Ilnterhaltuttgsblatt des Horwärts Nr. 96. Dienstag, den 17. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) «31 Gltker Maters. Roman von George Moore. „Mein gutes Mädchen!" hatte Mrs. Barficld gesagt, „ich bin zwanzig Jahre älter als Sie, und ich versichere Sie, daß mein ganzes Leben mir vorkommt wie ein kurzer Tranm. Das Leben hier unten ist nichts: wir müssen beständig an das Leben denken, das später kommt!" „Na, Alte!" rief William Plötzlich,„halt den Kopf ein bißchen hoch i achtzehn Monate ist freilich'ns lange Zeit: aber es ist doch noch lange kein Leben. Sie wird's schon überstehen! und wenn sie wieder rauskommt, wollen wir sehen, was wir für sie thun können, uin ihr zu helfen." Williams Stimme erweckte Esther aus ihrem Traum. Sie sah ihn an, und an dein Ausdruck in ihren Augen er- kannte er, daß sie an ganz andre Dinge gedacht hatte als er vermutete. „Ich dachte, Du sähest um Sarahs willen so traurig aus!" sagte er. „Nein," sagte sie,„ich dachte in diesem Augenblick nicht au Sarah." Williams Antlitz verdüsterte sich, denn er nahm es als sicher an, daß sie wieder über die Simdhaftigkeit des Wettens nachgedacht hatte. Es war doch rein zum Tollwerden, eine Frau zu haben, die beständig au Dinge dachte, die nicht mehr zu ändern waren. Er bezahlte die Rechnung und sie bestiegen den nächsten Omnibus. Vom Cirkus ab gingen sie zu Friß, und die erste Person, die sie in ihrem Lokal erblickten, als sie es betraten,>var der alte John. Er saß ganz allein da in einer Ecke des Zimmers auf einem hohen Schemel, und sein aschgraues, fast toten- ähnliches Gesicht war tief auf seine Brust herabgesunken. Der alte, ungestärkte, zerrissene Kragen, die zerfetzten Ueberreste einer Krawatte, die zweimal um den dünnen, verrunzelten Hals geschlungen und nach der Mode von vor fünfzig Jahren gebunden war, sahen schrecklich aus. Seine Stiefel waren zerrissen, seine Hosen schmutzig, fadenscheinig und bis zum Knöchel hinauf ausgefranst: sie waren auch vielfach geflickt, aber die Flicken hielten kaum mehr zusammen. Der einstmals schwarze Gehrock, jetzt grüngrau vor Alter, zerrissen und zer- lumpt und viel zu groß für ihn, hing lose um den mageren Körper des Mannes herum. Er sah sehr schwach und matt aus, und seine wässerigen, kleinen Augen waren glänz- lind ausdruckslos. „Achtzehn Monate!" sagte William,„verteufelt hartes Urteil für ein erstes Vergehen!" „Ich bin eben erst gekommen. Charles sagte, Sie würden bald zurückkehren: aber es hat dock länger gedauert, als ich dachte." „Wir haben erst ein bißchen gefrühstückt. Aber haben Sie denn gehört, was ich sagte? Sie hat achtzehn Monate be- kommen!" „Wer?" „Sarah." „Ah, Sarah! War heute die Verhandlung? Also acht- zehn Monate?" „Was ist denn los mit Ihnen? Wachen Sie doch auf! Sie schlafen ja. Was wollen Sie trinken?" „Könnte ich vielleicht ein Glas Milch haben?" „Ein Glas Milch? Was ist denn los, Alter? Ist Ihnen nicht wohl?" „Nicht sehr: nein: das heißt, das heißt— ich verhungere." „Verhungern? Nasch, kommen Sie hier herein in die Stube, daß wir Ihnen was zu essen geben. Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?" „Ach, es wurde mir zu schwer, das zu sagen." William führte den„Alten" in die Hintcrstube und ließ ihn dort sich niedersetzen. „Sie wollten mir nicht sagen, daß es Ihnen so schlecht igeht? Warum denn? Was soll denn das heißen? Sie haben sich doch sonst, weiß Gott, nicht geniert, mich gelegentlich an- zupumpen." „Ach ja, um zu wetten! Das ist etwas andres: aber herkommen und um ein Stück Brot betteln— verzeihen Sie. aber ich kann nicht viel sprechen, ich bin zu schwach." Als der„Alte" gegessen hatte, fragte William ihn, wie es denn möglich sei, daß er so heruntergekommen war. „Ich habe in der letzten Zeit immer Pech