Anterhaltlmgsblatt des HorwSrts Nr. 83. Freitag, den 29. April. 1904 lNachdruck verboten.) 521 Bfther Cßatcre» Roman von George Moore. William warf gleich seinen Rock ab. „Ich bin todmüde," sagte er,„und wenn ich denke, wieviel ich nächste Woche verlieren kann— ," er beendete seinen Satz nicht. Esther aber sagte:„Du hast sehr hohe Wetten für den Derby angenommen: nicht wahr? Wenn nun aber doch ein Outsider gewinnt?" „Ja, das musz man eben abwarten." Sie waren beide sehr miide, wechselten noch ein paar Worte miteinander, kleideten sich aus und legten sich nieder. Esther hatte kaum den Kopf aufs Kissen gelegt, so schloß sie auch schon die Augen. Nach einer Weile sagte William:„Es ist doch komisch, daß Du, die Tu schon so viel davon gehört hast, noch nie ein Rennen gesehen hast." Esther sagte nichts. Sie war schon im Einschlafen be- griffen, und Williams Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihr Ohr. Plötzlich versetzte er ihr einen leichten Stoß. „Du, hör' mal. Kleine," sagte er,„nun weiß ich jemand für Dich: zur Begleitung lade doch unsre frühere Freundin Sarah Tucker ein, mit uns zu gehen. Ich habe von John gehört, daß sie im Augenblick keine Stelle habe; da kann sie ja gehen: die würde sich darüber freuen." „O ja— ich würde mich auch freuen, Sarah wieder- zusehen." „Du schläfst ja schon." „Nein, durchaus nicht. Ich habe genau gehört, was Du gesagt hast. Du willst, daß wir Sarah einladen sollen, mit uns zum Derby zu fahren." William bedauerte sehr, daß er nicht ein hübsches Wägelchen besaß, worin er die beiden Damen zum Derby hätte fahren können. „Man könnte freilich eins mieten, aber das würde un- sinnig viel Geld kosten. Auch wäre es möglich, daß er dann zu spät ankäme: denn die Wege sind eben nicht mehr so gut wie früher, und die meisten Leute fahren heutzutage in der Eisenbahn hin." Während sie noch berieten, von wem sie Sarahs Adresse erfahren konnten, schliefen sie beide ein. Drei oder vier Tasse vergingen. Dann eines Morgens sprang William rasch aus dem Bett und sagte: „Ich glaube, es wird ein schöner Tag, Esther." Er nahm seine besten Kleider aus dem Schrank und suchte sich auch eine schöne, seidene Krawatte hervor. Esther hatte einen festen Schlaf: sie lag auf ihrem Platz dicht an der Wand und schlief noch. William beachtete sie nicht weiter, sondern kleidete sich an, dann rief er: „Na, nun steh' aber auf, Esther: Teddy wird gleich hier sein, un? meine Sachen cinzupackc??." „Ist es schon Zeit, mifzustehen?" „Ich sollt' es meinen!" Sie hatte zum Derbyrennen ein neues Kleid bekommen. Man hatte es im Tottenham Co?irt Road bestellt.?ind gestern abend war es ins Haus geschickt worden. Ein tvirkliches Sommerkleid; ein hübsches lila Muster auf weißem Grunde: um Hals und Aermel mit weißen Spitzen verziert: auch einen weißen, mit Flieder besetzten Hut hatte sie dazu, desgleichen einen hübschen, zur Toilette passenden Sonnenschirnr. Jetzt klopfte es an die Thür. »Ja, ja, Teddy, gleich: meine Frau ist noch nicht ganz fertig. So spute Dich doch ein bißchen, Esther." Esther trat mit den Füßen in ihren Rock hinein, um ihr Haar nicht wieder in Unordnung zu bringen, und sie war noch dabei beschäftigt, die Taille zuzuknöpfen, als der kleine Mr. Vla?ny schon eintrat. „Thut mir leid, Sie zu belästigen, Madaine, aber wir haben keine Zeit zu versäuinen, wenn der Herr liicht seinen Platz auf dem Hügel verlieren will." „Nur schnell, Teddy, schnell,??imm die Sachen raus, halt Dich nicht mit unnützem Schwatzen auf." Der kleine Mann öffnete den Handkoffer und legte ihn auf den Boden. Dann nahm er ei?ien karierten Anzug aus dem Schrank, an dem jedes schwarze und weiße Carreau so groß war wie ein halber Schilling. „Wollen Sie die grüne Kralvatte dazu umbinden?" William nickte. Die grüne Kralvatte ivar einen Meter lang und von wallender, hellgrüner Seide. „Ich habe Jhi?en auch ein Bündel gelbe Blumen init- gebracht: wollen Sie sie jetzt ansteckeil oder soll ich sie in den Koffer legen?" William warf einen Blick auf die Blirmen. „Ihre Farbe ist ein bißchen schreiend," sagte er.„thun Sie sie lieber in den Koffer hinein. Ich iverd' sie erst auf dem Nennplatze anstecken." Die Karte, die er nachher in seinen nieiße?? Hut stecken sollte— die Worte„William Laich, London" standen in Gold- buchstaben auf grünem Grunde darauf—. wurde ganz obenauf gelegt. Die Stiefel?uit den drei Zoll hohen Sohlen und Ab- sähen wurden ii? die Kiste gelegt, auf»velcher Williain zu stehen pflegte, während er der Menge seine Preise zuschrie. Dann kamen noch die zwei Stailgen, welche daS weiße Banner trugen, auf dem in goldenen Buchstaben stand: „William Latch,„Kings Hcad", London. Reelle Preise, prompte Bezahlung."