Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 99. Freitag, den 20. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) e-n Bftbcr Tlaters. Roman von George Moore. Inzwischen war das Pferd, auf welches er erst hatte setzen wollen, in den Wettpreisen heraufgegangen: er aber sagte, er miiszte noch sehr vorsichtig sein: sie hätten nur noch hundert Pfund übrig, er müßte mit dem Gelde sehr sparsam und weise umgehen: denn dieses Geld bedeutete sein Lebensblut: wenn er dieses Geld verlöre, würde er damit nicht allein sein eignes Todesurteil unterschreiben, sondern auch das ihre. Er könnte ja noch längere Zeit leben, das wüßte keiner— aber sicher war es— das hatte ihm der Doktor gesagt—, daß er niemals wieder im stände sein würde, zu arbeiten, wenn er nicht nach Aegypten ginge. Und selbst wenn er bald sterben müßte, würde er sie in schlimmeren Verhältnissen zurücklassen, als jene, in denen er sie gefunden hatte: und das noch dazu jetzt, wo der Junge schon fast herangewachsen war. O, es war furchtbar! Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und schien von dem bloßen Gedanken ganz erschüttert zu sein. Dann kam wieder der Hustcnanfall, der ihn dermaßen mitnahm, daß er, so lange er dauerte, nur noch an sich selber denken konnte. Esther gab ihm etwas Milch zu trinken, und er sagte: „Es sind noch hundert Pfund da, Esther. Das ist nicht viel, aber es ist immerhin etwas. Ich glaube nicht, daß es mir viel nützen wird, nach Aegypten zu gehen: ich werde doch niemals wieder gesund werden. Es wäre schon am besten, ich ginge in den Fluß: dann würde ich wenigstens nicht mehr so viel Geld kosten und Dir zur Last sein." Rasch legte Esther ihre Arbeit nieder, ging hinüber zu ihm und umschlang ihn mit beiden Armen. „William, William! Du sollst nicht so reden; ich erlaube es Dir nicht. Ich würde es Dir nie vergeben können, wenn Dri so etwas thätest. Ich würde nie wieder gut von Dir denken können. Nie!" „Na gut. Alte: Hab' nur keine Angst! Ich habe zu viel an die versluchten Pferde gedacht, und das hat mich'n bißchen niedergedrückt. Es wird schon noch alles so oder so in Ordnung kommen. Ich gknibe sicher, daß Mahomed den Great Ebor gewinnen wird; glaubst Du's nicht auch?" „Du hast das beste Urteil von Allen: und sie behaupten ja auch Alle, daß er gewinnen muß, wenn er nicht lahm wird." „Gut, dann soll Mahomed mein Geld auf dem Rücken tragen; morgen setze ich auf ihn." Nun er sich endlich entschlossen hatte, auf welches Pferd er wetten wollte, hoben sich seine Lebensgeister wieder. Er war jetzt ini stände, auch gelegentlich von andern Dingen zu reden, von ihrem Sohne und dessen Zukunft, für die sie zahl- lose Pläne entwarfen. Aber an dem Tage des Rennens selbst befand sich William vom frühesten Morgen an in einer kaum niehr zu bändigenden Aufregung. Früher war er ein sehr gleichmiitiger Gewinner und Verlierer gewesen: er hatte wohl ein bißchen heftig geflucht, wenn er stark verlor, aber direkt vor dem Rennen hatte Esther ihn nie in großer Aufregung gesehen. Freilich war diesmal der Zweck seines Wettens auch ein ganz andrer als sonst, und seine Aufregung und Leiden mit anzusehen, wollte Esther fast das Herz brechen: auch nicht einen Augenblick konnte er irgendwo still sitzen. All jenen tausend widerstreitenden Gefühlen von Furcht und Hoffnung und Verzweiflung widerstandslos preisgegeben— im voraus schon erschöpft von der Aufregung der Erwartung—, stand er jetzt da mit dem Rücken an das Büffett gelehnt und wischte sich die großen Schtveißtropfen von der Stirne. Eine brennende Sonne glühte auf den Scheiben ihrer Fenster; die Hitze im Zimmer war fast wie die eines Back- vfens; und er mußte schließlich in das Wohnzimmer gehen, um sich dort niederzulegen. Da lag er nun, in Hemdärmcln, ganz erschöpft, kaum inehr im stände, Atem zu holen; der einst so muskulöse, kräftige Arm war fast zu einem Nichts gusammengeschrumpft: die Haut daran und auch die seines Gesichts war gelb, ganz gelb: er sah aus, als hätte er gar kein Klüt mehr in den Adern. Wenn Esther ihn ansah, wagte sie kaum noch die Hoffnung zu hegen, daß irgend ein Klima im stände wäre, ihn wieder gesund zu machen. Einmal fragte er sie, was die Uhr sei: und als sie es ihm sagte, meinte er: „Jetzt ist das Nennen im vollen Gange." Ein Paar Momente später sagte er:„Ich glaube, Mahomed hat gewonnen, mir ist so, als sähe ich ihn am Ziele ankommen!" Er sprach so, als ob er ganz sicher sei, sagte aber noch kein Worc von den Abendzeitungen. Esther fühlte, daß er sterben würde, wenn diese Hoffnung) sich als triigerisch erwiese, und sie kniete an seinem Bett nieder und betete zu Gott, daß er das Pferd gewinnen lassen möge! Dieses Pferd bedeutete ja das Leben ihres Mamres; einen