gehabt, immer, immer. Ich habe auf Pferde gesetzt, die bei der Probe zwei Stein mehr auf den Rücken trugen, als sie nachher zu tragen bekamen, und ich glaube, sie haben bloß darum nicht gewonnen, weil ich auf sie gesetzt hatte. Dutzende von halben Kronen habe ich auf erste Favoriten gesetzt..Sie gewannen nichts. Dann setzte ich auf zweite Favoriten, aber, wenn ich drauf gesetzt hatte, gewannen regelmäßig entweder die ersten Favoriten oder Outsiders. Nein, eS ist nichts mehr zu machen. Wenn das Glück einen erst mal verlassen hat— dann ist es aus!" „Ja, das kommt aber bloß davon, daß man den Mut verliert und dann anfängt, wie verrückt ins Blaue hinein zu wetten. Das ist eben das Gute beim Buchmacher. Er wettet nach bestimmten Principien, nicht nach verrückten Phantasien." Nun erzählte der alte John, wie er auch sonst noch vom Pech verfolgMvorden sei. Seine Stelle im Restaurant hatte er verloren, aver keineswegs durch eigne Schuld, denn er hatte seine Arbeit stets gut besorgt.„Aber," sagte er,„sie mögen alte Kellner nicht leiden: die Kunden behaupten, daß alte Kellner schlecht aussehen. Wahrscheinlich lag das mehr an meinen zerlumpten. Kleidern— und daran, wissen Sie, daß man zu Hause auch nicht die Bequemlichkeit hat, sich ordentlich sauber zu halten. Es ist uns in letzter Zeit recht schlecht ge- gangen, es wurde uns so schwer, das bißchen Miete zu zahlen, daß' mein schwarzer Rock und meine Weste versetzt werden mußten. Also Sie sehen, wenn ich schon das Glück gehabt hätte, in den letzten Tagen eine Stelle in der Ausstellung oder sonstwo zu bekommen, so hätte ich sie nicht mal annehmen können, weil ich nichts anzuziehen hatte. Es ist schrecklich, daß mir so etwas passieren muß, nachdem ich vierzig Jahre und mehr in den besten Häusern Haushofmeister gewesen bin, mit fünfzig Pfund pro Jahr, und inuner'neu Diener in Livree und'neu Pagen unter mir, denen ich nur so zu befehlen brauchte. Aber es gicbt noch viele andre, die ähnliches Unglück haben. Bedienter sein ist doch eben nur'ne armselige Sache. Ihr beide könnt lachen. Ihr habt Euch hübsch früh davon zurückgezogen! Und was wird schließlich das Ende von alledem sein? Doch nur das Armenhaus. Ich bin nun schon so müde und matt: mir ist eigentlich alles einerlei." Seine Stimme verlor sich in einem undeutlichen Ge- murmel. Von seiner Frau sagte er gar nichts. Seine Unlust, von ihr zu sprechen, gehörte mit zu der Unlust, die es ihm bereitete, überhaupt von seinen Privatangelegenheiten zu reden. Die Unterhaltung wandte sich nun wieder zu Sarah zurück; mau sprach viel von dem strengen Urteil, und William erwähnte auch, wie die Bemerkungen des Richters die Wachsamkeit der Polizei anfeuern würden, und wie schwer es nun sein würde, sein Wettgeschäft fortzuführen, ohne entdeckt zu werden. „Ja, es ist ein großes Unglück, ein großes Unglück!" sagte der alte John.„Sie müssen von jetzt an furchtbar vorsichtig sein: immer wissen, mit wem Sie wetten: und jedem, deir Sie nicht genau kennen, die Wette einfach verweigern." „Oder lieber das ganze Wetten überhaupt aufgeben!" sagte Esther. „Das Wetten aufgeben?" sagte William: sein Gesicht rötete sich, und er geriet allmählick in Wut.„Gebe ich Dir vielleicht nicht ein behagliches Heim? Fehlt's Dir an Kleidern oder an sonst etwas? Na, wenn Du das zugeben mußt, so finde ich, kannst Du auch Deine Meinung lieber für Dich behalten und brauchst Deine Nase nicht in Deines Mannes Geschäfr rein zu stecken. Es gicbt genug Bibelklassen und Brüdergemeinden, wo Du hingehen kannst, um Deine Predigten zu halten." William hätte wohl noch mehr gesagt, aber sein Aerger hatte einen neuen Hustcnanfall in ihm hervorgerufen. Esther warf ihm einen Blick zu, sagie nichts und verließ das Zimmer. „Sie haben einen bösen Husten," sagte