Nnterhattungsblatt des'Vorwärts 'Nr. 83. Mittwoch, den 27. April. 1904 (Nachdruck verboten.) Bfthcr Maters. Roman von George Moore. William kam zu Esther zurück und sagte: „Na, wie gefällt Dir die Geschichte hier? Gemütlich, wie?" Aber bevor sie noch Zeit gehabt hatte, zu antivorten, sprach er rasch weiter. „Weißt Du„ daß Du mir schon Glück gebracht hast? Ich habe heute zweihundertfünfzig Pfund gewonnen, und das Geld kommt mir sehr gelegen, denn Jim Stevens— das ist nämlich mein Partner— hat mir versprochen, die halbe Summe als Anzahlung zu nehmen und für die andre Hälfte einen Wechsel. Da ist er, ich werde Dich mit ihm bekannt machen. Kommen Sie mal rübcr, Jim." „Gleich," sagte ein dicker, uutcrschter Mann,„ich muß nur noch hier zwei Glas Bier abziehen." Er war in Hemdsärmeln und trocknete sich das Bier von den Händen ab. „Ich will Sie nämlich einer sehr guten Freundin von mir vorstellen: Jim Stevens— Miß Waters." „Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen," sagte Jim, und er reichte ihr seine kurze, dicke Hand über den Schauktisch hinüber. „Ich höre, daß Sie und mein Partner hier mir die Ge- schichte abnehmen wollen. Na, Sie können ein gutes Geschäft damit machen. Ein Wirtshaus, das ein gutes Glas aus- schenkt, macht immer'n Geschäft. Was kann ich Jhpen an- bieten. Miß? Wir haben Whisky, der vierzehn Jahre hier in der Flasche daliegt, aber Sie, als Dame, trinken vielleicht lieber ein Gläschen von unserm besten Ungesüßten." Esther dankte für alles, aber William sagte, sie könnten nicht gehen, bevor sie nicht auf das Gedeihen ihres Geschäfts getrunken hätten. „Also, Miß, Jrish oder Scotch? Mr. Latch trinkt immer Scotch." Da Esther sah, daß sie nicht davonkommen sollte, ohne etwas zu trinken, entschloß sie sich, ein Gläschen von dem Un- gesüßten anzunehmen. Sie stießen über den Schanktisch hinüber miteinander an, und William flüsterte ihr zu:„Diese Sorte wird nicht an das Publikum verkauft: dies kommt aus unserm Privatfäßchen. Du hast vielleicht nicht darauf geachtet, daß er die Flasche aus der dritten Reihe links herunter- genommen hat." In diesem Augenblick kam Esthers Droschkenkutscher herein und fragte, ob er das Gepäck abladen solle. „Nein," sagte William,„es soll da bleiben, wo es ist." „Ich weiß nicht, ob ich Dir schon gesagt habe, daß ich noch nicht hier wohne," sagte er zu Esther.„Mein Partner wohnt vorläufig noch oben: aber er sagt, Ende der Woche kann er schon ausziehen. Ich habe vorläufig eine möblierte Wohnung in der Nähe von Shaftesbury Avenue, also wollen wir die Droschke behalten." Esther sah ein bißchen enttäuscht aus, aber sie sagte nichts. William offerierte dem Droschkenkutscher ein Gläschen. Er zwinkerte dabei Esther mit den Augen zu und flüsterte:„Nicht vergessen, dritte Reihe links." XXX. Das Wirtshaus zum„Kings Head" war ein einfaches, altmodisches Gebäude. Es war sicherlich zweihundert Jahre alt, und der Schanktisch sah aus, als wäre er förmlich aus der Erde herausgegraben worden. Der Fußboden des Lokals lag einige Zoll tiefer als die Straße, und die Decke war so niedrig, daß ein großer Mann nur mit Mühe aufrecht darin stehen konnte. Das Gastzimmer war auch nicht, wie in den neuen Restaurants, in viele kleine Nischen eingeteilt, sondern hatte deren nur drei. Der Privateingang war in Dean Street: durch diesen kamen mitunter ein paar Swells vom Theater herüber, um Brandy und Soda zu trinken. Der Eingang für das große Publikum, wo die Stehseidel getrunken wurden� war von einer Seitenstraße aus. Ein Privatstübchen für ganz besondere Kunden gab es hier aber nicht, und wenn nur zwölf Personen an dem großen Schanktisch herumstanden, so war es schon gedrängt voll. Mit einem Wort, das Wirtshaus zum „Kings Head" war in keiner Weise modern. Nur einen Bor- teil hatte es, es war ein Geschäft mit voller Konzession, und William meinte, wenn sie nur eine Zeitlang Geduld hätten und gute Getränke ausschenkten, so würden sie nach und nach sicher ein solides, gutes Geschäft machen. Ihr früherer Partner hatte ihnen leider dadurch sehr geschadet, daß er sich's zum System gemacht hatte, lauter schlechtes Zeug auszuschenken, und zum Ueberfluß war in neuester Zeit auch noch in derselben Straße, ein paar Häuser weiter, ein neues Wirtshaus eröffnet worden, welches durchaus in jeder Weise den modernsten An» forderungen entsprach und die Aufmerksamkeit der ganzen Nachbarschaft erregte. Esther war besorgter noch als William um den guten Fortgang des Geschäfts, ebenso wie um seine Abrechnungen vom Rennplatz. Und wenn er sie deswegen gelegentlich auslachte, sagte sie: „Du bist ja niemals hier den Tag über: Du brauchst nicht hier zu sitzen und die leere Gaststube vor Dir zu sehen, den ganzen Pormittag und