Anterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 97. Mittwoch, den 18. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) � erthcr Maters. Roinan von George Moore. Sowie es bekannt geworden war, daß es unmöglich sei, im„Kings Head" eine halbe Krone oder einen Schilling in Papier gewickelt über den Schanktisch gleiten zu lassen, begann die 5kundschaft abzufallen. Endlich konnte William es nicht länger aushalten, und er erlangte die Einwilligung seiner Frau, wieder als Buchmacher auf dem Rennplatz zu wirken. Mit dem Eintritt des Frühlings hatte seine Gesundheit sich etwas gebessert, und es lag somit kein Grund mehr vor, warum er zu Hause sitzen und die ganzen Tage über den Groll über die schlechten Geschäfte in sich hineinfressen sollte: das wenigstens war Esthers Ansicht: und es erinnerte sie an frühere glückliche Zeiten, als er wieder anfing, den ganzen Tag aus- zugehen und abends zurückzukommen in seinem langen Ueber- rock mit dem über die Schulter gehängten Feldstecher: und wenn er dann vergnügt sagte:„Heut sind die Favoriten alle geschlagen worden. Was hast Du denn für mich zu essen, Weibchen?" dann vergaß Esther ihre Abneigung gegen das Wetten über die Freude, ihren Manu wieder vergnügt zu sehen. Wenn er nur auch wieder ein wenig kräftiger geworden wäre! Aber er schien von Tag zu Tag schmäler und schmäler zu werden: und wieviel er auch essen mochte, es schien bei ihm alles nicht mehr anzuschlagen. Wnes Tages kam er nach Hause und beklagte sich, daß er den ganzen Tag über in sechs Zoll hohem, nassem Schmutz hätte herumstehen müssen: er war bis auf die Haut durchnäßt und saß den ganzen Abend zitternd und fröstelnd da, mit dem deutlichen Gefühl, daß er krank werden würde. Er wurde wirklich krank und lag mehrere Wochen zu Bett: es schien, als ob seine Stimme ihm nicht mehr zurückkehren wollte..Es gab wenig oder nichts für ihn im Lokal zu thun, und er begann nun wieder ein wenig zu wetten. Er setzte sogar auf ein paar Pferde, die gewannen: aber das waren Glücks- zufalle, auf die man nicht bauen konnte. Da sie den größten Teil ihrer Kundschaft verloren hatten und fast gar kein Geschäft mehr machten, war es ihin nun schon gleichgültig, ob sie noch einmal abgefaßt wurden oder nicht. „Wenn man mich schon hängen will," sagte William, »,kann man mich ebensogut als Bock aufhängen wie als Lamm," — und er begann zuerst heimlich und verstohlen, dann immer dreister Geld über den Schanktisch hinüber anzunehmen. Und mit jedem Schilling, den er für eine Wette entgegen- nahm, bekam er einen zweiten Schilling für Getränke aus- bezahlt. Es dauerte gar nicht lange, so begannen die Kunden wieder Herbeizuströmen, und bald war das Lokal im„Kings Head" wieder alltäglich gestopft voll. Sie wußten, daß sie ruiniert sein würden, wenn man sie das zweite Mal abfaßte, aber William behauptete, daß sie es riskieren müßten, und Esther als gute Frau stimmte ihrem Manne bei. Doch war er wenigstens vorsichtig genug, Geld nur von solchen Personen anzunehmen, die ihm ganz sicher schienen. Von jedem Fremden verlangte er, daß er eine Ein- Führung mitbrächte, und stellte dann erst noch Nachforschungen über dessen Persönlichkeit an. „Ich glaube," sagte er,„solange man sich begnügt, m kleinem Maßstabe zu wetten, kann es auch geheim gehalten werden: wenn man aber mit Gewalt versucht, seine Kundschaft auszudehnen, stößt man bald wieder auf einen Unrichtigen. Es war das Zimmer oben, das mir damals das Genick ge- brachen hat!" Lln diesem Tage hatte William einen Blutsturz. � Mit einem Schrei kam Esther herbeigeeilt. „Ich bin über den Schanktisch gesprungen," sagte William mit matter, kaum hörbarer Stimme. Ein Blutstrom erstickte jedes weitere Wort, und, sich schwer auf seine Frau stützend, ging er mit schwankenden Schritten nach hinten in die kleine Stube. Esther zog heftig die Klingel, Das Mädchen kam. „Geh sofort