Hlnlerhallungsblatt des HorwSrls Nr. 81._ Sonntag, den 24. April. 1904 (Nachdruck verboten�) 4Si Gftbcr Maters. Nomon von George Moore. XXVIII. Esther ging durch dos Haus und verriegelte und ver- schlosz die Schüren. Als sie damit fertig war, drängten sich ihr diele schmerzliche Gedanken auf. Sie blieb am Fusz der Treppe stehen und wischte sich die Thränen aus den Augen weg. Ein Gefühl von Kummer, von geistigem Elend, so groß, daß sie es kaum begreifen konnte, und dem gegenüber sie keine Straft mehr in sich fühlte, überwältigte sie fast. Sie war sich nur noch der Thatsache bewußt, daß das Leben stärker war als sie: daß sie gegen das Schicksal nicht ankämpfen konnte, und daß ihr mich eigentlich schon gleichgültig war, was nun kam. Mit Not und Mißgeschick hatte sie sieghaft gekämpft; über ihre eigne Natur hatte sie zahllose Siege davongetragen: nun aber, wo es zum letzten entscheidenden Kampfe kam, fand sie keine Kraft mehr in sich vor. Sie hatte nicht einmal die Kraft, William böse zu sein. Sie wunderte sich nur, wie es möglich gewesen war. daß sie ihm erlaubt hatte, sie zu küssen. Sic mußte daran zurückdenken, wie sie ihn lange Zeit hindurch schon gehaßt hatte, und wunderte sich, daß sie ihn nun nicht mehr haßte. Sie hätte gar nicht mit ihm sprechen sollen: vor allen Dingen hätte sie ihm nicht das Kind zeigen sollen. Aber auch hierin war ihr Wille von andern Gewalten be- zwungen worden. Sie ging die Treppe hinauf. Sie schlief auf derselben Etage wie Miß Rice. Sie mußte daran denken, wie dieses gütige, ruhige, kleine Wesen so friedlich in seinem einsamen Bette dalag und schlief, und ein plötzlicher Impuls hätte sie fast dazu getrieben, jetzt zu ihrer Herrin hereinzugehen und ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Aber zu welchem Zweck? Helfen, raten konnte ihr doch keiner. Das mußte sie selber thun. Sie hatte Fred gern: sie wußte, daß sie beide gut mit- einander ausgekommen wären, und sie wäre ihm auch sicherlich eine gute Frau geworden, wenn sie William nicht getroffen hätte. Ja, sie wollte Fred heiraten. Sie versuchte sich in Ge- danken dcks Häuschen in Mortlake vorzustellen und wie sie beide darin so still und ruhig leben würden. Sie dachte an das einfache, schwarze Kleid, welches sie dort stets tragen würde, und diese Existenz erschien ihr so vollkommen natürlich, daß sie gar nicht begriff, wie sie nur überhaupt noch zögern könne. Wenn sie William heiratete, würde sie in das Wirtshaus zum „Kings Head" kommen. Sie würde dann täglich hinter dein Schanktisch stehen und die Knuden bedienen. Außer Unglück, Kummer und Not hatte sie bisher noch wenig vom Leben gesehen, und es lebte in ihr doch der instiicktive Wunsch, ein wenig mehr und Besseres vom Leben kennen zu lernen. In dem Häuschen in Mortlake würde es wenig davon geben: da würde die einzige Abwechselung die Bibelklasse sein. Diese ihre eignen Gedanken überraschten sie derart, daß sie plötzlich fast aufhörte zu denken. Solche Gedanken waren ihr noch nie zuvor gekommen: es schien ihr fast, als ob irgetrd ein andres Mädchen, welches sie gar nicht kannte, in diesem Moment für sie denke. Hatte sie den Wunsch, William zu heiraten und nach dem„Kings Head" zu gehen? Sie wußte es nicht. Sic kam sich vor wie einer, der an einem Scheidewege