Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 98. Donnerstag, den 19. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) SSI eftbcr Alaters. Roman von George Moore. Eines. kLages sagte William zu Esther, er wolle sich noch einmal von den Aerzten Untersuchen lassen. Sie hatten zwar davon gesprochen, ihn zurechtflicken zu können, er aber wollte genau wissen, oh er lebey würde oder sterben. Für Esther lag eine gewisse Erleichterung darin, ihn einmal so sprechen zu hören, denn die Folter der vergeblichen Hoffnung wurde ihr nachgerade unerträglich, und sie zog ihr die schlimmste Ge- wißheit vor. Er hatte allein nach dem Hospital gehen wollen. Sie aber fühlte, daß es ihr ganz unmöglich sei, alle diese langen Stunden zu Haufe zu sitzen und die Minuten zu zählen, bis er wieder- kehrte, und bat ihn, sie mitzunehmen. Zu ihrer Ueberraschung gestattete er es sosort. Sie hatte schon gefürchtet, daß diese ihre Bitte eine kleine Scene hervorrufen würde. Er aber hatte das Anerbieten ihrer Begleitung als etwas Selbstverständliches entgegengenommen, daß sie sich jetzt doppelt freute, es vor- geschlagen zu haben. Hätte sie es nicht gethan, so würde er sie am Ende beschuldigt haben, daß sie ihn vernachlässigte. Sie fetzte ihren Hut auf: es war zu heiß, um eine Jacke anzuziehen: es war Anfang des Monats August. Die Stadt war menschen- leer und selbst die Straßen sahen müde, erschöpft aus von der Hitze, und die armselige, trockene, staubige Stadtluft ward fast für.Esthers gesunde Lunge unerträglich. William aber mußte den ganzen Weg über husten, und sie hoffte, daß die Aerzte ihm sagen würden, er müsse fort aus der Stadt und an die See gehen. Sie saßen auf dem Verdeck eines Omnibus und konnten von hier aus den ganzen Greenpark übersehen, der trocken und farblos aussah wie eine Wüste. Als sie den Hügel herabstiegen, bemerkten sie erst, daß der Herbst im Laub der Bäume schon seine deutlichen Spuren zu zeigen begann. Und noch etwas tiefer hinab lag der ganze Erdboden voll mit gefallenes Blättern. An der Hydeparkecke flog der trockene Staub ihnen Ihaufenweise entgegen, und als sie an St. Georges Place vor- überfuhren, sahen sie die schattigen Wege des vollständig menschenleeren Parkes durch das eiserne Güter hindurch; die immer breiter werdende Straße der Prompton Road und ein «n seinem Gärtchen stehendes Wirtshaus zeigte den Londonern ganz deutlich, daß sie sich jetzt schon in einer Vorstadt von London befänden.— „Siehst Du da," sagte William,„wo die Bäume stehen und der Weg nach links abzweigt? Siehst Du das große Haus dort? Das ist die„Bell and Horns". Das ist so ein Haus, wie ich es gern haben möchte: wo Du Wirtin drin sein müßtest." „Wie schade, daß wir es uns nicht gekauft haben, als wir das Geld hatten." „Das gekauft! Weißt Du, was das Haus wert ist? Mindestens seine hunderttausend Pfund." „Ich war einmal hier in der Nähe in einer Stelle," sagte Esther.„Ich habe die Fulham Road sehr gern. Sie sieht aus wie eine lange, breite Dorfstraße. Nicht wahr?" Ihre erste Stelle war bei Mrs. Dunbar in Sydney Street gewesen. Und sie erinnerte sich jetzt noch des kleinen, vier- eckigen Kirchturms am Ende dieser Straße in Chelsea. Ein bißchen weiter unten in der Kings Noad stand dann die Vestry Hall, dann kam nach links hin Oakley Street, die hinunterführte liis Battersea. Mrs. Dunbar pflegte den Garten am äußersten Ende der Kings Roczd zu besuchen.„Cremorne Gardens" hieß dieses Etablissement. Dort gab es abends sehr oft Feuerwerk, und wenn ihre Herrin dort war und sich amüsierte, hatte Esther die Gewohnheit, sich den ganzen Abend über an das Hinterfenster zu stellgu und von weitem die Raketen aufsteigen zu sehen. Dies war gerade, bevor Lady Elwin ihr die Stelle 'in Woodview verschafft hatte. Selbst die Läden in diesen Straßen kannte sie noch. Da war der Butterverkäufer Polmer: da war der Grünkramhändler Hyde; alles war noch genau so. wie es damals gewesen war. Und das war nun schon so viele Jahre her! Wie viele denn nur? fragte sie sich selber. Fünf zehn oder sechzehn! So verttest war sie in diese alten Urinne rungen, daß William sie zweimal auf den Arm tippen mußte., bevor sie merkte, daß er zu ihr sprach:„So, da sind wir," sagte er.