HlnterhaltungsAatt des Dorwärts Nr. 110. Dienstag, den 7. Juni. 1904 (Nachdeuck verboten.) � Im Vaterkau se. Socialer Roman von Minna Kants kl). Elise blieb ruhig an dem geöffnereu Fenster. In dieser Sonntagsstille hörte man das Geklingel der Tramway. deren Waggons die Favoritenlinie passierten. „Das ist heute wieder ein Verkehr, alles strömt aus der Stadt hinaus... gehst Du nicht auch?" „Ich habe mir's überlegt, ich möchte lieber was lesen." „Das ist gescheit. Du kannst ja mit dem Bnch nach dem Wall gehen und Dich dort in die Sonne legen." »Ich werde mich schon wo hinlegen," meinte er lachend, „wenn ich nur erst das Buch Hab'— wenn Sie mir wieder eins borgen wollten—" „Bücher hätten wir genug," meinte sie,„freilich wenige, die Du verstehen wirst." „Ich möchte gern einmal etwas vom Cira? lesen oder von die Römer." „Warum denn gar so gelchrie Sachen," spottete sie. Sie ging voraus durch die Küche und be.stat die Wohn- stube, die nach der Straße zu lag. Sie war hell und geräumig, mit Geschmack möbliert, für Fritz war sie ein Unikum von Pracht mck» Schönheit. Ein farö'ger Smyrnaer Teppich bedeckte den Boden, ein schöner Per vr war über den Diwan gebreitet, dem einige Eselstaschen in prachtvollen Mustern als Rücklehne dienten. Das daneben stehende Bett, in dem die beiden Mädchen schliefen, war durch ein japanisches Paravent maskiert. An den licht tapezierten Wänden hingen die Gemälde des Großvaters in schönen, breiten Goldrahmen. Da war ein Zigeunerlager noch ganz in der romantstchen Auffassung, die die Kunst der sechziger Jahre charakterisierte, mit einer Anzahl schöner, malerisch zerlumpter Gestalten, die an einer Stelle des Waches zum genußvollsten Zusammensein sich gruppierten. Das zweite Bild zeigte ein vornehmes junges Paar, in süßlichen Farben gehalten, das sich umschlungen hielt und mit gerührten Blicken die Bettlerin am Wege betrachtete, das glück- liche Weib, das, unter einem Baume sitzend, seinem Kinde die Brust bot. Fritz hatte die schönen Bilder immer bewundert, heute sah er an ihnen vorbei nach dem hochragenden Schrank, der die Bibliothek des seligen Akademieprofessors enthielt. Als die Wissenschaft anfing, populär zu werden, konnte man in den Salons der Bourgeoisie Buckle»ich Mill finden, Lubbock und Darwin, Renan, David Strauß, Büchner und Häckel. Es gehörte zum guten Ton, diese Bücher zu besitzen, wenn man sie auch nicht las. Auch Professor Witte hatte sie seiner Bibliothek einverleibt, Ivo sie nach zwanzig Jahren noch ebenso jungfräulich unberührt standen, wie am ersten Tage. Elise öffnete den Schrank, Fritz stand hinter ihr mit ge- falteten Händen und verschlang die stattlichen Reihen schön gebundener Bücher mit den Augen. Wie reich erschienen ihm diese Menschen, die st) viel Bücher hatten! „Da ist eine Geschichte des Altertums," sagte Elise, den Band herausnehmend,„darin findest Du etwas von Cäsar." „Und da ist Darwins Entstehung der Arten," rief Fritz lebhaft, einen andren bezeichnend,„das möchte ich auch lesen." „Das verstehst Du nicht," sagte sie kurz abweisend. Sie übergab ihm das für ihn Ausgewählte und schärfte ihm ein, es nicht zu beschmutzen. Er bedankte sich und wollte zur Thür hinaus. Sie rief ihn zurück. „Sag' mir, Fritzl, woher weißt Du denn was von Darwin, hast Du diesen Namen schon einmal gehört?" „Gehört schon— in den Versammlungen." „Was sind das für Versammlungen?" «Sie wissen ja, ich bin jetzt im Arbeiter-Bildungsverein: ein Kamerad hat mir gesagt, dort könnt' man umsonst was lernen, da giebt's Kurse für Mathemattk und Geographie. Englisch, Singen und Tanzen, und da— da haben wir uns beide ins Tanzen einschreiben lassen." Elise lachte belustigt auf. „Das ivar jedenfalls das Notwendigste für Dich." Ihre Fröhlichkeit steckre ihn an, er lachte mit. „Wir wollten halt mit dem leichtesten anfangen, zu dem man keine Vorbildung braucht." „Schau, schau, das war eigentlich nicht so dumm von Euch." „Nicht wahr, aber es ist nichts daraus geworden; gleich bei der ersten Lektion ist der Klavierspieler ausgeblieben und da hliben wir halt statt der Tanzerei einen Vortrag über die Entstehung der Arten gehört." „Das war aber fad, gelt?" Er errötete. Es wäre ihm als eine Ueberhebung er» schienen, wenn er ihr gesagt hätte, wie ungemein es ihn inter- essiert habe. Sie gab seinem Schweigen eine andre Deutung und tagte kopfschüttelnd:„Ist auch ein Unsinn, Euch so etwas vorzutragen, davon können doch Arbeiter kein Wort verstehen." Da blickte er auf und, als hätte sie angegriffen, was auch ihr gegenüber zur Verteidigung drängte, sagte er fest: „Wenn ein Bauer den Prediger auf der Kanzel versteht, warum sollen wir Arbeiter nicht verstehen, was uns klar und deutlich vorgetragen wird, und was so wirklich und wahr ist, daß ähnliches uns alle Tage vor Augen kommt?" Sie war einen Augenblick ungewiß, ob sie dieser Meinung entgegentreten oder sie gelten lasten sollte; ihre Sympathie trug den Sieg davon. „Du sollst alle Bücher haben, die Tu willst, Fritzel, bei uns liest sie doch niemand." 