steht und noch nicht weiß, in welche Straße er einbiegen soll. Wenn sie den Weg einschlug, der nach Mortlake und zur Bibelklasse führte, so würde ihr Leben fortan ein ruhiges und friedliches sein. Sie konnte im voraus ihr ganzes Leben überblicken vom Anfang bis zum Ende, bis zu jener Zeit, wo Fred und sie alt geworden, zusammen dasitzen würden Hand in Hand, Seite an Seite, wie sie Freds Eltern sitzen gesehen hatte. Wenn sie aber den Weg einschltig, der nach dem WirtShause und den Rennplätzen führte, so wußte sie gar incht, was nicht alles ipassieren konnte. Aber William hatte ihr versprochen, ihr und dem Kinde fünfhundert Pfund zu verschreiben. Ihr Leben würde also auch nach dieser Richtung hin gesichert sein. Sie fühlte eigentlich die Verpflichtung, Fred zu heiraten: sie hatte es ihn;'.a versprochen. Sie wollte ihm eine gute Frau sein, tind er würde sie in die Lebensbahnen führen, in welche sie ihrer Natur nach paßte; in die Bahnen ihres Vaters, ihrer Mutter und ihrer Kindheit. Ja, sie wollte Fred heiraten,— aber— in diesem Augenblick schien sie etwas an der Kehle zu packen und zu würgen— Williams mächtige Gestalt stand wieder zwischen ihr und diesem Leben. Wenn sie ihn doch nur nicht damals vor so vielen Jahren in Woodview getroffen hätte! Wenn sie ihn nicht an jenem Abend in der Straße ge- troffen hätte, als sie ging, das Bier für ihre Herrin zu holen! Wie anders würde dann ihr ganzes Leben geworden sein! Oder hätte sie ihn wenigstens erst dann getroffen, nachdem sie schon mit Fred verheiratet war! Sie lag in ihrem Bett und wurde müde voit all dem Denken und wünschte fast, daß ein andrer für sie die Sache entscheiden könnte; wünschte, daß sie einschlafen könnte mit» aufwachen als die Frau des einen oder des andern. Indem sie einschlief, hatte sie noch das Gefühl, daß ihr Leben entweder ganz so oder ganz so werden müßte, und sie fühlte sich eigentlich für keins von beiden völlig vorbereitet. Sie hätte viel lieber einen Mittelweg eingeschlagen, und indem die Schleier des Schlafes sich über ihr Gehirn herabsenkten. empfand sie plötzlich, daß nun das Wunder vollbracht sei. Sie träumte von einem Manne, der die Eigenschaften beider besaß und weder ganz und gar aus Wirtshaus und Rennplätzen, noch ans Bibelklasse und Religion zusammengesetzt war. Aber solche Illusionen konnten natürlich nicht lange vorhalten. Die Traumgesichter zerflossen lind flössen wieder ineinander über, tind Esther erwachte mit klopfendem Herzen und in kaltem Schweiß gebadet, da sie geträumt hatte, sie habe nun alle beide geheiratet. XXIX. Wenn Fred gesagt hätte:„Komm fort mit mir!" so hätte Esther zweifellos dem elementaren Zug von Romantik, der in jeder weiblichen Natur schlummert, gehorcht und wäre ihm gefolgt. Aber als sie an dem Laden vorsprach, um etwas zu holen, erzählte er ihr nur von seiner Ferienreise, von den langen Spaziergängen, die er gemacht, und von den religiösen und politischen Zusammenkünften, denen er beigewohnt hatte. Esther hörte ihm zu wie im Traume, und unwillkürlich bedauerte sie, daß er nicht doch ein wenig anders wäre. Leicht» fertige Gedanken stürmten plötzlich auf sie ein. Er würde ihr besser gefallen haben, wenn er farbige Krawatten und ein kurzes Jackett trüge; sie hätte ihn mindestens