andern Gedanken vermochte sie jetzt gar nicht mehr zu fassen. O, wenn doch nur das Pferd gewänne! Nach einiger Zeit sagte er: „Es nützt nichts mehr, jetzt noch zu beten; die Sache ist doch jetzt schon entschieden; aber ich fühle, daß wir gewonnen haben. Geh' ins andre Zimmer aus den Balkon und warte da, bis Du den Jungen mit dem Ertrablatt kommen siehst." Von dem winzigen Balkon aus konnte sie ein langes Ende ihrer Straße und auch der nächsten Straße überblicken. Ueber London sah sie einen blaßgelben Himmel sich ausbreiten, und sie betrachtete den scheinbaren Frieden, der über den Dächern lag, mit Verzweiflung in der Seele. Es lag etwas wie Hoff- nung und Beruhigung zugleich in diesem ruhigen, einfarbigen Gelb. Aber plötzlich erzitterte sie heftig. Sie hörte Ruf ertönen:„Winner! Winner!" Er ertönte gleichzeitig von Norden, Osten und von Westen; drei Jungen schrieen gleich- zeitig die Nachricht in die Welt hinaus. „O Gott!" dachte sie,„wenn es eine schlechte Nach- richt ist..." Aber sie hatte seltsamerweise das Gefühl, als müßte es, unfehlbar eine gute Nachricht sein. Sie ging vom Balkon ins Zimmer zurück, eilte die Treppe hinunter und dem Jungen entgegen. Sie hatte den halben Penny bereits in der Hand, und während er sich bemühte, ein Exemplar von dem Haufen unter seinem Arm loszulösen, und ihre llngeduld dabei wohl bemerkte, sagte er: „Mahomed hat gewonnen!" Da schien das Pslaster unter ihren Füßen fast zu ver- sinken: sie sah auch nicht mehr die scheidende Sonne; vor ihren Augen drehte sich alles wie im Kreise, und ihr Herz war ganz voll, übervoll von der Glückseligkeit, die sie dem armen, tranken Menschen, der da oben im Hinterzimmer auf dem Bette lag, bringen durfte. Sie eilte die Treppe hinauf. „Gute Nachricht!" rief sie ihm zu. Er nickte.„Das habe ich erwartet!" sagte er. Sein ganzes Gesicht wurde brennend rot, und das Leben schien ihm plötzlich zurückzukehren. Er setzte sich auf und nahm ihr die Zeitung aus der Hand. „Aha!" sagte er,„ich habe auch mein Platzgcld zurück; ich hoffe, Stack und Journeyman werden heute Abend rein» kommen; ich möchte mit ihnen beiden darüber sprechen. Komm', gieb mir einen Kuß, mein Liebchen: ich werde also doch noch nicht sterben. Es ist auch wahrhaftig kein angenehmer Gedanke, daß man sterben soll; daß man keine Hoffnung mehr hat, weiter zu leben, und ohne Rettung und Erbarmen unter die kalte Erde gesteckt werden soll!" Das nächste, was er nun that, war, auf ein Pferd für das Aorkshire Handicap zu setzen. In diesem Fall hatte er kein Glück, aber er hatte auf mehrere Pferde beim Sandown Park mit Glück gesetzt und hatte am Ende der Woche schon fast Geld genug zusammen, um nach Aegypten zu gehen. Aber die Doncaster Woche brachte ihm wieder viel Pech. Er verlor das meiste von dem gewonnenen Gelde wieder und mußte nun aus die Newmarket-Rennen warten, um dort sein Verlorenes zurückzugewinnen. „Das Dumme daran ist," sagte er,„daß das Geld mir eben nur dann was nützen kann, wenn ich's bis Ende Oktober beisammen habe: denn die Aerzte sagen, die Novembernebel können mir gar leicht den Garaus machen." Zwischen Doncaster und Newmarket verlor er wieder ein« Wette, und dieser Verlust drückte seine Gemütsstimmung be- trächtlich herab. Er sah ein, daß es nichts nutzte, gegen das Schicksal anzukämpfen. Warum also nicht schon ruhig in — 301— London bleiben und Ende November oder Dezember ein gescharrt zu werden? Viel länger würde er's ja in London nicht überdauern können. Dann konnte er Esther wenigstens noch fünfzig Pfund zurücklassen, und der Junge würde wohl bald im stände sein, Geld zu verdienen. So wäre es für alle schon am besten! Was für einen Zweck hatte es eigentlich auch, so viel Geld wegzuwerfen um seiner Gesundheit willen, die doch keinen halben Schilling mehr wert war? Es sah rein aus, als ob man das Geld zum Fenster hinauswürfe. Wozu brauchte er überhaupt noch zu wetten? Er war inwendig schon so hohl wie'ne leere Muschel, das konnte er selbst fühlen. Aegypten würde ihm nichts mehr nützen, und wenn er den» doch nun mal sterben mustte, so war es schon besser, früher als später. Esther that, was sie konnte, um ihm diese Gedanken aus zureden. Wofür sollte sie denn überhaupt noch leben, wenn er ihr genommen ward? Und die Aerzte hatten doch gesagt, daß Aegypten ihn wahrscheinlich wieder herstellen würde! Sie verstand ja nicht viel von solchen Sachen; aber sie hatte doch schon öfter gehört, wie ganz todkranke Lute dort oftmals wieder gesund wurden. „Das ist wahr!" sagte er.