Anterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 105. Dienstag, den 31. Mai. 1904 (Nachdruck verboten.) 72! Sstder Alaters. Noinan von George Moore. (Schluß.) Sonntags hielten sie stets ihre Andachtsstunden ab. Nicht allein von unten aus der kleinen Stadt, nein, auch schon von viel weiter her kamen die Leute an. Diese Tage waren für Esther die glücklichsten ihres ganzen Lebens. Sie war zu- frieden mit der friedlichen Gegenwart und wußte, daß Mrs. Barfield ihr eine Kleinigkeit hinterlassen würde, wenn sie starb. Trohdem waren alle Sorgen noch nicht von ihr ge- wichen. Jack schien noch immer keine dauernde Anstellung in London bekommen zu können, und ihr Lohn war so winzig, daß sie ihm davon nicht viel schicken konnte. So ließ sie denn zunächst noch der Anblick seiner Handschrift auf einem Brief- couvert jedesmal erzittern, und mitunter zeigte sie Mrs. Barfield den Brief erst Stunden, nachdem sie ihn empfangen hatte. Eines Sonntagvormittags gingen die beiden Frauen zu- sammen spazieren den Berg hinauf, und Esther jagte: „Ich habe einen Brief von«reinem Jungen bekommen, .gnädige Frau. Ich hoffe, er schreibt mir darin, daß er endlich wieder Arbeit gefunden hat." „Ich fürchte, ich werde ihn hier nicht lesen können, Esther; ich habe meine Brille nicht bei mir." „Es schadet nichts, gnädige Frau. Dann warte ich eben noch." „Aber geben Sie mir ihn doch einmal her! Vielleicht geht es doch! Er schreibt ja eine große, leserliche Handschrift. Vielleicht kann ich ihn doch lesen." Und sie entfaltete das Blatt und las: „Meine liebe Mutter! Die Stelle, von der ich Dir in meineni letzten Briefe schrieb, war schon vergeben, als ich hin- kam. Also muß ich in dem Spielwarenladen so lange noch bleiben, bis ich etwas Besseres finde. Aber ich bekomme hier bloß sechs Schillinge die Woche und meinen Thee, und damit kann ich nicht ganz auskommen." „Dann kommt etwas— etwas— von dreieinhalb Schilling die Woche— bezahlt— etwas von Bett— etwas— ja, ich kann es doch nicht ganz lesen." „Ich weiß schon, was das ist. E.r schläft in einem Bett mit dem ältesten Jungen." .�Richtig, das ist es, und er will wissen, ob Sie ihm nicht helfen könnten. Hier steht es:„Ich will Dich nicht gerne be- lästigen, liebe Mutter, aber es ist sehr schwer für einen Jungen, in dem großen London sich sein Brot zu verdienen." „Ich habe ihm aber schon mein ganzes Geld geschickt; vor dem nächsten Ersten werde ich keines mehr haben." „Ich werde Ihnen welches leihen, Esther; wir können doch den Jungen nicht verhungern lassen. Mit zweieinhalb Schilling die Woche kann er in London nicht leben." «Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Sehr! Aber ich möchte von Ihrem Gelde nicht gerne etwas nehmen. Wie sollen wir denn sonst den Garten geräumt bekommen während des Winters?" „Es wird schon gehen, Esther. So oder so. Der Garten muß eben warten, die Hauptsache ist, daß Ihr Junge nicht mehr in London sitzt und hungert." Wieder gingen die beiden Frauen weiter den Berg hinauf. Als sie oben angelangt waren, sagte Mrs. Barfield: _,.Jch habe schon seit Monaten nichts mehr von Mr. Arthur gehört. Wissen Sie, Esther, daß ich Sie um diese Briefe beneide, in denen Sie Ihr Junge um Geld bittet? Welchen Zweck hat denn für unS das Geld, außer um es unfern Kindern geben zu können; um andern helfen zu können! Das ist doch das einzige wirkliche Glück aus dieser Erde." Sie befanden sich jetzt in der Nähe des alten, aus Ziegel- steinen erbauten Farmhauses, in dem Mrs. Barfield ge- boren war. Mrs. Barfield mußte an jene lange schon hinter ihr liegenden Tage denken, an denen ihr Verlobter hierher geritten kam, sich rasch von seinem Pferde schwang und an ihrer Seite den Gartenweg hinauf dem Hause zuschritt. Dann hatten sie geheiratet und waren in das italienische Haus hinüber- gezogen hinter den dichten Baumgruppen. Das war eigentlich das einzige große Ereignis ihres ganzen Lebens gewesen. Sie wandte sich um und blickte auf das Meer hinaus. Jenseits berührten die Baumgruppen von Woodview den Horizont. .Ein wenig weiter nach rechts sank diese Linie etwas herab und man sah zwischen den andern Baumstämmen hindurch d.ie Dächer der kleinen Stadt schimmern. Ein Zug wand sich schlangengleich über die dünnbeinige Brücke hinüber. Der verschilfte Fluß ergoß nach wie vor sein trübes Gerinnsel in den Hafen hinein, und der so kunswoll errichtete Damm schützte Felder und Aeckcr vor einer Ueberschwemmung durch das Meer. Nach einer Weile sahen sie den Zug hinter dcni vier- eckigen, altmodischen Kirchturm verschwinden. In dem kleinen Kirchhof hinter diesem Turm lag ihr Mann begraben, ihr Vater, ihre Mutter und alle ihre Verwandten. Auch sie würde nun wohl bald dort liegen! Wie lange noch? Höchstens ein paar Jahre! Ihre Tochter lag weit, weit fort von hier in der Erde