halbwegs anders gewünscht, als er war. Sein sandfarbenes Haar, sein langer, loser Gehrock und seine schwarze Krawatte— alles das war ihr auf einmal un» 'angenehm. Aber er hatte eine fröhliche, helle Stimme, und wenn er mit ihr sprach, kam ihm ihr Herz stets gern entgegen, und sie hatte dann das bestimmte Gefühl, daß sie ihm ihr Leben furchtlos anvertrauen könne. Nur schien er sie nicht völlig zu verstehen, und gegen ihren Willen, gegen ihre bessere Einsicht bohrte der Gedanke sich immer tiefer in ihr Hirn hinein, daß sie nicht recht daran thäte, Jackie von seinem Zvirk- lichen Vater zu trennen. Sie mußte Fred die ganze Wahrheit sagen. Wohl wußte sie, daß er sie nicht verstehen würde. Aber geschehen mußte es doch, und so ließ sie ihm denn sagen, daß sie ihn abends gern sprechen wolle, wenn er aus dem Geschäft käme, so etwa um acht Uhr. Die Uhr hatte noch kaum acht geschlagen, als jemand leise ans Fenster klopfte. Sie öffnete die Thür, und er kam herein und sah sie ein wenig erstaunt an, weil sie ihn so schweigend empfing.. � „Ich hoffe, es ist nichts passiert," sagte er,„wie?" „O ja, doch, es ist sogar viel passiert. Ich fürchte, wir werden einander nie heiraten, Fred: das war's, was ich Dir sagen wollte." „Was soll das heißen, Estherl Was soll denn unsrer Heirat im Wege stehen?" Sie gab keine Antwort, und er fuhr fort: „Hast Du mich denn nicht mehr gern?" „Ach ja, ja; nein, daran liegt es nicht." „Ist Jackies Vater vielleicht zurückgekommen?." „Jawohl, das ist's, was passiert ist." „Es thut mir leid, daß dieser Mann Dir wieder begegnet ist. Ich denke, Du sagtest mir, daß er verheiratet seil Aber, * — 322- Isther, bitte, quäle mich doch nicht unnütz, was hat er Dir gethan?" „Setz Dich: steh' nicht so da und starre mich an: ich will Dir die ganze Geschichte erzählen." Und nun erzählte Esther ihm die ganze Geschichte und betonte(janz besonders die Thatsache, wie sie ihr möglichstes gethan hätte, um William von dem Kinde fern zu halten; und aus dem Klang ihrer Stimme, während sie so sprach, ersah er, wieviel sie darüber gelitten hatte und noch litt. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß gar nicht, wie Du ihm das hättest verbieten können." Er sagte noch mehrere Dinge, welche Esther nicht der- stand, aber sie erriet doch ungefähr, was er meinte und sagte: „Das hat auch mein Fräulein gesagt, sie hat mich dazu überredet, ihn das Kind sehen zu lassen. Ich aber wußte im voraus, daß, wenn er erst einmal das Kind ficht, ich ihn nie wieder los werden würde; und nun ist's so gekommen, und ich werde ihn nie wicher los werden." „Aber er hat doch kein Anrecht auf Dich. Das sieht ihm ganz ähnlich, so'nem niedrigen, schlechten Kerl, der erst ein Mädchen sitzen läßt, ihr nachher nachzulaufen, um sie wieder zu gewinnen. Aber Tu brauchst durchaus keine Furcht zu haben: überlasse ihn nur mir, ich werde schon mit ihm fertig werden." Unwillkürlich streifte Esthers Blick seine kleine, dürftige Gestalt. «Nein, Du kannst nichts thun," sagte sie, und Thränen zitterten in ihren Augen,„hierbei kann mir niemand helfen. Er will, daß ich mit ihm von hier fort gehen und zusammen leben soll, damit seine Frau im stände ist, die Scheidung zu beantragen." „Was? Er will, daß Du mit ihm zusammen leben