den ganzen Nachmittag über." Und dann berichtete sie ihm, was sie den ganzen Tag über ausgeschenkt hatte: ein Dutzend Gläser Bier um die Mittags- stunden herum und ein paar Gläser Branntwein während der Proben drüben im Theater: das Zoar alles. Das Schankzimmer war leer, und das ganze kleine Haus schien gleichsam in der gewitterschwülen Hitze des heißen Sommernachmittags eingeschlafen zu sein. Esther saß hinter dem Schanktisch und nähte: sie erwartete Jackie zurück von der Schule. William war fort, er war heute in Newmarket. Es schlug fünf Uhr: da öffnete sich die Thür, und Jackie stürmte herein, kroch unter dem Schanktisch durch und warf sich seiner Mutter in die Arme. „Nun, hast Du heut' ein gutes Zeugnis bekommen?" „Ja, Mütterchen, ein gutes Zeugnis." „Bist mein lieber Junge; und nun willst Du wohl Deinen Thee haben?" „Ja, Mütterchen, ich bin hungrig wie ein Bär, kaum konnte ich noch nach Hause gehen." „Ei, ei, so schlimm war es?" „Ja, Mütterchen; und in Oxford Street ist ein neuer Laden eröffnet worden, und das ganze Fenster ist voll mit Booten und mit Schiffen. Was meinst Du, wenn mal einen ganzen Moimt über alle Favoriten geschlagen würden, würde Vater mir wohl eines von den Booten kaufen?" „Ich dachte. Du warst so hungrig, daß Du kaum mehr nach Hause gehen konntest?" „Na ja, Mütterchen, das war ich auch, aber—" Esther lachte. „Nun, komm' mit: Du sollst Deinen Thee bekommen." Sie ging in das Stübchen hinter dem Schanktisch und klingelte. „Mütterchen, kann ich Butter auf meinen Toast knegen?" „Ja, mein Herz." „Und darf ich hinunterlaufen und Jane zusehen, wahrend sie ihn zurecht macht?" „Ja, das darfst Du auch thun, dann braucht sie rhu nicht erst heraufzubringen. Komm, gieb mir Deinen Hut; so, nun lauf und hilf Jane beim Toastmachen.".. Das Stübchen hinter dein Schanktisch war von winzigen Dimensionen, und nur mit Schwierigkeit fand ein runder Tisch, drei Stühle, ein Sessel und ein kleines Busiett Platz darin. Eine Thür, deren Glasscheiben mit roter Seide ver» hängt waren, trennte es von dem Gastzimmer. Morgens herrschte ein melancholisches Dämmerlicht, welches von dem Hof hereinkam, in dem kleineit Räume; aber nachmittags mußte man selbst im Hochsommer schon früh das Gas darin anzünden. Esther nahm ein Tischtuch aus dem Büffett heraus und deckte den Tisch zu Jackies Thee. Schon kam er wieder die Treppe hcraufgeeilt, und sie hörte, wie er auf dem Wege Jane erzählte, wieviel Murmeln er heute ge» Wonnen hätte. Gleichzeitig hörte sie Stimmen im Gastzimmer. Esther öffnete die Thür. Sie sah William dort, der un- gewöhnlich groß und lang aussah in seinem bis auf die Füße herabhängenden grauen Ueberzieher und einen mächtigen Feldstecher im Futteral an einem Riemen um die Schultern gehängt trug. Mit ihm war sein Clerc gekommen, Fred Blamer, ein kleiner, schwächlicher, vertrockneter Mann in schäbigem Anzüge; er war über und über mit weißem Staub BeScÄt und taumelte fast unter dem Gewicht eines Handkoffers, den er trug. „Na, stell' den Koffer dort nieder, Teddy, wir wollen eins trinken." Esther sah es William auf den ersten Blick an, daß er unbefriedigt zurückkehre. „Haben die Favoriten gewonnen?" „Jawohl, die verdammten Biester, heute fünf erste Favoriten, gestern drei und vorgestern zwei. Wahrhaftig, gegen solches Pech kann kein Mensch lange ankämpfen. Na, Teddy, was willst Du trinken?" „Einen kleinen Whisky, bitte, Herr Prinzipal." Die Männer tranken. Dann befahl William Teddy, Seinen Handkoffer hinaufzutragen, und ging Esther nach in !as Stäbchen hinter dem Schanktisch. Sie sah ihm an, daß er schwere Verluste gehabt habe, aber sie enthielt sich vorläufig jeder Frage. „Komm, Jackie: nun unterhalte Du Deinen Vater, er- zähle ihm, wie es heute in der Schule gegangen ist; ich will hinuntergehen, um nach dem Essen zu sehen." „Ach, laß doch mein Mittag, Esther; bemüh' Dich nicht darum; ich will heut lieber in einem Restaurant essen gehen; um neun llhr werd' ich zurück sein." „Dann sehe ich doch heute aber gar nichts von Dir. Weißt Du, daß wir diese ganze Woche über noch kaum miteinander gesprochen habe»? Die ganzen Tage über bist Du fort beim Rennen, und abends sind Deine Freunde hier, mit denen Du Dich unterhältst; wir beide sind nie auch nur einen Augen- blick allein." „Ich weiß, Esther, ich weiß. Wer ich bin ein bißchen runter, weißt Du, ich Hab''ne sehr schlechte Woche hinter mir. Die Favoriten haben in einem fort gewonnen, und bei meinem Wetten auf Wheatear Hab' ich mich übernommen gehabt; ich hatte gehört, daß er so fest stünde wie die Bank von England. Im„En" werde ich ein paar Freunde treffen, die werden mich ein bißchen aufheitern." Aber ihre Enttäuschung schien ihm leid zu thun.