Aegyptens. Sie aber hatte ihr ganzes Leben hier der- bracht auf diesem Flecken Erde, mit einziger Ausnahm': der paar Monate, die sie am Krankenbette ihrer Tochter in Aegypten verlebt hatte. Und das war ihr ganzes Leben gewesen, der Uebergang aus dem alten, rotgeziegclten Farmhause über die paar Felder und Aecker nach dem gelben italienischen Haus hinter den Bäumen. Und für Esther hatte diese öde Landstrecke fast ebensoviel Bedeutung wie für ihre Herrin! Hier hatte sie William kennen gelernt. Hier war sie mit ihm spazieren gegangen. Hier war er geboren und heran- gewachsen. Und jetzt lag er weit von hier entfernt auf dem Bromptonkirchhofe; sie aber war hierher zurückgekommen. Und das geheimnisvolle Weben der unsichtbaren Mächte des Geschicks verblüffte fast die ungelehrte Denkweise des ein- fachen Weibes. „Haben Sie je wieder von Fred Parsons gehört?" fragte Mrs. Barfield Esther auf dem Rückwege. „Nein, gnädige Frau; ich weiß nicht, was aus ihm ge- worden ist." „Wenn Sie ihm nun aber noch einmal begegnen sollten, würden Sie ihn heiraten wollen?" „Noch einmal heiraten! Ich! Noch einmal das ganze Leben von vorn anfangen! All' die Mühsal und Wirrsal noch einmal beginnen! Nein; warum? Ich habe jetzt nur noch ein Ziel im Leben, das ist, meinen Jungen in einer ordentlichen, festen Stellung zu sehen." Schweigend schritten die beiden Frauen weiter dahin. Sie kanien an langgestreckten Ruinen von Ställen, Schobern, Heuböden. Holzschuppen und so weiter vorbei. Sie gingen zurück nach dem Garten. Man konnte jetzt eintreten, wo man wollte; der Zaun war fast überall morsch und zerfallen, und der Garten sah aus wie eine Wildnis. Die kleinen?lcpfel. bäume verschwanden fast unter dem sie umringelnden, hoch emporgeschossenen Unkraut, und andres niederes, allzu upvig sprießendes Unkraut hatte sämtliche Wege überwuchert. Von den Treibhäusern war fast nichts mehr übrig als ein Paar zer- brochene Glasscheiben und ein schwarzer, verräucherter Schorn- stein Eine mächtige Buche hatte in ihrem Falle ein Sommer- Häuschen mit umgerissen, und unter den triefenden Bäumen saß ein verlassener Pfau und schrie in herzzerreißenden Tönen nach seiner verschwundenen Gefährtin. „Ich glaube nicht," sagte Mrs. Barfield,„daß Jack in diesem Winter noch eine gute Stelle wird finden können. W" werden ihm vorläufig sechs Schilling die Woche schicken; das zusamnien mit seinem Verdienst wird dann schon ausreichen, um sein Leben zu fristen." „O, reichlich, reichlich! Aber wovon sollen denn dann die Arbeiter bezahlt werden, die den Garten ausräumen sollten?" „Wir werden dann eben nicht den ganzen Garten räumen lassen können: aber Jim wird uns schon ein ordentliches stuck Herrichten, groß genug, um unsre Frühjahrsgemüse und etwas Kartoffeln zu pflanzen. Zunächst müssen diese Aepfclbaume umgehauen werden; und ich fürchte, man wird auch den Walnußbaum niederlegen müssen. Er ist zu mächtig, seiner Nähe kann gar nichts andres mehr wachsen. Und diese Menge Unkraut! Hat man schon je so etwas gesehen? Und Soch ist es kaum zehn Jahre her, daß wir Woodview zum erstenmal verließen. Seitdem hat allerdings keiner mehr für den Garten etwas gethan. Ja, die Natur braucht nicht lange Zeit zur Vernichtung; ein Paar Jahre nur, ein Paar kurze, kurze Jahre!" XLVIII. Den ganzen Winter hindurch hatte der Nordwind über die Hügel gepfiffen und geheult. Eine Menge Bäume waren im Park umgerissen worden, und Ende Februar sah Woodview öder und trauriger aus denn je. Die Wege im Garten waren durch herabgefallene Zweige versperrt, und die mächtigen, um- gefallenen Stämme zeigten ihre traurigen Wunden. Die beiden Frauen saßen abends mit ihrer Arbeit da, horchten auf das Geheul des Sturmes und dachten über die Arbeit nach, die ihrer harrte, sowie das Wetter milder geworden sein würde. Mrs. Barfield hatte es ermöglicht, im Laufe des Winters ein paar Pfund beiseite zu legen, und an dem Tage, da Jim den Garten von den Aepfelbäumen zu räumen begann, wich sie kaum von seiner Seite und konnte keinen Augenblick ihre Blicke von ihm abwenden. Zum Teil wurde ihr das Vergnügen des Tages freilich wieder durch den Gedanken vergällt, daß ihr Sohn an dem gleichen Tage in den großen Steeple-chase- Rennen mitritt. Sie hatte Furcht; sie war besorgt um sein Leben, um seine Sicherheit; sie konnte die ganze Nacht hindurch nicht schlafen und eilte zu sehr früher Stunde schon hinunter in den Garten, um sich von Jim die Zeitung zu holen, welche er ihrem Auftrag gemäß bringen sollte.—- Es dauerte einige Zeit, bevor er das Papier aus dem zerfetzten Futter seiner Tasche herauswinden konnte. „Er ist nicht unter den ersten dreien," sagte Mrs. Barfield mit einein Seufzer der Erleichterung.