Mnterhaltimgsblatt des Jorwärts Nr. 119. Sonntag, den 19. Juni. 1904 (Nachdruck verboten.) u] Im Vaterbau fe. Socialer Roman von MinnaKautsky. „Sie ist keine Witte," bemerkte der Senior zu Reich. „Gewiß nicht, daS ist ein andrer Typus." Er lächelte Tin! zu und sie erwiderte dieses Lächeln. „Fräulein Schönbrunner, Herr Reich." stellte jetzt Luise vor. „Geh', ich weiß schon, wer das ist," lispelte Tini in schall- hafter Grazie. Und als Reich hierauf mit einem langgezogenen„So— so" sie schärfer ins Gesicht faßte, ließ sie ihrem Theater- enthusiasmus die Zügel schießen.„Herrgott, wie oft Hab' ich mich ang'stellt, wenn unser Reich a schöne Roll' g'habt hat, um vier Uhr bin ich oft schon in der Schnecken g'standen, Hab' alles ertragen, Hunger und Durst, Grobheiten und Püffe, und wenn ich dann mit Müh' und Rot die Kasse erreicht Hab', wie oft hat's dann g'heißen:„Letzte Galerie nichts mehr da"— dann Hab' ich g'heult, es hat mir nix g'nutzt, aber wenn ich mir ein Billet erobert Hab', hätt' ich's um keine Million mehr hergegeben. Na/es geht andern auch so. Ich glaub', es giebt überhaupt keine Wienerin, die Sie nicht schon auf der Bühne bewundert hat, Herr v. Reich, außer— den zweien da," setzte sie, mit einer großen Armbewegung auf die Schwestern deutend, hinzu, ihre Zurückhaltung parodierend. Ihre natürliche Komik wirkte unwiderstehlich, man lachte, und der Baron konnte sich nicht enthalten, mit einem„Sie ist reizend!" seinein Wohlgefallen unverblümten Ausdruck zu geben. Reich hatte sich den Schwesten, zugewendet:„Ist das wahr, was Ihre Freundin behauptet, Sie hätten mich noch nicht spielen gesehen?" Luise verneinte stumm, ihr Herz pochte zu stark ui'd ihre Gedanken wirbelten konfus durcheinander. „Ist das möglich?" riefen die beiden Brandts,„besuchen Sie überhaupt kein Theater?" „O doch," sagte Gusti,„aber selten." „Sie gehen nie in ein neues Stück, aus Furcht, sie könnten verdorben werden," ergänzte Tini. „Sie fürchten das nicht, Fräulein Tini?" fragten Vater und Sohn fast gleichzeitig, und mit demselben indiskreten Lächeln, indem sie der kleinen Ausgelassenen näher rückten. Tinis Augen funkelten. „Ich? Aver ich möcht' am liebsten gleich selbst zuni Theater gehen, wenn ich nur wüßt', ob ich Talent Hab'." „Wenden Sie sich doch an Reich, der kann's Ihnen sagen." Sie schielte von der Seite nach dem Schauspieler hin. „Ja, wenn i mi trauen thät'." Reich hatte die Augen von Luise nicht abgewendet und es war wieder ein so eigentüinlicher ingmsitorischcr Blick, der die Frage begleitete:„Hatten Sie auch nicht das Verlangen, mich spielen zu sehen, Fräulein Luise?" Sie zuckte unter dieser Sonde zusammen. Warum fragte er? Setzte er bei ihr ein besonderes Interesse für ihn voraus? Was berechtigte ihn dazu? Und Luise nannte er sie? Er hatte ihren Namen behalten... Den Vater hatte er schon nach acht Tagen nicht mehr gekannt, nicht kennen wollen. Ihre innere Verletztheit behielt über die mannigfachen Empfin- düngen, die auf sie einstürmten, die Oberhand. „Nein," sagte sie herb, fast feindlich. Mit einem Zucken der Augenbrauen quittierte er die Un- Höflichkeit, die in dieser kurzen Antwort gelegen war und wendete sich seinen Freunden zu. Der Baron hatte ihn unter den Arm genommen, er schien nicht übel Lust zu haben, sich zum Beschützer dieser kleinen Theaterenthusiastin aufzuwerfen. „Sie hat sicher Talent," meinte er,„sehen Sie sie nur einmal drauf an." „Talent, Talent!" wiederholte Reich sarkastisch.