„Kennst Du das Haus nicht mehr?" O ja, sie erinnerte sich dieses großen Ziegelgebäudes sehr wohl: es war ein großes Mittelgebäude mit zwei großen Seitenflügeln, von einem hohen, eisernen Gitter und düsternen Sträuchern umgeben. Wie oft früher war sie an dem Gitter stehen geblieben und hatte durch dasselbe die langen geraden Wege, die traurig düstexn, in geraden Reihen aufgepflanzten Bäume betrachtet, zwischen welchen junge Leute mit bleichen Gesichtern entweder spazieren gingen oder auf Bänken saßen und ruhten. Und sie hatte dann oft gedacht, wer sie wohl alle sein möchten und ob sie gesund werden würden. Dann hatte eine Empfindung des nahen Todes sie plötzlich erschauern lassen, und sie war rasch hinweggeeilt. Auch das niedrige, gelb angestrichene Thor war das gleiche geblieben. Aber sie hatte es noch nie zuvor offen gesehen, und es war ihr etwas ganz Neues, in diesen Gärten hellen Sonnen- schein und viele Gäste zu sehen. Die Gartenbeete waren mit schönen Blumen bepflanzt, und die Bäume in ihrer herrlichen Laubpracht waren wundervoll anzusehen. Ein bißchen gelb waren einige der Blätter schon gefärbt, anch einzelne rot. Auch fiel von Zeit zu Zeit schon ein welkes Blatt herab. Aber der Anblick war doch ein prächtiger. William, der hier schon alles kannte und auch den An- wesenden bekannt war, nickte dem Portier nur zu und wurde ohne weitere Frage eingelassen. Er wandte seine Schritte aber nicht dem Haupteingange in dem Mittelgebäude zu, sondern einer Seitenthür in einem der Flügel. Einer der Hausärzte stand dort und sprach mit einem jungen Mann, in welchem Esther den Freund ihrer früheren Herrin in Avondale Road, Mr. Alden, erkannte. Einen Augenblick durchfuhr sie der Gedanke, daß auch er vielleicht an der Schwindsucht stürbe. Aber sein ganzes Aussehen und sein herzliches Lachen strafte diese Ver- mutung Lügen. Ein großes, dickes, robustes Mädchen kam aus dem Hause heraus mit einem Kinde, einem kleinen Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren, an der Hand, welchem der Tod im Antlitz stand. Mr. Alden hielt die beiden an und sagte in seiner freundlichen, herzlichen Weise, daß er hoffe, es gehe der Kleinen besser. Sie sagte:„Ja." Der Doktor nahm Ab- schied von Mr. Alden und winkte William und Esther, ihm zu folgen. Esther hätte gern einen Augenblick mit Mr. Alden ge- sprachen, er aber sah sie nicht, und so folgte sie denn ihrem Manne, der plaudernd mit dem Doktor vorausging, durch die Thür in einen langen Korridor hinein. Am Ende dieses Korridors sah sie eine Anzahl Mädchen in hellen Kleidern stehen. Die helle, lustige Farbe der Kleider ließ Esther in diesen Mädchen Gäste vermuten. Aber der kurze, trockene Husten, den sie von ihnen allen hörte, belehrte sie eines Besse- ren. Als sie weiterging, erblickte sie eine matte, schwache Ge- statt in einem Rollstuhl: die durchsichtigen Hände lagen auf den Knieen auf einem Taschentuch, und auf dieser weißen Fläche bemerkte Esther tiefe, dunkle Flecken. Sie schritten einen zweiten Korridor hinab und begegneten hier einer barmherzigen Schwester. Sie sah schlicht aus in ihrem schwarzen Kleide und weißen Schleier. Und sie erhob die Augen und blickte den jungen Arzt liebevoll an. Esther sah sofort, daß die beiden einander liebten: die ewige, nie mdenwollende Geschichte der Liebe zwischen und neben dem Tode! Esther hatte bei der Untersuchung ihres Mannes zugegen sein wollen. Aber William hatte plötzlich die Laune, es ihr zu verbieten: er zog es vor, mit dem Arzt allein zu sein; und so kehrte sie denn in den Garten zurück. Sie sah die Kranken unter den Bäumen von weitem, und sie hörte von allen Seiten, bald hier, bald dort, den ihr schon so wohlbekaintten kurzen, trockenen Husten, der hier niemals zu versiegen schien. Mr. Alden war noch nicht fort. Er stand mit dem Rucken gegen sie gewandt. Das kleine Mädchen, mtt dem er vorher gesprochen hatte, saß jetzt auf einer Bank unter den Baumen. Sie hielt eine Tocke gelber Wolle in den Händen, welche das dicke Mädchen aufwickelte. Noch zwei andre junge Frauen- zimmer stanben bei ihnen, und alle vier lächelten und flüsterten miteinander und warfen Mr. Alden verstohlene Blicke zu. Sic schienen seine Aufmerksamkeit auf sich lenken zu wollen und wünschten augenscheinlich, daß er zu ihnen heranträte und mit ihnen spräche. Es war dies nichts andres als der gewöhnliche Wunsch von Frauen, zu gefallen. Und das traurige Pathos in dieser halb unbewußten Koketterie der Kranken schien Mr. Alden zu rühren, den» er ging zu ihnen hin. und Esther sah wohl, wie alle sich beeilten, mit ihm zu sprechen und zu lachen. Auch sie hätte gern zu ihm gesprochen, er war ja doch ein alter Freund; und sie ging die Allee hinauf, in der Absicht, ihn nachher anzusprechen. Er stand noch immer mit dem Rücken gegen sie, und alle fünf waren so eifrig bei ihrem Ge- sprach, daß sie auf gar nichts andres achteten. Eines der jungen Mädchen war hübsch. Sie hatte ein kleines, schnee- weißes, ovales Gesicht und große blaue, von langen schwarzen Wimpern beschattete Augen. Und Esther hörte, wie sie sagte: „Ach, es würde mir schon ganz gut gehen, wenn ich endlich diesen Husten los würde. Er ist aber noch immer nicht besser geworden, seit—" ein neuer Hustenanfall