— Der Himmel war bedeckt: hie lind da aber brach die Sonne golden durch die Wolke?? hervor. Die Straßen ivaren voll von jlingen Männern: hie und da aber sah man auch das blaue oder weiße Kleid eines jungen Mädchens hiridurch- schimmern. Sie waren in einer Droschke zum Bahnhof gefahren. Dort wurden sie schon vom altei? John crlvartct.�, Sarah aber war noch nicht da. William sagte ungeduldig: „Wir lnüssen eben ohne sie fahren: ich darf uin keinen Preis zu spät koinmen." Esthers Gesicht umwölkte sich eil? wenig. „Wir können nicht ohne sie fahren," sagte sie,„sei doch nicht so ungeduldig!" In diesem Augenblick kali? eine weibliche Perlon in weißein Kleide rasch den Perron herabgelaufen, und Esther sagte: „Ich glaube, dort koinmt sie." Da die Frauen Angst hatten, ihr Haar und ihre Hüte in Unordnung zu bringen, gaben sie sich nur einen ganz kleine??, leichte,? Kuß, und William crmahnte sie, rasch einzusteigen. „Ihr habt'ne ganze Stunde in? Zuge Zeit, Eure Kleider gegenseitig zu besehe?? und miteinander zu sckyvatzen," sagte er.„Steigt?iur ei??,"— und er schob sie in ein Eoupck dritter Klasse hinein. Die Fra?ien setzten sich an die Fe??ster. Sie hatten einander so lange nicht gesehen und hatten einander so viel zu sagen, daß sie zuerst gar nicht wußten, wo anfangen. Sarah sprach zuerst. „Wie gut von Ihnen, an?nich zu denken. Also nun sind Sie wirklich verheiratet— und noch dazu mit ihm," fügte sie leiser hinzu. Esther lachte. „Ja, es ist wahrhaftig seltsam: nicht wahr?" „Sie?nüssen mir aber die ganze Geschichte erzählen," sagte Sarah. „Wie komisch, daß wir uns noch nie zuvor begegnet sind!" „Ich habe nur einmal von Ihnen gehört; das tvar durch Margarete Gale." Der Zug rollte a?is der dunklen Bahnstation hinaus in das jetzt blendend gewordene Sonnenlicht. Die Sonnenstrahlen brai???ten durch die Fensterscheiben auf die Gesichter?ind Hände herab. Die Eiscirbahnlinie lag hoch: sie fuhren an den oberen Etagen der Häuser vorbei, fast in gleicher Höhe rnit den Schorn- steinen; dürre Plätze flogen vorüber, die?i?it altem Eisen, alte??? Holz, alten Stücken Eisenbahnschienen und so weiter an- gefüllt wäre??. Hoch in der Luft augebrachte, malerisch aus- sehende Geschäfksannonccn sausten vorbei, mächtige Gasometer, die, hoch und schwarz in die L?>ft einporragend, fast?vie eiserne Käfige aussahen, lind weit dahinter sahen sie die Hausdächer des großen London, auf denen noch der graue Frühnebel lagerte,?ind dazwischen hie und da das zerfrai?ste Grün einer Baumgruppe in einem entfernten Park. Unten, durch einen mit hundert Bogen versehenen Viadukt, sahen sie einen Zug voruoerrasen�, und an den schwarzen Themse-Ufern eilten un- zählige andre Züge entlang, welche die Tausende von kleinen Beamten, Ladenverkäufern und Arbeitern aus den Vorstädten nach der Stadt zu ihrer täglichen Arbeit führten. An der Clapham Funktion hatten eine Menge Sports- leute die Coupäs bestiegen, sie trugen sämtlich lange graue Ueberröcke und Feldstecher in Futteralen über die Schultern gehängt. Und weiter rollte der Zug. immer weiter— durch die Vorstädte mit blendend roten Ziegeldächern, an deren Stelle, wie der alte John erzählte, vor vierzig Jahren noch lauter offenes Land gewesen war. Die Männer rauchten unterdessen ihre Pfeifen und horchten mit Interesse und Bewunderung auf die Anekdoten des alten John. Er erzählte von jenen Zeiten, in denen er und der„Alte" zusammen mit den großen Sportsleuten jener Zeit diesen selben Weg mit Wagen und Pferd zurückzulegen pflegten. Esther hatte Sarah die Geschichte ihrer Begegnung mit Margarete erzählt: und dann hatte Sarah sie ausgefragt über ihre Begegnung mit William und die darauf erfolgte Heirat. Der Zug hatte jetzt an einer kleinen Station auf freiem Felde angehalten, und der nunmehr ganz blau ge- wordene Himmel mit seinen kleinen grauweißen Wölkchen wurde das Thema der ferneren Unterhaltung. Dem alten John wollten diese Wölkchen nicht so recht gefallen, und die Frauen blickten mit Befriedigung auf die Regenmäntel, die sie über dem Arm trugen. Noch mehr als einmal mußte der Zug halten; aber sie hatten nun London endgültig hinter sich gelassen, und als sie das letzte Mal hielten, war es vor einem herrlichen, in sommerlicher Frische daliegenden Landschaftsbilde. Eine grüne, saftige Wiese mit einer altmodischen, verwitterten Kirche, die man zwischen den breitästigen Bäumen hindurch- schimmern sah; grüne, wogende Kornfelder, lustige, in der Luft herumfliegende und ein langsames Vorbeirollen der leichten, granweißen Wölkchen oben, die gleichsam Platz zu machen schiMen für den tiefblanen Himmel eines langen, schönen Sommertagcs. XXXII. Es war so arrangiert worden, daß William sich im „Spread Eagle" umziehen, das heißt seinen Sportsanzug anlegen sollte. Das Wirtshaus befand sich nicht weit von der Station entfernt, an einem Kreuzwege; ein niedriges, viereckiges Haus mit einer auf Säulen