der alte John. „Ja," sagte William, und er trank ein wenig Wasser, um den Hustenreiz zu bekämpfen. m. „Ich werde wohl mal zum Doktor gehen müssen; so ein Husten macht einen ganz nervös. Meine Frau ist in'ncr hübschen Laune, was?" Der alte John gab keine Antwort; er hatte die Gewohn- heit, häuslichen Differenzen, denen er beiwohnte, gleichsam niemals zuzuhören, namentlich solchen, an denen Frauen be- teiligt waren; denn Frauen waren nun mal eine Spezies der Menschheit, die er absolut nicht verstehen konnte. Die beiden Männer redeten noch wester ein langes und breites miteinander über die Gefahr, in welche der„Kings Head" durch diese Be- merkung des Richters gekommen sei, und sie betrachteten und beleuchteten nun die Sache von allen Seiten. Sie sprachen auch von der Ungerechtigkest des Gesetzes, die den Reichen das Wetten erlaubt und es den Armen verbietet. Sie erzählten eine Menge Anekdoten, aber keiner von beiden sagte auch nur ein Wort, das ein neues Licht auf die Sache geworfen hätte; und als der alte John sich endlich erhob, um zu gehen, sagte William kurz: „Wenn ick) mich und meine Familie ernähren will, so muß ich wetten: das einzige, was ich thun kann, ist, mich vor- zusehen, daß ich nicht mit ganz Fremden wette." „Na, wenn Sie dabei bleiben, meine ich, wird man Ihnen auch nichts anhaben können," sagte der alte John und setzte seinen mächtigen, fettigen Hut aus. der um drei Nummern zu groß für seinen 5kopf war; er wandte seine Gestalt, die in dem schlecht geschnittenen, zerfetzten, langen Gehrock geradezu grotesk aussah, zum Gehen.— William hatte in der That die AbsichtHes zu seinem .Princip zu machen, nicht mit Fremden zu wetten; aber tste Principicn eines Menschen scheitern oft, wenn man sie praktisch bethätigen will. Drei Monate hatten Williams Principien wacker stand gehalten gegen jede Versuchung. Wieder und wieder hatte er ihm angebotene Wetten mit Fremden abgelehnt, bis endlich doch der Tag kam. an dem er sich hinreißen ließ und Geld von einem Manne nahm, den er hin und wieder in seinem Lokal gesehen hatte, der ihm aber doch eigentlich fremd war; er hielt ihn jedoch für sicher. Es war dies die That eines augenblicklichen Impulses gewesen. Aber kaum hatte er die beiden halben Kronen in Papier gewickelt, auf das Papier den Namen des Pferdes ge- schrieben und das Päckchen in den Schicbkastcn gelegt, als er auch schon fühlte, daß er unrecht gethan hätte. Der große breitschultrige Mann im schwarzeil Anzug, mit glatt rasiertem Gesicht, trank sein Bier ruhig aus und verließ gleich darauf das Lokal. Dieser Umstand erschien William sofort verdächtig, aber nun war es zu spät, die Sache zu reparieren. Drei Tage später, so zwischen zwölf und ein Uhr mittags, gerade um die Hauptgeschäftszeit, als das Lokal voller Menschen war, hörte man plötzlich den Ruf:„Die Polizei I" Es wurde rasch ein Versuch gemacht, den Kasten mit den Wettgeldern zu verbergen, und einige wollten entwischen; für beides war es zu spät. Ein Wachtmeister und ein Schutzmann verboten jedem, das Haus zu verlassen, welches zuin Ueberfluß auch noch von außeil durch Polizeiniannschaftcn bewacht wurde. Die Namen und Adressen sämtlicher Anwesenden wurden ausgeschrieben, eine Haussuchung wurde angestellt, die Päckchen mit Geld und die Wettbücher wurden entdeckt und konfisziert. Und alle, die dort waren, mußten mitmarschicrcn nach der Hauptwache in Morlborongh Street. Am nächsten Tage war folgender Bericht darüber in den Tagesblättern zu lesen: „Ein Wetthaus in Westend aufgehoben! William Latch, Besitzer des Wirtshauses zum„Kings Head". Dean Street, Soho, wurde angeklagt, sein Schanklokal zu dem verbotenen Geschäft des Wettens mit seinen Kunden daselbst zu benutzen. Thomas William, fünfunddreißig