Interhaltungsvlatt des vorwärts Nr. 112. Donnerstag, den 9. Juni. 1904 (Nachdruck verbot»».) 7] Im Vaterhau Fe. Socialer Roman von Minna ' a u t s k y. Ueber die Familie Brandt äußerten sich selbst die ärgsten Spötter mit Vorsicht. Sie zählte zu den reichsten der Stadt, da war Karl Brandt der Vater, der klein angefangen, sich in der Gründerperiode rasch emporgeschwungen und sich vor einigen Jahren mit einigen Millionen vom Geschäft zurückgezogen hatte. Er war im Verhältnis zu seilten Söhnen der arme Brandt. Als Verwaltungsrat der Tramway war ihm vor kurzem das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen worden, seitdem nannte man ihn Baron. Alles was Witte über seine neuen Freunde in Erfahrung gebracht, erzählte er zu Hause den Seinen. Leopoldine hörte zu. Ihre Freundschaft mit den„Malerischen" war sehr innig geworden, und Witte fand sie immer bei seinen Mädchen, wenn er abends nach Hause kam. Sie war voll brennender Neugier. Sie wollte mehr wissen wie alle andern und stellte oft recht verfängliche Fragen. An einen? Nachmittage war es Witte indeß geglückt, mit Edmund Reich zusammen zu treffen. Er sah ihn am Fenster vorbeigehen in seiner vornehmen Haltung, den glänzenden Cylinder auf dein schwarzen, etwas gelockten Haar. Der Schauspieler betrat das Cafs und nahm die Richtung gegen Witte hin. Dieser erhob sich und streckte ihm mit einem glücklichen Lächeln die Hand e??tgegen. Der Schauspieler blickte erstaunt: es schien, als müsse er seinen? Gedächtnis nachhelfen— dann lächelte er kalt und ver- kindlich: „Ach ja— sehr erfreut—" Er brachte noch eine höfliche Phrase vor und setzte sich dann an einen andern Tisch, ohne sich weiter um den kleinen Maler zu kümmern. Witte zahlte und ging. Er fühlte mehr als Verdruß über dieses Benehmen. Die Sei?iei? merkten sofort, daß ihm etwas U??liebsa?nes passiert sei und drangen mit Fragen in ihn. Er wollte erst nicht heraus damit, aber er war nicht der Mann, der etwas lange auf dem Herzen behielt, ul?d er sagte ihnen alles. „Ich habe doch ihre Bekanntschaft nicht gesucht", wa??dte er sich an seine Frau,„sie waren es. die sich für mich inter- essierten. Wir müssen öfter zusammenkomnren, hatte Herr Reich gesagt und Herr Brandt meinte, wir wollen sie in den Kreis z?irückführen, in den Sie gehören, lassen Sie das unsre Sorge sein. Indeß haben sie sich nicht weiter um mich ge kümmert, und das erstemal, wo ich diesem Herrn Reich zu fällig begegne, thut er, als wüßte er nicht, wer ich sei, und das im Kaffeehaus vor allen Leuten, denen ich erzählt hatte, daß ich sehr gut mit ihm bin, was werden sich die von mir denken!" Er warf sich in die Sofaecke und sah recht unglüch lich aus. Seine Frau schüttelte den Kopf.„Ich begreife Dich nicht, Gustav, wie Du Dich darüber so alterieren kannst. Auf- richtig gesagt, ich bin froh, daß es mit dieser Bekan??tschaft ein Ende hat, haben doch unsre Mädels seit Wochen nichts andres gehört, als Schaufpielergeschichten." Es lag eine ungewöhnliche Härte in ihrer sonst so sanften Stimme. Als sie hinausgegangen war, brachte Luise dem Vater die Pfeife. „Hast Du Feuer oder soll ich Dir Zündhölzchen bringen?" Er sah seinen Liebling an mit einem wehmütigen Blick. Da hatte sie sich auf feinen Schoß geschlvungen und die Arme um seinen Hals geschlungen. „Du sollst nicht mehr an ihn denken, Vater. Wei?n Herr Reich nicht das Bedürfnis hatte. Dich näher kennen zu lernen, obwohl er Dich dessen versichert, dann hat er eben geheuchelt. Laß ihn, er verdie??t nicht, daß Du Dich deshalb kränkst." Ihre Stimme bebte, es lag etwas Leidenschaftliches darin. Er zog seinen Liebling an sein Herz und küßte ihn. Ihr mädchenhafter Stolz hatte ihm den seinen zurückgegeben. Gusti hatte das Ereignis sehr kühl gelassen. Sie war momentan von ihrer Liebelei?nit En?il ganz in Anspruch ge- nommen. Es war ein E??tfalten?ie?ier Gefühle und Fähig- ke'.ten, die sie wie im Spiele übte und über die Wirkungen, die sie damit hervorbrachte, oft ga??z erstmmt war. Emil war völlig vernarrt in sie, verliebt bis über die Ohren, und doch oft verdrießlich, ja brutal, weil sie ihm keine Gelegenheit gab, mit ihn? allein zu sein. Aber davon wollte sie nichts hören. Und jo war und blieb das Hausgärtchen mit seinen schlanken Kirjchbäu?nen und Johannisbeerstauden der Ort ihrer Zusamme?lku?ift, obwohl mai? zu Emils Aerger aus allen Fenstern Hinein schauen konnte. Sobald Einil von seiner Arbeit??ach Hause kam, begab er sich dahin, u?n frische Luft zu schöpfen, und gerade um die- selbe Zeit bedurfte auch sie der Erquickung. Das Gärtchen ge- wann damit Eigenschaften, die ma?? noch nicht an ihm kannte, de???? die es umgebei?den Mauen? strömten die Gluten des Tages aus und die Temperatur darin glich der eines Backofens. Aber wen?? auch der Boden trocken und von der Hitze rissig geworden war, wenn der Rasen versengt die Gebüsche weiß von Straßensta?lb, und