Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 91. Sonntag, den 8. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) � Bftber Tlaters. Nomon von George Moore. Fred blickte Esther an, und in seinen Augen drückte sich deutlich die Bewunderung und Liebe aus. die er für sie empfand. „Gewiß," sagte er,„schuldet man seilten Nächststehenden viel, aber doch nicht alles: und selbst um ihretwillen dürfen wir Fernerstehcnden kein Unrecht thun. Sie aber müssen doch einsehen, daß Sie Ihren Mitmenschen viel Böses zufügen, in- dem Sie das Wetten hier gestatten. Wirtshäuser an sich sind ja schon schlimm genug. Wenn aber in diesen Wirtshäusern nicht allein getrunken, sondern auch noch gespielt und gewettet wird, und wir das ausfinden, so ist es unsre Pflicht, es dem Gesetze zu entdecken, damit es unterdrückt werde. Sehen Sie. Esther, es giebt in dieser ganzen Nachbarschaft keinen Lauf- burschen mehr, mit achtzehn Schilling Einkommen die Woche, der nicht schon hier gewesen wäre, um seine halben oder auch ganzen Kronen auf ein Pferd zu setzen. Dies Haus ist das jCentrum der Unmoral der ganzen Umgegend. Jedes Mensche» Geld wird hier angenonimen: der Knabe, der neulich seines Vaters llhr heimlich versetzen ging, um auf ein Rennpferd wetten zu können, legte sein gestohlenes Geld hier im„Kings Head" an. Sein Vater hat ihm einmal über das andre ver- ziehen. Dann begann der Knabe die Mieter seiner Eltern zu bestehleil— zu demselben Zweck. In dem gleichen Hause mit ihm wohnte eine alte, fiinfundsiebzigjährige Frau, die sich nenn Schilling die Woche verdiente, indem sie zu früher Morgen- stunde einige Bureaus reinigen ging. Auch ihr hat dieser Knabe eine halbe Krone abgeschwindelt: schließlich hat der Vater der Behörde erklärt, daß er mit dem Knaben nichts mehr machen tonne, seit er angefangen habe, auf Pferde zu wetten. Dieser Knabe ist vierzehn Jahre alt: vierzehn Jahre! Ist das nicht entsetzlich? So etwas darf doch nicht fortbestehen. Wir sind fest entschlossen, dieser Sache ein Ende zu machen. Darum bin ich heute hierher gekommen. Ich wollte Ihrem Manne das sagen!" „Sind Sie auch ganz sicher," fragte Esther, und während sie sprach, biß sie sich heftig auf die Lippen,„daß es wirklich nur um des Seelenheils der Nachbarschaft willen ist, daß Sie uns vom Gesetz verfolgen lassen wollen?" „Sie werden doch nicht etwa glauben, daß ich einen andern Grund dafür habe! Sie glauben doch nicht etwa, daß ich das thun will, weil... weil... er Sie mir geraubt hat?" Esther erwiderte hierauf nichts: auch Fred schmieg eine Weile. Dann sagte er, und während er sprach, drückte sich in seiner Stimme Schmerz und Kummer aus: „Es thut mir leid, daß Sie so schlecht von mir denken! Auch bin ich es gar nicht, der Sie verfolgen lassen will: wer bin denn ich. daß ich überhaupt im stände sein sollte, das Gefetz in der Ausübung seiner Pflichten beeinflussen zu wollen? Nein— aber ich habe gehört, daß die Behörde die Sache in die Hand nehmen will, und darum, um alter Erinnerungen willen. wollte ich Ihnen Kummer und Leid ersparen, wenn ich's könnte! Ich bin hierher gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie sich in llngelegenheiten bringen, wenn Sie mit diesen Wetten fortfahren. Selbst hierzu habe ich kein Recht gehabt: aber ich wollte Sie und die Ihren gern vor kommendem Un- iglück schützen." ..Ja, ja: ich fiihle es, ich habe Ihnen Unrecht gethan: ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht, Fred." „Noch haben wir ja gar keine wirklichen Beweise gegen Sie; wir wissen natürlich, daß hier viel gewettet wird, weiter nichts. Aber wir müssen erst beeidigte Zeugnisse gegen Sie haben, bevor das Gesetz die Sache in die Hand nehmen kann. Darum sage ich Ihnen noch einmal, daß Sie all dies Un- angenehme umgehen können, wenn es Ihnen gelingt, Ihren Mann zu überreden, daß er das Wetten hier aufgiebt." Esther gab keine Antwort, und Fred fuhr fort: „Lediglich aus Freundschaft für Sie bin ich hierhergekommen, um Ihnen diesen Rat zu geben. Sie sind mir doch nicht darum böse, Esther?" „Nein, Fred, nein. Ich verstehe jetzt, wie Sie's meinen." Esther wandte ihr Gesicht von ihm ab. aber sie empfand trotzdem, wie warm Freds Blicke auf ihr ruhten, und fühlte deutlich, daß er sie immer noch liebe. Einen Augenblick später war er fort. Und sie, in ihrer fchlichten, unwissenden Weise, ninßte wieder sinnen und grübeln über die merkwürdigen, romanti- schen Einfälle des Schicksals. Wenn sie Fred geheiratet hätte. so wäre ihr Leben ganz, ganz anders geworden. Sie hätte das Leben geführt, das sie sich einst gewünscht hatte! Aber nun war's doch anders gekommen! Sie hatte William ge- heiratet und— nun, es mußte eben gut sein, wie es war! und nun begann sie wieder ausschließlich an ihren Mann zu denken. Wenn Fred oder seine