Nnlerhaltungsblatt des WorwSrls Nr. 103. Freitag, den 3. Juni. 1904 i (Nachdruck verboten.) 3] Im Vaterbau fe, Socialer Noman von Minna K a u t s k y. 2. K a p i t e l. Frau Witte war nicht die einzige, die den Dahinschreitenden mit den Augen gefolgt war. Die Familie Schönbrunner, Mann, Frau und Tochter waren zum Fenster gestürzt, um den „Malerischen" nachzuschauen. „Die bilden sich heut' was ein," bemerkte Fräulein Leopoldine und schnitt eine despektierliche Grimasse ihnen nach, dann ließ sie das Rouleau herab und setzte sich wieder an ihre Arbeit. Mit ihren weißen, gepflegten Händen nahm sie das blaue, frisch ausgebügelte Seidenband auf, das sie vorhin auf den Tisch geworfen, und begann Hals und Aermel einer weißen Bluse damit zu garnieren. Aber die neuen Toiletten ihrer Freundinnen gingen ihr nicht aus dem Sinn, und das war ihr nicht zu verargen. Sie war im gleichen Alter nnt Luise, und wie sie sich schmeichelte, mindestens ebenso hübsch, wenn auch von etwas kräftigerem 5ialiber. Ihr Nater war der Hausbesitzer und sie hätte nicht gedacht, daß sie. den Mädeln in irgend etwas nach- stehen müßte; jetzt hatte sie den Beweis dafür. „So schöne.stleiderln— die zarte Färb'!— Wenn ich nur einmal in meinem Leben so'was Schönes bekommen l?ätt', aber das giebt's bei uns nicht.— Ist das vielleicht nicht wahr?" fuhr sie gegen die Mutter auf. die unweit von ihr vor der Kommode stand und mit einem Lappen ihre Hände trocknete, die vom Abwaschen des Mittagsgeschirres noch feucht und rauh waren. „Und überhaupt, so was Heikles dürft' ich ja gar nichr tragen. Bei mir wird nur auf's Praktische g'schaut, da mutz ein Kleid alle Stückeln spielen, für Sommer und Winter taugen, für Sonne und Regen;'s muß fest sein und eine dauer- hafte Färb' haben, am besten dunkelgrau, damit man keinen Staub drauf sieht, und wenn's trotzdem abschießt, muß man's noch wenden können— gelt, Frau Mama." „Ja, mein Gott," sagte die also Apostrophierte und senkte den Kopf. Gegen die Tini kam sie nicht auf, das wußte sie. Diese hatte einen frischen Faden genommen und fuhr fort, wohlweislich ihre Anklagen nur gegen die Mutter richtend. „Bei den Wittes ist das ganz anders, die sind immer wie aus Zucker; in die Auslag' könnt' nian die stellen, bei denen schaut man drauf, daß sie hübsch sind, und dafür spendiert man auch was." „Wer's hat, kann's thun," fiel jetzt Papa Schönbrunner sarkastisch und gleichsam abschließend ein. Er war in Hemd- ärmeln, sonst aber sonntäglich herausgeputzt. Sein großer Kopf hatte noch dichtes, glattgekämmtes Haar; der Bart war gestutzt, der steife Halskragen von ansehnlicher Weite, für diesen Stiernacken noch immer zu eng, so daß er ihn sichtlich genierte. Er hielt beide Hände in den Taschen seines Beinkleides und ging', während er seine gutgeformten Stiefel musterte, mit großen Schritten in der Stube auf und nieder, die mit Betten, Tischen und Schränken so vollgeräumt war, daß es einiger Geschicklichkeit bedurfte, um nicht anzustoßen. Seine Tochter warf ihm von der Seite einen forschenden Blick zu und schwieg. Der Vater redete weiter: „Der Witte hat's nötig, der Flausenmacher, will sich immer auf den Noblen, auf den Künstler spielen, dabei nehmen sie auf's Büchel— Bagage!" Er hatte eine rasche Wendung gemacht, um der Tischccke auszuweichen, und stieß dabei an die Stuhllehne, der Stuhl kam ins Wanken, aber er faßte ihn rasch mit der Rechten und stellte ihn so kräftig auf seine vier Füße, daß alles zitterte, dabei schimpfte er weiter:„'s ist ein gräßlicher Leichtsinn bei diesen Leuten und dabei werden die Mädeln wie Prinzessinnen gehalten— sehr praktisch für solche Habenichtse... Wenn ich einmal sterb', so wird mein Mädel was kriegen, dafür ist gesorgt, aber die stehen blank da— verdienen können sie sich auch nichts, weil sie nichts lernen..." „Die Große lernt ja französisch und für die Gustl wollen sie gar ein Klavier kaufen— was sich die Leut' für ihre Kinder für Ausgaben machen—" „Kosten uns unsre Kinder vielleicht nichts?" schnitt ihr der Gatte in jenem rauhen Ton das Wort ab. der ihm ihr gegenüber schon zur Gewohnheit geworden war.„Für die unsrigen wird das Geld erst recht zum Fenster hinausgeworfen. Du siehst das Schlechte nur bei den andern, bei uns ist grab so eine Sauwirtschaft— bei uns wird ein Luxus getrieben, aber ich will Euch künftighin auf die Finger schauen." Er war immer lauter geworden, da hörte man einen Ruck. Leopoldine hatte ihren Stuhl heftig zurückgeschoben und nach der Schere gegriffen. Sie begann die blauen Rüschen, die sie soeben an die Bluse genäht, wieder abzutrennen. Sie riß sie förmlich herunter und ihre Finger zuckten wie ihre Lippen. Dem Vater entging nicht, was an Trotz und Empörung darin lag, und er runzelte drohend die Brauen, die Mutter aber flüsterte ängstlich:„Warum trennst sie denn ab? Aber wir gehen doch in den Prater— aber so trenn' sie doch nicht ab. Du kannst doch nicht ohne Rüschen in den Prater gehen." Sie zuckte die Achseln:„Mein Gott, wenn bei dem Vater alles ein Luxus ist, dann wird er über die blauen Mascherln, mit denen ich mir die alte Bluse aufputz', auch ein G'schrei machen... Aber ich brauch' ja nit in den Prater zu gehen... mit einer solchen Toilette sich dort anschau'n lassen, is so kein Vergnügen." „Den Ton möcht' ich mir ausbittcn," brüllte der Vater sie an.