die weißen Lilien und Nelken von den? Ruß, der aus allen Schornsteinen der Umgebung auf sie nieder- rieselt, schwarz überhaucht waren, die jungen Verliebten fanden es hier entzückend. Wenn es nur nicht eine Ewigkeit dauern ivürde, ehe sie ihr Glück erreicht lcnd Mann und Weib waren! Die drei nächsten Jahre gehörten dem Kaiser, das war zum Verzweifeln. „Aber sobald ich den Soldatenrock auszieh, zieh ich den Hochzeitsfrack an, darauf kannst Du Dich verlassen, Gustel— dann übernehme ich das Geschäft— der Alte hat mir's ver- sprachen. Er möchte mir's lieber heut wie morgen geben??nd dann— schwöre mir, daß Du auf mich warte?? willst, schwöre es mir feierlich. Sie schwor und schwor es ihm täglich aufs neue. Und dann küßte er sie und sie küßte ihn wieder, trotz aller Fenster, die in den Garten hinein sahen. Es war??ur schade, daß selbst dieses bescheidene Glück ihnen nur spärlich vergönnt war. Kaum waren sie beisa?nmei?, ließ sich das„Nebelhorn" vernehmen, das sie wieder a??s- einander riß. Das Nebelhorn nannten die Hausleute die Stimme des Hausherrn, die, sobald er zornig war, brüllend das Haus durchschallte. „Der Vater ruft— ich muß fort," rief dann Einil ängstlich, und selbst der bittende Blick der Geliebten vermochte ihn nicht zu halten. Er riß sich los,??m hinauf zu eilen, eines schlimmen Empfangs gewärtig. Auch heute fand er den Vater schon vor deln Speisetisch sitzend, in ungeduldiger Erwartung eines warmen Nachtessens, das die M?>tter und Tini in der Küche bereiteten. „Ain liebsten möchte ich Dir eine herunterhauen, damit Du Dirs endlich merkst, was sich gehört," fuhr der Vater den Eintretenden an. r, �. „Du hast vor mir da zu sein: aber selbst zum �raß soll ich die Bande zusammentrommeln—" Weitere Liebe???- Würdigkeiten folgten, ohne daß Emil auch nur m?t ecnem Wort eine Entgegnung gewagt hätte. Einerseits war er an den brutalen Ton gewöhnt, andrerseits hütete er sich, den Vater gcge?? sich aufzubringen, so lange er ihn brauchte, so lange seine Zuk??nft ganz von seinem Wohlwollen abhing. Der Eigennutz, den das Oberhaupt dieser Familie als oberstes Gesetz deklarierte, hielt sie zusam???en. Und es tvar jedem von ih??en so in Fleisch und Blut übergegangen, daß es ihnen gar nicht zum Bewußtsein kam, daß sie den Vater nur auf den wirtschaftlichen Wert, den er für sie besaß, taxierten und in Ehren hielten, ebensowenig als dieser Patriarch es als einen Mißbra??ch seiner Gewalt ansah, wenn er das Weib, wenn er den Sohn für seinen persönlichen Augenblicksz??'eck ausbeutete und ihre Kräfte vergeudete. Da war es denn lustig zu sehen,?vie sich unter dem Scheine der Familienhaftigkeit, Eigennutz an Eige????utz rieb, wie einer den andern blamierte, um ihn zu übervorteilen, wo er es am wenigsten merkte. Emil behielt der Provokation des Vaters gegenüber serne Semutige Haltung. Wer der Vater traute ihm nicht, und dies steigerte seine Gereiztheit. „Warum setzest Du Dich nicht, bist Du vielleicht beleidigt — war nicht übel, wenn man sich alles gefallen lassen müszt' und nichts mehr sagen dürft'." Jlmil kam heran und setzte sich gehorsam. „Warum redest Du nichts, bist Du schon ganz vernagelt. — Was sagst Du dazu, daß ich die Arbeit für die Villa nun doch bekommen Hab." „Du hast sie, das wüßt' ich nicht." „Merkwürdig, der Mensch weiß nie was." „Du hast mir ja nichts gesagt." „Ich sage es Dir jetzt. Es hätte nicht viel gefehlt, bei einem Haar hätt's der Jud' gehabt." Sein Gesicht erhellte sich plötzlich und mit einem triumphierenden Lächeln erzählte er, wie er durch List und Schlauheit Einblick in die eingelaufenen Offerten erlangt habe. Einer dieser„Saujuden" hatte sie niedrig genug gestellt, als er aber noch um ein Prozent niedriger offerierte, habe er die Arbeit gekapert und der Jude hatte das Nachsehen. Und darüber lachten nun beide und rieben sich die Hände. Einen Juden zu überlisten, das that wohl, darauf konnte man sich schon etwas einbilden. Schönbrunner setzte nun dem Sohn auseinander, wie sie vorgehen mußten, damit bei der Arbeit etwas verdient würde. Es müßten einige Lehrbuben aufgenommen werden, auch ein Gehilfe, er selbst werde sich tüchtig schinden müssen, und schließlich rückte er mit dem Vorschlag heraus, Emil solle sein Arbeitsverhältnis lösen und die paar Monate, die ihn noch vom Militärdienst trennten, bei ihm arbeiten. Warum soll ich das Geld einem fremden Arbeiter in den Rachen stecken— es ist doch besser, es bleibt in der Famstie. Rur nichts aus- lassen, wenn's nicht nötig ist. das ist niein Prinzip. In einer Familie heißt's z'samm'halten und z'samm'arbeiten— das is das höchste— mir wenigstens is die Familie alles— ich weiß nicht, ob Du auch so denkst—" „Aber Vater." „Und wegen der Bezahlung werden wir kein' Richter brauchen, hoff' ich—" „Aber Vater." „So viel wie Du in der Fabrik hast, kann ich Dir freilich nicht geben." „Aber—" „Du kriegst die Kost zu Haus und Du weißt, die Alte kocht gut aber teuer— das muß man in Anschlag bringen, übrigens brauchst nicht so auf'n Kreuzer zu schauen, was Du jetzt nicht kriegst, kriegst Du später, es g'hört Dir ja doch einmal alles— ich plag' mich ja nur für meine Kinder." Er sah sehr gerührt aus. „Ich werde Dir immer dankbar sein, Vater." „Werden wir sehen, es muß Dir selbst daran liegen, daß das Geschäft leistungsfähig bleibt und nicht zurück geht. „Es liegt nur sehr viel daran," bestätigte Umil mit großer Lebhaftigkeit. Der Alte drohte ihm lächelnd mit dem Finger.