Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 118. Freitag, den 17. Juni. 1904 (Nachdruck verbalen.) is] Im Vatcrbaufc. Socialer Roman von Minna Kautsky. Der Verkäufer lächelte, kniff die Augen zusammen und überreichte ihnen drei ausgesucht schöne Exemplare init einer graziösen Handbewegung:„Bei so schönen Damen werde ich eine Ausnahme machen." Aber schon näherte sich ein Wachmann und herrschte sie an:„Hier darf man nicht stehen bleiben— weiter— weiter— Eben trat die Sonne aus dem zerfließenden Nebel hervor und beleuchtete mit ihren Strahlen das unvergleichlich schöne Straßenbild. Die Uhr auf dem schlanken Rathausturm zeigte die elfte Stunde, sie begann zu schlagen. Eine Bewegung entstand unter den Harrenden auf der Straße. Die Abstimmung mußte vorüber sein— die Eni- scheidung gefallen. Aber es rührte sich nichts. Der imposante Bau samt den daranschließenden Arkaden blieb in Ruhe und Schweigen gehüllt, wie ausgestorben, während in dieser viel- tausendköpfigen Menge die Erwartung zum Fieber sich steigerte. Was mag dort vorgehen? Plötzlich entsteht in den Massen eine Bewegung, die sich wellenartig fortpflanzt, ein Schütteln, Nicken und Neigen ist's, als wenn der Wind im Wirbel über ein Kornfeld weht. Und diese Bewegung verdichtet sich zu einem Wort, das man sich zuruft, erst leise, dann lauter, jetzt braust es einher: „Gewählt I Lueger ist gewählt!" Aufregung malt sich auf allen Gesichtern, fragend skeptisch die einen, freudig bewegt die andern. Alle stehen indes noch im Bann der Erwartung und blicken nach dem Rathause, einer Kundgebung gewärtig, die ihnen Gewißheit bringt. Aber schon ist diese erste Mitteilung von einer andren überholt, das Unerwartetste ist Ereignis geworden:„Der Gemeinderat ist ausgelöst!" heißt es. „Aufgelöst?" „Unmöglich!" „Das ist eine Gcsetzesverletzung!" „Das ist himmelschreiend." „Die Fäuste ballen sich in den Taschen, sie wagen sich noch nicht hervor— „Die Juden sind daran schuld!" ruft einer. „Nieder mit den Juden!" brüllt der vielstimmige Chor. An jenem Portal, das dem Parlamentshause zunächst liegt, fahren die Wagen vor, der Wahlakt ist zu Ende, die Räte verlassen das Haus. Man erwartet den Helden»des Tages. Knäuelartig ballt sich die Menge an diesem Punkt in einander. Die ganze bisher ruhig zuwartende Masse gerät in Bewegung. Man will ihn sehen... alle wollen ihn sehen. Dem geliebten Kührer war schweres Unrecht geschehen, er soll wissen, daß die Wiener zu ihm stehen. Man will ihm zujubeln, jeder der ver- sammelten Antisemiten fühlt sich gedrungen, ihm sein„Hoch, Lueger!" in die Ohren zu schreien. „Hoch Lueger!" brüllt der eine.„Hoch Lueger!" brüllen alle. Die elektrische Spannung hat sich entladen. Man will den Wagen des Bürgernleisters erkannt haben. „Da ist er... ihm nach!" Die Postenkette ist im Nu durchbrochen. Unter immerwährendem Schreien laufen die Leute hinter dem Wagen her. „Haltet ihn auf!"...„Der Bürgermeister!... Auf- halten!... Spannt ihm die Pferde aus!" Der Wagen ist umringt: welche Enttäuschung! Ein andrer sitzt darin: er hat eine lange Nase—.„Das ist ein Jud'!"..... Schlagt ihn tot!" Aber der Wagen war blitzschnell davon gefahren. Die Masse flutet zurück und begann sich vor dem Parlament zu stauen. Auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes stehen mehrere Herren und sehen auf die Straße. Scharfsehende wollen in dem einen den Bürgermeister erkannt haben.„Dort ist er!"...„Er hat sich ins Parlament begeben!" Der Be- zeichnete zieht sein Taschentuch— das ist das Signal für die aui der Straße: im nächsten Augenblick flattern hundert weiße Taschentücher in der Luft und winken nach dem Balkon hinauf, eine weithin sichtbare Kundgebung. Sie verrät den an- gesammelten Massen, wo der zu finden sei, den aller Augen suchen, sie verrät ihnen, daß eine Ovation bereits im Gange ist. Jeder will daran teilnehmen. „Zum Parlament!" ist die Parole, sie durchfliegt die Reihen.„A so a Hetz war no net da," singt der eine und stülpt den Hut fester auf seinen Schädel. Der Weg durch die Anlagen ist der nächste zum Ziele, sie schlagen ihn ein. Wahnsiilnigen gleich kommen sie daher. Dieser plötzlichen, leidenschaftlichen Aktion gegenüber ist die Polizeimannschaft machtlos. Diejenigen, die bei diesem Rennen noch einen Vor- sprung gewinnen wollen, laufen quer durch den Rasen, zer- treten die Blumenbeete, knicken die Zweige der Gebüsche, welche die Anlage begrenzen, um durchzubrechen. Umsonst! Sie können nicht weiter, die Straße ist vollgestopft mit Menschen und alles schreit und weht mit den Tüchern. Waghalsige Fanatiker erklettern die Bäume und klammern sich mit den Beinen am Stamme fest, da sie die Hände brauchen, um zu winken und Beifall zu klatschen. Einige fallen herunter, lachen und steigen wieder hinauf; dabei schreien sie unaufhörlich:„Hoch, Lueger, hoch!" Tini