„Was ist damit gesagt? Haben nicht alle jungen Damen Talent für die Bühne? Und doch möchte ich keiner raten, diesen Beruf zu wählen. Eine Bühnenlaufbahn ist heute komplizierter als je, und um sich behaupten zu können, braucht man noch ganz andre Eigenschaften und Begünstigungen als Talent." „J dank' schön für die Ermutigung," sagte Tini in echt wienerischer Schnippigkeit. Dann ihm von unten auf einen schelmischen Blick zuwerfend:„Und wenn ich mich an Ihre warnende Stimme nicht kehr'? Wenn ich trotzdem zum Theater geh', was dann?" Er nahm sie derb am Kinn und sagte mit Humor:„Dann besitzen Sie wahrscheinlich diese Eigenschaften, mein Kind." „Bravo, bravo, fqmos!" sekundierten die beiden Brandts. Reich sah auf die Uhr. „Es ist Zeit— ich habe Probe... meine Damen— Er lüftete seinen Cylinder mit einer eigenartigen Bewegung, grüßte- kühl und ceremoniell, und nachdem er noch einige Worte mit Ferdinand gewechselt, schritt er dahin, den Kopf hoch, in vornehmer Haltung, ohne sich umzusehen. Die Brandts wollten die Damen nach Hause bringen. Aber die Wittes lehnten ihre Begleitung in so entschiedener, ja ängstlicher Weise ab, daß sie nicht weiter in sie drangen. Was wollten sie auch mit ihnen? Es waren anständige Mädchen, aus gutem Hause. Ein Bedauern über diese That- fache sprach sich in ihren Mienen aus, als sie sich von den Damen empfahlen, um in entgegengesetzter Richtung dahin- zuschlendern. .Einmal blickten sie zurück und gerade in dem Augenblick hatte auch Tini sich umgesehen. „Ein fescher Kerl," meinte der Baron und schnalzte dabei mit der Zunge. Tini aber lächelte glückselig in sich hinein. Sie fühlte, sie hatte heute über die albernen Witte Mädeln den Sieg davongetragen. 9. Kapitel. Die Unzufriedenheit und Aufregung in Wien, die durch die Verletzung der Gemeindeautonomie geschaffen wurde, dauerte fort. Sechs Wochen nach der Auflösung des Gemeinderates sollten die Neuwahlen erfolgen, aber sie wurden auf Monate hinausgeschoben. Die Regierung wollte Zeit gewinnen, um die Wahlen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Es sollte ihr nicht gelingen. Je mehr es Badem sich angelegen sein ließ, den Volks- mann zu diskreditieren, indem er ihn als Aufrührer behandelte. der die kaiserliche Gnade verwirkt hatte, um so mehr nahm sein Anhang zu. Die Wiener waren doch nicht so byzantinisch, als die Re- gierung sich einbildete, und bald standen Lueger und Baden« als die Extreme von Volksgunst und-Mißgunst einander gegenüber. Endlich konnten die Wahlen nicht länger verschoben werden. Neuwahlen wurden ausgeschrieben und ergaben ein glänzendes Resultat, das die kühnsten Erwartungen der Anti weit übertraf. „Sieg Lueger!... Niederlage Badems!" Das Geschrei durchtoste die ganze Stadt: die anti- semitischen Gemeinderäte waren die Herren von Wien. Es folgte nun eine Siegesfeier der andern, sie konnten sie in allen Bezirken feiern, und Schönbrunner hatte alle Hände voll zu thun. Er trieb jetzt einen Aufwand von weißer Wäsche, wie nie vorher in seinem Leben, und verschwendete viel Geld in Malz- bonbons, weil er vor lauter„Hoch Lueger!" schreien fort- während heiser war. Einmal erzählte er beim Mittagessen den Seinigen von den großartigen Vorbereitungen, die beim Swoboda im Prater für die nächste Feier getroffen werden. Für fünfzig Gulden waren allein weiße Nelken bestellt worden zur Dekorierung des Ehrentisches. Als er.merkte, wie seine Frau in atemloser Spannung seinen Ausführungen