„Was redt's Du von G'schrei, ich schrei' niemals." Dann mit deutlichem Einlenken:„Näh' Deine Mascherln nur wieder an. Du rabiates Ding, das G'fraßtwerk wird inich nicht ruinieren, der Emil sackelt mich aus und das wird noch lange so fortgehen. Wenn er jetzt zum Militär kommt, dann kann � ich blechen; aber er soll nur lernen, mit die sechs Kreuzer täg- lich, die ihm das Vaterland zahlt, auszukommen, ich leg' ihm nichts zu—" „Aber wenn er zurückkommt, dann wirst Du ihm doch—" „Dann, meinst Du, müßt ich ihm das Geschäft übergeben, oder ihm ein neues einrichten... vorausgesetzt, daß ich nicht grad die Aussteuer für die Fräul'n Tochter zu zahlen Hab'... recht angenehme Aussichten das." „Ich muß doch auch einmal was kriegen," warf Leopoldine ein und hob mit einer gewissen Todesverachtung den Kopf, denn sie erwartete eine schallende Ohrfeige, aber zu ihrem Er- staunen sagte er väterlich abwehrend:„Sei stad. Du wirst schon'was kriegen." Er setzte sich in den Lehnstuhl, dessen Polsterung flach ge- worden, streckte die Beine von sich und legte die beringten Hände über den stattlichen Leib. „Ja, ja, so eine Familie, die macht einem das Leben sauer nach Möglichkeit... Wenn Ihr ein Einsehen hättet nicht mucksen würdet Ihr Euch. Denn was ich zurückleg, ist Eure Zukunft, und was ich an Ehren gewinne, damit könnt Euch einmal breit machen.". Er pustete und blähte sich auf ,m Gefühl seiner Bedeutung und Ueberlegenheit. und die Seinen saßen still und demütig, unter der Autorität ihres Oberhauptes sich beugend. Da klopfte es leise an die Thür. Schönbrunner fuhr unwirsch auf. „Schon wieder die Gangthür offen gelassen, da kommen einem die Bettler bis ins Zimmer herein." Seine Frau erhob sich, um nachzusehen, aber schon ging die Thür auf und im Hauskleide, ein weißes Kännchen in der Hand, erschien Frau Witte in derselben. Ihr Gesicht war bläßlich, seine Schönheit verblüht, aber die Linien waren so rein und anmutig und aus ihren Augen sprach unendliche Güte... Flüsternd wendete sie sich an Frau Schönbrunner, sie brachte offenbar eine Bitte vor. Diese antwortete eben so leise, worauf Frau Witte, welche die Thür nicht aus der Hand gelassen, sich wieder dahinter zurückziehen wollte. �, Aber der Hausherr rief ihr ermunternd zu, sie möge doch — 4i Platz nehmen und ihnen den Schlaf nicht austragen, und, ohne sich selbst zu rühren, wies er ihr gönnerhaft einen Stuhl an. „Danke," sagte Frau Witte,„ich wollte die liebe Haus- frau nur fragen, ob ich mir nicht das bißchen Kaffee hier auf- wärmen könnte,' ich meinte, Sie Hütten noch Feuer im Herd." „Das ist längst ausgegangen," beeilte sich die Hausfrau zu sagen,„wir haben heute zeitlich gegessen, da der Emil—" „Ja, die Ihrigen sind ja auch frühzeitig ausgeflogen, Sie haben wohl gar nicht gekocht?" inquirierte der Hausherr, seine Frau unterbrechend. „Nein, ich habe ihnen nur schnell eine Eierspeise gemacht, sie werden in Baden bei meiner Schwester bewirtet." „So, so, nach Baden. Sie haben für Ihre Kinder immer ein Vergnügen parat, setzen Sie sich doch, aber glauben Sie mir, es ist nicht gut, seine Kinder so zu verwöhnen." Elise schlug die großen, dunklen Augen zu dem Ge- strengen auf und entgegnete sanft:„Meine Kinder können sich über jede Kleinigkeit so sehr freuen— ach, das war heute eine Glückseligkeit, Sie können es gar nicht glauben." „O, das glaub' ich schon, gelt, Tini, da möchtest Du Dich auch freuen, und wie, aber so ein Spaß mit der Eisenbahn kostet zu viel, das können wir uns nicht leisten. Na," fügte er mit ironischem Blinzeln hinzu,„jeder muß wissen, wie es in seinem Beutel aussieht." Frau Witte erhob sich und griff nach dem Kännchen. Er hielt sie am Arm zurück. „Sagen Sie doch, werteste Frau, kann Ihr Mann Bilder malen, ich meine solche, die man sich in die Zimmer hängt?" Er sah auf seine ungeschmückten Wände, die mit einem häßlichen Muster benialt waren. Sie schüttelte den Kopf. „Er malt wohl hie und da Studien nach der Natur, aber keine Bilder. Sein Fach ist ein beschränktes� aber darin leistet er gutes." „Zlber Sie haben ja mit Witte gezeichnete Bilder in Ihrem Zimmer?" „Sie rühren von seinem Vater her, das war ein be- deutender Künstler." Sie sagte es mit unverkennbarem Stolz und fuhr dann in ihrer bescheidenen Weise fort:„Er war eben Professor an der Akademie geworden, als