4. Kapitel. Es schlug zehn Uhr. Frau Resel, die Hausbesorgerin von Nr. 36, kam mit schlürfenden Schritten die Treppe herauf, um die Gashähne abzudrehen. Sie gähnte laut und stieß ein„Jesus Maria" aus, als sie Fritz bemerkte, der auf einer der obersten Stufen saß, ein Buch auf den Knien, das er mit ausgestreckten Armen so weit vorgeschoben hatte, daß das Licht der Gasflamme darauf fiel. „Was ist das für ein Unsinn, auf der Sttegen zu lesen und sich die Augen verderben," rief sie ihm zu. Er sah von dem Buche auf und sagte lustig:„Bin ich ein Millionär, kann ich mir eine Stearinkerze kaufen?" „Hab' ich Ihnen nicht gesagt, wenn Sie ein hübsches Buch haben, können Sie zu mir in die Wohnung kommen und es mir vorlesen— ich Hab' gern hübsche Bücher— wie heißt denn die G'schicht'?" Neugierig beugte sie sich nieder und wollte ihm das Buch aus der Hand nehmen. „Das ist nichts für Sie," sagte er trocken und schlug eS ihr vor der Nase zu. Sie stemmte die Hände in die Sellen und sah ungeheuer entrüstet aus. „Nichts für mich, so. und Sie schämen sich nicht, so was zu lesen?— So ein Früchterl! Für mich paßt's nicht, aber für ihn paßt's— so ein verdorbener Kerl!" Er lachte laut auf und rannte die Treppe hinab, während sie wütend den Hahn rasch abdrehte. Dann trat sie auf den offenen Gang hinaus. Sie hatte dort Fräulein Tini bemerkt, die bereits im Negligs war, das heißt, sie hatte den alten Schlafrock ihrer Mama angezogen, der an ihrer schlanken Gestalt schlotternd herabhing. Sie lehnte sich weit über das eiserne Geländer und sah sehnsüchtig über den Garten hinweg in die Ferne. „Eine schöne, sternhelle Nacht, Fräulein Tini," begann die Resel, wie von derselben Stimmung erfaßt. Tini drehte sich rasch um und lachte ihr ins Gesicht. „Mir scheint gar, Sie hätten auch noch Lust, zu schwärmen. Schauen Sie lieber, daß Sie ins Bett kommen, es ist schon spät." Dann die Hände in heftiger Ungeduld ineinander» pressend:„Und dieser Emil kommt nicht zurück." „Der Herr Emil noch nicht zu Hause?" „Nein, der Vater ist schon ganz wütend, und die Malen» schen sind auch noch nicht da." „Auch noch nicht?" rief die Resel und umfaßte krampf" hast den Schlüsselbund.„I, da muß ich mich aber tummeln mit dem Zusperren, sonst schlupfen sie mir noch vorher herein.. Und sie lief hinab, so schnell sie konnte, um ihr Sperrgeld nicht zu verlieren. „Ja, Vater Witte war mit seinen Töchtern noch nicht nach Hause gekommen, und Frau Elise saß, sie erwartend, bei ihrer kleinen Petroleumlampe, stopfte Strümpfe und hatte Mühe, sich wach zu halten. Sie hatte eben einen neuen Faden genommen, da hob sie horchend den Kopf. Ein Wagen rasselte durch die stille Nacht; man hörte den gleichmäßigen Hufschlag gut geführter Pferde, die plötzlich stehen blieben; der Wagen hielt vor dem Hause. Das war ein Ereignis. Sie sprang empor, die Hand gegen das furchtbar klopfende 'Herz gedrückt. Da war etwas geschehen— ein Unglück vielleicht! Da wurde auch schon die Hausglocke gezogen. Sie waren es. Elise wollte ihnen entgegengehen— aber sie wankte— und mußte sich stützen. Da vernahm sie vom Hofe her die lauten, fröhlichen Stimmen ihrer Kinder. Sie kämm die Treppen heraufgestürmt. „Gott sei Dank!" hauchte Elise. Im nächsten Augmblick ward die Thür aufgerissm, ihre Töchter sprangen herein und warfen sich ihr an den Hals. „Mutter, Mutter, wärst Du nur mitgewesen!" Sie wollte ihnen für ihr langes Ausbleiben einen Vor- Wurf machen, aber vor den lmchtendm, glückstrahlenden Augen ihrer Kinder verstummte er. Jetzt trat der Vater mit Fräulein Tini herein, die vor Neugier brannte, zu hören, was sich da ereignet hatte. Es folgte ein wirres Durcheinander von Fragen und Aus- rufungen, von Lachen und Küssen, und als jetzt alle in der großen Stube versammelt waren, nahm Frau Witte den Schirm von der Lampe, um ihre Kinder in vollem Licht be- trachten zu können. Sie waren mit Blumen geschmückt. Sie trugen Blumen in den Händen, Blumen an dm Hüten, Blumen an den Kleidern. Die Mutter schlug die Hände zusammm. „Sagt mir nur, Kinder, was heißt dmn das?" „Gelt, da staunst Du," rief Gusti,„und die vielen Sträußerln— für Dich, Mama.", Sie hielt ihr mit einem Knix eine Anzahl kleiner Bouquets, die sie in einer Hand zusammengefaßt hielt, ent- gegm. „Sie haben noch mehr gehabt," erzählte der Vater mit stolzem Schmunzeln,„aber sie haben die Hälfte davon ver- loren." „O, nicht verloren," entgegnete Gusti,„sie haben sie uns wieder abgebettelt. Von mir hätten sie nichts gekriegt, aber Luise—" „Ich?" „Ja, Du— ah, die schöne Rose, die Du da vorgesteckt hast, die hast Du wohl eingehandelt?" „Ich will sie ins Wasser geben," rief Luise und wendete sich zur Thür. Die Mutter sah ihr erstaunt nach. Sie sah so holdselig aus in ihrem Blumenschmuck, ein zarter Anhauch von Weiblichkeit lag in ihrer Haltung, und nun dieses flammende Erröten, das sie verbergen wollte... Sie wendete sich ungeduldig an ihren Mann:„Erzähle mir doch!" „Der Zufall hat da eine mir interessante Bekanntschaft vermittelt," begann Witte lächelnd...