„Ich habe schon von Leuten gehört, die nicht'ne Woche mehr in England leben konntm; die nicht mehr so viel Lunge übrig hatten, wie Dein kleiner Finger lang ist, und die dann dort wieder ganz gesund wurden. Vielleicht könnte ich da drauszen irgend'ne Beschäftigung finden, so daß wir ganz da blieben, und wir ließen uns den Jungen dann nachkommen." „So ist's recht!" rief Esther,„so mußt Du sprechen! Und wer weiß? Vielleicht haben wir beim Newmarket Glück! Was gehört denn viel dazu? Es ist ja gar nicht so viel. Eine große Wette; einmal fünfzig gegen eins auf den Gewinner, und Du bist gerettet!" „Genau meine Gedanken!" Ich habe ganz besondere Informationen bezüglich des Cesarewitch und des Cambridge- shire; da könnte ich wohl den Preis bekommen, von dem Du eben sprichst,— fünfzig gegen eins auf beide: Matchbox und Chasuble. Das Doppelrennen, weißt Du. Ich habe wahr- haftig Lust, das zu machen; es ist ja auch meine letzte Chance!" * Als Matchbox den Cesarewitch-Preis um fünf Pferde- längen gewann, lag William zu Hause in seinem Bett, dem Tode nahe. Er. war eines Abends spät ausgeblieben, hatte sich erkältet und jetzt beständig den Mund voll Blut. Es ging ihm sehr schlecht: und er konnte sich kaum mehr über die guten Nach- richten freuen. Als er sich ein wenig erholt hatte, sagte er: „Was nützt nun das alles? Es kommt zu spät!" Als aber auf Chasuble tausend gegen eins gewettet wurde, als Journeyman und Stack ihm versicherten, die Stallleute schwören darauf, daß das Pferd den Preis gewinnen müßte, da hoben sich Williams Lebensgeister wieder ein wenig, und er sprach davon, der Vorsicht halber auf mehrere Pferde zu- gleich setzen zu wollen. „Denn." sagte er zu Esther,„wenn ich mit acht oder neun gegen eins herauskomme, bin ich immer noch im stände. Dir etwas zu hinterlassen; im Falle— weißt Tu— daß mir etwas passiert." Aber er wollte seine Wette weder Stack noch Journeyman anvertrauen, sondern sprach davon, sich eine Droschke holen zu lassen und seine Angelegenheit selbst zu besorgen. „Wenn Sie dies thun," versicherte ihn der Arzt,„so wird es Ihnen schließlich ziemlich gleichgültig sein, ob Chasuble gewinnt oder nicht. Das beste, was Sie thun können, wäre, sofort als interner Patient ins Hospital zu gehen. Im Hospital sind Sie �wenigstens immer in einer gleichmäßigen Teniperatur und können eine Pflege bekommen, die zu Hause unmöglich ist." William gefiel die Idee nicht, inS Krankenhaus zu gehen, er hielt das für ein schlechtes Omen. Er hatte das positive Gefühl, daß Chasuble nicht gewinnen würde, wenn er ins Hospital ginge. „Was hat denn nur das eine mit dem andern zu thun?" fragte der Doktor.„Sehen Sie mal das Fenster hier an; dos steckt etwas lose im Rahmen; auch die Thür schließt nicht gut; und der Zugwind bläst beständig hindurch; und wenn Sie die Zuglöcher verstopfen, so wird die Luft im Zimmer stickig und unerträglich. Sie wollen doch auf Reisen gehen, nach dem Kontinent; na, ich kann Ihnen nur sagen, daß vier- zehn Tage im Hospital mit Ruhe und nötiger Pflege die beste Vorbereitung zu einer solchen Reise für Sie sein würden!" William ließ sich endlich überreden. Er wurde nach dem Hospital übergeführt, und an dem Nachmittag, der ihr Schicksal endgültig besiegeln sollte, saß Esther allein zu Hause und wartete auf Nachrichten. Nun. da der Sterbende nicht mehr bei ihr war, hatte sie gar nichts zu thun, nichts zu arbeiten, nichts, um sich zu zerstreuen; und der einzige Gedanke: Wird Chasuble gewinnen? stand wie in Flammenbuchstaben vor ihren Augen und vor ihrer Seele; und doch war dies eine Frage, die keiner, auch sie selbst sich nicht beantworten konnte. Sie sah im Geiste die schlanken, windhundähnlichen Geschöpfe vor sich, wie sie sie an dem Tag in Epsom draußen gesehen hatte, durch ein Meer von Hüten und Köpfen hindurch. Und sie fragte sich, ob Chasuble vielleicht das braune Pferd sei, welches das Ziel zuerst erreicht hatte, oder ob er das arnw kastanienbraune war, das ganz zuletzt müde ans Ziel kam. Sie hatte mitunter das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Ihr Kopf schien gleichsam springen zu wollen, und um sich ein wenig zu zerstreuen, ging sie ihren Jungen in der Schule besuchen. Er war jetzt ein großer, langer Mensch von fünfzehn Jahren, hatte aber noch nichts von seiner kindlichen Liebe für seine Mutter verloren; und das Gefühl einer unendlichen, süßen Glückseligkeit überkam sie in seiner Gegenwart. Mit Genugthuung betrachtete sie seine kerzengeraden Beine in den langen, gelben Strümpfen: mit liebevollen Fingern strich sie seinen Mantelkragen zur Seite und steckte ihre Finger durch seinen ledernen Gürtel hindurch, als sie zusammen spazieren gingen. Er war nach der Mode seiner Schule barhäuptig, und sie küßte zärtlich die dichten, dunklen Locken auf seinem Kopfe. Wie viel Heller waren doch diese Locken früher ge- wesen, als er noch ein kleiner Junge war! In jenen Tagen, da sie siebzehn Stunden täglich