ihn ein tückisches Leiden hin- raffte:— ja, wenn der nicht so früh gestorben wäre—" „Wahrscheinlich ohne etwas zu hinterlassen?" forschte der Hausherr, während er seine beringten Hände über der Lehne ausspreitete. „Es hat uns zwei seiner schönsten Bilder hinterlassen, Sie kennen Sie ja." „Alte Bilder," bemerkte Schönbrunner mit demselben Ton, in dem er gesagt hätte,„alte Stiefel". „Was können die wert sein?" „Ihre Wangen röteten sich leicht. „Sie sind nicht verkäuflich." „Weiß schon, aber Sie glauben doch, daß Sie etwas oafür bekommen würden, wenn Sie zum Beispiel gezwungen wären — hm— sie zu verkaufen, oder nicht?" „Sie werden unfern Töchtern einst zufallen, und diese werden auf das Erbe ihres Großvaters ebenso stolz sein und es in Ehren halten, wie wir es thun... Aber ich muß meinen Kaffee wärnien. Nehmen Sie es nicht ungütig, wenn ich Sie gestört habe. Adieu!" Sie grüßte den Hausherrn mit einem leichten Neigen des Kopses, warf einen freundlichen Blick auf Leopoldine, die ihr vertraulich zunickte, und verließ, von Frau Schönbrunner be- gleitet, die Stube. Schönbrunner brummte hinter ihr drein: „Sonderbare Manier... adieu sagt sie zu mir, als wenn ich mein Hausmeister war'— die hat auch ihren Fum, wegen was, weiß ich nicht." „Vielleicht wegen der alten Bilder," lächelte Leopoldine. Er schlug eine breite Lache auf:„Kann schon sein, aber wenn das das einzige ist, was die Mädeln mitkriegen, da dank ich drauf." (Fortsetzung folgt.) j'Ziis dem Musikleben. In den drei Jahrhunderten, welche unS die EntWickelung unsrer modernen Instrumente gegeben haben, ist für jedes dieser Instrumente ein beträchtlicher und stetig weiter gehender Fortschritt festzustellen. Rur die Geige ist seit ihrer llassischen Zeit des Stradivarius und andrer schlechtweg stehen geblieben, und zwar hauptsächlich deshalb, 0— weil man teils den eigentlichen Witz des klassischen Geigenbaues finden wollte und ihn an allen möglichen und unmöglichen Stellen suchte, teils und noch mehr deshalb, weil für die Geige eine Ansicht besteht, die bisher uirsres Wissens noch für kein andres Werkzeug ailfgestellt worden ist: die Ansicht von dem„Besserwerden mit dem Alter". Da ist es begreiflich, daß aller Fortschritt lahnigelegt wird,■ da sich ja bei höheren Ansprüchen niemand mit einer eben fertig gewordenen Geige einlassen will, und alle Kraft in der Jagd nach den alten Geigen und nach ihrem Geheimnis aufgebraucht wird. Man hat da die unmöglichsten Entdeckungen machen wollen, z. B. daß dieses Geheimnis in einem besonderen Lacküberzug liege. Wir haben unsren Lesern bereits das eine oder das andre Mal über Derartiges sowie über weitergehende Versuche berichtet; beispielsweise erinnern wir uns der Loewenthalschen Theorie vom durchbohrten Baßbalken. Es war unbehaglich, derlei herumirrende Auseinander- setzungen zu lesen. Erscheint dagegen eine Darlegung, die schon durch ihre psychologische und physikalische Einsichtigkeit erfreut, so darf man bereits eher mit einer Wahrscheinlichkeit rechnen, daß sie auch thatsächlich dem Wirklichen nahekomme. Im Jahre 1838 hat SanitätSrat Dr. Max Großmann in Friedrichsfelde bei Berlin seine Forschungsergebnisse über diese Frage verkündigt, und nun liegen sie in einer eignen Broschüre vor:„Verbessert das Alter und vieles Spielen wirklich den Ton und die Ansprache der Geige? Eine ketzerische Studie"(Berlin 1304, Verlag der„Deutschen Instrumenten- bau-Zeitung"). Kurz: das Geheimnis liegt einfach in einer harmonischen Abstimmung von Deckel und Bogen der Geige, und die Lehre vom Besscrwerden durch die Zeit und durch das Spiel erweist sich als eine Täuschung durch die Gewohnheit. Völlig wider- legt scheint uns die ältere Theorie noch immer nicht zu sein, und in manchen Einzelheiten müßten wir mit dem Verfasser erst noch rechten(es ist z. B. merkwürdig, daß er mehr nur an Schwingungs- Zahlen als an Schwingungs-Formen denkt). Seine Polemik gegen die Geigenmacher, die iin Sinne des eingangs angeführten Ausspruches auftreten, dann seine Berichte über die eignen Experi- mente, die er zum Erweis seiner Theorie erfolgreich angestellt hat. endlich seine Hinweise auf die Unterstützung, die er dafür bei einem hiesigen Industriellen gefunden hat, können wir nicht näher anführen. Der Verfasser ruft auch einige angesehene Künstler als Zcngen an. Da nun solche Anrufungen sich hinterher häufig als Schwindel entpuppen, so wendete ich inich schriftlich an ein Künstlerpaar, das hier ebenfalls genannt ist, und das mir und andern an Tüchtigkeit und Redlichkeit als verläßlich erscheint. Die Antlvort sagt, die niit den betreffenden Geigen gemachten Erfahrungen seien die denkbar günstigsten. Wenn eine Theorie in die Praxis umgesetzt ausnahms- loS so vorzügliche Resultate liefere, müsse man doch logischerweise den Schluß daraus ziehen, daß