Freunde sie bei der Polizei an- zeigten des Wettens wegen, so würden sie, wie er ganz richtig geäußert hatte, nicht bloß eine schwere Geldbuße zu zahlen haben, sondern höchst wahrscheinlich auch ihre Konzession ver- lieren. Und was sollten sie dann anfangen? William war nicht mehr kräftig genug, um wie früher von einem Rennplatz zum andern zu eilen. Er hatte im letzten halben Jahre eine Menge Geld verloren: Jackie war in der Schule:- sie mußten auch an ihn denken. Wie ein Eentnergewicht lag der Gedanke an die bevorstehende Gefahr ihr in den Gliedern und im Kopfe den ganzen Abend über. William war sehr spät nach Hause gekommen, Esther hatte keine Gelegenheit mehr gefunden, mit ihm allein zu sprechen, bevor die Gäste fort und sie oben in ihrem Schlaf- zimmer waren. Dann, während des Auskleidens, sagte sie: „Fred Parsaus hat mich heute nachmittag besucht." „Aha, das ist der Kerl, den Du mal heiraten wolltest! läuft er dir immer«och nach?" „Nein: er sprach viel mit mir über das Wetten hier bei uns." „Was kümmert das ihn?" „Er sagt, wir werden vom Gesetze verfolgt werden, wenn es nicht aufhört." „Ist er dazu hierhergekommen, um Dir das zu sagend Na, ich wünschte bloß, ich wäre zu Hause gewesen." „Ich bin sehr froh, daß Tu nicht da warst: was hätte das denn genützt? Du hättest Dich mit ihm bloß gezankt und die Dinge dadurch nur noch verschlimmert!" William zündete seine Pfeife an und schnürte seine Stiefel auf. Esther warf ihr Nachtkleid über und schlüpfte ins Bett. ES war ein großes, eisernes Bett ohne Vorhänge. Das Zimmer hatte zwei Fenster, eines in gleicher Linie mit dem Bett, eines der Thür gegenüber. Die Kommode stand zwischen den beiden Fenstern. Esther hatte die Bücher ihrer Mutter auf die Kommode gestellt, und William hatte einige Sportbilder an den Wänden aufgehängt. Er nahm sein Nachthemd, zog eS an, ohne aber dabei die Pfeife aus dem Munde zu legen. Es war das seine Gewohnheit, seine Pfeife stets abends im Bett zu Ende zu rauchen. „Das ist bloß Rache," sagte er endlich, als er sich hin- gelegt und die Decke bis zum Kinn heraufgezogen hatte,—• „Rache, weil ich Dich ihm fortgcnommen habe."� „Das glaube ich nicht: ich glaubte es zuerst auch und sagte es ihm sogar." „find was sagte er darauf?" „Er sagte, es thäte ihm leid, daß ich eine so schlechte Meinung von ihm habe: er sei lediglich hergekommen, um uns zu warnen. Und es ist richtig. Wenn er Rache nehmen und uns etwas Böses zufügen wollte, so hätte er uns ja vorher nichts zu sagen brauchen. Meinst Du nicht auch?" „Hm, ja: das klingt plausibel. Na, aber— warum soll man uns denn eigentlich verfolgen?" „Weil er sagt, daß ein Wettlokal wie unsres die ganze Gegend hier korrumpiert." � T r,0„ „Und Du glaubst selbst, daß er daran wirklich glaiibt? „O gewiß: er und noch viele andre denken so. v>ch stamme ja auch eigentlich von Menschen her, die so denwn: also muß ich es doch wissen. Wetten und Trinken halten meine Leute, die Brüdergemeinde, für ein sündhaftes Uebel."_ „Ich dachte. Du hättest schon alles vergessen aus lenev Zeit, wo Du zu den Brüdern gehörtest.". „Q nein; die Grundsätze und Gewohnheiten, m denen inan als Kind erzogen wurde, die vergißt man niemals." „Und was hältst Du jetzt von der ganzen Geschichte? „Fa, William, ich Halle«och nie mit Dir SarüBer ge- Dßro'chen. Ich meine, eine Frau hat gar nicht das Recht, ihrem Manne Rat zu erteilen, und dann gingen ja auch die Geschäfte Iso schlecht, und dann bist Du auch nicht mehr so gesund wie ffrüher, seit Du Dir die dumme Erkältung da auf dem Renn- �ilatz geholt hast: darum schien es mir für unfern Lebens- »interhalt nötig zu sein: aber jetzt ist das Geschäft ja so viel ibesser geworden, daß ich wirklich glaube, Du könntest das Wetten aufgeben." „Was Tu denkst! Das Geschäft hat sich eben bloß durch das Wetten gehoben. Keine fünf Pfund die Woche würden wir einnehmen, wenn die Leute nicht wüßten, daß sie hier wetten können. Was ist denn eigentlich der Unterschied, ob man auf dem Rennplatz wettet oder im Wirtshaus? Auf'nem Rennplatz sagt kein Mensch'n Wort dagegen: da ist die Polizei und sieht und hört alles und sagt kein Wörtchen. Und dann— wie wetten sie bloß im Tattersall und im Albertklub? Ist das vielleicht was andres als hier bei mir? Und an der Börse, wo Ijeden Tag für Tausende und Tausende und Zehntausende ge- wettet wird! Rein— es ist i ininer die alte Geschichte: ein SGesctz für die Neichen, ein andres für die Armen! Warum soll der arme Mann sich nicht für seine halbe Krone amüsieren können, wenn es ihm Spaß macht? Warum kann der Reiche sich jeden Augenblick für seine tausend Pfund ainüsieren, wenn er Lust dazu hat?'s ist dieselbe Geschichte wie mit den Wirts- Häusern. Alle diese heuchlerischen Duckmäuser, die wollen gern dem armen Mann sein Bier