Sklavenarbeit verrichtete, um sein Leben zu erhalten! Aber sie fühlte sich durch seine Liebe tausendfach belohnt für alle Arbeit und Sorge, die sie um ihn gehabt hatte. Mt Seligkeit hörte sie den ausgezeichneten Bericht an, den die Lehrer ihr über ihren Jungen gaben, und lauschte mit Vergnügen auf den hellen Klang seiner Stimme, als er, neben ihr gehend, ihr von seinen Klassengefährten und Studien er- zählte. Ja, für ihn mußte sie leben; obwohl sie für sich selber sich nicht mehr viel aus dem Leben machte. Aber Gott sei Dank, sie hatte ja ihren geliebten Jungen, und wie viel Unglück das Schicksal ihr auch noch bereit halten mochte, sie würde es stets um seinetwillen tapfer zu ertragen wissen. Er wußte, daß sein Vater krank war, aber sie hielt sich wacker zurück und sagte ihm kein Wort von der düsteren Tragödie, die schon so dicht über ihren Häuptern sich abzu- spielen begann. Die edleren Instinkte, die in Esther Waters Charakter alle andern weit überwogen, sagten ihr, daß es unrecht wäre, ein junges Leben in seinem ersten Anfange schon mit dem Gedanken an Tod und Armut und Elend zu beflecken, und obwohl es für sie eine unermeßliche Erleichterung gewesen wäre, ihrem Knaben ihren Kummer anvertrauen zu können, drängte sie doch ihre Thränen mutig zurück und trug ihr Kreuz allein weiter, ohne auch nur zu gestatten, daß es ihn. streifte. An den Tagen, an welchen Besuche im Hospital erlaubt waren, ging sie stets hin und brachte William die Zeitungen mit den neuesten Wettnachrichtcn mit. „Chasuble zehn gegen eins angenommen!" las William vor. Die Mähre war sehr gestiegen im Preise, und mit einem leuchtenden Hoffnungsstrahl in den Augen sah William seine Frau fragend an. (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Sine SUbcrhlittc im f)arz, St. Andreasberg ist eine der ältesten und bedeutendsten Berg« städte im Harz und wird wegen seines umfangreichen Bergbaues und der mannigfachen, zum Teil höchst seltenen Mineralien, die hier gefunden werden, da? Mineralienkabinett des HarzeS genannt. Von ganz besonderem Interesse für den Besucher diese? Städtchens ist aber der Betrieb der fiskalischen Silberhütte, welche ich an der Hand eines sachkundigen Führers kennen zu lernen Ge» legenheit fand. Die Gewinnung des Silbers durch.Schmelzarbeit", wie da? hier gebräuchliche Verfahren bezeichnet wird, geschieht durch Ber« Wendung von Blei als Extraktionsmittel. Es legiert sich mit dem aus den geschmolzenen Erzen ausscheidenden Edelmetall und kann von diesem sodann ohne besondere Schwierigkeiten abgeschieden werden. Etwas komplizierter wird die Arbeit nur dadurch, daß das Silber aus verschiedenarttgen Mineralien, nämlich silberhalttgen Kupfer- und Bleierzen gewonnen werden muß. Wir gelangen zunächst in die Schmelzhütte; hier sehen wir eine Reihe hoher bis in den Dachraum hineinragender Schachtöfen, die wegen ihres in den Fußboden versenkten Herdes auch als Sumpföfen bezeichnet werden. Die Beschickung der Oefen zur Ausschmelzung der Erze geschieht vom Dachraum aus, und zwar lagenweis unter Zusatz von mineralischen Stoffen, welche den Schmelz- bezw. Scheidungsprozeß befördern. Eine.Beschickung" be- steht in der Regel aus folgenden Lagen: Schlacke, Roherz, an- geröstetes Erz, metallbleiische Zuschläge. Schwefelkies und Flußspat. Ferner kommt auf 8 Centner Beschickung 1 Centner Koks, vermittelst dessen die AnHeizung erfolgt. Hat nun nach Füllung des ganzen Schachtes der Schmelzprozeß begonnen, so sammeln sich im.Stechherd" oder.Sumpf" die Schmelzprodukte, während die Schlacken auf einer geneigten Rinne über dem Hüttensußboden sdem sogenannten Oberherds seitwärts absließen. Infolge der Volumenverminderung sinkt das Material im Ofen während diese? Vorganges weiter nach unten, so daß bei konttnuierlichem Betriebe der Rohstoff von oben beständig nachgefüllt werden kann. Die glühenden Schlacken werden aufgehäuft und zu festen Bausteinen geformt, zum Teil aber auch nach Abkühlung der Beschickung wieder beigefügt. Im Stechherd finden wir nun oben eine feste Platte, den sogenannten Kupferstein, welcher im ganzen abgehoben wird. Darunter liegt das flüssige, silberhaltige Blei, welches mit Löffeln abgeschöpft und so gleichzeitig geformt'werden kann. Die Rauchkanäle der Schmelzöfen sind sämtlich nach einem ge- mcinsamen, großen Schornstein geleitet, und zwar auf weitem Wege, damit die leichten, durch den Zug der Oefen zugleich mit den Rauch- gasen entführten, rußförnngen Erze zur Ablagerung hinlänglich Ge- legenheit finden. Dieser Ruß wird mit Kalkwasser angefeuchtet, ge- formt, gettocknet und dann bei der Beschickung wieder zugegeben. Ich habe schon erwähnt, daß einen Teil jeder Beschickung ge- röstete Erze bilden. Wir wollen nun