- Er zögerte und fragte, was es denn zu Mittag gäbe. „Es giebt Seezunge und ein Beefsteak," sagte sie,„ich bin sicher, daß es Dir schmecken wird. Und ich habe Dir so viel zu sagen; bleib doch hier, Bill; bloß um mir'ne Freude zu machen." Sie sah sehr süß aus, wenn sie so in dieser ruhigen, ernsten Art sprach, und er nahm sie in seine Arme, küßte sie und sagte, ja, er würde bleiben, es könnte ja doch keiner in der ganzen Welt eine Seezunge so kochen wie sie; bei dem bloßen Gedanken daran bekäme er schon Hunger. „Kann ich bei Vater bleiben, während Du das Mittag- essen kochst?" fragte Jackie. „Ja, das kannst Du; aber wenn ich's heraufbringe, mußt Du schlafen gehen. Ich habe dann mit Vater zu reden." Jackie schien mit diesem Arrangement ganz zufrieden zu sein. Aber als Esther mit der Seezunge heraufkam und den Kleinen der Obhut Janes übergeben wollte, bat er sehr, noch bei Vater bleiben zu können, bis dieser seinen Fisch gegessen hätte. „Es kann Dir ja doch egal sein," sagte er,„Du mußt ja doch noch einmal hinuntergehen, um das Beefsteak zu braten." Aber als sie nun mit dem Beefsteak heraufkam, wollte er ebensowenig zu Bett gehen. Esther bestand jetzt aber fest darauf, und er wußte, daß nun nichts mehr dagegen zu sagen wäre. Als letzten Trost versprach sie ihm noch, daß sie herauf- kommen würde, um ihm einen Kuß zu geben, bevor er ein- schliefe. „Du kommst aber doch wirklich, Mütterchen, nicht wahr? Ich schlafe nicht eher ein, als bis Du dagewesen bist," rief er noch von der Thür. Esther und William lachten. Esther aber freute sich, denn sie war immer noch ein bißchen eifersüchtig auf Jackies Liebe zu seinem Vater. „Na, komm," rief Jackie Jane zu und lief hinauf. Charles zündete das Gas an; Esther mußte ins Gast- zimmer gehen, einige Kunden zu bedienen. Dann kam sie zu William zurück und lehnte die Thür nur an. William rauchte jetzt behaglich seine Pfeife. Ihr gutes Mittagessen hatte nicht verfehlt, seinen Eindruck auf ihn zu machen. Er hatte seine Verluste momentan vergessen und erinnerte sich jetzt, daß er ihr noch etwas Neues mitzuteilen hätte. Er hatte heute „Ginger" getroffen; der war furchtbar liebenswürdig zu ihm herangekommen, hatte ihm die Hand gegeben und gefragt, wie hoch er wettete. „Hat er auch mit Dir gewettet?" „Jawohl, fünf Pfund gegen meine zehn." Ihn jetzt noch einmal zu fragen, ob er gewonnen oder verloren habe, wäre unnütz gewesen. Und noch einmal begann nun William, sein Mißgeschick zu bedauern. „Morgen wirst Du wieder Glück haben," tröstete ihn Esther,„die Favoriten können doch nicht immer gewinnen. Erzähle mir noch etwas mehr von„Ginger". „Da ist nicht viel zu erzählen, wir haben eben so ein bißchen miteinander geplaudert. Er wußte schon alles über unser kleines Arrangement— die fünfhundert Pfund, weißt Du— und hat herzlich darüber gelacht. Peggy ist auch wieder verheiratet: den Namen ihres Mannes Hab' ich aber ver- gessen." „Ist es derselbe, den Du die Treppe hinunter- geworfen hast?" „Nein, der ist's nicht; es ist ein andrer; und, weißt Du, „Ginger" besinnt sich noch ganz gut auf Dich; er wünschte uns viel Glück, hat sich die Adresse notiert und sagte, er würde heute abend vielleicht ein bißchen vorsprechen. Ich Hab' so die Idee, daß es ihm nicht übermäßig gut geht, sonst wäre er nicht so furchtbar freundlich zu mir gewesen. Auch Jimmy White Hab' ich gesehen. Weißt Du noch, Jim, der kleine Kerl, den wir damals immer den„Kleinen Teufel" nannten? Der den Stewards Cup auf Silberschwanz gewann. Erinnerst Du Dich noch an den furchtbaren Zank, den Du mit ihm hattest, am ersten Tage, als Tu in Woodview warst?" „Es war am zweiten Tage." „Richtig, am zweiten. Am ersten Tage traf ich Dich da draußen im Felde mit Deinem schweren Bündel, wie Tu mich batest. Dir den Weg zu zeigen." „Ich war damals noch nicht lange in Stellung: großer Gott, wie die Zeit vergeht! Das alles scheint mir, als ob's gestern gewesen wäre— und wenn man dann bedenkt, wie wir beide uns durch einen reinen Zufall wieder begegnet sind — und nun sitzen wir hier als Mann und Frau in unscrm eignen Hause! Es ist zu merkwürdig!" Seit fast einem Jahre war Esther nun im„Kings Head", Die erste Mrs. Latch hatte ihre Scheidung ohne viel Mühe erlangt, und lange noch bevor Esther mit William aufs Standesamt ging, um sich trauen zu lassen, hatte sie sich davon überzeugt, einen guten Mann bekommen zu haben. Charles öffnete die Thür; „Mr. Randal ist drin, Herr, und möchte mit Ihnen sprechen." „Gut," sagte William,„sag' ihm, ich komme sofort." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Inclianer l�oräamerikas einst uncl beute. „Eine Bande von Seeräubern wird durch einen Sturm in un- bekannte Meere verschlagen. Endlich entdeckt ein Schiffsjunge von der Mastspitze aus Land; sie gehen an Land, um zu rauben und zu plündern: sie treffen auf ein harmloses Volk und werden gastlich auf-- genommen. Sic geben dem Lande einen neuen Namen, nehmen es für ihren König feierlich in Besitz und richten zur Erinnerung eine morsche Planke oder einen Stein auf. Sie ermorden zwei oder drei Dutzend Eingeborene, schleppen ein paar mehr gewaltsam fort, um sie als Muster vorzuzeigen, kehren in die Heimat zurück und werden begnadigt. Hier nun beginnt eine neue Herrschaft, erworben durch göttliches Recht. Schiffe werden bei der ersten Gelegenheit ausgesendet, die Eingeborenen zu Paaren getrieben oder vernichtet, ihre Fürsten ge- foltert, um ihr Gold herauszurücken, und alle Schranken der Un- Menschlichkeit und Lüste entfcrgt. Die Erde ist getränkt mit dem Blute der Eingeborenen. Und diese abscheuliche Schlächterbande, angestellt bei einem so frommen Unternehmen, ist eine moderne, zur Bekehrung und Civilisicrung eines heidnischen und barbarischen Volkes ausgesandte Kolonie." An diese Worte des sarkastischen Swift, mit denen er die Eni- deckungcn in Nord-Amerika, die Behandlung der Eingeborenen durch die Europäer und ihre Gründung von Kolonien so wundervoll kenn- zeichnet, wird man unwillkürlich erinnert, wenn man bedenkt, daß auf der Weltausstellung von St. Louis die Nachkommen der früheren Besitzer des ganzen weiten nordamerikanischen Gebietes, als Schau- objekt in einem besonderen Jndianerlager vereinigt, sich den neu- gierigen Blicken der Nachkommen ihrer weißen Unterdrücker auszu- setzen genötigt sind. Was haben in wenigen Jahrhunderten aus jenen körperlich und geistig gesunden Kindern der Wildnis die civili- sierten Europäer, die Spanier, die Franzosen, die Holländer und Engländer gemacht! Den Einfluß der europäischen„Kultur" auf die Eingeborenen von Nordamerika und den Vernichtungskrieg gegen sie, sowie ihre augenblickliche Lage zu schildern, ist gerade jetzt, wenn auch keine dankenswerte, so doch notwendige Aufgabe: zeigt sie doch mit erschreckender Klarheit, wie ein durch und durch gesundes Volk durch die vielgepriesene Civilisation und deren Sendboten der Ver- nichtung anheimfälltl Die Avantgarde dieser Civilisation war, wie auch in andern Weltteilen, der Branntwein. Keine Rasse aber ist dem verderblichen Einflusie des Branntweins gegenüber so hilflos gewesen, wie die rote. Er war es zuerst, der ihre ursprünglich einfachen Sitten unter- grub und ihnen die Keime tätlicher Krankheiten brachte, der ihnen ihr Land raubte, ihnen ihren Stolz, ihr Selbstgefühl und National- bewußtsein nahm und sie zu Verbrechen und Orgien der schlimmsten Art führte. Die Häuptlinge kannten den verhängnisvollen Einfluß des Feuerwassers auf ihr Volk und versuchten bei vielen Gelegen- heilen durch Bitten oder durch Vertrag zu erlangen, daß die Ein- führung von Branntwein verhindert würde. Ihre Bemühungen waren wirkungslos. Der Händler war gewöhnlich für den Indianer der erste Send- böte der Civilisation. Seine Gier nach Gewinn ließ ihn meist noch dem Jäger und Fallensteller vorauseilen, und während er in seinem Pack minderwertige Tauschwaren führte, hielt er in der einen'Hand eine Schnapsflasche und in der andern ein falsches Gewicht. Wie diese Händler und die weiße Bevölkerung überhaupt die Kultur in jene Gegenden trugen, möge an einigen durchaus zuverlässigen An- gaben der verschiedensten Schriftsteller und Staatsmänner aus den verschiedensten Zeiten nachgewiesen werden; wir finden sie in einem mit anerkennenswerter Objektivität geschriebenen neueren Werke Georg Fridericis �Indianer und Angloamerikaner) vereinigt. „Unsre Händler," sagt die Botschaft des Gouverneurs von Pcnnsylvanien vom Jahre 1744,„bringen dem Gesetz zum Trotze geistige Getränke unter sie, machen sich ihre ausschweifende Gier nach Branntwein zu Nutze, betrügen sie um ihre Felle und ihr Wampum, welches ihr Geld ist, und verführen noch nebenbei ihre Weiber. Kann man sich dann wundern, wenn sie nach dem Erwachen aus ihrem Rausch bittere Rache nehmen?" „Viele der englischen Händler und ihre Angestellten waren Lumpe der gemeinsten Art, die unter einander in Habgier, Gewalt- thätigkeit und Ausschweifungen wetteiferten. Sie betrogen, be- schimpften und plünderten die Indianer und vergewaltigten ihre Familien. Verglichen mit den französischen Händlern, die unter besserer Aufsicht standen, stellten sie den Charakter ihrer Nation von höchst ungünstiger Seite dar."„Die Händler rekrutierten sich ge- wöhnlich aus dem Abschaum der eingeborenen Bevölkerring oder aus verbannten Verbrechern aus Großbritannien und Irland," sie waren „zum größten Teil genau so wild, wie einige der wildesten Indianer- stämme", und ihre Unehrlichkeit war so allgemein, daß ein zufällig ehrliches Exemplar unter ihnen wie ein weißer Rabe angestaunt wurde.