Antcrhaltungsblatt des vorwärts Nr. 89. Donnerstag, den 5. Mai. 1904 (Ncichdeiick verboten.) 5oi Bftber Maters. Roman von George Moore. Ueber dem Haymarket hing noch ein Hauch des mittcr- nächtlichen Lasters. Sarah ging jetztShaftesbury Avenue hinauf, und von der Ecke der Dean Street sah sie nach, ob die Läden an Esthers Haus schon offen waren. Sie glaubte zuerst ja, dann sah sie, daß sie sich geirrt hatte. Es blieb ihr nichts andres übrig, als noch zu warten, und sie blieb auf den Stufen des Royalty-Theaters sihen und wartete. Jetzt schien schon die Sonne hetl„ und sie betrachtete die Troschkenpserde und den Jungen, der vor dem„Kings Head" die Laterne Putzte. Sie blieb ganz still sitzen. Ihre einzige, letzte Hoffnung ruhte jetzt in Esther. Esther würde sich sicher- lich ihrer erbarmen, dockte sie; aber trotzdem wagte sie es nicht, sogleich direkt in den„Kings Head" zu gehen, sondern niachte ein paar Schritte die Straße hinauf und kam dann zurück. Jetzt hatte der Junge ihr den Rücken zugewandt, sie wagte es, durch die offene Thür einen Blick in das Lokal zu werfen. Es war niemand im Gastzimmer, und sie mußte noch einmal nach den Stufen des Theaters zurückkehren. Eine lärmende Kinder- schar spielte jetzt dort und machte ihr durchaus keinen Platz zum Niederlassen: sie war zu müde, darum zu bitten, und ging lieber noch einmal die Straße hinauf und hinab. Als sie zum zweitenmal in das Gastzimmer blickte, sah sie Esther darin. Sie ging hinein. „Was, Du, Sarah?" „Ja, ich bin's." „So komm doch herein. Wie kommt es, daß wir Dich so lange nicht gesehen haben? Ist etwas passiert?" „Ich bin die ganze Nacht auf der Straße gewesen. Bill hat mich heute gegen Morgen rausgeworfen: seitdem laufe ich in den Straßen umher." „Bill hat Dich hinausgeworfen? Bill— Dich? Was heißt das? Ich verstehe nicht!" „Du weißt doch, Bill Evans, der Mann, den wir beim Derby trafen— da fing es an— nach dem Mittagessen damals brachte er mich nach Hause und— na— seitdem sind wir zusammen gewesen." „Großer Gott! Nun komm— komm— erzähle mir nun aber alles!" Sarah lehnte sich, müde wie sie war, gegen den Schank- tisch und erzählte, wie sie ihre Eltern verlassen und zu ihm gegangen war. „Zuerst ging's ja ganz gut: dann aber suchte ihn die Polizei, und wir entflohen nach Belgien. Da ging es uns aber sehr schlecht, und ich mußte auf die Straße gehen— um zu verdienen—" „Bat er Dich dazu gezwungen?" „Na— er konnte doch nicht verhungern, nicht wahr?" Die beiden Frauen blickten einander fest an, und Sarah fuhr in ihrer Geschichte fort. Sie erzählte, wie sie dann gänz- lich ohne Mittel nach London zurückgekommen waren. „Ich glaubte, er wollte wirklich ein ehrlicher Mensch werden," sagte sie,„aber er hat eben kein Glück gehabt, und däs ist auch so schwer für einen Menschen, wenn er erst mal so gelebt hat, wie Bill. Er hält's bei keiner Arbeit aus, und was er jetzt vor hat, weiß ich gar nicht, aber sicherlich nichts Gutes. Gestern abend hatte ich solche Angst und konnte nicht schlafen, da blieb ich aus, bis er kam. Etwa um zwei llhr kam er nach Hause. Dann fingen wir an, uns zu zanken, und da schleppte er mich runter und warf mich hinaus. Er sagte, er wolle mein häßliches Gesicht nie wiedersehen. Aber so schlecht bin ich doch gar nicht, das habe ich nicht verdient. Ich habe freilich'n bißchen viel durchgemacht und sehe nicht mehr so aus wie früher, aber er war's doch, der mich dazu gezwungen hat! Na, nun ist es ja aber ganz gleichgültig: mit mir ist's doch zu Ende! Es ist mir ganz egal, was jetzt aus mir wird; nur zu Dir wollte ich noch kommen, um es Dir zu erzählen. Wir waren doch immer gut miteinander, wir beide!" „Du mußt Dich aber nicht so gehen lassen, Sarah. Du Mußt ein bißchen den Kopf oben behalten. Du bist jetzt tod- müde: kein Wunder, wenn Du die ganze Nacht in der Straße umhergelaufen bist. Komm und frühstücke mal erst mit uns." „Ach ja, Esther, für eine Tasse Thee würde ich Dir sehr dankbar sein: Branntwein rühre ich nicht mehr an." „Komm hier herein in das Hinterstübcheu: wenn Du erst gefrühstückt hast, wirst Du auch wieder mehr Mut haben! Wir wollen mal sehen, was wir für Dich thun können." „O, Esther, erzähle Deinem Mann nicht ein Wort von dem, was ich Dir gesagt habe: ich will kein Unglück über Bill bringen. Er würde nüch auch sicherlich umbringen, wenn er's wüßte: o, versprich mir, daß Du ihm nichts sagen wirst. Ich hätte es auch Dir nicht erzählen sollen, aber ich war so müde, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich sagte." Es gab sehr reichlich zu essen: gcbackcnen Fisch, Beefsteak, Thee und Kaffee. „Ihr scheint ja sehr gut zu leben," sagte Sarah.