unterbrach sie, und Mr. Alden, der so that, als ob er sie mißverstehe, sagte schnell: Nicht besser, als er vor acht Tagen war, nicht wahr?" „Vor acht Tagen!" sagte das arme Mädchen,«er ist seit Weihnachten nicht besser geworden." Ter Ton ihrer Stimme klang ganz erstaunt, als sie dies sagte, und Mr. Alden schien so bewegt zu sein, daß er nur mit Mühe die Worte herausbringen konnte:„Ich hoffe, daß das gegenwärtige schöne Wetter Sie bald gesund machen wird. Solches Wetter wie dieses," sagte er,„ist ebenso gut, wie eine weite Reise." Diese Behauptung wurde von einer der Frauen bestritten. Sie war ihrer Gesundheit wegen schon in Australien gewesen, und die Geschichte ihrer Reise, die sie nun vortrug, wurde des öfteren, von jenem häufig wiederkehrenden trockenen, kurzen Husten unterbrochen, der dem Wissenden um so schrecklicher klingt, als er anscheinend so ganz unbedeutend ist. Aber die andern kannten schon die Reisegeschichte ihrer Freundin, und sie wünschten alle, daß Mr. Alden sprechen sollte anstatt ihrer. Und in ihrer Ungeduld erhoben sich plötzlich alle diese Augen und fielen auf Esther. Auch Mr. Alden wandte sich um. um zu sehen, wonach die Frauen blickten. Er erkannte sie sofort. „Was? Sie. Esther?" „Ja, Mr. Alden!" „Aber Ihnen scheint doch glücklicherweise nicht viel zu fehlen! Sie sehen ja ausgezeichnet aus." „Ja, ich bin auch ganz gesund. Ich bin meines Mannes wegen hier." Mr. Alden schritt jetzt an ihrer Seite die Allee hinauf. „Ihr Mann? O, das thut mir sehr leid!" „Er ist schon seit längerer Zeit externer Patient des Krankenhauses. Er wird eben jetzt von dem Arzt untersucht." „Wen haben Sie denn geheiratet, Esther?" „William Latch. einen Sportsmann. Mr. Alden!" _„Sie, Esther? Ach was! Was für sonderbare Tinge doch passieren! Ich erinnere mich doch noch, daß Sie mit einem sehr religiösen, jungen Mann-erlobt waren, mit dem Geschäfts- sichrer des Buchhändlers hier in der Nähe? Das war, als Sie bei Miß Rice in Stellung waren. Wissen Sie schon, daß sie tot ist?" „Nein, Mr. Alden. Das wußte ich nicht. Ich habe selbst in letzter Zeit so viel Unglück gehabt, daß ich sie seit zwei Jahren nicht mehr besucht habe. Wann ist sie denn gestorben?" „Vor etwa zwei Monaten. Also Sie haben einen Mann geheiratet, der wettet und zu den Rennen geht? Ja. ja, ich erinnere mich: Miß Rice erzählte mir so etwas Achnliches. Aber ich glaubte, ich hätte es nicht richtig verstanden. Ich war der Meinung, daß Ihr Mann ein Wirtshaus hielte!" „Das hat er auch gethan, Mr. Alden. Aber durch das Wetten haben wir leider unsre Konzession verloren!" „So? Und jetzt wird er eben untersucht? Ist sein Fall denn ein schlimmer?" „Ich fürchte, ja." Schweigend gingen sie weiter, bis sie am Gitter anlangten. „Für mich," sagte Mr. Alden,„hat dieses Haus und dieser Garten etwas unsäglich Rührendes. Dieser nie enden- wollende, trockene, kurze Husten, den man von allen Seiten hört! Hörten Sie, wie dieses arme Mädchen dort vorhin ganz erstaunt sagte, daß ihr Husten seit Weihnachten nicht besser veworden sei?" „Ja. Mr. Alden.» „Armes Mädchen! Ich glaube nicht, daß sie noch lange zu leben hat! Aber nun erzählen Sie mir doch von Ihrem Mann, Esther!" sagte er, und ein Ausdruck wahrhaften Mit- gefühls zeigte sich deutlich auf seinem Antlitz.„Ich bin ein Subskribent dieses Krankenhauses, und wenn Ihr Mann viel- leicht ein interner Patient werden will, so werde ich ihn: aern dabei behilflich sein." „Ich danke, Mr. Alden: Sie waren immer schon so gütig. Aber es liegt kein Grund vor, warum ich Sie damit belästigen sollte. Wir haben Freunde, die ihn auch schon hierher empfohlen haben, und es hängt jetzt nur noch von ihm ab, obj er eintreten oder lieber draußen bleiben will." Mr. Alden zog jetzt seine Uhr heraus und sagte:„EI thut mir leid, Sie unter so traurigen Verhältnissen wieder gefunden zu haben. Aber ich freue mich doch, daß ich Sie gc- sehen habe. Es ist wohl sicher sieben Jahre, wenn nicht längev her, daß Sie Miß Rice verließen? Sie haben sich aber nicht viel verändert. Sie sind noch ebenso hübsch wie damals." „O. Mr. Alden!" Er mußte über ihre Verlegenheit lächeln, dann ging er auf die Straße hinaus und rief eine Droschke heran, genau in derselben Weise, wie er es zu jenen Zeiten that, da er bei Miß Rice verkehrte. Und die Erinnerung an jene Zeit kam ihr nun noch ein- mal ganz deutlich zurück; wie seltsam es doch war, sich nach so vielen, vielen Jahren wiederzusehen! Sie fühlte, daß sie ihn jetzt zum letztenmal gesehen hatte: aber wie albern und wie sündhaft von ihr, sagte sie sich plötzlich, überhaupt air solche Dinge zu denken, jetzt, wo ihr Mann fast im Sterben war! Doch sie konnte nicht anders; Mr. Aldens Anblick hatte sie an so viele, viele Tinge