ruhenden Veranda davor. Selbst zu dieser frühen Stunde schon zogen Massen- hast Pilger aus London hier vorüber. An diesem Trog hier wurden viele Pferde getränkt, im ersten Gastzimmer netzten die Kutscher ihre Kehlen, und an den Tischen drin und vor dem Wirtshause saßen junge Mädchen in hübschen, hellen Sommerkleidern mit jungen Männern zusammen und tranken Bier. Aber die größere Zahl der Wagen fuhr vorbei, ohne an- zuhalten; denn die Insassen befürchteten sonst zu spät an- zukommen. Sowie sie hier an der Biegung anlangten, mußten sie im Schritt fahren und sich der Reihe nach dem langen Zuge von Wagen anschließen, von einem berittenen Schutzmann, der auf seinem Pferde mitten im Wege stand. dirigiert. Die Kutscher der zahlreichen Privatfuhrwerke trugen sämtlich rote Röcke, und das Tuten und Heulen aus den langen Messinghörnern durchschnitt fast ununterbrochen die Luft. Auch alte, schäbige Wagen kamen vorüber, manche von zwei, manche nur von einem Pferde gezogen; halb- jahrhundertalte Mähren wackelten langsam vorbei, hinter sich ebenso alte Fuhrwerke hcrschleppend— und selbst Eselwagen waren kein leitener Anblick. Esther und Sarah waren erstaunt über die Menge von Fuhrwerken; aber der alte John belehrte sie, daß das gar nichts wäre im Vergleich zu dem, wie es vor fünfzig Jahren gewesen. „In dem Jahre, als Andover den Derby gewann, hatte die Wagenlinie etwa acht Meilen vor Epsom begonnen. Die Wagen blieben damals mitunter eine halbe Stunde stehen, bevor sie sich weiter fortbewegen konnten. Und dieses Scherzen und Lachen und Fröhlichsein! Der Kutscher machte ruhig. mit dem Herzog seine Witze, der Diener mit der gnädigen Frau. Ach! mit dieser alten, guten Lustigkeit war's nun vorbei." „Ach, du lieber Himmel!" rief Esther, als William jetzt in seinem Sportsanzug zu ihnen heraustrat,—„beinahe hätte ich Dich nicht erkannt!" Er sah in der That sehr sonderbar und prächtig aus in seinem großkarierten Anzug, seiner langen, grünen Hals- binde, den gelben Blumen und dem weißen Hut mit seiner goldenen Aufschrift:„Mr. William Latch. London." „Das ist kein Wunder," sagte er,„Du hast mich noch nie in diesem Zeug gesehen. Sieht aber famos aus, was? Aber nun müssen wir uns eilen; es ist schon spät. Mr. North hak mir angeboten, mich in seinem Wagen mitzunehmen bis nach dem Turf, aber sein Wagen hat nur zwei Plätze. Teddy und ich müssen uns beeilen; aber Ihr habt noch lange Zeit, denn es kann noch Stunden dauern, bevor die Rennen beginnen. Es ist ja auch kaum mehr eine Meile bis dorthin; ein hübscher Spaziergang. Diese Herren hier werden sich Eurer schon an- nehmen. Ihr wißt ja, wo Ihr mich findet," sagte er zu John und einem andern Reisegefährten,„nehmen Sie sich meiner Frau und Miß Tuckers gut an." Gleich nach diesen Worten sprangen er und Teddy in einen bereitstehenden kleinen Wagen hinein und fuhren davon. „Das ist mir ein netter Mensch!" sagte Sarah,„er fährt im Wagen und w i r können zu Fuß hinterdrein laufen." „Er muß doch zusehen, daß er einen guten Platz auf dem Hügel bekommt; sonst macht er heute nichts," erklärte John; „wir aber haben noch massenhaft Zeit; die Rennen beginnen immer erst nach ein Uhr." (Fortsetzung folgt.): INochdruck verboten.) Me der filzhut entftebt. Der Fabrikant bezeichnet die Verarbeitung der Tierhaare durch Druck, Klopfen und schiebende Bewegung zu einem zähen, elastischen und schmiegsamen Gebilde als„Verfilzen". Worauf beruht nun aber die Fähigkeit der Tierhaare, sich zu verfilzen? Darüber belehrt uns das Mikroskop. Betrachten wir verschiedene Tierhaare durch das Mikroskop, so sehen wir, daß dieselben nicht etwa einfache, glatte Fäden oder Röhrchen darstellen, sondern daß sie ganz und gar mit lauter feinen, schräg aufwärts gerichteten Spitzen oder Schuppen besetzt sind. Werden nun durch die mechanische Bearbeitung die Haare in ungleicher Richtung dicht aneinander geschoben, so daß die Spitzen ineinander greifen, so entsteht ein zusammenhängender Stoff, aus welchem man die einzelnen Haare nicht mehr herauszuziehen vermag. Die Antvendung von Wärme und Feuchtigkeit begünstigen noch dieses Verfahren, und die ganze Kunst des Hutmachers besteht nun eben darin, das Material so gründlich zu bearbeiten, daß es eine gute, gleichmäßige Beschaffenheit erhält und die gewünschte Form annimmt. Nicht jedes beliebige Ticrhaar ist geeignet, zu Filzhüten verarbeitet zu werden, auch der Preis des Materials fällt ins Gewicht. Den gebräuchlichsten Stoff bilden die Hasen- und Kaninchenhaare, und zwar werden die Hasenhaare für bessere, die Kaninchcnhaare für geringere Filzhüte verwendet. Ein Hut aus Biberhaaren bildet ein kostbares Stück; die sogenannten Castorhüte, welche nach dem Urteil vieler Leute aus Bibcrhaaren gefertigt sind, öesrcqen thatsächlich nur aus gewöhnlichem Filz, welcher