„Es muß hübsch sein, wenn man sich einen eignen Dienstboten halten kann. Ihr verdient hier wohl viel Geld?" „Ach ja, es geht ganz gut: nur Williams Gesundheit macht mich etwas besorgt." „Was fehlt ihm denn? Ist er krank?" „Er ist in letzter Zeit gar nicht so recht wohl gewesen. Es strengt ihn sehr an, dieses Herumlaufen von Rennplatz zu Rennplatz, wo er dann den ganzen Tag über im Schmutz und in der Nässe umherstehen muß. Letzten Winter hatte er sich einmal sehr erkältet und bekam'ne Lungenentzündung, und ich glaube, er hat sich nie wieder ganz davon erholt." „Besucht er die Rennen nicht mehr?" „Seit Anfang Winters ist er zu keinem gewesen. Es war einer dieser ekligen SteePle-chase-Rennen, was ihm den letzten Rest gab." „Trinkt er?" „Er ist nie betrunken, aber ich glaube, er trinkt doch zu viel. Branntwein taugt für ihn nichts. Groß und kräftig wie er aussieht, hat er geglaubt, sich alles erlauben zu können: aber er hat seinen Irrtum nun eingesehen." „Besorgt er seine Wetten nun also in London?" „Ja," sagte Esther zögernd.„Mitunter: aber ich möchte, daß er es aufgiebt. Nur meint er, das Geschäft allein in dieser Gegend würde nicht genug abwerfen, wenn er gar nicht wettete." „Das ist aber eine sehr gefährliche Sache: man muß das ganz im Geheimen betreiben: und wenn irgend einer es ver- rät, habt Ihr sofort die Polizei auf dem Halse." Esther erwiderte hierauf nichts, und in diesem Augenblick trat William ein. "Hallo! Wen haben wir denn da? Was. Sarah? Sagen Sie mal, wo haben Sie denn eigentlich die ganze Zeit über gesteckt?" Er bemerkte, daß sie sehr heruntergekommen war und so elend aussah, als ob es ihr recht schlecht ginge. Sie bemerkte, daß sein Gesicht viel schmäler war als früher, daß seine breite Brust sehr eingesunken war, und der Durchmesser zwischen Rücken und Brust erschien ihr merk- würdig klein. Und nun erzählten die beiden Frauen, bald zusammen, bald abwechselnd, ihm Sarahs Geschichte. William hörte aufmerksam zu und sagte dann:„Ich wußte wohl, daß der Kerl ein Lump war: ich konnte es doch nie leiden, wenn er hier hereinkam." „Ich meine," sagte Esther,„Sarah könnte einige Zeit hier bei uns bleiben." „Aber der Kerl darf in mein Lokal nicht reinkommen." „Ach: er wird mir nicht nachkommen, er hat mir ja ge- sagt, daß er mein häßliches Gesicht nie wiedersehen will. Es ist ja auch so gut: inag er sich nur'ne andre suchen, die das für ihn thut, was ich für ihn gethan habe." „Bis Du wieder eine Stelle findest," sagte Esther,„bleibst Du hier. Ich denke, das wird das beste sein." „Aber wie ist'S mit Zeugnis und Referenzen?" „Du brauchst ja nicht viel über das letzte Jahr zu sagen. Wenn man Dich viel fragt, sagst Du� Du bist bei uns gewesen," sagte Esther. „Aber jenen Lumpen dürfen Sic nie ivicdcrsehcn," sagte William.„Und wenn er mal in dies Lokal hier kommen sollte, dann kriegt er was von mir zu hören. Ich würde ihn mit was anderm dedienen, als mit Worten, wenn ich noch meine Kräfte von früher hätte." Er senfzte und hustete, und Esther blickte ihn besorgt an. XXXVl. Da Williams Lokal unten zu ebener Erde kein apartes Zimmer für besonders geehrte Kunden aufwies, hatte er im oberen Stockwerk einen Raum dafür eingerichtet, wo sie un- geniert rauchen und trinken konnten. Man hatte mehrere kleine Tische in das Zimmer gestellt nebst einer Reihe von Stühlen, und in der Mitte des Zimmers stand ein kleines Roulettespiel. Als William aufhörte, die Rennplätze zu be- suchen, hatte er die Absicht, auch über den Schanktisch hinüber keine Wettgelder mehr anzunehmen, fondern seine ganzen Wettgeschäfte hier oben in diesem Zimmer zu betreiben. Er hielt das für sicherer. Aber die Zahl seiner Kunden nahm ständig zu, und es war nicht mehr Platz genug oben für alle; auch erregte dies die Aufmerksamkeit noch mehr, als wenn er das Geld am Schanktisch entgegennahm. Trotzdem war das Zimmer oben ein grosser Erfolg, denn man gab viel leichter sein Geld aus, wenn man ein Zimmer hatte, in dem man ruhig mit seinen Freunden sitzen konnte, als wenn man da unten sitzen mußte in dem angefüllten Lokal, in dem man von allen Seiten gedrängt und gestoßen wurde. So hatte denn das Zimmer oben gar bald den Anstrich eines Klubzimmers be- kommen, und viele, viele aus der Nachbarschaft kamen dorthin, um die Zeitungen zu lesen, die neuesten Sportnachrichten zu hören und darüber zu diskutieren. Und von ganz besonderem Nutzen war das Zimmer für Journeyman und einen seiner Genossen Namens Stack geworden. Beide hatten keine Stellen mehr; sie waren nunmehr professionelle Wetter geworden; von morgens bis abends liefen sie aus einein Wirtshaus ins andre; vom Tabakverkäufer zum Barbier, auf der Suche nach Tips und nach Nachrichten bezüglich der Gesundheit und der ab- solvierten Proben bald dieses, bald jenes Pferdes. Aber der Mittelpunkt ihrer Unternehmungen war und blieb das Privat- zimmer im„Kings Head". Journeyman war dahingekommen, die öffentliche Meinung gründlich zu studieren: er besaß ein ganz fabelhaftes Gedächtnis, und auch das kleinste Detail seiner Nachforschungen blieb ihm stets wie eingegraben sitzen. Während der Mittagsstunden war das Lokal zum„Kings Head" stets gedrängt voll.