sollst? Aber, Esther! Sicherlich— Tu— Du denkst doch nicht daran?" „Ja: ich soll zu ihm kommen und mit ihm leben als seine Frau: damit seine Frau sich von ihm scheiden lassen kann. Wie kann ich ihm das eigentlich abschlagen?" „Esther, sprichst Du im Ernst? Nein, es ist nicht möglich. Du hast mir gesagt, daß Du ihn nicht mehr liebst und über- Haupt—" Er brach ab und wartete, was sie sagen würde. „Ja," sagte sie rasch,„ich sehe aber doch keinen andern Ausweg." „Esther, dieser Mann hat Dich von neuem in Versuchung geführt, und Du hast nicht gebetet?!" Sie envidcrte nichts darauf. „Ich will nichts mehr davon hören," sagte er und ergriff seinen Hut.„Ich würde es nie geglaubt haben, wenn Du es mir nicht selbst gesagt hättest; nein, und wenn die ganze Welt es mir bestätigt hätte, ich würde es nicht geglaubt haben. Du liebst diesen Mann, obwohl Du's vielleicht selber nicht weißt, und Du hast Dir diese Geschichte selbst erdacht, um einen Vor- wand zu haben, mich los zu werden. Adieu, Esther." „Aber, Fred, lieber Fred! So höre doch, höre, was ich sagen will; s o mußt Du nicht von mir weggehen. Du bist ja der einzige Freund, den ich habe, laß mich doch wenigstens Dir alles erklären." lFortsetzung folgt.); Die Diceps-Internationale. Seit Wochen ist die als kühl verschriene öffentliche Meinung Berlins fieberhaft erregt. Wem gilt solch seelisches Aufgebot? Ist's Ostasien, Südwestaftika, die kapitalistischen Zechcnkatastrophen im Ruhrrevier, sind's die Greuel des Strafvollzuges, die wasserwirtschaftlichen Vor- lagen, die Soldatenmißhandlungen, das preußische Wahlrecht oder die Kündigung der Handelsverträge? Was geht dergleichen Zeug die öffentliche Meinung von Berlin an! Ein andres Feld menschheitlicher Probleme ist es, auf das sich die heißen Gemüter stürzen. Kein Begriff ist dieser öffent- lichen Meinung zu schwierig; sie tummelt sich in einer neuen geheimnisvollen Welt, in der man statt der Berliner Muttersprache, so wonniglich und traut, Vokabeln von einer dämonisch mythologischen Urkraft verwendet: Match, Halb- und Doppelnelsons. Genickmassage, Armfallgriffe, Pirouetten, Brücken, Krawatten, Roulade, Schultcrdrehgriff. Das ist der rätselhafte Dialekt, in dem die öffentliche Meinung Berlins mit den höchsten Problemen der gegenwärtigen Kultur— ringt. Ringt! Alle Herzen schlagen stürmisch, alle Gehirne arbeiten leidenschaftlich, alle Augen starre« glänzend, alle Lippen zucken krampfig und aus Tausenden von Kehlen strömt unaufhaltsam ein rasender Sturzbach verhaltener Schreie, angstvoller Seufzer, jubelnder Jauchzer, empörter Flüche, lüsternen Gekichers und wilden Gelächters. Denn dazu ist den Menschen die Vernunft verliehen, daß sie endlich das Problem lösen:Wer wen amöftestenanfdenRückeJr legt, s o daß beideSchultern den Teppich berühren? Ist das etwa keine Frage, welche die Menschheit im Innersten berührt? Entfesselt es nicht die edelsten natioualsten Triebe, wenn man mit stockendem Atem verfolgt, ob der Deutsche oder der Spanier oder der Franzose oder der Holländer auf den Rücken zu liegen kommt? Und zugleich giebt es hier, zum Unterschied von den Ringkämpfen der Gehirne, keine Zweifel und Skrupel. Jeder sieht sofort, wer im Recht ist, wo die höhere nationale Kraft, wo die minderwertige Rasse sich äußert; wer auf den, Rücken