„Ich weiß schon immer, daß er in Sicherheit ist, wenn ich seinen Namen nicht unter den ersten dreien finde. Ich muß aber den weiteren Bericht des Rennens lesen, um zu sehen, ob kein Unglück passiert ist." Sie wandte das Blatt um. „Gott sei Dank!" rief sie,„es ist nichts passiert. Sein Pferd war das vierte." „Ich glaube, Sie quälen sich ganz unnötig, gnädige Frau. Einem so ausgezeichneten Reiter wie Mr. Arthur, dem passiert so leicht nichts!" sagte Esther. „Gerade die besten Reiter werden oftmals getötet, Esther. Ich habe nie einen Augenblick der Ruhe oder des Friedens von dem Moment an, da ich weiß, daß er in einem Rennen mit- reiten wird. Wenn ich nun eines Tages in der Zeitung lesen würde, daß ihm ein Unglück zugestoßen sei!" „Wir dürfen an solche Dinge gar nicht unnötig denken, gnädige Frau. Wenn nun morgen ein Krieg ausbräche, was sollte ich da wohl thun? Nach all dieser Mühe, die ich gehabt habe, um meinen Jungen groß zu ziehen, und nach all der Arbeit, die ich für ihn verrichten mußte! Aber au solche Dinge denke ich gar nie; ich sage mir immer, das beste ist es, ruhig weiter zu arbeiten und für unsre Kinder alles zu thun, was wir nur können." „Ja, Esther, das ist in der That alles, was wir thun können, arbeiten, arbeiten, immer weiter arbeiten bis zum Ende! Ihr Junge sollte heute wieder herkommen, nicht wahr?" „Ja, gnädige Frau. Um zwölf Uhr soll er hier sein." „Sie sind eine glücklichere Mutter als ich, denn ich lebe beständig in dem Zweifel, ob ich meinen Sohn überhaupt je wiedersehen werde!" „O, gnädige Frau! Natürlich werden Sie ihn wieder- sehen! An einem dieser Tage wird er schon frisch und gesund wieder ankommen. Ich sage mir immer, wenn ich einen trüben Gedanken habe:„Es wird nun bald wieder besser werden." Nrm aber muß ich an meine Arbeit gehen. Ich muß ins Haus zurück. Bleiben Sie noch hier, gnädige Frau, oder kommen Sie mit mir herein?" „Ich denke, ich werde noch hier bleiben. Ich sehe den Leuten gern zu beim Arbeiten." „Es ist aber nicht gut für Sie, hier auf der nassen.Erde herumzustehen." Mrs. Barfield lächelte freundlich und nickte Esther zu. Und diese blieb an der Hausthür stehen und blickte nach ihrer Herrin zurück, welche dastand, um dem Forträumen des zehn- jährigen Verfalls und Unkrauts zuzusehen, und mit dem gleichen tiefen Interesse dem Pflanzen einiger Erbsen, Kohl- köpfe und Kartoffeln anwohnte, wie früher dem Einsetzen der kostbarsten und seltensten Pflanzen und Blumen. Sie stand da auf den Ueberresten eines einst mit Kies bestreut gewesenen Gartenweges. Die nasse, schwere Erde heftete sich fest an ihre Stiefel, während sie von weitem Jim zusah, wie er ganze Arme voll Unkraut auf seiner Karre davonfuhr. Würde er, dachte sie, im stände sein, dies Stückchen Erde im Laufe dieser Woche für sie bereit zu machen? Was sollte sie mit dem mächtigen Walnußbaum anfangen? In seiner Nähe konnte nichts wachsen und gedeihen. Jim fürchtete aber, daß er allein nicht im stände sein würde, das mächtige Ungetüm von Baum fortzuschaffen. So schlug Mrs. Barfield denn vor, den Baum Zweig für Zweig abzusägen, aber Jim war nicht sicher, daß dies viel nützen würde. Der Stamm blieb dann doch eben so mächtig wie zuvor. Und fort mußte er doch! Denn seine riesigen Wurzeln entzogen dem Boden ringsherum die ganze Kraft. Und sa lange er dort stand, konnten sie nicht auf viel Erfolg von ihrem Pflanzen und Säen hoffen. Nun fragte Mrs. Barfield, ob der Erlös des Holzes wohl die Arbeit des Fällens aus- gleichen könnte. Jim hielt in seiner Arbeit inne, stand da, auf seinen Spaten gestützt, und dachte nach, ob er nicht jemanden unten im Städtchen kannte, der, wenn er das Holz geschenkt bekäme, den Baum umsonst umhauen und fortschaffen würde. Es sollte doch wahrhaftig den einen oder de» andern solchen Menschen unten im Städtchen geben, aber eigentlich hielt er das für Verschwendung. Mrs. Barfield mußte entschieden etwas für den Ba ,m bekommen, denn Walnußholz war ein sehr kostbares Holz, wurde von den Möbelsabrikantm teuer bezahlt und mußte Geld einbringen. Um zwölf Uhr mittags gingen Esther und Mrs. Barfield wieder hinaus in den Garten. Ein scharfer Wind blies vom Meer herauf und schüttelte die inunergrüncu Sträucher so heftig, als wäre er böse auf sie. Die Frauen zogen ihre Mäntel fester uni die Schultern. Jetzt sahen sie den Zug über die dünnbeinige Brücke fahren, und beide dachten nach, wie lange Jack wohl nun noch brauchen würde, um vom Bahnhof herauf zu koinmen. Ter Wind war rauh, er peitschte von Zeit zu Zeit die immergrünen Sträucher von unten herauf auseinander wie Regenschirme; das Gras war noch nicht heraus aus der Erde, und die graue Farbe des Meeres harmonierte vollkommen mit der graugrünen Farbe des Erdbodens. Auf dem freien, voin Winde umtobten Gras- platze standen die beiden Frauen und warteten. Ter Wind peitschte ihnen die Röcke um die Beine, und mit Miibe nur konnten sie ihre Hüte auf