fortnchinen, aber noch ist keiner Nckommen, der da sagt, der Reiche solle nicht mehr Chanipagner trinken; und wie saufen sie im Klub Champagner! Per- sluchter Blödsinn, die ganze Geschichte! Mir wird schlimm. wenn ich nur daran denke! Heuchlerisches Pack! Wetten! Wetten! Als ob nicht alles in der Welt auf Wetten beruhte! Wie können sie denn das Wetten verbieten wollen? Haben die Menschen nicht gewettet, seit die Welt besteht? Blödsinn, sage ich! Raturlich, so'nen armen Teufel wie mich können sie klein kriegen und ruinieren: aber mehr können sie auch nicht thun. Wir werden ruiniert, und die Neichen thun nach wie vor, was sie wollen. Heuchlerische Brut! Beten thun sie— ja— und dabei streuen sie den armen Leuten Sand zwischen ihren Zucker. Ich kann sie alle nicht ausstehen, die immer und ewig das Wort Religion im Munde haben. Wenn ich schon so einen sehe, der in einem fort von Religion redet, dann habe ich immer das Gefühl, dem muß man mal tüchtig auf die Finger und in die Bücher gucken, ob er nicht am Ende die Armen betrügt!" William setzte sich im Bett auf, um seine Pfeife an dem Licht auf dem Nachttisch wieder anzuzünden. „Aber es giebt doch auch gute Menschen in der Welt," sagte Esther,„nianche, die wirklich nur daran denken, Gutes KU thun, und nicht nur für ihr Vergnügen leben." »Ach, weißt Du was? Nur Arbeit und gar kein Ver- gnugen, das hat noch nie einen ordentlichen Menschen gemacht. Das einzige Vergnügen dieser armen Leute hier in der Nach- Barschaft ist nun einmal das Wetten. Wenn sie auf ein Pferd was gesetzt haben, dann haben sie ein Ziel, dem sie entgegen- sehen können. Sie haben eine Aufregung, und, ob sie nun gewinnen oder verlieren, sie haben immerhin doch Vergnügen für ihr Geld gehabt. Tu weißt ja doch, daß das so ist: Du siehst sie doch, mit welcher Aufregung sie die Abendzeitung ab- . warten, um zu sehen, auf welches Pferd im Laufe des Tages am meisten gewettet worden ist. Ohne irgend eine Hoffnung kann kein Mensch leben. Das ist nun mal ihre einzige Hoff- vung, und ich behaupte, es hat keiner das Recht, ihnen die zu inehmcn." „Nun gut— das sind die Männer: aller wie ist's mit Leu armen Frauen? Denen nützt all das Wetten wahrhaftig nichts. Es ist ganz gut so z» reden. William, aber Du weißt ebenso gut wie ich, wieviel Unglück auch aus dem Wetten kommen kann: Tu weißt, daß, wenn sie sich einmal ganz und � jgar damit beschäfsigen, sie nicht mehr ordentlich arbeiten wollen. Da ist zum Beispiel Journeyman, der hat keine Arbeit mehr, Und Stack hat auch seine Portierstelle verloren." „Und nun sind sie beide viel besser dran: sie haben zehn- mal mehr mit Wetten gewonnen, als vorher." „Das ist möglich, gerade im Augenblick: aller wer garantiert ihnen, wie lange das so anhält? Sieh nur den alten John an, er hat nur noch Lumpen auf dem Leibe: und seine arme Frau, neulich war sie mal abends hier, die hat ein fürchterliches Leben hinter sich. Du willst behaupten, daß das Wetten kein Unglück sein könnte! Erinnerst Du Dich nicht des armen Jungen, der neulich vor Gericht war als Dieb, und war doch nur durch das Wetten zum Diebstahl verleitet worden? Klnd hier bei uns hat ex das Wetten gelernt. Zuerst hat er seines Vaters Uhr versetzt, dann hak er gestohlen. Du kannst doch nicht behaupten, daß es recht ist, mit solch kleinem Jungen zu wetten?" „Das Pferd, auf das er bei mir gesetzt hatte, hat auch gewonnen." „Um so schlimmer! Der Junge wird nie in seinem Leben mehr ein ordentlicher Arbeiter werden. Wenn sie gewinnen, so trinken sie eins auf ihr Glück, und wenn sie verlieren, trinken sie auch eins, um sich neuen Mut zu machen." „Weißt Du. Esther, ich glaube. Tu hättest doch den andern Kerl heiraten sollen: mit dem hättest Du so leben können, wie Du gerne wolltest. Das Wirtshaus hier scheint nichts süp Dich zu sein." Esther wandte den Kopf und blickte ihrem Manne in die Augen. Es kam ihr in diesem Augenblick vor, als stünden sie einander recht fremd gegenüber. „Ich bin doch in so ganz andrer Weise erzogen worden.'� sagte sie leise, und ihre Gedanken flogen zurück zu ihren Kinderjahren, die sie in der kleinen südlichen Seestadt verlebt hatte.„Ich fürchte sehr, daß mir das Wetten und Trinken sündhaft erscheinen wird, solange ich lebe. Gewiß hätte ich lieber ein ganz andres Leben geführt, aller wir Menschen können unser Leben nicht formen, wie wir es wollen: wir müssen es eben so nehmen, wie wir es bekommen. Du warst der Vater meines Kindes, darum bin ich auch verpflichtet. Dein Leben mit Dir zu teilen." „Na ja, es wird wohl so sein," sagte William. Er lag still da auf dem Rücken und stieß die Rauchwolken rasch zwischen den Lippen hervor. „Wenn Du noch lange so fortrauchst, werden wir in diesev Luft gar nicht mehr atmen können," meinte Esther. „Ich werde aufhören: soll ich das Licht jetzt auspusten?