IwtechaltungsSlatt des Vorwärts Nr. 82. Dienstag, den 26. April. 1904 (Nachdruck oerboten.) 4si Cstker Maters. Nomon von G e o r g e M o o r e. „Als ob man so etwas erklären könnte, Esther I" „Ja, das habe ich auch geglaubt, bis mir alles dieses passierte! Und o! ich habe in den letzten Tagen so furchtbar gelitten! Bittere Thränen habe ich geweint, als ich an alles das dachte, was Du mir gesagt hattest von unserm zukünftigen Keim und Leben, und daß das nun nie so werden soll." Fred sah, daß sie in vollkommenster Aufrichtigkeit sprach, und zweifelte nicht länger an ihr. Sie aber sprach weiter: „Ich habe Dich sehr gern, Fred, und wenn dieses nicht dazwischen gekommen wäre, so glaube ich. daß ich Dir eine gute Frau geworden wäre: aber es hat eben nicht sein sollen!" „Ich verstehe Dich nicht, Esther: Du brauchst ja doch diesen Mann niemals wiederzusehen, wenn Du es nicht willst." „Ah, wenn sich solche Dinge so leicht machen ließen! Aber er ist doch der Vater meines Kindes— und er hat Geld, und er wird das ganze Geld dem Kleinen hinterlassen, wenn er erst dem Gesetze nach sein Vater ist." „Das kann doch auch so geschehen, ohne daß Du zu ihm gehst und mit ihm zusammen wohnst." „Nein, nicht so, wie er es will. Ich weiß, was er will. Er will eine Frau haben und'ne Häuslichkeit, und weniger, als er will, nimmt er nicht." „Wie können Männer nur so gottlos sein?" „Ach nein, ich glaube. Du thust ihm unrecht. Er ist nicht gottloser als viele andre. Er ist ebenso wie die meisten Männer, weder schlechter noch besser. Wäre er ein wirklich schlechter Mann, so wäre es besser für uns gewesen, denn dann wäre er nie wieder zwischen uns getreten. Verstehst Du mich nun. Fred? Wenn ich nicht zu ihm gehe, verliert mein Jringe alles. Er will eine Häuslichkeit haben, eine wirkliche Häuslichkeit mit Frau und Kindern, und wenn er mich nicht bekommt, wird er sich eine andre Frau nehmen." „Und darauf bist Du eifersüchtig?" „Nein, Fred. Aber bedenke doch, wie es sein würde, wenn wir beide einander heirateten. Es ist doch anzunehmen, daß wir Kinder haben würden, und die müßten Dir dann doch natürlich viel lieber sein, als mein Junge." „Esther, ich verspreche Dir, daß—" „Jawohl, Fred, ich weiß: aber selbst wenn Du ihn liebtest wie Dein eignes Kind so kannst Du doch noch immer nicht sicher sein, daß auch er Dich lieben würde!" „Jackie und ich—" „O ja: er hätte Dich ja ganz gerne gehabt, wenn er nur nicht seinen eignen Vater gesehen hätte! Aber schon jetzt hat er seinen Vater schrecklich lieb, und später würde es immer schlimmer werden. Er würde bei uns zu Hause nicht zufrieden sein. Er würde vielleit fortlaufen und zu seinem Vater gehen und würde dann zum Trinken und Wetten verführt werden." „Wenn sein Vater ein solch gottloser Mann ist, so wäre es das beste für Jackie. ihn nie wiederzusehen. Wenn er ge- schieden wird und eine andre Frau heiratet, wird er Jackie bald vergessen haben." „Ja, das ist möglich," sagte Esther, und Fred wollte weiter sprechen. Esther aber unterbrach ihn und sagte schnell: „Jedenfalls würde Jackie dann seines Vaters Geld der- lieren, und das Wirtshaus würde—" „Also in einem Wirtshause wirst Du leben, Esther?" „Eine Frau muß dort leben, wo ihr Mann lebt." „Aber er ist nicht Dein Mann, er ist der Mann einer andern Frau." „Er wird sich scheiden lassen und mich dann heiraten." „Und läßt Dich dann vielleicht zum zweitenmal mit einem zweiten Kinde sitzen." „Alles, was Du mir sagst, hatte ich mir auch schon ge- dacht. Ich muß eben das Risiko laufen. Das gehört wahr- scheinlich mit zu der Strafe für meine erste Sünde. Wir Frauen können eben nicht unrecht thun, ohne dafür bestraft zu werden. Ich hatte nur gedacht, daß ich schon eigentlich ge- nügend bestraft worden fei." „Diese zweite Sünde ist tausendmal schlimmer als die erste. Er ist ein verheirateter Mann, Esther, und ich hielt Dich für ein gutes, religiöses Mädchen." „Ach, es giebt Zeiten, wo die religiöse Ueberzeugung durchaus nicht zusammenzupassen scheint mit den Pflichten eines Menschen. Ich mag ja unrecht thun, aber es erscheint mir doch als das Natürlichste, denn er ist. der Vater meines Kindes." „Ich fürchte. Du bist schon ganz fest entschlossen, Esther. Ich rate Dir, Dich noch zu bedenken, bevor es zu ipät ist." „Fred, ich kann ja nicht anders, siehst Du denn das nicht ein? Mache es mir doch nicht durch solche Worte noch schwerer, als es schon ist." „llnd wann wirst Du zu ihm gehen?" „Heute abend noch: er erwartet mich." „So lebe wohl, Esther!" „Aber Du wirst mich später besuchen kommen?" „Nein, Esther, das glaube ich nicht. Ich wünsche Dir alles Glück, aber Du weißt, daß ich in Wirtshäusern nicht verkehre." „Ja, das weiß ich: aber Du könntest mich doch an einem Vormittag mal besuchen, wenn es noch still