lediglich an der Oorrslache eine ganz dünne Decke aus den teuren Biberhaarei» erhält. Die äußere Plattierung kann also sehr leicht einen Käufer bestechen, während ihr in Wahrheit kein zu großer Wert beizumessen ist. Im übrigen werden noch sehr billige, gröbere Filzhüte von Laaimwolle, Kälber- und Kamelhaaren hergestellt, doch wird auch feinen Hüten immer etwas Schaf- und Vicogna-Wolle zugesrtzt. Die Haare verfilzen sich nämlich verschieden gut, und da sich die Lamm- und Vicogna Wolle wohl besonders leicht verfilzen läßt, bedient man sich gern dieses Hilfs- mittels. Das Hasenhaar muß sogar erst durch Anwendung einer Beize zum Kräusein und Verfilzen geneigt gemacht werden; diese Beize, welche nicht auf das losgelöste Haar, sondern auf das unver- fehlte Fell angewendet wird, besteht z. B. aus einer Lösung von Quecksilber in Scheidewasser mit einem Zusatz von Aetzsublimat und weißem Arsenik. Die verschiedenen Beiz- und Präparierungs- Methoden haben den Zweck, das natürliche Fett bezw. andre an der Lberfläche der Haare haftende Stoffe zu entfernen und die Spitzen oder Schuppen freizulegen und so das Verketten der Haare zu er- leichtern. Im übrigen hat man schon bei dem Enthaaren der Fälle sehr vorsichtig zu verfahren; man hat darauf zu achten, daß die langen Stachelhaare von gewissen Körperteilen der Tiere nicht mit verarbeitet werden, wie überhaupt das sorgfältige Sortieren oder Mischen der Haare eine große Rolle in der Hutmacherei spielt. Jeder kann sich durch einfaches Befühlen der Hüte selbst davon überzeugen, wie außerordentlich verschieden das verwendete Material ist. Die Verfilzung wird durch das sogenannte„Fachen" eingeleitck. Bei der Fabrikation durch Handarbeit macht man keinen Unterschied, ob es sich um Haare oder Wolle, bezw. um ein Gemisch von Haaren und Wolle handelt. Das Fachen hat den Zweck, das Material zu- nächst aufzulockern und von Staub und groben Stachelhaaren zu befreien, die parallele Lage der Fasern aufzuheben und sie möglichst unregelmäßig durcheinander zu werfen. Zu diesem Zwecke bedient sich der Fächer eines Werkzeuges, welches wie der Bogen eines Basses aussieht, etwa zwei Meter lang ist und an einem von der Decke herab- hängenden Stricke hängt. Der Fächer verficht es, die Sehne des Bogens derart gegen das aufgehäufte Material schwirren zu lassen, daß die Fasern gründlich durch einander gewirbelt werden, bis sie schließlich beim Herabfallen eine lockere, ziemlich gleichmäßige Schicht auf dem Arbeitstische bilden. Der Arbeiter bildet nun aus dem für einen Hut bestimmten Material zwei lose, dreieckige Lagen, welche durch vorsichtiges Drücken mit der Hand oder durch behutsames Hin- und Herschieben mittels eines aufgesetzten siebartigen Gerätes der- filzt werden. Tann werden durch weiteres Verfilzen mit der Hand zwei Seiten zu einem sogenannten Stumpen verbunden, der wie eine kegelförmige Mütze aussieht. Die weitere Verdichtung des Filzes erfolgt durch das Walken. Diesem Zwecke dient ein Walkkessel, dessen breiter, nach innen geneigter Rand den Walktisch bildet; er bietet in der Regel fünf bis sechs Leuten Platz zur Arbeit. Im Kessel befindet sich eine aus Wasser und einem Zusatz von Schwefelsäure bestehende Flüssigkeit, welche beständig heiß gehalten wird. Der Filz wird immer wieder in die Flüssigkeit getaucht und dann auf dem Walk- tische aus freier Hand oder mit Hilfe eines Rollholzcs bearbeitet, und zwar bald auf der Außenfläche, bald durch Umdrehen der Stumpen auf der Innenfläche. Bei dem Waltverfahren verringert der Stumpen immer mehr seine Größe; er schrumpft mehr und mehr zusammen, bis er schließlich V- seiner Dimensionen verloren hat. Ist die Verdichtung und Verkleinerung bereits weit genug vor- geschritten, so wird das Material mit einer Bürste bearbeitet, welche man öfter in die heiße Beize taucht. Der Stumpen wird nun auf einen hutförmigen Block gebracht und weiter mit der Bürste behandelt, wobei gleichzeitig die heraus- stehenden Stachelhaare mittels eines Werkzeuges entfernt werden, das sich in die vorstehenden Haare eindrückt und sie herausreißt. Die Spitze des Stumpens wird auf dem Block durch Strecken, Drücken und Bürsten verbreitert; hierauf wird der Rand über dem Block ab- gebunden und durch ähnliche Behandlung gestreckt und gedichtet. Das Bürsten giebt dem Material auch jenen Lüster, welcher die neuen Filzhüte so gefällig erscheinen läßt und der leider so bald schwindet. Der gewalkte und geformte Hut wird dann nur noch gefärbt, mit Schellack oder Leim gesteift und zugerichtet, endlich gefüttert und eingefaßt. Seit einer Reihe von Jahren bedient man sich auch einer Maschine, welche die langen, groben Haare mittels einer mit schraubenförmig gestellten Messern besetzten rotierenden Welle fein säuberlich fort zu rasieren hat. Das Walken ist