folgte, lächelte er gnädig. „Du kannst Dir's ja auch einmal anschauen," und als sie ihn verständnislos anstaunte: „Nicht Dir was z'samm', daß D' anständig ausschaust, zur nächsten Siegesfeier nehm' ich Dich mit." Die Ueberraschung raubte ihr die Sprache, endlich löste sich's wie ein Seufzer von ihrer Brust: „Was fang' ich da an, ich Hab' nichts zum Anziehen." {£r hatte ein brutales Lachen. „Immer dieselbe G'schicht' bei den Weibsbildern, wenn Du nichts hast, dann lassen wir's stehen." „Höchstens mein schwarzes Seidenkleid." „Ist das nichts?" «Aber es hat so enge Aermel." „Willst Du vielleicht auch Ballonärmel tragen?" „Ich brauche ja nur zwei Meter dazu." .Mine so dumme Mode!" Er schielte nach seiner Tochter hinüber, bei der sich die Bluse schon modern über den Schultern bauschte. Er hätte Tini lieber initzenonunen, mit ihr konnte er Staat machen, aber er kannte und füchtete ihre Prätention, die war mit Ballon- ärmeln allein nicht zufrieden zu stellen. Sein Vaterstolz kämpfte mit seiner Sparsamkeit. Er erwartete ihren flehenden Blick, dann wollte er sie ordentlich anschnauzen, sie sollte was zu hören kriegen, aber wenn sie ihn recht schön gebeten, hätte er ihr schließlich die weitere Zu- gehör als unverdiente Gnade an den Kopf geworfen, aber Tini sah so gleichmütig vor sich hin, als ob sie dasjenige, was da verhandelt wurde, gar nicht berührte. Das verdroß ihn. Er nahm den Mund jetzt noch voller, um sie zu reizen, und sprach von den hohen Persönlichkeiten, die sich zu dieser Feier ein- finden werden. „Und da sind Leute darunter— es könnte Dir schon passieren, Anna, daß Du neben einen Prinzen zu sitzen kommst." „Ich möcht' lieber bei Dir sitzen," versetzte Frau Anna ängstlich. „Das giebt's nicht," schrie er sie an,„da kannst Du gar nichts mögen, dazu sind die Festordner da. Da geht's anders zu, als Du glaubst. Kaum trittst Du ein, �nimmt Dich gleich eurer beim Flügel und führt Dich in den Saal— und zum Ehrentisch, wie sich's für meine Gemahlin gehört— und wenn er Dich g'rad' neben den Prinzen hinsetzt, da kannst' nicht sagen:„Ich mag nicht!" Da mußt Du Dich benehmen und liebenswürdig sein und Deinen Nachbarn zu unterhalten suchen." „Ach?!" „Ter Prinz ist ein gauz guter Kerl, besonders gegen Damen." „Aber wie kann ich denn mit den engen Acrmeln—!" Wie ein Verzweiflungsschrei rang es sich aus dem Busen der Fnau Schönbrunner empor. Ihr Mann kraute sich hinter den Ohren. Neben einem Prinzen schienen ihm die engen Aermel selbst anstößig zu sein. Er warf einen forschenden Blick nach seiner Tochter— kam sie noch immer nicht bitten?... Aber sie stand abgewendet und kramte in ihrem Nähkorb herum. „Auch gut," dachte er,„die Gans glaubt doch nicht, daß i ch sie bitten werde." Er war aufgestanden und nachdein er eine Weile mit dröhnenden Schritten auf und nieder gegangen, blieb er vor seiner Frau stehen und warf einen Fünfer vor sie auf den Tisch. „Da hast, damit kannst Du Dich ausstaffieren, aber bitte, kein weiteres Lamento." Sie stürzte sich hassig auf das Geld, als fürchtete sie, seine Großmut könne ihn im nächsten Augenblick wieder reuen, und steckte es ein. „Danke, danke vielmals," rief sie, trat dicht an ihn heran und spitzte den Mund, als wolle sie ihm einen Kuß geben. „Js schon gut," sagte er phlegmatisch und wendete ihr den Rücken. lFortsetzung folgt.) Jufüz h Oiscretion. L Der Vorsitzende: Wir bitten Sie vielmals irni Verzeihimg, verehrter Herr Kommerzienrat, daß wir Sic