im Geschäft ist." Ein trauriges Lächeln umspielte Freds Lippen. „Also wirst Du nicht kommen?" fragte sie. „Lebe wohl, Esther." Sie schüttelten einander die Hände, und er ging rasch hinaus. Sie wartete noch einen Arigenblick, trocknete ihre Augen und ging dann zu ihrer Herrin hinauf. Miß Rice saß in ihrem Stuhl am Fenster und las in der Abenddämmerung ein Buch. Die scheidende Sonne sandte einen schrägen Strahl in das Zimmer hinein und ließ den bunten Perlenvorhang zwischen den beiden Zimmern hell glitzern und funkeln, llnd der Eindruck dieses ganzen Raumes auf Esther war ein so friedlicher, daß sie nicht umhin konnte, wie schon so viele Male, ihr eignes, unruhiges Leben mit dem friedlichen Stillleben dieser kleinen, alten Jungfer zu ver- gleichen. „Nun ist's zu Ende, Fräulein," sagte sie,„ich Hab' es ihm gesagt." „Ja, Esther?" sagte-Miß Rice. Sie ließ das Buch in den Schoß sinken und legte ihre zarten, weißen Hände darauf. Die Sonnenstrahlen spielten auf dem kleinen Rubinring. welchen sie an der rechten Hand tnig. „Ja, Fräulein, ich habe ihm alles gesagt, er schien es sich sehr zu Herzen zu nehmen. Auch ich mußte weinen, denn ich hätte ihm eine gute Frau werden können: aber es hat doch nicht sein sotten." „Haben Sie ihm gesagt, daß Sie zu William gehen wollen?" „Ja, Fräulein, wenn man schon die Wahrheit sagt, ist's besser, alles zu sagen. Ich sagte ihm,, daß ich noch heute abend hingehen würde." „Er ist wohl ein sehr religiöser Mensch?" „Ja, Fräulein: er redete auch sehr schöne, fromme Worte zu mir, aber ich entgegnete ihm darauf, daß mein Jackie nicht länger als vaterloses Kind umherlaufen soll, und daß ich ihn auch nicht um das Geld bringen will, auf das er ein Recht hat. Es sieht ja in der That sehr unrecht aus, zu einem verheirateten Mann zu gehen, um mit ihm zusammen zu leben, aber Sie, Fräulein, wissen doch, in welcher Lage ich bin, und Sie wissen auch, daß ich's mir darum thue, weil ich hoffe, alles wird noch gut enden." „Was hat er darauf gesagt?" „Nicht viel, Fräulein: er meinte nur, ich könnte ein zweites Mal sitzen gelassen werden und, wie er noch hinzufügte, mit einem zweiten 5Unde." „Haben Sie selbst auch schon an diese Gefahr gedacht, Esther?" „O ja, Fräulein: ich habe an alles gedacht: aber was ändert das Denken? An meiner Lage ändert alles Denken nichts, und eine Frau muß eben jedes Risiko laufen. Nicht alle Frauen natürlich: Damen wie Sie brauchen das nicht; aber unsereins muß es stets." „Ja, ja," sagte Miß Rice nachdenklich,„es ist eben immer die Frau, die geopfert wird." Und sie dachte unwillkürlich an den Roman, den sie soeben unter der Feder hatte. Cr erschien ihr konventionell und der- blaßt neben diesem rauhen, vollen Blatt aus dem wirklichen Leben. Und sie dachte nach, ob sie Wohl im stände sein würde, diesen Stoff zu behandeln. Sie ließ in Gedanken die Namen einiger Dichter, die dazu fähig wären, an sich vorbeizieben; dann wanderten ihre Blicke von dem Bücherichrank zurück zu Esthers Antlitz. „Also Sie werden in einem Wirtshause leben, Esther? Und wollen Sie heute abend schon gehen?" „Ja, Fräulein. Sie sind sehr gütig zu mir gewesen, wirklich sehr; und ich werde Ihnen das nie vergessen. Ich bin sehr glücklich bei Ihnen gewesen und habe mir eigentlich nichts sehnlicher gewünscht, als immer bei Ihnen bleiben zu können." „Ich kann nur sagen, Esther, daß Sie mir ein sehr gutes Mädchen gewesen sind, und daß es mir leid thut, mich von Ihnen zu trennen. Und Sie dürfen nicht vergessen, daß ich stets bereit sein werde, Ihnen zu helfen, soviel ich kann, wenn doch vielleicht nicht alles so gut wird, wie Sie es jetzt hoffen. Ich werde Ihnen stets eine Freundin bleiben. Wann wollen Sie gehen?" „Sowie ich nieine Sachen gepackt habe, Fräulein. Bis das neue Mädchen hier ist, werde ich damit fertig sein. Sie soll um neun Uhr kommen. Da, es klingelt! Da ist sie wohl schon. Adieu, Fräulein." Miß Rice streckte ihr die Hand entgegen. Esther nahm sie, und hierdurch ermutigt sagte sie: „Ich glaube, es giebt keine zweite Dame auf der Welt, die einen so klaren Kopf und ein so warmes Herz hat, wie Sie, Fräulein. Fräulein, wer weiß, wieviel Schweres mir in meinem Leben noch bevorstetzt,— würden Sie mir wohl er- lauben, Sie einmal zu küssen?" Miß Rice antwortete hierauf nichts— sie nickte nur, lind sofort hatte Esther sie in ihre Arme genommen und geküßt. „Seien Sie mir nicht böse, Fräulein, ich konnte nicht anders." „Nein, Esther, ich bin nicht böse." „So, nun muß ich gehen und die Thür öffnen." Esther ging: Miß Rice schritt ruhig wie sonst zu ihrem Schreibtisch hin; aber plötzlich überkam sie mit Macht das volle Bewußtsein der traurigen Einsamkeit ihres Lebens, und fast ohne zu wissen warum, brach sie in Thränen aus. Es war einer jener Augenblicke des