zum Doktor Green," sagte sie:„wenn er nicht zu Hause sein sollte, so geh zu einem andern: komm aber nicht zurück ohne einen Arzt." Der Doktor sagte aus, ein kleines Blutgefäß sei ge- sprungen, und William würde sich nun eine lange, lange Zeit hindurch sehr schonen müssen. Den unglücklichen Sprung über den Schanktisch hatte William ausgeführt, weil sich einer der Gäste ein Messer in die Kehle gestoßen hatte. Natürlich wurde eiile Untersuchung an- gestellt, und der Coroner forschte nach allen näheren Umständen über den Selbstmord und den Selbstmörder. Die Frau des Toten sagte als eine der Zeugen ans, daß er in letzter Zeit viel Geld im Wetten verloren hätte, und daß er stets nach dem „Kings Head" gegangen wäre, um dort seine Wetten zu machen. Die Polizei sagte ferner aus, daß der Wirt des„Kings Head" schon einmal zu einer Geldstrafe von hundert Pfund verurteilt worden war, weil er ein Wettlokal gehalten habe: der Vor- sitzende der Jury bemerkte, daß es eben diese Wetthäuscr seien, die den rapiden Ruin der unteren Klassen herbeiführten, und daß sie alle insgesamt aufgehoben werden müßten. Der Coroner fügte noch hinzu, daß solche Häuser wie der„Kings Head" keine Konzession bekommen dürften. Auf diese Weise würde man dem wachsenden Unheil am leichtesten steuern können. „Viel Glück hat in diesem Hause nie drin gesteckt," sagte William,„und das bißchen, das drin war, hat uns jetzt auch noch verlassen. In drei Monaten von jetzt tvcrden wir Hals über Kopf rausgeworfen werden. Noch eine Verurteilung würde mindestens ein paar hundert Pfund, vielleicht gar drei Monate Gefängnis kosten: na, lind das wäre dann wohl uilser Ende!" „Man wird uns nie wieder eine Konzession geben," klagte Esther,„und das gerade jetzt, wo der Junge in der Schule ist und so gut fortkommt." „Es thut mir bitter leid, Esther, solches Unglück über Dich gebracht zu haben: aber wir müssen nun schon sehen, was sich noch thun läßt, und das Geschäft so hoch wie möglich zu ver- kaufen suchen. Wenn ich wieder wohl und ans bin, habe ich vielleicht ein paarmal Glück mit den Pferden. Das ist meine letzte Hoffnung. Aber dieses Haus ist stets ein Unglückshauz gewesen: ich hasse es nun schon nachgerade und werde froh sein, wenn wir erst raus sind." Esther seufzte. Ihr wollte es nicht gefallen, daß er voil dem Hause, in dem sie so viele Jahre glücklich gelebt hatten, so schlecht sprach. XUIII. Während der Wintermonate gelang es Esther so ziemlich, William zu Hause zu behalten. Wenn es mit seiner Gesund- heit auch nicht gerade besser ging, so ging es doch auch nicht schlechter: und sie begann schon zu hoffen, daß das Platzen dieses kleinen Blutgefäßes doch noch lange nicht Lungenkrank- heit bedeuten müßte. Aber die rauhen Frühlingswinde be- kamen ihm nicht gut, und doch mußte er öfters ausgehen, denn er hatte wichtige Geschäfte mit seinem Anwalt zu ordnen. Sie wollten alle nur möglichen Mittel aufbieten, um eine Er- Neuerung ihrer Konzession zu erlangen, und William war voller Hoffnung und Zuversicht, in diesem Kampf mit seinen Gegnern den Sieg davonzutragen. Der Rechtsanwalt nahm sich der Sache mit Eifer an, was natürlich sogleich viel Geld kostete. Trotzdem wurde ihnen die Erneuerung der Konzession verweigert, und der böse Nord.- wind hörte nicht auf, zu heulen und zu pfeifen. Er schien es auf Williams Tod abgesehen zu haben, und Esther mußte mit einem kranken Mann im Hause und fast ohne Geld, denn alles, was sie in das Geschäft hineingesteckt hatten, war nun unwiederbringlich verloren, ihre Anstalten treffen, aus dem „Kings Head" auszuziehen. William war ihr stets ein guter Mann uno die sieben Jahre im„Kings Head" waren im ganzen genommen sieben Jahre des Glücks geweseii. Wahrlich, sie konnte nicht sagen, daß sie hier jemals unglücklich gewesen wäre. Das Wetten hatte sie allerdings immer gcmißbilligt— uird William hatte es ja sogar eine