„Er wird von den Indianern geachtet und geliebt," sagt Bartram von einem solchen Händler in Cowe,„wegen seiner Lcut- seligkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit beim Handelr und— um ehrlich und aufrichtig zu sein, muß ich es sagen und ich schäme mich hierbei für meine Landsleute— dies ist etwas wie ein Wunder." „Unser erster Grundsatz," sagt ein altgedienter Händler in der Tragödie„Ponteach" zu einem Neuling im Geschäft,„ist der, daß es kein Verbrechen ist, einen Indianer zu betrügen und zu über- tölpeln." Whisky und Betrrmkenmachen war der Hauptgeschäftsknisf der„American Flur Company", und ihren Kommis und Angestellten wurde als erste Geschäftsregel eingeschärft,„alle Mittel anzuwenden, um die größtmögliche Qumitität von Pelzwerk zum niedrigsten Preise zu erhalten." „Franzosen und Engländer machten sich die Leidenschaft des Indianers für Schmucksachen und Feuerwasser zu Nutze und brachten kolossale Vermögen zusammen; ihre Nachkommen genießen diese jeyt, während der Wald und die Kinder des Waldes hiniveggesegt sind." Die übrige Grenzbevölkerung war nicht besser:„Sie sind gemeiniglich die Hefen und das Auskehrig unsrer Kolonien. Ihre Beschreibung ist so unangenehm, daß ich mich nickt lange dabei auf- halten, sondern nur anmerken will, daß der größere Teil derselben sich unter den größten Bösewichtern zu Land oder zur See auszeichnen würde. Verurteilte Verbrecher wurden nicht selten von Großbritannien und besonders von Irland nach Amerika geschickt und in die Kolonial- Truppen gesteckt, um sich an der Jndianergrcnzc Begnadigung zu erdienen. Hier aber benutzten sie die günstigste Gelegenheit, deser- tierten in hellen Haufen und stellten einen nicht geringen Prozent- sah der rohen Grenzbevölkerung." Einige Beispiele mögen das Gesagte erläutern: Am 13. Juli 1810 trug Gouverneur De Witt Clinton bei einer Reise durch den Staat New Dork folgendes in sein Tagebuch ein:„Während unsrer Anwesenheit war in Upper Falls ein Ball, welchem ein Bootsmann dadurch ein Ende bereitete, daß er einem Hunde den Schwanz ab- schnitt und ihn unter die jungen Mädchen losließ, deren Kleider er mit Blut beschmierte. Ties giebt ein Bild barbarischer Sitten,� wie man sie kaum in Kamschatka antreffen würde." „Die Jäger der Prairien sind oft wilder als die Indianer selbst. Sie essen häufig die Leber der erlegten Tiere roh, und man sieht sie das ungeborene Kalb aus dem Leibe der Mutter herausschneiden, und zugleich mit der Placenta und allen Häuten in einen Kessel werfen, kochen und essen." „Man hat geschätzt, daß w Idaho und in Montana, welch' letzteres fast noch mehr heimgesucht war. in dem Zeitraum von 1361 bis 1866 nicht weniger als 200 Verbrecher von den Sicherheits- ausschüssen hingerichtet worden sind. Wäre das Verbrechen auf die berufsmäßigen Verbrecher beschränkt geblieben, so wären vielleicht die Sicherheitsausschüsse seiner Herr geworden. Aber so groß waren die Versuchungen zur Unehrlichkeit, daß wenige von denen, welche mit öffentlichen Geldern zu thun hatten, mit reinen Händen aus ihrem Amte schieden." Die beiden Bände 31 und 32 von Bancrofts„Geschichte der Pacific-Staaten" enthalten 1600 Seiten, welche lediglich ausgefüllt sind mit der Aufzählung und Beschreibung hon Verbrechen aller Art, wie sie in diesen Staaten während der kurzen Zeit ihres Be- stehens verübt worden sind. Die Pilgerväter von 1620 waren die ersten, welche dem Wider» willen der englischen Bevölkerung gegen die Eingeborenen von Nordamerika eine bestimmte Form gegeben haben Für sie waren die Indianer die Kanaaniter des Alten Testaments, welche weggefegt werden mußten von den Heiligen des Herrn und ausgerottet mit der Schärfe des Schwertes. „Wir lesen in ihren Berichten von Siegen der Weißen über die Heiden mit Hilfe des Herrn, und von Siegen der Heiden über die Christen mit Hilfe des Teufels,"„sie zählen mit Abscheu und Entrüstung jeden feindlichen Akt seitens der Heiden auf, mag er auch noch so gerechtfertigt nach dem Kriegsrecht geivesen sein, aber sie berichten mit Freude und Genugthuung von den Gewaltthaten, welche von ihren eignen Landsleuten an den Eingeborenen verübt wurden." In den Schriften der ersten Geschichtsschreiber, besonders der puritanischen Geistlichen Neu-Englands, finden wir die Indianer gewöhnlich als eine dem Teufel verschriebene Rasse, als wilde Bestien, Bluthunde und heidnische Dämonen beschrieben; kein Beiname schien zu schimpflich, keine Verwünschung zu gräßlich, um nicht gegen sie ausgestoßen zu werden.