— Auch Barbiere mit ihren Ge- Hilfen, Droschkenkutscher, Eoulissenschieber— wenn drüben im Theaker gerade eine Matinee war,— stellenlose Diener und solche Diener, die sich unter irgend einem Vorwande auf eine Stunde von Hause fortgeschlichen hatten, kleine Kauf- leute, die ihre Läden in der Umgegend hatten, kurz, alle die vielen, die nicht befriedigt sind von dem mäßigen Lohn, den ihre unausgesetzte tägliche Arbeit ihnen einbringt, ver- sammelten sich dort. Wenn William auf die Uhr sah, und sie zeigte auf elf, so wußte er schon, daß in einer weiteren Stunde sowohl das Lokal unten, wie das Zimmer oben gestopft voll sein würden. Jetzt war es eben elf Uhr, aber noch war das Zimmer leer, und Journeyman hatte diese Stunde benutzt, um ein bißchen an seinem Handicap zu arbeiten. Jede Einzelheit sämtlicher Rennen der letzten drei Jahre saß in seinem Kopfe fest; er konnte sich auf jedes und alles be- sinnen und brauchte nie, oder doch nur sehr selten in dem Wandkalender nachzuschlagen. Wanderer hatte Brick mit zehn Pfund geschlagen; Snow- Queen hatte Shoemaker mit vier Pfund geschlagen; und Shoemakcr hatte Wanderer mit sieben Pfund geschlagen. Nun wurde freilich das Problem ein weuig komplizierter durch den Verdacht, daß Brick im stände war, eine gewisse Strecke schneller zurückzulegen als Snow-Queen. Infolgedessen war nun Journeman ein wenig unentschlossen. Schon seit einer halben Stunde strich er seinen kurzen, braunen Schnurrbart beständig mit seiner mageren, haarigen Hand und kaute an der Spitze seines Federhalters. In diesem Augenblick des fruchtlosen Nachdenkens trat Stack ein. „Aha!" sagte er,„Du bist noch immer an Deinem Handicap beschäftigt? Na, wie geht's damit?" „Ach, recht gut," sagte Journeyman. „Aber es wird doch keiner meiner besten werden; es giebt da ein paar recht harte Nüsse zu knacken." „Welche sind das?" fragte Stack. Journeymans Gesicht erhellte sich ein wenig, und er be- gann sofort, die ihm fragliche Sache Stack vorzulegen. Stack hörte ihm aufmerksam zu, und dadurch ermutigt, ließ Journeyman sich auf mehr und mehr Einzelheiten bezüglich der Gewichte und sow eiter eim. „Wer das alles so mit anhörte," sagte Stack,„würde in gar keinem Zweifel mehr sein, welches Pferd er wählen sollte; wenn dies der wirkliche Handicap wäre, so würde ich mit der gesamten Wettgesellschaft wetten, daß fünfzehn von diesen zwanzig einschlagen müßten. Und das ist bei weitem mehr, als man von Courtneys Handicap sagen kann. Na, wir werden sehen; morgen werden die Gewichte veröffentlicht. Wollen wir eins trinken? Dabei könnten wir dann Dein Handicap noch einmal gründlich prüfen. Du hast doch wohl nichts zu thun während der nächsten halben Stunde?" lFortsetzung folgt.); (Nachdruck verboten.) Das Dübnchcn a!a Hirelire. Von F. van Delft. (Schluß.) „Morgen, strammer Kerl seid Ihr noch. Jodokus." meint« Emil,„stoßt mit Eurem Kopf an die Buchenkronen." Der Bauer sah den Grünrock entgeistert an, sein Schädel war leer wie eine Scheune, im Frühjahr. „Jawohl, das kommt, weil ich den Hexenschuß Habel" „Ich denke, dann soll man sich doch meistens krumm halten," sagte der Grüne und lacbte. Darauf antwortete der Bauer gar nicht, sondern schlug un« Versehens auf das Pferdchen ein, das auf diese plötzliche Züchtigung einen Galopp anfing, daß die Neisigbündel, Körbe und Wecken auf dem Wagen zu HüpHcn begannen. Jodokus zottelte keuchend hinterher und drückte das Reisig im Laufen wieder zurccht. Nagolski blieb stehen, rief etwas und sah kopfschüttelnd der seltsamen Fahrt nach. Damit lichtete sich der Grenzlvald, und man nahte sich dem Grenzhaus. Die Beamten kamen heraus und zogen den schwarz- weißen Sperrbaum in die Höhe. Jodokus bezahlte die Kleinigkeit für die Wecken und den In- halt der Körbe, dabei trippelte er herum, wie ein Wasserlropfen auf einer heißen Herdplatte. Hannes Meisenbach, der Zollhalter, der den Boten seit Jahren kannte, wunderte sich über diese Beweglichkell des sonst so stumpfen Bauern, und, während noch einige Wächter hinzutraten, fragte er mehr aus Scherz:„Na, hast Du sonst nichts, siehst aus, als ob Du «in schlechtes Gewissen hättest." Da fuhr Jodokus zusammen, er fühlte das Messer an der Kehle, riß seinen Rock auf und sagte hastig:„Da, seht