überschwenglichen Gefühls, die bei Frauen nichts Seltenes sind. Aber sie hörte ihr neues Mädchen die Treppe heraufkommen und mußte rasch ihre Thräiien trockuen. Bald darauf hörte sie die Schritte des Droschkenkutschers auf der Treppe, der Esthers Sachen hin- untertrug. Sie hörte Esthers Stimme, die ihm beim Tragen behilflich war; hörte, wie sie ihm einschärfte, vorsichtig zu sein und die Kiste nicht abzustoßen. Esther war ihr eine gute, treue Dienerin gewesen, und es that ihr leid, sie zu verlieren. Und auch Esther that es leid, daß nun eine andre. Fremde, die Sorge und Pflege für diese gütige Herrin übernehmen sollte. Aber was konnte sie thun? Sie sollte ja William heiraten. Sie zweifelte keinen Augen- blick daran, daß er sie heiraten würde, und noch war sie kaum zehn Minuten unterwegs, als ihr ganzer Gedankengang sich schon mit ihrem zukünftigen Leben beschäftigte. Dieser so plötzliche Wechsel in ihr erschreckte sie fast selber, und sie entschuldigte sich nur mit dem Gedanken, daß es das einzig Richtige für sie sei, ihrem Jungen seinen Vater zu geben. Und dann mußte sie wieder denken, welch ein schöner, kräftiger Mann ihr William sei, und wie es hinter dem Schanktisch im „Kings Head" ein kleines hübsches Privatzimmerchen für sie geben würde. Sie würde Herrin des ganzen Hauses sein. Und sie würden ein Dienstmädchen halten, einen Schankjungen und vielleicht auch noch ein Schankmädchen. Die Droschke bog um die Ecke des Regent Circus, und mit einem letzten Angstgefühl im Herzen dachte sie, ob sie auch wirklich im stände sein würde, ein solch großes Geschäft, wie das im«Kings Head", zu leiten.— � Es war ein schöner, stiller Septemberabend, und�die schwarze, schiefe Perspektive von Soho sah in den letzten Sonnenstrahlen aus wie mit Gold bekränzt. Es war schon spät, ein leichter Abendnebel erhob sich, und am äußersten Ende der langen Straße sah man die Gestalten der Spaziergänger gleichsam geheimnisvoll und wie in einem blauen Schatten verschwinden. Esther war noch nie zuvor in diesem Teil von London gewesen. Und die ganze Sache hatte so viel des Abenteuer- lichen an sich, daß es dazu diente, ihre Einbildungskraft zu erhöhen, und sie schließlich mit Vergnügen dem Endziele ihrer Fahrt entgegensah. Es schien ihr, als würde die Droschke niemals halten. Endlich aber hielt sie doch, an der Ecke von Dean Street und Old Compton Street, vor einem großen Hause, dem gegenüber ein Droschkenhalteplatz war. Die Droschkenkutscher waren in der Kneipe und tranken. Ein Mann stand draußen und sah nach den Pferden: er erbot sich, Esthers Gepäck hinunter zu nehmen, und als sie ihn fragte, wo sie Mr. Latch finden würde. führte er sie durch eine Seitenthür nach der Private Bar hinein. Er stieß die Thür vor ihr mlf, und Esther sah William dort über den Schanktisch gelehnt dastehen in tiefer Unter- Haltung mit einem kleinen, dünnen Manne. Beide rauchten, beide hatten gefüllte Gläser vor sich stehen, und zwischen ihnen lag die Sportszeitung ausgebreitet. „Aha, da bist Du endlich," sagte William und kam ihr entgegen.„Weißt Du, daß ich Dich schon seit einer Stunde erwarte?" „Ich konnte nicht eher fortgehen, als bis das neue Mädchen gekommen war." „Na, gleichviel, gleichviel! Freut mich, daß Du ge- kommen bist." Esther fühlte die Augen des kleinen, dünnen Mannes prüfend auf sich ruhen. Sie erkannte ihn. Es war John Randal oder, wie sie ihn in Woodview genannt hatten, Mr. Leopold. Mr. Leopold schüttelte Esther die Hand und murmelte: „Ich freue mich, Sie wiederzusehen." Es war das die Begrüßung eines Mannes, der Frauen für ein unerläßliches Ucbel ansieht, und Esther verstand den Ausdruck der ruhigen Verachtung, mit der er William darauf- hin betrachtete. „Kannst nicht ohne sie leben— was?" sagte sein Gesicht einen kurzen Augenblick ganz deutlich. Eine Pause in der Unterhaltung trat ein. William fragte Esther, was sie trinken wolle, und Mr, Leopold zog seine Uhr und sagte, er müsse nun gehen. „Kommen Sie doch morgen Abend'n bißchen cum, wenn Sie Zeit haben." „Sie glauben also nicht, daß Sie nach Newmarket gehen werden?" „Nein, ich glaube nicht, daß ich in diesem Jahre mehr viel wetten werde. Aber kommen Sie doch morgen Zlbend nun. Sie werden mich hier finden. Ich muß nämlich morgen Abend hier sein," sagte er, sich zu Esther wendend.