aus früheren Zeiten erinnert, an so vieles, das längst tot und vergangen war. Einen Augenblick später wischte sie diese Thränen und diese eigensüchtigen Ge» danken hinweg und ging leichteren Herzens ihrem Gatten eut» gegen. Was mochten die Aerzte wohl gesagt haben? Sie mußte die Wahrheit wissen, denn wenn sie ihn verlöre, würde sie alles verlieren. Nein, doch nicht alles; ihr Knabe würde ihr dennoch bleiben; und sie fühlte, daß von allem auf der Welt ihr Knabe gerade ihr das Wertvollste und Teuerste war. Alle diese Gedanken hatten rasch ihren Kopf durchkreuzt, bevor William noch ihre Frage beantworten konnte. „Ter Doktor sagt, die rechte Lunge ist fort; ich werde nie wieder einen Winter in England überdauern können; er sagt, ich müßte nach Aegypten gehen." „Aegypten?" wiederholte sie,„ist das sehr weit von hier?" „Was liegt daran, wie weit es ist; wenn ich in England nicht leben kann, muß ich doch eben dort hingehen, wo ich leben kann." „Sei doch nicht gleich so böse zu mir. Schatz: ich weiß wohl, es ist Deine Krankheit, die Dich reizbar macht, aber es ist so schwer für mich, es zu ertragen." „Du willst mich nicht nach Aegypten begleiten?» „Wie kannst Du das fragen, Bill? Habe ich Dir je schon etwas verweigert?" „Nein, nein, mein gutes Kind: vergiß, was ich gesagt habe; es thut mir leid. Ick weiß. Du würdest alles für mich thun, was Du kannst. Das Hab' ich auch immer eingesehen, nicht wahr? Dieser verfluchte Husten ist's nur, der mich nervös und reizbar macht; wenn ich erst in Aegypten bin> werde ich ein ganz andrer Mann sein." «Wann wollen wir reisen?" „Wenn wir bis Ende Oktober fortkommen können, ist das früh genug; aber es wird'ne Masse Geld kosten, es ist'ne teure Reise, und ich werde mindestens sechs Monate dort bleiben müssen. Ich dürfte gar nicht daran denken, vor Ende April nach Hause zu kommen." Esther erwiderte hierauf nichts, und sie gingen eine Weise schweigend weiter; dann sagte er: „Wenn ich nur in letzter Zeit nicht solches Pech gehabt hätte! Wir haben jetzt nicht mehr viel über hundert Pfund in der Bank!" „Und wieviel werden wir brauchen?» „Mindestens drei- bis vierhundert Pfund. Wir können den Jungen nicht mitnehmen, das würde gar zu teuer werden; aber ich müßte sein Schulgeld ein paar Quartale voraus- bezahlen." „Dazu ist nicht viel Geld nötig." „Nein, wenn ich Glück habe, ist's gar nichts; und das Glück muß sich eben wenden. Ich habe prachwolle Jnfor- mationen über den Great Ebor und die Dorkshire Stakes, und weiß von einem oder zwei Pferden, die noch zurückgehalten werden für Sandown. Unglücklicherweise ist im Monat August nicht viel zu machen; aber ich muß versuchen, dieses Geld zu gewinnen, es ist für mich eben'ne Lebensfrage!" Esther verstand. Um Leben und Tod würde ihr Mann jetzt auf dem Remiplcitze wetten und spielen. Das Bewußtsein einer fürchterlichen Gottloüakeit schwoll in ihrem Herzen an: aber sie unterdrückte es sofort. William hatte den Ausdruck von Furcht in ihren Augen bemerkt und sagte: „Das ist meine letzte Chance, weißt Du: auf andre Weise kann ich kein Geld erlangen, und ich will vorerst noch nicht sterben. Ich bin nicht immer so gut zu Dir gewesen, wie ich gerne gewesen wäre, und ich möchte auch gerne noch etwas für den Jungen thun." Es war ihm verboten worden, nach Sonnenuntergang im Freien draußen zu bleiben, aber er in seinem Drang, weitere Nachrichten über die Pferde zu erlangen, war entschlossen, alles und jedes dafür zu thun, und oftmals kam er erst um neun oder zehn Uhr abends nach Hause: und schon während er die kleine Straße heraufgeschritten kam, konnte jEsther von weitem ihn husten Hörem Wenn er dann kam, fiel er fast vor Müdig- Zeit um. aber er ging noch nicht schlafen; aus seinen Taschxn zog er dann erst die Bündel der Sportszeitungen, breitete sie auf dem Tisch unter der Lampe aus und studierte sie, während lEsther daneben saß und zu nähen versuchte. Aber wie oft entfiel das Nähzeug ihren Händen und füllten sich ihre Augen mit Thränen an. Sie nahm sich in acht, daß er diese Thränen nur nicht sähe. Sü wollte ihm nicht auch noch unnützes Leid bereiten. Ter arme Mensch hatte so schon genug zu ertragen! Mitunter las er ihr die Namen der Pferde laut vor und fragte sie, was sie wohl glaube, welcher Nanie ihr so klänge, als ob das Pferd gewinnen würde! Sie aber bat ihn. sie nicht darum zu befragen: und sie hatten noch manchen kleinen Streit über dieses Thema, bis er schließlich einsah, daß es nicht recht von ihm wäre, sie damit zu quälen. Mitunter kamen Stack und Journeyman abends noch herein, und sie diskutierten und unterhielten sich dann über Gewichte und Entfernungen bis lange nach Mitternacht. Auch der alte John kam öfters, und jedesmal, wenn er kam, hatte