den Köpfen festhalten. Es war zu kalt, uni lange so still zu stehen. Sie wandten sich wieder und gingen ein paar Schritte dem Hause zu. Dann wandten sie sich wieder um und blickten zurück. Ein großer, junger Mann kam jetzt durch das Garten- gitter geschritten. Er trug einen langen Mantel und seine kleine Mütze saß ihm schräge auf den kurzgeschorenen Haaren. Esther stieß einen leichten Schrei aus und rannte ihm entgegen. Er schlang die Arme um seine Mutter und küßte sie zärtlich, und zusammen gingen sie dann Mrs. Barfield entgegen. In der tiefen Glückseligkeit dieses Augenblicks war für Esther aber auch alles vergessen. In diesem Augenblick empfand sie nur das tief beseligende Bewußtsein, daß sie das Ziel ihres Lebens erreicht, daß sie ihr Werk gethan hatte. Sie hatte ihn zum Manne, zum kräftigen Manne erzogen, und hierin mußte sie auch ihre ganze Belohnung finden.— Sie sah ihn bewundernd an; welch ein prächtiger, schöner Junge er doch war! Sie hatte eigentlich gar nicht gewußt, daß er fo schön sei; und während sie vor Vergnügen, vor Stolz und vor Glück errötete und ihn schüchtern von der Seite her immernoch betrachtete, stellte sie ihn ihrer Herrin vor. „Dies ist niein Sohn, gnädige Frau." Mrs. Barfield reichte dein jungen Manne freundlich die Hand. „Ich habe schon viel, sehr viel von Ihrer Mutter über Sie gehört," sagte sie. „Und ich noch mehr von Ihnen, gnädige Frau. Sie sind immer so sehr gütig zu meiner Mutter gewesen. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen je dafür genügend danken soll.".. Und schweigend wandten die drei ihre Schritte dem Hause zu.—_ Große BerUner Kunstausstellung. n. Obgleich man doch annehmen muß, daß auch diese Maler« gencration, die hier vertreten ist, ihren Nachwuchs hat, der vielleicht die künstlerischen Schwächen überwinden kann, hat man es doch für nötig gehalten, diesen ganz zurückzudrängen Auch innerhalb dieser Kreise— das nehmen wir doch immer noch an— wird es Jüngere geben, die ringen und neugestalten wollen. Trotzdem beherrscht das Mer den Plan, das Mer, das sich schon oft genug zur Genüge aus- gegeben hat. Es ist also kein Gesamtbild etwa, das sich hier ergiebt, sondern ein ganz einseitiges Bild deutscher Kunst. Mit Raummangel ist das nicht zu entschuldigen. Es ist offenbare Absicht, im eignen Hause sich als Herr zeigen zu wollen. Aus diesem Grunde geht man so verschwenderisch mit den Wänden um, daß Maler, die schon längst bekannt und abgethan sind, hier mit Kollektivausstellungen prunken, als gälte es, ihnen erst Ansehen zu verschaffen. Am tollsten und groteskesten treibt es Themistoklcs von Eckenbrecher. Er ist mit mehr als 30 Arbeiten vertreten, von denen eine immer fader als die andre ist. Wie Oeldruck wirken diese Bilder. Sie sind von der Art, wie man sie schon vor zehn Jahren verlachte. Die Photo- graphic ist eine hohe Kunst dagegen. Immerhin besser ist der sattsam bekannte Hermann Schnee. Er gicbt allerdings auch nur das allerthatsächlichstc. Einige kleine„Städtchen" sind doch wenigstens etwas. Sonst must man auch hier ein Fragezeichen vor die ganze Kunst setzen. 80 Bilder hat er hier. Ebenso steht es mit Alfred Schwarz. Meist sind sie affektiert und platt. Nur das Bild von „Frl. Agathe M." ist wenigstens natürlich und„Frl. A. Wüllner" wenigstens einfach. Aber wenn jemand das Malen von Porträts sich so zur Hauptaufgabe macht, dann sollte er sich einmal fragen: was bezweckt ein solches, was will es? Schwarz ist mit 13 Bildern vertreten. Neben Eichels sentimentalem Gepinsel und Kiesels kalkig-bunter Kunst,' neben Zieglers platten und leblosen Bild- nisseu, neben F e ch n e r s abziehbilderarttgen Porträts ist Schwarz allerdings schon etwas besser. Nur U t h rechtfertigt künstlerisch seine Kollektivausstellung. Er hat allerlei feine Stimmungen. Ein Platz im Nebel. Feine Interieurs. Studien von Höfen. Eine Dorf- strasse.>' leberblick über Dächer. Farbig feines Sehen zeigt er. Er setzt die i.ialerischen Effekte energisch hin. Und dann wird er wieder ganz weich. Kubierschkys(München) Kollektivausstellung zeigt nur tonlose und verwaschene Sachen. Hauptsächlich sind es Landschaften, die hier am ehesten noch befriedigen können. Die Natur zwingt, wenn überhaupt im Künstler noch Ehrlichkeit lebt, zur Wahrheit uiid Einfachheit. Um nun diese Bilder zu finden, müssen wir in den Nebensälen suchen. Da finden wir künstlerische Bescheiden- heit. Da finden wir ein Suchen, und kein genügsames Protzen. Eine Ahnung von Kunst lebt hier noch. Und Farbigkeit wird nicht zum Gcmcngsel und Gemanschc. Ein farbig gelungener„Winter- nachmittag" von O. Ackermann. Eine schwere Dorfstimmung von Altenkirch. Ein kräftiger„Sonnenuntergang" von B a e r. Pflügender Bauer(„Frühling") von Becker.