eine sehr anstrengende und ziemlich langweilige Beschäftigung; es erfordert drei bis vier Stunden, und auch der geschickteste Arbeiter kann während eines Tages kaum mehr als drei Hüte fertig walken. Bei der Herstellung von Castorhüten oder andren Fabrikaten, welche mit einer feineren Decke versehen werden, geschieht das Plattieren natürlich während des Walkens. Man bildet ein Fach des edleren Stoffes, zieht dieses über die gröbere Filzkappe und walkt dann beide Schichten zusammen. Soll die Filzfabrikation durch Maschinen erfolgen, so müssen Pelzhaare und Wolle getrennt und für sich bearbeitet werden, und zwar beginnt die Maschinenarbeit schon bei den Fellen. Das Roh- Material für Haarhüte besteht aus Hasen« und Kaninchenfellen, welche in getrockncteni Zustande auf den Markt kommen. Nach dem Beizen werden die Vließe einer schnell rotierenden Bürstcnwalze aus- gesetzt: dann werden die Haare durch eine Schermaschine vom Felle getrennt. Bei diesem Verfahren kommen natürlich auch die groben Haare mit unter das brauchbare Material. Um diese zu entfernen, bedient man sich einer Maschine, welche gleichzeitig die Haare auf- zuWirbeln und untereinander zu werfen hat, wie ich dies oben bei der Handarbeit geschildert habe. Die Maschine wird als„Haarblase- und Mischmaschine" bezeichnet. Solch eine Maschine besteht aus mehreren Kammern, vor deren Eingangsöfsnungcn je eine Bürsten- walze rotiert. Man führt die Haare der Walze zu, und diese besorgt nun von selbst das Ausbürsten und Sortieren des Materials. Der entstehende Luftstrom treibt die feineren und leichteren Haare in den oberen Teil der Kammer, wo sie von einem Transportband auf- genommen und der nächsten Bürstenwalze zugeführt werden. Da- gegen fallen die groben Haare nach unten aus ein schräg gestelltes Brett, wo die weitere Ausscheidung des brauchbaren Materials er- folgt. Aus der letzten Kammer kommen die Haare, nach gründlicher Mischung in diesem Teil der Maschine, in Form eines losen endlosen Bandes heraus. Die für einen Hut erforderlichen Mengen werden durch ein Gewicht festgestellt und in den Stumpenformer gebracht. Der Stumpenformer ist eine sehr interessante Maschine. Die wollartige, lockere Masse wird abermals auf einem endlosen Trans- portband ausgebreitet und einer„Speiscwalze" zugeführt, welche das Material wieder einer rotierenden Bürste überliefert.' Diese treibt das Material in einen kastenförmigen, horizontal angeordneten Kanal, der sich aber nach der einen Seite hin immer mehr und mehr verengt und in eine Kante ausläuft. An dieser Stelle befindet sich ein langer, senkrechter Spalt, vor welchem aus einem kastenförmigen Untersatz eine große, durchlöcherte Kupferglocke in Form eines hohen, ziemlich spitz zulaufenden Hutes rotiert. Aus dem kastenförmigen Untersatz und der Glocke wird nun mittels einer Luftpumpe die Luft abgesaugt, und es entsteht ein lustvcrdünnter Raum. Die Haare im Kanal werden durch den kräftigen Luftstrom erfaßt, sie stiegen gegen die Glocke und werden hier fest angesaugt. Da die Glocke um die vertikale Achse rotiert, so wird nach und nach die ganze Glocke von der Haarschicht bedeckt. Der Arbeiter reguliert den Zustrom der Haarmasse durch einen vor dem Spalt angeordneten Schieber und vermag auf diese Weise zu bewirken, daß die Glocke sich mit einer gleichmäßigen Haarschicht bedeckt. Ist dann die für einen Hut erforderliche Schicht aufgebracht, so umhüllt er sie mit einem feuchten Tuche, nimmt die Form einschließlich der Deckschicht herunter und taucht das Ganze in heißes, angesäuertes Wasser. Dabei verfilzt sich das Material bereits so weit, daß der dünne, kastenförmige Filzstumpen zur weiteren Be- arbeitung abgehoben werden kann. Nun erfolgt das Walken der Filzkegel, von denen immer eine größere Zahl zusammengethan Ivird. Sie werden mit einer grob gezahnten Walze bearbeitet, wobei sie nicht allein dichter werden, sondern auch, wie bei der Handarbeit, in.mer mehr einschrumpfen, sich also Der Hutform nähern. In manchen Fabriken wird mit der zunehmenden Dichtigkeit des Filzes der Druck der Walze vermehrt. Außerdem kommen sogenannte Filz- mühlen zur Verwendung, welche mit einem Fallhammer ausgerüstet sind. Der Fallhammer fällt auf das Walkbrctt nieder, auf welchem das Material ausgebreitet liegt, und wird nach jedem Fall wieder automatisch aufgehoben. Das Walkbrett ist durchlöchert, so daß der von unten kommende Dampf das Material durchströmen kann. Zum Zwecke des Scherens wird der Hut auf eine Kegelform gezogen und unter einem Schermesser durchgeführt, welches mit schneller, kreis- förmiger Bewegung alle vorstehenden, gröberen Haare entfernt. Viele Mühe machte es auch, die Spitzen der Filzkappcn zu be- seitigen. Die Spitze wird während des BeHandelns der Stumpen auf dem Formkörper bald nach innen, bald