die zu Grunde gelegte Theorie eben richtig sein müsse; um so mehr als es sich um keine andern Aendeningen in der Bauart als um die fragliche Abstimmung handle. Wiederholt seien solche Geigen gegen alte kostbare, echte italienische Instrumente im Siege geblieben. Wie wir hier einen Vorteil für die Kunst aus einem sorgsamen Achten auf Naturverhältnisse gefunden haben, so finden wir auch immer wieder Vorteile für die hohe Kunst durch eine Achtung auf ihre Beziehungen zu den Verhältnissen des Volkslebens und des volkstümlichen Geschmackes. Die erst nur den weitesten und dann engeren Kreisen eignen Tänze, wie sie namentlich am Anfange der Neuzeit reichlich vorhanden waren, sind aus dieser ihrer naturalistischen Bedeutung allmählich in die Kunstmusik übergegangen und haben ihr einen noch lange nicht ausgeschöpften Reichtum von Formen gegeben. Wenn uns heute zugemutet wird, uns für sogenannte leichte'Musik zu interessieren, so dürfen wir wohl fragen, ob hier solche Fort- schritte vorliegen, daß schließlich die eigentlich künstlerische Musik eine Befruchtung daraus gewinnen kann. In dem Musikalicnverlag von Julius Jäger(Berlin) ist vor kurzem unter dem Titel:„Frau Musika" eine Sammlung moderner Salon- und Tanzmusik er- schienen, zusammengestellt von dem Operettenkomponisten Jean Gilbert. Wir lvürden uns gefreut haben, weim uns das Heft nicht nur, wie es thatsächlich der Fall ist, eine schätzenswerte Unter- Haltung, sondern auch einen Hinweis auf etwas Neues wenigstens in dieser musikalischen Sphäre geboten hätte. Die Mache ist nun zwar nicht schlecht, und daS Stückchen von Otto Wellmann: Konzertgavotte„Ein Plauderstündchen", verdient eine Hervorhebung. Daß aber in dem ganzen Heft nicht anders komponiert worden ist, als man vor ungefähr 30 Jahren ungefähr ebenfalls komponiert hätte, ist doch eine kleine Enttäuschung. Wenn man am Abend eines arbeitsreichen heißen SonmrertageS ein beinahe dreistündiges Konzert mit ernster Musik bis zum Ende anhört, so muß in dieser, schon ein ganz besonderer Ernst stecken. Eine Art Oratorium von H..Berlioz hat diesen Zauber voll- bracht:„DeS Heilands Kindheit. Geistliche Trilogie(op. 25). Es ist eines der charakteristischten Oratorien, die wir kennen, der musika- lischen Dramattk so nahe stehend, daß wir nur wiederum die Ver- nachlässignng von Berlioz' Opern in dem berühmten Hauke unter den Linden mit seinen etvigen Ankündigungen von neueinstudiertcn Openi bedauern können. Eine eigentlich religiöse oder gar kirchliche Musik ist natürlich in jenem Werke keineswegs zu suchen: es enthält rein weltliche, doch im Wesen nicht etwa durch Jnstrumentaleffckte, sondern durch Schlichtheit mid zuin Teil auch durch Wärme gut wirkende Musik, deren Breiten man sich gefallen lassen kann. Wohl- klingend besonders in den Hirten- und Engelchören, interessant Vor- nehmlich durch die scharf charakterisierenden Ueberleitungen zu neuen Scenen: so fesselt das Werk auch den Ermüdeten. Der Rahmen, in welchen: es zu Gehör kam. war einer, von dem man derartiges nicht erwarten möchte: eine Aufführung des Konservatoriums Klindworth-Scharwenka am der- gangenen Mittwoch. Allerdings wurden da schlauer Weise gereifte Gesangskräste und sonstige Verstärkungen zugezogen, so daß die Schüler gut gedeckt waren. Es wurde auch großenteils sehr rein gesungen, und der Dirigent taktierte nicht um vieles mechanischer, als es in eigentlichen Ki'mstlerkonzerten zu geschehen pflegt. Den, Berlioz ging ein Xaver Scharwenka voraus: eine kurze Cantate nach Worten der heiligen Schrift. Sie enthält eine, besonders in den Solo- ouartetten fein gearbeitete Musik, die doch nwderncn Forciertheiten fernsteht. Ihr guter Eindruck ist umso höher anzuschlagen, als sie unmittelbar auf einen Mozart folgte, auf das selten gehörte Werk: Chöre und Zwischenakts- Musik zu«Thamos, König in Aegtipten". das wiederum zeigte, daß die etwas handwerksmäßig typischen Wendungen Mozarts der Le5enskrästigkeit seiner Musik noch imnier nichts anhaben.— Die genannte Lehranstalt scheint sich nach all dem verhälwismäßig gut„berauszumachen". Auffallend ist freilich, daß sie nicht so viel brauchbare Solosänger besitzt, um die Einzelpartien getrennt, ohne Zusanmienlegung mehrerer, zu besetzen; eine Nothilfe, die leider auch im reifen Konzerttreiben noch immer als selbstverständlich zu gelten scheint.