Jahre, Billardkellner, Gaulden Street. Battcrsea; Arthur Henry Parsons, fünftntd- zwanzig Jahre, Kellner. Northumberland Street, Marylebone; Joseph Stack, zweiundfünfzig Jahre, Gentleman, High Street, Norwood; Philipp Hutchinson, Grünkramhändler, Bisey Road, Fulham; William Tann, Klavierstimmer. Standard Street, Soho; Charles Kctloy, Butterverkäufer, Green Street, Soho; John Randel, Frith Street, Soho; Charles Müller, vierund- vierzig Jahre, Schneider. Marylebone, Lane; Arthur Bartram. Papierhändler, East Street, Buildings; William Burten, Sattler, Blue Lion Street, Bond Street, wurden, sämtlich be» schuldigt, das Lokal des„Kings Head" zum Zweck des Wettens besucht zu haben. Tie Polizei gab noch fernere Informationen über das Zimmer im ersten Stock, in welchem weit über die gesetzlichen Polizeistunden hinaus stets getrunken und gewettet wurde. Unglücklicherweise erinnerte sich die Behörde daran, daß ein Menstmädchen, welches das Silberzeug seiner Herrschast versetzt hatte, um sich Geld zum Wetten zu verschaff»,, gerade im Lokal des„Mngs Head" arretiert worden war. Infolge aller dieser Dinge wurde William Latch eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt." Wer hatte die Anzeige gemacht? Das war nun die Frage. Der alte John saß in seiner Ecke, ruhig seine Pfeife rauchend. Jounieyman lehnte mit dem Rücken an der gelb- gemalten Thür und streckte seine langen Beine vor sich hin. Der breste Stack mit seinem roten Geficht stand tief in Ge- danken versunken daneben. „Ach!" sagte William,„wenn ich den verfluchten Hund nur kennte, der uns angezeigt hat!" „Haben Sie denn gar keine Ahnung, wer es ist?* fragte Stack. „Da war mal so'n Kerl von der Heilsarmee hier vor einigen Monaten, der wollte meiner Frau einreden, daß das Wetten hier die ganze Nachbarschaft ruinierte, und daß es auf- hören müßte. Vielleicht ist es der gewesen!" „Sie fordern aber doch keinen zum Wetten ans; es thut doch jeder was er will!" „Tut jeder was er will? Nein, das thut heutzutage fast keiner. Da giebt's einen Temperenzverein und einen Unschulds- verein, und einen Antispielhöllenverein, und noch mehr so schöne Sachen! Und was thun die? Nun, die verfolgen den einzigen Zweck, es den Leuten unmöglich zu machen, das zu thun, was sie wollen." „So ist es." sagte Journeyman. Stack erhob sein Glas zu den Lippen und sagte:„Na, auf gut Glück!" „Glück!" sagte William,„wo soll denn das wohl her- kommen? Wir scheinen jetzt auf einmal alle zu verlieren. Ich möchte nur wissen, wo das Geld bleibt. Einer muß es doch ge- Winnen! Ich glaube wahrhastig, es liegt das an dem Haus hier; das hat nun mal Pech gehabt und wird immer so bleiben. Ich muß gestehen, am liebsten möchte ich hier ganz raus— je schneller— je besser!" Die Unterhaltung verstummte. sZndlich brach Stack wieder das Schweigen. „Wird denn hier nun wirklich nicht mehr gewettet werden?" „Ich sollt' es meinen, nachdem ich hundert Pfund Strafe bezahlt habe! Glauben Sie, ich hätte Lust, das noch einmal zu thun? Sie haben doch gehört, wie der Kerl über Sarah ge- sprachen hat, daß sie hier gerade gefaßt werden mußte und so weiter." „Ich finde, daß das mit der ganze Geschichte überhaupt nichts zu thun hat!" „Die hat doch das Silberzeug nicht genommen, um wetten zu können," sagte Jouneyman,„sondern weil ihr Schatz ihr versprochen hatte, sie zu heiraten." „Warum haben Sie denn eigentlich den Rennsport ver- lassen?" sagte Stack. „Meiner Gesundheit wegen. Ich Hab' mich mal unterm Kempton fürchterlich erkältet; da mußte ich den ganzen Tag bis an die Knöchel im Schmutz und in der Nässe stehen, und die Erkältung bin ich nicht wieder los geworden." Esther war dafür, das Haus, wenn möglich, zu verkaufen und aufs Land hinaus zu ziehen. Nun aber stellte es sich heraus, daß durch den