und die Witte Mädeln hatten sich der Ovation an- geschlossen. Ihre Pulse fliegen, ihre Augen leuchten in Be- geisterung, kampferhitzt sehen sie aus, gleich jugendlichen Walküren. Auch sie haben ihre Taschentücher gezogen und winken und wehen gegen den Balkon hinauf. Am liebsten säßen sie ebenfalls in den Zweigen, um dem Mann, den sie nicht kennen, dem aber ihre Herzen zujubeln, zu huldigen. Aber sie begnügen sich, unter den Bäumen zu bleiben und über die seltsamen Vögel, die in dem entlaubten Geäst hin- und berspringen, zu lachen. Drei Herren von distinguiertem Aussehen, welche die Anlagen durchschritten, um auf dem frei- gehaltenen Wege die Ringstraße zu erreichen, waren, dem Strome ausweichend, ebenfalls unter die Bäume getreten. Der eine, von hoher und freier Haltung, mit dem rasierten, kühn profilierten Gesicht, war Edmund Reich, der beliebte Schauspieler, der ins Theater zur Probe ging. Sein Freund, Ferdinand Brandt, und dessen Vater, der Baron, begleiteten ihn. Der erstere, in seiner Kleidung von extremer Sorgfalt und Eleganz, war schlank, hübsch, blond, mit zierlichen Händen und Füßen, der Vater klein und be- weglich, sah flotter aus, sichtlich bcmiiht, durch jugendliche Allüren über sein Alter hinwegzutäuschen. Seine kleinen, stechenden Augen, die hinter gefärbten Brauen munter hervorblitzten, hatten die Mädchen zuerst ent- deckt, und er machte seine Begleiter auf sie aufmerksam. „Solche Antisemitinnen lasse ich mir gefallen, so rosigen Gesichterln stehen die weißen Nelken vorzüglich. „Das sind ja—" rief Ferdinand überrascht,„was sagen Sie, Reich, ich täusche mich doch nicht?" „Natürlich sind sie's," bestätigte der Schauspieler, der Luise einen Augenblick scharf fixierte und nun mit einem ein- nehmenden Lächeln auf sie zuging. „Ihr kennt sie, Ihr kennt sie?" rief der Senior in zappelnder Neugier,„wer sind sie denn?" Wie Schafe vor einem Gewitter standen die Mädchen an- einander gedrängt und erwarteten die Herannahenden: auch sie hatten sie sofort erkannt. Die Herren zogen den Hut, sie begrüßend, aber noch ehe sie ein Wort an die jungen Damen gerichtet hatten, hob Reich aufhorchend den Kopf:„Was ist da los?" Die Hochrufe, die bisher unablässig ertönten, hatten sich plötzlich in ein ohrenzerreißendes Kreischen und Schreien ver- wandelt, gleichzeitig vernahm man den regelmäßigen Hufschlag der Pferde eines Detachements von Ulanen, die von der oberen Lichtenfelsstraße herabkamen, um die Straße zu säubern. Mit vorgehaltenen Lanzen sprengten sie heran, die Menge vor sich hertreibend, die unter Geheul in wilder, regelloser Flucht zu entkommen suchte. Jetzt mußte die Barriere von Gebüschen durchbrochen werden, und einem entfesselten Strome gleich fluteten die in der Straße bedrängten Massen in die Anlage« herein. Reich hatte diesen Durchbruch vorausgesehen, noch ehe er erfolgt war. „Das kann gefährlich werden� meine Herren, haben sie acht auf die Damen," rief er ihnen zu, und zu den Mädchen in ritterlicher und doch entschiedener Weise, die keinen Wider- spruch aufkommen ließ:„Nehmen Sie unfern Arm, wir schützen Sie, aber kommen Sie schnell." Er hatte Luise seinen Arm geboten. Da knackten auch schon die Zweige die ganze Reihe entlang. „Vorwärts!" rief er.„Sollten wir getrennt werden* im Volksgarten finden wir uns wieder!" Sein Ton war voll männlicher Energie. Er handelte rasch, mit Ueberlegung und Voraussicht. Unter Schimpfen und Schreien kamen die Züchtenden an ihnen vorüber, kompaktere Massen folgten; bald war der Park von flüchtenden Menschen erfüllt, die, noch immer fi' Angst, unter die Pferde der Ulanen zu kommen, sinnlos dahin- stürmten. Die schönen Chrysanthemen, Pelargonien und Astern wurden schonungslos niedergetreten, während die gelben Blätter, die den Boden bedeckten, von den Füßen aufgewirbelt, umher flogen. Reich hatte Luise fester an sich gezogen. Indem er seinen Arm um sie legte, schützte er sie mit seinem Körper vor dem Ungestüm der binter ihnen her Eilenden. Sie hatten die Ring- straße zuerst erreicht. Hier war Schutzmannschast in großer Anzahl aufgestellt, bemüht, den Strom zu lenken und einen geordneten Verkehr wieder herzustellen. Beim Eingang zum Volksgarten machte Reich Halt und sah sich um. Er bemerkte die Herren Brandt unweit von ihnen, die mit Gusti und Tini am Arm daherkamen. Die Mädchen lachten und freuten sich der glücklich über- standenen Gefahr. „Bin ich froh, daß ich noch leb'," rief Tini, und den alten Herrn loslassend, schüttelte sie sich in übermütiger Laune,„ich Hab' schon geglaubt, sie zerquetschen mich, ich habe mich zwar auch nicht geniert, nicht wahr?" wendete sie sich an den Varon und markierte dabei ihre Abwehr in drolliger Weise, was diesen höchlichst ergötzte. (Fortsetzung folgt.). Die Dresdener Kunstausstellung 1904, In Dresden giebt es nicht