— „Du Hallodri, ich kann mir schon denken, daß Du darauf baust, na, wenn Du zurückkommst, werden wir schon sehen—" jTmil war rot geworden, es schien ihm, als hätte er schon zu viel gesagt, um keinen Preis hätte er seine Herzens- wünsche verraten mögen, erst mußte er das Geschäft sicher haben. Der Alte schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch. „Sakrament, was ist das heute mit dem Essen, wozu sitzt er denn da? Er begann auf die Weibsbilder zu schimpfen, aber schon erschienen Mutter und Tochter mit den dampfenden Schüsseln, die sie vor ihm niedersetzten. Er langte nach der Gabel, um heraus zu nehmen, besann sich aber noch recht- zeitig, schlug ein Kreuz und begann ein Tischgebet zu murmeln, das die übrigen nachmurmelten. In den Zeiten des Liberalismus hatte er es, als etwas Veraltetes außer Gebrauch gesetzt, jetzt, wo man im Zeichen des Klerikalisinus stand und stets mit der Hilfe Gottes arbeitete, durfte es in einer christlichen Familie nicht fehlen. Bater Schönbrunner stocherte mit der Gabel lange in der Schüssel herum, ehe er das ihm zusagende Stück herausgefunden. Er liebte das Fette, suchte aber sich und den Seinen täg- lich einzureden, daß diese sorgfältige Auslese nur einer zarten Rücksicht entsprang. „Wenn ich's nicht iß', ißt's niemand, dann kriegt's der Lehrbua." Nach Tisch nahm er die Zeitung, warf sie aber bald hochrot vor Zorn wieder auf den Tisch zurück. „Was sich diese Lausbuben, diese Judensozi, alles er- lauben— da hört sich schon alles auf-- wie die nur schimpfen, wie die nur grob werden, diese roten Hund', die miserablen! Da behaupten sie, wir Antisemiten hätten gar kein Parteiprogramm— na freilich, ihnejn werden wir's grad' auf die Nasen binden— aber wenn ich jetzt in den Gemeinderat komm', dann werden S' was erleben." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Spamfcbe Parias. Zu beiden Seiten der Pyrenäen— in dem spanischen und dem französischen Nieder-Navarra, in Bearn, der Gascogne, Guienne und Unter-Poiton— lebt ein eigentümlicher Volksstamm, der schon seit vielen Jahrhunderten von sich reden gemacht und die Aufmerksamkeit der übrigen Bevölkerung auf sich gelenkt hat. Dieser Menschenschlag ist gleich den niedrigsten Kasten und Stämmen im heutigen Indien durch Aberglauben und Vorurteil der Menschen seit Jahrhunderten von den andern Lanvesbetvohiiern ängstlich gemieden, Verächter, ver- folgt, verstoßen, als Auswurf behandelt, geschmäht und aller gesetz- lichen und gesellschaftlichen Rechte beraubl worden. Was hat man nicht alles von ihnen behauptet! Sie haben, so sagte man und so glaubt man sogar heute noch, eine eigentümliche widerliche Aus- dünstung, sie ermangeln der Öhrläppchen, sind farbenblind, sehen nur des nachts wie Katzen und Eulen, kurz, sie sind mit allen mög- lichen, in den Augen der Leute entwürdigenden Gebrechen behaftet, obwohl nun neuere Forschungen das Unsinnige dieser Behauptungen — so überflüssig es an sich scheinen konnte— auch noch mit einem großen wissenschaftlichen, einwandsfreien Apparate nachgewiesen haben. Obwohl der bloße Augenschein schon die CagotS— das ist der Name des Volksstainmes— als hochgewachsene Leute von starker, muskulöser Statur, wohlentwickeltem Schädel, vorspringender Nase, starkniarkierten Zügen, blauen Augen und schlichten blonden Haaren erkennen läßt, so ist dennoch das Vorurteil gegen sie noch nicht geschwunden, sie gelten heute noch vielfach als Kretins, als schwachsinnig, körperlich verkümmert und mit Kröpfen behaftet. Daher ist es wohl angebracht, einmal das wahre Wesen dieser Menschenrassen von historischem und ethnographischem Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Alle geschichtlichen Quellen stimmen darin überein, daß schon vor vielen Jahrhunderten diese Cagots allgemein für Geschöpfe an- gesehen wurden, welchen man mit Verachtung und Mißtrauen be- gegnen, die man sich vom Leibe halten und denen man ausweichen müsse. Die Bewohner der benachbarten Dörfer behandelten sie all- gemein als sieche, mit aussatzähnlichen, ansteckenden Krankheiten und moralischen Schäden behaftete Wesen, deren Berührung man vermeiden und mit denen man allen Verkehr beschränken müsse. Man behandelte sie daher noch im 17. Jahrhundert wie Aus- sätzige und Pestkranke. Wohnten sie in Städten, so wurden sie auf