doch nach» Mcisenbach, ob ich waS habe." Meisenbach gab sich ernsten Anschein und betastete den Bauer von oben bis unten, während die Wächter lachend drum herum standen; endlich sagte er:„Nein, Du hast nichts, kannst weiter machen." Kaum war das geschehen, erhob sich unter dem Reisig eine Stimme, die sprach:„Ich habe auch nichts, Herr Meisenbach, ich kann wohl auch weiter reisen." Die Wächter fuhren herum und auf den Wagen zu, als gelte es ein Kaninchen mit den Händen zu fangen. Jodokus starrte sein Gefährt an, es war ihm, als ob er auf weichem Reisbrei stehe und versinke. Damit haspelte sich Bellermann grinsend aus dem Kleinholz los und stand vor dem Beamten. „Nanu, Bellerniann?" sagte Meisenbach. Die Wächter sahen auf ihren Vorgesetzten und wußten nicht recht, was zu thun sei. Bcllermann, Bcllcrmanns Sohn, grinste noch mehr und meinte, es sei heute früh so kühl gewesen, deshalb habe er sich unter Reisig gelegt wie ein Rosenstock im Winter; er sah sich, als er bei den Beamten bedenkliche Gesichter bemerkte, flink um, ob kein weibliches Wesen in der Nähe sei und hatte sich in kürzester Zeit soweit ent- kleidet, daß ein geheimer Schmuggel kaum mehr möglich war. Die Beamten sahen den Klciderhaufen wachsen und den Mann immer nackter werden. Meiscnbach erinnerte sich, daß der vierte Kirmestag zu Meer- heim im Gange sei und lachte Thränen über den Jodokus, der wie eine Hölzerire Vogelscheuche dastand, über die ein Apriltag mit Regen und Sonnenschein hingeht. Bellermann zog sich wieder an, erklärte, daß es sich um eine Wette handle, lud die Beamten für den Abend nach Meerheim ein, und die beiden waren mit ihrem Wagen entlassen. Jodokus fing, sobald es anging, wie ein Rohrspatz an zu schimpfen, weshalb er so betrogen worden sei, Bellerniann habe doch gar keine Seide bei sich gehabt und ähnliches. Bellermann sprang zum Wagen, nestelte unter dein Reisig, steckte irgend etwas wieder unter seine Weste, rief schnell:„Unsinn, ich hatte das Stück doch im Reisig liegen, die Kerls hatten ja meine Sttefelsohlen zwischen den Nadeln gesehen, also bis Mittag, ich zahle," und rannte voraus zu der schwarzen Emma. JodokuS wußte sich das Treiben des verwegenen Jungen nicht zu erklären. Wenn die fünf Mark nicht gewesen wären, hätte er alles für einen Kirmesschabernack gehalten» so aber ging das nicht an. Fünf Mark bezahlt niemand für eine Fahrt unter Reisigbündeln für nichts und wieder nichts. Nun, er wollte erst mal warten, wie sich die Sache mit dem versprochenen Mittagessen ge- stalten würde. Er bog in die Oudemonder Dorfstraße ein und besorgte seine Briefe. Körbe und Wecken an die richtigen Empfänger, wobei ihm allerdings auffiel, daß die ganze Gesellschaft den Handel mit den Zollbeamten schon zu wissen schien, denn es wurden ihm verfang- llche Fragen gestellt. Z. B.: ob er immer jemand unterm Reisig zu liegen habe, ob man auch einmal so mitfahren dürfe, ob er sich auch kein geschmuggeltes Seidenstück um den Leib gewickelt habe und andre Anzüglichkeiten. Er dachte: redet ihr, und wollte erst das Mittagessen abwarten; denn nun regten sich seine schlemmerhaften Gelüste wieder: gebratene Hasen und Rebhuhnpasteten, Enten und Gänse, Apfelkuchen und Spritzgebäck, auch noch manch andre Leckerei hielten in seinem Schädel einen wilden Tanz ab Dazu goß eine gütige Hand von oben das beste Getränk darüber aus, Rlldesheimer, Asienthaler und Eiercognak, alles was man sich wünschen konnte. Er setzte sich also, nachdem er zuletzt dem schmunzelnden Wirt das Reisig abgeliefert hatte, in die Gaststube und wartete. Es dauerte kaum ein Viertelstunde, da kam eine große Ge- sellschaft Meerheimer an, der Bellermann mit der Emma und wohl noch zehn andre. Er traute seinen Ohren nicht, als das lachende Volk ihn einlud, ins Herrenstübchen zu kommen. Er folgte, wurde an den Ehrenplatz gesetzt und durste sich aussuchen, was er wollte. Der dicke Mnrchand mit dem Sammetkäppchen auf der Glatze brachte selbst die Speisekarte. Jodokus wählte also Hasen- braten und die teuerste Flasche Rheinwein. Die andren ließen sich auch dies und das kommen, und bald war die Unterhaltung ini Gange. Bellernmnn erzählte die ganze Geschichte noch einmal, Enima dankte für die Seide, und Jodokus trank, so schnell er konnte, seine Flasche Rheinwein aus. Bcllermann bestellte für ihn eine zweite. Nun solle er sich auch ein andres Gericht aussuchen auf der Speisekarte, die ihm wieder hingelegt wurde. Da er Hasenbraten schon gegessen und das andre meist billiges Zeug war, wählte er Hühnchen ä la Direlire, das kostete vier Franken und stand seitlich mit großen Buchstaben die Karte heruntergeschrieben. „Es dauert eine halbe Stunde," schmunzelte