Zeitlang aufzugeben versucht, und es gab ja überhaupt so viele Dinge im Leben, die man nicht billigen konnte. Es gab, weiß Gott, weit schlimmere Plätze auf der Welt, als gerade der«Kings Head": sie wenigstens konnte nicht darüber klagen. Sieben Jahre hatte sie hier gelebt mit ihrem Manne; hatte ihren Knaben hier heranwachsen sehen, und dieser Knabe— er war nun fast schon ein junger Mann und hatte eine sorgfältige Erziehung bekommen: also hatte der„Kings Head" doch auch sein Gutes gebracht! Aber vielleicht war das Haus für Williams Gesundheit nicht zuträglich. Und das Wetten— ach, sie war es eigentlich schon müde geworden, immer und immer wieder darüber nachzudenken: und das viele Trinken! Ja, war es denn möglich, das Geschäft zu machen, ohne zu trinken? William mußte doch den Kunden Bescheid thun, wenn sie es verlangten. Plötzlich glitt ein Ausdruck der Furcht und Verzweiflung über ihr Gesicht, und sie blieb stehen und starrte vor sich hin. Sie war gerade damit beschäftigt, ein paar Vorhänge zusammenzurollen, und es fiel ihr plötzlich ein, daß sie gar nicht wußte, wovon sie eigentlich nun leben sollten. Hätten sie nur wenigstens das Geld zurück, das sie in das Haus hinein- gesteckt hatten, dann würde es gar nicht so schlimm um sie stehen. Sieben Jahre der harten, linausgesetztcn Arbeit, un.d nichts, gar nichts damit erreicht zu haben! Hätte sie noch die große Dame gespielt all die Zeit über, viel Geld ausgegeben, ja, dann wäre es anders. Aber sie hatte immer gearbeitet! Pferde hatten gewonnen, Pferde hatten verloren, es hatte fortwährend Mühe, Streit, Zank und Un- ruhe gegeben; und von alledem war nichts übrig geblieben — nichts! Das war's, was ihr das Herz so schwer machte. Sie sah sich um in den schon halb geleerten Zimmern und ging die Treppe hinab in das Lokal. Nun würde sie hier nie wieder ein Glas Bier ausschenken. Was für ein mächtiger, kräftiger Mann war William doch gewesen, damals, als sie hierherkam, um hier mit ihni zu leben: unk wie schrecklich verändert war er jetzt! Sehr, sehr verändert Würde sie ihn je wieder kräftig und gesund werden sehen? Sie erinnerte sich an den Tag, da sie von Miß Rice die Erlaubnis erhalten hatte, mit ihm auszugehen. Da hatte er ihr mit Stolz erzählt, daß er dreitausend Pfund besäße: und jetzt? Wie wenig war da- von übrig geblieben! Nein, sie hatte ihm entschieden kein Glück gebracht. „Wieviel Geld haben wir noch in der Bank, Schatz?" fragte sie ihn. „Etwas über sechshundert Pfund. Ich habe es gestern zusammengerechnet. Aber warum willst Tu es wissen? Etwa um mich daran zu erinnern, wieviel ich verloren habe? Nun ja, ich habe verloren, viel verloren, sehr viel! Na, bist Tu nun zufrieden? Ja?" „Ich habe an so etwas gar nicht gedacht." „O ja. Tri hast daran gedacht: wozu noch lügen? Aber ist's denn meine Schuld, wenn die Pferde nicht gewinnen? Ich mache mein Geschäft so gut ich's kann." Da sie keine Antwort gab, fügte er in weichcrem Tone hinzu:„Ich bin jetzt nur so reizbar, weil ich krank bin, mein Kind: Tu bist mir doch nicht böse deshalb, wie?" „Nein, Schatz: ich weiß, daß Du's nicht böse meinst: und ich achte auch gar nicht weiter darauf." Sie sprach so sanft, daß er sie ganz erstaunt ansah, denn er wußte, wie leicht sie in Zorn geraten konnte, und er sagte: „Tu bist wahrhaftig die beste Frau, die es je ge- geben hat." „Nein, Bill, das bin ich wahrhaftig nicht, aber ich vor- suche, so gut zu sein wie möglich." Es war ein herber, rauher Frühling in diesem Jahr, Williams Husten wurde immer schlimmer, und er begann von neuem Blut zu spucken. Esther wurde jetzt ernstlich besorgt. Der Arzt sprach vom Vrompton-Krankenhause, und Esther bestand endlich darauf, daß William dort hinging und sich untersuchen ließ. Er wollte aber nicht, daß sie mit ihm käme. Und aus Furcht, ihn zu ärgern oder zu reizen, bestand sie auch nicht darauf, sondern saß zu Hause, in