„charmante Menschen, diese Grasaffen haben Erobeningen gemacht." „Wir sind in ihrer Equipage nach Hause gefahren," prahlte Gusti. „Ihr— in einer Equipage!" rief Tini, die förmlich nach Lust schnappte. „Und wie sind wir gefahren, geflogen sind wir— das wäre was für Dich gewesm, Tini." Die Mutter zeigte sich nur noch ungeduldiger, und Mann und Töchter begannm nun gleichzeitig in sie hineinzuredm, um ihr von den Vorgängen zu erzählen, von denen sie noch ganz erfüllt waren, und welche den Papa mindestens ebmso glück- selig gemacht hatten, wie seine Töchter. „Zwei Herren und eine Dmne sind beim graben Michel an einem Tisch unweit von uns gesessen—" «Sie häben Milch getrunken, wie wir—" „Da kam ein Blumenmädchen—" „Sie hatte den Korb voll der schönsten Sträußerln, und die Dame-.» (Fortsetzung folgt.) iNachdruck verboteil.) Die Stcinnußküopf-fabrikation. Der Hauptort der Steinnußknopf-Jndustrie ist die Stadt Schmölln in Sachsen-Altenburg. Es giebt gegenwärtig in Schmölln etwa zwanzig Knopffabriken, in der Nachbarstadt Gößnitz deren drei und zwei bis drei Fabriken in Schönebeck a. d. Elbe. Die Steinnußpalme, auch Elfenbcinpalme oder Teguabaum ge- nannt, wächst im sumpfigen, tropischen Südamerika, zwischen dem 9. Grad nördlicher und dem 8. Grad südlicher Breite und dem 70. bis 79. Grad westlicher Längs.' Vorzugsweise gedeiht sie bei einer mittleren Temperatur von etwa 39 Grad Celsius. Der Stamm wird bis 22 Meter hoch, ist schlank und rauh und hat etwa 35— 40 Centi- meter Durchmesser. Mitunter aber— was an bestimmte Gegenden gebunden ist— ist er niedrig, so daß er sich kaum 2 Meter von? Erdboden erhebt und bisweilen kommt es sogar vor, daß die Palme fast stammlos ist. Die Krone des Baumes trägt 12 bis 29 fieder- spaltigc, gegen 0 Meter lange Blätter mit 1 Meter langen Segmenten. Der Blütenstand der selteneren männlichen Palme ist ein einfacher, fleischiger, cylindrischer Kolben.mit drei oder vier Scheiden dicht ge- drängt stehender Blüten, welche bei vollkommener Entwicklung einen starken Geruch verbreiten. Die weiblichen Pflanzen produzieren fünf bis zehn herabhängende Fruchtsäcke. Die Frucht ist eine 12— 59- fächerige kastanienähnliche Kapsel, von der Größe eines Kindes- bis Manneskopfes. Jedes dieser Fächer birgt zwei bis fünf Samen- Das ölhaltige Fruchtfleisch wird nicht benutzt. Die Samen enthalten anfangs eine weinsäuerliche, trintbare Flüssigkeit, werden dann mandclartig weich; in diesem Zustande sind sie noch genießbar und werden zu einem sehr wohlschmeckendem Getränk verarbeitet. Bei der Reife aber werden diese Samen knochenhart und kommen dann als Tagua-, Corossos-, Corusco-, Elfenbein- oder Steinnüsse in den Handel. Sie werden auch vegetabilisches Elfenbein genanirt, haben außer an der oberen harten, schwarzen Schale eine schöne hellbraune Farbe, inwendig sehen sie schneeweiß aus. Aus diesen Nüssen werden seit etwa vierzig Jahren die Steinnußknöpfe hergestellt. Die Samen der Steinnüsse kommen in Säcken verpackt an; die Kapseln werden gleich bei der Ernte weggeworfen. Zunächst muß nun die harte, schwarze Schale entfernt werden, denn sonst würde beim Anbohren der Stahl ausbrechen. Zu diesem Zwecke werden etwa 3— 4 Säcke Nüsse auf einmal in eine große eiserne Trommel ge- bracht, welche gitterartig angefertigt ist, so daß durch die Zwischen- räume die abgestoßenen Sckialen hindurchfallen können. Diese Trommel wird durch Dampfbetrieb in Bewegung gesetzt; in ihr laufen dann die Nüsse etwG 2—3 Stunden. Durch dieses fort- dauernde Aneiuandcrfallen entledigen sie sich selbst ihres harten Mantels. Es kommt aber doch vor, daß hier und da noch«in wenig der harten Schale sitzen bleibt; solche Stücke werden dann durch Schulknabcn mittels eines Hartmcißels behandelt; man nennt diesen Vorgang: Abputzen. Hierauf werden die Nüsse auf Kreis- sägen in zwei Hälften geschnitten. Fräsmaschinen zerlegen mitunter auch die Stücke gleich in kleine Platten; diese Art der Bearbeitung wird aber nur sehr selten angewandt. Die Nußhälften, vom Knopfmachcr„Stückchen" genannt, kommen nun zunächst zum Anbohrer. Dieser muß schon ein sehr geübter Arbeiter sein, denn er mutz daS Material auch auszunützen wissen, daß ja nicht viel davon verloren geht. Die Anbohrer ver- dienen nebenbei bemerkt