der Wirt. „Schadet nichts", rief die Gesellschaft, von der sich Bellermann und die Emma still abschieden und hinausschlichen. Endlich kam die Schüssel an. Marchand trug sie, Bellermann und seine Braut gingen rechts und links. Auf der weißen Steingut- schale lag ein riesenhafter, gebratener Hühncrleib, der streckte Beine und Flügel kläglich nach ihren vier Himmelsrichtungen. Jodokus, dem der ungewohnte Rheinwein im Kopf fieberte, schrie mit den andren Bravo, ließ sich Messer und Gabel in die Hände spielen und wollte sich eins der statiösen Beine absäbeln. Aber die Leute fielen ihm in den Arm und erklärten, beim Hühnchen ä la Tirelire sei die Füllung das beste, er müsse erst den Brustkorb durchstoßen. Jodokus, der für sein Leben gern etwas Gutes aß, wenn es nichts kostete, ließ sich das nicht zweimal sagen und bearbeitete von oben herunter den schweren Knochen mit Gewalt, bis er auseinander- riß. Damit knirschte das Messer wie auf Stein, die Höhle öffnete sich und darin lagen, mit einem roten Bande sauber zusammen- gebunden, drei, vier Bruchstücke seiner Sparbüchse, denn auf der obersten Scherbe war deutlich der vierte Dezember, von Barbaras fester Hand geschrieben, zu lese». Ein wieherndes Gelächter erhob sich, als JodokuS einen Augenblick lang die Scherben sprachlos be- fühlte. Da kam Leben in den alten Bauern, seine Augenbrauen zu- sammenkneifen, die Schüssel aufnehmen und auf den Titch schmeißen, daß die Gläser und Flaschen huppelten, war eins, dann stürzte Jodokus hinaus zu seinem Wagen. Die Emma hinter ihm her, während die jungen Männer in der Thür stehen blieben. Wie ein Schmeichelkätzchen kam das schöne Mädchen herangelaufen zu dem Wütenden, der nicht aussah. Sie zählte ihm hurtig Groschen und Zweigroschen auf den Kutschersitz: „So, hier ist Euer Geld aus der Sparbüchse, Herr Jodokus, läßt Euch der Bellermann sagen, was fehlte, dafür hättet Ihr einen Mann unterm Reisig fahren lassen und Euch mal satt gegessen und getrunken, guten Morgen auch, JodokuS." Damit lief sie weg. Jodokus strich daS Geld ein, setzte sich auf den Bock, trieb sein Pferd an und jagte nach Hause. Er saß weder gerade noch krumm und hatte auch keinen Hexenschuß mehr. Daheim erwartete ihn die Barbara. Sie hatte auch etwas zu erzählen. AIS er am Morgen gerade fortgewesen, waren die Burschen aus dem Dorf mit umgekehrten Röcken, geöffneten Regenschirmen und mit Heugabeln, von einer großen Kindergefolgschast begleitet, vors Haus gekommen, hatten das Schwein aus dem Stalle geholt und waren damit unter Brüllen und Schreien im Hofe herumgejagt. Als sie selbst heraus- kam, hatten sie vom Schweine abgelassen und die Scheltende in einen Kreis eingeschlossen und waren wohl zehn Minuten lang unter anhaltendem Jubel der Kinder um sie herumgetanzt und hatten sich so fest bei den Händen gehalten, daß sie sich in ihre Gefangenschast ergeben mußte. Als die böse Gesellschaft dann fort war, fehlte hinter dem Ofen die Sparbüchse, und statt dessen stand ein halbfauler, gelber Wafferkürbis da, so groß wie ein Butterfaß. Da sahen sich die beiden Eheleute an. Als nun Jodokus seinerseits anfing zu erzählen und an das Mittagessen kam und ohne Willen begann von Hasenbraten und Rheinwein zu schwärmen, da hatte er plötzlich eine ordentliche Ohr- feige sitzen, die stammte von der Hand seiner Ehefrau, das fühlte er am Brennen. So begann ein wechselreiches Gefecht, das erst endete, als Jodokus, hinterm Ofen in die Enge getrieben, mit dem Rest deS Geldes herausrückte. Da ließ Frau Barbara von ihm ab und zählte die Groschen. Die Meerheimer aber hatten einmal wieder ihren gelungenen Kirmesschaberuack ausgedreht, und seit dieser Zeit heißt Jodokus das Hühnchen k la Tirelire. Er nimmt nie mehr einen Liebesbrief mit nach Oudemonde, geschweige denn einen Mann, der Seide schmuggeln will.— kleines feuilleton. k. Ausgrabungen im Reiche der Jnkas. Die Nachrichten von der Wiederauffindung des Schatzes der Jnkas haben das Interesse wieder auf die merkwürdige ktultur im Reiche der Jnkas gelenkt, die die Spanier bei ihrer Landung in Südamerika vorfanden und voll- ständig zerstörten. Ter Wandalismus der spanischen Soldaten und der Fanatismus der Missionare ging so weit, daß nichts mehr von jener alten Kultur übrig blieb, alle Spuren der früheren, und der verhältnismäßig vorgeschrittenen Civilisation sich verwischten. Seit einiger Zeit ist man nun bemüht, über diese zerstörte Kultur mehr Licht zu gewinnen. In den letzten Jahren haben der Archäologe« Bandelier und seine Frau, mit Unterstützung des amerikanischen Museums für Naturgeschichte, interessante Forschungen an der West- küste Perus und auf dem Hochplateau Bolivias unternommen, deren