hierher bemühen mutzten. aber nachdem nun einmal die Anzeige erstattet werden ist, datz von den Ihnen zur Aufbewahrung gegebenen Depots etwa 20 Millionen verschwunden sind, konnten wir nicht gut anders. Wir müssen mit der Presse rechnen. Der Angeklagte: Sie hätten'lieber diese Agitationsprcsse hierher laden lassen sotten. Was geht das die Oefsenttichkeit an, wo die 20 Millionen geblieben sind! Das ist einzig und allein meine Angelegenheit. Im übrigen: Ich erkläre auf Ehrenwort, und alle. die mich kennen, werden mir das bezeugen, eS ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Ich bin viel zu anständig, als datz ich so indiskret fein könnte, zu verraten, was mit den beregten 20 Millionen ge- schehen ist. Der Vorsitzende: Sehr wohl, Herr Kommerzienrat. Die Sache ist nunmehr aufgeklärt. Haben Sie noch eine Frage, Herr Staatsanwalt? Der Staatsanwalt: Hm I Herr Verteidiger, haben Sie vielleicht noch eine Frage an den Herrn Angeklagten? Der Verteidiger(verwundert): Ich? Nein. Der Borsitzende: Dann ziehen wir uns also— Der Staatsanwalt(sehr verlegen): Noch einen Augen- blick, Herr Vorsitzender. Ich habe nämlich einen Zeugen laden lassen. Der Vorsitzende: Was sollte der noch aussagen können? Ich denke, die Sache ist vollständig ausgeklärt. Verteidiger: Ich verzichte auf den Zeugen. Der Angeklagte: Und ich lehne alle Zeugen entschieden ab. Das fehlte noch, datz ich mich mit solchem Pack herumschlagen müßte. Der Staatsanwalt: Gleichwohl: Der Zeuge mutz ge- hört werden. Sonst kömrte die Oeficntlichkeit— Der Angeklagte: Die Oeffentlichkeit besteht«ms den Lumpen, denen wir die Zuwendungen verweigert haben. Aber schließlich, wenn Sie durchaus wollen, so habe ich auch nichts da- gegen einzutveuden. Man soll mir nicht nachsagen können, datz ich irgend etwas zu verbergen hätte. Der Vorsitzende: Also lassen Sie den Kerl reinkommen. Der Zeuge(erscheint): Ich habe 20 000 M. bei— Der Vorsitzende: Halten Sie gefälligst den Mund. Erst frage ich! Ich warne Sie aber im voraus vor jeder unrichrigen Aussage. Darauf steht Zuchthaus. Was wissen Sie? Der Zeuge(kleinlaut): Ich habe 20 000 M., mein ganzes Vermögen, bei dem Herrn Komnrerzienrat deponiert. Ich bin ein alter Mann und habe nun gar nichts-- Der Vorsitzende: Fassen Sie sich kürzer. Sie werden einsehen, datz das Gericht nicht dazu da ist, um Ihnen Ihr Geld zurückzuerstatten. Wenn Sie etwas verloren haben wollen, so wenden Sie sich an ein Fundburcau. Der Zeuge: Aber der Herr Kommerzienrat hat ja mein Geld gehabt und ich konnte es nicht wiederbekommen. Der Angeklagte: Ich kenne den Menschen gar nicht. Der Vorsitzende: Damit ist der Gegenstand wohl er- ledigt. Der Verteidiger: Sie behcmpten, datz Sie das Geld in der Bank deponiert haben, der die Ehre zu Teil geworden ist, von dem Herrn Kommerzienrat geleitet zu werden. Haben Sie einen Beweis dafür? Der Zeuge: Ich habe doch die Quittung der Bank. Der Angeklagte: Ich habe zwar über den Empfang von 20 000 Mark quitsiert, ich habe aber keinen Pfennig erhalten. Wir pflegen solche Quittungen aufzustellen, um den Leuten eine kleine Freude zu bereuen. Der Zeuge: Ich schwöre, datz ich die Summe auf Heller und Pfennig bei der Bank deponiert habe. Es waren lauter preußische KonsolS. Der Verteidiger: Sind Sie in der Lage, die Papiere vorzuzeigen, dje Sie bei der Bank deponiert haben wollen? Man mutz sie doch erst sehen, um zu glauben, datz sie auch autzerhalb Ihrer Phantasie existieren. Der Zeuge(heulend): Aber