/� „Ja, wenn Du willst." Als das Zimmer schon dunkel war, sagte William noch, bevor er einschlief: „Immerhin war es eigentlich ganz nett von dem Menschen, hierherzukommen und uns zu warnen. Ich werde mich in Zukunft sehr vorsehen, mit wem ich wette." (Fortsetzung folgt.), k)irnkanäel. Die deutsche bürgerliche Presse zerfällt in zwei große Gattungen: In solche Blätter, die einbringen, und solche, die kosten. Die ersteren dienen lediglich dem Zwecke, durch Vennehrung von Inserenten und Abonnenten, die hineingesteckten Kapitalien des Untenichmers mvg- lichst hoch zu verzinsen. Die andern sind nur dazu da, um die Ge- schästsinteressen bestimmter Jnteressentengruppen unter dem Scheine öffentlicher Meinung jeden Tag aufs neue zu stilisieren; weil hinter diesen Organen reale Gruppen wirtschaftlicher Mächtestecken, nennt nian sie auch die e r n st e Presse, die politische Presse. Man kann schließlich den Unterschied der beiden Zeitungs- gattungen dahin spitzen: die durch sich selbst rentierende Presse wird von den Konsumenten, die„ernste", politische Presse von den Produzenten bestochen. ES läßt sich noch eine dritte Art bürgerlicher Preßthätigkeit denken und von ihr redet man ja wohl allein, wenn die Journalisten Kongresse feiern und Festreden von sich geben: das ist die Zeitung als Werkzeug der Aufklärung. Unterrichtete, fähige, charaktervolle Männer kämpfen für ihre Ueberzeugung, für eine Weltanschauung, die sich wohl in einer Partei organisiert. Sie dienen dem Guten und verfolgen das Schlechte, sie befreien die Wahrheit und verachten die Lüge, es find hochgemute Propheten, die täglich ein- bis dreimal sich in den Kampf heldenhaft stürzen, um die Menschheit vorwärts zu bringen. In dieser Presse hat der Verleger weder das Recht, den Inhalt des Blattes seinen, direkten Geldinteresseu unterzuordnen, noch sind die Unternehmer befugt, ihre Privatgeschäfte durch die Zeitung vertreten zu lassen. Die Publizisten herrschen in diesem Reich, nicht die Kapitalisten. Solche Zeitungen erfüllen einen außerordentlich erhabenen Beruf, auch wenn sie uns feind- lich gesinnt sind, sie find ideale Künder menschlicher Kultur, und sie haben leider nur einen Fehler: sie existieren nämlich nicht mehr, sofern sie jemals geblüht haben sollten. Auf jeden Fall sind die letzten Reste im Aussterben begriffen. Die bürgerliche Presse hat keine journalistische Persönlichkeit mehr in ihrem Reich, einfach deshalb, weil sie der Persönlichkeiten nicht bedarf. Der Uebergang der Berliner„Volks-Zeitung" in den Besitz der Rudolf Mosseschen Jnseratenagentur zeigt die Unmöglichkeit, daß sich ein bürgerliches Blatt noch kraft seiner Ueberzeugung unabhängig behauptet. Die«Volks-Zeitung" vertrat mit zuverlässiger Reinlich- keit demokratische Gesinnungen. Ihr Besitzer war, wenn wir nicht irren, ein Schwager Mosses, der schon deshalb auf ein charaktervolles Blatt Wert legtet um seinen zärtlichen Verwandten zu ärgern. Die Herstellung eines ehrlichen demokratischen Organs verdanken wir also einer Familienlaune. Rudolf Masse selbst»ertrat mit seinen Zeitmigsfabrikaten die altere Periode des Meinungsgeschäfts, bevor Scherl aus noch nie- drigerem Grunde sein unendliches Glück fand. MosseS Unternehmungen arbeiteten noch politisch, sie verkauften Liberalismus, der immer noch willige und zahlungskräftige Kunden fand. Freilich dieser LiberaliSnms war von Anfang an durch höhere Rücksickiten, durch die strengen und soliden Geschäftsprincipien reguliert. Eingeweihte erklären die lächerlich schwankende Haltung des„Berliner Tageblatts" durch das Mossesche Naturgesetz:„Entscheidend für die Tendenz der nächsten Nummer ist die zuletzt eingegangene Postkarte". Das heißt: Masses einziger Grundsatz ist, der jeweilig letzten Stimmung seines Publikums gerecht zu werden. Kommt eine Postkarte, die mit der Kündigung des Abonnements droht, wenn das Blatt noch ferner „socialde in akratisch" für einen Streik eintreten sollte, so wird unweigerlich im nächsten Abendblatt nachgewiesen, daß der zu- vor sympathisch behandelte Ausstand das Werk gewissenloser Hetzer und bethörter Arbeiter sei. Immer den letzten Wind auffangen und ihn dann wieder in journalistischem Stoffwechsel streichen zu lassen, das ist das Wesen der an die Abnehmer verkauften Geschäfts- presse. Immerhin führt dieses Princip der letzten Postkarte nicht nur zu tollen Widersprüchen— das inerkt niemand— sondern auch zu bedenklichen Irrtümern. Auch der Gesinnungswechsel aus Geschäfts- rücksichtcn ist eine nicht leichte Aufgabe. Man kann da oft die unangenehmsten Ueberraschungeu erleben. So ging denn Angust Scherl noch einen Schritt weiter, er schaltete die Meinungen ganz aus und schwor zu dem Kultus der neuesten Nachricht. Der Ehrgeiz wurde, mit der Schnelligkeit des