Ergebnisse in dem letzten Heft der„Revue" veröffentlicht werden. Eine große Rolle spielte bei den Jnkas der Totenkultus. Hierüber haben die Nachgrabungen auf den Friedhöfen Perus Aufschluß ge- geben. Um die Toten vor allen Angriffen der Elemente zu be- wahren, trafen die Jnkas die größten Vorsichtsmaßregeln. Für ihre Totenstädte wählten sie sehr trockne Orte, und da sie jedes Fleckchen bestellbaren Bodens dem Ackerbau nutzbar machten, wurden die Toten immer in der� Wüste oder am Abhang eines steilen Felsens beerdigt. Die Gräber sind besonders sorgfältig von dem Ehepaar Bandelier durchforscht worden. Man sieht sie gewöhnlich in Gruppen geordnet. Sie enthalten manchmal nur eine einzige Leiche, manchmal drei und mehr in runden oder viereckigen Gruben, deren Tiefe 60 Centimeter bis zu 4 Meter beträgt. Sie sind mit geflochtenem Schilf- rohr bedeckt, um den durchsickernden Sand aufzuhalten. An den neben den Toten liegenden Gegenständen und den Bändchen, die die Mumie einhüllen, erkennt man den Rang der Bestatteten,. Mehrere dieser Gegenstände werfen ein Licht auf die ursprünglichen, pcruani- schen Industrien. Die Kunst, Stoffe zu weben und sie mit Stickereien zu verzieren, war bei den Jnkas sehr ausgebildet. Die meisten Mumien haben das übliche Kleidungsstück, den Poncho, den man ihnen für die lange Reise ins Jenseits mitgab. Außerdem versorgte man sie mit einein Säckchen, das Koka und andre Nahrungsmittel enthielt. Gewöhnlich befinden sich die Leichen in hockender Stellung, die die alten Peruaner beim Ausruhen einnahmen, und die ewige Ruhe sollte der Ruhe bei Lebzeiten ähnlich sein. Neben dem Toten befinden sich im Grabe Gegenstände, die gleichsam Zeugen seines Daseins bor dem Tode sind. Selbst die Armen waren dieser Erinne- rungen nicht beraubt. Man fand viele Kinder ausgestreckt in einer kleinen Wiege mit dem letzten Spielzeug in der Hand. In den Gräbern der Frauen sieht man Arbeitskörbe aus Binsengeflecht, die Wolle, Nähzeug, Kämine und andre Toilettenartikel enthalten. Unter an dorm wurde ein vollständiger Webstuhl entdeckt. In vielen Fällen enthält der Arbeitskorb reich verzierte Spindeln aus Holz, mit ver- schiedenen Farben bemalt oder mit Schnitzereien und Holzbrand- Malereien. Einige Stoffe haben ihre glänzende Frische behalten. Auch die ausgegrabene» Tapisserien sind prächtige Exemplare. Einige können es in den Figuren, Vögeln, Tieren oder geometrischer, Mustern mit berühmten Teppichen oder Gobelins austrehmen. Die Teppiche sind meistens aus Alpaka- oder Vigognewolle. Besonders eigentümlich ist bei diesen Mumien der hinzugefügte falsche Kopf. den man im Innern mit Seekräutern und Blättern ausgestopft hat. Augen, Münd und Lippen waren durch einen weißen Faden be- zeichnet; die hölzerne Nase war oft weiß gefärbt. Oft stellte man diese wichtigsten Teile des Gesichts auch durch kleine Kupfer- oder Goldfragmente dar, die geschickt ausgeschnitten waren. In andern Fällen gab man der Mumie eine Maske aus cmem einzrgen Stücks ganz aus Silber. Eine Lage roter, blauer oder gelber Farbe stellt die Hautfarbe dar. und die Haare sind braun bemalte lange Fasern. Diese falschen Köpfe sind mit Bändchen am Körper befestigt. Zweifel- los liegt dieser seltsamen Sitte der Gedanke zu Grunde, daß dem Toten dadurch die Physiognomie belvahrt werden sollte, die er vor der Beerdigung hatte, und die auf diese Weise wenigstens bildlich dem zerstörenden Werk der Zeit entging. Den Gold- und Silberreichtum erkennt man an einer Sammlung mehrerer Hundert Gegenstände aus diesen Metallen, die das Ehepaar Bandelier mitgebracht hat. Darunter befinden sich Votivstatuetten, religiöse Zierate, Schmuck- fachen. Halsketten aus Goldkugeln mit einem Durchmesser von 1 Centimeter; große silberne Pokale von 30 Centimeter Höha und kleinere goldene, mit Bildnissen geschmückt; Armbänder aus Hmssivem Gold und Silber, symbolische Votivfigurcn uns massivem Sjlber, goldene und silberne Lamas, die in den Grübern nieder- gelegt wurden, statt das Tier selbst zu opfern.