„Die Indianer werden im allgemeinen falsch beurteilt," sagt der Missionar de Smet,„und sind wenig bekannt in der civilisierten Welt; man macht sich seine Meinung aus dem, was man in unsren Städten und an der Grenze sieht, wo das „Feuerwasser", dieses unglückseligeGetränk, und die herabwürdigendsten Laster dieser Civilisation ihnen großes Unglück gebracht haben. Je mehr man aber in die Wildnis vordringt, desto besser findet man den Charakter der Indianer." Tie Gefühle der weihen Bevölkerung an der Grenze kennzeichnet am besten die viel gebrauchte Redensart:„Jeder lebende Indianer ist ein schlechter Indianer, jeder tote Indianer ist ein guter In- dicmer." Getreu diesem schönen Grundsatze hielt man es im Hinter- Wald absolut nicht für strasbar, im Friede» eine Rothaut ohne weiteres niederzuschießen. Manche fluchwürdige Thaten dieser Art sind über- liefert worden; die Mörder gingen gewöhnlich straflos aus. Die allgemeine Meinung schützte sie, wurden sie wirklich einmal vor die Schranken des Gerichts gebracht, so wurden sie sicherlich �rei- gesprochen.„Einen Indianer zu töten, ist ebensowenig ein Mord, wie das Zerknacken einer Laus," sagt ein Jäger in der bereits erwähnten Tragödie„Ponteach". „Die öffentliche Meinung in den Grenzgemeinden hält das heimtückische Töten eines Indianers nicht für einen Mord, noch die schamlosesten Plünderungen eines solchen für Diebstahl. Ich kenne kein Beispiel, wo ein weißer Mann für das Betrügen eines Indianers verurteilt und bestraft worden ist." „Nein, Kapitän," sagt ein Mann der westlichen Grenzen zu General May,„es ist nicht der richtige Weg, den Burschen Geschenke zu geben, um sich Frieden zu erkaufen; sondern, wenn ich Gouverneur Eurer Vereinigten Staaten wäre, so will ich Euch sagen, was ich thäte: ich würde die roten Schufte alle zu einem Feste einladen und ihnen weißmachen, ich wolle eine große Unterredung mit ihnen haben; aber sobald ich alle beieinander hätte, würde ich über sie herfallen und die Hälfte von ihnen niederhauen und skalpieren, und dann würde die andre Hälfte mächtig froh sein, einen Frieden zu schließen, welcher dauerhaft sein würde. Das ist die Art und Weise, wie ich einen Vertrag mit dem hundsföttigen, rotbäuchigen Ungeziefer machen würde; und so wahr als Ihr geboren seid, Kapitän, das ist auch der einzige richtige Weg." Nachdem wir so die Wirkung dieser Kulturbestrebungcn auf die Eingeborenen Nordamerikas dargelegt haben, kommen wir zu dem Zeitpunkt der Jndianerkriege, die den Vereinigten Staaten über 600 Millionen Dollar gekostet haben, und zu den Jndianerverträgen, deren Bestimmungen und Ausführung den Niedergang der roten Rasse beschleunigt haben und ihre demnächstige völlige Ausrottung mit Sicherheit bewirken werden. Von den Jahren 1776— 1869 sind gegen 360 Verträge von den Vereinigten Staaten mit den Indianern abgeschlossen worden und von dem ausführenden Organ der Regierung für alle Indianer- angelegenheiten, dem„Bureau of Jndian Affairs", ebenso feierlich in das Landesgesetzbuch eingetragen ivorden, wie etwa ein Bertrag mit Preußen oder Großbritannien. Aber alle feierlich eingegangenen Verpflichtungen sind schamlos verletzt worden. Der Indianer hatte keine andre Abhilfe als den Krieg. In diesen Kriegen wurden, wie statistisch nachgewiesen ist, zehn weiße Leute für einen Indianer getötet und von den getöteten Indianern hat ein jeder der Regierung 100 000 Dollar gekostet. Dann kam ein neuer Vertrag mit Saraus- folgenden neuen, gebrochenen Versicherungen; ein neuer Krieg brach aus, so daß wir nicht 100 Meilen zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ocean haben, die nicht der Schauplatz einer Jndianermetzelei gewesen wären. Kleines femlleton. o. Wie sah Shakespeare aus? Wie Mrs. StopeS soeben in der„Monthlh Review" mitteilt, kann nun nicht einmal mehr eine der berühmtesten Shakespeare-Reliquien in Stratford-on-Avon, die Büste Shakespeares in der Kirche zu Stratford, die man bisher für eins der wenigen sicheren Porträts des großen Dramatikers hielt, als„roodsr de bronze" in der Reihe der Shakespeare-Bildnisse gelten. Man wußte bisher nur, daß die Büste übertüncht und die Farben wiederhergestellt worden waren. Immer aber glaubte man, daß die Büste am besten und sichersten die Züge des Dichters wiedergäbe, Die wahre Geschichte der Stratford-Büste, die nun Mrs. Stopes enthüllt, zeigt aber, daß dem nicht so ist, und daß die Büste eine falsche Vorstellung von der Persönlichkeit des Dichters giebt. Die früheste Reproduktion des Stratforder Originals, die Mrs. Stopes emdeckte, befindet sich in den 1656 veröffentlichten„Antiquities of Marwick- shire" von Dugdale, während der bisher bekannte älteste Stich nach dem Original m Rowes„Shakespearc-AuSgabe" enthalten ist. Dieser neuentdeckte älteste Stich nach dem Original weicht nun von der Büste, wie sie uns heute erhalten ist, in den wesentlichsten Punkten ab,„Da