liegt, hat Unrecht— wo gäbe eS sonst in dem Streit der Welt einen so untrüglichen Maßstab I Sechshuudertneununddreißig Muskeln hat, wie man mir von vertrauenswürdiger Seite mitteilt, der Mensch. Die Krone aber dieser Vielheit, der Generalissimus dieser Armee der lebendigen Kräfte ist der zweiköpfige Armmuskel, der BicepS, ein Vorderarm- beuger. Wenn dieser Biceps gewaltig anschwillt>md sich verhärtet und wie eine steinerne Riesenleberwurst auf den Knochen liegt, dann ist das goldene Zeitalter für die Sterblichen hereingebrochen. Dieser Kultus des Biceps ist die neue Religion, die alle metaphysischen und dogmatischen Streitigkeiten durch Herbei- führnng der Rückenlage endgültig m den Sand streckt, löst und erledigt. Es ist eine Weltreligion, die alle Völker zusammenftihrt und im gewaltigen Wetteifer zu den erhabensten Höhen führt. Die Zungenmuskeln trennen, der Biceps vereinigt. Die Kirche kehrt zu ihrem Ursprung zurück: Zum Cirkus. Der Sinn des Daseins ist ein zweiköpfiger Armmuskel, die Krawatte, die Pirouette, der Nelson, die Gcnickmassage. Hier ist ltunst, hier ist Schönheit, hier ist Intelligenz, hier ist Seelenadel, hier ist Schönheit, hier ist Begeisterung. Kommt, lasset uns niedersinken im Tempel des Biceps. Allabendlich um die neunte Stunde ist der Riesen- cirkus bis in den letzten Winkel gefüllt: Vorn die elegante bessere Menschheit, teuer gekleidete und gleißend gechmückte Damen mit erdumspannenden Hüten, Offiziere, elektrisch bestrahlt. Weiter nach hinten im verdämmernden Licht ein Gekribbel und Gewimmel der minder zahlungsfähigen Biceps-Gläubigen. In einer der Logen sitzt unbeweglich ein rüstiger MecrgreiS, er schaut in tiefem Sinnen auf die Arena, sich voll- saugend von künstlerischer Anregung: es ist Herr Begas,„Ehren- Protektor" des Spektakels. Was sich da unten abspielt, ist ja Modell sür jene Berliner Kunstrenaissance des marmornen Biceps-Patrio- tismus und der dynastisch-skulpwrellen Ringkämpfe auf Straßen und Plätzen. Ein Schauer der Ehrfurcht geht durch die Reihen der Tausende. Acht Personen, höchst müimlichen Geschlechts, erscheinen in der Arena. Schwarze Trikots, weiche Schuhe, Arme, Schulten,, Achselhöhlen, Brust, Nacken ftei gegeben der Bewunderung der Andächtigen. Ein rundköpfiger Herr stellt die Männer vor, die sich ein wenig linkisch verbeugen. Erster Beifallssturm. Die in dem Glanz des Bogen- lichts strahlenden, auch den Nüchternsten hinreißenden Muskulaturen heißen entweder gemütvoll heimatlich Heinrich Eberls und Jakob Koch oder exotisch romantisch Omer de Bouillon, Aimable de la Calmette, Dirk van den Berg oder gar Peyrouse, genannt der Löwe von Valencia. Man sieht: in demokratischen Ländern adeln die Biceps- Verdienste ohne weiteres. Es folgt ein kleiner Anschauungsunterricht, in dem die Gemeinde belehrt wird, welche Griffe unstatthaft seien. Mau darf sich, wenn ich richtig gehört habe, nicht die Finger umbrechen, sich nicht erwürgen und auch nicht das Genick mudrehen. Alle übrigen Todesartcn scheinen erlaubt zu sein. Darauf treten sechs Männer ab, zwei bleiben auf dem Teppich; der Spanier, der Löwe von Valencia— ein ungeschlachtcter Gesell, der dem Schreiber dieser Zeilen anscheinend an körperlicher Kraft und insbesondere an Kopfleistungen überlegen ist, und