wieder nach außen ge- drückt, wobei sie mehr und mehr einschrumpft und schließlich eine Reihe ringförmiger Falten bildet, welche nun unter häufiger Be- Nutzung mit heißem Wasser von Hand ausgewalkt werden. Dabei er- hält man endlich den stachen oder flachgewölbten Deckel, welchen fast alle modernen Hüte besitzen. Um die gescherten und bearbeiteten Filzflächen immer mehr zu glätten, kommen Schleifmaschinen zur Anlvcndung; das Verfahren wird vielfach als„Bimsen" bezeichnet. Der Filz wird dabei über cylindrische, oben gewölbte Formen gezogen, die auf schnell rotierenden vertikalen Wellen sitzen. Derartige Formen sind stets in größerer Zahl rings um einen Arbeitstisch angeordnet, so daß stets mehrere Arbeiter an jedem Tisch beschäftigt werden können. Während des Rotierens drückt der Arbeiter Sand- oder Schmirgelpapier gegen die Filzflächen und fährt mit seiner Arbeit so lange fort, bis der Filz vollkommen glatt und gleichmäßig geworden ist. Weitere Verfahren bestehen im Steifen, Bügeln und Staffieren der Hüte. Beim Steifen werden die Außenseiten des Filzes mit einer Appretur getränkt, die heute wohl meistenteils aus einer weingeisthaltigen Schellacklösung besteht, welche den Hut wasserdicht macht. Beim Bügeln bedient man sich einer Art Drehbank; auf der Spindel sitzt eine Form, auf welche der Hut gezogen wird; während er rotiert, wird das Bügeleisen gegen die Filzflächen geführt. Das Staffieren besteht endlich in dem Ein- fassen des Randes, des Futters und Schweißleders, wobei zum Teil sehr sinnreiche Nähmaschinen zur Anwendung kommen, deren Stoff- drücker der gewölbten Form des Hutes angepatzt ist. Es giebt heute eine ganze Reihe von Maschinenfabriken, welche sich mit der Herstellung von Specialmaschincn für die Hutfabrikation beschäftigen, namentlich in Offenbach, Bremen und Liegnitz. Auch die amerikanischen Maschinen dieses Gebietes werden sehr gerühmt, doch werden die deutschen Maschinen in großem Umfange exportiert, woraus man aus ihre hervorragende Leistungsfähigkeit schließen darf. Wer nun m Erwägung zieht, welche außerordentliche Mühe und wieviel Zeit die Herrichtung eines feinen Filzhutes verursacht, obwohl das Verfilzen des Materials an und für sich höchst einfach ist, der wird die großen Preisdifferenzen der Filzhüte begreifen. Form und Größe fallen dabei nicht so sehr ins Gewicht, wie die größere oder geringere Feinheit des Materials und dessen mehr oder minder sorgfältige Bearbeituvg.— Fred Hood. Kleines f einUeton. — Aus den Erfahrungen eines Klavierlehrers. Der Klavier- lehrer am Pariser Konservatorium M. Albert Lavignac berichtet über seine Erlebnisse und Erfahrungen als Lehrer. Die Leipziger Signale teilen aus diesen Wahrnehmungen die folgenden mit: „Mein Fräulein, dieses Adagio haben Sie gehudelt. Bitte noch einmal, aber ruhig und in gleichmäßigem Tempo I" Das Fräulein sieht den Lehrer mit dem Sterbeblicke des an- geschossenen Rehes an, spielt und läßt die großen Thränentropfen über die Backen rinnen. Wehe dem Mitleidigen I Er provoziert einen Weinkrampf. Der Gewitzte läßt die Kleine spi'clen und— heulen. Eine andre, von der trotzigen Art, weint nicht, aber karikiert das Adagio zu einem Trauermarsch, bis der Lehrer sie fortschickt. Alle ohne Ausnahme, die streng tugendhaften, wie die eigentlichen gamines versuchen es, den Mann im Lehramt für sich zu gewinnen und für ihre Stimmungen gefügig zu machen. Jede bringt zum Unterricht eine kleine Geschichte oder wenigstens eine Miene mit, die gefragt sein will: Warum so traurig? Warum so lustig? Warum so böse? Das sind die schlimmsten und schwierigsten Versuchungen. Ein richtiger Musiklehrer mutz für Geschichten und Mienen gleichgültig scheinen, darf es aber nicht immer sein, wenn die Trauermicne bei einer ernsthaften Schülerin ernsthaft ist. Es giebt wirklich manchmal Katastrophen zu verhüten. War's aber doch Komödie, dann rettet nur ein derbes Kreuzmillionendonnerwetter das gefährdete Ansehen und führt die kleine Kokette in die Bahn des Respekts zurück. Vor. allem kein Gespräch mit einer Schülerin unter vier Augen!_ Dia andren glauben dann, es gebe eine Begünstigung. Die Begünstigte spielt sich olS das bevorzugte Genie auf, und die Mütter der andren laufen Sturm, um ihre Töchter gegen die drohende Zurücksetzung zu verteidigen. Aus einem Dialog zwischen einer solchen Mutter und dem Lehrer: „Mein Herr, meine Tochter ist ein Engel!" „Wer ist Ihre Tochter?" „Jene Luise Pomponnier, die Sie mit der Ausschließung bedroht haben!" „Ihre Tochter hat einer Kollegin im Unterrichtszimmer eine Ohrfeige gegeben! Das können wir nicht dulden." „Meine Tochter ist ein Engel, jene andre ist eine Intrigantin." „Aber——" „Meine Tochter ist ein Engel. Ich werde meinen Weg bis zum Minister zu finden wissen!"