„Heidclandschaft" von Beckmann. Eine feine„Siesta" von B u r g e r. Ein lichter „Florentiner Garten" von Busse. Ein malerischer„Sonnen- Untergang" von C o u r t e n s.„Bei Chatam" von C ron e, wo die Farben gut aufgelöst sind. Ein in Graugrün zusammen- gestimmtes„Porträt" von Maria Davids. Dettmann zeigt in„Altes Haus im Mondlicht", waS er früher war. Seine andren Sachen sind schlecht. Er wirtschaftet jetzt mit dem grellen Regen- bogen, den er überall anbringt, und mit sentimentalen Motiven. Breite, eigen gesehene Landschaften in grauer Tempera von Dill. Ei»„Märkisches Dorf" von Douzette. Einfache landschaftliche Motive von R. E s ch k e. Lichte Stimmung(Wiese und Wald) von F e h r. Oskar F r e n z e I hat einen ganzen Saal angefüllt. Seine Arbeiten sind ruhig. Er übertreibt nicht. Wald, blaues Wasser, weite Flächen stellt er in kleinen Stücken oft bescheidentlich zusammen und erreicht da eine einheitlich-intime Wirkung. Riesengebirgs- ftimmungen von Freudemann. Ein Eisbär an einer Klippe von Friese. Stimmungsvolle Studien von Fanny v. Geiger- W e i s h a u p t. Eine warme„Abendsonne" von Margot G r u p e. Lebendige Farben in„Blumen" und„Alte Frau" von A. H a l m i. Breite und groste Wirkungen erstrebt L. H ä n f ch. Ernst Hardt giebt fein beleuchtete„Häuser am Wasser". Heimes einen farbigen „Wintertag". Schwer, aber feierlich in der Stimmung ist„Sonne im Winkel" von Hermanns. Hans Hermann giebt, wie vor Jahren schon, Marktscenen, meist aus Holland. Frisch gesehene Landschaften von H o ch. Dunkelbraunes Gemäuer im Grünen stellt Hoffmann-Fallersleben zusammen. Feinen Luft- ftimmungen geht Jülich nach. Breite, beinahe dekorative Wirkung holt Kayser-Eichberg aus der Mark heraus, wobei er zu- weilen zu sehr ins Aeußerliche verfällt. Marie Keller malt rote Nelken, natürlich, ohne Prätension, ein übertrieben geschmackvoll arrangiertes Stillleben.zu schaffen. Von Klohtz erfreuen wieder zarte märkische Stimmungen. Ein vielversprechendes Talent ist Alex. K o e st e r. Seine vier Arbeiten zeigen Enten im Wasser, in vcr- schicdencn Beleuchtungen, so farbig frisch gesehen, dah einem die Bilder sofort auffallen. Dettmann gab einmal in seiner früheren, guten Zeit ein ähnliches Motiv in gleicher Frische. Auster diesen sind noch folgende Namen anzuführen: Kuhnert (feinfarbige Geierperlhühner), M e w e s(Motive aus der Mark), Munkäczy(farbig fern), der ein wenig kalte Nordenberg, O b st(duftig), O'Lynch von Town(feingestimint), Priem (breit wogende Felder), Rettich(ftisch und lebendig), Einmy Schulze(eigen gesehen), S e g i s s e r(eigenartig in der Erfassung des Landschaftlichen), Stern(Hofstimmung), Thierbach(Dorf zwischen Höhen in feinem Licht), Ubbelohde(Blumen im Korn), Vorgang(ein lichter Sommertag). Anna Wolkenhauer(ein- fache Waldstudie), Frieda Ehrhardt(Kinderbild), Grohmann (rote Häuser). Von Dresdenern sind noch zu nennen: Joh. Müller, Pieffch- mann, Kolbe, Krause z von Karlsruhern Nagel, Göhler, Psarr: i von Berlinern Müller- Schönfeld, Oenicke, Eharlotte Roland, Saltzmann, Türcke, Wildhagen, Feldmann, Geyer, Hertel, Kall- morgen. Klein- Chevalier, Kohtz, Langhammer, Liedtke, Looschen; von Düsseldorfern Nikutowski, Wille, Jungheim, Kampf, Liesegang; von Münchenern Palmiö, Thallmaier, Matingzeck. Diesen schliesten sich an: Müller-Kaempf(Hamburg), Rettich(Mecklen- bürg), Holzapfel(Kassel), Mathies- Diasuren(Halle). Unter den Holländern fallen M e l ch e r s und M e s d a g auf. Unter den guten Arbeiten überwiegen Düsseldorf, München, Dresden. Unter den Berlinern sind auffallend viel Damen. Der groste Saal, in dem die Plastik zum grasten Teil Auf- stellnng fand, hat eine neue Wandverkleidung in Graugrün erhalten. Friese ziehen sich oben herum und Blumen unterbrechen mit ihrem Grün die Monotonie. So wird die Einförmigkeit der Bildhauer- kunst«inigermasten wohlthuend verdeckt. Denn auch hier herrscht eine erschreckende Erfindungsarmut. Und die wenigen Motive, die scheinbar eine Abwechslung hineinbringen, sind einem schon von anderSher bekannt. Leider hat man gerade wieder bei solchen inhalt- lich besseren Stücken die Empfindung, der Erfinder wäre darauf gekommen, weil sich solche Motive im Lauf der letzten Jahre als wirkungsvoll erwiesen. So z. B. begegnet man mehrfach einem Stier. Tuaillon hatte auf der Frühjahrs- auSstellung einen solchen. Ernst M. G e y g e r, der auch mit einem Stier vertreten ist, zeigt originales Fühlen in seiner Schöpstmg. Eine kraftvolle, elementare Wucht lebt in diesen Gliedern. Es ist eins der besten Stücke. So scheinen denn die Sachen, die man stofflich schon als neu begrüstt, nicht einem inneren Drange des schaffenden Künstlers zu entsprechen. Doch diese Werke find auch wenig hier. Sie sind zu zählen. Sonst giebt es wieder die übliche Auswahl. Man kann solche Künstler nicht namentlich nennen, sondern sie werden nach Massen rubriziert. Da