banger Furcht auf seine Rückkehr wartend, bald hoffend, bald fürchtend, denn der Arzt hatte ihr gesagt, daß es eine langwierige Krankheit werden könnte. Endlich kam er: bleich und schwach kam er die Treppe herauf, und sie las ihm schon an den Augen ab, daß er schlecbte Nachrichten mitbrachte. Sie fühlte, als sie ihn ansah, wie ihre ganze Kraft sie verließ, aber sie bemeisterte rasch diese Schwäche und sagte: „Nun erzähle mir, was hat man Dir gesagt? Ich will eS wissen, ich habe ein Recht dazu." >,Man hat mir gesagt, daß ich die Schwindsucht habe." „Das hat man Dir gesagt?" „Ja: aber das will noch keineswegs heißen, daß ich sterben muß. Sie sagten sogar, daß sie wohl glaubten, mich kurieren zu können: es giebt viele Leute, die ihr ganzes Leben lang mit einer halben Lunge herumlaufen: und bei mir ist nur erst die rechte Lunge fort." Er hustete und wischte das Blut von seinen Lippen weg, Esther war erschüttert.„Na, nun thu mir bloß den Gefallen und mach nicht solch ein Gesicht, oder ich konime noch aus den Gedanken, daß ich morgen schon sterben muß!" sagte er. „Sie glauben also, daß sie Dich werden kurieren können?" „Ja; sie sagten, ich könnte noch sehr lange leben: aber ich würde nie wieder so kräftig werden, wie ich's früher war." Diese Thatsache lag so auf der Hand, daß sie den Aus- druck des Mitleids in ihren Augen nicht ganz verbergen konnte. „Weißt Du," sagte er,„wenn Du mich jetzt immer so ansehen willst, möchte ich lieber gleich ins Krankenhaus zurück- gehen. Es ist, weiß Gott, kein lustiger Aufenthalt, aber es wird doch noch immer besser sein als dies hier." „Es thut mir nur leid, daß Du so krank bist: aber wenn sie gesagt haben, daß sie Dich kurieren können, so ist es ja gut? das ist immerhin sehr viel." Es war ihre Pflicht, ihren Kummer zu bemeistern und so zu ihm zu sprechen, als ob die Aerzte zu ihm gesagt hätten, daß ihm so gut wie gar nichts fehle, und er mit etwas guter Pflege bald wieder genesen sein würde. Es hatte ja auch keinen Zweck, mutlos zu werden: man mußte im Gegenteil immer auf das Beste hoffen. William setzte sein ganzes Vertrauen auf das schöne, warme Wetter, das nun kommen sollte, und so that sie es denn auch, Aber es war schrecklich für sie, zuzusehen, wie er gleichsam vor ihren Augen dahinschwand, während sie, trotz aller Furcht und Besorgnis im Herzen, ein fröhliches Gesicht zeigen sollte. Und als endlich das warme Wetter kam, schien das noch schlimmer aus ihn zu wirken, als die Kälte vorher. Es schien gleichsam das Leben aus ihni herauszusaugen: er wude bleicher und gelber und verdorrte sozusagen wie eine Pflanze. Dazu kam der ewig wiederkehrende Husten und die Blut- flecken auf seinem Taschentuch, lind das Unglück fuhr fort, sie zu verfolgen: kein Pferd mehr, auf das er setzte, gewann: und ihr Geld und ihr Glück schienen beides gleichsam mit seinem Leben dahinzuschmelzen. Favoriten oder Outsiders, es blieb sich ganz gleich: das Pferd, auf das er gesetzt hatte, verlor das Rennen. Und schon hatte Esther gelernt, den Ruf in den Straßen:„Winner! Winner!" zu fürchten. An schönen, sonnigen Abenden saß William auf dem kleinen Balkon, von dem aus er die Straße übersehen konnte, und wartete auf den Jungen mit deni Extrablatt. Dann mußte Esther hinunter- laufen und das Blatt kaufen. Und an den seltenen Tagen, wo es doch passierte, daß er gewonnen hatte, war der Anblick für sie fast noch schmerzlicher und trauriger. Dann begannen seine Augen plötzlich zu glänzen, die dünnen Arme und Hände be- wegten sich nervös hin und her, und er fing an, sich in Plänen und Hoffnungen zu ergehen, von denen sie im voraus wußte, daß sie vergeblich waren. Aber sie bestand darauf, das; er regelmäßig die Medizin, die man ihm in dem Hospital gegeben hatte, einnahm, und dies war keine leichte Ausgabe. Denn in eben dem Maße, wie er gewahr wurde, daß ihm die Medizin nichts nützte, nahm seine nervöse Reizbarkeit an Stärke zu. Er schimpfte auf die Aerzte, er verspottete und verhöhnte Esther ungerechtcrweise, und der kurze, trockene Husten blieb und blieb ihm, und von Zeit zu Zeit, in grausam kleinen Zwischenräumen, jedesmal, wenn er gerade geglaubt hatte, es sei nun vorüber damit, begann das Blutspucken von neuem. lFortsetznng folgt.)