— k. Die Schrecken des Schlachtfeldes. Der französische Militär- chirurg Percy entwirft in seinem Tagebuch eine Schilderung von den Schrecken des Schlachtfeldes von Eh lau(1807):„Noch nie hatten so viele Leichen einen so kleinen Raum bedeckt. Der Schnee war überall von Blut gefärbt; der Schnee, der immer noch fiel, be- gann die Leichen den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Eine Menge Generale und hervorragender Offiziere waren um- gekommen. Das Blutbad war entsetzlich, und unsre Chirurgen konnten nicht dem Andrang von Verwundeten genügen. Mehrere Häuser der kleinen Stadt Eylau waren in Brand geraten.... Die Truppenbewegungen, die glänzenden Waffen, die Manöver und daS Feuer der Artillerie, die marschierenden Mannschaften, die un- zähligen Leichen, das gab alles zusammen ein herzzerreißendes und seltsames Schauspiel ab. An der Rückseite des Kirchhofes, nach der Ebene zu, war das Blut in Strömen geflosten; es war das der Russen. Um die Kirche in der Stadt, in den Höfen und Häusern, kurz, überall sah man nur Leichen und tote Pferde. Die Wagen fuhren darüber hinweg; die Artillericparks zerstückten sie und zer- malmten die Schädel und Glieder...."„Wenn man nur Tote fände, so wäre der Anblick eines Schlachtfeldes nicht so schrecklich, aber die unglücklichen Verwundeten, denen man weder helfen, noch sie alle mit einem Male fortschaffen kann, die Sterbenden, deren Ovalen man nicht abkürzen darf, das alles bricht einem das Herz." Die Ambulanz von Eylau, sieben Tage nach der Schlacht, beschreibt Percy in folgender Weise:„Bor dem Hause lagen unzählige Leichen unsrer Verwundeten, die sterbend in der Ambulanz ankamen. Im Zimmer des Erdgeschosses lag ein Haufen von abgeschnittenen Gliedern; das Blut rieselte von allen Seiten. Das Geschrei, Stöhnen und Heulen der Unglücklichen, die man auf Leitern, Gewehren und Besten herbei- trug, das Wehklagen derer, die baten, gleich operiert zu Iverden, das Stöhnen der Operierten selbst— diese Laute des Schmerzes und der Verzweiflung, all das ging einem durch und durch...."— Kulturgeschichtliches. — Eine Augsburger bürgerliche Hochzeit des Mittelalters wird in. letzten Heft der Zeitschrift„Antiquitäten- Rundschau"(Berlin, Verlag Continent) sehr ergötzlich, wie folgt, ge- schildert. Zu Augsburg verheiratete im Jahre 1493 ein reicher Bäcker, Veit Gundlinger, seine einzige Tochter an einen Zinkenbläser stZinkenisten Blauch), der aber Bürger werden mußte, um seine Braut zu erlangen, und hernach einen Weinhandel anlegte. Der Vater, der seine Tochter außerordentlich liebte, ließ ihr ein kostbares Braut- kleid machen, das aus lauter einzelnen zusammengesetzten Stoff- stücken und blauem Seidenzeuge bestand. Damals bestanden immlich die kostbarsten Frauenklcider aus lauter einzelnen Stücken, die mit schmalen Tressen zusammengefügt waren. Die Nähte waren mit goldenen Spangen besetzt; den Saum des Ober- kleidcs umfaßte eine breite Goldspange, und der Unterrock„war mit köstlicher Arbeit gar wohl genäht". Um die Taille schlang sich gleich- falls eine Goldspaugc, und die Armbänder„waren besetzt mit edelm Gestein", die Strümpfe hatte die Braut gebunden„mit güldenem Fädle in" und die Sckmhe waren reich bcblecht mit Silber. Kurz, die Braut war so trefflich herausgeputzt, daß die„Leutlein äff der Gassen" sie ins Angesicht lobten, und an dem„köstlichen Bräutlein sich nicht ersättigen konnten"— der Bräutigam„trug ein graues Nöcklein", große Schnabelschuhe und um den Hut eine breite Gold- spange. An den Schuhen gemeiner Leute waren die Schnäbel einen halben Fuß, an ldcn Schuhen großer Herren zwei Fuß lang. Sie tvarcn mit allerlei Figuren und Schnörklein geziert, auch wohl die Spitzen mit Schellen besetzt. Nachmittags nach der Trauung wurde tm 00 Tischen gespeist, und an jedem Tische saßen 12 Männer, Jung- gesellen, Frauen und Jungfern, zusammen 770 Hochzeitsgäste, unter denen Ratsherrcn und vornehme F�uen waren,„was viel Freude und Lustigkeit gab durch einander". Die Hochzeit dauerte acht Tage. Es wurde so gegessen, getrunken, getanzt und geschwärmt, daß am siebenten Tage schon viele wie tot hinfielen, und nur durch den Lärm der andern wieder zu sich gebracht wurden. Auch wurde gar freund- lich und zärtlich gcbulct, geneckt und geliebt, und die erfreuten Rats- Herren sagten den hübschen Bürgerweibern viel Schönes vor, was diese ihrer Obrigkeit gern glaubten. Zu diesem Ehrentage hatte Gundlinger ins Haus geschafft: 20 Ochsen, 49 Zicklein, S00 Stück allerlei Federvieh, 30 Hirsche, 15 Auerhähne, 46 gemästete Kälber, SOO Würste, 95 gemästete Schweine, 25 Pfauen, 1006 Gänse, 115 000 Hechte, Barben, Aalraupen, Forellen, Krebse usw. Nach aus- gerichteter Hochzeit blieb noch soviel übrig, daß es noch ein großes Trakdament hätte geben können. An barem Gelde gab er seiner 1 Tochter„3000 güldene Stücke" mit, die übrige Ausstattung war so reichlich, daß die gute junge Frau davon noch aufheben konnte„für ihre 5vindeskindlein". Die Gäste schenkten ansehnlich, wobei der Chronist jedoch bemerkt:„Die ärmsten Bürger gaben mehr als die fettesten Ratsherrlein." Die Bäckerknechte, ihrer 170 an der Zahl, ließen sich ihrem Herrn und Meister gegenüber nicht schlecht finden und verehrten einen eine halbe Elle hohen Pokal, in welchem ein zweiter, dritter und vierter stak, immer einer kleiner als der andre.