Nachrichtendienstes die gesamte Konkurrenz zu schlagen. Seit- dem hat Rudolf Masse keine ruhige Minute mehr. In jeder neuen Nummer seines„Tageblattes" prüft er zitternd, ob„wir" auch alles haben, was der„Lokal- Anzeiger" bringt. Und genau so verfährt August Scherl. Ihre verschiedenartigen Temperamente äußern sich nur darin, daß Mosse wütend ein Dutzend Redakteure hinauswirft, wenn in seinem Blatte eine Neuigkeit fehlt, die der„Lokal-Anzeiger" bereits hat, während Scherl in solchen Fällen ein Dutzend Redak- teure hinzumietet. Der genialste Gedanke, der blendendste Witz ist in diesem Preß- betrieb gleichgültig. Wenn nur das Droschkenpferd in dem einen Blatt fünf Minuten früher fällt als anderswo. Dabei ist selbst dieser armselige Ehrgeiz in Berlin noch kleinbürgerlich vcrschrnmpft geblieben. An den englischen und amerikanischen Sensationsblättern gemessen, ist der Lokal-Änzeiger Scherls, rein technisch betrachtet, nicht mehr als das Wurstorgan der letzten Kreisstadt. Er hat gar nichts Räubermäßiges großen Stils an sich, sondern pflegt nur ein philisterhaftes, ängstliches Gelüst, korrumpierend auszuschweifen. Es fehlt ihm die Kraft zur großen Sünde. Daneben hatte die Sucht der neuesten Nachricht eine weitere Sklaverei zur Folge. Die servile und feige Bourgeoisie Deutschlands hat sich bisher keine wahrhafte Oeffentlichkeit erkämpft. Das ge- samte Regierungs- und Verwaltungsgeschäft geschieht hinter ver- schlossencn Thürcn. Die Menschheit außerhalb der Burcaukratie erfährt nicht, was man jeweils über sie zu beschließen für gut be- findet. ES giebt keine so schlecht informierte Presse wie die deutschen bürgerlichen Zeitungen. Entenzucht und Kannegießereien ersetzen den Mangel an wirNichen Nachrichten. Diesen Umstand machen sich nun Stegierungen und Behörden zu nutze. Sie stellen sich bisweilen so, als gewährten sie Informationen, die in Wahrheit wertlos sind. Für derartige Gnadengeschenke aber verkaufen sich die „maßgebenden" Organe nun auch der Regierung und den Behörden mit Haut und Haaren. Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik salbadert fast die gesamte bürgerliche Presse nur, was ihr in den Gesindcstuben des Auswärtigen Amts vorgeschwatzt wird. So müssen die Unseligen, die ihre Köpfe an die Meinungsfabriken verbandeln, auf jede selbständige Meinung verzichten. Und da die Organe, die nicht benutzt werden, verkümmern, hat der bürgerliche Journalist es nach kurzer Zeit nicht mehr nötig, sich eine Meinung abzugewöhnen. Es rebelliert bald nichts mehr in ihm, und viel junger und ernster Idealismus, der ursprünglich vorhanden gewesen, wird erbarmungs- loS zu Grunde gerichtet. Nachdem die Zeitungskapitalisten ihre Geschäfte dermaßen höchst solid auf Inserate, Abonnements und Gesinnungslosigkeit gc- f;ründet hatten, wurden sie ehrgeizig und beflissen, nun auch etwas ür die Fassade ihres Betriebs zu thun. Sie strebten dekorativ. Vielleicht störte es aber auch ihre Ruhe, daß es immer noch Zeitungen und Menschen gab, die einen eigenen Weg zu gehen trachteten. Nun begann jene Aera des geistigen Zechenlegens. Scherl ging voran. Er kaufte ringsum die Presse und ihre Schriftsteller an, um sie in seiner Weise stillzulegen. Aenßerlich freilich durften sie noch erscheinen und schreiben. Um jedem Geschmack entgegenzukommen, mochten sie auch dem abstrusesten Individualismus frönen, sie durften sich selbst so radikal wie möglich geberdcn. Dennoch waren sie tot. Niemals hatten sie die Freiheit, jene Grenzlinie zu überschreiten, wo das kapitalistische Interesse gefährdet ward. Mochten sie selbst anarchistisch rasen, das war am Ende pikant und gänzlrch ungefährlich. Wehe aber, wer sich etwa erdreisten würde, socialdemokratisch zu wirken. Die Social- demokratie ist eine Macht, und mit dieser Macht zu paktieren ist schlechterdings unzulässig. Die verhandelten Gehirne, die doch der moralischen Tröstung und Selbsterhaltung bedürfen, pflegen seitdem mit wachsendem Ungestüm auf den unerträglichen Zwang des Partei- lebenS zu schelten. Man steht stolz über den Parteien, weil man eben unter dem Verleger dienen muß. Auf den Spuren Scherls läuft abermals Rudolf Mosse nach. Jetzt hat er auch die Demokratie angekauft, die letzte bürgerliche Tradition von 1848 seinem Betrieb eingegliedert. Bald wird niemand mehr anders denken, schreiben, dichten, komponieren, malen dürfen, als Scherl und Moffe gestatten. Für diese beiden Gencralunternehmer aber giebt es nur ein Regulativ: die Rentabilität. Daneben giebt es dann nur noch jene«ernste politische" Presse, die thaffächlich aus verkleideten Fach blättern besteht. Von einem Organ für Papierindustrie weiß jeder, daß es nur die Interessen der Papierfabrikanten vertritt. Fügt man aber einem solchen Organ noch politische Leitartikel. Theater und Musik, Lokales, Parlaments» berichte, Kunst und Wiffenschaft hinzu, so sind die Zuflußquellen unsichtbar gemacht. Man glaubt ein Instrument für bestimmte Ueberzeugungen vor sich zu haben, und liest doch nur ein Fachblatt für Marinelieferanten oder sonstige großindustrielle, feudale, börsen- kapitalistische Cliquen, zu deren ständigen Geschäftsunkosten es gehört, Zeitungen und Zeitungsschreiber auszuhalten, denen die Aufgabe obliegt, diese Geschäftsunkosten dadurch wieder hereinzubringen, daß sie durch Umwandlung von Reklame in nationale öffentliche Meinung, von materiellen Interessen in ideale Argumente die Unternehmungen ihrer Geldgeber fördern.— Joe. Kleines feuületon. an. TaS Verhör.„Das ist doch Else!" Die alte Dame blieb stehen und lenkte die Blicke ihres Begleiters in das Gewühl der Straße. „Else? Die mit dem großen Paket?" „Ja doch! Natürlich ist sie das! Elscl Elsel" Sie winkte� „Laß doch." Dev alte Herr hielt ihr den Arm fest.«Nachher mußt Du sie anstandshalber zum Besuch einladen. Sie und ihren — Herrn Gemahl I" Das letzte betonte er spöttisch.„Schließlich liegt uns die ganze noble Familie auf dem Halse." „Es ist unsre Enkelin, Paul. Und ich bin wirklich furchtbar neugierig, wie denn das nun alles gekommen ist, und ob sie nicht schon bereut, von uns gegangen zu sein." Sie winkte von neuem� „Aha, da kommt sie schont" Der Mann brummte ärgerlich; seine Gattin setzte eine recht freundliche Miene auf:„Ach, wie nett, Else! Wir haben uns lange- nicht gesehen, liebes Kind." „Guten Tag, Großvater. Guten Tag, Großmutter." Dis junge Frau sagte es verwundert.„Ich sah schon öfter herüber» aber—" sie stockte. „Aber Du dachtest, wir wollen Dich nicht kennen; sag's nur/" unterbrach der Alte sie mürrisch.„Von dieser protzigen Seite kennst Tu uns wohl?" „Wir nehmen den lebhaftesten Anteil an Dir. Kind! Das ist doch selbstverständlich." Die alte Frau war sehr beleidigt. „Na," Else machte ein ehrlich erstauntes Gesicht,„das ist miv wirklich neu. Aber es freut mich— wahrhaitig!" Die Großmutter zog ein lvohlwollendes Gesicht:„Wo willst Du denn mit Deinem Paket da hin? Mein Gott, da nimmt man sich doch eine Droschke oder läßt jichs ins Hans schicken." Eine flüchtige Röthe überzog das Gesicht der jungen Frau? „Das ist kein Einkauf. Ich gehe liefern." „Liefern? Was ist das?" „Ich nähe Mäntel und will diese nun im Geschäft abliefern» Dort drüben, am Hausvoigteiplatz." „Ach? Du arbeitest für Geld?" Die Großmutter raffte das schwarzseidene Kleid, als habe es eben den Schmutz gestreist. „Wir dachten. Du seiest verheiratet," bemerkte der Alte obenhin. „Bin ich auch. Aber das wißt Ihr dochl" „Richtig." Die Großmutter legte einen Finger auf den Arn» ihres Mannes.„Wir waren so sehr dagegen. Du entsinnst Dich wohl noch." „Nein." Er hob mit einer Bewegung den Kopf, als ob ihu der weiße Kragen scheuere.„Ich entsinne mich absolut nicht! Ich glaubte nur. eine verheiratete Frau arbeite nicht für andre Leute/" „Rätselhaft ist es mir auch," meinte milde die Gattin. In Elses Gesicht war ein trotziger, feindseliger Zug gekommen. Sie warf den Alten einen zornigen Blick zu und schwieg. Bis sio am Hausvoigteiplatz waren:„So. Ich bin da. Adieu I" „Aber. Kind!" Die Großmutter hielt sie fest.„Es war doch nicht böse gemeint. Wir ahnten ja nicht, daß Du Dich in solchen Lage befindest. Wo Du bei uns in hochanständigen Verhältnissen! groß geworden bist!" „Du willst doch nicht sagen, daß meine jetzigen Verhältnisse.. Die Großmutter unterbrach sie mit einer verzweifelten Gc- berde:„Lege nur nicht jedes Wort auf die Goldwagel Nein. nein. ich meine durchaus nichts Böses. Also: wir warten drüben in den» Restaurant auf Dich und plaudern ein wenig." „Ich weiß keine interessanten Geschichten." „Gut. Wenn Du denn durchaus an Deinen Großeltern vorbei- laufen willst.— Aber Du kommst, nicht wahr, Kind?" „Meinetwegen." Else ging. „Warum läßt Du sie nicht laufen?" Er war ärgerlich. „Auf Deine Art erfährt man gar nichts!"— Als die junge Frau ihre Arbeit abgeliefert hatte und aus dem Geschäft trat, zögerte sie zunächst. Aber dann meldete sich der Trotz in ihr und sie ging entschlossen in das Restaurant. ..Na. nun hast Du Kohl einen ordentlichen Batzen eingeheimst?" empfing sie der Alte. „Nein. Die Arbeit wird schlecht bezahlt.� Und zum Kellner: »Eine Taste Kaffee, bitte." „Und Kuchen." bestellte die Großmutter. „Nein! Keinen Kuchen für mich." Das klang entschieden. „Früher aßest Du gern Kuchen." „Ja, früher." „Du Haft wohl manche Deiner Gewohnheiten ändern müssen?" „Manche." „War es nicht...." die Großmutter sondierte vorsichtig daS Feld,„Du mußt mich nicht mißverstehen! Ich meine: gewissermaßen war Eure Hochzeit doch wohl ein wenig voreilig? Ich frage nur." „Wie lange hätten wir nach Eurer Meinung warten sollen?" „Nun." Die alte Dame wiegte den Kopf mit wohlwollendem Lächeln.