die höchsten Löhne. Hat er natürlich schad- hafte, d. h. angefaulte Nüsse, sogenannte„gelbe", erhalten, aus denen nur schwarz gefärbte Knöpfe gemacht werden, so fällt natür- lich mehr weg, als es bei den„braunen" oder gesunden der Fall ist. Beim Anbohren kommt es zunächst darauf an, was der be- treffende Arbeiter gerade für ein Dessin bohren mutz. Der Stahl, mit dem gearbeitet wird, muß genau nach dem Muster gefeilt sein. Hat also z. B. der Knopf in der Mitte mehrere kleine Ringe, so sind in dem Bohrstahl ganz feine Vertiefungen emgefeilt Ivorden. Die Bänke sind gewöhnliche Spindelstöcke mit einem schnellen Gang, an dem vorn ein Futter angebracht ist. in welchem der Stahl läuft. hinten ist ein mit einer Kurbel versehener Reitstock. durch welchen das Stückchen einen festen Stützpunkt erhält; es muß mit der Hand festgehalten und durch den Reitstock an den Stahl hcrangekurbelt werden. Hierbei muß der Arbeiter beim Kurbeln zuletzt einen leichten Druck ausüben; würde er sehr schnell und heftig bohren und zuletzt keinen leichten Druck geben, so wäre die Oberfläche des angebohrten Knopfes nicht glatt, sondern rauh und„ausgespritzt", wie der Knopfmachcr sagt. Jetzt ist also der Knopf halb angebohrt, d. h. von der Oberfläche aus. Nun bekommt die angebohrten Stückchen der Ausbohrer. Die Bank ist dieselbe wie beim Anbohren. nur mit dem Unterschiede, daß am Reitstock eine Kapsel angebracht ist. in welche die angebohrte Hälfte des Knopfes hineinpaßt; der Stahl bohrt nun von hinten an und der Arbeiter kann schnell und heftig kurbeln, da die hintere Hälfte des Knopfes sowieso nicht glatt wird. Sollte der ausgebohrte Knopf nicht von allein herausfallen. so wird mit einem kleinen Hämmerchen ein leichter Schlag auf die Kapsel ausgeübt und der Knopf fällt heraus. Je nach der Größe der anzufertigenden Knöpfe und des Stückchens sind zwei bis sechs Knöpfe aus einer Nußhälfte gebohrt worden. Das nach dem Ausbohren übrig gebliebene, nun durch- löcherte Material heißt„Hülse". Diese Hülsen werden noch einmal auf ihre Verwendbarkeit hin durchgesehen; diejenigen, aus denen noch irgend ein kleiner Knopf, und wenn eS nur ein Schuhknopf wäre, zu bohren geht, werden wieder in Arbeit gegeben. Ist ab- solut nichts mehr daraus zu machen, so werden sie verbrannt. Beim Ausbohren ist aber nun der Knopf auf der unteren Hälfte, der sogenannten„Blitze", nicht glatt geworden, sondern rauh und ganz„ausgespritzt". Um die Butze nun ebenfalls schön und glatt zu gestalten, bringt man die Knöpfe zu dem„Abschneider". Hier ist am Spindelswck ein Holzfutter angeschraubt, welches zweimal angesägt ist. In dieses Futter wird vorn in die Mitte vermöge eines„Dreikanters" ein Schloh gedreht, in welches die obere Hälfte des Knopfes pastt. Ueber das Futter wird nun ein aus hartem Holze, am besten Esche, Apfel- oder Pflaumenbaum, hergestellter Ring geschoben, wodurch das Futter auf- und zu- gespannt wird. Das Futter saust nun mit dem eingeklemmten Knopfe herum, während der scharfe Faeonstahl an die Butze gedrückt wird. Auch bei diesem Abschneiden mutz zuletzt ein sanfter Druck ausgeübt werden, damit die Butze schön glatt wird. Sollten die Knöpfe beim Anbohre» nicht ganz glatt geworden sein, so werden sie nun noch einmal„gedreht", was gerade so wie das Abschneiden geschieht, nur mit. dem Unterschiede, datz hier nicht der untere, sondern der obere Teil des Knopfes bearbeitet wird. Vom Abschneider und Dreher geht der Posten Knöpfe weiter zum ..Lüchern". Die Löcher werden meistens auf den patentierten Löchermaschinen eingebohrt. Man stelle sich vorn an der Maschine eine Walze vor. auf welcher sechs„Schlösser" sind, welche durch einen an der Seite angebrachten Klapphaten geöffnet und geschlossen werden. Diese Walze bewegt sich dadurch, datz an der äutzeren linken Seite der Maschine ein Daumenrad oder Excenter an- gebracht ist, ruckweise um ihre Welle; durch diese ruckweise Bewegung wird Zeit gelassen, den Knopf einzulegen. Die Klappe schlietzt sich und der Knopf wird dadurch festgehalten, nach einer Vorwärtsbewegung senkt sich oben der Abschneidestahl herab und dreht die Butze glatt aus, im selben Augenblicke wird der vorher eingelegte Knopf durch einen Bohrer von links gelöchert, während der wiederum vor diesen eingelegte, ebenfalls im gleichen Moment durch einen zweiten Bohrer von rechts gelöchert wird. Beim nächsten Ruck öffnet sich das Schlotz und der Knopf fällt heraus.