ist gar keine Aehnlichkeit", so schreibt die Shakespeare- Forscherin,„mit dem vollen Gesicht und dem selbstzufriedenen Aus- druck, den die heutige Büste zeigt; die großen, tiefdunklen Augen blicken aus Wangen, die hohl bis zur Abzehrung sind. Der Schnurr- bart fällt weich und natürlich herab, statt aufwärts zu streben; er hat keinen Mantel um die Schultern, keine Feder in der Hand, kein Pult mit Kissen. Die Arme sind seltsam gebogen, die Hände liegen steif, mit den Handflächen nach unten gekehrt, auf einem großen Kissen, das verdächtig einem Wollsack ähnlich sieht," Der spätere Stich in Rowes Äusgabe deckt sich im wesentlichen mit dem von Mrs. Stopes entdeckten. Für die Veränderung, die mit der Büste vorgegangen ist, giebt Mrs. Stopes folgende Er- klärung: Die Büste wurde vor 1623 aufgestellt und war das Werk eines gewissen Gerard Johnson oder Janssen, eines in Southwark wohnenden Holländers. In der Mitte des 18, Jahrhunderts befand sich das Werk in einem Zustande des Verfalles, und zu seiner Restaurierung steuerte John Ward den Ertrag einer Aufführung des„Othello" bei, die am 8, September 1746 im Rathause zu Stratford stattfand, Diese Restauratoren, die die Schuld an der völligen Umgestaltung der Büste auf dem Gewissen haben, arbeiteten wahrscheinlich nach deni Stich von Vertue, der für Popes Ausgabe l1725) gemacht worden war, oder nach Gravelots Version dieses Stiches in Hanmers Ausgabe(1744), Daraus ist dann das jetzige Denkmal, das mit dem Original fast gar keine Verwandtschast mehr zeigt, hervorgegangen, — Zur Aufsuchung und Beseitigung treibender Wracks hat sich die Handelskommission des amerikanischen Senats für den Bau eines Schiffes ausgesprochen, welches ausschließlich dieser Aufgabe dienen soll. Von der amerikanischen Marineverioaltung angestellte Unter- suchungen ergaben, daß die Zahl der allein auf dem Atlantischen Ocepn treibenden Wracks durchschnittlich 19 im Monat beträgt. Diese Wracks sind führerlos auf dem Meere treibende Trümmer von großen, durch elementare Gewalten zerstörten Handelsschiffen. Monatelang von Wind und Strömung umhergetrieben, bilden sie eine große Gefahr für die Schiffahrt, da sie in der Dunkel- heit oder bei nebeligem Wetter nicht erkennbar sind und daher zu Zusammenstößen leicht Gelegenheit geben können. Bisher wurden die Wracks vielfach von amerikanischen Kriegsschiffen in irgend einer Weise, durch Sprengung, Inbrandsetzung ustv, beseitigt; doch läßt sich dies nicht mehr durchführen, da die betreffenden Kriegsschiffe durch eine derartige Verwendung ihrem sonstigen Dienste entzogen Iverden. Da aber durch den sich immer mehr vergrößernden atlantischen Dampfcrvcrkehr. namentlich den Schnellverkehr, die Ge- fährlichkeit der Wracks gestiegen ist, so wird die Frage ihrer Be- seitigung immer brennender. Der Wrackzerstörer soll aus den Haupt- verkehrsstraßen zwischen Amerika und England kreuzen, Wracks auf- suchen und diese solvie ihm von andren Seiten gemeldete Schiffahrts- Hemmnisse durch Sprengung, Inbrandsetzung oder ähnliche Mittel be- seitigen.—(„Prometheus.") — Ist Aalblnt giftig? E, Leonhardt schreibt in der Wochen» schrift„Nerthus": Es ist eine befremdende Thatsache, daß die Giftigkeit des Aalblutcs recht wenig bekannt ist, trotzdein die an- gestellten Versuche die durchaus nicht zu unterschätzende Gefährlich- reit desselben ergeben haben, Mosso wies als erster auf das Gift hin, daß sich im Blut des Meeraales(Center) findet; Springfeld verallgemeinerte diese Entdeckung auf die ganze Familie der Muränidcn, indem er auch im Blut des Flußaales einen allerdings schwächer wirkenden Giftstoff ermittelte. Das Gift(Iditbzwtoxm), ein Ergebnis des tierischen Stoffwechsels bei den Aalen, ist ein Eiweitzkörper, der beim Eintritt in die Blutbahnen des Warmblüters zerstörend auf die roten Blutkörpercheir einwirkt. Die Vergiftungserscheinungen zeigen zwei deutlich unterscheidbare Stadien, Beim Erregungsstadium tritt äußerst rasches und müh» sames Atmen bei stark beschleunigtem Herzschlag ein; die Haut fühlt sich heiß an; lebhafte Muskelziicknngen, die sich bis zu Krämpfen steigern können, stellen sich ein. Unfreiwillige Harn- und Kot- entleerungen vervollständigen das Krankhcitsbild, Ist die Vergiftung keine schlvere, so weichen die angegebenen Erscheinungen fast plötzlich und es tritt nach und nach der normale Zustand wieder ein, In schweren Fällen lassen ebenfalls die Erreguugserscheinun- gen infolge Lähmung der nervösen Zentren sehr schnell nach, und eine zunehmende Gefühllosigkeit bereitet den Tod vor, der ohne Kampf durch Aufhören der Atmung eintritt. Die Fischer der Ostseekiiste fürchten übrigens auch das Aalblut, wenn es beim Schlachten des Tieres in die Augen spritzt, da eine mehrtägige Schwellung und Entzündung des Aüges die unangenehme Folge dieses Vorganges ist. Im menschlichen Magen wird das Jchthyotoxm durch die Vcrdauungssäste zerstört, wirkt daher nicht schädlich, wie es auch durch Erhitzen seine giftigen Eigenschaften verliert. Das ist wohl auch der Grund, daß man selten oder nie von derartigen Ver- giftungen hört; denn beim Schlachten, wo allein eine solche statt- finden könnte, ist man gewohnt, vorsichtig zu sein.