„Ich werde Dir gleich sagen, warum." Dann sagten die beiden Männer einander Adieu. lFortsetzung folgt.) Hus dem Musikleben. In der jüngsten Zeit wurde in unsrer Stadt die Aufmerksamkeit der Musikfreunde besonders durch das Thema einiger architektonischer und administrativer Sorgen in Anspruch genommen. So hieß es z. B.. daß die bekanntlich höchst ungünstigen Verhältnisie in dem Hause der Singakademie durch bessere Anlegung der Garderoben usw. behoben werden sollen. Ferner ist endlich daran gegangen worden, für den Neubau des alten Opernhauses das Nötige herzuschaffen. Außerdem wurde beschrieben, wie jenes dritte Opernhaus gestaltet werden soll, das man auf dem Weinbergswege bauen will: Haupt- sächlich soll hier die gewöhnliche Bauweise der Theater, die mehr für das gegenseitige Spiel des Publikums, als für den Eindruck der Bühnenvorgänge, geschaffen ist, also insbesondere die Umziehung deS Parkettes mit Rängen, einer rein amphitheatralischen Anordnung weichen. Wenn wir nun noch hinzufügen, daß im königl. Opern- theater nach wie vor und trotz der neuen Form der Kartenausgabe über daS Treiben der Billethändler geklagt wird, so scheinen wir uns von unsren musikkritischen Aufgaben recht weit zu entfernen. Und doch handelt es sich hier um Dinge, die ganz tief in daS eigentliche tonkünstlerische Leben eingreifen. Unser Berliner Musikleben ist so exklusiv und anspruchsvoll, wie kaum ein andres. Fehlt es schon fast allenthalben an der äußeren Ruhe und Bequemlichkeit, die für den richtigen Genuß von Kunstwerken ganz entscheidend ist, so bleibt auch noch ein ganz wesentlicher Teil der musikalischen Darbietungen nur den Wenigsten zugänglich. Das Opernbaus besitzt für Berlin das Monopol auf die Wagnerschen Opern. Ein solches Monopol für eine Stadt mag einen Sinn haben wo man in kleineren Verhältnissen einer Verunehrung der Kunst durch unberechenbare Schmierenverhält- nisse vorbeugen will. Die annähernd zwei Millionen Menschen, die sich aus den Einwohnern und Fremden Berlins zusammensetze ck, brauchen schlechtweg mehr als ein einziges Operntheater für Richard Wagner, falls nun schon einmal mit der Ableierung WagnerS im Alltag deS Opernlebens als mit einer Thatsache gerechnet werden mutz. Auch wenn das Publikum die Werke Wagners und namentlich ihren Gegensatz gegen andre Werke nicht zu würdigen versteht, fo fühlt es sich doch mächtig angezogen durch diese geheimnisvolle Eigen- art. Will jemand einen solchen Gebrauch hoher Kunst zwangsweise tierhindern, so mißfällt uns auch dies; allein es ist doch wenigstens ein künstlerisch begreiflicher Standpunkt. Die Einschränkung jedoch ledig- lich zu Gunsten der einen Opernkasse und eines kleinen, vornehm- thuenden Publikums zu machen: dies ist nicht einmal soweit zu verzeihen. Wie sehr das Publikum auch schon durch die Musik Richard Wagners angezogen wird, und mit welchem Behagen es gleichsam auf den Wellen dieser Tonfolgen und Harmonian schwimmt, sieht man wohl in jedem sogenannten Wagner-Konzert. Unsre populären philharmonischen Konzerte wissen damit nach wie vor zu rechnen. Unter dem(anscheinend nur provisorischen) Kapellmeister Otto Marienhagen wurde die alte Tradition fortgeführt, womöglich mit noch mehr Erfolg als früher. Der Dirigent machte den Eindruck eines soliden Könnens; wie weit etwas höheres in ihm steckt, wird doch wohl erst die Folge lehren. Es ist für uns auch wahrlich nicht leicht, ein solches Programm mit grausam heraus- gerissenen Opernstücken längere Zeit hindurch anzuhören. Neulich verließen wir ein solches Konzert um so rascher, als uns ein söge- nannter populärer Valladen-Abend von Herrmann Gura lockte, dem Sohne des allbekannten Opern- und Konzertsängers. So gering die Aehnlichkeiten zwischen Richard Wagner und dem Balladen- komponisten Karl Loewe sind, so treffen doch die Eindrücke, die das Publikum von beiden Komponisten bekommt, schon darin überein, daß es sich auf den einschmeichelnden Melodien Loewes auch so an- genehm schwimmen läßt, wie auf jenen Wellen Wagners. Dazu tritt dann freilich noch die Kraft in der musikalischen Darstellung von Höhepunkten eines Vorganges, die bei Löwe aus semer Melodien- reinheit heraus und über sie hinauswächst. Es war eben eine Zeit, in welcher ein Komponist schon viel leistete, wenn er neben dem süßen Sang auch noch gut zu charakterisieren verstand, während die Ueber- Windung dieser selbst noch einem Schummm eignen Halbheit doch erst der späteren Zeit angehört. Wie trabmäßig komponiert nicht Löwe den Anfang der Uhlandschen Ballade„Harald"; und wie tief er- schütternd führt er uns nicht die Höhepunkte in Herders„Edward" vorl— Hermann Gura ist seines Vaters würdig. Er wird zwar vielleicht nicht zu jener eigentümlichen Vornehmheit und tiefen Wärme ansteigen, die uns den Vater so sympathisch gemacht haben; und einige derbe Nuancen der Klangfarbe sind den Vokalen seines Ge- sangcs immerhin eigen. Im übrigen aber liegt in seiner Sangcskunst so viele gute Technik und Frische und charakterisierende Kraft, daß seine enthusiastische Aufnahme beim Publikum gerechtfertigt erschien. Die Wahl von Balladen Löwes für diesen Abend war gegeben durch die Erinnerung cm seinen 35jährigen Todestag(gestorben am 20. April 1869.) Wir