er von einem neuen Tip gehört. Wie oft drängten sich Esther die Worte auf die Lippen, William solle lieber nach seinem Gutdünken setzen und so rasch ein Ende machen. Sie sah es ihm wohl an, wie sehr diese langen Dis- kussionen ihn ermüdeten, und daß er schließlich doch der Wahr- heit um kein Haar näher war, als vor vierzehn Tagen. (Fortsetzung folgt.). kleines feuilleton. K. Welche europäischen Schriftsteller in Japan gelesen werden. Bei dem tiefgehenden Sinflutz, den die Kultur des Abendlandes auf die Entwicklung des modernen Japan gewonnen hat, ist es interesiant festzustellen, welche europäischen Schriustellcr in Japan am meisten gelesen werden und so ihren Teil zur Ilmbildung der Ideen in dem aufstrebenden Lande beigetragen haben. In„Harpers Weelly" stellt der Japaner Kiichi Kaneko eine Liste dieser meistgelesenen aus- ländischen Bücher auf. Während zunächst nur die chinesische Litteratur verbreitet war, die ja seit den frühesten Anfängen auf das japanische Schrifttum von entscheidendem Einfluß gewesen ist, war die erste europäische Sprache, die in Japan eindrang, das Holländische. Heute wird dagegen Englisch, Französisch und Deutsch auf den höheren Schulen gelehrt. Die englische Litteratur vertritt besonders Profesior Guzo Tsubouchi; er hat Shakespeares.Othello",„Macbeth" und.Kaufmann von Venedig" übersetzt. Am besten bekannt ist von allen englischen Schriftstellern Earlyle: auch Macauly wird diel gelesen. Emerson, Mill, Spencer finden gleichfalls viel Bewunderer. Von Dichtern finden Tennyson, Longsellow. Wordsworth, Byron, Milton viele Leser. Dickens'„David Copperfield" ist schon vor längerer geit teilweise übersetzt worden; jüngst erst Bellamys„Rückblick". „Onkel Toms Hütte" von Beecher-Stone und Henry Georges„Fort- schritt und Armut" werden jetzt übertragen. In Japan gilt heute jemand, der kein Deutsch kann, nicht für gebildet. Der erste, der deutsche Litteratur den Japanern brachte, war Dr. Rintara Mori; er begründete eine Vereinigung japanischer Deutschkenner, die„Shigarami- Gesellschaft". Auf Anregung dieser Gesellschaft entstanden Uebersetzungen von. WertherS Leiden",„Nathan der Weise" und einem Teil des„Faust". Jüngst hat man auch viel von der Philosophie Friedrich Nietzsches gesprochen. Such Ibsen und Björnsen, Jokai und Sienkiewitz werden in manchen Kreisen ge- lesen. Von Tolstojs Werken sind nicht nur die„Anna Karenina", .Kreutzersonate" und„Herr und Knecht", sondern auch historische und ethische Schriften wie„Mein Glauben" und„Mein Bekenntnis" übersetzt, Dostojewskis„Raskolnikow" ist vor zehn Jahren durch Roanuchida übertragen worden. Man hört jetzt sogar in Japan von Tschechoff und Gorki. Was die ftauzösifche Litteratur angeht, so ist es Rouffeaus „(lootrat social" gewesen, der zuerst den Japanern Ideen von Bürgerrechten und Freiheiten brachte. DaS Werk bat auf die Regeneration Japans stark gewirkt. Der„Ooutrat social" hat auch hauptsächlich beigetragen zu der Bildung der ersten politischen Partei, zum Entstehen der.Jiyuto". Sonst freilich findet die französische Litteratur nicht allzuviel Anklang in Japan: ein paar Romane von Victor Hugo und Zola, ein paar kurze Geschichten von Maupassant — das ist alles, was übersetzt worden ist. Wie eifrig der Bildungs- drang der heutigen Japaner ist. zeigt auch die Thatsache. daß Japan in der Zahl der Bücherveröffentlichungen Deutschland nahe« kommt.— — Das Telcgraphcnkabcl durch den Großen Occan von San Francisko nach Manila ist nm die letzte Jahreswende glücklich voll- endet worden. Im„Prometheus" finden wir einige nähere Angaben über dasselbe. Das Auslegen des Kabels begann am IS. Dezember 1902 von San Francisko aus, und schon am Weihnachtstage wurde Honolulu auf Oahu(Sandwich-Jnfeln) erreicht. Das 4420 Kilo- meter lange Kabel erreichte eine mittlere Tiefe von 4500 und eine größte Tiefe von 5600 Meter. Es wurde von hier nicht der nähere Weg über die Insel Wake, sondern der über die Midway-Jnseli?,': der geringeren Meerestiefe wegen, gewählt. Das Kabel von Honolulu dorthin ist 2320 Kilometer lang und liegt auf der mittleren Tiefe von 3600 Meter. Von den Midway-Juscln nach Guam, 46S0 Kilometer, liegt das Kabels bis zu der großen Tiefe von nahezu 9000 Meter; die mittlere Tiefe beträgt etwa 4900 Meter. Die Tiefenverhältnisse wechselten auf dieser Strecke oft mit schroffen Nebergängen. Die letzte Strecke von Guam nach Manila ist nur 2760 Kilometer lang, aber auch hier ist die Tiefe �er See noch groß, denn das Kabel ist bis zu 6300 Meter hinabgesunken und auch die mittlere Tiefe beträgt noch 4000 Meter. Das ganze Kabel erreicht die beträchlliche Länge von 14 140 Kilometer. Immerhin sind durch dieses Kabel die Zeit und der Weg für Telegramme gegen früher