eine zweite Hütte besuchen, in welcher diese Röstarbeit erfolgt. Es dienen hier Schachtöfen, welche gleichfalls vom Dachraum aus beschickt werden, zum Rösten des Kupfersteins. Das zuvor zerkleinerte Material brennt mit seinen eignen Gasen, wird jedoch von der oberen Mündung aus zuerst mit Holz angezündet. Das unten befindliche, provisorisch eingebrachte Füllmaterial wird nun herausgenomnien, damit das entzündete Produkt nach unten sinken kann hieraus wird von oben ohne weiteres nachgefüllt. Das Rösten von zuvor pulverisierten Roherzen geschieht in wesentlich andrer Weise, nämlich in sogenannten FortschauflungS- öfen; es sind dies große, langgestreckte, gemauerte Herde, deren Sohle nach der Este zu. also in der Richtung deS Gasstromes ansteigt. Nachdem das Roherz eingebracht und zunächst auf dem von der Feuerung ani weitesten entfernt liegenden Teil der Herdsohle ausgebreitet ist, beginnt die Heizung mittels Steinkohle. Das Erz- gemenge wird nun unter fortwährendem Rühren erwärmt und immer weiter nach den heißeren Teilen des Herdes vorgeschaufelt, bis es bereits schmelzend an der ttefften und heißesten Stelle, an der Feuer- brücke, angelangt ist. Während des Röstens wird der größte Teil von dem in den Erzen enthaltenen Schwefel, Arsen und Antimon verflüchtigt. Das schließlich aus dem Ofen gezogene Röst- gut enthält im wei entlichen Oxyde und Sulfate der in den Erzen enthaltenen Metalle, die nun pulverisiert der Beschickung der Schacht- öfen zugegeben werden. Wir gelangen nun in das Pochwerk. Hier sehen wir zehn schwere, durch Wasserkraft bewegte eiserne Stempel unablässig, gleich- zeitig oder abwechselnd, auf- und niedergehen, um bei ihrem Fall die auf einer Tenne ausgebreiteten Erze zu Staub zu zermalmen. In großen, rotterendcn, gleichfalls durch Wasser bewegten Trommeln werden die pulverisierten Erze gesiebt, um etwa noch vorhandene, größere Stücke wieder auszuscheiden. Die Wasserkraft liefert der„Rehberger Graben", ein kleiner Kanal, welcher sämtlichen industriellen Werken in Andreasberg und einigen andern Ortschaften das Wasser als billigste Kraft zuführt. Er besteht in einer, halb durch Dammbauten hergestellten und über- deckten Wafferrinne, welche von dem größten Wasserbecken deS Harzes, dem Oderteich, gespeist wird. Wir kommen nun endlich in die.Treibhütte", woselbst dem aus dem Stechherd des Schmelzofens entnommenen Werkblei das Silber abgeschieden wird. Dies geschieht in einem runden, kesselarttg ge- stalteten Flammofen, dessen nach der Mitte zu geneigte Herdsohle mit Mergel auSgestampft wird. In ein„Treiben" kommen ca. 250 Centner Werkble, platten a 30 bis 35 Pfund, welche in der Ofen- Höhlung ringS an den Wandungen aufgestellt werden. Es ergeben sich hieraus bei der Schmelzung 3— 5 Ccntner Silber, im übrigen Bleioxhde. Die große Kesselhaube wird mittels Flaschenzugs auf- gesetzt, die Abflußöffnung.„Glättloch" genannt, mit Mergel gedichtet, und hierauf der Ofen mit Steinkohle angeheizt, während aus den Düsen des Gebläses zur Erhöhung der Glut ein starker, erhitzter Luftsttom in die Ofenhöhlung geleitet wird. Die Bleibrote schmelzen durch Einwirkung der überschlagenden Flamme und es bildet sich an der tiefsten Stelle des Herdes das.Metallbad". Nach einiger Zeit entsteht auf derOberfläche desselben etneKruste,„Abzug" genannt, welche in einem schlecht schmelzbaren Gemisch von Antimon, Kupfer, Harb« blei usw. besteht und mittels Handkrücke herausgezogen werden muß. Die zweite Schicht bildet Antimonblei, das man zu Hartblei verarbeitet. Unter dieser Schicht finden sich nun die flüssigen, roten Oxyde(Glätte), welche durch eine Rinne, die Glättgasse, vom Treib« Herd abfließen. Diese Bleiglätte wird später durch Glühen mit Kohle.reduziert"; es verbindet sich letztere mit dem Sauerstoff der Oxyde zu Kohlensäure, und es bleibt metallisches Blei zurück, das zu Handelsblei geformt wird. Nunmehr beginnt das letzte„Treiben". Man verstärkt das Ge» bläse, und die Glätte fließt aus dem Ofen, alles noch vorhandene Blei wird nach und nach in Glätte verwandelt, die der Luststrom beständig der in die Lebmwand des Ofens eingeschnittenen Glätt- gaffe zutreibt. In dem Moment, wo der letzte Rest dieses Metalls oxydiert, zeigt sich ein merkwürdiges Farbenspiel; die letzte dünne Bleihaut zerreißt, und das glänzende, flüssige Silber blitzt glühend auf. Das ist der„Silberblick", von dem die Hüttenarbeiter sprechen. In das Glättloch wird nun ein Damm gemauert, eine Rinne eingebracht und diese mit kochend heißem Wasser gefüllt, über welches das geschmolzene Silber, damit es nicht sofort erstarre, ge- leitet wird. Erst beim Auffangen in löffelarttgen Formen wird es mit kaltem Wasser gekühlt. Die Sohlenfütterung des Ofens, die zu