sind erstens einmal solche, die unentwegt irgendwelche offiziell und patriotisch bekannte Persönlichkeiten oder historische Köpfe in Gips oder Marmor nach- bilden. Ihr Streben scheint künstlerische Kraft von vornherein aus- zuschalten. Sie übertragen photographisch augenblickliche Treue und Trivialität auf die plastische Arbeit und geben schlecht und recht die Oberfläche wieder, die sie eben nur sehen. Nirgends ein Bilden, nirgends ein Wollen. Dann kommen solche, die mit Vorliebe weibliche Akte, weniger männliche, hinstellen. Auch sie löblich sanft und nicht nach der Natur arbeitend, sondern die strengen, harten Lmien phantasievoll verschönernd, so daß etwas heraus- kommt, was nie und nirgends Begebnis war, sondern in der lahmen Einbildungskraft der Schöpfer besteht und die ebenso lahme Einbildungskraft müstig schlendernder Besucher gemütlich au- regt. Nicht genug zu verdammen ist diese Fälschung der Natur. Man stelle neben solch weichlich-süstliches Werk einen Meunier l Doch diese Plastiker wären noch zu verstehen. Denn ihre Natur ist so. Nun kommen aber die, die einen weiblichen Akt effektvoll drapieren. Sie kokettieren und reizen mit halbvcrhüllter Nacktheit, stellen irgend einen hohlen Phantasiekörper hin, hängen ihm Schmuck um Hals und Stirn, und nennen dieses unkünstleriche Werk andeutend:„Favoritin". Oder:„Sklavin". Dann siegt diese süste Gestalt geknickt am Boden. Schön must sie auf jeden Fall sein. Aber nicht nach den Schönheits- regeln, die die einfache, wahre Natur bildet, sondern nach der Phantasie spekulierender Künstler, die dann die einzelnen Körperteile auch recht ins Licht setzen. So fehlen allenthalben die Ziele. In bequemer Weise geht die Kunst hier ihren Gang. Konjunktnrcu aus- nutzend, bewährte Motive von neuem ausschlachtend. So kommen »och die hinzu, die in Allegorie arbeiten.„Eine Mutter". Oder: „Seelenkampf". Bei einer solchen Allegorie geht es meist etwas aufgeregt und wüst zu, um die Hohlheit durch eine äusterlich groste Geberde zu verdecken. Weit aufgerissene Augen. Fäuste. Gespreizte Finger. Oder sie setzen eine— in diesem Fall natürlich bekleidete— weibliche Figur auf eine» viereckigen Steinklotz, auf dem steht:„ape morts". Natürlich must es französisch sein;„Den Toten", das wäre zu einfach. Austerdem hat's Bartholoms so gemacht. Ueberhaupt wird viel und gern mit dem Tod gewirtschaftet. Dann sieht man recht viel Dackel getreulich und ohne Kunst nachgebildet. Es giebt eben viele Jagdliebhaber. So familiär wirkt das alles. Als fühlten sich die Künstler alle unter sich. Einer giebt sogar eine weibliche Büste, schreibt darunter:„Meine Schwester Jlla". Oder ein ander- mal„Der Herr Bankdirektor Mayer". Immer mit voller Namens- nennung. Damit zugleich die einzige Rechtferttgung ihre? Werks andeutend. Einer schreibt sogar unter einen lebensgroßen Akt„Gretchen". Eine frische Bildnisstudie von Arthur Bous,„Läufer" von Götz, eine eigenartige Büste von K l e t t, ein einfach und fest gesehenes.Pferdebildnis" von Kuebart, ein„Bogenschütze" Letoin-Funckes, einfache Tierstudien von Pallenberg(immerhin anerkennenswert), eine„Badende" von Pöp pelmann(seit Klinger sehr beliebt und mehrfach hier vertreten), eine im Fsiist der Bewegung leichte Figur„Trinkendes Mädchen" von Seifert, sachliche Bildnisse von Steiner(neben so viel Hohlheit sich heraus- hebend)— das Md etwa die Werke, die einem auffallen. Doch must man sich immer gegenwärtig halten, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Dah es eine einfache Kunst giebt. die ruhig und ehrlich sucht und ihre stillen Wege für sich geht, das merkt man hier nicht. Man hat den Eindruck, es wird hier nur für das Publikmn gearbeitet und bewährte Mottve werden ausgemünzt und ausgeschlachtet. Die Plastik ist die herbste Kunst und will zum Menschen, zum Körper hinführen. Darauf kommen sie hier nicht. Süblichkeit, GesellschastSkunst auch Jiier: eS fehlt jede ewige Note. Nun sind so und so viel Akte hier, n allen möglichen Stellungen, und kein einziger zeigt ein ernstes, künstlerisches Naturstudium. Es sieht alles wie Clichs aus. Wo dielleicht noch Arbeit hintersteckt, da sind die Linien so zahm und alles Wollen ist so matt, daß man nur mit Ueberwindung dieses an sich doch Selbstverständliche zugiebt. Mitten im Ehrensaal steht eine konventionelle und hohle Reiter- statue. Herzog Wilhelm von Braunschweig. In den Dimensionen, wie üblich groß. Alles Künstlerische ist daran aufs kleinste Minimum zusammengeschrumpft und beinahe verflüchtigt. Die Freie Ver- einigung der Graphiker strebt danach, ihrer Kunst ein Jkünft- kerisches Niveau zu erhalten. Es sind der Hauptsache nach jüngere Kräfte, die hier zu Worte kommen. Daher spürt man hier mehr Regsamkeit. Es sind da manche interessante Arbeiten, die der Technik gemäß sich fein