Umstand, daß der„Kings Head" als Wetthaus bestrast worden war, die Chancen für einen günstigen Verkauf sich bedeutend verringert hatten. Man mutzte nun mindestens ein Jahr warten; wenn während dieser Zeit das Geschäft nicht zurückginge und ihre Konzession erneuert würde, wären sie vielleicht im stände, bessere Bedingungen zu erzielen, So mußte denn von nun an ihre ganze Kraft und Energie der Hebung und Besserung des Geschäfts zugewandt werden. Esther engagierte noch ein Dienstmädchen. Sie sorgte täglich für ein reichhaltiges Frühstück. Sie kaufte das beste Fleisch und die besten Gemüse, die für Geld zu haben waren. William bestellte Bier und Branntwein von so ausgezeichneter Güte, wie es in der ganzen Umgegend sonst nicht ausgeschenkk wurde. Aber es war alles vergebens! lFortsetznng folgt.?! Große Berliner Kunstausstellung. L Allctt denen, die von einer durch die Regierung sanktionierten und geleiteten Kunst nichts erhoffen, allen denen, die trotz aller Debatten und Vorwürfe, die sich gegen die Tendenzen der Grohen Berliner Kunstausstellung, geleitet von den Kunfwkademien und dem Verein Berliner Künstler, richteten, doch noch schwankevd waren. konnte kein größerer Gefallen gethan werden, als die diesjährige Ausstellung am Lehrter Bahnhof. Es ist, als wollte man die Sünden des vorigen Jahres, wo nach allgemeinem Urteil ein günstigeres Allgemeinnivcau erreicht war, wo es den Anschein hatte, als sollte endlich einmal in diese Räume ein frischerer Wind hinein- wehen, wieder gut machen durch verdoppelte Bescheidenheit, durch dreifach zur Schau getragene Unfähigkeit. Freilich gab man sich ja damals in eingeweihten Kreisen auch gar nicht irgend welchen trügerischen Hoffnungen hin. Niemand nahm an, daß diese zeit- weilige Auffrischung von Dauer sei» würde, ein günstiges Omen für spätere, künftige Entwicklung. Was befürchtet wurde, ist ein- getroffen, ärger als man es sich denken konnte. Die Vertreter dieser akademischen Kunstausstellungen am Lehrter Bahnhof wollen es immer so hinstellen, als gäbe es Leute, die nun principiell gegen sie sind. Was hat die Kritik davon, wenn sie gegen eine solche Ausstellung protestieren muß? Wäre es nicht schöner, man könnte anerkennen? Wie bereitwillig zeigte sich die Kritik im Vor- jähre, als wenigstens eine Ahnung von Kunst, wenigstens ein Wille, ein Wunsch zu spüren war. Fordert nicht eine so pomphaft in- scenierte Ausstellung gerade durch ihr anspruchsvolles Auftreten zur unumwundenen Kritik heraus? Es ist kein schöner Anblick, wenn die Kunst sich so hinter die Regierung steckt, nach ihrer Pfeife tanzt und dann sich dafür streicheln läßt, da es vorher Scheltworte setzte. Gefügig und willfährig sind diese Herren alle, denen irgend ein un- defiuierbarer Zufall den Pinsel in die Hand spielte, mit dem sie nun Gott weiß wie viel Flächen Malleinewand anstreichen. Man sehe sich den Katalog an. Da kommt man vor lauter Titeln und Würden und Komitees und Kommissionen und Ersatz- tommissioncn und Regierungskommissionen usw. usw. nebst feiten- langem Verzeichnis der Namen, deren Träger von 1343 etwa an einmal durch eine Medaille oder ein Diplom ausgezeichnet wurden, gar nicht zu dem Kern der Sache. Welche bureaukratische Kleinlich- kcit spricht sich darin aus. Welch' Prunken mit Nebensächlichkeiten, das um so unangenehmer auffällt, als die Kunst durch Abwesenheit glänzt. Nun wird eine solche Ausstellung mit Bewilligung aller Mittel ins Leben gerufen, man scheut keine Kosten, unendlich viel Säle warten darauf, das Gute aufzunehmen, so daß das Publikum täglich davon lerne und dann sich auch freue, und da bringen es diese Komitees und Kommissionen fertig, in der Hauptstadt des Deutschen Reiches eine solche �chausammlung von minderwertigen Produkten dem Publikum zu