— — Etwas von Kalibcrbczcichnungcn. Heutzutage wird das Kaliber eines Geschützes, Gewehres oder einer sonstigen Schuhwaffe nach dem Seelendurchmesser des Rohres in Centimetern oder in Zollen bestimmt, wobei bei gezogenen Rohren die Entfernung der Felder der Züge beim Geschoheintritt in den Lauf mahgebend ist. Wenn man also heute von 10- oder IS-Ccntimeter-Geschützen spricht, so sind damit Geschütze gemeint, deren Seelendurchmesser am Hinteren Ende soviel Centimcter miht. Viel weniger klar waren dagegen die Kaliberbezeichnungen, die noch während des deutsch-französijchen Krieges 1370/71 bei uns üblich waren. Es gab damals noch leichte reitende vicrpfündige Batterien, schwere sechspfündige Feldbatterien und bei der Belagerungs- oder Festungsartillcrie selbst 24-Pfünder. und dabei wog die Granate der Vierpfünder beiläufig 11 Pfund, die der Sechspfünder sogar gegen 13 Pfund usw. Die Bezeichnung „Pfünder" stammt, wie bekannt, noch ans der Anfangszeit der Feuer- Waffen, der Kanonen. Lange Zeit hindurch waren sämtliche Feuer- Waffen Vorderlader mit glatten Läufen, aus denen Rundkugeln verfeuert wurden, und zwar meist aus Basalt. Man kam daher darauf, das Kaliber der Geschütze nach dem Gewicht einer runden Steinkugel zu bestimmen, die in das glatte Rohr der Kanone gut hincinpahte und sich hinunterstohen lieh. Diese von den„Stück- meistern" des 16. Jahrhunderts eingeführten Bezeichnungen sind auch späterhin, als schon längst eiserne Kugeln usw. verfeuert wurden, mit großer Beharrlichkeit beibehalten worden und haben bis nach 11370 bestanden, als die Kaliberbezeichnung für Handfeuerwaffen »— zunächst für militärische— nach Millimetern in Aufnahme kam. Während aber die alten 5>aliberbezcichnuugen für Geschütze, Militärgcwehre und klcintalibrige Büchsen so gut wie ganz ver- schwunden sind, bestehen sie bei glatten Jagdflinten noch heute zu Recht; vielfach auch noch für gezogene Büchsenrohre, aus denen noch die alten Weichblcigeschosse größeren Kalibers geschossen werden. Auffallend ist dabei, daß die verschiedenen Kaliber durch Zahlen be- geichnet werden, und zwar derart, daß die höhere Zahl stets das kleinere Kaliber angicbt. Danach hat ein Flintenlauf Kal. 10 einen weit größeren Rohrdurchmcsser als ein solcher von Kal. 12, 14 oder 16, und Kal. 20 ist das kleinste der gebräuchlichen fünf Rohrweiten- für glatte Läufe, während das noch kleinere Kaliber 24 meist für die gezogenen Kugellüufe der Büchsenflintcn verwandt wird. Eine Erklärung dieser Kalibcrbezeichnung für Flinten werden wohl nur sehr wenige Weidmänner und auch nur ganz vereinzelt Büchsen- macher geben können. Ganz zufällig habe ich— so schreibt ein Mitarbeiter der„Täglichen Rundschau"— in dem Bruchstück eines uralten deutschen Werkes über die Büchsenmacherkunst und bald darauf in einem ähnlichen englischen Werk aus dem Beginn des IV. Jahrhunderts Andeutungen, denn bestimmte Aufzeichnungen sind meines Wissens darüber nicht vorhanden, über diesen Punkt entdeckt, so daß ich glaube, die richtige Erklärung gefunden zu haben. Meiner Ansicht nach besteht nämlich kein Widerspruch oder doch nur ein schein- barer zwischen den alten Bezeichnungen der Kaliber der Geschütze und denjenigen der Handfeuerwaffen, denn beide scheinen offenbar nach dem Gewicht bestimmt zu werden. Der einzige Unterschied ist nur der, daß für das glattrohrige Geschütz das Gewicht der einzelnen steinernen Rundkugcl, für die ebenfalls glattläufige Handfcucrivaffe ober dasjenige einer Rundkugel aus Wcichblci maßgebend war, und zwar derart, daß das Kaliber nach der Zahl der Rundkugeln be- zeichnet wird, welche aus einem Pfund Weichblci gegossen werden können. Auf diese Weise löst sich der scheinbare Gegensatz ganz mnfach: denn je enger der Lauf, desto kleiner die Kugeln, und je mehr von ihnen aus das Pfund gehen, desto höher die Bestimmringszahl des Kalibers. Also 10 Rundlugeln aiif das Pfund Weickchlei— das gab dem glatten Getvehrlauf die Bezeichnung Kal. 10 usw., und im allgenieinen stimmt diese Kugclzahl mit der Kalibernuminer auch heute noch annähernd.— Volkskunde. c. Der„Mai tanz". Die Maibräuche, die früher in England in so reicher Fülle existierten, sterben allmählich aus. Nur noch in wenigen abgelegenen Gegenden besteht die Sitte, eine„Maikönigin" zu wählen. So z. B. wird in dem alten Scilly heute noch dia„Mai- königin" mit Frühlingsblumen, die auf den sonnigen Inseln an der Mündung des Kanals in Mengen wachsen, geschmückt. Eine andre Sitte, die sich bis heute noch erhalten hat, ist ein„Maitanz", der sogenannte„Helston Furry-Tanz". Feiertagsstimmung und Auf- regung herrschr am 8. Mai überall in Helston. Früher wurde der Festtag sogar so streng innegehalten, daß jeder, der bei der Arbeit gefunden wurde, zur Strafe über den Peugella, einen Fluß, der in den Loo Pool mündet, springen mußte. Da es fast unmöglich lvar, diese Hcldenthat auszuführen, wurde derjenige natürlich, der so wenig Sinn für den Feiertag hatte, gewöhnlich ganz durchnäßt. Morgens um 8 Uhr zieht eine Gesellschaft von etlva 20 bis 30 Männern und Knaben, das„Hal-an-Town" singend, in Helston ein. Ihre Hüte sind mit Blumen geschmückt, und jeder trägt frische grüne Zweige. Ein Knabe, der den Furry-Dance auf einer Trommel schlägt, geht dem Zug voran. Um 1 Uhr versammeln sich die Damen und Herren in der Stadt und Ortsckmft im Rathaus und tanzen inach der Musik der Kapelle, die die althergebrachte Weise spielt. Die Paare tanzen durch die Häuser hindurch im Zickzack durch die ganze Stadt, bis sie auf einem Rasen am Ende der Coinage-Hall- Straße Halt machen. Früher wurde die Auslassung eines Hauses als Nichtachtung betrachtet, heute bei der Größe der Stadt ist es freilich unmöglich, durch jedes einzelne Haus zu tanzen. Mit Lust und Eifer wird dann der Tanz im Freien fortgesetzt.