydationsstufcn dieses Stoffwechselvermittlers.— Aus dem Pflanzenleben. — Ueber die schädliche Wirkung des Abkeimens der Saatkartoffeln schreibt Dr. Giersberg im Organ der hannoverschen Landwirtschaftskammer das Folgende: Noch in sehr vielen Wirtschaften achtet man hierauf wenig, ist man ja doch ge- wohnt, vor der Benutzung der Kartoffeln zur Saat ein Abkeimen vorzunehmen, und geschieht dies auch sogar noch in manchen sonst recht tüchtigen Wirtschaften ganz unbedenklich. In der Praxis hat man aber vielfach die Bemerkung gemacht, daff vorher stark ab- geleimte Kartoffeln nicht nur weniger Ertrag überhaupt liefern, eS darf auch als sicher angenommen werden, daß höchste Erttäge nur von nicht abgekeimtcn Kartoffeln zu erwarten sind. Der Grund hierfür ergiebt sich aus den über das Keimauge der Kartoffeln an- gestellten genauen Untersuchungen leicht. Denn nach denselben enthält das Keimauge drei Keime, von welchen zuerst nur der mittelste und kräftigste austreibt. Wird dieser Keim zerstört, abgebrochen, so treibt der zweite Keim aus, aber stets viel schwächer: eS folgt schon hieraus, daß die sich aus ihn« entwickelnde Pflanze nicht so kräftig ist, also auch nicht den gleich reichen Ertrag bringen kann wie die Pflanze aus dem erste», dem Hauptkeime. Geht auch der zweite Keim durch irgend einen Umstand verloren, so bleibt nur der dritte Keim noch; dieser aber liefert stets nur sehr fchwache Pflanzen und infolgedessen auch nur wenige, kleine und nicht widerstandsfähige Knollen. In einem genau durchgeführten Versuche ergaben sich z. B. nachstehende Resultate: Bei einmal abgekeimten Kartoffeln betrug gegenüber nicht abgekeimten der Minderertrag bei der Ernte 6 Proz. Derselbe stieg bei zweimaligem Abkeimen im Durchschnitt auf 17 bis 25, in einem Falle sogar auf 30 Proz.; zudem zeigten sich vielfach Leerstellen auf den Feldern, eine Folge davon, daß die zweimal ab- gekeimten Kartoffeln teilweise überhaupt nicht mehr gekeimt hatten. Aus diesen Resultaten ergiebt sich die dringende Notwendigkeit für jeden Wirtschafter, ernstlich bemüht zu sein, das vorzeitige Keimen der Kartoffeln zu verhüten. Solches gelingt fast sicher, wenn man die zur Saat bestimmten Kartoffeln möglichst kühl aufbewahrt und sie an einen luftigen Ort bringt, um sie abwelken zu lassen, wobei irgend eine Schädigung der Kartoffeln selbst durchaus nicht zu befürchten ist. Von Vorteil ist eS zudem, bei Eintritt wärmerer Witterung die Kartoffeln einmal durchzuschaufeln, indem die dabei entstehende Bewegung günstig in der angegebenen Richtung wirkt.— Astronomisches. — VomPlanetenMerkur. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Wir haben von jetzt bis Ende des Monats die seltene Gelegenheit, den Planeten Merkur am Abendhimmel zu beobachten, ieine Gelegenheit, die sich alljährlich etwa dreimal für die kurze Zeit von 14 Tagen bietet. Von den diesjährigen Erscheinungen ist die gegenwärtige die günstigste, da der Planet bis zu einer nördlichen Abweichung von 21'/. Grad ansteigt. Außerdem umgeben ihn be- kannte Sternbilder, die die Auffindung des Planeten, der von einem Stern wster bis zweiter Größe sich nur durch sein besonders weißes Licht unterscheidet, leicht ermöglichen. Noch steht im Südivcsten, wenn die Dämmerung schwach genug geworden ist. aufrecht das Kreuzgestirn des Orion. Rechts von ihm etwas oberhalb der Verbindungslinie der drei Gürtelsterne steht ein glänzender Stern erster Größe, der Aide- daran, der Hauptstern des Stiers, mit einer Reihe kleinerer Sterne, mit denen er zusammen die Form einer römischen Fünf bildc� Wieder rechts hiervon steht der Sternhaufen der Plejaden, die„Gluck- Henne", in welchem ein mittleres Auge sechs, ein scharfes zehn Sterne unterscheidet. Dicht rechts unterhalb dieses Sternhaufens findet sich Merkur jetzt und ist noch in Annäherung an ihn begriffen, die er un- unterbrochen fortsetzt, bis der immer frühere Untergang der ganzen «Gegend dem Schauspiel ein Ende macht. Der Untergang Merkurs terfolgt vom 20. bis 30. April allabendlich etwa 9'/- Uhr, von da ab täglich sieben Minuten früher, so daß der immer später erfolgende Sonnenuntergang bald den Planeten in der hellen Dämmerung ver- schwinden läßt.