herausarbeiten. Zu nennen ist da ein Rahmen mit Arbeiten von B e s e d o w, ein Schubkunstblatt von Börner seine Leistikow-Landschast, sehr großzügig), eine„Abend- stiniinung" von Heinrich, Georg Jahn, Holzschnitte und Radierungen des fleißigen Hans N e u m a n n jun., der mtt einfachen Farbengegensätzen operiert, Otto Rasch(Am Weiher"), Radierungen von Sander(Landschaften) und Struck. Der„Verband deutscher Illustratoren" zeigt hier die meiste Regsamkeir. Viel junge Kräfte arbeiten hier mit. Und den meisten modernen Zeichnern begegnen wir hier, wenn die allerbesten Namen auch fehlen. Es kommt dadurch eine erfreuliche Lebendigkeit der Physiognomie heraus. Diese Säle sind interessant. Namen können hier nicht genannt werden. Es sind wohl an AX> Namen, und die meisten Arbeiten zeigen Charakter. Auf diese,» Umwege konimen manche hier hinein, deren Bilder in der Secession hängen. So hat auch L. v. Hofmann ein tonschönes Blatt hier. Zum Schluß ist kurz noch folgendes zu sagen. Diese Künstler, die hier die Herren sind, gehören meist der alten Generatton an. Und eS ist nur eine Frage der Zeit, dann müssen sie vom Kampfplatz abtteten. Sie hatten vielleicht immerhin einen gewissen tech- nischen Fleiß und strebten in ihrer Art nach ehrlicher Arbeit, ob- Sleich sie nicht wußten, wofür sie das alles recht verwenden sollten. Ind so verflachen sie immer mehr. Der Nachwuchs, den sie sich aus- wählen nach äußeren Gesichtspunkten, hat nicht mehr die Berech- tigung, so inhaltslos zu fein und so oberflächlich, da die Zeit eine andre wurde. So schaden die Alten sich selbst und die Oede pflanzt sich immer trübseliger fort unter dein Nachwuchs, deren Streben eitle Liebedienerei wird. So versäumen diese akademischen Kunstgenosien- schaften, sich rechtzeitig zu erneuen, wie es der Zeit entspräche. Sie geben die Waffen aus der Hand. Solange die Kunst an dem einen Arm die Regierung, an dem andern den Restaurationsbetrieb führt— man hörte in der Zeit vor der Eröffnung immer nur von der Umwandlung der Gartenanlagen und der Restaurants, nie von irgend welchen künstlerischen Neue- rungen— so lange wird wohl der Zulauf der Menge sich erhalten. Die Herren werden wissen, weshalb sie das zulassen. Wo bliebe das Publikum, zöge nicht diese Attraktion, die aus einer kunst- 'barbarischen Zeit stammt, in der das Publikum durch solche Mittel herbeigezwungen werden mußte. Raffiniert mag diese Verquickung von Essen und Trinken und Gartemnusik mit der Kunst sein. Aber selbst von dem niedrigsten unter den Malern da drinnen sollte man doch immer noch annehmen, eS müßte ihn peinlich berühren, wenn die Mehrzahl der Leute in der Pause zwischen zwei Musikstücken an seinen Arbeiten vorbeilchlendert, in die er doch ein Stück Inner« lichkeit hineingelegt haben sollte und zum mindesten doch längere Arbeit daraus verwandt hat. Wie soll das Publikum die Achtung haben vor den, Werke, das der Künstler selbst so miß- achtend unter die Menge stößt? Die Künstler inützten doch die ersten sein, die dagegen protestieren. Und, da sie es nicht thun, ist das nicht schon ein Urteil, das sie selbst gegen sich aussprechen?— Ernst Schur. kleines Feuilleton. tt. Das Lcbcn der Hcscpilzc. Die Hefepilze, die wie die Wein- Hefe die Gärung in den geistigen Getränken hervorrufen, müssen wohl in der Natur in sehr großer Menge verbreitet sein. Denn sie find stets auf den Früchten vorhanden, in denen alkoholische Gärung möglich ist. Es fragt sich nun, wo diese Hefepilze oder Saccharo- myceten herkommen und wo sie den Winter zubringen. Von einem Alkohol-Hefepilz, der aber seinen Namen nicht mit Recht führt und wahrscheinlich nicht zu den eigentlichen Snccharomyceten gehört, wußte man, daß er in der Gartenerde überall vorhanden ist und hier auch den Winter zubringt. Von den eigentlichen Hefen- Pilzen hatten indes Pasteur und andre bedeutende Forscher behauptet, daß sie nicht in der Erde, sondern im Darmkanal von Insekten oder in den Exkrementen pflanzenfressender Tiere über- winterten. Nun hat aber Emil Chr. Hansen durch genaue Unter- suckungen(„Centralblatt für Bakteriologie") nachgewiesen, daß die Hefepilze von einer Fruchtzeit bis zur andern in der Erde sich auf- halten, ja daß sie sogar drei Jahre lang in der Erde zubringen können, ohne zu Grunde zu gehen. Sie sind nicht nur in Gärten oder in der Nahe von die>en im Boden verbreitet, sondern auch an Orten, die sehr iveit ab von Gärten liegen. Da diese Hefepilze an ihrer Gestalt nicht sicher zu erkennen sind, so hatte Hansen sehr umständliche Kulturversuche mit ihnen vorzunehmen. Trotzdem ge- lang es ihm schließlich zu zeigen, daß die Hefepilze am meisten in Gärten verbreitet sind und daß ihre Häufigkeit mit der Entfernung von diesen abnimmt. Allein in der Unigegeud von Kopenhagen, wo ein Teil der Versuche angestellt