! I�aturvnllensdiaftlicke Gcberficbt» Von C u rt Grottewitz. Wenn wir uns von unsrem Gefühle treiben lassen wollten, so würden wir wohl die Würmer ftir das elendeste„Gewürm" be- trachten, das es giebt. Zwar unsren Regenwurm könnten wir unS noch gefallen lassen, das ist ein leidlich appetitlicher Geselle, den außerdem Darwin zu großen Ehren gebracht hat, als er darauf auf- merksam machte, daß dieses bewegliche, Moder fressende und Moder bereitende Tier wesentlich an der Bildung der Ackererde beteiligt ist. Aber da gießt es einen Bandwurm, einen Leberegel, die Trichine und wer weiß was noch für häßliche und gefährliche Würmer. Sie find gleichwohl bei weitem nicht die am niedrigsten stehenden Wesen, die Würmer. Sie bilden allerdings einen Tierkreis, in dem das -Verschiedenartigste untergebracht worden ist, das man wo anders nicht einreihen kann und für das man doch auch nicht lauter neue Fächer einrichten will. Das einzig Gemeinsame von allen Würmern ist die meist langgestreckte, zweiseitig symmetrische Gestalt. Diese besitzen aber auch die Vertreter oder einzelne Klassen andrer Tierkreise, manche Stachelhäuter, Schnecken, Glieder» und Wirbeltiere. Es ist überhaupt schwer, die Würmer nach anderen Tierkreisen hin abzugrenzen. Denn auch zu den ziemlich hoch stehenden Gliedertieren führt von den Würmern eine Brücke über die sogenannten Ringelwürmer. Unser gemeiner Liegenwurm ist solch ein Gliedertier. Sein Körper besteht, wie man schon äußerlich erkennen kann, aus lauter einzelnen, an einander ge- reihten Ringen, ähnlich wie bei den Tausendfüßen oder irgend welchem anderen Gliedertier. Ost sind die Ringelwürmer gänzlich von den übrigen Würmern abgetrennt worden. Es giebt unter den RingelWürmern auch eine Anzahl von Arten, welche kurze Stummelfüße besitzen. Und in neuester Zeit hat erst C. Rabl(„Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie", Band 70) wieder die Möglichkeit betont, daß von den Stummelfüßen zu den Füßen der Insekten und andrer Gliederfüßler ein direkter Entwicklungsweg führen dürste, daß also jene Tiergruppe mit dieser verwandt sei. Nun kann allerdings dieselbe Form in der Natur doch auf verschiedenen ganz von einander unabhängigen Wegen entstehen. Wie die Gliedmaßen der Wirbeltiere unabhängig von denen der Insekten entstanden sind, so könnten auch die Ringelwürmer und die Gliederfüßler sich beide unabhängig von einander entwickelt haben. Wie dem aber auch sei, jedenfalls bilden die Ringelwürmer eine selbständige Tiergruppe, die nicht viel mehr als den Namen mit den übrigen Würmern gemein hat. Nun sind aber auch die übrigen Klaffen der Würmer sehr selbständige Tiergruppen, die sehr wenig gemeinsame Züge aufweisen. So besitzen die Plattwürmer— wohl die niedrigste Klaffe— noch keine Leibeshöhle, sie stehen in ihrer Körperkonstitntion nicht hoch über den Pflanzentieren. Die Plattwürmer sind im praktischen Leben dadurch vonbesondererVedentung, daßzu ihnen viele unsrer bekanntesten Schmarotzer gehören. Die Saugwürmer wie die Bandwürmer, die beide zahlreiche Gattungen und Arten enthalten, sind Abteilungen der Platttvürmer. Neben den Saug- und Bandwürmern giebt es aber noch eine dritte Gruppe von Plattwürmern, die am ganzen Körper nüt Wimpern bedeckt sind, die ihnen bei der Fortbewegung dienlich sind. Wegen dieses Wimperkleides werden sie Strudelwürmer genannt. Sie leben am Boden von Gewässern, und kriechen hier, nüt ihren Wimpern sich fortbewegend, über Steine und Pflanzen dahin und schlängeln sich in Windungen durch das