wie in Berlin und München den Gegensatz zwischen alter Kunst und Secession. Frei von Cliquen- Wirtschaft geht hier die Tendenz dahin, das Gute zu geben, wo und wie es wachse. Berlin und München erscheint da recht rückständig. Neben dieser großen Anschauung von dem Wesen des Künstlerischen geht eine erstaunliche Fähigkeit einher, dem vorhandenen Material an Bildern, Möbeln, Plastiken den denkbar günstigsten Hintergrund zu schaffen. Gerade was Plastik anlangt, können Berlin und München nicht entfernt mit Dresden mitgehen. Be:de stellen ihre plastische Kunst recht ungeschickt und lieblos. Hier dagegen spricht aus der ganzen Anordnung eine Liebe und ein so natürliches, dekoratives Geschick, daß man schon die kulturelle Vergangenheit Dresdens in An- schlag bringen mutz, um dies zu erklären. Der Höhepunkt der plastischen Kunst sowohl wie der Art, dieser plastischen Kunst den Hintergrund zu geben, der die Konturen hebt, ohne das Ganze zu stören und aus dem inneren Gleichgewicht zu bringen, bietet sich uns im Rodinsaal. Diese mächtige Rotunde, die wie ein Tempel wirkt, zeigt bis zur Dreiviertelhöhe eine gelb- liche Tönung der gerundeten Seitenflächen. Da, wo die Wölbung der Krcppel ansetzt, beginnt ein leuchtendes Blau der Fliesen, die in ihrer schillernden Buntheit den unterer. Teil umso ruhiger erscheinen lassen. Ein Fries von schreitenden Löwen zieht sich oben in der Kuppel herum. In diesem Räume stehen eine Reihe Rodinscher Werke. Man kann sich kaum einen schöneren Hintergrund denken. Von den gelblichen Wänden hebt sich das Weitz der Statuen so leicht und zart ab und die Konturen scheinen in undeutlichem Leben zu erzittern. Beinahe wie Tranmerscheinungen, wie plötzliche Inspirationen, die Leben bekamen. geheimnisvolles Leben, erscheinen diese Skulpturen. Ein eignes Reich thut sich auf, feierlich, still, verschloffeu. Hier zeigt sich wundervoll die verhaltene, jähe Wucht der Kunst des französischen Plastikers, der dem Augenblick einer spontanen Be- wcgung eine so kraftvoll erhöhte, seelische Bedeutung verleiht. Die Bewegung einer Geste wird bei ihm zu einer Offenbarung, die ein ganzes Wesen, eine ganze Innerlichkeit aufhellt, ein bisher Ver- vorgenes enthüllt. Als Mittelpunkt dieses Saales erscheint der „Denker", eine herkulische Gestalt, die auf einem Felsblock kauert. Alles ist kraftvoll angespannt an dieser Gestalt. Der Futz krümmt sich an den Stein. Die Faust stützt das brette Kinn. Der Blick haftet am Boden. Diese Gestalt ist so in eine runde Nische.gesetzt, datz sie uns noch begleitet durch die ganze Flucht der folgenden Säle, durch die fortschreitend immer wieder dieser»Denker" nnsren Blick auf sich lenkt, in der beinahe unwirklichen Beleuchtung des dämmerhaften Lichtes nach und nach verschwimmend, so datz er schließlich nur noch wie ein regelloser Felsblock erscheint. Neben dieser feierlichen Kunst Rodins halten sich andre Werke schwer. Sie erscheinen wie Alltagskunst dagegen. Doch sind noch sehr feine und tüchtige Skulpturen hier, wie die Arbeiten von Behn, Gaul, Geyger, Hahn, Hartmann. Hoetger, Hudler, Kruse, Schilling, Meunier, Lederer, Taschner beweisen. Die Dresdener Plastik, die zwei Säle für sich hat, bietet nichts Bemerkenswertes, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Man ärgert sich nicht. Man fteut sich nicht. Allerlei„schöne" Linien ficht man, die keinen Anstoß errege». Das Rokkoko wirft hier in der Plastik noch nach. Puppige Allüren sind ins Große übertragen, und die Sützlichkeit der Formen überragt. Eine Gemäldesammlung, die in ihrer Vollständigkeit, in der feinen Auswahl des Bedeutenden alles Bisherige übertrifft, ist die retrospektive Ausstellung. Sie ist so umfangreich, daß sie allein vollständig genügt. Es bietet sich hier Gelegenheit, die ganze Malerei des letzten Jahrhunderts an den besten Beispielen zu studieren. Welche Unsumme von Arbeit in diesem Zusammenbringen ganz verschiedener Kunstwerke liegt, kann nur der Eingeweihte ermeffen. Es gehört dazu ein Apparat von Vorbereitungen, die zu ihrer Ausführung mehr als ein Jahr beanspruchen. Eine solche Aus- stellung ist in vieler Beziehung äußerst lehrreich. Man sieht einmal lückenlos die Entwicklung. Man sieht von bekannten Meistern Neues. man korrigiert sich daraufhin. Es bietet sich Gelegenheit, Bekanntes in andrer Umgebung zum Vergleich heranzuziehen. Da stellt sich manches anders dar. So lockert eine solche Ausstellung die fest- gewordenen Begriffe und setzt an Stelle der schematischen, lehrhaften Kiinstwffsenschast die lebendige Auschaunng. Selten oder nie bietet sich eine solche Gelegenheit, die Anffasiungen zu vervollständigen. Eine Galerie ist einseitig. Sie hat nur wenig in Besitz. Eine solche Ausstellung, die überall her leiht, ist eigentlich eine ideale Galerie. Auch darin, datz sie nicht für immer