einem Teil Glätte eingesogen und auch Silberteilchen mit aus« genommen hat, wird ausgebrochen und bei den Schmelzarbeiten wieder als Zuschlag benutzt. Die mehrfach erwähnten Gebläse, ftir lvelche eine Turbine die treibende Kraft liefert, bestehen im wesentlichen je aus zwei inner- halb eines gußeisernen Gehäuses rotierenden Windflllgeln. Sie drehen sich in einander entgegengesetzter Richtung, so daß die zwischen je einem Flügel und der Gehäusewand eingeschlossene Luft nach einer Seite ununterbrochen hinausbefördert, von der andren Seite aber beständig ftische Luft nachgesaugt und in die Rohrleitung hin- eingepreßt wird. Das in dieser Silberhütte behandelte Erz wird nur zum geringsten Teile in Andreasberg gefunden. Der größte Teil des Erzes kommt ans dem Auslande, insbesondere aus Mexiko. Dieser interessante Prozeß, den wir nun in allen Stadien kennen gelernt haben, hat nur einen großen Uebelstand, den zu beseitigen trotz aller möglichen Vorkehrungen noch nicht gelungen ist. Die Arbeit in den Silberhütten bedroht die Gesundheit der Arbeiter in hohem Grade. Die stete Beschäfttgung der Hiittenleute vor dem glühenden Ofen bringt ihnen nicht die größte Gefahr; ihr ärgster Feind ist der feine Bleistaub, Ivclchen sie einatmen und der auch in die Poren der Haut eindringt. Nicht selten werden die Arbeiter von der Blcikolik befallen, welche mit heftigen Schmerzen verknüpft ist, und viele der Leute werden schon in jungen Jahren infolge Verkrümmung der Gliedmaßen völlig arbeitslos.— Arnold Rohde. kleines feiaUetou. — Zweierlei Tod. Aus den„Fragmenten" des polnischen Dichters Kasimir v. Tetmajer teilt I. v. Jmmendorf in der„Wiener Abendpost" u. a. folgende Skizze mit: In Genf erzählte mir ein Schweizer Arzt, man habe ihm ein- mal einen Bergführer gebracht, der die Touristen auf die wildesten Gipfel der Moni Blanc-Gruppe zu begleiten pflegte und der im Sterben lag, infolge der Vergiftung durch eine Nadel, mit welcher ihn eine Blumenhändlerin aus St. Julien verletzt hatte. Dem Manne war es nicht so sehr leid um das Leben, hingegen sprach er: „Das ist nicht einmal ein rechter Tod, Herr Doktor, das ist nicht einmal ein rechter Tod..." Und der Arzt fügte bei, daß er nie in seinem Leben einen Aus« druck größerer Verachtung und Ironie gesehen als damals in dem Gesicht dieses sterbenden Alpenführers. Und fürwahr, der Mann, der auf den Mont Blanc, Aiguille du Nord und auf den Moni Blanc de Tacul den Weg gewiesen— und die vergiftete Nadel einer Blumenhändlerin aus St. Julien— zweierlei Tod I— — Ein Naturfreund. In der„Nerthus" erzählt Hugo Otto: Wir waren auf der Rebhühnerjagd in der Grafschaft in der Nähe deS Dorfes Repelen. Als wir uns mit unfern Hunden einem größeren Bauernhofe näherten, kam uns der Besitzer desselben entgegen und gab uns durch Zeichen zu verstehen, daß er uns zu sprechen wünschte. Als wir den uns als Naturfteund sehr gut be- kannten Landwirt begrüßt hatten, erzählte er uns folgende Begebenheit: Beim Klcehauen haben meine Knechte ein Rebhuhnnest mit 18 Eiern ausgeschnitten. Es war mir zu schade, die Eier umkommen zu lasten, von denen 14 Stück unbeschädigt geblieben waren. Ich nahm sie mit nach Hause und legte sie einer kleinen Glucke unter, die bald auch fest brütete und glücklich elf Junge zur Welt brachte. Drei von diesen sind bei verschiedenen Anläffen verunglückt, aber acht sind sehr gut durchgekommen. Anfangs blieb die Henne mit ihren scheuen Küchlein beständig in der nächsten Nähe des Hofes. Bald aber erwachte bei den letzteren der wilde Freiheitsdrang; sie liefen von selbst ins Feld, das Huhn immer hinter ihnen her. Schließlich zeigte sich die Glucke so sehr nachgiebig, daß sie ganze Tage, bald auch die Nächte hindurch drauhen im Feld bei den Kindern blieb. Hin und wieder kam sie noch einmal auf den Hof. Aber die Feld- Hühner waren dann immer sehr scheu und flogen meist, wenn ich näher kam, schnurstracks ins Feld, wo sie dann von der Henne wieder aufgesucht wurden. Jetzt sind sie meistens in jenem Runkelrübenstück zu finden. Schießt mir bitte die Hühner nicht! Mir war diese Mitteilung sehr interessant, und es bedarf wohl nicht der Versicherung, daß»vir von Herzen gern die Bitte unsres befreundeten Landinannes erfüllten. Die Neugierde aber zwang mich doch, in Begleitung des Mannes einmal die kleine Kette aufzusuchen. Es dauerte auch nicht lange, so stand„Treff" vor, und„gack gack" warnte die Henne. Da hatten wir also unser interessantes Völkchen vor uns. Noch einige Schritte und... brrr gingen acht ziemlich ausgewachsene Hühner hoch, um einige Hundert Schntt weiter wieder einzufallen. Unsre alte Henne aber lief unter den Rübenblättern fon. Ich rief den nachziehenden Hund ab, dankte dem Bauern für seine tteue Fürsorge an unsrem Wild und weiß nicht recht, ob jenes kleines Erlebnis oder das Weidmannsheil hinsichlich der guten Strecke für mich den Tag so genußreich gestaltet hat.