wenn ich die 20 000 Mark vor- zeigen könnte, hätte ich sie doch nicht verloren. Der Vorsitzende: Benehmen Sie sich nicht ungebührlich. Sie gestehen zu, datz Sie das corpus delicti, das Ihnen angeblich entwendet worden ist, nicht präsentieren löimeu. Damit ist die An- gelegenheit erledigt. Der Staatsanwalt: Noch eine Frage: Können Sie sagen, wohin die Ihnen angeblich unterschlagenen Gelder geraten sind? Der Verteidiger: Das gehört nicht zur Sache. Der Angeklagte: Ich protestiere gegen derartige indislrete Fragen. Der Vorsitzende: Besteht der Herr Staatsanwalt auf seiner Frage? Der Staatsanwalt: Ich stehe ans dem Standpunkte, daß diese Angelegenheit bis in die letzten Einzelheiten aufgeklärt werden mutz. Man soll uns nicht den Vorwurf machen, datz hier irgend etwas vertuscht wird. Der Vorsitzende(ärgerlich): Na meinetwegen. Also, Zeuge, was wissen Sie? DerZenge: Ich habe gehört, datz der Hofkoch der Erbgroß- Herzogin von Gerolstem die 20000 Mark erhalten hat, um eine Altardecke zu stiften. Der Angeklagte: Der Herr Hofioch der Erbgrotzherzogin von Gerolstein gehört seit jeher zu meinen wärmsten Verehrern. Er weiß, was er an mir hat. Das ist die ganze Wahrheit. Der Vorsitzende: Herr SiaatSauwalt, genügt Ihnen diese Aufklärung V Der Staatsanwalt: Vollkommen. Der Vorsitzende: Damit ist die Bclveisaufnahme ge»- Stimme aus dem Zuschauerraum: Lassen Sie mich sofort als Zeuge vernehmen! Der Vorsitzende: Ah, Seine Excevenz, der Hofkoch Ihrer Hoheit der Erbgroßherzogin von Gerolstein I Sie wollen eine Zeugen- aussage machen? Bitte, bemühen Sie sich hierher. Der Hofkoch: Ich lege' Wert darauf, diese nichtswürdigen Verleumdungen auf der Stelle zurücklvcisen zu köimen. Seit einem Menschcnalter fast widme ich meine ganze Kraft unermüdlich, Tag und Nacht, der Lösung der socialen Frage, indem ich Altardecken stifte. Und was ist der Lohn? Man bewirft mich mit Kot. man verfolgt mich, man verdächttgt mich. Das ist die Wahrheit. So wahr mir Gott helfe. Der Staatsanwalt: Sonst haben Sie keine Beziehungen zu dem Herrn Angeklagten? Der Hofkoch: Gott ja, ich stelle ihm so alle Woche mal ne Outttung aus, über 100000 M., über 300 000 M. und je nachdem auch mal über'ne Million. Das ist in unsren Kreisen so üblich. Man nennt das:„Konto-Anflösen." Aber Geld habe ich natürlich nie einen Pfennig erhalten. Und übrigens habe ich mich auch jedesmal sorgfälttg danach erkundigt, ob die Summen etwa aus seiner Tasche oder aus den Depots stammen. Der Vorsitzende: Ich verstehe durchaus. Jetzt ist alles vollständig aufgehellt. Haben Sie noch eine Frage, Herr Staats- anwalt? Der Staatsanwalt: Nein. Der Verteidiger: Ich schließe mich dem Herrn Staats- anwalt an. Der Angeklagte: Kam, ich nun gehen? Der Vorsitzend«: Bitte, noch einen Augenblick I Der Gerichtshof zieht sich zurück mrd kehrt sofort zurück. Der Vorsitzende: Ich habe das Vergnügen, Ihnen Herr Kommerzienrat zur Freisprechung zu gratulieren. Zugleich haben wir, um Sie für Ihren Zeitverlust zu entschädigen, beschlossen, Sie für die Verleihung des Geheimen Koinmerzienrats-TitelS zu empfehlen. Vorgeführt aus der Untersnchnngshaft wird die 67 jährige Witwe Anna nuschle, die beschuldigt ist, vor einem Vierteljahr aus dem Forst Nkeißig im Werte von 5 Psemngen entwendet zu haben. Der Vorsitzende: Gestehen Sie zu, daß Sie am 10. August, 3 Uhr 40 Minuten inorgenS, diesen frechen Diebstahl begangen haben? Angeklagte fweinend): Ich bin eine alte, ehrliche Frau. Ich