„Bis Eure Verhältnisse dementsprechend waren." „So? Dann warteten wir jetzt noch." „Ach?" Die Großmutter notierte es sich in Gedanken. Ihr Mann, der bisher schweigend gesessen, erhob nun die iStimme:„Und ich meine wie damals noch heute: Deine Wahl war vn sich ein großer Fehler. Ein unverzeihlicher Fehler! Das siehst Du heute, wo Du Mäntel nähen mußt, wohl auch selber ein." „Nein! Ich würde heute genau so handeln!" „Wirklich? Es ist Dir dann also auch gar nicht fühlbar ge- worden, daß wir unsre Hand von Dir gezogen haben?" „Doch." Die Stimme bebte in unterdrücktem Hohn.„Ich habe Frieden gehabt— vor Bevormundungen und so weiter." .„Diese Bevormundungen wollten Deine Bestes, Kind." Die Alte sagte es feierlich. Und er fügte erregt hinzu:«Diese Bevormundungen hatten immerhin einige Tausend Thaler hinter sich. Wärst Du ihnen ge- folgt, dann säßest Du nicht im Kattunrock neben uns. Hättest eine Hochzeitsreise nach Italien hinter Dir und einen Mann, der..." „Kellner, zahlen!" Ein Geldstück klirrte heftig an der Tasse. „Den Kaffee bezahle ich natürlich." Der Alte zog die Börse. „Danke!" Die junge Frau schob seinen ausgestreckten Arm zur Seite und reichte dem Kellner das Geld. Dann beugte sie sich über den Tisch und die Augen funkelten in dem blassen Gesicht: „Eure Thaler, Eure seidenen Kleider, die Hochzeitsreise mitsamt dem Mann schenke ich Euch! Für all Euren Reichtum und Eure Güte geb' ich diesen Kattunrock und die ganzen, letzten Jahre nicht hin! So, nun wißt Jhr's! Adieu!"— Geographisches. ie. Die Schlucht des Todes. Auch de? ntoderüen Erb- künde fehlt nicht jede Poesie. De Alten vermuteten an besonders un- heimlichen Stellen der Erdoberfläche eine Pforte zur Unterwelt, und noch jetzt giebt es für ähnliche natürliche Verhältnisse Namen, die fast eine gleiche Bedeutung haben. Am berühmtesten ist in dieser Hinsicht das Thal des Todes auf der Insel Java. Seltener dagegen äst die Rede von der Todesschlucht im Bereich des wundersamen Mellowstone National Park in den Vereinigten Staaten, der so viele Merkwürdigkeiten in sich birgt wie kaum eine andre gleichgroße Fläche des Erdbodens. Die dort gelegene Todesschlucht wurde erst im Jahre i888 von Dr. Wced, einem Beamten der Geologischen Landes- Untersuchung der Vereinigten Staaten, entdeckt. Weed fand damals in der Schlucht fünf Bären, einen Wapiti-Hirsch, viele kleine Säuge- tiere und zahlreiche Insekten in verschiedenen Stadien der Zersetzung umherliegend. Steins dieser Tiere zeigte Spuren eines gewaltsamen TodeS, so daß ihr Ende durch Einwirkung giftiger Gase wahrscheinlich war. Etwa zehn Jahre später fand ein andrer Forscher die Leichen von acht Bären in der Schlucht, aber auch damit konnte das Rätsel noch nicht gelöst werden, das über dem sonderbaren Thale lag. Man begann'sogar schon an den früheren Berichten zu zweifeln, während von andrer Seite angenommen wurde, daß die giftige Atmosphäre der Schlucht zeitweise durch schwere Rcgenfälle oder durch Frühlingse Wasser gereinigt würde. Nunmehr hat Dr. Traphagen die Todes- schlucht mehrmals durchforscht und die Ergebnisse seiner Unter- suchungen in der Wochenschrift„Science" mitgeteilt. Das erste Mal fand er. wie die meisten seiner Vorgänger, eine große Zahl von Tierleichen an der unheimlichen Stelle und bemerkte auch einen scharfen Geruch von Schwefelwasserstoff. Er nahm sich daraufhin vor. sich für den nächsten Besuch mit Apparaten zur Feststellung der Gas- entwicklung in dem Thal auszurüsten. Bei seinem zweiten Aufenthalt war der Geruch nach Schwefelwasserstoff noch stärker, und die Silber- münzen, die der Forscher in seiner Tasche trug, wurden durch den Einfluß des Gases schwarz. Es stellte sich heraus, daß die Luft in der Nähe des Bodens der Schlucht über 10 Proz. Kohlensäure und starke Spuren von Schwefelwasserstoff enthielt und daß diese Gase aus Felsspalten an den Gehängen des Schlundes hervordrangen. Die aus den Spalten entweichende Luft bestand zu mehr als 50 Proz. aus Kohlensäure und zu etwa 1 Proz. aus Schlvefelwasscrstoff, ob- gleich ein ziemlich starker Wind durch die Schlucht wehte und außer- dem verschiedentlich Regcnfälle eintraten. Die Beschaffenheit der diesen Spalten entströmenden Gase mußte danach als derartig er- scheinen, daß selbst große Tiere auf dem Boden des Schlundes da- durch erstickt werden könnten, zumal wenn die Ltift innerhalb der Schlucht ganz ruhig ist, so daß sich die Gase weniger schnell mit der übrigen, reineren Luft vermischen. Die Frage, inwieweit durch Schwefelwasserstoff eine Vergiftung herbeigeführt werden kann, ist Kmntwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: noch nicht ganz entschieden. Frühere Versuche kehren sedoch, daß schon bei einem Gehalt von 1— 3 Tausendstel dieses