besteht, sondern sich bei Gelegenheit immer wieder neu bildet, leistet sie der Anschauung vorzügliche Dienste. Und da sie naturgemäß die Höhepunkte nur berücksichtigen kann oder wenigstens das ganz Charakteristische, so ist es ein Vergnügen ohnegleichen, diese Räume zu durchwandern, in denen Perle sich an Perle drängt und die Fülle und Schönheit künstlerischen Strebens so greifbar nahe tritt, daß jede Kritik verschwindet. Hier erscheinen die Persönlichkeiten auf- gefangen in dem großen Spiegel der Begebenheiten, und man ahnt. wie spätere Jahrhunderte wirken werden. Hier steht der Einzelne nicht mehr für sich. Zeit steht gegen Zeit und Volk gegen Volk und große kulturelle Gegensätze enthüllen sich. England, Frankreich, Deutschland teilen sich deutlich voneinander. C o n st a b l e, G a i n s- borough, Reynolds— welch feine, künstlerische Art in Eng» land! Und wie imponierend treten die Franzosen auf, mit einer ganzen Reihe von Namen— Besnard, Bonheur, Boudin, Cazin. Cordt, Degas, Manet, Monet, Chavannes, Courbet, Troyon— jeder einzelne ein ehrlicher Arbeiter auf seinem Gebiete, führend und pro» bierend ein Leben lang und immer wieder der Meinung der andren sich entgegenstellend.� Und bei uns erst diese furchtbare Oede der romantischen Malerei, diese Anekdoten- und Genrekunst, bis endlich Namen kommen wie Leibi, Lenbach, Feuerbach, Böcklin. Böcklin hat einen ganzen Saal für sich. So gleitet ein ganzes Jahrhundert vorüber. Mühelos genießt man. Und nur die Fülle erdrückt bei- nahe. Denn diese Ausstellung ist nicht nach Zufall zusammen» gebracht. Sieben Säle sind angefüllt mit Bildern und überall merft mau die Hand, die nicht das Anerkannte, in Schema Gebrachte suchte und nahm, sondern von den schon bekannten Größen etwas Eigenartiges, Neues bringen wollte, so datz die alte Zeit nicht ver- staubt, im Lichte alter Wissenschast uns begegnet, sondern wahrhast lebendig aufersteht. » Unter den Dresdener Malern ist der Einfluß bemerkbar, den die Vergangenheit der Stadt ausübt. Es ist Dresden, das immer sich, was Geschmack anlangt, seinen eignen Standpunkt wahrte. C. B a n tz e r gießt ein fein und ohne Anspruch genialtes Bildnis, F r i d e r i c i einen. Sommerlag", Hardenberg einen breit hin» iiesirichencn»Fluß im Sonnenschein", Hegenbarth kräftige Tier- tudien, Kunz feine Landschasts-Stimmuugsbilder, in denen das Grün der Bäume zu einem eigenartigen Graublau des HinnncIS in Gegensatz gebracht ist, P e p i n o ein farbig gut gestimmtes Porträt „Mutter und Kind", Unger giebt in strengen Linien und eignen Farben ein paar Studien, imter denen das„Symbol" genannte Bild durch den eigentümlichen Konttast des lila Tuches und der hellroten Lippen der Dargestellten auffällt, Wolfgang müller einen „grünen Wald", inan sieht nur die Spitzen der Bäume und Wölkchen im Blauen darüber schweben. Einen eignen Raum erhielt Sascha Schneider, der hier leider in deutlicher Weise zeigt, wie wenig hinter der großen Geberd» seines Künstlertums steckt. Schon seine Titel find von der Art, die Mißtrauen weckt.„Hohes Sinnen",„Werdende Kraft"(ein alter Mann befühlt einem jungen die Muskeln, ein gutes Reklmneplakat für Muskelstärker),„Ersterbende Liebe"(bei dem weiblichen Akt schimmert k la Röntgenstrahlen das Knochengerüst durch),„Offen- barung",„Hypnose"(von dem offenen Auge geht ein breiter Licht- strahl' wie ein Scheinwerfer auf einen andern über),„Der Außer- gewöhnliche" u. s. f. Nur einmal gelingt es ihm wirklich, eine Bewegung in natürlicher Konzentratton zu geben:„Glut", viele Jünglinge drängen sich zn Füßen einer weiblichen Gestalt zu- sammen, die fie auf ihren Schultern tragen. Ueberall sonst stört die gewollte Pose. Und wenn Schneider auch ehrlich zu Werke gehen mag und er intensiv empfinden möge, so gelingt es ihm eben nicht, dieses Empfinden adäquat in Farbe und Linie umzusetzen. Vor der Hand wenigstens nicht. Es bleibt so viel Leere zwischen den Linien und das Farbenempfinden ist noch sehr trivial und wenig durch- gebildet. Eine gewisse Eigenatt läßt sich nicht leugnen. Aber damit ist noch nicht viel gethan, namentlich wenn es zur Symbolik über- schweift. Diese Eigenart mutz fich auch mit den Mitteln der Technik behaupten, sich durchsetzen, nicht nur für Anfänger reiz- voll sein. Erfteulich dagegen wirkt ein andrer Dresdener, der ebenfalls ein Separatzimnier erhielt, der bis dahin wohl noch nicht sehr bekannt war: Oskar Z w i n t s ch e r. In ihm lebt die alte, deutsche Tra- ditton wieder auf, die Art eines Dürer. Er modelliert in harten und strengen Linien und setzt die Farben in ganzen Flächen gegen ein- ander, deren Konttast jedoch meist fein gewählt ist, zudem offenbart er, was Charakterisierung anlangt, viel Eigenart und überrascht trotz aller Härte durch manche Feinheit im einzelnen. Es ist ein eignes Talent, das sich