ganz wesentlich abgekürzt worden. Die Staatsdepeschen gingen früher von Washington über New Dort nach Neuschollland, von dort über die Azoren nach Lissabon, Gibraltar. Malta, Alexandrien, Aden, Bombay und von hier auf dem Land- Wege nach Madras, um dann wieder Nuttels Seekabels über Singapur, Saigon und Hongkong endlich nach Manila zu gelangen. Auf diesem etwa 26 000 Kilometer langen Wege waren 15 Uever- tragungen des Telegramms notwendig. Die neue Verbindung ver- mindert nicht nur die hieraus sich herleitenden Uebelstände, sie be- freit vor allen Dingen die Vereinigten Staaten aus der Abhängigkeit von den englischen Telegraphengescllschasten, an welche die Regierung der Vereinigten Staaten jährlich etwa 400 000 Golddollars (1 760 000 Mark) zu zahlen hatte. Es ist bemerkenswert, daß keine amerikanische Firma dre Herstellung des außergewöhnlich großen Kabels übernehmen konnte, so daß eS an englische Fabriken vergeben werden mußte.~ Litterarisches. e. k. Edward Stilgebauer:„G ö tz Klafft, Die Geschichte einer Jugend." Berlin. Richard Bong.— Das Buch ist seitens der Verlagsfirma mit ellenlangen Annoncen aus den Markt geworfen worden. Wahrscheinlich ahnte der Autor, daß sein Roman von gewisser Seite totgeschwiegen werden würde. Um also diesem System von vornherein wirksam zu begegnen, hatte er sich privattni bei einer Anzahl von Schriftstellern Urteile und Gut- achten eingeholt, die er ohne weiteres publizierte. Komisch ist dabei, daß nun gerade die meisten jener Blätter, die in ihrem geschäftliche» Teil groß und breit die bezahlte Reklame-Annonce aufzeigten, sich im redaktionellen Teil über den Autor entrüsteten. Man kennt diese Moral; für uns handelt es sich lediglich darum, zu untersuchen, ob der Stilgebauersche Roman all des Gezeters wie der Reklame wert gewesen. Der Verfasser hat die löbliche Absicht, mit seinem auf vier Bände berechneten Opus ein.Kulturgemälde" deutscher Zustände aus der Gegenwart zu liefern, etwa in der Art Gustav Freytags, und dies erste Buch stellt gewiffermaßen die Introduktion dazu dar. Wir lernen einen jungen Menschen kennen, der, nachdem er die letzte Klasse eines Frankfurter Gymnasiums durchgemacht hat, als Student der Theologie nach Lausanne geht, dort ein Semester verbringt und dann nach Berlin kommt. Mit der Abreise von Lausanne schließt das Buch. Viel mehr als dies Gerippe läßt sich aus den 416 Druckseiten eigcnt- lich nicht herauslesen. Der Name des Titelhelden deutet indessen an. daß hier eine Art Kraftmeier sein Wesen führen wird. Geräusch- voll ist dies Wesen und noch geräuschvoller der Apparat an Worten, die aufgewendet werden,' dem Leser Götz Krafft als Titanen, als Uebermenschen plausibel zu machen. Er geriert sich denn auch so ganz anders als die andern. Schon auf dem Gynmnsium als Schüler, im Verkehr mit Klassenbrüdern, im häuslichen Umgang. Er ist ein idealer Schwärmer, der Römer- dramen und Gelegenheitspoeme dichtet, und doch zugleich ein Grübler und Denker. Daß ein neunzehnjähriger Pennäler schwärmen könne, glaubt man ihm aufs Wort. Mit dem Selbstdenken haperts aber zumeist, wie die Erfahrung lehrt. Daß Götz Krafft allzuviel Zeit in den Hörsälen der Schweizer Hoch- schule verbringt, läßt sich nicht behaupten. Mehr zieht ihn das Leben an. Aber in seiner persönlichen Weise. Religion, Philosophie, Socialismus, Deutschtümelei, studentischer Couleurunsinn, Klassenkampf und Rassen- haß: all das zieht ihn an, oder stößt ihn ab. Er geht seine eigenen Wege. Nicht mal die Weiber können ihn über- wälttgen. Wohl lag er einige Zeit lang in den Liebesbanden einer waadtländischen Schönen. Aber wie es drauf und dran kommt, da besinnt er sich, daß er ja Götz Krafft sei, steckt alle wirbelnde Leiden- schast in die Tasche— und siegt über sich selbst. Das thut er immer so. Er ist eben ein moralischer Kraktmeier, ein Allesbessernmcher. Wollen sehen, was aus ihm später wird. Mancherlei Entwicklungs- keime hat der Alltor in diesem Buche ausgestreut. Ob er sie aufgehen läßt, das ist die nächste Frage. Denn anders wird der Roman in ein Nichts zusammenfallen. Dies erste Buch ist, das läßt sich nicht leugnen, in„blühendem" Stil geschrieben. Er verrät aber keinerlei Eigenart. Die Menschen- schilderung läßt zu wünschen übrig. Das weibliche Geschlecht kommt am schlechtesten lveg. Der Roman, so dickleibig er ist, giebt nicht, wie der Verfasser durch den Untertitel glauben machen will,„die Geschichte einer Jugend", sondern streng genommen imr ein Jahr davon. Obwohl das Buch den prätentiösen Anspruch auf exorbitanten litterarischen Wert zu erheben scheint, erachten wir es weder würdig der ungewöhnlichen Reklame, mit der es in die Welt gesetzt wurde, noch sind die zum Teil maßlosen Herabsetzungen berechtigt, denen es unterstellt worden ist.