— Litterarisches. e. lc, Heinz T o v o t e:„Sonnemanns". Roman, Berlin. F. Fontane u, Co. In dieser Berliner Milchmann- und Mädchen- vermietherin-Geschichte ist eigentlich kein tröstlicher Faden, der den Leser zur Halle hinausführt. Nichts verrät einen bildenden Dichter, mit dem wir in die Seelen der Menschen blicken, der unser Mit- gefühl erbeben machte, geschweige denn etwas Besonderes zu sagen hätte. Tovote arbeitet lediglich mit Behelfen des nackten Natura- lismus. Was nun z, B, Zola so groß machte: die gewaltige Konzentration seiner Schilderungskraft, das ethische Pathos, dem sich der Leser unwiderstehlich beugen muß:— all dies und noch manches andre vermißt man hier. Die Geschichte—„Roman" nennt sie allzu euphemistisch der Verfasser— ist doch sehr billig nach that- sächlichen Lokalberichten vom Leben abgeschrieben. Mit dem Unter- schiede nur, daß ihrer mehrere, zu einer Kette logischer Folge- erschcinungen verbunden, die konsequente Entwicklung zweier Menschendasein vortäuschen. Es kann— die Erfahrung vom Tage lehrt das— oft geschehen, daß ein ordent- licher Mensch, wie dieser Sonnemann, nachdem er sich verheiratet hat, allmählich auf Abwege gerät, bis er als Mein- eidiger ins Zuchthaus kommt. Es mag auch nicht selten geschehen, daß ein Weib, trotz aller während des Mädchenstandes bejvährten Bravheit und Ehrlichkeit, durch einen liederlichen Ehegatten aus der Bahn sittsamer Tüchtigkeit geworfen wird, um schließlich, durch ihn gezwungen, sich der Gelegenhcitsprostitution zu ergeben. Es muß aber nicht sein. Aus mancherlei Einzelfällen eine typische Allge- meinheit zu folgern, geht nicht an. Und so glaubt man denn auch nicht, daß die Sonnemanns wirklich diesen Weg des Nieder- ganges beschritten hätten— wenn es dem Verfasser nicht gerade so gefiele. Was er vorbringt, ist, einzelne hübsch gefaßte Oasen ab- gerechnet, mit Oberflächlichkeit behandelt. Von psychologischer Ver- tiefung ist nirgends die Spur. Der ganze Roman gehört zu der großen Gattung von gewöhnlich erzählten Unterhaltungsschriften, die sich ein Flaneur als Verscheucher gelangweilter Laune während längerer Eisenbahnfahrt zu kaufen pflegt.— Humoristisches. — Ihr Wunsch. Alte Jungfer:„Eines möchte ich wenigstens noch erleben: die Junggesellen st euer!"— — Hyperbel. Chef(zum Buchhalter):„Müller, das dauert aber höllisch lange, wenn Sie eine Prise nehmen, da wäre es ja fast angebracht, wenn Sie immer gleich um S ch n u p f li r l a u b ein- kämen."— — Individuelle Anschauung.„Wer ist denn eigentlich der gescheiteste von eurer Klasse?" „Der Müller-Taverl,— der kann d i e Ohrloascheln bewegen."—(„Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Im Central-Theater geht am 1. Mai Fritz Oswald B i I s e s Schauspiel„Wahrheit" erstmalig in Scene.— — Einen Preis von 666 Mark hat die Shakespeare- Gesellschaft für die beste Lösung der Aufgabe„Einrichtung des Shakespeare- Theaters nach den zeit- genös fischen Dramatikern" ausgesetzt. Letzter Ein- lieferungstermin ist der 15. März 1905.— — Bruchstücke alt norwegisch er Kirchenmusik vom 9. bis 14. Jahrhundert sind im Reichsarchiv zu Christiania entdeckt worden.— — Eine Gesellschaft für experimentelle Psycho- l o g i e hat sich gelegentlich des dieser Tage in Gießen tagenden Kongresses für experimentelle Psychologie gebildet. Im Vorstand sitzen: Dr. E. Müller-Göttingen, Ebbinghaus-Breslau, S. Exner- Wien, Külpe-Würzburg, Sommer-Gießcn und Schumann-Bcrlin. Mitglied kann werden, wer eine Arbeit von wissenschaftlichem Wert aus dem Gebiet der Psychologie oder deren Grenzgebieten ver- öffentlicht hat.— — Die Kultur der Sonnenblume(Heiiautbus annuus) hat auf Ceylon sehr gute Resultate geliefert, und zwar in sumpfigen Gegenden, wo früher starke Fieber herrschten. Es werden dort pro Acre 3 Pfund Samen ausgesät und nach acht Monaten 1806 Pfund Samen geerntet, aus denen 300 Pfund Oel gewonnen werden können. Dieses Oel könnte das Olivenöl ver- treten, sowohl in der Küche wie auch bei der Beleuchtung und der Fabrikation von feinen Farben. Die Stengel liefern außerdem einen ausgezeichneten Rohstoff für die Fabrikallon von Papier.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Krück und Verlag: VorwärtsBuchdruckerei».VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinLW.