Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 95. Sonntag, den 15. Mai. 1904 (Nachdruck verboten) 62i Bfther Alaters. Roman von George Moore „Es wäre sehr unangenehm, wenn sie hier bei uns ab- gefaßt würde," sagte William.„Das würde uns furchtbar schaden— und ihr kann's doch eigentlich egal sein, wo man sie festnimmt!" Esther antwortete hierauf nichts. „Ich werde fortgehen," sagte Sarah matt lind erhob sich vom Sofa.„Ich will niemand in Ungelegenheiten bringeil." In diesem Augenblick öffnete Charles die Thür und sagte: „Es ist jemand da, der Sie sprechen möchte, Mr. Latch." William ging rasch hinaus. Einen Augenblick später kam er zurück. Seine Augen sahen ganz erschrocken aus „Sie sind da!" sagte er. Zwei Polizisten folgten ihm dicht auf den Fersen. Sarah stieß einen kleinen Schrei aus. „Heißen Sie Sarah Tucker?" fragte der eine Polizist. „Ja.". „Mr. Sheldon, 34 Cumbcrland Place, beschuldigt Sie, ihn bestohlen zu haben." „Muß ich mit Ihnen durch die Straßen gehen?" „Wir können eine Droschke nehmen, wenn Sie dafür be- zahlen wollen," erwiderte der Beamte. „Ich begleite Dich—" sagte Esther freundlich. William zupfte sie am Aernlel. „Wozu willst Du denn das thun? Ihr wird es nichts nützen, und uns kann es nur schaden!" XLI. Die Sache kam vor Gericht, und die dreißig Pfund, welche William Sarah versprochen hatte, wurden nun dafür verwandt, einen Anwalt für sie zu nehmen. Zuerst sah es fast so aus, als würde man gar nicht im stände sein, ihr die Schuld nach- zuweisen; aber ein neues Zeugnis, welches Sarah direkt be- schuldigte, das Silberzeug aus dem Hause entwendet zu haben, brachte ihre Schuld sonnenklar an den Tag. Der Verteidiger gabsichjetzt nur uochMühe, auf milderndeUmstände zu plaidieren. Esther und William wurden auch vorgeladen, um Zeugnis abzulegen für den guten Ruf, den Sarah bisher genossen hatte. Der Verteidiger sprach viel von dem bösen Einfluß, unter welchen Sarah geraten war, und versuchte zu beweisen, daß sie durchaus nicht die Absicht gehabt hatte, das Silberzeug zu stehlen. Durch Versprechungen verführt, hatte sie sich über- reden lassen, das Silberzeug zu versetzen, um auf ein Pferd wetten zu können, von dem man ihr gesagt hatte, daß es positiv gewinnen müßte. Wenn das Pferd gewonnen hätte, wäre das Silberzeug eingelöst und auf seinen Platz zurückgestellt worden, ohne daß der Besitzer davon etwas geahnt hätte, und die Angeklagte hätte ihren Verführer geheiratet. Höchst wahrscheinlich wäre diese Heirat, die sie allem Anschein nach zu der bösen That ver- leitet hatte, noch schlimmer für die Angeklagte ausgefallen, als ihre gegenwärtige Lage war. Der Verteidiger konnte kaum Worte genug finden, die stark genug waren, um den Charakter eines Mannes zu brand- marken, der, nachdem er ein Mädchen zu einer unredlichen Handlung verleitet und in Gefahr gebracht hat, nachher feige genug ist, sie in der Stunde der größten Gefahr und des tiefsten Elends sitzen zu lassen. Der Verteidiger lenkte die Auf- merksamkeit des Gerichtshofes auf die gutmütige. Vertrauens- volle Natur der Angeklagten, die nicht allein durch Worte und Versprechungen sich hatte überreden lassen, sondern auch ahnungslos und unwissend genug gewesen war, dem Verführer den Pfandschein anzuvertrauen. Der Verteidiger drückte zum Schluß seiner Rede die Hoffnung aus, daß der Richter mildernde Umstände gelten lassen würde. _ Der Richter in seinem langen Talar und seiner Allonge- lperücke, dessen galante Abenteuer sich bereits weit über ein halbes Jahrhundert ausdehnten und dessen hohes Wetten auf den Rennplätzen aller Welt wohlbekannt war, spitzte seine alten, welken Lippen und heftete seine stumpfen Augen aus die Angeklagte. Er müßte bedauern, sagte er, daß er nicht dieselbe Meinung von der Angeklagten hegen könnte, wie der Ver- teidiger es augenscheinlich that. Die Polizei hätte mit größter Anstrengung nach dem gewissen Evans gesucht, der, wenn der Bericht der Angeklagten glaubhaft wäre, der Hauptschuldige sein sollte. Aber man hätte ihn nicht finden können; doch hätte man Spuren von seiner Existenz aufgefunden, und insoweit könnte man der Geschichte der Angeklagten glauben, als Evans wirklich zu existieren schiene. Hier machte der Richter eine Pause, und der ganze Gerichtshof schüttelte seine langen Roben zurecht und setzte sich in Positur. Das Antlitz Seiner Lordschaft sah aus, als wollte er jetzt irgend eine seiner humoristischen Reden loslassen, und man er- wartete schon, daß die Angeklagte mit einer verhältnismäßig leichten Strafe davonkommen würde. Aber das Lächeln auf dem Antlitz Seiner Lordschaft ver- schwand wieder. Die welken Lippen spitzten sich von neuem, und er begann jetzt mit solch strenger Stimme zu sprechen, daß alle fühlten, er wolle nun zeigen, wie das Gesetz im stände wäre, Vösewichter ordentlich zu bestrafen. Er lenkte zunächst die Aufmerksamkeit auf die Thatsache, die die Polizei entdeckt hatte, daß die Angeklagte schon früher längere Zeit mit dem gewissen Evans zusammengelebt habe, und daß eben während dieser Zeit niehrere größere Diebstähle verübt worden seien. Es lag allerdings kein Beweis gegen die Angeklagte vor, daß sie sich an diesen Diebstählen direkt beteiligt habe. Die Angeklagte hatte später den gewissen Evans verlassen und die Stelle in dem Hause ihrer gegenwärtigen Herrschaft angenommen. Als die Zeugnisse, die sie aus ihren früheren Stellen besaß, unter- sucht wurden, und sich ein ganzes Jahr vorfand, in welchem sie ohne Stelle gewesen war, eben das Jahr, in welchem sie in wilder Ehe mit Evans zufammen gelebt hatte, hatte sie die Wahrheit verheimlicht und statt dessen ausgesagt, daß sie dieses Jahr bei der Familie Latch verbracht hätte, eben bei jenen Wirtshausbesitzern, die zu ihren Gunsten Zeugnis abgelegt hatten. Ferner hatte die Polizei entdeckt, daß der gewisse Evans früher ebenfalls den„Kings Head" zu besuchen pflegte, und es war wohl anzunehmen, daß sie dort seine Bekanntschaft gemacht habe. Die Angeklagte hatte ihrer gegenwärtigen Herrschaft für das Jahr, in welchem sie ohne Stelle gewesen war, die Familie Latch als Referenz angegeben, und diese hatte die Unwahrheit unterstützt. Hier schweifte Seine Lordschaft ab und erging sich in einen langatmigen Kommentar gegen folche Leute, die nicht ganz vorwurfsfreien Personen es er- möglichtcn, sich unter falschen Angaben eine gute Stelle zu sichern: dies wäre leider eine sehr verbreitete Handlungsweise, die große Gefahren für die Gesellschaft in sich trüge und gegen welche die Gesellschaft gar nicht genug kräftige Vorsichts- maßregeln anwenden könnte. „Angeklagte behauptet," fuhr Seine Lordschaft fort,„daß das Silberzeug versetzt worden sei; aber sie hat keinen Beweis dafür als ihre eigne Aussage und die unglaublich klingende Behauptung, daß sie dem Evans den Pfandschein in Ver- Währung gegeben. Sie kann nicht einmal genau angeben, tvo sie das Silberzeug versetzt haben will; sie behauptet, nur mit Evans zusammen nach Whitechapel gegangen zu sein und das Silber irgendwo in Mile-End Road versetzt zu haben. Aber sie weiß weder die Nummer des Hauses, in dem der Pfandleiher wohnt, noch kann sie auch nur entfernt andeuten, welches Haus es war. Sie behauptet nur, es sei in Mile-End Road gewesen. Man hat bei sämtlichen Pfandleihern in dieser Straße Haus- suchung gehalten, hat aber bei keinem das vermißte Silberzeug gefunden." „Der ehrenwerte Verteidiger." fuhr Seine Lordschaft fort, „hat versucht. Ihnen zu beweisen, wie die ganze Sache eine un- bedachte Handlung derAngeklagten gewesen sei und wie sie ledig- lich der Verführung des Evans nachgegeben habe. Der ehren- werte Verteidiger hat fernerhin versucht, etwas Romantik in die Sache zu bringen; er hat den Diebstahl hingestellt als Re- sultat des leidenschaftlichen Wunsches der Aiigeklagten, sich mit einem geliebten Manne zu verheiraten." Seine �ordichaft aber konnte in diesem Verbrechen dnrchaus keine Spur eines so reinen Motives finden. Wo war der Beweis dafiir, daß es sich um eine Heirat oder um den Wunsch zu einer Heirat gehandelt hätte? Er hielt vielmehr das Verbrechen für das Resultat der Begierde der Angeklagten, ihr Konkubinat mit Evans fortzusetzen. Und was jenen Punkt in der Verteidigung anlangt, daß die That ohne Vorbedacht geschehen sein solle, so könnte man ihn sofort durch den Beweis niederschlagen, daß der Diebstahl im Gegenteil zu einem ganz bestimmten Zwecke IttiS Int Verein mit einem ausgebildeten, berüchtigten Ein- brecher ausgeführt worden war. „Es ist nun nur noch ein Punkt," fuhr Seine Lordschaft fort,„auf welchen ich hinweisen möchte: der ehrenwerte Ver- leidiger macht geltend, daß die Angeklagte gar nicht die Absicht gehabt habe, das Silberzeng zu stehlen, sondern daß sie sich dadurch nur die Mittel verschaffen wollte, um sich uttd ihren Mitschuldigen in die Lage zu bringen, Geld auf ein Rennpferd gu setzen, welches, wie sie glaubten"— Seine Lordschaft wollte eben sagen: welches, wie man wußte, hielt sich aber noch recht- geitig zurück—„glaubten— glaubten—, gewinnen würde! Das hier in Frage stehende Rennen heißt— wie ich glaube— das Cesarewitch-Rennen, und der Name des Pferdes"(Seine Lordschaft hatte selbst dreihundert Pfund auf Ben Johnson verloren und verfuhr vielleicht aus diesem Grunds doppelt streng in dieser Sache),„wenn ich mich recht entsinne"(wieder that Seine Lordschaft so, als suchte sie den Namen des Pferdes iil den Aktenstücken),„ja, wie ich dachte— der Name des Pferdes ist Ben Johnson. Nun hat der geehrte Herr Ver- teidiger geltend gemacht, daß, wenn das Pferd gewonnen hätte, das Silberzeug wieder eingelöst und auf seinen früheren Platz zurückgestellt worden wäre. Dies erlaube ich mir nun für eine ganz vage Hypothese zu halten! Höchst wahrscheinlich wäre das gewonnene Geld sofort wieder in neuen Wetten an- gelegt worden. Ich sehe auch gar nicht ein, warum wir das Vergehen milder beurteilen sollten, weil es begangen wurde, um wetten zu können. Mir scheint das im Gegenteil ein Grund zu sein, um die Sache besonders streng zu beurteilen. Das Laster des Wettens und Spielens nimmt in den unteren Volksklassen von Jahr zu Jahr zu; und mir will es scheinen, als sei es eben gerade die Pflicht der Behörden, dieses Uebel energisch und strenge zu verurteilen und nichts unversucht zu lassen, um es gründlich zu bekämpfen. Ich für meinen Teil kann weder etwas Schönes noch Romantisches in dem Laster des Wettens erblicken. Es ist dies ein Laster, welches lediglich dem Wunsche entspringt, Geld zu erlangen, ohne zu arbeiten; Arbeit ist aber von jeher die natürliche Voraussetzung für Ver- dienst gewesen, und jeder Wohlstand, der auf einer andern Basis als auf der der täglichen Arbeit erworben wird, erscheint mir wie ein Diebstahl an der gesamten Gesellschaft. Armut, Elend, Verzweiflung, Faulheit und jedes andre Laster eilt- springt dem Laster des Wettens und Spielens ebenso natürlich und üppig, wie das Unkraut einem Sumpfboden: wobei wir nicht vergessen dürfen, daß auch die viel verdammte Trunksucht die natürliche Zwillingsschwester des Wettens und Spielens ist." Eine gewisse Trockenheit in der Kehle Seiner Lordschaft erinnerte ihn in diesem Moment an die Flasche ausgezeichneten Rotweins, die er täglich zu seinem Frühstück zu trinken pflegte, und dieser Gedanke veranlaßte ihn sofort, ein heftiges Anathema gegen die üblen Folgen von Bier und Branntwein zu schleudern. Und die Erinnerung an seinen schweren Verlust auf das Pferd, dessen Namens er sich kaum entsinnen zu können schien, verlieh ihm die Kraft, die Theorie, daß Trinken, Spielen und Wetten stets zusammengehören und so ein dreifaches Uebel um sich herum verbreiten, in sehr bilderreichen Worten aus- zuführen. Als die Nachricht, Ben Johnson sei kurz vor dem Ziele zusammengebrochen, an die Ohren Seiner Lordschaft ge- drungen war, hatte er sofort eine Flasche Champagner hin- untergestürzt: und die Erinnerung an diesen Champagner inspirierte ihn jetzt zu einer eindringlichen Beschreibung des flauen, üblen Gefühls, welches einen Wetter beim Verlust überfällt, und seiner Neigung, dieses Gefühl durch den Trunk zu verjagen. Trinken, Wetten und Spielen, sagte er, seien sociale Uebel: ihnen müsse das Gesetz mit allen seinen Mitteln den Boden entziehen. Dieses wäre keineswegs der erste Fall dieser Art, mit dem er zu thun hätte: es wäre leider nur einer von sehr, sehr vielen; aber es wäre dies ein typischer Fall, der samtliche nur zu bekannten Merkmale des verderblichen Lasters on sich trüge, über welches er sich vorher schon des weiteren ausgelassen hätte. Und diese Fälle nehmen leider von Jahr zu Jahr an Zahl zu: und wenn sie noch weiter zunähmen, so würde bald die Macht des Gesetzes kaum mehr ausreichen, sondern würde verstärkt werden müssen, um sie zu bekämpfen. Aber selbst bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesetzgebung gälten glücklicherweise Wetthäuser und Wirtshäuser, in denen ge- wettet würde, schon als Uebertretungen des Gesetzes, und es wäre die Pflicht der Polizei, kein Mittel unversucht zu lassen, -um solche Uebertreter zu entdecken und sie dem Gesetz zu über- liefern. Dann endlich fielen die Augen Seiner Lordschast wieder auf die zitternde Frau auf der Anklagebank. Er ver- urteilte sie zu achtzehn Monaten Zwangsarbeit, nahm feine Akten zusammen und hatte wohl im nächsten Moment schon vergessen, daß eine solche Frau überhaupt existierte. Der Gerichtshof zog sich zurück, um zu frühstücken, und Escher und William drängten sich durch die Menge hindurch ins Freie hinaus. Beide schwiegen eine Weile. William war sehr er- regt worden durch die Bemerkung Seiner Lordschaft über das Wetten in Wirtshäusern und seine Ermahnung an die Polizei, ihre Wachsamkeit zu verdoppeln und kein Mittel unversucht zu lassen, um das, was der Fluch und Ruin der ärmeren Klassen sei, auszurotten. Williams Ansicht nach war es eben immer die alte Ge- schichte: ein Gesetz für die Reichen, ein andres für die Armen. William gab sich gar keine Mühe, noch tiefer in diese Fragen einzudringen, er hielt sie schon für erschöpft, und er erinnerte sich nur noch, daß der scheinheilige Richter gesagt hatte, es würde sehr schwer sein, auf längere Zeit der Entdeckung zu entgehen. Wenn er mal abgefaßt werden sollte, würde er sicherlich hundert Pfund Strafe zahlen müssen und noch oben- drein seine Konzession verlieren. Was in aller Welt sollte er dann anfangen? Zu Esther sagte er nichts von diesen seinen Befürchtungen. Sie hatte ihm freilich versprochen, nichts mehr gegen das Wetten zu reden, aber er wußte sehr wohl, daß ihre Ansicht darüber unverändert blieb. Sie gehörte zu jenen eigensinnigen Naturen, die eher sterben, als eingestehen, daß sie im Unrecht sind. Und doch fragte er sich innerlich, welchen Eindruck wohl die Rede des Richters auf sie gemacht haben niochte? Selbstverständlich dachte sie jetzt an gar nichts andres als an das, was der Alte gesagt hatte. Aber er irrte sich. Esther dachte vielmehr jetzt an das elende Essen, das Sarah bekommen würde, an das harte Bett, auf dem sie würde schlafen müssen, und an die schreckliche Zukunft, die sie erwartete, wenn sie wieder herauskäme aus dem Gefängnis.— Es war ein Heller, klarer Wintertag. Die Kaufleute in der City gingen raschen Schrittes dahin, in ihre Pelze und Ueberzieher gehüllt; und unter den rasch dahinjagenden Wolken flog ein Schwärm von Tauben über den Telegraphendrähten davon. In Fleet Street rasten Journalisten eiligen Schrittes den Frühstücksbars oder größeren Restaurationen zu. Sie fielen auf durch ihre ungeheure Beweglichkeit und Eile, und Esther bemerkte dabei, wie langsam und schleppend Williams Schritt im Vergleich mit dem dieser Männer war: wie lose die Kleider an seinem Körper hingen, und wie die scharfe, frostige Luft ihn sofort zum heftigen Husten reizte. Sie bat ihn, seinen Rock fester zuzuknöpfen. Als sie in den Strand kamen, drang ihnen aus einem Restaurant der Geruch von gebratenem Fleisch entgegen. William sagte: „Ich bin ein bißchen hungrig. Du nicht? Wir wollen hier etwas frühstücken gehen." „Sieh mal dort drüben! Ist das nicht die Frau des alten John?" fragte Esther. „Ja, das ist sie," sagte William,„sie scheint zu betteln. Wenn der Kerl da ihr nicht gerade den Schilling gegeben hätte, würde sie uns wohl gesehen haben." „Großer Gott! Das Hab' ich nicht gewußt, daß es ihnen so schlecht geht! Hast Du schon je solche Lumpen gesehen? Und das dicke, kranke Bein in dem fürchterlichen Strumpf!" „Es hat jetzt keinen Zweck mehr, ihr nachzulaufen; wir können sie doch nicht mit uns nehmen," bemerkte William. Sie verzehrten ihr Frühstück fast ohne ein Wort zn sprechen: der ganze Vormittag war so traurig gewesen, und Mrs. Randals Lumpen erschienen Esther plötzlich wie ein warnendes Omen. Das Geräusch in dem Speisehause ver- anlaßte sie, sich noch mehr in ihre einsamen Gedanken zu ver- tiefen, und wie in einem Kaleidoskop sah sie plötzlich das Bild' ihres Lebens vor sich und wie tief sie schon gesunken war. Ein Angstgefühl, ähnlich jenem, welches das Vieh ans der Weide überfällt, wenn es plötzlich sieht, wie der Himmel sich ver- dunkelt und der Sturm näher kommt, überkam sie. Sie mußte plötzlich an Mrs. Barfield denken und an die Worte, die jene zu ihr gesagt hatte, als sie sich von ihr trennte. Wie doch das Wetten nur Elend und Unglück mit sich bringt!� Wo war Mrs. Barfield wohl jetzt? Würde sie sie jemals wiedersehen? Mr. Barsield war tot. Miß Mary kränklich, und die ganze Zeit von damals schien so weit hinter ihr zu liegen, so weit! Und würde nie, nie mehr zurückkehren! Einige Worte, die Mrs. Barfield damals gesprochen hatte, kamen ihr wieder in den Sinn: sie hatte sie noch niemals völlig verstanden gehabt, aber sie hatte sie auch niemals vergessen; wie die Töne einer Glocke schienen sie durch ihr ganzes Leben fort zu vibrieren. (Fortsetzung folgt.)! 379— Em Kretin. Eines TageS beriet das preußische Herrenhaus einen Antrag, den deutschen Reichstag statt aus allgemeinen Wahlen in der Weise zu bilden, daß die preußischen Gutsbezirke dreihundert Majorats- Herren aus ihrer Mitte nach Berlin entienden. Man hatte fröhlich und energisch diese Reform als das einzige Mittel nachgewiesen, um eine vollige Aufhebung der Verfassung zu vermeiden. Es war insbesondere der Graf Mirbach, der unwider- leglich feststellte, daß eS s o nicht weiter gehen könne; auch betonte er, daß der Antrag keme reaktionäre, sondern eine höchst fortschritt- liche Tendenz habe, da er erst die Einführung eines wirklichen Parlamentarismus ermögliche, der die endgültige Entscheidung über die Regierungspolitik in letzter Instanz gegen Minister und Krone habe. Der Ministerpräsident Graf Bülow äußerte einige Bedenken über die sofortige Durchführung der, wie inan zugeben müsse, groß- artigen Reform. Aber er versprach wohlwollende Erwägung, worauf ihn, Graf Mirbach erwiderte, für das Herrenhaus sei es sehr gleich- gültig, was Graf Bülow erwäge; zu derartigen Aenderungen bedürfe man keineswegs seiner Mitwirkung, die man im übrigen ja nicht durchaus principiell zurückweisen wolle. Ein Bürgermeister und ein Professor hatten ihre Sympathien mit dem Antrag bekundet, wenn sie auch unter lebhaftem Widerspruch der Mehrheit leise Zweifel äußerten, ob in dieser Reform das Fundament der Staaten, die Gerechtigkeit, zu vollem Ausdruck gelange. Die Debatte schien erschöpft. Da erhob sich zu allgemeiner Ueberraschung ein junger Mann, der bisher im hohen Hause un- bekannt war. Es war ein Graf Wrukc-Quitzow, der soeben sein väterliches Majorat in Hinterpommern angetreten und damit die Berechtigung erworben hatte, in der Körperschaft der geborenen Gesetzgeber, der an die Scholle gefesselten CrbweiSheit, mitzuwirken. Graf Wruke-Ouitzow verbeugte sich leicht, ein wenig rätselhaft lächelnd und begann: Gestatten Sie Ihrem jüngsten Mitglied ein Wort zu der bevor- stehenden Frage. Ich fühle mich in gewissem Sinne unter Ihnen am meisten benifen, in dieser Angelegenheit mitzureden.(Dho!); denn ich stehe dem Urtitel meines gesetzgeberischen Rechts näher, als irgend ein andrer in diesem höchsten Haus— meiner Geburt. (Heiterkeit. Einige Granden blicken verständnislos). Die Nabelschnur meines so bedeutsamen Rechtes ist gewissermaßen noch mit mir verbunden. Und wenn es' wahr ist, daß nur das edle Blut es ermöglicht, weise über die Geschicke der Völker zu walten, so muß die adlige Jugend, die dem Quell ihrer Weisheit, dem Gebnrtsakt, noch am wenigsten entfremdet ist, auch den stärkeren Benif haben, den Staat regierend zu erhalten. Wir haben hier alle, so weit wir Aristokraten sind(ein Professor ruft: G e i st e s aristokraten!)- nein, das genügt nicht, das ist nicht feststellbar— wir haben hier alle gleichsam das Recht der ersten Nacht, natürlich der standes- gemäßen, kirchlich und standesamtlich konzessionierten ersten Nacht. Alles, was wir sind, verdanken wir dem erhabenen Augenblick, da unsre Eltern sich umannten. Wer wäre so vermessen, zu bezweifeln, daß solch eine-Bemühung, solch ein Opfersinn(Heiterkeit), solch eine Hingabe an den Staatszweck der Menschenerhaltnng uns nicht bis ins tausendste Glied(Sehr gutl Heiterkeit) berechtigt, die übrige Menschheit zu regieren, und für uns arbeiten zu lassen, die Menschheit, die auf dem üblichen ordinären Wege physiologischer Heimarbeit in die Welt geraten ist. Also, an unsrem Recht ist, meine ich, kein Zweifel. Lassen Sie mich darum nun auch nieinerseits zu dem vorliegenden Antrag einige Be- merkungen sagen. Meine Herren I Wenn mein hochseliger Vater unter vier Augen, mich vorbereitend stir meinen Herrenhauslerberuf, mit mir über politische Dinge sprach, so pflegte er unsre Aufgaben dahin zusammen- zufassen: Wir müssen so viel für miser Korn und Vieh zu kriegen suchen, als es irgend geht. Zweitens aber ist es unsre Aufgabe, in Heer und Staat alle Stellen einzunehmen, die ehrenvoll sind und anständig bezahlt werden.(Sehr richtig!) Das gemeine Volk ist dazu da, daß es für uns steuert, und wenn die Ochsen brüllen sollten, indem sie für uns dreschen, oder gar den Erdrusch selber zu verzehren sich erfrechen— dann verbinden wir ihnen eben das Maul. (Sehr richtig l) Sie rufen sehr richtig, meine Herren. Mein seliger Vater fand das auch sehr richtig. Aber ich gestehe, die Reden, die ich heute hier gehört, haben mich doch einigermaßen an meinen väterlichen Lehren irre gemacht.(Unruhe.) Ich habe nichts davon gehört, daß Sie das Wahlrecht des Volkes beseitigen, das heißt, den Ochsen das Maul verbinden wollen(Heiterkeit), damit Ihnen niemand'widerspricht, wenn Sie Maßnahmen zur Steigerung der Schweinepreise ergreifen. Ich habe nicht gehört, daß Sie die Geltendmachung des revolutio- vären gleichen Rechts zu unterdrücken suchen, damit Ihnen niemand die Posten im Heere und in der Verwaltung streitig machen könne. Ich habe auch nicht gehört, daß jene dunkle, elende Masse zum Schweigen verurteilt werden müsse, weil Sie «llein herrschen und genießen wollen.(Bewegung.) Das alles habe ich nicht gehört. Sondern vielmehr etwas ganz anderes. Sie kämpfen, so hörte ich zu meinem Befremden,-» für gewisse Ideale(Sehr richtig), und weil die anderen diese Ideale angeblich (Unruhe) bekämpfen, deshalb sollen sie aus dem öffentlichen Leven verschwinden. Wenn ich richtig gehört habe, so pflegt dieses hohe HauS, wie ich annehme, bis zum letzten Blutstropfen im wesentlichen drei Ideale. Da ist erstens die Religion, die christliche(Herr v. Mendels- söhn: Sehr richtig!), die wir schützen gegen Unglauben und Atheismus. Ein bedeutender Schriftsteller hat einmal geschrieben, das Christentum sei der Sklavenaufftand in der Moral.(Widerspruch.) Das ist gewiß nur zur Hälfte richtig. Der Sklave ist wahr, aber nicht der Aufftand. Es ist kein Sklavenaufftand, sondern eher ein Sklavenrausch, in dem sich das Elend gaukelnd über sich selbst betäubt. Aber immerhin: Sklaven haben sich diese Religion geschaffen, aus ihren seelischen Bedürf- nisten ist sie erwachsen. Ja, meine Herren, find wir Sklaven? (Ruf: Wir find Christen!) Christen preisen das Glück der Armut. (Machen wir auch!) Die Armut der a n d r e n, die Sie sogar noch t ristlich zu erhalten und zu verstärken suchen.