einen besonderen Stadtteil beschränkt, welchen die übrigen Einwohner selten oder gar nie betraten; kamen sie aus ihren Quartieren heraus, so mußten sie an irgend welcher äugen- fälligen Stelle ihres Anzuges einen Lappen von rotem Tuch tragen, damit man sie daran erkennen und die Berührung mit ihnen ver- meiden könne. Auf dem platten Lande bewohnten sie meist arm- selige Hütten, welche von den Dörfern durch einen Wald oder fließendes Wasi'er getrennt waren und sich unter den Mauern irgend einer Burg oder Abtei wie schutzsuchend verbargen. In den Kirchen waren sie durch einen hölzernen Verschlag von der übrigen Gemeinde geschieden und mußten das Gotteshaus durch ein eignes Pförtchen betreten. Das Weihwasser, Abendmahl usw. waren ihnen versagt. und an Prozessionen durften sie nur unter gewissen Bedingungen teilnehmen, ihre Leichen wurden ohne Sana und Klang auf einem besonderen Friedhofe oder in einer abgeschlossenen Ecke des gemein- samen Friedhofes beerdigt. Diese Entziehung der bürgerlichen Rechte machte sich überall im Leben bei diesen Menschen geltend. In Gemeinderegistern und öffentlichen Urkunden ward dem Namen jedes Angehörigen dieses Stammes die Bezeichmmg„Cagot" als entehrendes Prädikat bei- gesetzt; keiner derselben ward zu öffentlichen Aemtern und Ehren zu- gelassen, und die einzigen Gewerbe, deren Betrieb ihnen gestattet wurde, waren diejenigen eines Totengräbers, Holzhauers, Zimmer- manns, Sargmachers, Böttchers usw., sowie eines Webers, obschon sie dann genöttgt waren, in der Ferne Beschäftigung zu suchen, weil die Mitbürger in ihrem Werglauben fürchteten, beim Tragen der von Cagots gewobenen Zeuge vergiftet oder enoagote, d. h. von der Erbseuche dieses Stammes angesteckt zu werden. Sie verfertigten Galgen und Sttafwerkzeuge; sie durften keine Waffen oder eisernen Werkzeuge außer ihren Handwerksgerätschaften tragen, durften kein Dorf barfuß betteten und ihr Korn nicht in den öffentlichen Mühlen mahlen, nicht an den öffentlichen Brunnen trinken, noch an den gemeinsamen Waschplätzen ihre Wäsche waschen. Sie dursten kein Vieh halten außer einem einzigen Huhn oder einem Lasttter, und selbst dieses dursten sie nicht auf die Allmend oder gemeinsame Weide tteiben. Sie durften mit ihren Rachbarn weder zusammen spielen noch zusammen arbeiten, und von den Gerichts- behörden ward ihr Zeugnis nur in Ermangelung andrer Zeugen angenommen; allein c-3 bedurfte der Zengenschast von vier oder fünf Cagots, um diejenige eines gewohnlichen Wiannes aufzuwägen. Sie konnten sich nur untereinander beiraten, denn durch die eheliche Verbindung mit einem von ihrem Stamme entehrte sich der andre Teil. Wo sie immer erschienen, waren sie die Zielscheibe von Spott, Hohn, Geschrei, Schimpfreden, Verfolgung oder Mißhandlung, und wenn hieraus Zank und Raufereien entstanden, kam der unglückliche Cagot dabei gewöhnlich am schlimmsten weg. Es ist verwunderlich und kaum begreiflich, wie diese Menschen das Dasein unter solchen Bedingungen nur zu ertragen vermochten. Ganz derselbe Druck von Vorurteil und Haß lastete auf den Angehörigen dieses Stammes auch in den Nachbarprovinzen der Pyrenäen, wo jene ehedem noch Iveit zahlreicher ivaren, nun aber infolge Verfolgung und Beschränkung stellenweise ausgestorben sind. Neuere sorgfältige Nachforschungen in den benachbarten Provinzen haben aber dargethan, daß es dort noch immer«Aus- gestoßene" giebt, welche in ihren allgemeinen Charakter- zügen vielfach mit den Cagots übereinstimmen. Im spanischen Navarra und den übrigen Vascongadas oder baskischen Provinzen waren die Agotes, wie man sie dort nannte, früher sehr häufig, und man findet sie noch gegenwärtig da und dort. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts schilderte ein Navarrese, Marten de Vizcag, die Agotes von Navarra, Aragon und Bearn. Sie waren damals gleichsam geächtet und als eine unreine, verachtete Rasse von der Gemeinsch aft mit dem übrigen Volke ausgeschlossen, mußten in Höhlen, in abgelegenen Weilern und ärmlichen Hütten Zuflucht suchen, konnten kein Amt bekleiden, durften nicht mit andren Leuten am Tische sitzen oder aus demselben Becher trinken, damit die Ge- säße nicht vergiftet oder verunreinigt würden, dursten keine Kirche betreten, um einen Teil der Messe am Altar zu empfangen, sondern mußten an der Kirchcnthüre warten, bis der Priester ihnen das Meßopfer herausbrachte u. drgl. m. Die eheliche Verbindung mit ihnen galt für nahezu ebenso entwürdigend als diejenige mit Moresken, Zigeunern und andren Nichtchristen, und man gab ihnen ohne Grund schuld, daß eine Menge ekelhafter Krankheiten und ab- stoßender Uebel von ihnen herrührten. In Guienne— dort Cahets genannt— sind sie urkundlich schon zu Ende des 13. Jahrhunderts die Opfer ähnlich grausamer Vor- urteile und abergläubiicher Furcht gewesen. Auch sie waren aus den geheiligteren Teilen der Kirchen