Gases in der Atemluft Tiere unter großer Atemnot. Lungenentzündung und Krämpfen eingehen. Die Vergiftung erfolgt vermutlich durch eine Blutzersetzung. Ob der Schwefelwasserstoff in Verbindung mit größeren Mengen von Kohlensäure noch schädlicher wird bleibt noch zu untersuchen. Dr. Traphagen fand an toten Tieren: zwei Bären. mehrere Hirsche, drei Vögel, verschiedene Motten, Schmetterlinge. Fliegen und Maden. Das Vorkommen toter Maden war besonders beachtenswert, da es auf eine Unterbrechung in den giftigen Wirkungen der Gase schließen ließ. Nach dem Tod der größeren Tiere mußte eine Reinigung der Lust eingetreten sein, die nicht nur den Fliegen die Ablegung von Eiern in die Leichen, sondern auch letzteren ihre Entwicklung zu Maden ermöglichte, bis auch diese von einem neuen Giftstrom getötet wurden. Der Forscher begegnete auch lebenden Fliegen in der Schlucht. Wenn er sie in das aus den Spalten strömende Gas hielt, so starben sie binnen sechs Sekunden. Die Bodcngcstaltuiig der Stätte ist äußerst eindrucksvoll und wild. Die Abhänge sind so steil, daß sie von einem Menschen kaum erklommen werden können. Dadurch wird scbstverständlich die Ansammlung von Gasen in der engen Schlucht sehr begünstigt. Auf die Meisschen scheint die Atmosphäre der Todesschlucht nicht gerade lebensgefährlich zu wirken, jedoch stellten sich bei allen Besuchern gewisse Vergiftungs- erscheinungcn ein. Humoristisches. — Protest. Haus m ei st er:„Der Hausherr läßt ersuchen, daß Sie erlauben, weil die Liberalen gesiegt haben, daß ich die Fahn' bei Ihrem Fenster'naussteck' I Mieter:„Ja, wie komm' denn ich dazu, daß der Hausherr seine Gefühle bei meinem Fenster hinaus st eckt?"— — Au seinem Lokalbericht.... Glücklicherweise hatte der Ermordete sein Geld gerade am Vormittag in die Sparkasse gegeben, so daß er mit dem Verluste des Lebens davonkam.— — Reklame. Herr Schauspieler Hottmann, der gestern Abend in der Titel- rolle von„Fiesko" die Worte sprach:„Hütt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen Zähnen!" trägt Zähne von Gustav Medler, Zahntechniker.— („Fliegende Blätter'.) Notizen. — Ernst Häckel läßt demnächst zu seinem Werle„Die Welt- rätsel' eine„Die Lebens wunder" betitelte Ergänzung er- scheinen.— — Einen Preis von 300 M. schreibt der RiescngcbirgSverein für ein Festspiel aus. dessen Inhalt Beziehungen zum Riesen- gebirge hat. Näheres durch Prof. Dr. Rosenberg in Hirschberg.— — Arthur Pserhofers vieraktige Komödie„Im Ehe« Hafen" hat bei der Erstaufführung im Deutschen Schau« spielhause zu Ha in bürg keinen Erfolg gehabt.— — Im Karlsruher Hofthcater fand A. P a ll l S Zeit« bild„Tante Regine" bei der Erstaufführung eine freundliche Aufnahme.— — W i l b r a n d s neuem Schauspiel„T i m a n d r a" scheint es bei der Erstaufführung im Wiener Burgtheater nicht be- sonders gut ergangen zu sein.— — Die Wiener Hofoper hat Hans Pfitzners Oper „Die Rose vom Liebesgarten" und Schillings„Jng- welde" zur Aufführung in der nächsten Saison erworben.— — Die große goldene Medaille der Dresdener Kunstausstellung wurde zucrkannt: den Malern Otto Greiner, Robert Hang, Arthur Kampf, Toni Stadler, den Bildhauern August Hudler, Hugo Lederer und dem Graphiker Otto Greiner. Die kleine goldene Medaille erhielten: die Maler Fritz Bär, Ferdinand Dorsch, Eugen Kampf, Gustav Kampmann, Christian Landenberger, HanS Olde, W. G. Ritter, Sascha Schneider. Otto Heichcrt, die Bildhauer Fritz Klinisch, Paul Petcrich, Georg Römer, August Th. Schrcitmüller, Konstantin Starck, Georg Wrba, die Graphiker Otto Fischer, Franz Hein, Enge» Kirchner, Karl Schmoll V. Eisenwerth und Ernst Riegel lfür Kleinkunst).— c. Die Zeitungen Japans. Noch einer Statistik, die der „Gaulois" veröffentlicht, hat in den letzten zwanzig Jahren die Zahl der Zeitungen in Japan sich verdoppelt. Im Jahre 1852 erschien die erste Zeitung in Japan, 1379 existierten schon 266. bis 1836 stieg die Zahl auf 2000 und jetzt erscheinen bereits 4000 Blätter. In Tokio allein werden 120 Zeitschriften herausgegeben. Die wichtigsten davon sind:„vjickii Skimpo"(Die Zeit),„Nippon"(Japan), „Djimin"(Das Volk),„Kokormen Shinbun"(National- Zeitung). „lllokio Nitelli Shinbun"(Tokioer Zeitung). DaS in Japan am weitesten verbreitete Blatt ist die„vsissi Skimpo"(Die Neue Zeit), die 400 000 Abonnenten hat. Jede Nummer umfaßt 48 große Blätter, die mit Illustrationen, Photographien und Karikawren be- deckt sind. Eine andre, besonders in Volkskreisen vielgelesene Zeitung ist der„Ili Kokn Shinbun" mit 300 000 Abonnenten. Dieses Blatt wurde vor ungefähr drei Wochen von der japanischen Regierung ver» boten, weil der Redakteur Okiama einen Artikel gegen den Krieg mit Rußland veröffentlicht hatte.— Vorwärts Buchdruckerei».VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.. Berlin SW.