— Medizinisches. ie. Eine Berufskrankheit der Glasbläser. Dr. Emil aus Teplitz hat in der„Wiener Klinischen Wochenschrift" auf eine bisher kaum beachtete Berufskrankheit der Glasbläser aufmerksam gemacht, die sich aber nur bei den Tafelglas- und Flaschenbläsern findet, bei diesen freilich ganz regelmäßig, während sie bei den mit der Herstellung von Luxnsgläsern beschäftigten Arbeitern fehlt. Das Leiden besteht in auffälligen, schivielcnartigen Verdickungen der Handflächen, in denen schwarze, punktförmige Stellen sichtbar sind. Die Mißbildung ist an der linken Hand immer stärker als an der rechten. Ihre Entstehung hängt selbstverständlich mit der Besonder- heit des Betriebes zusammen. Ter Tafelglasmacher bläst mit einigen Gehilfen eine metallene Pfeife von 9— 10 Kilogramm, die er mit der linken Hand hält und mit der rechten dreht. Da die Pfeife keine Holz- Verkleidung besitzt, so muß ihre Hitze stark auf die Hand wirken, was auch durch häufige Spülung mit Wasser nicht verhindert werden kann. Dennoch kann der Einfluß der Hitze die Schwickcubildung auf der Haut nicht erklären, denn sonst mühte der Luxusarbeiter bei der- selben Verrichtung auch die nämlichen Folgen verspüren. Der eigentliche Anlaß findet sich vielmehr in der Benutzung der so» genannten..Stockschmiere", mit der sich die Tafelglas- und Flaschen- bläser die Hand einreibt. Diese Masse besteht aus Holzkohle, Pech und Kolophonium oder aus Kolophonium allein, und daß dieser Stoff die Haut angreift, ist namentlich bei gleichzeitiger Einwirkung der Hitze durchaus begreiflich. Aendcrt der Glasbläser seinen Beruf. so verschwinden die Hautschwielen allmählich.— Httinoristisches. — Unpassend.„Denken Sie sich, die junge Frau Doktor hat Drillingen das Leben geschenkt." „Was Sie sagen? Und die Dame hat doch sonst eine ganz gute Erziehung genossen." � — Mißverständniß. Prediger:„Ja, Frau Arndt, eS war ein harter Schlag für Sie. daß Sie Ihren Mann verlieren mußten, aber Sie sollten sich nicht so dem Schmerze hingeben, Sie wissen doch am besten, wo Sie sich Trost holen könne>1." Witwe: Ja. Herr Pfarrer, das ist ja sehr schön und gut... aber eine Witwe mit vier Kindern zu heiraten, dazu e n t- schließt sich doch ein Mann nicht so leicht."— — Der Verantwortliche. Vater(der seinen Sohn überrascht, wie er schreibt:„Mein Vater ist ein Esel."): Was schreibst Du denn da, Du Lausbub?" Sohn:„Ja, weißt Du, der Lehrer war mit der Hausarbeit, bei der D u m i r geholfen hast, sehr unzufrieden, und hat mir als Strafe aufgegeben, 100 mal zu schreiben:„Ich bin ein Esel."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Albert S t e i n r ü ck vom Schiller- Theater ist mit Beginn der neuen Saison an das Kleine und Neue Theater engagiert worden.— — Hauptmanns„Weber" erzielten bei ihrer ersten Auf- führung im Wiener Karl-Theater, durch das Ensemble des Berliner Deutschen Theaters, einen starken Erfolg.— — Joseph W erk manns Drama„Liebessünden" wurde im Münchener Gärtnerplatz-Theater beifällig aufgenommen.— — Max Liebermann ist aus dem Verein Berliner Künstler ausgetreten.— — Mit Rücksicht darauf, daß dem Maulwurf durch die neucrdingS aufgetauchte Mode. Maulwurfs-Pelzwcrk zu tragen, eine erhebliche Gefahr entstanden ist, hat das kaiserliche Gesundheitsamt ein von Dr. Rörig bearbeitetes Flugblatt„Der Maulwurf" heraus- gegeben. Darin werden Lebensweise, Nahrung, Nutzen und Schaden dieses- unterirdischen Wühlers erörtert. Zum Schluß wird ausführlich auf diejenigen Mittel eingegangen, die uns zur Verfügung stehen, um den Maulwurf dort, Ivo er schädlich werden kann, zu ver- treiben.— — Unikum oder Mirakel. Auf der G r o ß e n Berliner G a r t e n b a u- A u s st e l l u n g hat ein Gärtnercibesitzer nicht tveniger als neun Preise erhalten: Den Ehrenpreis des Kaisers, den Ehrenpreis des StaatSministcrs Dr. Stndt, vier von den sechs Ehrenpreisen der Stadt Berlin, den Ehrenpreis der Stadt Char« lottenburg, einen Preis für Tnfeldckorationcn, die bronzene Staats- Medaille. Macht zusammen: Eine goldene und eine bronzene Me« daille und an barem Gelde 2000 Mark.— Veranttoortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. �— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.Verlagsanstali Paul Singer LrCo., Berlin 2 W.