— — Ueber Waldbau auf Moor schreibt die„Illustrierte Land- wirtschaftliche Zeitung": Für die Frage der Aufforstung der Moore ist die Beschaffenheit, die Art der Moorbildung von allergrößter Be- deutung. Bei genügender Entwässerung und nicht zu tiefem Moore lassen sich auf besseren Moorböden schöne Bestände von wertvollen Forstgewächsen erzielen, namentlich wenn vom Untergrundsande etwas auf das Moor gebracht wird. Fichte, Eiche, Buche finden auf den guten Niederungsmooren einen geeigneten Standort, Kiefer und Wirke auf den geringeren, und bei besonders feuchter Lage die Erle. Im allgemeinen aber kann man sagen, daß solche Flächen be- sonders als Futterflächen landwirtschaftlich vorteilhafter ge- nutzt werden können. Viel schwieriger ist der Holzbau auf Hockmooren bei größerer Tiefe des Moorstandes. Alle dahingehenden Wersuche sind mehr oder weniger mißlungen. Die Höhe des Be- standes nimmt mit der Tiefe des Moores ab. und dort, wo diese 1 Meter übersteigt, ist von einer gesunden Entwicklung der Pflanzen nicht mehr die Rede. Die Aufforstungen im Regierungsbezirk Stade, Augustendorfer Hochmoor, sind jetzt als vollkommen mißlungen zu bezeichnen. Dieselben sind nach mehrjähriger Brandkultur vom Oberförster Brünings bei genügender Entwässerung an- gelegt und wuchsen in den ersten zehn Jahren, so lange der durch die Verbrennung gewonnene Vorrat an Asche reichte, sehr gut, das Wachstum wurde aber von Jahr zu Jahr geringer und hörte dann ganz auf. Zu der Anschauung, daß man mit verhältnismäßig geringen Mitteln zu einem Hochwald auf tiefem Hochmoor gelangen könne, ist man durch die Thatsache gekommen, daß bei den Gehöften der Hochmoore in kleinem Umkreise oft prächtige Bestände von Kiefer, Fichte und Eiche sich finden. Die Böden um die Gehöfte find aber dort bereits seit langer Zeit entwässert, daher in den oberen Schichten stark zersetzt und ist die Verschleppung von Pflanzennährstoffen durch Mensch und Tier nicht zu unterschätzen, die im Laufe der Generationen stattfindet und den langlebenden Forstgewächsen zu gute kommt. Wird in der Nähe der neuangelegten Moorsiedelungen für eine energische Entwässerung gesorgt und dem Boden Kali und Phosphorsäure gegeben, dann gedeihen die kleinen Holzbestände sehr gut. Eine Behandlung des Hochmoores im großen ist auf diese Art natürlich viel zu teuer.— Theater. Neues Theater.„Einen Jux will er sich mache n." Posse nnt Gesang in vier Aufzügen von Johann Nestroy.— Die alte Berliner und Wiener Posse gilt als„die gute alte Posse'; man spricht in einem Tone der Pietät von ihr, als dem höchst respektablen, ehrenwerten Elternpaar, dessen Bild von dem entarteten Nachwuchs, dem geift- und seelenlosen, späteren Poffenschwindel sich leuchtend obhebt. Ein Abstand ist da, doch. Ivie es so geht, die Erinnerimg übertreibt ihn idealisierend zu Gunsten der Vergangenheit. Das Renommöe, das das Alte genießt, reizt zu gelegentstchen Neuausführnngen, aber der Effekt pflegt dabei eine Untergrabung jenes Renommees zu fein. Verwundert reibt man sich die Augen, daß sie von den gerühmten Tugenden bei solcher Begegnung herzlich wenig entdecken.— Von dem frischen, volkstümlichen Handwerksgesellen-Humor, der wenigstens in einzelnen Scenen des auch heute noch immer wieder gespielten „Limipacivagabmidus" erfreut, ist in dem vom Neuen Theater aus- gegrabenen, etwa ein halb Jahrhundert alten Nestroy-Schwanke kaum ein Hauch zu spüren. Der zum Associs anvancierte Coinmis und der in die Commisstelle erhobene Lehrling, die die Abwesenheit des strengen Prinzipals benutzen, sich einen„Jux" zu machen, zeigen nicht einmal einen Ansatz individualisierender Charakteristik; und die Situationskomik arbeitet, loenn auch im Rahnieu der kleinbürger- lichen Verhälttrisse, teiliveise bereits nach Methoden, die dann später im Pariser Schwank zur Virtuosität ausgebildet sind. Die Scenen in dem Wiener Restaurant, das Damensouper der beiden Juxnracher, der Wandschirm, der sie vor dem eifersüchtigen Chef verbirgt, die Berwechslungs- und Hetzjagd der Uebelthäter weisen bei allen Unter- schieden de? Milieus deutliche Verwandtschaftsspuren mit dem französischen Genre auf, nur daß die Technik des Verwirrungs- stiftens hier über kindlich unbeholfene, primitive Anfänge noch nicht hinaus gediehen ist. Je weniger so das blutleere, zusainmen- gebastelte Stück den Erwartungen auch nur halbwegs ent- sprach, um so bedeutsamer erscheint die Leistung der Regie und der Schauspieler, die dieser Nichtigkeit trotzdem zu einem flüchtigen Reiz verhalf, ja, der es gelang, im