möchten nun aber doch gegenüber dem ziemlich ausgedehnten Löwe-Kultus, einem Seitenstück zum Lorhing- Kultus, auf den anscheinend fast vergessenen Balladen-Komponisten MartinPlüddemann hinweisen. Am 29. September d. I. würde der fünfzigste Geburtstag dieses bereits vor sieben Jahren verstorbenen Komponisten sein; eine günstige Gelegenheit, sich des Künstlers wieder zu erinnen, der durch seine markante Einfachheit nicht nur den Kennern, smidern auch weiten Kreisen Genüsse bereiten kann. Es ist viel Streit um die Bedeutung dieses Mannes gewesen; zu einer solchen Vernachlässigung, wie bisher, liegt aber durchaus kein Grund vor. Ohnehin leben wir ja fast nur von Ausgrabungen. Das „Theater des W e st e n s" hat vor kurzem wieder eine Operette von Offenbach hervorgezogen, die„Prinzessin von Trapezunt", die seiner Zeit in Paris und bei uns viel Beifall und längere Beliebtheit gefunden hatte. Der Komponist zeigt sich hier mindestens ebenso, wie in andren seiner Werke als ein großer Könner, der dem Publikum oder dem Erfolg oder einer Nachlässigkeit zu Liebe mit seinem Können leichtfertig, oberflächlich umgeht. Das dabei immer noch eine Fülle des Melodiösesten herauskommt, läßt sich denken; und daß die Geschichte von der armen Artistenfamilie, die plötzlich zu Reichtum und zu einer tödlichen Langweile gelangt, sowie von dem Duodezfürsten, dessen Sohn die Jugendstreiche des Vaters auf Grund aufgefundener Papiere ganz genau wiederholt, viel Amüsement ergiebt, läßt sich denken. Von den Darstellern in jenem Theater brauchen wir Lina Doninger, Reinhold Well- Hof und Adolf Ziegler nur nennen, mn an ihre schon öfter erwähnte Tüchtigkeit kurzweg zu erinnern. Doch auch andre Sänger haben speciell in der Darstellung jener Artistenfamilie glückliches ge- leistet: Ludmilla Gaston, Josef Pohl und Georg Conrad, sowie insbesondere Josefine Grünwald, die ihre Rolle nicht nur äußerlich gut, sondern auch recht innerlich durch- führte. Etwas anders stellte Berta von Martinowska jenen jungen Prinzen dar. Der Regie von Julius Greven- b e r g sowie der musikalischen Leitung von Max Roth seien ihre Verdienst« noch besonders anerkannt. Was sollen wir nun aber zur Miß Isidora Duncan sagend Ueber diese Tänzerin ist, was lediglich ihre Tanzkunst be- trifft, das Urteil ja bereits so gut wie überall gefällt worden. Uns bleibt nur noch ein Wort darüber vorbehalten, welche musikalische Bcdeuhmg ihre sogenannten Tanz-Idyllen besitzen. In dem Ab- schiedskonzert, das die Künstlerin vor kurzem gab, konnten wir mit Befriedigung sehen, daß es ihre Ansicht ist, den Gehalt musikalischer Stücke in die Tanzsprache zu übertragen. Ebenso aber mußten wir einsehen, daß außer dieser guten Absicht und einer liebenswürdigen Grazie in den Bewegungen kaum etwas geleistet ist, das musikalisch besonders in Betracht kommen würde. Wir wissen heute endlich, daß die drei Sprachiveisen der redenden Künste, also die Dichtkunfs, die Tonkunst und die Tanzkunst, ihre Werke aus Elementen auf- bauen, die einander in diesen drei Sprachen sehr nahe entsprechen. Die Geste in der Geberdensprache, der Satzteil in der Wortspracha und das Motiv in der Tonsprache sind darauf angelegt, daß eines dem andern in überzeugender Weise parallel gehen kann. Die Kunst- form der Oper beruht ja gerade darauf, falls sie nicht wider ihr Wesen behandelt wird. Nun möchte man erwarten, daß unsre an Reform- absichten reiche Künstlerin die Uebereinstimmung zwischen musikali- schem Motiv und mimischer Geste noch höher treiben werde, als es uns bisher geläufig ist. Gerade daran aber läßt sie es durchaus fehlen. So allgemeine Uebereinstimmungen, wie ein freudiger oder trauriger Ausdruck, Versinnlichungen von Schrecken, Hoffnung und dergleichen mehr, genügen doch dazu nicht. Was die Künstlerin zu dem einen Musikstück tanzte, würde sie im großen ganzen auch zu andren Musikstücken tanzen können. Es lohnt sich für uns deshalb kaum der Mühe, auf die Proben von älterer Musik einzugehen, die sie sich damals zu ihren Produktionen ausgesucht hatte. Nur das eine sei hervorgehoben, daß es vorwiegend Stücke von Komvonisten eines mehr deklamatorischen als ariosen Stiles waren. Die An- gaben unterrichteten aber allzuwenig über die Stücke und über die modernen Retouchierrmgen, die anscheinend dabei gemacht worden waren. Manches andre Musikstück könnte man gut mit einem recht verächtlichen Ausdruck bezeichnen; und daß der Kapellmeister des un- sichtbaren Orchesters sich keine Mühe zu einer plastischen Gestaltung gab, läßt wiederum vermuten, daß es auch der Künstlerin nicht um ein Eingehen auf die Intimitäten der Musik zu thun war. lZon irgend einer„Renaissance des Musiks", von der die Künstlerin in ihrem anscheinend sehr unbeholfenen, wahrscheinlich aber sehr be- holfenen