Wasser. Offenbar waren es solche Tiere, aus denen die Saug- und Bandwürmer, jene lästigen Parasiten des Menschen und vieler Tiere sich entwickelt haben. Der Aufenthalt im Wasser machte sie geeignet, auch in den feuchten Ge- weben und Säften andrer Tiere als Schmarotzer zu leben. Siun kann man aber natürlich den Uebergaug zum Schmarotzertum gerade an diesen Strudelwürmern gut verfolgen. Denn auch von ihnen haben sich einige an das gelegentliche oder auch gewohnheitsmäßige Leben im Wasser angepaßt. Neuerdings haben M. Caullery und P. Mesnil in den„Comptes rendus" einige solche„endoparafitische" Sttudelwürmer näher beschrieben. Der Uebergaug zum para- sitären Leben erfolgt bei diesen Tieren mit der Entstehung eines Saugnapfes. Mit diesem Organ halten sie sich an dem Körper ihres Wirtes fest. In einem höheren Stadium sind die zum Schmarotzerleben übergehenden Strudelwüriner im Begriff, ihr Wimperkleid zu verlieren. Die Fortbewegung ist ja bei dem seßhaften Leben im Inneren eines andren Tieres nicht mehr nötig. Bei denjenigen Wünnern, bei denen nun die Anpassung an ein parasitisches Leben noch weiter vorgeschritten ist. wird der Dorn« stark zurückgebildet. das Wassergefäß-System, ja sogar der Mund und der Schlund gehen ganz verloren. Der Parasit lebt nämlich derart im Ueberfluß, er ist so von Nahrungssast rings umgeben, daß dieser von der gesamten Kvrperoberfläche eingesogen wird. Der Darm hat deshalb fast nichts zu thun, und thatsächlich ist er bei den Bandwürmern gänzlich verschwunden. An den Strudel- Würmern aber, die im allgemeinen im Freien leben, kann man es eben schrittweise verfolgen, wie der Parasitismus vor sich geht. Eine Sttudelwiirmart, die fast ihre ganze Lebenszeit im Innern andrer Tiere zubringt, und deshalb schon ziemlich auf der Bandwurmsttlfe angelangt ist, macht doch eine Jugendentwicklung durch, bei welcher sie noch den steilebenden Verwandten gleicht. Sie hat in der frühesten Jugend noch eine viel kompliziertere Körperorganisation als später und befitzt noch einen Mund, einen Schlund und einen Darmkanal. Erst wenn sie in den Körper ihres Wirtstieres ge- langt ist, verliert sie alle diese Organe. Sie verliert alsdann auch ihre Augen, denn auch diese sind ihr in der Dunkelheit und in der relativen Bewegungslosigkeit ihres parasitären Lebens von keinem Nutzen mehr. Wir haben hier ein schönes Beispiel dafür, wie der Nichtgebrauch von Organen diese zum Schwinden bringt. Die Augen, nutzlos gewordech werden nicht mehr in Funktion gebracht, die Folge davon ist. daß sie, weil sie nicht mehr arbeiten und nicht mehr Kraft ausgeben, auch nicht mehr Nahrungs- zufluß erhalten und so allmählich verkümmern. Und wie die Augen, so wird Mund und Kehle und auch der Darm nicht mehr in An- spruch genommen, auch sie verkümmern oder verschwinden gänzlich. Noch in andrer Beziehung aber ist dies Beispiel interessant. Es zeigt, daß Schmarotzer in ihrer Jugendenttvicklung meist einen viel feiner durchgebildeten Körperbau befitzen als später. Das ist ein Gesetz, das für alle Schmarotzer gilt. Es giebt Parasiten, be- sonders Endoparafiten, aus den verschiedensten Gruppen des Tier- reiches, aber alle haben gegenüber ihren freilebenden Vertvandten eine große Vereinfachung in der Körperorganisatton erfahren. Im ersten Jugendzustande dagegen zeigen sie meist noch den früheren Reichtum an Organen. Uebrigens gleichen die Endoparafiten der verschiedensten Tierstämme einander außerordentlich. Dies geht so weit, daß es in einzelnen Fällen viel Mühe gekostet hat, zu erkennen, zu welcher Tierklaffe ein Schmarotzer gehört. Alle haben ja ungefähr dieselben Lebensbedingungen im Innern des Körpers, und die gleichen Lebensbedingungen schufen gleiche Formen. Es wurde schon gesagt, daß die Strudelwürmer neben den Saug- und Bandwürmern nur Unterabteilungen der Platttvürmer sind und daß diese eine Klasse der Würmer neben