verbannt, wurden nur in einer ungeweihten Ecke deS Friedhofes beerdigt, dursten nicht mit Vieh und Geflügel handeln, keine Geldgeschäfte und Wechslern betreiben swer von einem Cahet Geld borgte, konnte gesetzlich nicht zur Wieder- erstattung desselben angehalten werden), durften niemals barfuß oder ohne den roten Lappen als WarnungSzeichen an ihrer äußeren Kleidung außerhalb des Cahetguarsieres erscheinen usw. Es war ein Gesetz in Kraft, wonach sie nur an Montagen in die Stadt kommen dursten, um zu verkaufen oder einzukaufen, und wonach sie, wenn sie auf der Gasse oder Landstraße andren Leuten begegneten, so weit wie möglich beiseite treten mußten, damit sie niemand ansteckten. Ja noch heute oder wenigstens bis in die jüngste Vergangenheit kommt als Ucberrest jener alten gezwungenen Ab- sonderung die Thatsache vor, daß an manchen Orten in dem oben bezeichneten Länderkomplcx die noch vorhandenen Angehörigen dieses Stammes fast ausschließlich Zimmerleute. Holzhauer, Faßbinder und Fuhrleute find, und daß man diese Gewerbetreibenden überhaupt als CagotS oder Cahets bezeichnet. Ein französischer Gelehrter, Fraucisque Michel, hat ein wert- volles Buch über die„Geschichte der verfluchten Rassen von Frank- reich und Spanien" geschrieben und darin mit großer Glaubwürdig- keit darzuthun versucht, daß der Aussatz die Ursache der grausamen Behandlung war, welcher die Cagots unterworfen wurden. Der Aussatz, diese siirchtbare, mehr erbliche als ansteckende Krankheit, welche noch hentzutage in Jerusalem, im ganzen Morgenlande und in Nordafrika vorkommt, wurde unter den Völkern des Altertums und besonders unter den Juden für eine göttliche Züchtigung und Heimsuchung wegen großer Sünden angesehen, so daß man sowohl aus phhsischen als auch aus moralischen Griinden auf Absonderung der Ausiätzigen von den Gesunden bestand, daß die Angst vor der Berührung sich nicht nur auf die Lebenden, sondern auch auf die Toten erstreckte und man daher die Leichen der Aussätzigen auf besondere Friedhöfe beerdigte usw. Das christliche Mittelalter hielt sich an dieselbe An- ficht, die das Heiden- und Judentum der Vorzeit gehabt hatte, und hegte einen noch tieferen Abscheu vor dem Aussatz. Es ist klar, daß es in Frankreich oder Spanien keinen in religiösem oder politischem Sinne besonderen und abgegrenzten Bezirk gab, welcher sich durch eine unbestimmte Furcht vor jenen Aussätzigen hervorgetha» hatte. Wenn wir aber den volkstiimlichen und noch bis in die jüngste Vergangenheit Heraufteichenden Glauben, daß die Cagots mit Aussatz behaftet gewesen oder noch seien, berück- fichttgen, so wird alles übrige erklärlich. Etymologische Forschungen haben dargethan, daß schon der Name Cagot mit dem Aussatz zusammenhängt: im Altbretonischen heißt der Aussätzige Kakod, und in vielen ftanzösischen Mundarten lassen sich ähnliche Bedeutungen des Wurzelwortes von Cagot nachweisen. Offenbar war daher die Thatsache oder die Ansicht, daß die Cagots zu irgend einer fernen Vorzeit vom Aussatz befallen gewesen seien, der Anstoß zu der Be» Handlung, welche ihnen eine finstere, rohe Zeit angedeihen ließ, denn die meisten der gegen die Cagots gemachten Vorurteile wurden zu irgend welcher früheren Zeit auch in andern Ländern gegen die Aussätzigen geübt. Die Beschuldigung, daß sie mit übelriechendenl Atem und Schweiß behaftet, Heuchler, Lügner. Wollüstlinge, Geschöpfe von wilden, hefsigen Leidenschaften, daß ihre Ohren mißgestaltet seien, die polizeilichen Vorkehrungen für die Absperrung von der gesunden Bevölkerung, das Verbot, barfilß über die Straße zu gehen oder die Vorübergehenden mit ihren Kleidern zu streifen, die Mangelhaftigkeit und sogar teilweise Nngülttgkeit ihres Zeugnisses vor Gericht— all dies sind nur all zu häufig Er- scheinungen und Charakterzüge in der Behandlung der Ausfätziaen im Mittelalter. Ein neuer französischer Schriftsteller, v. Rochas, welcher sich eingehend mit der Geschichte und den Zuständen der Cagots befaßte, hat, mn der Sache auf den Grund zu kommen, mehrfach Reisen in die nördlichen und südlichen Nachbarprovinzen der Pyrenäen während der letzten Karlistenkriege gemacht und die noch vorhandenen da und dort in die Bevölkerung eingesprengten Cagots aufgesucht. Er hat überall gefunden, daß die Abkömmlinge der CagotS in kürper- lichen und geistigen Charakterzügcn ganz mit der Masse der Ein- wohnerschaft übereinssimmten, keinerlei fremden Ursprung verrieten, durch keinerlei ungewöhnliche oder abnorme Merkmale ausgezeichnet waren. Unter den heuttgen Cagots ist jede Spur von Aussatz, von Kropf und Kretinismus verschwunden; viele von ihnen zeigen sich zwar von Skropheln heimgesucht, welche aber nicht erheblich und seucheuartig austreten, sondern auf Armut, mangelhaste Ernährung, schmutzige Hütten und physische Vernachlässigung zurückzuführen sind. In einer spanischen Gemeinde, unter deren Einwohner