Abschieds-Speech sprach, scheint ebenso wie die beabsichtigte Renaissance des Tanzes doch erst auf etwas Künstlerischeres warten zu sollen, als auf diesen liebenswürdigen halben Naturalismus. Um in einer wirklich ernsten Weise auf vergangene Musik zurückgreifen zu können, dazu brauchen wir vor allem eine Fort» setzung der bisherigen sehr ernsthaften, aber noch lange nicht zu- reichenden Bestrebungen, das vorhandene Material der Musik- litteratur besser zugänglich zu machen. Man ahnt kaum, was sich alles von musikalischen Handschriften nicht nur in den größten Bibliotheken, wie München und Berlin, sondern auch in andren, wie Augsburg, Breslau, Dresden, Hamburg, Leipzig und selbst in Schul- bibliotheken, wie der Ratsschulbibliothek zu Zwickau, findet; die großen ausländischen Bibliotheken, wie Bologna, London, Wien und andre, nicht zu vergessen. Bei der immer noch ungenügenden Auf- merksamkeit auf das Bibliothekwcscn fehlt es auch meistens an ge» nügender Katalogisierung dieser Musikbestände. Einigen Ersatz dafür bieten die wertvollen Werke von Negistrierarbeiten, die der Musikforscher Robert Eitner seit 1872 gemacht hat. nachdem ihm bereits 1863 die Gründung der verdienstvollen„Gesellschaft für Musikforschung" gelungen war, die uns seit 1369 durch ihre„Monars- hefte für Musikgeschichte" und dann durchs ihre„Publikationen älterer Musikwerke" zahlreiche Schätze erschlossen hat. Hierher ge- hört auch noch das vielgebrauchte„Handbuch der musikalischen Litteratur", das seit 1897 von K. Fr. Whistling, später von Adolf Hofmeister herausgegeben und seit 1352 durch„Jahresberichte" fort- gesetzt wurde. So zweifelhaft man gegen den Wert angeblich voll- ständiger Bibliographien sein darf, wo es sich um undeutlich begrenzte Gebiete handelt, so lebhaft kann man für sie eintreten, wo der Vorteil genau bestimmter Grenzen die Arbeit klarer macht. Für die Musik- litteratur ist dies jedenfalls soweit zu behaupten, wie es sich um Musikalien selber handelt; dagegen wird das Gebiet der Schriften über Musik abermals unter der Unsicherheit leiden, welche der- artigen Arbeiten man noch einrechnen soll, welche nicht. Nun ist eben ein gewaltiges Werk im Zuge, das in ungefähr zwei Bänden die ge- samte bisherige Litteratur über Musik verzeichnen will(also eine Aufgabe, der wir etwas zweifelhaft gegenüberstehen), und das nicht nur in ungefähr fünf Bänden alle vor dem modernen Buchhandel liegenden Musikalien, sondern auch in ungefähr achtzehn Bänden alle noch innerhalb dieses Handels liegenden Musikalien verzeichnen will (also eine weit mehr von Deutlichkeit begünstigte Aufgabe): ein „Univcrsalhandbuch der Musiklitteratur". Die redaktionelle Ober- leitung führte Professor Hugo R i e m a n n. bis er. wie wir eben hören, davon zurückgetreten ist— vielleicht wegen der Opposition des Verlagsorgans gegen die Bewegung für Konzerttantiemen, viel- leicht auch wegen sonstiger Störungen der sachlichen durch eine ge-. schäftliche Seite. Der Verlag ist eine eigne Gesellschaft in Wien. Es wird von einem Kostenaufwand von mehr als 499 999 M. gesprochen; und wir möchten voraussagen, daß auch dies zu einer solchen Aufgabe nicht reichen dürfte, wenn sie wirklich vollständig werden soll. Sehr interessant sind die Berichte des Verlages über die bisherigen Vorarbeiten, insbesondere über die Umfragen an Be- teiligte über die zweckmäßigste Registrierweisc, über die Erfolge mittels der Hilfe auswärtiger Vertreter sowie über die Mißerfolgs durch ein getäuschtes Vertrauen auf das Auswärtige Amt der öst- reichisch-ungcmschen Monarchie und dergleichen mehr. Eigne„Musik- litterarische Blätter"(seit Januar 1994) sollen über die Entwicklung des Unternehmens, dessen erster Band eigentlich schon zum jetzigen Erscheinen bestimmt war, berichten und sollen zahlreiche einschlägige Gegenstände behandeln. Es läßt sich denken, daß wir einem solchen Unternehmen im Princip unsre Sympathien entgegenbringen; hoffent- lich wird ein häufig übersehener Litteraturzweig, die Litteratur des musikalischen Unterrichtes, nicht vernachlässigt werden. Seit längerem gehen einige Jntereffenten, darunter Musik- Verleger mit Breitkopf u. Härtel an der Spiye, mit dem Gedanken um, aus den bisherigen ungünstigen Verhältnissen des musikalischen Bibliothekwesens durch die Gründung einer musikalischen Reichs- b i b l i o t h e k herauszukommen. Vielleicht gelingt ein solcher Plan eher, wenn man ihn mit andren Unternehmungen verbindet, die ihm eine äußere Gelegenheit zu seiner Realisierung darbieten. Wie wir hören, soll in Berlin am Nollcndorfplatz ein großartiger Musikpalast, mit einem Konzertsaal für 4000— 5000 Personen, errichtet werden. Da würde es wahrlich gut angebracht sein, auch für ein Gebäude zu sorgen, das eine gut angelegte und gut verwaltete Musikbibliothek größeren Umfanges aufnehmen könnte. In München schein der Plan einer Musikalischen Volksbibliothek, den Paul Marsop(mit unnötigen Ausfällen gegen eine Reichsbibliothek) vertritt, der Ver- tvirklichung nahe zu sein.