(Ra also!) Das hristentum verlangt die Gleichheit aller Menschen.(Fürstbischof Kopp: Vor Gottl) Sollen wir denn nicht die Gebote Gottes halten? Sollen wir nicht das Gottgefällige erstreben?(Große Un» ruhe.) Würden Sie, ich frage Sie bei Ehre und Gewisten, eine Re- ligion auch nur einen Tag dulden, welche Armut und Gleichheit erzwänge?(Andauernde Unruhe.) Ich komme zu Ihrem zweiten Ideal! Sie ehren den König, den die andern nicht ehren, wie Sie behaupten. Dieser König hat die Befugnis, kraft seiner Rechte von Gottes Gnaden in diesem hohen Hause sofort eine socialdcmokratische Mehrheit zu erreichen. (Lärm.) Er hat das Recht, ohne weiteres ein paar Hundert Social- demokraten in einem Anti- Pair- Schub als Herrenhäusler zu berufen.(Schluß! Schluß!) Würden Sie dann noch den König ehren?(Schluß! Schluß!) Und wenn er es gar durch- fetzte, daß die Zölle beseitigt oder das preußische Abgeordneten- haus nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Proportionalsystem gewählt würde, wären Sie Ihrem König dann noch treu? Oder wenn er ein socialdemokratisches Ministerium beriefe, scharten Sie sich auch dann um das Banner Ihres Monarchen?(Ungeheurer Lärm, in dem die folgenden Worte unverständlich bleiben). Indem Sie schreien, gestehen Sie, daß Sie nicht den König als König sondern mir einen Führer Ihrer Klasse wollen und stützen.(Pftn!) Und endlich Ihr drittes Ideal I Sie lieben Ihr Vaterland, und schelten die andren vaterlandslos. Würden Sie dies Vaterland auch lieben, wenn ein freies Volk in ihm lebte, wenn alle Aemter nach Verdienst, nicht nach Geburt vergeben, wenn der Besitz der Großen enteignet würde, damit die ganze Nation besitze und glücklich sei und an friedlicher Kultur arbeite?(Raus, rauS!) Oder würden Sie es vielmehr machen, wie Ihre Standesgenosten des revolutionäre» Frankreich und Hochverrat gegen Ihr Vaterland üben? Antworten Sic!(Inzwischen haben sich dichte Gruppen um den Redner gebildet, die erregt schreien und gestikulieren. Rufe: Zur Ordnung! Zur Ordnung!) Meine Herren(mit erhobener Stimme): Indem ich alle diese Fragen erwog, die Sie nicht zu bejahen wagen, entschloß ich mich. zurSocialdemokratie überzutreten mid fortan in diesem hohen Hause die höchsten Ideale, die in der Geschichte der Menschheit jemals verkündet worden sind, zu verteidigen, die des socialdemo- kratischen Proletariats.(Der Skandal wird immer stärker. Man hört lein Wort mehr.) Graf Mirbach(fich unmittelbar vor den Redner stellend): Kretin! Graf Wruke-Ouitzow: Und wäre ich ein Kretin, so habe ich doch das Recht, in diesem Hause zu reden. Demi hier ent- scheidet die Geburt. Niemand vermag mich von dieser Stelle zu entfernen, niemand mein Privileg zu kündigen, und wäre ich ver- blödet oder ein Schurke oder ein Verbrecher. Ich darf hier reden, weil ich— geboren bin. Graf Mirbach: Sie haben zu schweigen I Der Präsident(heftig läutend): Herr Graf Wruke- Ouitzow: Ich entziehe Ihnen das Wort.(Rufe: Er soll n i e m a l S mehr reden! Der Kerl mutz raus!) Graf Wruke-Ouitzow(den Lärm übertönend): Ich d a r f reden, denn ich bin von Geburt berechtigt, in diesem Hause zu weilen. Graf Mirbach: Das wäre noch schöner I Dann würden za diejenigen recht haben. die es für einen Unsinn erklären. daß ge- borene Gesetzgeber existieren. Der Präsident: Sie haben in elendester Weise dieses vornehmste Haus entweiht, besudelt, beschimpft.(Stürmischer Beifall.) Sie haben hier nichts mehr zu suchen. Gehen Sie freiwillig, oder— Graf Wruke-Ouitzow: Sie brechen das Recht I Ich beuge mich nicht!— Ich werde—(In diesem Augenblick erhält der Redner einen mächtigen Schlag von hinten auf seinen Kopf. Er bricht zu- sammen und wird unter dem Jubel der die Nationalhymne an- stinunenden Mitglieder herausgcschleist). Ein B ü r g e r m e i st e r und ein P r o f e f f o r erklären entrüstet, daß, um Mißverständnissen vorzubeugen, sie mit den ver- ruchten Anschauungen des Grafen Wruke-Ouitzow nichts gemein haben; auch ihre Freunde wären durchaus für Religion, König und Baterland. Graf Mirbach: Wir müssen eine Unteriuchungskomimiyon einsetzen, die feststellen soll, ob dieser Kretin, der unsren ganzen Stand entehrt, wirklich der Sohn seiner Eltern ist. Ich habe den starken Verdacht, daß der Bursche einfach— untergeschoben ist. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Präsident: Nachdem dieser unliebsame Zwischenfall so zu allgemeiner Zufriedenheit gelöst ist, fahren wir in der Beratung fort. Das Wort hat— Joe. Rlelnee f cuületon. eb. Sonntagnachmittag im ventrnm. Es liegt eine eigne Stimmung über diesem alten, diesem ältesten Berlin. Nach dem Lärm, dem ohrenbetäubenden, nervenzerrüttenden Lärm des Werkel- tags, plötzlich Strlle, die Stille tiefer Feiertagsruhe. Stille'< Durch die König- und Spandauerstraße rasseln die Straßenbahn- »vagen wie am Alltag. Zug folgt auf Zug, aber die andern: die Rad- jfahrer, die Droschken, die hochgetürmten Geschäftswagen, fehlen doch. Sind der Bürgersteig liegt wie leergefegt, keine Spur von dem schwarzen Menschenstrom, der sich in der Woche darauf schiebt und drängt, hin und wieder kleine Trupps in Feiertagskleidern, die zum mähen Bahnhof eilen; je weiter der Tag vorrückt, je spärlicher werden Auch sie. So zwischen fünf und sechs müßt Ihr hingehen, da ist's hier wirklich..feierstill". Und es geht sich gut durch Mt-Berlin am Sommersonntag-Nachmittag. Es schaut einen da so anders an, so !ganz anders und fremd, und allerhand Stimmen werden wach und sangen an zu raunen und zu flüstern. Alt-Berlin? Ja, ja. ich weiß schon, es ist gar nicht alt mehr mit seinen hohen Geschäftspalästen, seinen Fabriken und rauchenden Schloten. Aber doch— 1 Ich bin aus den eleganten Hauptstraßen abgebogen und in die engen Gassen gegangen, in diese engen Winkelgassen, deren es hier noch so viele giebt. Hinauf nach dem Grauen Kloster und hinüber nach dem Marienviertel, und wieder durch Seitenstraßen herum nach Sankt Nikolai. Nein, es war da nichts von Romantik, keine Häuser mit Schnitzwerk und Erker und Giebeln, wenn auch noch alte Häuser genug. Häßliche Häuser, verwittert und unschön, ohne Schmuck und Zierat, ohne all jene traute Heimlichkeit, die die alten Häuser süd- deutscher Städte so anziehend macht. Keine Romantik, keine Poesie, aber doch— I Stille war's... Das Bahngeklingel tönte von fern nur ver- worren herüber, hin und wieder ein Hundebellen, sonst kein Laut. Die alten Häuser standen wie verschlossen mit ihren kleinen, weiß- gefaßten Fenstern, ihren zertretenen Thürtreppen und großen Fluren. Hier und da ein Altmännergesicht, eh Frauenkopf mit weißer Haube hinter rotblühenden Geranienstöckcn friedlich über die Zeitung ge- beugt. An einer Hausthür ein paar junge Mädel, lachen und kichern und schauen neugierig dem Fremden nach, der sich heute hierher verirrt. Gerade heut—. Was will der hier? Es kommen nicht viel Fremde her am Sommersonntag-Nach- mittag. Alt-Berlin I Ja, Alt-Berlin. So mag es gewesen sein vor Jahrhunderten, als hier noch das Strohdach auf de» Häusern lag und Wall und <3raben die Stadt umzogen. Enge und Stille, und wenn der Sonn- tag kam, saß man am Fenster oder Gartenzaun und sah nachdenklich !dem Fremden nach, der etwa grad des Weges kam. und schwatzte mit her Nachbarin von allem, was das Leben gerade bot— vielleicht vom bösen Ouitzow, der eben wieder der Bürger Vieh davongetriebcn, und von der Junker Hochmut und der Begehrlichkeit der Pfaffen, vielleicht vom großen Judenbrand, vielleicht auch nur von teurem Brot und schwerer Zeit, oder vom neuesten Prunkgewand der Jung- frau Blankenfelderin. Andre Zeiten, andre Interessen, und eigentlich doch immer die- Eben; des Lebens ewig gleiches Spiel. Damals wie heute, heute wie malS. Auf dem Neuen Markt tollten Kinder umher, ein paar Frauen saßen auf den Bänken und unterhielten sich; die Maisonne tag über allem. Sie übergoß den jungen Rasen mit goldenem Licht und spiegelte sich in Sankt Mariens hohen Spitzbogenfenstern. Sonne und Glanz und Wärme und Wohlbehagen; die Frauen lachten und die Kinder jauchzren, gerade als müßte es so sein, als gäbe es kein Elend in der Welt, als hätte diese Stätte niemals— Blut getrunken, als hätten nie die Kirchenfenster Flammen lodernder Scheiterhaufen statt Sonnenfunkeln zurückgestrahlt; als wäre von diesen Kirchenmauern immer helles Kinderlachcn und nie der Wehrvf der Gemarterten zurückgetönt. Neuer Markt, alter Richtplatz. Platz der Barbarei des Mittelalters, Blumen blühen auf dir und Bäume grünen, und wir Weltstadtkinder stehen voll Stolz, deine Schauer, deine Grausamkeiten haben wir seit langem überwunden. Jawohl, haben wir—. Oder haben wir etwa nicht? Rädern wir unsre Verbrecher noch? Zwicken wir sie mit glühenden Zangen? Reißen wir ihnen die Zunge aus? Kennen wir die Greuel der Folter? r,...Wir sind doch mild und sanft geworden und haben gut geleitete viefangmssel Und wenn es auch mitunter vorkommt, daß etwas drm passlert, was nicht passieren sollte, was thut's? Man redet ein- fach nicht darüber. Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Auf dem Nikolai-Kirchhof habe ich lange gesessen, der Flieder duftete und die Glocken im Turme summten. Die Thür stand offen, durch die bildergeschmückte Halle sah man hinein in das Kirchen» schiff— dem hellen, golden lachenden Maisonntag gähnte es ent» gegen, wie ein dunkler Abgrund, voll Finsternis und Nacht. Und durch den hellen, golden lachenden Maisonntag kamen die Beter und gingen hinein ia diese finstere Kirchcnnacht— aus dem Licht in die Dunkelheit zurück....