den hochstehenden Ringelwürmern bilden. Eine andre große Klaffe sind die Rund- Würmer. Zu ihnen gehören die gefährlichsten aller Eingeweide- Würmer, namentlich auch die Trichine. Aber auch der in letzter Zeit als so unheilvoll bekannt gewordene Darmschmarotzer, der die Wurmkrankheit der Bergleute hervorbringt, ist ein Rundwurm. Die Trichine ist, nachdem Virchow und Leuckart ihr Leben und ihre Lebensbedingungen erforscht hatten, durch geeignete Maßnahmen mit Erfolg bekämpft worden, so daß Infektion mit Trichinen bei uns imr noch ganz selten vorkommt und dann immer aus leicht- sintiige Außerachtlassung von Vorsichtsmaßregeln zurückzuführen ist. Der Erreger der Wurmkrankheit, das iÄmkylostoma, duodenale, ist bei uns ebenfalls auszurotten, es kam: nur da austreten, wo die nötigsten hygienischen Einrichtungen fehlen. Da zur Verbreitung dieses WurnieS schmutziges Wasser von 20—25 Grad gehört, so kann sich bei uns der Wurm, vom Süden her eingeschleppt, nur.in Berg- iverken und allenfalls Ziegeleien einnisten, in denen solches warmes Wasser in genügender Menge vorhanden ist. Unter diesen Rund- Würmern giebt es noch zahlreiche Endoparafiten. Existiert doch kaum ein Tier, das nicht einen Schmarotzer in seinem Körper beherbergte. Und gerade die Rundwürmer stellen ein großes Kontingent von solchen Parasiten. Sie sind auch die einzige Klaffe von Würmern, die im Innern des Pflanzenkörpers schmarotzende Arten aufweist. Am bekanntesten von ihnen sind die Rübenneinatoden geworden. Sie leben im Innern der Zuckerrüben und werden da als die gefährlichsten Schädlinge betrachtet. Man beobachtete schon in früheren Jahrzehnten, daß der Erwäg an Zuckerrüben plötzlich nachließ, und man war geneigt, diese Erscheinung auf„Bodennnidigkeit" zurückzuführen.. Man meinte. nach einigen Jahren guten Erfolges hätten die allerdings sehr stark zehrenden Rüben den Boden so sehr ausgesogen, daß sie auf ihm nicht mehr gedeihen könnten. Dann hielt man lange Zeit die Nematoden als die Hauptschuldigen an der Erzeugung der Rübenmüdigkeit, bis man zuletzt wieder der Ernährung eine große Wichtigkeit beilegte. Um die Frage endgültig zu entscheiden, ob Nahrungsmangel oder die Nematoden die Rübennuidigkeit verursachten, kultivierten H. Wil- farth und G. Wimmer(»Zeitschrift des Vereins der deutschen Zucker- induswie" Band 53, Heft SlZ4) Rüben in Töpfen, in welchen sie so- wohl die Nahrungszusammensetzung wie die Impfung mit Nematoden nach bestimmten Prineipien vornehmen konnten. Das Ergebnis lautet für die Nematoden ungünstig, sie sind fernerhin als die Hauptschädlinge des Rübenbaues zu betrachten. Selbst bei reichlicher Ernährung wird der Erwog durch die Würmer herabgedrückt. Wird ein Ueber- schuß an Nahrung gegeben, so bleibt zwar der Ertrag auf seiner Höhe, aber die Mehrkosten der Nahrungszufuhr verringern doch die Rentabilität des Rübenbaues, also auch in diesem Falle verursachen die Nematoden Schaden. Am empfindlichstenirschcn, ist also noch hart, während die andren Kirschen schon die feinste Leckerei abgeben. Daß die Vögel das wissen, kann man immer wieder beobachten. Ein Spatz wird nie eine nicht ganz reifeWeichsel(Sauerkirsche) anhauen: den Saft einer überreifen schlürft er mit Wollust.— Bergbau. ie. Die Glimmerschätze der Erde. Der Glimmer ist zwar nach der Bezeichnung des Volksmundes nur„Katzengold", Bcrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: aber immerhin eins der wertvolleren Mineralien der Erde. Er besteht nach seiner chemischen Zusammensetzung aus Mischungen von kieselsaurer Thonerde und kieselsaurem Kali, zuweilen auch kieset- saurem Natron. Seine Verbreitung ist außerordentlich groß und stempelt ihn zu einem der häufigsten Mineralien, aber an wirklich nutzbaren Glimmcrlagcrn ist doch kein Neberflutz. Wenn er verwendbar sein soll, so muß er zunächst von Verunreinigungen frei sein, aus möglichst großen