—«• Kleines feialleton. k. Kncipgcsetie im alten Vabplon. Um das Jahr 2250 v. Chr. wurden von Hammurabi, dem König von Babylon, gesetzliche Verord- nungcn über den Handel mit Spirituosen erlassen, die sicher die ültesten ihrer Art sind. Diese Gesetze sind besonders interessant, weil sie auf das Kneipwesen der Zeit ein recht bezeichnendes Licht werfen. Sie waren auf einer hohen Dioritsäule eingegraben, die an herbor- ragender Stelle im Tempel zu Esagil, dem Tempel von Bcl Merodach in Babylon, stand. Sie war so aufgestellt, daß Leute, die einen Rechtsfall hatten, hinkommen und dieses Mustergcsetz befragen konnten, denn die Worte des Königs lauteten:„Der Bedrückte, der einen Rechtsfall hat, soll hierherkommen und meine Stele lesen und über meine kostbaren Worte nachdenken, und meine Stele soll ihm seinen Fall klar machen; er soll sein Recht finden, und sein Herz soll be- friedigt werden." Keine Form des öffentlichen Lebens war in diesem sehr umfassenden Gesetzbuch der babylonischen Gesetzgebung vernach- lässigt. Die Honorare der Aerzte, die Löhne der Dienstboten, das Mieten von Lasttieren, Geräten usw., alles Ivar durch königliches Gc- fetz geordnet. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß auch der Handel mit berauschenden Getränken nicht unbeachtet blieb. Vier Gesetze, die Klauseln 106 bis 109 des Kodex, sind denn auch dem Spirituosen- Handel gewidmet. Die erste z. B. lautet nach der Uebertragung eines englischen Blattes:„Wenn eine Weinhändlcrin für den Preis des verkauften Getränkes nicht Getreide nimmt, sondern Silber, oder dem 5>äufer mehr abnimmt, als er nach dem Gctränketarif zahlen mutz, so soll sie zur Rechenschaft gezogen werden, und man soll sie ins Wasser werfen." Man sieht aus dieser Verordnung, daß be- trügerischen Gcschäftsmanöver auch schon damals gang und gäbe gc- Wesen sein müssen, und daß die Wcinhändlerinnen— denn aus oen Verordnungen scheint hervorzugehen, daß sich der Spirituoscnhaudcl im alten Babylon zum größten Teil in den Händen von Frauen befand— sich die Unkenntnis ihrer Kunden über den Prcistarif gern zu nutze machten. Die zweite Verordnung bezieht sich auf die wüsten Radauscenen, die den altbabylonischen Kneipbrüdern auch nicht unbe- kannt gewesen sein müssen, und der Wirt wird gar für die Sünden seiner Gäste verantwortlich gemacht, wenn er nicht selbst den Polizisten spielen und die unruhigen Sausbrüder zur Polizeiwache befördern will. Da heißt es:„Wenn ein Weinhändlcr erlaubt, daß sich in seinem Hause lärmende Personen ansammeln, und er jene Personen nicht ergreift und sie in den Palast(Wachzimmcr) bringt, so soll dieser Weinhändlcr getötet werden." Daß der Ruf der Weinhändlcr nicht gerade glänzend war, beweist auch die dritte GcsctzcSkkauscl, die den Betschwestern oder Tcmpclfrauen, die nicht im Gebiete des Tembcls wohnten, die Eröffnung eines Weinladcns oder auch nur das Betreten eines solchen strengstens— bei Strafe des Feuertodes — verbietet. Die vierte Verordnung endlich bezweckt, den Konsum von süßen, berauschenden Getränken während der Erntezeit einzu- schränken, und bedroht wiederum die Weinhäudler, falls sie den durstigen Babyloniern mehr als das fcstgesetze Quantum ausschenken sollten, mit empfindlicher Strafe.— Ans der Pflanzenwelt. ie. D i e afrikanische Oelpalmc. Ilntcr den Oel- pflanzen der afrikanischen Westküste ist eine der kostbarsten die Oel- Palme, die vom Kap Verde im Norden bis nach Angola im Süden vorkommt, ins Innere bis zu den großen Seen verbreitet ist und sogar noch an der Ostküste und auf der Insel Sansibar auftritt. Die Nochbarschaft des Meeres ist für das Fortkommen dieses Baumes nicht so notwendig wie für das der Kokospalme. Er wächst auch auf trockenem Boden gern, bleibt dann aber klein und trägt wenig Früchte, während er auf feuchtem Boden reichlichen Ertrag abwirft. Der Stamm der Oclpalme ist wegen seines wenig festen Holzes kaum zu brauchen, so daß im wesentlichen nur die Frucht verwendbar ist. Das eigentliche Palmöl wird aus der Fruchtkapsel herausgezogen, eine andre Sorte aus dem Fruchtkern. Am Golf von Guinea findet die Haupternte dev Oelfrüchte in den Monaten Januar und Juni statt. Die Eingeborenen verarbeiten nur die Samenhülsen, während die Oclbereitung aus den Kernen in Europa erfolgt. Eine Oel- Palme erzeugt jährlich etwa 10— 12 Trauben mit etwa 100 Kilo- gramin Früchten, die 7 Kilogramm Oel liefern. Nach durchschnitt- licher Schätzung bringt jede Palme einen jährlichen Nutzen von etwa 3 M., der aber durch besondere Pflege des Baumes und durch Ver- vollkommnung der Oelgewinnung wohl auf das Doppelte gesteigert werden kann. Man zieht übrigens aus den Oelpakmen noch andre Produkte, besonders Palmtvein und Fasern, die in Afrika selbst ge- braucht werden. Aus den Fasern der jungen Blätter verfertigt man Netze, 5lörbe und ein äußerst starkes Tauwerk. Ju Europa wird das Palmöl zur Verfertigung von Seifen und Kerzen benutzt. In Afrika dient es als Zusatz zu fast allen landesüblichen Speisen, eine Verwendung, die in Europa bisher keinen Eingang gefunden hat, obgleich wirklich frisches Palmöl auch für den europäischen Gaumen durchaus nicht unangenehm sein soll.