bieten? Rechnen sie damit, daß die Instinkte und das Wissen beim Publikum noch nicht so ausgebildet sind, daß sie fühlen, wie ihnen hier Afterkunst geboten wird? Wie soll das Publikum denn lernen? Muß es nicht schwankend werden, wenn ihnen so mit der Macht der Autorität, mit klangvollen Namen etwas geboten wird, wovon die Entwicklung sie gerade befreien soll. Kein Mensch kann verlangen, daß der Laie genug Kritik in sich habe und Wissen, um hier ein Urteil sprechen zu können. Ja, mit diesen Trivialitäten, die hier zur Schau gestellt werden, schmeicheln sie gerade den Instinkten des Publikums. Das ist es aber gerade: diese Instinkte sollen verfeinert werden, das Publikum soll erzogen werden, nicht zu dem, was ihnen eigentlich fremd ist, sondern zu dem. was verborgen in ihnen liegt, vielleicht unter dem Schutt des Alltags vergraben. Freilich ist es leichter, das Durcheinander von Soldaten zu beobachten und dabei zu denken: das ist also die Schlacht von so und so, oder von dem Anblick eines süßlichen, unwahren Aktes, der auf die niedrigsten Instinkte spekuliert, sich angenehm berührt zu fühlen, oder eine hübsche Nonne, an einen Weidenbusch gelehnt, sentimental über das Wasser starren zu sehen, als sich immer darüber klar zu sein, daß Kunst eine ernste Lebensbethätigung sein soll, daß sie mit allen großen Mächten, von denen wir eine höhere Entwicklung «rhoffcn, zusammengehen muß und sich nicht erniedrigen darf, irgendwie und irgendwem Handlangerdienste zu leisten. Von einem solchen Standpunkt aus gilt es die Kunst zu betrachten. Und dann will man lernen von ihr und nicht sich müßig von ihr amüsieren lassen und das noch einmal sehen, was man schon bor zehn Jahren wußte. Man muß bei einem solchen Bilde spüren, daß der Künstler irgendwie weiterkäme» wollte, sich klar werden wollte, rang. Statt dessen hängen hier Bilder, von denen nichts zu lernen ist, die dem Geschmack der Menge in unerhörter Weise schmeicheln und mit allerlei mehr oder minder deutlichen Absichten auf irgend etwas spekulieren. Für diese Maler ist alles fertig; es giebt nichts mehr zu thun für sie. Für sie giebt es keine Entwicklung. Damit der- schütten diese Leute immer wieder die guten Möglichkeiten lebendiger Kunstbetrachtung; sie halten die Kunst vom Leben fern und stellen eine Talmikunst dazwischen. Dem Publikum wird es vielleicht schwer, das zu erkennen. Die Fülle erdrückt sie. Der Klang der Namen imponiert ihnen. Also es ist Pflicht der Kritik, aufs schärfste solchem Knnstunfug entgegenzutreten. Das ist keine Kunst hier. Es fehlt jedes Arbeiten. Das ist direkter Unfug. Vor 20, 30 Jahren konnte das gelten. Das ist Krähwinkelkunst. Unterscheidet sich von der Ausstellung eines Dilettantenvereins in einem Provinznest nur der Masse nach. Es wird nur mit mehr Lärm in Sccne gesetzt. Und das Erfreuliche daran ist nur der Umstand, wie diese Herrn» es fertig brachten, so viel mindere Kunstware heutzutage noch auf« zutreiben. Der Laie, ebenso auch der Kritiker, fragt sich immev wieder, wie es möglich ist, daß so und so viel sonst vielleicht honett« Leute so irren können in ihren Gaben.— und fängt dann wohl m» zu zweifeln. Es ist aber so, und jedes Jahr beweist es von neuem, und das Unerklärliche— hier wird es gethan. Es wird bei Erörterung solcher Fragen von gegnerischer Seit« immer der Versuch gemacht, die Sache so hinzustellen, als handle eS sich im Grunde immer nur um eine Parteinahme für oder gegen di« Seccssion, für oder gegen sie, die Akademie, den Verein Berliner! Künstler. Weiterhin wird dann der Gegensatz hineingetragen:! alte Kunst— neue Kunst. Das ist ganz falsch und verwischt di« strittigen Punkte und spielt die Erörterung sachlicher Fragen aufs» persönliche Gebiet. Es handelt sich hier nicht um Personen