— Manche Dessins erfordern nun noch, datz der Knopf auf der Ober- fläche gehobelt wird, z. B. wenn horizontal laufende Vertiefungen darauf sein müssen. Die Knöpfe sind nun fertiggestellt, aber noch von weitzer Naturfarbe; sie müssen also noch gefärbt werden. Das Schwarz- färben der Knöpfe geschieht durch Blauholz-Extrakt. Nachdem die Knöpfe in der Farbe aufgekocht und dann getrocknet worden sind, werden sie nochmals in einer Kalilösung gekocht, wodurch die Farbe für immer ans dem Knopfe festgehalten und auch das Abfärben verhindert wird. Zum Melieren oder„Spritzen", wie der Arbeiter spricht, werden meistens Anilinfarben verwendet. Die Knöpfe werden auf Holzbretter dicht aneinandergelegt. Diese Arbeit wird von Frauen besorgt. Sollen nun auf den Knöpfen nur kleine Pünktchen erzeugt werden, so wird die Farbe in eine Blechkanne gegossen, an welcher eine Mundröhre vorhanden ist; der Melierer bläst hinein und dadurch wird die Farbe fein über das Material verstäubt. Sollen grössere Flecke in der Musterung sein, so wird mit einem kleinen Rohrbesen in die Farbe getaucht und der Besen auf die Hand, geklopft, wodurch die Farbe dann auf die Knöpfe fällt. Erfordert das Muster Striche oder Schraffierungen, so werden Schablonen auf die eng aneinandergereihten Knöpfe gelegt und dann die Farbe mittels einer Luftpunipe dicht darüber hin- geblasen. Ist die Farbe eingetrocknet, so werden die Schablonen heruntergenommen und die Knöpfe in der Kalilösung gekocht. Bei den Anilinfarben mutz ganz besonders aufgepatzt werden, da nach dem Kochen ini Kali z. B. grün eine rote und rot eine grüne Farbe giebt. Es werden von den nicht giftigen Farben, ausser Vlauholz- Extrakt und-Späne, noch Gelbholz-Ertrait und-Späne. Schmack und Bejo verwendet. Die meisten übrigen Farben sind giftig. Die verschiedenen Farbenzusammcnsehungcn sind Geheimnisse des Färbers. Ausser der Färberei erfordern die Knöpfe noch die Politur. Sie werden zu diesem Zwecke in die Poliersässer oder Trommeln gebracht: diese Fässer sind inwendig mit Filz ausgeschlagen. Es wird eine Mischung von Schlemmkreide. Bimsstein, Ausbohrspänen und pulverisierter Holzkohle hineingeschüttet, dann werden die Knöpfe hineingcthan; sie laufen nun etwa«i bis 8 Stunden in den rotierenden Fässern herum und polieren sich von selbst. Sollten stark hervorstehende Ränder mit scharfen Ecken an den Knöpfen vorhanden sein, z. B. bei Vierlöcherigen, so sind diese Ecken durch das Polieren noch nicht blank geworden; sie werden nunmehr in ein Holzfutter gespannt und mittels eines Rotzhaarpinsels mit einer Mischung von Holzkohle. Schlcmmkreide, Schmierseife und Spiritus vollends auspoliert. Soll dieses recht schnell geschehen, so giebt man der Mischung 2— 3 Tropfen Schwefelsäure zu. Das letztere ist aber verboten, da Schwefelsäure die Farbe angreift und die Politur nach einiger Zeit abschwächt. Jetzt sind nun die meisten Knöpfe fertig. Es giebt aber noch einige Muster, auf welche Figuren oder Schraffierungen gcprctzt werden müssen. Dieses geschieht mit einer Stanze, der Knopf liegt in einer Matrize und an der Stanze ist unten ein Prägestempel befestigt; man schwingt die Stanze herum und das Muster ist für alle Zeiten auf den Knopf geprcht. Sind die Knöpfe recht grotz, Wie z. B. Palewttnöpfc, so werden die Prägestempel ertra durch eme Vorrichtung erhitzt. Sollen manche Figuren oder z. B. Namen der Grossisten auf den Knöpfen leicht sichtbar sein, so werden die- selben wiederum eingespannt und mit Bronze berieben, die Bronze setzt sich in die eingepretzte Figur oder Namen und glänzt nun wie Gold daraus hervor. Diesen Vorgang nennt man das Bronzieren. Dann sind noch einige Arten vorhanden, bei denen der Rand blank poliert ist, während das Innere matt werden muh. Hierbei werden die Knöpfe in Schablonen gelegt, welche den Rand verdecken. Die Schablonen werden unter einen Kasten gebracht, in welchem fein- gemahlener Kies enthalten ist. Mittels Luftdruckes wird nun der feine Sand auf die Schablone gespritzt, wodurch das Innere des Knopfes nun von der Politur befreit ist und matt aussieht. ES giebt auch noch ein Muster, wo der Rand fein gerippt ist; diese? gerippte Muster wird mit einem kleinen Nänderierrädchen aus- geführt. Tie fertigen Knöpfe werden nun von Frauen und Mädchen sortiert, die helleren Sorten für sich und die dunkleren, und dann auf Karten aufgenäht. Dieses Aufnähen ist die Hausindustrie. In Schmölln findet man fast in jedem Hause, wo Arbeiter wohnen, Knöpfe, welche von Frauen und Schulkindern aufgenäht werden. In Pappkartons verpackt. Iverden die Knöpfe dann in den Handel gebracht. Schmölln produziert m einem Jahre über zwei Millionen Gross Steinnutzknöpfe.