— Technisches. x. Kosten und Bewährung eines automobilen Feuer lös chzuges. Wir haben vor einiger Zeit auf den auto- mobilen Löschzug der Feuerwehr zu Hannover aufmerksam gemacht. In Fachkreisen war man auf das Vetriebsergebnis in Bezug auf Bewährung und auf 5lostenrechnung gespannt. Nachdem jetzt der automobile Löschzug in Hannober zwei Jahre Dienst gethan hat, stellt sich heraus, daß er in jeder Weise allen berechtigten Anforderungen cntsp'-ochen hat, während eine wesentliche Erhöhung der Kampfbereit- schaft der Wehr durch das schuellere Eintreffen auf der Brandstelle erzielt worden ist. Erfreulicherweise konnte festgestellt werden, daß sich im zweiten Jahre der Vcrlvendnng des motorisch betriebenen Lösch- zugcs auch nlcht eine einzige Betriebsstörung ergeben hat. Der Lösch- zug besteht aus zwei elektrisch betriebenen Fahrzeugen(GaSspritze und Hydrantenwagen) und einer Automobil-Dampfspritze. Die Unter- haltungs- und Betriebskosten des gesamten Löschzuges betrugen im Jahre 1902/03 1926,80 M., im Jahre 1903/04 1508,33 M. Da in Hannover(und ähnlich dürften die Verhältnisse in den meisten Städten liegen), die Kosten für die Pferdcbcspannung eines aus drei Fahrzeugen bestehenden Löschzuges rund 12 000 M. betragen, so hat man in den zwei Jahren schon eine Ersparnis von nicht weniger denn 20 561,87 M. erzielt. Die Anschaffungskosten des automobilen Löschzugcs erforderten 42 400 M., sodaß also diese schon in den ersten zwei Jahren an Ersparnissen der Betriebskosten zur Hälfte gedeckt worden sind. Dieses günstige Resultat wird hoffentlich dazu bei- tragen, daß man jetzt in Deutschland auch in andren Städten diesem erfreulichen Fortschritt durch Anschaffung von automobilen Löschzügen näher tritt, was ganz besonders in Berlin zu wünschen wäre.— Humoristisches. — E i n angenehmer G a st. Wirt:„Hat der Herr, der so viel gegessen und getrunken, auch bezahlt?" Kellner:„Nein, er ist mit der Zeche durchgebrannt... aber vorher hat er sich noch das Beschwerdebuch geben lassen!"— — Verdienstvoll. Führer:„Hier sehen Sie, meine Herrschaften, die Ruinen eines ehemaligen Raubschlosses, das der Kurfürst von Brandenburg zusammenschießen ließ; derselbe äscherte auch die Burg da drüben auf demBcrge ein, von der Sie noch einige Mauern stehen sehen... Dieser Mann hat sich überhaupt um den Fremdenverkehr in unsrer Gegend sehr verdient gemacht— — Ein guter Gatte.„... Einmal in der Woche geh' ich abends aus— das lasse ich mir nicht verbieten!" „Was machen Sie denn an diesem Abend?" »Nun, da hol' ich meine Frau vom Theater ab!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — August Strindbergs Schauspiel„Fräulein Julie" wird am Sonnabend zum erstenmal im Kleinen Theater gegeben werden.— — Rudolf Lothars dreiaktiges Lustspiel„ D i e K ö n i g i n von C y p e r n" siel bei der Erstaufführung im Münchener Residcnz-Theater durch.— — A u g u st S ch a r r e r, bisher Dirigent des Münchener Kaim- Orchesters, ist zum Kapell m ei st er des Berliner Phil- harmonischen O r ch e st e r S gewählt worden; er tritt seinen Posten am 1. Juni an.— — Die biologische Abteilung des kaiscrl. Gesundheitsamtes hat kürzlich eine F a r b e n d r u ck t a f e l veröffentlicht, die die Spargelschädliuge(Spargelrost, Spargelflicge, Spargel- käfcr w.), ihre Entwicklung und ihre Bekämpfung behandelt. Die Tafel ist bei Paul Parey, Berlin, Hedemanustr. 10 erschienen. Preis 50 Pf.— — Die Schweiz besitzt nahezu 31 000 Hektar R e b l a n d, denen ini Jahre 1902 ein Ertrag von 1 190 565 Hektolitern Wein im Werte von 36 Millionen Franken entsprach. Obenan stehen Tessin mit rotem, Waadtland mit weißem Wein.— — Die Radieschen werden sehr häufig durch das Pelzig» werden zum Genüsse unbrauchbar. Um dieses zu vermeiden, ist die Oberfläche der zugerichteten Beete zu bedecken, und zwar eignen sich für diesen Zweck am besten Torfmull oder Sägespäne, die ein bis zwei Finger hoch aufgebracht werden; gut ist es, den Torfmull oder die Sägespäne einige Zeit vorher mit Jauche zu begießen und öfter umzuarbeiten.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanjraltPaul Singer chTo., Berlin L1V.