— ss. Das Zittern unsrer Glieder. Es bedarf einer bcsondern An» strengung der Muskeln, wenn wir unsre Gliedmaßen völlig still halten wollen, und selbst dann gelingt es nicht immer, eine vollkommene Ruhelage zu erzielen. Wohlverstanden, das gilt für gesunde Menschen. und nicht etwa nur für solche, bei denen die Muskelthätigkeit schon durch das Alter oder durch andre Einflüsse wie des Alkoholmißbrauchs geschwächt worden ist. Bei kräftigen Leuten tritt ein Zittern dev Glieder aus zlvei Gründen ein: einmal nach ungewöhnlicher An» sttengung der Muskeln und bei der instinktiven oder bewußten Suche nach einer Gleichgewichtslage. Im letzteren Zustand befinden sich die Gliedmaßen fast fortgesetzt, und daraus ergiebt sich auch die Regel- Mäßigkeit der Erscheinung. Schon früher waren darüber Unter- suchungen angestellt. Jetzt aber haben Bloch und Busquet einen Apparat erfunden, durch dessen Vermittlung sich das Zittern genau verfolgen läßt, so daß er die fraglichen Bewegungen in ihrem Ver- lauf um das Achtfache vergrößert darstellt. Beispielsweise wird ein Ann auf den kürzeren Arm eines Hebels gelegt, dem er seine Zitter- bewegungen mitteilt, und diese übertragen sich auf einen an dem andern, längeren Hebel befindlichen Schreibsttft, der sie in jener starken Vergrößerung auf einem sich drehenden Cylinder aufzeichnet. Auf diese Weise lassen sich noch Schwingungen des Arms deutlich er- kennen, die nur etwa den dritten Teil eines Millimeters ausmachen. Nach ihren zahlreichen Beobachtungen mit einem solchen Apparat be- haupten Bloch und Busquet, daß das Gliedcrzittern eine stetige Er- schoinung sei, aber großen Verschiedenheiten unterliege, je nach den einzelnen Teilen des Körpers. Die Kiefer z. B. zittern bedeutend und schnell mit 7— 8 Schwingungen in der Sekunde. Wenn man die Hand in der Haltung der Eidesleistung mit den Fingern auf den Hebel des Apparats stützt, so ergeben sich b— 6 Schwingungen in der Sekunde. Das wagerecht vom Rumpf fortgestreckte Bein zeigt in gleicher Zeit 4— 5 Erzitterungen. Die Forscher gingen nun weiter dazu über, den Einfluß von Belastungen zu verfolgen, indem unter anderm an dem Daumen ein Gewicht befestigt wurde, das man all- mählich vergrößerte. Zunächst zeigte sich keine merkliche Veränderung, doch nahm das Zittern bei schwächlichen Personen vor. einer Be- lastung mit 1 Kilogramm ab, bei kräftigen von 2 Kilogramm ab erheblich zu, und zwar in der Weise, daß das Ausmaß der Schwingungen immer größer wurde, während ihre Geschwindigkeit unbeeinflußt blieb. Schließlich wurden die Schwingungen so groß. daß der Apparat sie nicht mehr aufzuzeichnen vermochte. Das Merk- würdige und Neue an diesen Untersuchungen ist alsc die Thatsache, daß das Glicderzittern nicht nur überhaupt bei allen Menschen statt- findet, sondern auch in allen Fällen mit fast genau gleicher Ge- schwindigkeit, uud daß nur der Grad der Schwingungen großen Un- regelmäßigkeiten unterliegt. Das Gleichmaß der Geschwindigkeit gilt aber auch nur für ein rmd dieselbe Person und denselben Körper- teil, während sie bei verschiedeneu Menschen und� für verschiedene Teile des Körpers wechselt.— Humoristisches. — ulaDuncan. Restaurateur.„Aber, Jean, waZ machen Sie denn da für verrückte Bewegungen?" „Verrückt?"... Bitte sehr, ich tanze„Roastbeef garniert"!'— — Der T r o st. Herr sresigniert zu seinem alten Faktotum): „Auch das neue Mittel gegen unsre roten Nasen hat sich als unwirksam erwiesen— wir müssen uns halt Wösten!" „Was soll ich für eine Flasche heraufholen, gnä' Herr?'— 1 — Stoßseufzer. Pantoffelheld:„Es ist doch gut, daß der Mensch einmal sterben muß!... Herrgott, wenn man so tausend Jahre verheiratet wär'l'— („Fliegende Blätter'.) Notizen. o. Die Pariser„Schule für Journalismus' ist eingegangen. Sie wurde am 9. September 1899 mit mehr als 200 eingeschriebenen Schülern begründet.— — Das Neue Theater wird in der kommenden Spielzeit mit Shakespeares„Lustigen Weibern von Windsor" eröffnet werden. Die Entwürfe der Scenerie stammen von Max Slevogt.— — In einer Sitzung von 30 Kunstvertretern in D r e s d e n Ivurde auf Antrag des Geschäftsführers des Kunstvereins München beschlossen, eine Verbindung sämtlicher Kun st vereine Deutschlands zu gründen. Ms Hauptvertreter wurde der Vorstand des sächsischen Kunstvereins gewählt.— — Ein gerissener Advokat. Der verstorbene englische Rechtsanwalt Frederick Bramwell hatte für seine Entscheidung. ob er einen Prozeß übernehmen wolle oder nicht, eine Gebühr von 1000 M. festgesetzt. Erst nach Entrichtung dieses Betrages kam dann oft das„Nein" von seinen Lippen.— — Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin LlV.