—«2. (Nachdruck verboten.) Haarbürsten. Der Wert einer Haarbürste hängt naturgemäß von zwei Faktoren ab: von der Qualität der verwendeten Materialien und von der Konstruktion der Bürste. Da aber für gutes Material auch die besten Konstruktionen angewandt werden, welche naturgemäß nicht die wohl- feilsten sind, so kann man sagen, der Wert einer Bürste hängt ganz und gar vom Material ab. Es werden nicht immer Borsten verwandt, sondern auch häufig Pferdehaarc und verschiedene Pflanzcn-Faserstosfe. Für gute Haar- bürsten werden aber immer Schweineborsten verwendet. Dies sollten Käufer und Verkäufer bor allen Dingen beachten. Die beste Varietät bildet die russische Borste vom Rücken des Wildschweines. Tieselbe ist sehr steif, spitz zulaufend, gewöhnlich Centimeter lang und entweder weiß oder schwarz. Es sind die längsten, steifsten und stärksten Borsten, die man erhalten kann. Das untere, stärkere Ende der Borsten wird für Haarbürsten verwendet, das obere, spitz auslaufende Stück ist viel dünner und biegsamer und wird zu Farbenpinscln benutzt. Die Borsten werden gewöhnlich durch Hausierer von den russischen und sibirischen Bauern aufgekauft und gelangen allmählich nach Versandplätzen. Sic werden mif dem Markt nach Gewicht ver- kauft und erziele» gewöhnlich 12 M. pro Pfund.— Die nächstbesten Borsten sind die chinesischen, welche von Tein-Sein aus versandt werden. Diese Borste ist schwarz, etwa 14 Centimeter lang und weniger fest und dauerhaft als die russische Borste, der sie jedoch sonst ziemlich gleichkommt. Diese Borste erzielt jetzt einen Preis von etwa 8 M. pro Pstind und wird wegen des hohen Preises seltener als früher verwendet. Die französischen Borsten kommen m, dritter Stelle, werden aber, weil sie zu fein find, d. h. nicht steif genug, um das Haar durchdringen, säubern und ordnen zu können, für Haarbürsten fast gar nicht verwendet. Sie bilden dagegen ein vorzügliches Material für Pinsel. Deutsche Borsten sind von sehr verschiedener Qualität und Farbe; die Preise variieren deshalb sehr bedeutend. Es giebt schwarze, braune und weiße Borsten, deren größte Länge IS Centi- mcter beträgt, und deren Preis zwischen 2 M. und 8 M. pro Pfund Variiert. Die weißen Borsten werden von den andren geschieden und erzielen die höchsten Preise. Amerikanische Borsten sind lang, fein und biegsam und daher für Haarbürsten eigentlich gar nicht geeignet. Da diese Borsten aber in ungeheurer Menge gewonnen werden und die billigsten auf dem Markte sind, so werden sie mit andren Borsten vermischt. Eine gute Haarbürste sollte keine amerikanischen Borsten enthalten. Für wohlfeilere Bürsten werden vielfach Ersatzmittel für Borsten verwendet; leider werden aber auch vielfach gute Bürsten verfälscht, indem man den Borsten Ersatzmittel beimengt. Es werden die Fasern verschiedener Pflanzen verwendet, welche gefärbt und ge- steift werden, damit sie den Charakter von Borsten erhalten. Die Verfälschung scheint namentlich in Amerika in umfassender Weise be- trieben zu werden. Es werden dort hauptsächlich drei Varietäten verwendet, welche als Tampico, Palmyra und Palmetto bezeichnet werden. Tampico ist eine Faser von den Blättern und Blumenstielen der„Century-Pflanze" und kommt aus Tampico in Mexiko. Man läßt die Blätter und Stengel, welche in Haufen gesammelt werden, vermodern, schlägt die lveichcn Teile dann von den harten Fasern los. sondert diese aus und läßt sie trocknen. Sic werden gebleicht, gefärbt und mit Schellack oder Firnis überzogen, um ihnen den er- forderlichen Glanz zu geben. Nur ein geübtes Auge kann die harten und nur schwach gefurchten Borsten von den echten Borsten unter- scheiden. Palmyra, die zweite Varietät, kommt aus Afrika, und die dritte, Palmetto, aus Südamerika. Das Holz der Bäume, von welchem sie gewonnen werden, ist sehr weich, während die Fasern sehr hark und zäh sind, und sich deshalb leicht abscheiden lassen. Diese werden zu den billigsten Bürsten verwendet, doch haben sie eigentlich gar keinen Wert, da sie im Gebrauch und durch Feuchtigkeit sehr schnell ihre Elasticität verlieren. Es giebt nun verschiedene Erkennungszeichen, um eine Bürste aus Borsten von solchen aus andren Faserstoffen zu unterscheiden Man drücke mit dem Daumen oder den Fingern mitten auf eine Bürste und ziehe dann die Hand schnell zurück. Echte Borsten springen sofort m ihre aufrechte Stellung zurück, während imitierte Borsten sich langsam aufrichten. Ein andres Erkennungszeichen besteht darin, die Faser zwischen dem Daumennagel und dem Nagel des Zeigefingers mit festem Druck hindurchzuziehen. Ist es eine Borste. so kräuselt sie sich, ist es eine Pflanzenfaser, so hängt sie welk nieder oder zerbricht. Eine dritte, niemals täuschende Untersuchung beüeht darin, das Probestück(eine herausgezogene Faser) zu erhitzen, bis es raucht oder brennt. Eine echte Borste entwickelt dabei den Geruch verbrannten Haares. Was die Wahl des Holzes betrifft, so hängt sehr viel von dem Geschmack ab. Jedenfalls sind aber leichte und weiche Hölzer nicht so beliebt wie harte und schwere Hölzer, wenn auch die Borsten sich wohl auch in den weichen Hölzern vollkommen sicher befestigen lassen. Daß eine Haarbürste, wie jedes Werkzeug, ein gewisses Gewicht haben mutz, um sicher gehandhabt zu werden, wird ohne weiteres