und nichts um Akademie und nicht um Seccssion; daß diese Fragen hier über« Haupt in Betracht kommen und genannt werden, ist schon ein Zeichen, daß irgend etwas hier nicht richtig ist. Es giebt auch keinen Gegen« satz zwischen alter und neuer Kunst. Es giebt eben nur d i e Kunst, und wer nach ihr strebt, der heißt eben Künstler. Wer aber andren! Idealen nachläuft und schöpferisch sich nicht bcthätigt, sondern im trivialen Nachahmen nichtkönncrischcr Aeußerlichkeiten sich erschöpft, der verdient eben den Namen Künstler nicht, mag er sonst Professor! sein, mit Orden geschmückt und mit Ehren überhäuft. Diese Herren meinen immer, wenn man sie nicht anerkennen will, wäre man gleichj mit Haut und Haaren der Secession verschrieben. Sie kennen eben nur dieses Persönliche und wollen ganz übersehen, daß Kunst übe« den Parteien steht. Es kann einer dreist der Secession angehören» und kann doch nur ein hohler Modcmitläufcr sein. Und wir, gerad« wir, wünschten sehr, daß— was auch möglich wäre— di« Herren» am Lehrter Bahnhof zeigten, daß es auch bei ihnen gute Kunst giebt, Es giebt ja viele Künstler, die ihren Höhepunkt schon hinter sichj hatten und mit Recht guten Ruf genossen, ehe die Secession da war, Diese Alten, denen Kunst Herzens- und Ehrensache war— weshoU» gingen sie denn von ihnen? Da muß doch wohl etwas nicht richtig» fein. Denn sonst bleibt doch Alter bei Alter und Jugend bei Jugend� Auch bei der Secession giebt es manches zu bemängeln und zu be« dauern und man könnte sich manches anders und besser denken� Gewiß. Jedoch im ganzen merkt man doch, daß da ein ehrliches� Streben vorhanden ist, daß keine offiziellen Rücksichten die Ent« Wicklung heminen und daß die Kunst da obenan steht und geachtet ist» Nicht von einem vorcingenonunenc» Standpunkt Ivird hier eine solch« Ausstellung,»vi« die am Lehrter Bahnhof bedauert, sondern vom all-. gemein-künstlerischen Standpunkt. Und darum spielen»vir auchj nicht irgend welche modernen Schlagivortc, die bestimmten Richtungen. das Wort reden sollen, gegen sie aus, sondern wünschen nur, trotz» allem, der Kunst zuliebe, daß auch in die Große Berliner Kunst-. ausstellung endlich einmal der Geist einziehen möge, dem dem Namen» nach diese Räume geweiht sind. Es giebt keine Unterschiede zwischen» alter und neuer Kunst. Wohl aber giebt es Unterschiede zivischen» Unvermögen und Können oder wenigstens Streben. Gerade ein« alte Kraft, die fest in sich ruhte und unbeirrt ihre ganze Persönlich« keit hineinströmen ließe in künstlerische Schöpfungen, an der würden wir uns ja freuen und würden uns wenig daruin kümmern, ob dies« nun mit dem ganzen Raffinement modernster Technik wirtschaftet« oder sich mit dem bewährten Rüstzeug traditioneller Malweise be« gnügte. Zwei Drittel der ausgestellten Bilder sind mit dieser allgemeinen» Erörterung erledigt. Es läßt sich über sie nur im allgeincinew reden. Will man die Behauptung, daß die wahre Kunst über de» Parteien Secession und Große Berliner Kunstausstellung steht, er-« Härten, so braucht nian nur den Namen L e n b a ch zu nennen. Er» ist ein gutes Beispiel dafür. Am Lehrter Bahnhof hat er einen ganzen Saal für sich. Er geht gewiß nicht mit den Modernen, das wird niemand von ihm glauben. Hat er doch seine Abneigung gegen die Secession oft genug bekannt. Nun zeigt er sich obendrein hier noch, im ganzen genommen, von sehr vorteilhafter Seite. Es tritt das Manierierte, Affektierte bei ihm hier sehr in den Vorder- grund und das wirklich Feine kann man hier nicht recht betvundern. Es sieht hier so sehr viel nach Arrangement, nach Theater aus. Er springt mit den Menschen um, als wären sie Teppiche oder schöne Stoffe, die er drapiert. Seinem Kinde mit den blonden Locken zieht er eine Rüstung an und malt es so. Er