hier kraftvoll seinen Weg bahnt, hier und da Ein- flüsse auftnnunt, jedoch trotz aller Bclvußtheit den Reiz des Un- bewußten sich zu erhalten sucht, ein achtunggebietendes Talent, auf dessen fernere Entwicklung man acht haben wird. Die Berliner Secession, die mit bekannten Namen hier vertreten ist, wirkte im ganzen etwas monoton gegen dieses vielfälttge Streben, das hier zu sehen ist. Es sind immer die gleichen Namen, immer die gleichen künstlerischen Physiognomien und zeitweilig denkt man, in Berlin in den Räumen der Secession zu sein— und hat kein Vergnügen daran. Alberts, Korinth, Leistikow, Slevogt, LepsiuS; nur Leistikow hat ein Bild da, das ihn landschaftlich von neuer Seite zeigt. Es ist inttmer als seine sonstigen dckorattvcn Stücke. Außer diesen Secessionisten fällt noch ein Maler F. Krause niit einem Freilichtbildnis auf, das er„Abendsonne" betitelt. Es ist warm in der Farbe und groß in der Auffassung. Kallmorgen giebt eins seiner be- kannten Hamburger Hafenbilder. Auch München macht einen etwas rückständigen Eindruck; man wird allmählich müde, immer wieder in endloser Variation vom selben Maler dasselbe zu sehen. Uhde, Stuck, Haber- mann, dann Brodel, Hönisch, Heyden. Niemeyer, Schramm-Zittau, Toni Stadler. Von Olga von Boznanska ist ein feines Knabenbildnis da. Die Worpsweder H. am Ende, Moder söhn, Overbeck, V o g e l e r haben einen Saal fiir sich. Die träumerische, farbig so reiche Landschaft kommt hier voll zum künstlerischen Ausdruck. Sehr gut präsentiert sich Karlsruhe mit Schönleber, Trübener und V o l k m a n n. Weimar teilt fich jetzt. Auf der einen Seite stehen die Alten. Auf der andern L. v. Hofmann mit einer Schar Gleichgesinnter. Unter den Namen fallen Bäk und RohlfS durch eine selbständige Art, wie sie ihre Probleme malerisch zu bewältigen suchen, auf. Düffeldorf besitzt einen feinen Künstler in D r e y d o r f f. Er hat sich namentlich an den Holländern geschult und giebt stimmungsvolle Interieurs. Von England kamen der farbig wählerische S auter, der kühle Hamilton, von Spanien der etwas unklare und wüste, aber temperamentvolle A n p l a d a, von Belgien der seltsame Laer m ans, dessen sociale Bilder so einsam und traurig wirken. Einen wenig erfteulichen Eindruck macht die Wiener Secession. ES fehlt dort jedes ernste Streben und jeder, auch wenn er noch so klein ist, lernt dort bald, sich mit den Allüren eines Großen aus- zutoben. Sie statteten ihren Raum selbst aus und wenn man, im Gegensatz zu Dresdner Dekorationskunst, sehen will, wie ein ge- schmacklos und gespreizt ausgestatteter Raum, der partout modern sein will, aussieht, so gehe man zu den Wienern. Außer den Genannten sind noch der Frankfurt-Cronberger Künstlerbund, Künstlerbund Stuttgart, die Elbier, die Münchener Luitpoldgruppe, Hamburg, Königsberg, jede in Sonderräumen vertreten. Ein Menzel-Kabinett giebt Gelegenheit, die Entwicklung von Ad. Menzel fast vollständig zu übersehen. Er lebte sich in Ruhe nach allen Seiten aus, an dem Kern seines Wesens zäh festhaltend. Ganz prachtvoll ist ein Bild, �das erfreulicherweise die Jahreszahl 185S trägt, der deutschen Kunst damaliger Zeit aber an Farbigkeit, Licht und Wärme um mehr als S0 Jahre voraus ist. Otto G r e i n e r erhielt einen Raum für sich und stellt dort seine gespreizten, nichtssagenden Studien aus, in denen er über das Modell nicht hinauskommt und den Mangel an Innerlichkeit durch Pose ersetzt. Ein etwas rohes, jedoch ehrliches Atelierbild zeigt, wo feine Stärke liegt. Karl K ö p p i n g stellt kunstgewerbliche Gegenstände und eine ganze Reihe interessanter Radierimgen aus, die ihn als feinen Techniker zeigen. Er beherrscht diese Kunst und weiß jede Nuance sicher zu treffen. Manchmal ist der Ton so fest und weich zugleich wie Sammet. « Das moderne Kunstgewerbe ist wohl vertreten, mehrere Säle find damit ausgestattet: jedoch fehlt die eigentliche kraftvolle Person« lichkeit, die dem Ganzen seinen Stempel aufdrückt. Es sind alles einzelne Sachen, zumeist Schmuckgegenstände, die zusammengebracht wurden, weil man nun einmal auch die dekorativen Künste bei sich sehen wollte. Die eigentliche Notwendigkeit fehlt. Will man die Dekorattonskunst der Dresdener bewundern, so mutz man durch die ganze Ausstellung gehen, muß die vornehme Art dann anerkennen, mit der sie die großen Flächen hervortteten lassen, jeden überflüssigen Schmuck vermeiden. Wie ruhig und still wirkt das blaue Lesezimmer! Es fehlt jede auffallende Note. Diese Künstler haben begriffen, daß eine' Raumgestaltung den Zweck verfolgt, für irgend etwas einen Hintergrund zu schaffen. Me bewußt die Leitung hier vorgeht, zeigt die geradezu vorbildliche Empire- Ausstellung, die in Farbe und Ausbau so fein zusammen- geht. Mit unendlicher Mühe und Sorgfalt find die Gegenstände zusammengebracht. Silhouetten