ein gut genährter Holländer, blank und wohlgestellt, dessen weißen Arme freundlich leuchten. Erst scheinen die beiden nur mit den ein wenig derb ge- rateneu Händen an einander klatschen zu wollen. Auf einmal aber haben sie sich bein» Wickel und balgen sich nun eine halbe Stunde— mit einer kleinen Verschnaustingspause— herum. Um die Gruppe trippelt sorgenvoll und aufnierksam ein gut frisierter Herr herum und guckt, ob auch alles mit rechten Dingen� zugeht und keine falschen Griffe angewandt werden. Die Mustt stimmt eine melancholische Jndianerweise an, deren einziger Takt im wilden Westen einen unendlichen Reiz ausüben muß; denn er wird unab- lässig wiederholt. Zumeist liegen die beiden am Boden. Der eine unten auf dem Bauch, die Arme gegen den Boden gestemmt, der andre darüber, redlich bemüht, den bäuchlings Liegenden auf den Rücken zu drehen, wie einen Braten, der gewendet werden; muß, damit er auch auf der andre» Seite braun wird. So wälzen sie sich, fauchend, keuchend, schwitzend. Aber es giebt auch Abwechselungen. Sie springen wie die Tollen umher, drehen sich auf dem Kopf um, laufen mit den Schädeln aneinander, stemmen sich minutenlang Stirn an Stirn, als wollten sie sich an- einanderschweißen, werfen sich empor, schleudern sich zu Boden, schlagen mit den flachen Händen auf den Hals und Nacken der Gegner, und wieder liegen sie auf dem Teppich, in ihrem Schweiße brodeltid. Unter dem kurz geschorenen Haar des Spaniers färbt sich die Kopfhaut blutigrot. Für den Schauladen eine? Friseurs ist dieser wütende, verzerrte Kopf mit der großen ungefügen Nase und der trotz der Erhitzung fahlgrauen GcstchtSfarbe nicht ge- eignet. Aber fein Biceps ist anbetungswürdig. Plötzlich durchtobt ein Orkan den Raum— ein Taifun der für alles Hohe und Edle begeisterten Volksseele. Man pfeift, johlt, zischt, heult, trampelt. Pfuirufe überstürzen sich. Me das wilde Heer durch- sausen die Töne und Geräusche den Cirkus. Nun endlich begreife ich den tiefen Sinn eines mir bis dahin unverständlich gebliebenen Vermerkes auf dem Programmzettel:»Das hochgeehrte Publikum wird gebeten, sich weder durch Zurufe, noch durch laute Bemerkungen an den Ringkämpfen zu beteiligen, da dies durch da? Kgl. Polizei- Präsidium strengstens verboten ist." Die Polizei m ihrer unendlichen Weisheit hat ein feines Verständnis dafür, welcher seelischen Er- fchütterungen ein hochgeehrtes Publikum beim Erleben des Er- habenen fähig sein kann. Die Polizei ist dazu da, um den Bestand der äußeren Ordnung auch in den Ekstasen des Seelenaufstandes zu wahren und die Menschen gegen sich selbst und das Zuviel der Verzückung zu verteidigen. Was aber entfesselte jenen Ausbruch der vom königlichen Polizeipräsidium streng untersagten Zurufe und lauten Bemerkungen? O diese Gemeinde der Biceps-Religiosen besteht aus Kennen: l Sie sehen Verrat, wo wir Laien nichts gewahren als einen»Griff" mehr iir dem Gewühl unverständlicher Zuckungen. Der Löwe von Valencia hatte das öffentliche Gewisicn empört, weil er den Holländer zu unmanierlich angepackt. Die Kämpfer ließen einen Augenblick von einander los. Der Löwe fletschte grimmig. Er fühlte sich als Volksfeind, die Menge war ihm nicht wohl gesinnt, und gerade er übte doch sein Geschäft mit einem imponierenden Einsetzen