— Kunst. o. s. Kunstsalon Kassirer. Paul CSzannes künstlerische Physiognomie hat etwas Schweres, Grüblerisches, Fest- hastendes. Er hat sich selbst häufig porträtiert. Ein einfacher, robuster Kopf mit einem Stich ins Fanatische, Hartnäckige. Eine entfernte Aehnlichkeit mit Zola fällt auf. Eine umfassende Kollektion seiner Werke bei Kassirer unterrichtet über die Entwicklungstendenz dieses Malers, der mit dazu gehört, wenn es gilt, die moderne französische Malerei in ihrem Werdegang zu erklärend Cözannes Note ist: er will lernen. Er will keine Tradition übernehmen. Bewußt sträubt er sich gegen jedes Schema. Und eS ist. als ob er sagte: Wenn ich auch kein Genie bin, so kann ich es doch durch Fleiß und stete Erziehung zur Aufrichtigkeit dahin bringen, daß ich ehrlich sage, was und wie ich es sehe und den Leuten keinen Dunst vormache. Und er fühlt, es ist mehr Nachahmung und Lüge in der Welt, als man glaubt, und Ivenn man nur daran geht, ein paar Aepfel, die auf dem Tisch liegen, getreulich als Maler wiederzugeben, so niuß man hier schon auf der Hut sein, daß man nicht in eine verleidete Schöumalerei verfällt. Die große Klippe der Heuchelei ist bald und leicht zu vermeiden. Aber es giebt unzählige kleine Hindernisse, die man erst dann sieht, wenn man bewußt seine Energie dahin lenkt, sie zu sehen und auch sie zu Vermeiden. Um diese Aufgabe, die Cözanne sich stellt, zu erfüllen, bedarf es eines aufrechten Charakters, eines nicht leicht zu beugenden Willens. Diesen besaß Cezanne. Man braucht nur dieses von rundem Vollbart umrahmte Gesicht zu sehen, mit der breiten, sich enrgegenstemmenden Stirn, diese beinahe böse blickenden Augen, hinter denen doch noch ein Andres liegt, eine feste Ueberzeugung I So sieht er aus seinen Bildern heraus; ein Bewußtsein, das zu der Vergangenheit Nein sagt. Cszanne ist kein Meister. Es fehlt ihm dazu die Tradition. Sein Verdienst liegt im Negativen. Er giebt allerlei An- regungen und ennuntert den Kenner, selbständig zu sein. Aber positiv giebt er nicht viel. Er räumte auf. Aber was er hinterläßt, sind Versuche. Das Feld bleibt leer. Manche Stillleben sind äußerst fein komponiert. Raffiniert einfach. Und die Farben sind so gewählt zusammengekommen, daß ohne die Initiative des Malers sich zwanglos das Künstlerische zu ergeben scheint. Es ist keine äußerliche, elegante Harmonie, der Cezanne hier nachgeht. Ein paar gewöhnliche Aepfel liegen auf bunter Decke, auf dem Holztische, neben Steinkrügen. Die Räumlichkeit holt Cezanne so plastiich heraus und er müht sich, die farbigen Werte so zu einen, daß die ungezwungene Natürlichkeit erscheint, wo der Verstand lange sichtete. Cezanne ist ein emsiger Arbeiter. Namentlich auf einem Bilde stehen die Steinkrüge so farbig da, daß aus den simplen Gefäßen wahre Prachtstücke werden. Cezanne stellt die Farben grob gegeneinander und doch stören sie sich nicht. Er liebt die Klarheit und Entschiedenheit. Doch weiß er immer die Kraßheit zu ver- meiden. Ja, diese Betonung der harten Farbe wird ihm Mittel, weiches Leben hervorzuzaubern und jede scharfe Grenze schwindet bei ihm, ohne daß er sie meidet. Ebenso verfährt Cezanne, wenn er Menschen malt und ganze Gruppen. Manchmal scheint er so ungeschickt und doch ist diese Un- geschicklichkeit nur eine Suche nach Neuem. Er übt sich darin, Menschen in charakteristischer Bewegung zu Gruppen zu einen, als wäre es das erste Mal, daß so etwas versucht wird. Er geht diesem Problem der körperlichen Gestaltung im Raum mehrfach nach. Und gelungen sind ihm diese Versuche. Jeder sitzt da und steht für sich und gehört doch zu den andern, hat Beziehungen zu ihnen. Und diefPerspektive ergiebt sich ohne Zwang. Uebcr diesem Problem steht ihm noch das andre: das Ganze farbig so zu erfasien, daß es wirklich das Werk eines Malers wird, und nicht eine farbige Photographie. Er arbeitet daran, streicht ab, sucht, tastet herunr. Interessant und lehr- reich sind diese Versuche. Auch wo Cözanne die Menschen in die steie Natur stellt, lockt ihn ein Gleiches. Er löst die Figuren im Raum des Ganzen auf, so daß sie als farbige Erscheinung im Ganzen mitwirken. Im ge- schlossenen Raum umgrenzt sie noch die Kontur. Im Freien spielt Licht und Luft um die Dinge. Eszamte ringt kraftvoll darum, eine Schwäche zu überwinden, die ihm anhaftet. Es fehlt oft seinen Werken die letzte, künstlerische Rundling. So scheint es oft, er wäre in sich selbst stecken geblieben. Vor lauter Versuchen kein Fertigwerden. Doch ist das eben für ihn charakteristisch. Seine Landschaften sind wie Studien, die noch im Schlaf verharren. Wohl sind sie farbig fein erdacht. Diese Wiesen, dieser Wald, mit den kleinen Häusern