bedecken die Wände und zeigen die Menschen, die in solchen Räumen ihr Leben zubrachten. Alles ist da zu sehen, von den kostbarsten Lurusgegenständen bis zum einfachen Hausrat. Eine ganze Zeit, die Zeit etwa von 1780—1820, thut sich auf und wir können uns bis ins kleinste für einen Augenblick hinein« leben. Von dem Umfang der Arbeit, für die ein eignes Komitee gebildet wurde, macht man sich einen Begriff, wenn man bedenkt, daß ca. 70 Sammler ihre Sachen herliehen, zum größten Teil, bei« nahe ausschließlich, stammen die Sachen aus Dresden selbst. Eine weitere Ueberraschung bildet ein vollständiger Biedermeier- garten mit Architektur, Eremitage, Gartentempel, Bergruine,' alles im Sttl der Zeit ausgeführt. Der Garten enthält eine fast vollständige Kollektton der Gartenflora dieser Zeit(1790—1820). Wunderhübsch ist namentlich die Eremitage, ein kleines Gartenhäuschen mit Bett, Schreibtisch, Schrank, recht' wohnlich eingerichtet. Außer diesem machte man noch den Versuch, einen modernen Cafe-Garten auszustellen. Gartenkunst. Plastik, Architettur, Möbel« kunst, alles greift zusammen, um ein ganzes Bild zu geben. Leider ist diese Anlage zu sehr als theorettsches Ausstellungsobjekt gedacht. Hätte man den Garten gleich der Benutzung unterstellt, so wäre das rationeller gewesen. Noch sei erwähnt, daß eine beinahe zu reichhaltige Sammlung von Aquarellen, Pastellen und Zeichnungen nebst den graphischen Künsten sich dem Vorhergehenden anschließt, daß außerdem noch eine besondere Ausstellung photographischer Werke geboten wird. Nimmt man all' das zusammen, so wird man zugeben müssen, daß die Dresdener sich ihre Aufgabe nicht leicht machten. Wenn man dann zugestehen muß, daß sie die schwere Aufgabe in jeder Hinsicht vor« trefflich lösten, so ist das das denkbar beste Lob. Dresden steht�damit an der Spitze der Städte, die für solche Ausstellungen in Bettacht kommen. Die Stadt selbst bietet in ihrer schönen Lage einen guten Hintergrund. Und die Städte, die späterhin Dresden, was Aus« stellungswesen anlangt, Konkurrenz machen wollen, werden sich sehr anstrengen müssen, um dieses Niveau, das hier so natürlich erschein� überhaupt erst zu erreichen.— E r n st Schur. kleines-feuilleton. ie. Elektrische Erzsuchc. Etwa vor Jahresfrist wurde ein neues Verfahren bekannt, das zur Auffindung von Erzlagern auf elektri» schein Wege bestimmt war. Das System ist bisher ausschließlich in englischen Bezirken erprobt worden, und zwar � zur Erforschung namentlich von Adern oder Gängen von Bleiglanz, jedoch auch bereits für einige andre Erze, die den elektrischen Strom leiten. Nach dev Erklärung von Professor Thompson hat das Verfahren jetzt daS Stadium des Versuchs hinter sich und kann der praktischen Ver- Wertung zugeführt werden. Es ist in der Art seiner Wirkung leicht zu erklären und zu verstehen. Wenn Man durch einen Teil des Erd- bodens einen elektrischen Strom von einem Punkt nach einem andern senden will, so wird die Elektricität nicht einen Weg allein verfolgen, also etwa den des geringsten Widerstandes, sondern wird viele Wege nehmen. Die Richtung dieser einzelnen elektrischen Ströme und dev Betrag an Elcktticität, der auf jede dieser Bahnen entfällt, kann von vornherein theoretisch durch Berechnung genau festgestellt werden- Wenn der Erdboden an der betreffenden Stelle von vollständig gleichmäßiger Beschaffenheit ist. z. B. aus einer einheitlichen Lehm- schicht besteht, so wird die thatsächliche Verbreitung der Elektricität zwischen ihren beiden Ausgangspunkten genau den durch Rechnung bestimmten Werten entsprechen. Ist aber in die angenommene Lehmschicht ein Körper eingeschaltet, der die Elektricität besonders gut leitet, so werden die Kraftlinien der Erdströme eine Ver- schiebung erfahren. Wenn nun weiter eine Möglichkeit gegeben ist, den Wert und die Ausdehnung dieser Verschiebung der Kraftlinien! zu ermitteln, so könnte auch die Lage des leitenden jtörpers, der sie veranlaßt hat, genau festgestellt werden. Diese physikalischen Grund- sähe sind von den Erfindern auf die Entdeckung neuer Erzlager und auf die gründlichere Erforschung schon bekannter Erzadern angewandt worden. In einem gewissen Abstand werden in den Erdboden zwei Elektroden versenkt und mit einem elektrischen Wechselstrom versorgt Die Ausbreitung der Elektricität im Erdboden wird dann zu beiden jSeiten der Verbindungslinie zwischen den beiden Punkten durch Telephone geprüft. Der Erdboden wird also eigentlich„abgehört". indem sich im Telephon die Anwesenheit der Elektricität nn Erd- boden durch eine Reihe von knackenden Geräuschen, ähnlich den Schlägen eines Spechtes, verrät. Diese Laute im Telephon werden ium so schwächer, je geringer die elektrische Störung des Erdbodens ist. Nach genügend vielen Beobachtungen kann eine vollständige Karte entworfen werden, auf der der Verlauf der elektrischen Kraft- linien verzeichnet ist. Wo sich ihre regelmäßige Anordnung verschoben zeigt, läßt sich auf die Anwesenheit einer leitenden Masse schließen.