des ganzen feurigen Biceps-Temperaments, das offenbar nur auf Weisung des königlichen Polizeipräsidiums darauf verzichtete, den Gegner tot zu schlagen. Für den verfolgten Spanier aber erstand ein Netter. Der Obmann der Schiedsrichter erhob sich und rief beschwichtigend in den Sturm:»Ich bitte das Publikum weniger parteiisch zu sein. Der Griff, den Peyrouse gemacht hat, ist erlaubt!" Die Ruhe kehrte wieder und bald wälzten sich die Tapferen wieder auf dem Teppich. Seit dieser Episode interessierte ich mich für den Spanier. Der Mann litt offenbar unter der Abneigung des hochverehrten Publikums: Die Biceps-Tragik eines Löwen, dessen Kopf nicht die Glätte einer Friseurpuppe hat und dessen Herz sich aufbäumt gegen die Schranken der Konvention. In meiner Nähe sitzt ein kleines, junges Fräulein, schwarz an Haaren, Brauen und Augen. Die Holde gehört zu den Wenigen, die mit dem Spanier sympathisieren. Schon äußerlich hat sie sich spanisch aufgeputzt, auf dem flachen Hut ein wallender grüner Schleier. Sie hält die Mißhandlung ihres Lieblings nicht aus. Sie springt in die Höhe, schreit unablässig, jede Muskelbewegung der Ringkämpfer löst einen neuen Gefühlskrampf in ihr aus, aus ihren Augen unteniehmen die funkelnden Blicke wahre Schleifcnfahrtcn, sie haßt den Holländer, ballt die Fäustchen und vor lauter Erregung läuft ihr zartes, süßes, weiches Kinn allmählich gelb-griin an. Bald fürchte ich, sie würde eine Bombe oder eine Flasche Vitriol auf den Holländer schleudern, bald sieht es aus, als ob sie in brünstigem Gebet niedersinken wollte, um den Sieg des Löwen von Valencia zu er- flehen. Ich weiß nicht, ob das Fräulein auf den Löwen gewettet hat oder ob sich so nur der Enthusiasmus für die wahre, große Kunst äußerte. Aber das weiß ich: Wenn ich wieder auf die Welt komme, so schaffe ich mir einen Biceps an— einen Biceps-- dann werde ich die Achtung der Welt erringen, immer Recht behalten, und kleine, schwarze, feurige Fräulein werden für mich zittern und beten.... Joe, Kleines feuilleton. tz. Die Pfauenfeder.„Welch' ein süßes Kindl" rief Frau Knobel entzückt aus und beugte sich über den Kinderwagen.„Es ist natürlich ein Junge." „Nein." Die Mutter lächelte.„Diesmal ein Mädel." „Ja, ja, natürlich. Mädel wollte ich sagen. Man sieht's sofort. Nein, diese Augen mit den langen Wimpern! Diese niedliche Stups- nase l Hcrrjch, Du wirst aber mal ein schönes Fräulein werden. Ja, lache nur! Ich, Frau Knobel. sag's Dirl Und was die alte Knobeln jagt, das trifft! Hahaha! Ist's nicht so, junge Frau?" Die lachte.„Ja, Sie find ja bekannt dafür, Frau Knobel. Und tzs ist recht nett, daß Sie mich auch mal besuchen." „Na nu! Als alte Flurnachbarn l War' ja noch schöner. Ich Irollt' ja schon lange kommen, aber's ging nicht. Na, und dann, sagte ich mir, die junge Frau Leiser ist selbst so vernünftig, daß sie ihr Herzblättchen schon vor allem Unheil bewahren wird. Ist's nicht so? Es gicbt mancherlei zu beachten, Frau Leiser, mancherlei bei so jungen Kindern." „Gewiß. Aber es ist ja nicht mein erstes, Frau Knobel. Da kennt man die Behandlung schon einigermaßen." „Behandlung! Hm. So mein' ich's nicht. Ich meine—" Frau inobels Blicke schweiften im Zimmer umher und blieben wie gebannt am Spiegel haften„da haben wir'sl Eine Pfauen- jeder?l" „Was ist Ihnen, Frau Knobel?" Frau Knobel schlang die Hände ineinander, machte entsetzts Augen und flüsterte:„Aber Frau Leiser! Wiffen Sie nicht, daß Pfauenfedern Unglück bringen?" „Schnack!" lachte die junge Frau.