— WilliamBromme. kleines Feuilleton. >c. Das Selbstmordproblem. Datz die Zahl der Selbstmorde in der Gegenwart schnell, fast sprungweise wächst, ist eine allgemeine Beobachtung, die durch eineuns vorliegende englische Statistikvon neuem bestätigt wird. Danach hat die Zahl in fünfzig Jahren um nicht weniger als 200 Proz., in fünfundzwanzig um mehr als 160 Proz. zugenommen. Zu dieser Zunahme liefern ebenso die grossen Städte als auch die spärlich bevölkerten Landbezirke ihren Beitrag, ja, die Zahl ist in den 74 grötzten Städten Englands niedriger als im übrigen England und in Wales. Dabei werden nicht 2 Proz. der gesamten Selbstmorde als vorsätzlich begangen bezeichnet; gewöhnlich lautet die Formel„in einem Anfall von Geistcsgestörtheit". Wie sehr die Zahl der Selbstmorde gestiegen ist, zeigt folgende Statistik: Auf 100 000 Personen der Bevölkerung von England und Wales kommen im Jahre 1863: 6,71 Selbstmorde, Von1863— 1873: 0,33, von 1873—1888: 8,16, von 1888—1893: 3,63, von 1893 bis 1898; 9,17, von 1898— 1903; 9,90. Die Gesamtzahl der Selbst- morde für 1901 betrug 3106, für 1902 3239. Dazu kommen für die beiden letzteren Jahre 2116 und 2198 Selbstmordversuche. Vc- sonders zu bemerken ist in diesen Jahren auch die Verbindung von Selbstmord mit Mord. Im Jahre 1901 begingen bei 173 Fällen von Mord 23 Mörder Selbstmord, im Jahre 1902 bei 208 Mord- fällen 37 Mörder Selbstmord. Die Zahl' von 9,90 Selbstmorden auf 100 000 Personen in England ist nach der erwähnten Statistik klein im Vergleich zu andren Ländern. In Sachsen kommen auf 100 000 Bewohner 39,2 Selbstmorde, in Dänemark 25,1, in der Schweiz 23,9, in Baden 19,8, in Württemberg 18,9, in Frank- reich 13,0, in Preuhen 16,6. England und Schottland fallen unter den europäischen Ländern auch dadurch auf, datz beim Selbstmord viel das Messer gebraucht wird; aber das Erhängen ist in England immer noch die üblichste Methode. In einem Zeitraum von zehn Jahren verteilen sich die Todesarten von 26 322 Selbstmorden Ivie folgt: 7006 sterben durch Erhängen, 6632 durch Ertränken, 4365 durch Erdolchen und Halsabschneiden, 3916 durch Gift, 2204 durch Feuerwaffen, 2300 durch andre Mittel. In England und Wales ziehen die Männer Selbstmord durch Erhängen, Mschneiden und Er- tränken vor, die Frauen Selbstmord durch Ertränken, Erhängen und Gift. Sehr überraschend ist es, datz die hellen Sonnnertage reichtr an Selbstmorden sind als die trübe Winterzeit. Im Mar und Juni erreicht die Zahl der Selbstmorde ihren Höhepunkt. Jedenfalls hat die zunehmende Hitze etwas damit zu thun, auch die zunehmende Länge der Tage haben ihren Anteil; den stärksten Ein- flutz haben jedoch wohl die geistigen und körperlichen Vorgänge, denen im Frühling und Frühsommer der Mensch wie die ganze he» lebte Natur unterworfen ist. Zum Schlug seien noch drei hervor- stechende Fakta des Selbstmordproblems erwähnt: Personen, die die ein germanisches Rassenelement in sich haben, zeigen eine gröherv Neigung zum Selbstmord; von erworbenen Eigenschaften liefert die Trunksucht den stärkeren Trieb zum Selbstmord;der Vormittag ist in dieser Beziehung die verhängnisvollste Tageszeit.—- Theater. Schiller-Theater 0.„Ein unbeschriebenes Blatt." Lustspiel in drei Aufzügen von Ernst v. Wolzogen. — Die Ausgrahung von Wolzogens„Unbeschriebenem Blatt" im Schiller-Theater war um vieles erfreulicher als neulich die des DaviSschen.Heiratsnest". Einen Anspruch, als Kunst oder auch nur Litteratur genommen zu werden, können und wollen wohl auch beide Stücke nicht erheben. Die Lustspielflagge_ deckt flüchtiges Schwankgut. Auf eine Handvoll Unmöglichkeiten in Charakteristik und Handlung kommt es dabei nicht an. Aber wenn Davis in dem leichten Genre sich mit einer gewissen weitschweifigen Unr- ständlichkeit, einer erfindungsarmen Pedanterie bewegt, lätzt Wolzogen der losgebundenen Laune trotzlos die Zügel schießen und erwirkt durch seine burschikose Unbekümmertheit ein fröhliches Behagen. An das, was er ursprünglich versprach, an sein„Lumpengesindel', eine der wenigen wirklichen Komödien, die die deutsche Bühne besitzt, darf man freilich nicht zuriickdenken, Ivill man die harinlos- spaßige Vergnügtheit sich nicht stören lassen,— Im ersten Akte sieht er stellenweise noch so aus, als dürfe man etwas wie eine lustspiclmäßige Entwicklung erwarten. Man glaubt, die kluge, gereifte und noch immer anmutige Frau Hamann, die in ihrer Witwenschaft eine Herzensneigung zu dem weltmännisch-eleganten Professor Mahl gefaßt hat und die beste Gattin für ihn wäre, würde mit leiser, weiblicher List die blind verliebte Narrheit des Mannes, der mit seinen vierzig Jahren ihr vom Leben noch unbeschriebenes kindisches Töchterlein freien möchte, kurieren, Das gäbe einen interessanten Kampf, der fein ironische Charaklerkomik zu seiner Darstellung erheischte. Wolzogen aber macht es sich bequemer. Unbarmherzig läßt er den betagten Herrn das vergötterte Backfischgänschen heiraten, um dann die Gelegenheit zu nutzen, mit billigen, aber im Augenblick ergötzlichen Theater- einfüllen den Trubel auszumalen, den das junge, dumme, über- mütige Blut in dem ehrwürdigen Gelehrtenheim anstiften wird. Zum Schluß erscheint die Mutter, die