einleuchten. Zur Imitation der harten Hölzer werden weichere häufig gebeizt und gefärbt. Birken- und Ebenholz sind besonders beliebt, weil sie hart und schwer sind. Vielfach werden Rücken aus Metall oder Celluloid aus Schönheitsrücksichten über die hölzernen Bürstenplatten gelegt. ohne die Qualität der eigentlichen Bürste zu beeinflutzen. Auch bc- sitzen Bürstenrücken aus Hartgummi und Elfenbein keine besonderen Vorzüge vor solchen aus Holz. Bei den besten Bürsten sind die Borsten„eingedrahtet". Sie werden zu kleinen Bündeln zusammengelegt und diese in der Mitte umgebogen, die bogenförmigen Endigungen in die zuvor gebohrten Löcher gedrückt. Ein durch die Schlinge geführter Draht verhindert das Herausziehen der Borsten. Bei den Bürstenrücken, welche später verkleidet werden, ist dies eine verhältnismäßig einfache Operation. Die Bürste mit massivem Rücken erfordert in jedem Falle ein härteres und schwereres Holz. In die Rücken werden Locher zur Aufnahme der Borsten gebohrt, jedoch ohne die obere Schicht zu durchbrechen. Sehr feine Kanäle wertzen dann in der Längsrichtung derart durch das Holz geführt, daß die vertikalen Bohrungen in. diese münden. Ein feiner Draht wird durch die Längskanäle gezogen und an einem Ende befestigt. Ter Arbeiter nimmt darauf einen kleinen Haken, zieht den Draht durch ein Borstcnloch heraus und legt cm umgebogenes Borstenbündel darüber. Wenn, dann der Drabt durch das nächste Loch herausgezogen wird, so wird das Borstcnbündel des vorigen Loches hochgezogen und so befestigt. Zur Sicherheit kann dann noch ein harziges Bindemittel in die Löcher gegossen werden, doch ist dies nicht nötig, wenn das Drahten gut ausgeführt ist. Da die Ersatzmittel für Borsten nicht zäh genug sind, um diese Fabrikationsmethode auszuhalten, so ist ein massiver Rücken bei einer gedrahteten Bürste gewöhnlich ein Zeichen, daß Borsten guter Qualität verwendet wurden. Es giebt jedoch ein Ver- fahren, Borsten-Jmitationen billigster Art auch in einem massiven Rücken zu befestigen. Bei diesen werden die Borstenlöcher auf dieselbe Weise gebohrt, während die Längskanäle fehlen. Die Borsten werden mittels hesonderer Maschinen in die Löcher gepreßt und ein. be- sonderer Stift mit doppelter Spitze wird eingetrieben, um die Fasern zu halten. Die Hauptvorzüge eines massiven Rückens bestehen darin, daß er weniger leicht spaltet oder sich verzieht, wenn er der Feuchtigkcir oder Hitze ausgesetzt wird. Fournierte Bürsten leiden leicht dadurch, daß sich die Fourniere werfen, loslösen oder reißen. Häufig sind auch Borsten guter Bürsten nicht gedrahtet, sondern mit Hilse emes Bindemittels befestigt. Viele der Rücken aus Harigumm, sind z. B. in dieser Weise gefüllt und recht brauchbar. Bei Holz- oder Metall- bürsten sind jedoch immer gedrahtete Rücken vorzuziehen.�—-� Kleines feinlleton. — Ueier den Maikäfer in der Litteratnr plaudert ein Mit- arbeiter der„Wiener Abendpost": Die Schädlichkeit der Maikäser hat sie schon früh zum Gegenstande zahlreicher Schriften gemachr. und nächst der Biene existiert unter allen Insekten über die Maikäfer die reichste Litteratur. Griechische Autoren erwähnen, daß die Solvaten Ringe trugen, worauf das Bild des Insektes eingegraben war als Symbol des männlichen Mutes, denn der Maikäfer war nur männ- lichen Geschlechtes gedacht. Manche römische Autoren geben aber- gläubische Mittel an zu ihrer Vertilgung, z. B. das Aufböngcn von Flußkrebsen bei den Waldungen, das Annageln von Stutenknochen auf Pfählen, Befeuchten der Bäume mit Raupenblut: auch wird empfohlen, daß ein Weib mit fliegendem Haar, ohne Gürtel und mit bloßen Füßen die Anlagen unter Aussprechung von Flüchen um- kreise; ferner rieten sie, die Engerlinge durch Einsäen von Meer-. zwiebeln in die Felder zu vertreiben, durch Aufstreuen von Feigen- asche, durch Aufspritzen von gekochtem Wermut. Im Mittelalter be- richten die.Käferbücher" über den„Zug" der Maikäfer, der eine Viertelstunde dauert, und wie man das Niederlassen der Käfer ver- hindert durch einen Rauch, erzeugt aus brennendem altem Schuh- Jeder. Half dies nicht, griff man zu Beschwörungen; so berichtet die Chronik von Chur, dah im Jahre 1481 der Bischof sämtlichen Mai- käfcrn Graubündens befohlen habe, in ein ödes Thal zu fliegen, wo sie durch Hunger zu Grunde gehen sollten. Ende des 17. Jahr- Hunderts �1637) erschien das erste Buch über die Maikäfer aue- jjer Feder des Botanikers William Molyneux aus Dublin, das Mittel zur Vernichtung der Engerlinge angiebt und auf die Nützlichkeit der Maulwürfe hinweist. Ein gleiches gab 1713 Johann Günther, Arzt in Striegau, heraus, in Meißen ward 1770 ein Preis für„die beßte Schrift von den Maykäfcrn" ausgesetzt, den Christian Friedrich Klee- mann erwarb. Im zopfigen Gelehrtenstile schrieben über dieses Thema Johannes Reimarus, Christian