die Cagots durch besonders zahlreiche Nachkommen vertreten waren, fand v. Rochas die Leute kräftig, gesund, einsichtsvoll und anstellig; sie bebauten kleine Grundstücke, züchteten Schweine und Hühner und be- trieben so ziemlich dieselben Gewerbe wie ihre Nachbarn. Geduldig unterzogen sie sich etlichen von den alten feindseligen Bräuchen der Ausschließung, wie zum Beispiel dem Verbot der Verheiratung außerhalb ihres eignen Kreises, aber nur, weil dies ein alter Brauch war, über welchen weder sie selbst noch ihre Nachbarn genügende Rechenschaft zu geben vermochten. Die Mitglieder der kleinen Cagots-Gemeinden waren überhaupt weder in physischer noch in moralischer Beziehung von ihren übrigen Landsleutcn zu unterscheiden, so daß das Vorurteil gegen sie noch unbegreiflickier ist. In Frankreich hatten Regierung und Gesetzgebung bis zur großen französischen Revolution sehr wenig für den Sckmtz der armen verstoßenen Cagots gethan; von da an war es aber besser geworden. und als die Wissenschast erst angefangen hatte, sich mit der linier- suchung der Erscheinungen des Cagotismus zu beschästigen und den Urgrund des Vorurteils gegen dieselben darzuthun, begann dieses allmählich abzunehmen, wenn es auch noch ziemlich lange dauern dürfte, bis dasselbe in den entfernteren Dörfern des Gebirges und des platten Landes ganz verschwunden sein wird.— I. W i e s e. kleines feuitteron. gz. Hummer und Hummerfang. Es dürfte wenig bekannt sein, daß der Hummer in Deutschland nur an den Küsten von Helgoland gefangen werden kann, da diese wegen ihres Felsgrundes den Krebs- ttcren allein die geeigneten Lebensbedingungen geben. Nach einem in der„Fischerei-Zeitung" veröffentlichten Vortrag von Professor Ehrenbaum-Helgoland wird der Hummer in der Regel in Fang- körben erbeutet, die, mit einem Köder versehen, dem Tiere den Ein- gang sehr bequem machen, dagegen den Ausgang möglichst erschweren. Diese vogelbauerähnlichen Körbe, welche die Helgoländer TinerS nennen, enthalten am Boden Steine oder Cement, um auf den Grund zu sinken. Eine mit Kork besetzte Leine verrät dem Fischer die Stelle, wo das Fanggerät versenkt ist. Jeden Tag wird dieses einmal vermittelst der Leine aufgehoben, seines Inhaltes beraubt und mit einem frischen Köder versehen. Von solchen Fangkörben wird eine sehr große Anzahl verwendet, sie liegen alle in Reihen. ein zwei Mann enthaltendes Hummerboot arbeitet mit 10 bis 100 Stück, in der unmittelbaren Nähe von Helgoland liegen deren mehrere Tausend. Als Köder dient der Dorsch und andre Fische. Von einem Boot werden in einem Tage bis zu bO Stück Hummer gefangen. In der kältesten Zeit des Jahres verfällt der Hummer in eine Art Kältcstarre, es wird deshalb zu dieser Zeit der Fang nicht betrieben. Außerdem besteht eine Schonzeit, die von Mitte Juli bis Mitte September dauert. Die meisten Hummer werden im Frühjahr gefangen, im Herbst nicht einmal halb soviel. Da kein Zuzug von außerhalb erfolgt, so ist also die Zahl der zu fangenden Tiere stark begrenzt. In dem ungünstigsten Jahre 1902 wurden 41 300 Stück erbeutet, in günstigen Jahren dürfte sich die Zahl auf 60 000 belaufen. Die Hummer werden, nachdem man ihnen die Scheren zusammengebunden, mit denen sie einander leicht be- schädigen können, in hölzernen, durchlöcherten Kästen aufbewahrt und hier bis zum Verbranch sorgfältig gefüttert. Solange das Wasser warm bleibt, ist das Krebstier sehr freßbegierig, sein Appetit wird mit minderwertigen Fischen gestillt, die in kleine Stückchen zer- schnitten werden. So nimmt der Hummer in der Gefangenschaft bedeutend zu, er wird stärker. Da aber der feste Panzer eine Zu- nähme nur bis zu einem gclviffen Grade gestattet, so pflegt das Tier sich nach einer bestimmten Zeit zu häuten. Kleine Tiere häuten sich mehrmals, der marktfähige Hummer in der Regel nur einmal im Jahre. Auch in den Kästen erfolgt die Häutung. Nachdem das Tier den Panzer verloren hat, ist es lange Zeit sehr unbeholfen. außerdem ist sein Körper alsdann schutzlos den übrigen Hummern preisgegeben, die kein Bedenken tragen, ihren Kameraden zu ver- zehren. Der Häutungsprozctz muh deshalb sehr genau beobachtet und die Tiere müssen nach der Häutung von ihresgleichen getrennt werden. Der Prozeh erfolgt sehr schnell, in zehn bis zwölf Minuten, aber erst nach Wochen bekommt die Schale ihre alte Festigkeit, Der Hummer wächst nur langsam, selbst wenn er an Gewicht beträchtlich zunimmt. Ein 25 Centimeter langes Tier wiegt gewöhnlich ein Pfund, ein solches von 33 bis 34 Centimeter zwei Pfund, Mehr als 50 Centimeter Länge scheint der europäische Hummer nie zu erreichen, auch der amerikanische, der meist schwerer wird, wird nie länger: er bekommt ausnahmsweise ein Gewicht von 12— 13 Pfund; der gröhte, den Ehrenbaum in Helgoland sah, wog dagegen nur SV, Pfund bei einer Länge von 48 Centimeter, Man nimmt an, dah die Geschlechtsreife