Publikum, unter dem die Landsleute Nestrohs zahlreich vertreten waren, einen starken, am Schlüsse stürmi- schen Beifall zu entfeffeln. Ein gut Teil des Erfolges kommt auf die Rechnung der ausgezeichneten Dekorattonen, die Walser gemalt. Sie gaben dem Ganzen ein stimmungsvoll lebendiges, oft kurioses Zeitrelief. Ein Zimmer mit gemalten: Sofa in dem früheren, spar- samen Bühnenstil erregte große Heiterkeit. Aber dann setzte die Kunst des Malers auch wieder in anmutig freiem Spiel über die Regeln einer strikt pedantischen Stilgerechtigkeit hinweg, das Primitive mit Modernsten verbindend,— so in der wundervollen Gartenaussicht, in die ganz naiv Tische und Stühle mit tafelnden Gästen hineingemalt waren. Trefflich wirkten die bunten, gravitätisch-lustigen Biedermeierkostüme in dieser Umgebung. Mit Lust und Liebe waren die Schauspieler— Viktor Arnold als gueckfilberuer, cholerischer Gewürzkrämer, Julius Sachs und Fritz Spira, die beiden Abenteurer, -Eke rt und Fräulein E ib e n I ch ü tz, das senttmental verstiegene Liebespärchen und Marie Glümer als junge lebenslustige Witwe— bei der Sache. Ihre Vergnügtheit hatte etwas An- steckendes. Den Vogel aber schoß Reicher in der Rolle deS dummen Hausknechts Melchior ab. Ohne Verdienst des Autors, der auch hier wieder mit ein paar schablonenhaft karrikierenden Sttichen zeichnet, entstand da eine urwüchsig drollige, wenn man nicht genau auf die Worte hörte, dem Leben täuschend ähnliche Gestalt.— dt. Humoristisches. — DaS Huhn. fKlafsenaufsatz des kleinen Karl.) Das Huhn gehört zur Zoologie. Mit 4 Zeben reicht es bis auf die Erde. Zwischen die Zehe hat es keine Schwimmhaut. Auf dem Kopf steht auch noch was. Das ist ein Fleischkamm. Das Huhn ist ein kahu- fönnliches Haussier. Aber sein Schwanz ist dachförmlich. Das Huhn sein Schwanz ist hinten. Vorne hat sie eine Nickhaut, damit schläft sie. Es trägt ein verschiedenes Federkleid von Farbe. Der Hahn ist männlich und stolz mank die Hühner. Das Huhn und der Hahn hat an jeder Seite ein kleines Auge, das ist zum Besehen. Der Hahn kräht, das Huhn kann nicht krähen, darum gluckt sie.— Das Huhn legt zwei Eier. Der Hahn legt keine Eier. Sie legt uns Eier, Federn und zuletzt einen sehr nahrhaften Braten. Dann hört sie auf Eier zu legen. Das Ei will ein Hahn werden, aber nicht immer. Das Ei besteht aus Eiweiß und Dotter, dann ist es ein Windei. Ein ordentliches Ei ist ein Ei mit was rum. Das Huhn frißt Brot, Weizen und rinnt die Wände ab. Wir haben einen Hahn gehabt, die freßte 20 Maikäfer auf einmal. Nun ist er tot.— — Der schlaue Johnny. Johnny:„Großpapa, hast Du Zähne?" Großpapa:„Nein, ich habe sie schon alle verloren." Johnny:„Dann kannst Du mir meine Schinkensemmel halten, so lange ich spiele."—(„Jugend".) Notizen. — In Graz ist am 13. Mai ein Hamerling-Denkmal. ein Werk des Wiener Bildhauers Kundmann, enthüllt worden.— — Zum Sonzogno-Wettbewerb waren 230 Opern eingegangen. Den er st en Preis, 60 000 Lire, erhielt der Fron- zofe Dupont für seine Oper„I-» Cabrera". Der zweite Preis. 10 000 Lire, fiel dem Neapolitaner Filiast, der dritte, 5000 Lire, den: Komponisten Franca de Venczia zu.— — In Salzburg findet vom 12. bis 14. August ein M o z a r t f e st-statt. Generalmusikdirektor v. Schuch hat die Leitung übernommen: der Tenorist Burrian und Erika Wedekind haben ihre Mittvirkung zugesagt.— — Im Salon Cassirer beginnt am 24. Mai eine Aus- stellung von Werken Hirth du FrSnes und Theodor Alts.~ — Die erste Ausstellung des deutschen Künstler- b u n d e s wird am 1. Juni in München im Ausstellungsgebäude der Secession eröffnet werden.— — Die Deutsche path alogische Gesellschaft hält am 26., 27. und 23. Juni in Berlin ihre erste selbständige Ver- fammlung ab. Die Geiellschast tagte bisher immer im Anschluß an die Naturforscher-Versamnllungen.— — Bei der Durchbohrung des Sim Plön- Tunnels auf der Nordseite ist man aus eine heiße Quelle gestoßen, der in der Sekunde 25 Liter Wasser entströmen. Die Durchbohrung wird nun vom Jselle-Eingang weitergefichrt werden: man rechnet noch sechs Monate bis zur Vollendung der Bohrarbeiten.— — Der Springwurm Wickler, ein seit einer Reihe von Jahren in R h e i n h e s s e n nicht beobachteter Rebcnfeind tritt in diesem Jahre lvieder auf und richtet in einigen Gemarkungen großen Schaden an.—. — In einer der letzten Nummern des„A l t k i r ch e r Kreis- blattes" stand folgende Annonce:„Hirsingen sucht tüchtigen Mann zum Aufziehen der Turmuhr.— Lohn: zunächst keiner, später bei guten Leistungen verdoppe lt."—__ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 22. Mai._ Werantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlas: Vorwärts Vuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LiCo., Berlin LW,