Gensler, Berthout van Berghen, der das berüchtigte Flugjahr 1784 behandelt. Im Volksmunde beziehen sich auf den Maikäfer zahlreiche Sprichwörter und Kinderreime, letztere viel mythische Elemente ent- haltend, der älteste und am weitesten vcrbreitetstc ist der Reim: „Maikäfer flieg', der Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommer- land, Pommerland ist abgebranntl" Im Aberglauben spielt der Maikäfer eine bedeutende Rolle: die Mädchen lassen ihn fliegen, und in welcher Richtung er fliegt, von dort kommt der Liebste. Er befreit mich vom Zahnweh, wenn man einen auf den Stücken gefallenen Käfer rasch umkehrt, der dann fortkriechend den Schmerz mitnimmt. Auch der Kranke soll acht geben, wenn der Maikäfer„zählt", so viel Jahre wird er leben. Hierbei ist das eigentümliche Pumpen gemeint, ehe sich der Käfer in die Luft erhebt, wodurch er seine Luftbehälter füllt, um trotz seiner Schwerfälligkeit rasch und dauernd fliegen zu können. Im 19. Jahrhundert mehrt sich die Litteratur über die Be- kämpfung der Maikäfer. In Frankreich und in der Schweiz, wo sich die Hauptflüge alle drei Jahre wiederholen, schrieben Beriefe, Deschamps, Deschiens, Jacquin, Saint-Hilaire, Laffay, Vibert, Merat, Rendu, der Arzt Ponchet, in England der Londoner Arzt John Hunter, John Westwood; Schlenzig sammelt die polizeilichen Mitteilungen, die notwendig geworden, um Becker und Kulturen zu schützen, denn z. B. im Mai 1864 kamen in ganz Deutschland(wie Brehm erzählt) die Maikäfer in so ungeheuren Massen vor, daß stellenweise der Erdboden von ihren Fluglöchern siebartig durchbohrt erschien und sie die stattlichsten Eichen entlaubten. Im Jahre 1368 sammelte der landwirtschaftliche Centralverein der Provinz Sachsen allein 30 000 Ccntner, was rmgcfähr der Zahl von 1539 Millionen Käfern entspricht.— — Farbe und Güte der Eier. Ein sehr verbreiteter Aberglaube veranlaßt unsre Frauen, die Güte der Eier nach der Färbung der Schale beurteilen zu wollen. Ganz allgemein werden bräunliche Eier höher geschätzt als solche mit der gewöhnlichen Weißen Farbe. Es scheint fast entschuldbar, daß sich daraufhin die Eierhändler an- gewöhnt haben, dem äußerlichen Ansehen ihrer Ware künstlich nach- zuhelfen, indem sie die Eier einfach in einen Kaffeeaufguß legen oder mit einer Anilinfarbe behandeln. Diese Nahrunasmittclfälschuiig, lueim man von einer solchen nach rechtlichem Begriff dabei überhaupt sprechen kann, gehört sicher zu den harmlosesten, denn die Farbe der Eierschale hat mit der Güte des Inhalts überhaupt nichts zu thun. Die Sachverständigen halten sie lediglich für eine Eigentümlichkeit der einzelnen Hühner. Immerhin bleibt es zu bedauern, daß die,irrtümliche Schätzung der bräunlichen Eier durch die Käufer zu einem Verfahren seitens der Händler geführt hat, das doch als Betrug gelten muß. Es giebt allerdings in andrer Hinsicht zwei Sorten von Eiern, die sich durch die Färbung unterscheiden und wirklich nicht unbeträchtlich in ihrem Nährwert von einander ab- weichen. Glücklicherweife sind sie einer Fälschung nicht zugänglich, weil die Verschiedenheiten der Färbung im Eidotter, also im Innern liegen. Es giebt, wie jeder weiß, Eier mit ganz blassem und solche mir ausgesprochen rötlichem Dotter, und zwar gehören zu den letzteren gewöhnlich die Landeier, zu erstereu aber solche, die von den Hennen unter ungesünderen Verhältnissen zur Welt gebracht worden sind. Die Eier der wilden Vögel zeigen auch eine rötliche Färbung des DotterS. Man könnte in dreier Beziehung von einer Bleichsucht der Hühner sprechen, denn der Stoff, der ihrem Dotter die Farbe verleiht, ist Eisen, also derselbe, von dem unser Blut seine Farbe bezieht, wie denn auch die Eisen- verbuidung im Eidotter von sehr ähnlicher Natur ist wie die im Menschenblut. Daher rührt auch die leichte Verdaulichkeit der Eier und ihre günstige Wirkung auf bleichsüchtige Personen. Die Eisen- Verbindung in den Eiern wird thatsächlich als Hämatogen(Blut- bildnerj bezeichnet� weil es wahrscheinlich ist daß das Blut des Küchleins daraus entsteht. Der Gehalt von Eisen im Eidotter scheint mit der Tiefe der Färbung zu wachsen, und sicher wird der höchste Betrag in dem reichgefärbten Dotter derjenigen Eier erreicht, die von dem unter gesunden Verhältnissen lebenden Geflügel erzeugt werden. Je gesünder die Hühner leben und je besser sie zu fressen bekommen, desto eisenhaltiger und farbiger wird auch das Dotter ihrer Eier aussallen. Hinsichtlich ihres Nährwerts sollten die Hühner- eier somit nicht nach der Färbung der Schale, sondern nur nach der des Dotters beurteilt werden.