würde sicher nicht auf die Idee gekommen sein, hätte er nicht seinen Rembrandt, der es ähnlich machte, so getreu studiert und jahrelang kopiert, und andre Bilder Ivieder mahnen sehr eindringlich an Tiziair. Aber trotzdem— trotz aller Anlehnung— war es doch eine Persönlichkeit. Er ahmte nicht sklavisch nach. Sondern es gelang ihin, mit den Mtteln der Ver- gangenheit ein Neues zu geben, in dem er sich ganz ausschöpfte. Mögen wir das Ganze als verlorenen Posten ansehen, da er nichts Lebendiges giebt, so müssen wir doch zugeben, daß hinter diesen Werken ein Mensch und Künstler steht, den wir so, wie er ist, hin- nehmen müffen. Die ersten Säle enthalten, alter Gewohnheit treu, allerlei Schlachtenbilder und patriotische Bildnisse. Eines der schönsten ist das Bild„Kronprinz Friedrich Wilhelm" zu Pferde. Die Kommission muß dieses Bild für ein ganz besonderes Kunstereignis gehalten haben. Denn sie gab ihin selbst ini Ehrensaal noch einen besonders begünstigten Platz, wodurch die Minderwertigkeit noch in ganz besonders Helles Licht gerückt ist. Wie die meisten Künstler hier weiß auch Hans K r o w n a tz k i von Licht und Luft nichts. Er vinselt die Konturen bunt auS, wie ein Schuljunge seine Vorlogen ouZtuscht, jeglichen künstlerischen Gefühls für Farbenwerte bar. Dem Ganzen setzt er dann die Krone auf durch den Vermerk, den er auf da? Bild setzt„Nach dem Leben gemalt'. Freilich würde sonst niemand darauf kommen. Die ganze Lust hier scheint Ansteckungsgefahr in sich zu bergen. Sonst kann ich es mir nicht erklären, wie ein früher tüchtiger, streb- samer Maler so verflacht wie S k a r b i n a. Früher zu den Fort- schrittlichen gehörig, malt er jetzt recht und schlecht Hofbilder genau so fade und inhaltslos wie immer. In der„Sitzung der Schiffs- bautechnischen Gesellschaft" sehe man sich diese Köpfe der Marine- Offiziere an, wie leer, wie unfertig find sie gegeben. Wie trivial wirkt die„Hofball- Eriimenuig". Oder er malt„Die Bethlehem- kirche am heiligen Abend". Speciell am heiligen Abend muß das sein. Skarbina scheint rettungslos gesunken. Auch S ch l i ch t i n g geht Wege, die ihn abseits führen. Es wird von ihm eine Broschüre an den Katologischen verkauft, in der er allerlei von Regierung und Kunst-Ausftellung munkelt. Schlichting erhielt einen ganzen Saal für sich. Er ist ein guter Zeichner. Die Farbigkeit, die er hat, wirkt oft etwas banal. Italien ist ihm weiter nichts, als eine sehr bequeme Gelegenheit zur Anfertigung massen- Ijaster Skizzen, die oft so sachlich und eindruckslos bleiben wie Photographien. Mätzchen helfen oft über die Leere hinweg. Wie roh ist oft die Lust behandelt, die Wasser-Atmosphäre, die doch so leicht die Farben auflöst. Er holt nicht viel mehr heraus, als die üblichen, grellen Jtalicnbilder uns bringen, wo das Gegenständliche die Kunst ersetzen muß. Offenbar haben die hiesigen Künstler selbst den Ansprüchen nicht mehr genügen können, eine genügende Anzahl sogenannter„Alls- stellungsschinken" zu liefern, die eine halbe Saalwand bedecken, und haben' sich infolgedessen eine ganze Serie Budapester verschrieben, Benczur, Blhari, Feszty u.a. Da sehen wir nun die uns so sehr interessierende ungarische Geschichte quadratmeterweise illustriert. Auch der Spanier Sorolla y Bastida malt solche Bilder, die durch Flächenaufwand imponieren wollen. Bei ihm ist aber wenigstens noch ein Gefühl dafiir vorhanden, dementsprechend die Farbe leuchten zu lassen. Kontraste hineinzubringen, kurz, das ganze ein wenig vom malerischen Gesichtspunkte aus anzusehen. Ihn reizt die helle Farbe, die er in festen Flächen gegen einander setzt, gelb gegen blau. Im Ehrensaal hängt ein„Bauernhof" von Röchling, der ein wenig zu kraß und unnatürlich in den Farben ist. Besser ist der„Herbstmorgen"