Tafeln bestehen und, wenigstens für manche Zwecke, durchsichtig sein. In solchem Zustande findet er sich namentlich in Kanada und in den Vereinigten Staaten, dann in Skandinavien, Sibirien und China. Kanada ist der Hauptlieferant von Glimmer: 1896 wurden von dorther 250 000 Tonnen ausgeführt, 1900 schon fast das Doppelte, ein sprechender Beweis für die Zu- nähme des Bedarfs. In Sibirien und in China sind die großen Glimmerschätze noch fast unberührt. Freilich hat der Glimmer- bergbau noch seine ganz besonderen Schwierigkeiten, weil er mit einer ungewöhnlichen Vorsicht geschehen mutz, damit die zarten Tafeln rnrd Blätter des Minerals, das außerdem meist in sehr hartes Gestein eingebettet ist, nicht beschädigt Iverden. Der Kaliglimmer ist ent- weder ganz farblos oder durch einen Gehalt an Magnesia, Eisen oder andren Beimischungen gelblich, grünlich oder rötlich. Der weiße Glimmer dient als Ersatz für Glas an Fenstern, Ofcnthüren, Lampencylindern usw. Die wichtigste Anwendung findet der Glimmer jedoch in der elektrischen Industrie, und zwar vorzugsweise der kanadische, weil er sehr hohe Temperaturen aushält und ein guter Isolator gegen den elektrischen Strom ist. Der Bau der besten elektrischen Kondensatoren wird durch diese Eigenschaften des Glimmers geradezu erst ermöglicht. Die Abfälle des Glimmer- bcrgbaues werden gleichsalls ausgenutzt, indem man sie durch Kleb- stofs und Druck in eine treffliche Jsoliermasse für Dampfkessel und Dampfrohre umwandelt. Endlich spielt der Glimmer noch eine Rolle in der Dynamitfabrikation und in der Herstellung gewisser Tapeten.— Humoristisches. — W i t w e n s ch m e r z. Witwe(vor einer Vogelscheuche): „So oft ich da vorbeikomm', muß ich an mein' lieben, seligen Mann denken: g'rad' so hat er immer ausg'schaut, wenn er auf d' Nacht z' Haus kommen is— derHader- lump!"— — Feine Beobachtung. Er:„Merkwürdig, wie doch im Frühling stets alles so grün wird!" Sie:„Ach jal Besonders die Wiesen!"— — Der Riese. B u d e n b e s r tz e r:„Der Riese, meine Herrschaften, ist s o groß, daß er nicht einmal zu Boden sehen kann, ohne schwindlig zu werden."— („Meggendorfer Blätter.") Notize». — Ernst Pittschau vom Berliner Theater ist ab Herbst 1905 auf ft'mf Jahre für das Deutsche Theater verpflichtet worden.— — Das Berliner Opernhaus soll definitiv nieder- gerissen werden. Bürgerliche Blätter erheben darüber ein mörder- liches Zetergeschrei.— — Im Braunschweiger Hoftheater erzielte H a n S Sommers Oper„Rii bezahl und der Sackpfeifer von N e i s s e" bei der ersten Aufführung einen großen Erfolg.— — Mascagnis neue zweiaktige Oper„Die Freundin� wird in der nächsten Spielzeit im Theater zu Monte Carlo die Erstaufführung erleben.— —„Don Ouixote"- Kompositionen in musikalischer Fassung giebt es, nach einer Zusammenstellung des„New Docker- Musical Courier", nicht weniger als fünfzig. Der erste Versuch i» dieser Reihe ist lvahrscheinlich„Don Chisciotto della Mancia" von C. Sajon, der 1680 in Venedig veröffentlicht wurde: den Sckiluß macht vorläufig Raucheneckers„Don Ouirote", der 1897 in Elber- feld aufgeführt wurde.— — Für 55 099 M. wurde, wie die„Frankfurter Zeitung" be« richtet, dieser Tage in London eine Spielkarte ersteigert. Die Karte trägt auf der Rückseite ein von Hans Holbein dem Jüngeren gemaltes Miniaturbild.— o. Einetibetanische Briefmarke. Es ist wenig be» kannt, das Tibet ein regelrechtes Postsystem hat. Ein Korrespondent sandte indessen soeben den„Times" eine tibetanische Briefnmrke ein. Sie ist äußerst primitiv und besteht nur aus einheimischen, in Siegellack gepreßten Zeichen. Wenn ein Brief abgesandt werden soll, wird er zum nächsten offiziellen Postamt gebracht, wo der Preis für den Transport bezahlt wird. Hierauf wird der Brief mit diesem Siegel versehen und dann als frankiert angesehen und versandt.— Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin SW*