— Geschichtliches. — Friedrich W ick h e l m IV. und der Breslau er K a u f m a u n. Aus dem Nachlaß des demokratischen Publizisten Kerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Friedrich Kolb veröffentlicht Richard Fleischers„Deutsche Revue" in ihrem Juniheft einen Aufsatz„Aus der Zeit des Frankfurter Parla- ments". In diesem Artikel werden, nach einem Auszug in der „Frankfurter Zeitung", u. a. auch die Märzereignisse des Jahres 1843 behandelt. Der Verfasser gedenkt dabei eines wenig bekannten Vor- falles, der sich im Berliner Königsschlosse abspielte: In Breslau war früher als in Berlin eine Volksbewegung erfolgt, aber sogleich blutig durch das Mlitär niedergeschmettert worden(irre ich nicht, so wurden etliche fünfzig Civilpersonen niedergemetzelt). Natürlich steigerte das brutale Verfahren die allgemeine Erbittmmg, und da die Bewegung sich allenthalben mächtig weiter entwickelte, so konnte die Sache nnt dem lokalen Er- folge der Soldateska nicht abgethan sein. Es wurde die Absendung einer Deputation an den König beschlossen, die Beschwerde über daS unmenschliche Vorgehen erheben und die Annahme einer andren, freisinnigen Politik nach allen Beziehungen fordern sollte. Zur De- putation wurden u. a. gewählt: Abegg, Heinrich Simon und ein seiner polirischen Haltung nach als äußerst gemäßigt bekannter schlichter Kaufmann, dessen Name mir im Laufe der Jahre leider entfallen ist. Als diese Deputation zu Berlin eintraf, wütete daselbst der furchtbare Strnßenkanipß Bei seinem Beginn hatten die Höflinge jeden, von dem sie vermuteten, er wolle dem Könige unangenehme Mitteilungen nrachen, zurückgewiesen; sogar Freiherr b. Vincke soll im Vorzimmer des Fürsten haben hören müssen, diese Unordnungen habe er durch seine aufreizenden Reden verschuldet. Jetzt waren die Dinge jedoch dahin gekommen, daß man den Abgesandten aus Breslau die verlangte� Audienz nicht mehr zu verweigern wagte. Der um das Schloß tosende Kampf hatte eben aufgehört.(Simon erzählte, er habe im Audienzzimmer eine von einer Kugel zer- schmetterte Fensterscheibe und auf der entgegengesetzten Wandseite damit korrespondierend ein von der Kugel durchbohrtes Gemälde wahrgenommen. Man kann sich denken, daß die Abgesandten, von denen ohnehin mehrere als Männer entschiedensten Freisinns bekannt waren, rück- haltlos und ohne Scheu die Beschwerden ihrer Vollmachtgeber und das Verlangen des ganzen Volkes dem Könige init möglichster Be- stimmtheit vortrugen. Dies thaten denn solvohl Abegg als Simon, und sie glaubten, daß dem von ihnen Gesagten wohl kaum noch irgend etwas beizusetzen sein dürfte. Da nahm indes, als sie geendigt, auch noch jener schlichte Kaufmann das Wort. Er re- kapitulierte kurz die Wünsche und das Verlange»; dann fügte er bei: „Und wenn nun Eure Majestät alles dieses gewährt haben, dann— dann wird Ihnen das Volk vielleicht der- zeihen!" Der Eindruck dieser Worte auf den König war ein sichtlich tief erschütternder. Er schluckte, wie wenn er einen bitteren Tropfen die Kehle hinabdrücken wollte, und trat unwillkürlich einen Schritt zurück." Dem Verfasser des Artikels ist es schließlich auch gelungen, den Namen des Breslauer Kaufmanns zu ermitteln: es war der Kauf- mann G. Kopisch, ein Bruder des Malers und Dichters Kopisch.— Notizen. — Was die russische Jugend liest. Das„Litterarische Echo" schreibt: Eine russische Zeitschrist erhielt auf ihre Rundfrage nach bevorzugten Schriftstellern über tausend Antworten. Au der Spitze steht Tolstoi mit 631 Stimmen, dann kommt Gorki(586), Dostojewski(494), Turgenjew(470), Tschechow(458). Von nicht- russischen Schriftstellern steht an erster Stelle Vtaupassant mit 86 Stimmen, dann folgen Erckmann-Chatrian, Zola, Dickens, Hugo und ganz zuletzt Goethe und Schiller mit je 52 Stimmen. Unter 50 Stimmen haben unter andern Shakespeare, Ibsen, Daudet, Cervantes.— — Das National-Theater a m Weinbergs weg wird am 1. September mit Mozarts„Hochzeit des Figaro" eröffnet werden.— Eine der ersten Novitäten dieser Bühne wird Bogumil Zeplers neue einaktige Oper „Nacht" sein.— — Der Berliner Sängerwettstreit 1904 findet am 5. Juni, nachmittags 3'/z Uhr, in der Brauerei Friedrichshain statt; beteiligt sind 14 Männergesangvereine. Eintrittskarten zu 2 M. und 3 M. sind bei Bote u. Bock, Leipzigerstr. 37, zu haben.— — Oskar Strauß' neue Operette„Die lu st igen Nibelungen" wird die Erstauffühning im Wiener Karl» Theater erleben.— — Aug» st E n n a hat ein neues Ballett„CäciliaS Gold- schuh" vollendet; die Erstaufführung wird im Kopenhagener Hoftheater vor sich gehen.— — Auf der Wetterwarte zu USlar bei Göttingen find während eines Gewitters, das abends niederging, von dem Blitz- zähler in l'/o Stunden nicht weniger als 1500 einzelne B litzentladungen aufgezeichnet worden.— c. In den Centralprovinzen Indiens sind im vorigen Jahre 190 Menschen durch Tiger, 190 durch Panther und 50 durch Wölfe getötet worden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 5. Juni. Vorwärts Vuchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin SW.