wurde, waren die Pilze überall und zu jeder Jahreszeit vorhanden. Hansen führte seine Untersuchungen aber zum Teil auch ain Fuße der Alpen auS, und hier zeigte es sich, daß in größerer Entfernung von den Gärten nach der Höhe zu die Hefepilze immer seltener wurden, und daß schließlich ein Punkt erreicht wurde, wo sie gänzlich aus dem Erd- reich verschwanden. Die Erde ist jedenfalls der gewöhnliche Ort für die Ueberwinterung der Pilze, selbst in Italien überwintern sie in der Erde. Ueberhanpt findet man sie im Winter nur ausnahmsweise anderswo als im Boden. Da sie aber im Winter in der Erde in reichen: Maße nachgewiesen werden konnten und hier selbst Jahre lang zubringen können, so ist der Beweis dafür erbracht, daß die Hefepilze normalerweise im Boden überwintern. In den Säften der Früchte haben sie jedoch ihre Brutstätte, wo sie sich vermehren. Seltener und schwächer geht die Vermehrung auch in den Flüssig- leiten der Erde und selbst im Wasser vor sich. In diesen Medien pflanzen sich wohl jene Hefepilze fort, die weit von Gärten gefunden werden. Vom Boden zu den Früchten und umgekehrt werden die Mikroorganismen durch Insekten verschleppt und durch den Wind transportiert. Bei dieser Reise trocknen die Hefepilze freilich leicht ans. doch sind ihre Sporen weit widerstandsfähiger. So erklärt es sich ebenfalls, daß die Hefepilze noch in weiten Entfernungen von Fruchtgärten in so großer Anzahl gefunden werden.— Geographisches. — Die Erforschung des oberen Lualaba hat im Jahre 1903 durch die Reisen des Franzosen Lottes eine bedeutende Erweiterung erfahren. Lottes Ergebnisse sind jetzt im„Monvement geographiqne" unter Beigabe von Kartenskizzen veröffentlicht worden. Danach begannen die Untersuchungen an den Schnellen von Konde <9 Grad 19' südlicher Breite), wo der Lualaba eine Breite von nur 39 Meter besitzt. Er wird dort von Hügeln zusammengepreßt, und es ist schwer, lelbst in Booten über jene Schnellen hinwegzukommen. Die obere Grenze der Dampfschiffahrt dürfte daher ein wenig weiter abivärts, bei der Insel Katonga, liegen. Von dort ab fließt der Lualaba ruhig und in einer Breite von 159—290 Meter bis zuni Gebiete der Seen, die er entweder, wie den Kiffale, durchströmt, oder mit denen er durch Ncbenanne in Verbindung steht. Die Tiefe wechselt in diesem Stromstück sehr erheblich. Schwierigkeiten sind aber nur beim Austritt aus den Kissalesee vorhanden. Der vor 39 Jahren von Cameron entdeckte Kiffale- oder Kikondiasee ist ein im allgemeinen flaches, zur Regen- zeit weit über seine Ufer tretendes Gewässer von 3 bis 5 Meter Tiefe zur Trockenzeit, mit morastigem Grunde, ohne Strömung und mit vielen schwimmenden Schilfinseln. Die Ufer des ausfließenden Lualaba verwischen sich, und es wäre hier erst die geeignetste Fahr- straße festzustellen. Erst 19 Kilometer abwärts begrenzen wieder feste User den Strom, der zwar noch flach bleibt(3 Meter in der Trockenzeit), aber überall schiffbar ist. Die Breite bis Ankoro, d. h. bis zur Einmündung des Luvua oder Luapnla, des östlichen Quell- anus des Kongo, beträgt 199—399 Meter. Weiter abwärts bis zum Fall von Dia(„Porte d'Enfer") 5 Gr. 29' f. Br.. hat der Lualaba eine mittlere Breite von 599 Meter und zur Trockenzeit geringe Tiefe: die Ufer sind meist niedrig und in der Regenzeit weit überschwemmt. Immerhin können auch hier flachgehende Dampfer überall durchkommen. Der Fall von Dia ist. wie man seit langen: weiß, für die Schiffahrt ein unüberwindliches Hindernis; dort beginnt daher das südlichste Glied in der Kette jener geplanten Bahnen zur Umgehung der Fälle des oberen Kongo. Das Ergebnis der Untersuchungen Lottes wird als im allgcineinen günstig angesehen; denn es scheint danach, daß der Lualaba von Katonga bis Dia, d. h. auf eine Strecke von 949 Kilometer für Dampfer von 1 Meter Tiefgang benutzbar, also ein leidlich brauch- barer Verkehrsweg ist. Auch den Lufira, der von Süden her in den Kissalesee mündet und daher als Nebenfluß des Lualaba zu be- trachte«: ist, hat Lattes ein Stück aufwärts untersucht! er ist für Dampfer 54 Kilometer weit fahrbar, aber nur zur Hochwasser- zeit.— Notizen. — Der Dichter und Kunsthistoriker Hermann Rollett ist, 84 Jahre alt, in Baden bei Wien gestorben.— — Die Premiere von WolzogenS Lustspiel„Ein u n'- beschriebenes Blatt" im Schiller-Theater 0. ist auf Sonnabend verschoben worden.—■ � — Jon Lehmann hat eine Komödie„Die höchst« geliebte Jungfrau" beendet.— — Henry B e r e n h s neues Mimodrama„Der kleine Korse" erzielte bei der Premiere iin Stuttgarter Hof» t h e a t e r einen schönen Erfolg.— — Im Münchener Residenztheater fand G. V. T r o S« laus Drama„Der Preis" bei der Erstaufführung keinen Beifall.— Pcraitttvortl. Redakteur: Paul Büttner» Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaulSingerLcCo.,BerlinL>V.