den gleich in den Flitterwochen ziemlich brüchig gewordenen Ehebund notdürftig wieder zusammen- leimen soll, und erzählt, eigentlich zur allerunpassendsten Zeit, dem Professor, daß sie das alles vorausgesehen und selbst sich ihn zum Manne gewünscht hätte, Das Publikum war in animierter Stimmung, es wurde viel gelacht und viel geklatscht. In dem flotten Zusammenspiel kam jede einzelne Rolle mit drolliger Prägnanz heraus, keine kleine Pointe ging verloren. Den größten Erfolg hatte Gusti Becker, die mit reizvoller Lebendigkeit den wirbelköpfiaen, unverhofft zur Haus- frauenwürde avancierten Backfisch gab. Sie verstand es, die schlimmsten Albernheiten in einem Ton liebenswürdig natürlicher Grazie herauszuplappern.— dt. Kunst. e. s- K u n st a u s st e l l u n g Wertheim, In dieser Ausstellung fällt Franz E i s s i n g auf. Seine Eigenart ist von alten Vorbildern, den primitiven Meistern, genährt. Mehrere Glasgemälde [(Entwürfe) zeigen diesen Einfluß, Es fällt besonders auf ein groß- zügiges Porträt, eine Studie, die fein die Fläche des Hintergrunds, des Anzuges, des Haares zu den Gesichtszügen stellt; große, doch nicht laute Gegensätze. Nur das Gesicht müßte nicht so leer wirken, Aber es liegt etwas darin, das etwas verspricht, Poppe-F o l k e r t s giebt frische Seestudien, Hans F r i tsch zwei malerisch feine, in graugelblichem Ton gehaltene Stimmungen. Karl Hollmann weiß den Himmel in großen Zügen gegen den dunklen Abend eines Waldes zu setzen; er läßt nur einen schmalen Saum der Erde auf dem Bilde sichtbar werden, auf dem zwei Menschen wandeln. Ein Bauern- jhaiis im Grünen von.K a m l a h zeigt warme Farben. Ebenso sind �.Gartenwinkel" und„Bordergärtchen" von A. M o h r b u t t e r von einem stillen Licht umflossen. Weniger gut sind die Zimmerinterieurs mit den massigen, für den Raum zu großen Menschen. Es ist kein richtiges Verhältnis zwischen den Personen und der Lust im Innen- räum. Die„Pappel" von Overbeck ist in Farbe umgesetzte Stimmung. Ein fein geschultes reines Empfinden spricht aus dieser Landschaft.„Kornblumen" giebt in fein abgestimmten Tönen Möller, und„Fallende Blätter" von Margarete Wedel zeigt liebevolles Eingehen auf den herbstlichen Charakter der Landschaft. Eine gute Zusammenstellung von Original-Radierungen und Litho- graphien vermittelt einen orientierenden Ucberblick über die modernen Bestrebungen auf diesen Gebieten, Hellen, Steinlen, R a f f a e l l i. L c i st i k o w u. m. sind hier vertreten.— Aus dem Pflanzenleben. — Degeneration von Pflanzenvarietäten, lieber die Frage, ob Varietäten von Pflanzen, die fortgesetzt durch Beredlung oder Stecklinge, also auf ungeschlechtlichem Wege vermehrt werden, in der Länge der Zeit degenerieren, sind die Meinungen geteilt. Ein Teil der Forscher nimmt eine unzweifelhafte Schwächung der Rassekonstitution an, die sich zuerst in einer größeren Empfänge lichkeit für Krankheiten äußert, oft aber sich auch nur qualitativ in ieiuer Größenabnahme oder Verlust andrer charakteristischer Merkmale '(Wohlgeschmack) knndgiebt. Die Anhänger dieser Meinung finden darin eine natürliche Erscheinung, denn jedes Individuum habe ja eine begrenzte Lebensdauer und die einzelnen Teile davon(Steck- linge usw.) müssen, wie sie auch immer vermehrt und verbreitet werden, diese Grenze zur halben Zeit erreichen. In„The Gardeners Chronicle" beleuchtete jüngst ein ungenannter Autor den Stand der Frage, um zu dem Resultate zu kommen, daß doch zahlreiche Gründe gegen die obige skeptische Ansicht sprächen. Einerseits seien uns ja bei vielen Pflanzen(so insbesondere Reben, Rofen, Tulpen, Nelken u, a.) viele Sorten von hohem und höchstem Alter bekannt, bei denen keine Spur von Schwächung oder Degeneration nachweisbar erscheint; wo aber alte Sorten verschwinden, lasse sich dies ungezwungener durch all- mähliches Verdrängtwerden durch neue Einführungen erklären. In uocki entschiedenerer Weise spricht sich ein deutscher Forscher, Prof, M. Möbius, gegen die Annahme einer fortschreitenden Degeneration in den angenommenen Fällen aus; in vielen Fällen feien ganz andre Gründe maßgebend; so der der Natur der Pflanze nicht entsprechende Untergrund, thatsächliche Altersschwäche des einzelnen Individuums, anscheinende Degeneration bei thatsächlich vorliegender Pilkrank- heit usw.. Umstände, die bei der Beobachtung oft übersehen würde», Da sich ferner erperimentell nachweisen ließ, daß Samenpflanzen— beispielsweise bei der Kartoffel— gewissen Pilzangriffen ebensowenig Widerstand entgegensetzen als aus Knollen gezogene Stöcke, dürfte sich die Annahme einer Degeneration bei der angeblich„unnatürlichen' Vermehrung durch Stecklinge usw., die übrigens bei einzelnen Kultur- pflanzen die einzig mögliche ist, wohl als unhaltbar erweisen.