—< Technisches. — Neues Verfahren zurHerstellung unter- irdischer Leitungen in Beton. Ein sehr intereffantes Verfahren zur Herstellung unterirdischer Leitungen in Beton wendet man seit einiger Zeit mit bestem Erfolge in England an. In dem Vermitwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Graben, in welchem die Leitung hergestellt werden soll, werden kurze Eisenrohre, deren äußere Durchmeffer der Lichtweite der zu fertigen- den Leitung entspricht, hinter einander gelegt und nicht fest, aber gut mit einander verbunden, wobei hauptsächlich darauf zu achten ist, daß die Oberflächen der einzelnen Rohrlängen nicht im geringsten der- schoben sind und von einander abweichen. Durch Keile und dergleichen Mittel werden die Rohre in ihrer Lage genau und gut gehalten, und zwar in der Art, daß unter den Rohren ein gewisser freier Raum bleibt, die Rohre also nicht ihrer ganzen Länge nach aufliegen, sondern nur auf den Keilen ruhen, im übrigen aber frei schlveben. Die äußere Oberfläckje der so verlegten Rohre wird dann vollständig und gleich- mäßig mit einem aus einem Gemisch von Paraffin und Graphit be- stehenden Ucbcrzuge versehen, dessen Dicke ctlva 8 Mllimctcr beträgt. Hierauf lvird in den Graben Beton gegossen, der nun die Rohrleitung vollständig umfließt und einschließt. Sobald dann der Beton voll- ständig abgebunden hat und erhärtet ist, läßt man in die Rohrleitung heißen Dampf einströmen, der die Eiscnrohre erwärmt und dadurch den Paraffinüberzug zum Schmelzen bringt. Hierdurch werden die Rohre in dem nunmehr gebildeten Betonrohrc frei und können bequem aus diesem herausgezogen werden, womit die Herstellung der Beton- leitung beendet ist.—(„Prometheus".). Humoristisches. — Neugierig.„Mutter, wie erkennt man's, wenn ein Chinese die Gelbsucht hat?"— — Das ewige Leben. Es war einmal ein Russe, der war tot. Deshalb nannte man ihn den„E i n en r u ss i s ch e n Tote n". Er erblickte das Licht der Welt vor langer, langer Zeit im Krimkrieg und siedelte sich daselbst in zahllosen Depeschen an. Bei jedem Scharmützel war er zugegen und auch bei jedem Ge- fecht blieb er übrig. Als aber der russisch-türkische Krieg ausbrach, meldete er sich wieder wohlbehalten beim Höchstkommändierenden und that seinen Dienst als der eine russische Tote bis' zum Ende des Feldzuges. Seitdem wußte man nicht, was aus ihm geworden war, und es gab sogar Feldärzte, die behaupteten, er müsse in- zwischen gestorben sei»! selbst ein russischer Toter könne einen so ausgedehnten Frieden nicht überleben. Aber man hatte sich ge- täuscht und die Lcbenszähigkeit des Individuums unterschätzt. Denn kaum hatten die Feindseligkeiten in Ostasien begonnen, als der eine russische Tote feldmarschmäßig ausgerüstet im Lager erschien. Zuerst behauptete er sich bei Alexejew mit allen Ehren und neuerdings erklärte er, daß er entschlossen sei, unter Kuropatkins Führung alle Woche dreimal für's Vaterland zu fallen. Wie aber können die Japaner daran denken, jemals mit der russischen Armee fertig zu werden, wenn sogar der„Eine russische Tote" immer wieder Beweise von seiner Unsterblichkeit liefert?— — Ein kleines Mißverständnis. Ein österreichischer tauptmann schickt während eines Konzertes einen Soldaten zum apellmeister mit der Frage, wie das Lied heiße, das soeben gespielt wurde. Der Mann kommt zurück und meldet: Herr Hauptmann meld' g'hursamst, Liedl heißt Pospischill „PoSpischil? Unsinn." „Jawuhl, Herr Hauptmann, Hab' ich Kappelmeister fragt, wie heißte Liedl, was spielt hams, da sagt mi Käppelmeister:„So wie du", na und ich heiß:„Pospischill" Herr Hauptmann l"— („Lustige Blätter.") Notizen. — Ein neuer Heiliger? Nach einem Berliner Blatt soll in W i e n ein Stück„Brüder von Sankt Ohorn" ver- boten worden sein. Die Sache wird sich etwas anders verhalten. Professor Ohorn in Chemnitz ist der Verfasser des betreffenden Stückes. Er war, wie wir lvissen, auch katholischer Geistlicher. Heilig gesprochen wird er aber wohl kaum werden: er ist vor Jahren protestantisch geworden.— — Das Schauspielhaus bleibt wegen des Unibaues vom 26. April bis Ende Dezember d. I. geschlossen.— — Zobeltitz' Schauspiel„Die eiserne Krone", das ursprünglich für das Lcssing-Theater bestimmt war, wird nunmehr als eine der ersten Novitäten der kommenden Saison im Berliner Theater gegeben werden.— — Cyrill K i st l e r s dreiaktige Oper„Der Vogt auf M ü h l st e i n" fand bei der Erstaufführung im Düsseldorfer Stadttheater vielen Beifall.— — Für das Verdi-Denkmal zu Mailand wird ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben: ein erster Preis von 5009 Lire und fünf zweite Preise von je 1000 Lire. Der letzte Einlieferungstermin der Entwürfe ist der 10. Januar 1905.— — Die Neue Gemeinschaft in Schlachleusee will nach dem neuesten Partezettel am letzten September in Schönheit sterben. Der Termin ist günstig. Nach dem 1. Oktober müßten wieder die„ollen" Kanonenöfen vor, die rauchen oft, und das ist nicht gut„for die Schönheit."— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlaosanstaltVaul Sinaer LcCs.,BerlinLsV«