— Naturwissenschaftliches. u. Die Schwimmblase. Ein recht interessantes Organ ist die Schwimmblase der Fische, die ihnen bei der Bewegung im Wasser die wichtigsten Dienste leistet, lim so auffälliger ist es, daß über die Wirkungsart dieses Körperteils noch so wenig Klarheit herrscht. Der Zoologe A. Jaeger hat nun genaue anatomische Unter- suchungen der Schwimmblase vorgenommen uiü durch exakte Versuche die Art ihrer Thätigkeit festgestellt. Hiernach bedienen sich die Fische der Schwimmblase, um sich im Wasser zu heben oder zu senken, je nachdem sie etwas sonst an die Blutflüssigkeit gebundenen Sauer- stoff in die Schwimmblase eintreten lassen oder aus ihr in die 5törper- höhlen entsenden. Da dieser Gasaustausch sich aber nicht so schnell vollzieht, wie eine Hebung oder Senkung notwendig ist, können dis Fische die Wirkung beschleunigen, indem sie durch Muskelthätigkeit die Schwimmblase zusammenpressen oder ausdehnen und hierdurch ihr specifisches Gewicht verändern. Merkwürdigerweise liegt bei den Fischen die Schwimmblase nicht überall am gleichen Punkt des Liörpers, bei Barsch und Schlei liegt sie so günstig, daß sie allein das Heben und Senken ermöglicht, während beim Hecht und bei der Plötze dazu die Mitwirkung der Schwanzflosse notwendig ist.— Humoristisches. — D e t Mächen. Ein Berliner Schularzt untersuchte kürzlich die Abc-Schützcn einer Gemeindeschule. Die Lehrerin machte ihn besonders auf einen Jungen aufmerksam, der, obwohl körperlich und geistig ganz gut entwickelt, die seltsame Angewohnheit habe, unauf- hörlich zu lachen. Trotz der sorgfältigsten Untersuchung konnte der Arzt nichts Anorinales an dem Kinde entdecken, welches auch alle an ihn gerichteten Fragen ernsthaft beantwortete. „Nun, sage mir mal, mein Junge, warum lachst Du denn immer in Fräuleins Stunden?" fragte schließlich der Arzt. „Wenn ick det Mächen sehe, muß ick lachen I" antwortete der Knirps prompt.— — Erkennungszeichen. Auf einer kleinen Eisenbahn- station traf eines Tages eine Kommission von höheren Beamten ein, um über einen Unfall eine Untersuchung anzustellen. Als die Herren den Zug verlassen hatten und sich eben inS Stationsgebäude begäben, fragte der Bahnstcigschaffner den dieustthuenden Assistenten, einen wegen seines trockenen Humors allgemein bekannten und be- liebten Beaniten, welcher von den Herren der Kommission denn der höchste sei? „Der das dümmste Gesicht macht," war die kurze Antwort des Gefragten.— — Politische Eifersucht. Norddeutscher zu einem Miin- chener, der soeben die vierte Maß Bier bestellt:„Aber, mein Bester. fürchten Sie nich, von dem vielen Trinken ein sojenanntes Bierherz zu bekommen?" M ü n ch e n e r:„Machen's Ehana darüber koane Sorgen, Herr Nachbarl Dös san innere Angelegenheiten von uns Bayern, in die Ihr Preißen uns nix dreinzureden habt."—(„Jugend".) Notizen. — RudhardKipling erhält von den Verlegern der großen amerikanischen Zeitschriften für jedes Wort, das er schreibt, ungefähr 20 Vi.— — Im Schiller-Theater gelangt nächstens C. H a d d o n Chambers vierakttges Lustspiel„Die Tyrannei der T h r ä n e n" zur Aufführung. Das Stück ist bisher in Berlin noch nicht gegeben ivorden.— — Arthur Pserhofers Lustspiel„Die D i p l o m a t i n' geht noch in dieser Saison im Wiener Burgtheater in Scene; Lotte Witt spielt die Titelrolle.— c. In London ist soeben eine Akademie für drama« tische K u n st eröffnet worden.— l. Japan führt jetzt bereits über 7 Millionen Tonnen Kohle jährlich an verschiedene Länder Ostasiens aus.— �— Pettenkofer, der berühmte Hygieniker, war sehr zerstreut. Es war der ständige Spott seiner Familie, daß er stets ohne Regen« schirm heimkehrte. Darum war er besonders stolz, als er einmal von einer Reise nach England seinen Regenschirm glücklich wieder auf den Kontinent zurückgebracht hatte. Triumphierend telegraphierte er von Augsburg nach Hause:„Ich und mein Regenschirm kommen um die und die Stunde heim." Als er aber seine Wohnung bettat und das glücklich gerettete Gerät den Seinigen voll Genugthuung vorweisen wollte, bemerkte er mit Schrecken, daß seine Hand leer war. Er hatte den Regenschirm im— Telegraphenamt zu Augs« bürg stehen lassen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 1. Mai. Verautivortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin LW.