des Hummers bei einer Länge von 24 Centi- meter im fünften Jahre eintritt. Das Weibchen trägt die Eier unter dem Hinterlcibe ein Jahr mit sich herum, ehe die Jungen aus- schlüpfen. Für die Ergiebigkeit des Hummerfanges ist es von großer Bedeutung, dah das Tier sehr viel Eier ablegt. Junge einpfündige Helgoländer Hummer produzieren 3000— 10 000, vierpfündige gar 30 000— 36 000 Eier. Im Larvenzustande schwimmen die jungen Tiere einige Wochen frei im Wasser umher. Dabei fallen sicherlich viele Fischen und andren Feinden zum Opfer. Später, nach mehreren Häutungen, beginnt der Hummer, der nunmehr das Larvenstadium überwunden hat, das Leben auf dem Grunde des Meeres, Hier kann er sich unter Steinen verbergen, und damit hat er die gefahr- vollste Zeit seines Lebens hinter sich.— ie, Selbstgespräche von Epileptikern. Selbst bei einfachen epileptischen Krampfanfällen treten in der Regel Sprachstörungen auf: Lallen, Stocken oder Stottern, aber auch sonderbare Wieder- holungen und Auslassungen von Worten, sinnloses Nachsprechen, endlich auch gänzliches Unvermögen des Ausdrucks, In einer früheren Arbeit hatte man den Beweis zu führen versucht, dah diese Er- fcheinungen die Folge einer Erschöpfung der Gehirnteil« wären, von denen das Gehör abhängig ist; man gab aber auch zu, dah in andren Fällen das Sprachcenrrum selbst in Mitleidenschaft gc- zogen werden könnte. Sehr merkwürdige Beobachtungen über Sprachverwirrung bei Epileptikern hat nun Dr, Raecke aus Frank- furt am Main gemacht und in der„Münchener Medicinischen Wochenschrift" besprochen. Ein Kranker beantwortete beispielsweise jede Frage mit dem Satz:„Ich heihe N. N," Erst nach längerer Zeit konnte man ihn zum gedankenlosen Nachsprechen einzelner Worte bewegen. Das auffallendste bei diesen Zuständen ist entschieden die endlose Wiederholung derselben Sätze, auch wenn der Kranke von seiner Sprache einen ausgiebigen Gebrauch macht. In seiner Art geradezu ergreifend ist das Selbstgespräch, das Dr, Raecke bei einem 45jährigen Epileptiker belauscht hat. der während eines Krampfes gewöhnlich von großen Reisen nach Amerika und Grönland fabelte. Dabei kehrten immer dieselben Begriffe und Vorstellungen wieder. Namentlich spielte der Ocean eine grohe Rolle und am Ende fast jedes Satzes kehrte der Refrain wieder:„Und es ist ein so feierlicher Moment!"— Beispielsweise:„Ich verschwamm im Ocean, es ist ein so feierlicher Moment, und ich bin weiter gewandert, O meil mei l Und es ist ein so feierlicher Moment. Und dann segelte ich immer weiter. Muhte Amerika verlassen, und dann verschwamm es im Ocean, und dann sank mir der Geist, Und es war ein so feicr- licher Moment Und versank er im Ocean. Da denk' ich immer mit Schmerzen dran, wie ich im Ocean verschwamm, und es ist ein so feierlicher Moment usw. usw." Selbst als der Kranke im stände war, die Fragen des Arztes zu beantworten, hing er seinen sonst gunz vernünftigen Auskünften immer wieder die Litanei an:„Und es war ein so feierlicher Moment," Die Neigung zur Wiederholung von Sätzen kann sich derart steigern, dah stundenlang dieselben oft ganz sinnlosen Worte hingeplappert werden. Bei manchen Kranken nehmen diese Sätze eine recht grobe Form an. So schrie ein andrer Epileptiker auf jede Frage laut hinaus:„Ich bin e Sau, Du bist e Sau, er ist e Sau!"; erst nach mehreren Tagen trat bei diesem Patienten eine Beruhigung ein und gleichzeitig ein vollständiges Vergessen seines früheren Benehmens, Dr, Raecke macht Haupt- fächlich auf die große Bedeutung solcher vorübergehender Geistes- Verwirrungen für die gerichtliche Medizin aufmerksam, da unter Umstanden die richtige Beurteilung einer Strafthat davon abhängig "-je nn- Selbstverständlich ist es auch von höchster Wichtigkeit, zwischen solchen Begleiterscheinungen der Epilepsie und wirklichem Irrsinn zu unterscheiden.— Naturwissenschaftliches. — Bekämpfung der Erdflöhe, Das in Frankreich immer weiter um sich greifende schädliche Auftreten der Erdflöhe erfordert die Anwendung von energischen Bekämpfungsmahregcln. Zu solchen empfiehlt sich die Benutzung insektenfcindlicher Pilze. Bereits seit einigen Jahren ist bekannt, dah unter den erwachsenen Erdflöhen durch einen Pilz Namens Lporotridium globulifenirn eine furchtbare Seuche hervorgerufen werden kann. Wichtiger aber als die Bekämpfung der erwachsenen Tiere ist diejenige ihrer Larven. Auch letztere hat man bereits durch Pilzinfektionen zu vernichten ge- sucht, jedoch bisher ohne Erfolg. Bessere Resultate erzielten neuer- dings C. Vaneh und A. Conte mit Botrxtis Bassiana, einem Pilze, der die unter dem Namen„Muscardine" bekannte Erkrankung der Seidenraupe hervorruft. In künstlichen Kulturen verliert der genannte Pilz freilich seine furchtbare Wirkung. Nimmt man aber von Raupen oder Puppen des Seidenspinners frisches Sporen- Material und überträgt es auf Weinblätter, so gehen die mit