„Reden Sie doch nicht solchen Unsinn." »Ich hab's mir schon gedacht: etwas wird immer versehen!" Und, mit gehobener Stimme, wie aus einem Buche citierend:„Wo> eine Pfauenfeder im HauS— zieht die Freude zur Thür hinaus—> und sie kommt erst wieder herein— wenn die Feder wird draußen sein!" Die junge Frau lachte:„'n schönes Gedicht." „Ein wahres Gedicht, Frau Leiser! Ich hab's schon tausend Mal erlebt— hören Sie zu: In der Menschen buntem Leben— stille, dunkle Mächte weben— Leid und Lust— unbewußt.—> Und sie kommen oder weichen— nach geheimnisvollen Zeichen!" Dabei hob Frau Knobel beschwörend die Hand. „Wo haben Sie nur all' das Zeug her?" fragte belustigt Frau Leiser. „Kindl" Frau Knobel nahm sie bei der Hand.„Ich besitze ein altes Buch, in Schweinsleder gebunden. Das ist'n Erbteil von einer Urahne her. In dem Buch steht alles verzeichnet, was Glück und was Unglück bringt." „Dann haben Sie gewiß niemals Unglück gehabt?" „Kann ich wohl sagen. Oder ich hat's irgendwie versehen." „Zum Beispiel damals, als Ihre Katze den Kanarienvogel fraß.'" „Seh'n Siel" Frau Knobels Augen leuchteten.„Da war ich selber schuld! Ich hatte vergessen, die Uhr aufzuziehen. Sie blieb stehen— und eine Stunde darauf war mein Hansel hin!" „Ist ja Unsinn." Frau Leiser zweifelte nicht mehr ganz so stark. „Was soll denn eine Uhr oder eine Pfauenfeder dafür können, wenn ein Unglück passiert?" „Stille, dunkle Mächte weben!" erwiderte Frau Knobel! pathetisch.„Niemand kann's ergründen— niemand den Grund den Gründe finden.— Ich rate Ihnen gut, Frau Leiser: fort mit den Pfauenfeder!— Wenn's Ihnen um das zu thun ist." fügte sie mit einem vielsagenden Blick auf den Kinderwagen hinzu. „Mein Mann soll mich wohl auslachen?" sagte Frau Leiser. „Außerdem bin ich eine aufgeklärte Frau und glaube an solchen Spuk nichtl" „Nicht? Nicht?" Frau Knobel nickte.„Adicn, Frau Leiser!'" „Wollen Sie nicht erst eine Taste Kasse...?" „Danke." Frau Knobel wickelte sich in ihren Umhang. Mit prophetischem Blick:„Ich komme bald'mal wieder mit'ran. Derweil denken Sie an die alte Knobeln!" Sie ging und ließ die junge Frau in großer Unruhe zurück. „Alte Hexe!" flüsterte sie und beugte sich über den Kinderwagen. „Wir werden uns bange machen lassen, nicht, Mäuschen?" Sie richtete sich auf, ging im Zimmer umher; immer wieder wurde den Blick von der Pfauenfeder angezogen. Noch ein Augenblick des Schwankens, dann griff die Hand nach dem Spiegel, ein Ruck—- und die Pfauenfeder flog zerbrochen zum Fenster hinaus.— «Sieh' mal, was ich gefunden habe," sagte der Mann, als cu kurz darauf in die Wohnung trat.„Das ist doch unsre Pfauen-, fedcr?" „Ja." Frau Leiser errötete.„Ach Tu, die alte Knobeln wav hier." Und sie erzählte. „Daran glaubst Du?" Leiser lachte aus vollem Halse. „Aber, Kurt, das wirst Du doch nicht annehmen? Gieb' nur her, ich stecke sie wieder an den alten Platz." „Nein; jetzt ist sie zu ramponiert. Und außerdem— weißt Du— mit dem Bedeuten, das ist natürlich Aberglaube— man braucht ja auch solches Zeug nicht im Hause haben, nicht wahr