— u. Natürliche Barometer. Eigentlich ist das Barometer das Instrument, mit dem der Druck der Luft gemessen wird. Aber auch wenn wir das Interesse an wissenschaftlichen Fragen in den weiten Kreisen des Publikums sehr hoch einschätzen, so darf man doch kaum annehmen, daß so viele Leute sich dafür interessieren, ob der Druck der Luft einige Millimeter Quecksilber mehr oder weniger beträgt, sondern wer sich ein Barometer beschafft, will daran ablesen, ob in der nächsten Zeit gutes oder schlechtes Wetter zu erwarten ist. Und in der That, wenn die Leute dieses Ziel erreichen können, ohne sich des Barometers zu bedienen, so thun sie es mit Vorliebe durch alle «erdenklichen Mittel. Und die Natur giebt solcher Mittel sehr viele. C>ie bekanntesten gehören dem Tierreich an, und hier wieder ist der Laubfrosch der bekannteste Wetterprophet. In letzter Zeit ist sein Ansehen ziemlich gesunken, aber das liegt wohl meist daran, daß er in einem gar zu engen Glase sich nicht frei genug bewegen kann. Wenn man ihm etwas Behaglichkeit gönnt, wird er auch ein guter Wetterprophet ein. Für ein nahendes Gewitter haben Fische ein merkwürdiges Vorgefühl; sie kommen ziemlich lange vor seinem Ein- -tritt an die Oberfläche des Wassers, springen sogar vom Wasser direkt hoch in die Luft und plätschern dann wieder an der Oberfläche. Aber auch unter den Pflanzen giebt es Wetterkündiger. Da ist «namentlich ein vielfach vorkommendes, auch als Vogelfutter sehr be- tliebtes Pflänzchen zu nennen, Anagallis genannt. Seine Blüten- kröne besteht aus scharlachroten Blättern. Oeffnen sich diese Blüten, so giebt es ei» gutes, trockenes Wetter und Soimenschein, schließen sie sich, so kommt bald Regenwetter. Eigentlich war die Anagallis nichts mehr als ein Unkraut, aber die Gartenkunst hat sie zu Gartenblumen mit vergrößerten Blumen veredelt, die jetzt rot, blau und violett vorkommen, und auch in dieser veränderten Gestalt hat sie die Fähigkeit beibehalten, das Wetter vorher zu verkünden.— Aus der Pflanzenwelt. — Winterendivien als Salatpflanzen. Wenn der Salat auch weniger als Rahrungsmittel in Betracht kommen kann, so ist er doch ein angenehm schmeckendes Gemüse. Es kann daher nur erwünscht sein, ihn das ganze Jahr hindurch zu haben. Zu der Salatkultur werden die mannigfachsten Kräuter benutzt, doch sind die eigentlichen Kopfsalate jedenfalls die am leichtesten zu ziehenden Gemüse und können selbst im kleinsten Hausgarten ein Wlätzchen finden. � Sie liefern uns hauptsächlich im Frühjahr und «Sommer das erfrischende Salatgrün, während in den heißen Sommer- -tagen die Gurke die erste Stelle einnimmt. Diese bleibt aber nur bis zum Spätsommer zart und wird später hart und bitter, so daß «nun wieder der Kopssalat den Vorzug erhält. Um solchen zu haben, muß jetzt, so schreibt die„Leipziger Zeitung", die Aussaat vor- genominen werden. Für die erste Winterzeit, Dezember und Januar, ist es die Winterendivie, die uns den Grünsalat liefert. Sie wird hierzu Ende Juni in ein gut vorbereitetes Beet ins Freie gesät. Sie verlangt lockeres, gut gedüngtes Land. Sind die Pflanzen hinreichend erstarkt, so pflanzt man sie 35 bis 4» Centimeter weit voneinander an Ort und Stelle. Fleißiges Behacken und Reinhalten her Beete ist erforderlich, um gute, volle Pflanzen zu erhalten. Ist die Pflanze ausgebildet, so binde man sie an einem recht trockenen Tag ziveimal recht vorsichtig zusammen, so daß bor allem Nässe und Feuchtigkeit nicht zum Herzen dringen kann. Von jetzt ab hört man «auf zu gießen. Nach 18 bis 20 Tagen werden die Pflanzen hin- «reichend zum Bedarf fertig gebleicht sein. Für den Winterbedarf benutze man die letzte Aussaat im Juli. Jin Herbst hebt man die Pflanzen mit Ballen aus, bindet sie ebenfalls zusammen, hängt sie im Keller mit dem Kopfe nach unten auf oder man schlägt die ganzen Pflanzen in recht trockenes Erdreich ein. Für die Aussaat der Salat- pflanze gilt dasselbe Gesetz wie für alle Gemüse-Aussaaten; sie darf -niemals zu dicht ausfallen, sei es im freien Lande, sei es in Mist- beeten.