letzteren gefütterten Erdflohlarven fast sämtlich nach spätestens sechs Tagen zu Grunde, Die mit der Nahrung aufgenommenen Sporen keimen in dem Darnrkanal der Larven und es entwickelt sich ein Mycel, das schließlich alle Organe durchwuchert. Die Verbrettung der Sporen von Botrytis Bassiana in den Weinkulturen dürfte sich ohne Schwierigkeit auch in grohem Maßstäbe durchführen lassen. Man kann freilich einwenden, daß damit für die Seidenraupenzucht eine grohe Gefahr geschaffen würde. Man muh aber bedenken, dah einmal Weinbau und Seidenraupenzucht-keineswegs immer in der- selben Gegend betrieben werden. Sodann wird sich auch, abgesehen von andren Vorsichtsmahregeln, für die Ausstreuung der Sporen in den Weinbergen ein Zeitpunkt finden lassen, an dem für die Seidenspinnerzucht keine Gefahr zu befürchten ist.— Prometheus".)j Aus dem Gebiete der Chemie. — Gin verbessertes Steinzeug. Gelegentlich einer Besichtigung der Deutschen Steinzeugwarenfabrik für Kanali- sation und chemische Industrie in Friedrichsfeld. Baden, wurde, wie die„Technische Rundschau" berichtet, der Hauptversammlung des Vereins deutscher Chemiker eine neue keramische Masse für chemische Zwecke von dem Erfinder Dr. M, Buchner vorgeführt. Für die chemische Industrie, namentlich für die anorganische, ist das Stein- zeug von erheblicher Bedeutung, Aus ihm werden die Turells und Türme. Montejus, Kühlschlangen, Platten, Kugeln, Wannen, Rohr- leitungen. Pumpen, Ventilatoren und Elekirolhseure hergestellt, die das eiserne„keramische" Inventar einer chemischen Fabrik bilden. Schroffe Temperaturwechsel, plötzliches scharfes Erhitzen und höhere Temperaturen als 100 Grad ohne Rücksicht auf Form und Dimensionen verträgt Steinzeug indessen nicht. Dr, Buchner griff daher zu dem durch außerordentliche Feuerfestigkeit ausgezeichneten Korund, krystallisierter Thonerde, die auch gegen Säuren höchst be- ständig ist. Zur Fabrikation, der Korundmasse muh ein reiner Korund verwendet werden. Wird er in geringen oder größeren Mengen zu keramischen Massen, wie Thon oder Kaolin, zugesetzt. so überträgt er merkwürdigerweise seine Eigenschaft auf diese, mit welchen er sich zu homogenen Mischungen verarbeiten und brennen läßt. Die korundhaltige Steinzcugmasfe ist volumenbeständig ge- worden. Es giebt aber jkorundmassen, die dem Steinzeug auch in Bezug auf Zugfestigkeit und federnde Dehnung durchweg überlegen sind. Da man aus den Kornndmasscn auch poröse Scherben her- stellen kann, so lassen sich dieselben für elektrolytische Zwecke zu halb- durchlässigen Scheidewänden bestens verwenden,— Humoristisches. — Lesefrüchte.«Habe da neulich sehr interessantes Buch jelesen— Pakete, die ihn nicht erreichten..." „Sie meinen gewiß: Briefe, die ihn nicht erreichten." „Janz ejal, wußte doch, es handelt sich um so eine Bummelei von der Post!"— — Sehr einfach, Lehrer(zu den Kindern):„Ihr ver- wechselt immer gestern und morgen, jetzt paßt mal auf: Vorgestern war gestern gestern und vorgestern heute; gestern war vor- gestern morgen und gestern heute; heute war vorgestern übermorgen und gestern morgen und ist morgen gestern und übermorgen vor- gestern; morgen ist übermorgen gestern und war gestern über- morgen; übermorgen ist morgen morgen und übermorgen heute. Da giebt's doch keinen Irrtum!"— („Lustige Blätter.') Notizen. — Max Drehers neues Schauspiel„Die Siebzehn- jährige" wird im Oktober im Lessing-Theater die Erst- aufführung erleben,— — Intendant P r a s ch hat das Theater des Westens für die Dauer von zehn Jahren gepachtet,— — Im München er Hof-Theater ivird demnächst Ernst v. P o s s a r t s und Hugo Rohrs musikalischer Einakter„Das Vaterunser" erstmalig in Scene gehen.— c. Bei einer Gemäldeversteigerung in London erzielte TurnerS „Walton Bridges" einen Preis von 147 000 M.— t. Die größte Station für drahtlose Tele- g r a p h i e, die bisher jemals errichtet worden ist. wird bis August oder September dieses Jahres in der Nähe von Pisa vollendet werden. Die Gebäude werden ganz aus Stein aufgeführt. Ein- schließlich der für die Aufstellung der Maschinen und andern Apparate erforderlichen Zeit Ivird sich die Ferttgstellung noch etwas länger hinziehen, so daß man die Aufnahme des Betriebes für den Anfang des nächsten Jahres erwartet. Nach der zunächst liegenden Ortschaft wird die Station den Namen Coltano tragen. Ihre Bestimmung ist eine durchaus ungewöhnliche, denn man erwartet von dort aus in Verkehr treten zu können mit Großbritannien, Holland, den Ver- einigten Staaten und Kanada sowie mit sämtlichen Schiffen auf dem Mittelländischen Meer, der Ostsee, dem Roten Meer, mit dem Atlantischen und Indischen Ocean, Noch nie ist also die drahtlose Telcgraphie einer so weitgehenden Prüfung unterzogen worden, wie sie ihr auf der neuen Station bevorsteht.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstattPaul Singer 3cCo.,BerlinLlV-