dazwischen, dieses weithin leuchtende Wasser, dieses braune Feld l Uebersieht man es als Ganzes, so erfreut die immer rastlose Freudigkeit der Arbeit. Aber es fehlt daS letzte, das Cszanne nicht fand. Es fehlt die letzte Geschlosienheit, die man bei ihm auf den frühen Bildern findet, die noch alt upd schwer wirken. Der Ernst ist der gleiche. Aber die Versuche wirken noch zu sehr als Arbeit, wirken flächenhaft, Licht fehlt, Luft fehlt. Es ist ein Mittelstadinm. Er fand das Neue, Vollendete noch nicht. Im Suchen mußte er stehen bleiben. Das Räumliche, die Perspektive ist wohl da. Aber das innere Leben fehlt, man entnimmt es den Gegen» ständen, doch es zwingt nicht. Es sind eben tastende Studien, und das macht sie interessant. Fertiges steht neben Unvollendetem. Man sieht tief hinein in das Werden eines malerischen Kunstwerks. Der Ernst, mit dem Cszanne, dieser unermüdliche, entsagungs- volle und doch fteudige Arbeiter, den sachlichen Problemen seiner Kunst nachgeht, verdient die höchste Achtung, ja Bewunderung. Um so mehr, als die Welt diese Pioniere leicht vergißt, die die eigent- liche Arbeit leisten, und allen Lohn denen giebt, die Errungene? übernehmen und geschickt verarbeiten.— Astronomisches. en. W ü st e n im Weltraum. Unter den mannigfachen Gebilden, die sich dem Himmelsforscher am Firmament darbieten, haben die Nebel in den letzten Jahrzehnten das Auge und das Denken der Astronomen vielleicht am stärksten angezogen. Sie sehen und suchen in ihnen werdende Sonnensysteme und hoffen durch die Ergründung ihrer Entstehung und Entwicklung Auffchlüsse über daS Werden und Vergehen großer Weltkörper zu erhalten. Die An- Wendung photographischer Linsen mit kurzer Brennweite hat daS Studium der großen Nebel am Fernrohr sehr erleichtert, und man kann jetzt auch solche»mgeheuren Gebilde wie den berühmten Nebel des Orion einigermaßen als Ganzes genauer betrachten. Derartige Forschungen hat in den letzten Jahren Profeffor Max Wolf mit großem Eifer verfolgt und ist dabei zu der Erkenntnis gelangt, daß die großen Nebel stets von Himmelsräumen umgeben sind, die fast ganz leer an Gestirnen sind und demzufolge eigentliche Wüsten im Weltraum darstellen. Auffallend ist die That« fache, daß schon William Herschel zu einer ähnlichen Annahme ge- kommen war. Nun scheinen sich diese Wüsten aber immer nur auf einer Seite des betreffenden Nebels zu befinden. Der Nebel bildet also einen der Ränder eines solchen sternleeren Raumes, und man sieht sich dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß der Nebel gleich- sam alle Massen aus diesem Räume an sich gezogen hat. Das wichtigste Kennzeichen einer solchen Wüste am Himmelszelt besteht darin, daß innerhalb seiner Grenzen fast jede Spur von schwachen Sternen fehlt und daß sich dort nur höchstens einige helle Sterne finden. Wolf nennt eine ganze Reihe von großen Nebeln, die sein Gesetz bestätigen, allerdings daneben andre, wie den Nebel der Andromeda und die berühmten Spiralnebel, die jener Regel nicht unterworfen zu sein, vielmehr zu einer andern Gruppe von Welt- körpern zu gehören scheinen.— Humoristisches. — Korso. Protz szu seiner Frau):„Ich weiß nicht, was die Arbeiter gegen die Besitzenden haben?— Wir feiern doch sogar den ganzen Mai l"— — Die Konkurrenz.„Das Ohrfeigengesicht, das der Fuchs schon hat I Bei Gott, e Vermögen könnt' man sich an ihm herunterohrfeigen."—(„Lustige Blätter.") Notizen. � Im Dresdener Schauspielhause wurde Franz S e r v a e s' dreiaktiges Drama„Der neue Tag" mit Erfolg aufgeführt.— — Bei den diesjährigen Rheinischen Festspielen in Düsseldorf wird auch„Der Zeitlose", ein bisher in Deutschland noch nicht aufgeführtes Schauspiel des Dänen H o l b e r g, gegeben werden.— — Arthur Pserhofers Lustspiel„Die Diplomatin" fand bei der Erstaufführung im Wiener Burg-Theater vielen Beifall.— — Heijerinans Tragödie„Ghetto" erzielte bei der ersten deutschen Aufführung im Münchener Schauspiel« Hause keinen rechten Erfolg.— — Jenny Groß hat l'/j Millionen Mark hinterlassen._—_ — Bein, Wettbewerb für ein neues KunsihauS in Zürich erhielten Preise im Betrage von 2000 Frank die Architekten Karl Moser aus Karlsruhe, Müller und Ludwig jun. in Thalwil, Pfleg- Harb und Häfeli in Zürich. Das neue Kunsthaus soll neben der ständigen Ausstellung auch die Sammlung des Züricher Künstlerguts ausirehmen und außerdem der Geselligkeit dienen.— — Drei Preise, von 25, 15 und 10 Dukaten, schreibt der Niederöstreichische Gewerbeveretn für die besten Ent» würfe einer dekorativen Uhr(Standuhr, Stutzuhr. Hängeuhr) aus. Die Entwürfe sind bis zum 28. Februar 1905 in der Vereinskanzlei(Wien, Eschenbachgasse 11) abzunefern.— Bercmtwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin SW.