— Technisches. z. Verbesserte Phonographenwalzen. Ein großer Uebelstand der Phonographenivalzen ist darin zu suchen, daß sie verhältnismäßig weich sind, so daß ihre Handhabung große Vor- ficht erfordert, während sich eine immerhin nicht unbeträchtliche Ab- Nutzung nach und nach einstellt, die sich durch unklare Lautwiedergabe bemerkbar macht. Außerdem ist nicht zu verkennen, daß die vom Phonographen reproduzierte» Laute mit unangenehmen Neben- jgeräuschen verquickt waren. Edison ist es nun neuerdings gelungen, Hartguß-Phonographenwalzen herzustellen, die mit den eben er- wähnten Uebelständen fast gar nicht behaftet sind, wie eine Vor- Führung dieses neuen Fabrikates am Mittwoch zeigte. Ueber das Werfahren selbst läßt sich folgendes sagen: Die„Aufnahme" der Stimme usw. erfolgt auf der Außenseite einer chlindrischen Walze aus präparierter Masse, und durch eine dem Röntgen-Apparat nicht unähnliche Einrichtung wird gegen das auf der Walze befindliche Stimmbild Gold geblasen, und zwar derart, daß sich um die Walze ein fester Goldmantel legt, welcher also an seiner Innenwand da? Stimmbild negativ trägt. Nun wird um den Goldmantel eine Hülle aus andrer Masse gegossen und nach Abkühlung des Ganzen die innere Originalwalze herausgenommen. Das so erhaltene Negativ heißt„der Master". Es ist klar, daß das Gold alle Feinheiten des Stimmbildcs aufnimmt und dauernd treu bewahrt, so daß auf un- absehbare Zeit hin die Abnahme tongetreuer Spielwalzen gesichert ist. Auch für diese Abnahme ist ein besonderes, sinnreiches Verfahren von Edison erfunden worden. Der„Master" wird in einer oben verschlossenen Metallhülse in eine fortwährend im Fluß befindliche warme Masse getaucht. An seiner Gold-Jnnenwand bildet sich aus dieser Masse ein Mantel, welcher an seiner Außenseite wieder das Positiv des Tonbildes trägt. Sobald sich genügend Masse angesetzt hat, wird das durch Erglühen einer elektrischen Lampe automatisch angezeigt und das Ganze herausgehoben. Es kommt dann zur Bohr- Maschine, welche das Innere der Walze sauber ausbohrt, und dem- nächst auf den Kühlapparat. Sodann wird die innere Walze heraus- genommen, auf Drehbänken seitlich geputzt und ist nunmehr ge- brauchsfertig. Zum Schluß wird jede einzelne Walze sorgfältig inspiziert und vor der Abgabe an das Publikum oder die Händler durchgespielt. Das zu diesen Hartgußwalzen erforderliche eigen- artige Wachsmaterial wird nach Deutschlaird aus Amerika ein- geführt und muß zur Herstellung der Walzen bis auf ungefähr löv Grad erwärmt werden. Die bei der Vorführung zum Schluß bewirkten Besprechungen der Hartgußwalzen erwiesen, daß diese in der Lage sind, in der That die hirkeingesprochenen, gesungenen oder mit Musikinstrumenten übertragenen Töne außerordentlich deutlich zu reproduzieren.— Humoristisches. — Ein Diplomat. Fcilve Blasenstein promeniert vor seinem Hanse. Treitel Plattfuß kommt des Weges und sagt zu ihm:„Feiwe, bist De geworden von Sinnen, daß De hast aufgehabt Dein' Laden am vorigen Schabbes?" „Die Rippen sollen mer gerad werden, wenn ick« Hab' aufgehabt mei Laden. Ich Hab' doch gar nix gehabt e Laden?" „Wie haißt? Du hast nix gehabt e Laden. Seit wann hast De nix e Laden?" „Jetzt Hab' ich e Laden; aber ich Hab' kein' Laden am Schabbes. Jeden Freitagabend verkauf ich'n an mei Kommis mit der Abred': Wenn er nix hat bezahlt den Preis bis zum Schabbes Abend, fallt 's Geschäft an mer retour."— — Aus dem Gebirge.„I glaub', der Steinhofer Sepp ist auch schon nervös."— „Warum denn?" „Als ihm neulich bei der Rauferei ein Ohr abgerissen wurde, hat er's gleich gemerkt."— („Jugend".» Notizen. — Ernst Rosmer hat ein neues Drama„Johannes H e ck n e r" vollendet.— — Emil R o f e n o w s Komödie„Kater Lampe" errang bei der ersten Dresdener Aufführung, im Residenz-Theater, einen starken Erfolg.— — Ein Ensemble-Gastspiel des Wiener Burgtheaters findet anfangs Juli im München er Hoftheater statt.— — Moskau soll ein ständiges deutsches Theater er- halten.- — Ernst Possarts Musikdrama„DaS Vaterunser"' Musik von Hugo Röhr, fand bei der Erstaufführung im Münchener Hoftheater eine beifällige Aufnahme.— — Eiiren Preis von 6000 Marl schreibt der Verein deutscher Maschineningenieure aus. Gefordert wird ein Lehrbuch über den Lokomotivbau. insbesondere mit einer theoretischen Behandlung der Grundvcrhältnisse. Letzter Ein- lieferungstermin ist der 1. Januar 1908.— — Papier ans B a u m w o l l st e n g e l n. In Atlanta(Ver- einigte Staaten» ist kürzlich Papier aus Baumwollstengeln fabriziert worden. Das Papier soll in Qualität fast eine sehr gute Sorte irisches Leinenschreibpapier erreichen. Die Baumwollstengel kamen von Pflanzungen in der Umgcbzing von Atlanta, und die Papier- fabrikanten zahlen dafür einen Preis, der für den Pflanzer die Ver- ladung nach der Fabrik lohnt.— — Was am Billetschalter alles verlangt wird. Dieser Tage forderte ein Baner am Schalter„een Billet veerter Klasse na Ossenbriigge". Als ihm das gewünschte Billet verabfolgt war, fuhr er fort:„Un denn woll ick ok for teihn Penje in'n Buddel Hebben I" und reichte dem Beamten eine Schnapsflasche� durchs «Schalterfenster. Nachdem er belehrt war, daß man Getränke am Schalter nicht verabfolge, meinte er:„Denn möt ick mi in Offen- brügge eenen köpen I"— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 19. Juni. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsa»staltPaulSinger LcCo.,BerliuSV/'.