— („Die Umschau.'). Meteorologisches. ie. Eine neue Dämmerungsstörung wurde, wie den„Allg, Wiss, Ber." mitgeteilt wird, am IS. Mai von Arthur Stentzel in Hamburg entdeckt und seither fortlaufend beobachtet. Am Abend des 15. Mai erschien unerwartet ein herrliches Purpur- licht, das eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang bei einer schein- baren Höhe von 25 Grad sogar eine deutliche Fächerbildung an- nahm und nach unten in eine intensive chromgelbe Schicht von etwa 60 Grad Breite überging, nördlich und südlich aber von einer kom- plementären grünlichen Schattierung begleitet wurde. Das Phänomen währte bis gegen S Uhr, um dann als schmale� tiefgelber Saum zu verblassen. Am 16, Mai in früher Morgenstunde wieder- holte sich die ungewöhnliche Dämmerungsfärbung in umgekehrter Reihenfolge der Einzelvorgänge vor Sonnenaufgang und am Abend desselben Tages als prachwolles Chromgelb, abernrals mit schwach er- kennbarem Strahlenaufbau, Die Abende des 18, und 19. Mai brachten mattere Gelbfärbungen, am 20, Mai jedoch erfuhr die Er- schcinung wieder eine Steigerung, Der Abend des 23. Mai zeichnete sich durch einen stark gclbfarbigen Sonnenuntergang aus, bei dem die dem Horizont nahe Sonnenscheibe bedeutend vergrößert und abgeplattet erschien; die Beobachtung der späteren Dämmerung wurde jedoch durch Wolken beeinträchtigt, obwohl das Gelb hindurchschien. Nach einer Reihe von Tagen mit ungünstiger Witterung bot der 29. Mai abermals ein seltenes Schauspiel, nämlich außer der Gelb« färbung ein zweimaliges Abendrot an einer dem sonst klaren Himmel von West bis Nord vorgelagerten Schichtwolke von 9 Uhr bis 9 Uhr 15 Minuten in Purpur und von 9 Uhr 30 bis 35 Minuten in Gelb. dann bis 9 Uhr 45 Minuten in Orange, bis 9 Uhr 50 Minuten in Rot und endlich bis 10 Uhr 30 Minuten, der Ende der Erscheinung. in Dunkelrot. Ein geradezu imposantes Nahirschauspiel gewährte dann der Abend des 30, Mai, an dem die Färbungen mit einer Stärke und Sattheit auftraten, wie man sie seit der zweiten Juni- Hälfte 1902 nicht wieder zu beobachten Gelegenheit gehabt hat. Vor allem war es diesmal ein starkes Purpurlicht, das sich über einer 130 Grad breiten gelbfarbigen Schicht bis zu 45 Grad scheinbarer Höhe erstreckte und um 9 Uhr 5 Minuten, also eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, seine größte Entwicklung erreichte; im Norden und Süden wurde es von grünen Streifen umrandet. Wie am Tage vorher, verblaßte der letzte rote Saum am Horizont erst zwei volle Stunden nach Sonnenuntergang, nämlich um IG/. Uhr abends. Weniger lebhaft gefärbt erschien das Purpurlicht am Abend des 31, Mai, war aber besonders merkwürdig wegen seiner Gestaltung als achtstrahliger roter Fächer, der einige Minuten sichtbar blieb. Fragen wir nun nach der Ursache dieser erneuten auffälligen Störung der gewöhnlichen Dänunerungcn, so geben uns darüber die Nachrichten von einem Vulkanausbruck auf Island um die Mitte des April Aufschluß. Die Eruption war dort so heftig, daß große Mengen Asche bis nach Skandinavien entführt wurden, wo sie auf dem Hunkelisäter in Telcmarken den Schnee in einer Höhe von 5 Centimeter bedeckte.— Notizen. — DaS Opernhaus veranstaltet seine letzte Vorstellung in dieser Saison am 19. ds. Mts., die neue Spielzeit beginnt am 20. August,— — Massenet hat zwei neue Opern„Ariane" und„ O o pays deTendre" vollendet.— — Paul Ertels sinfonische Dichtung„Maria Stuart" fand bei der Erstaufführung in Warschau vielen Beifall.— — Nach einer Zusammenstellung des Vereins für jüdische Statistik giebt es gegenwärtig 10 597 000 Juden, Davon wohnen 5 082 000 in Rußland, dann folgt Oesterreich-Ungarn mit 1 994 000. hierauf kommen die Vereinigten Staaten mit 1 136 000, dann Deutsch» land niit 590 000, Rumänien mit 269 000, Afghanistan mit 184 000, England mit 179 000, Marokko mit 160 000, die Niederlande mit 104 000, Frankreich mit 86 000, die Türkei mit 82 000, Palästina mit 78 000, Kaukasien mit 58 000, Algier mit 57 000, Abessinien mit 60 000, Italien mit 47 000, Tunis mit 45 000, Persien mit 35 000, Sibirien mit 34 000, Südafrika mit 30 000, Bulgarien mit 28 000, Aegypten mit 25 000, Indien mit 22 000, Arabien mit 20 000, Kanada mit 16 000, die Schweiz mit 13 000, Belgien mit 12 000, Griechen- land mit 8400 usw.— — Der Senf als Gewürz hat, wie Professor Liebreich in den „Therapeutischen Monatsheften" schreibt, eine doppelte Eigenschaft. Erstens vermag er bei Ucberhandnahme der Fäulnisbakterien im Magen deren Entwicklung, durch welche die Verdauung verändert werden kam«, zu verhindern oder zu vernichten. Zweitens vermag er durch den Reiz des SenföleS eine verstärkte Magensaftsekretion hervorzurufen.—_ Perantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsmfftaltPaul Singer LcCo„Berlin L W.