verdiene mir redlich mein Brot mit Waschen. Der Vorsitzende: Sie leugnen also? Welche politische Gesinnung haben Sie? D i e A n g e k l a g t e: Ich bin evangelisch. Der Vorsitzende: Sind Sie taub? Ich ftage Sie nach Ihrer Partei? Sind Sie Socialdemokratin? D i e A n g e k l a g t e: Nein, ich bin wirklich evangelisch. Der Vorsitzende: Sie stellen sich dumm! Wir werden Ihnen gleich auf die Sprünge helfen. ES werden nunmehr der Ortspfarrer, der Schulze, der Gendarm, der Gemeindehirt, der Lehrer und der Briefttäger vernommen, welcher Partei die Angeklagte angehöre. Nach scharfem Kreuzverhör muß die Angeklagte zugestehen, daß einmal bei ihr ein Großneffe auf einen Tag zu Besuch lvar, der in Berlin arbeitet. Der Vorsitzende: Sie sehen: es kommt alles ans Licht. Leugnen hilft nichts. Sie sind Socialdemokratin. Damit ist nun Ihre Schuld schon so gut wie bewiesen. Aber wir müssen gründlich vorgehen. Es werden nach der Reihe 186 Zeugen aufgerufen, die bekunden sollen, daß sie am 10. August 3 Uhr 40 Minuten morgens die Angeklagte gesehen hätten, wie sie im Forst ein Bündel Reisig auflas und mit sich nahm, in der Abficht, eine fremde bewegliche Sache sich rechtswidrig anzueignen. Von den Zeugen erinnern sich zehn ganz genan, sie im Walde gesehen zu haben, einer sogar, daß sie Reisig miflaS, doch schien sie ihm dreißig Jahre jünger als die Angeklagte zu sein. Auch die andern Zeugen haben die Angeklagte sicher einmal gesehen, doch wissen sie mcht genau, wo und wann. Keineinziger Zeuge aber vermag zubeschwören, daß die Angeklagte am 10. August 3 Uhr 40 Mimitei morgens nicht das Delikt ausgeführt. Der Staatsanwalt: Wir haben es hier wieder mit einem der traurigen Fälle zu thun, in denen dank der ver- hetzenden und unterminierenden Thättgkeit der Socialdemokratie die festesten Grundlagen unsrer Kultur ftech angetastet worden. Sind wir erst eimnal so weit, daß man selbst das Eigentum des Forst- fiskus nicht mehr respekttert, so ist unser Ende gekommen. Dieses gestohlene Bündel Reisig ist die Höllenmaschine, welche die gegen« wärtige Gesellschaftsordnungen die Lust sprengt. Dagegen muß mit den strengsten Strafen vorgegangen werden. Die Angeklagte ist in den Staatsbesitz eingebrochen, es handelt sich also um einen schweren Einbruchsdiebstahl m idealer Konkurrenz mit der Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen und grobem Unfug. Die AngeNagte hat mildernde Umstände verwirft, weil sie hartnäckig leugnet. Es ist festgestellt, daß sie mtt der social- demokratischen Partei sympathisiert. Wir haben keine Mühe gescheut, um diese dunkle Angelegenheit vollständig aufzuklären. 186 einwandsfrcie Zeugen haben hier unter ihrem Eide bekundet, daß niemand von ihnen gesehen hat, daß die Angeklagte, wie sie behauptet, kein Reisig gestohlen hat. Ich beanttage angesichts der gemeingefährlichen Frivolität der Handlung, der elenden Ge- simmng, die in ihrem Leugnen sich ausdrückt, und der den Staat und die Gesellschaft bedrohenden Tendenz vier Jahre Zuchthaus. Das Gericht ging über das Strafmaß noch hinaus und er- kannte auf fünf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust.— Joe. Rldnes fcuükton. lk. Im Norden von Berlin. Ab und zu wird bei Berlin eine Seknndärbahn gebaut, die sich irgendwo von einer Hauptstrecke abzweigt und von du aus durch Fäder, Wiesen und Wälder in Ge- biete sich hineinschlängelt, die selbst einem eiftigcn Touristen wegen ihrer bisherigen Abgelegcnheit von der Bahn fremd geblieben sein können. Wer märkische Landschaft und märiisches Volk in seiner Ursprünglichkeit kennen lernen will, dem sei die Benutzung solcher Kleinbahnen empfohlen. Von Reinickendorf geht seit wenigen Jahren eine Sekundärbahn nach Liebenwalde, die bei Basdorf eine weitere Abzweigung nach Groß-Schönebeck aufzuweisen hat. Zu- nächst durchgueren wir die im Norden Berlins so verbreiteten melancholischen Nieselfelder, die der Nase mehr als dem Auge bieten. Dann folgen Gebiete überreichlichen Sandes mit dürftigen Kiefern- Heiden, Wiesengräben und selbst Laubwaldstrecken. Bei Zühlsdorf, der ersten Haltestelle hinter Basdorf gegen Liebenivalde, Verlaffen wir den Zug. Das Stationsgebäude besteht in einem Hüttchcn, kaum größer als ein Zeitungskiosk. Ringsum hoher und niedriger Kiefernwald. Ein Schild an einem Baume trägt die verlockende Auft'christ:„Gasthaus zur Achthundertjährigen Linde". Das muß natürlich besichtigt werden. Wir folgen dem Handweiser und er- reichen das kleine idyllisch gelegene Dörfchen Zühlsdorf in zehn Minuten. Neugierig schauen die Ortsbewohner uns an, denn Touristen sind hier zu Lande noch eine Art Merkwürdigkeit. Wir werden zum Gasthause gewiesen und sitzen auch bald im Schatten des Ricscnbaumes. Eine Prachtgestalt,' noch in voller Kraft und von etwa drei Metern Durchmesser. Wir berücksichtigen das rasche Wachstum, das die Linde vor Eichen und andren Bäumen auszeichnet, und ziehen von den acht Jahrhunderten eine Reihe ab; so etwa aus der Zett des dreißigjährigen Krieges dürste der Baum stammen. Das ist auch ein hübsches Alterl In der Nähe beginnt eine Scenkette mit dem Lubowsec, die nach Osten über Rahmer- und Wcmdlitzsec zum Liepnitzsee in die Gegend von Biesenthal führt. Eine reiche Flora wuchert au den Seeufern auf Bruch und Moor. Aus den Seen entspringt die Briese, jener Wiesenbach, der über die Zühlsdorser Mühle westwärts durch sumpfige Niederungen und ständig von Wald umrahmt gegen Birkenwerder fließt. So hat der Tourist von Zühlsdorf aus nach Osten und Westen der Wanderstrecken genug vor sich. Einfache, stille Landschaftsbilder, nur etwa 20 bis 30 Kilometer von Berlin cnt- fernt und dennoch ganz und gar noch unberührt von der Nähe der Großstadt und frei von dem Lärm belebter Touristenstraßen.— de. Zweierlei. Der eine Korb war fertig gepackt, der andre stand noch halb leer. Sorgsam legte Else die Wäsche hinein, Stück auf Stück, hübsch glatt gestrichen, damit sich nichts drückte. Dabei warf sie hin und wieder einen prüfenden Blick zu der Frau am Fenster. Eine kleine, hagere We, sie lvar gerade dabei. Spitzen in eine blaßblaue Muffelinbluse zu nähen. „Sind Sie bald fertig, Frau Jäger?" „Ja. Fräulcinchen, gleich, gleich." „Dann noch die Rosa, nicht wahr?" Else stand auf und setzte sich in die Sofaccke.„Na, ich werde so lange warten, die Blusen sollen zu oberst, damit sie sich nicht so drücken. Aber machen Sie bloß, in einer Stunde wird der Korb abgeholt." «Ich bin ja auch gleich fertig. Fräuleinchen." „Wenn wir'n nicht mitgeben können, lommt er ja nicht zur Zeit an, und wir können womöglich morgen abend noch in Reise- Neidern umherlaufen. Ach. morgen abend sind wir draußen. Wie ich mich freue I" Sie klatschte in die Hände. „Ja, dis glaube ich," nickte die Alte.„So in die Sommer- frische gehen, das is fein!" „Ich möchte ja auch jetzt nicht in der Stadt bleiben, hu, im Sommer in der Stadt, gräßlich!" Else schüttelte sich.«Draußen kann man doch umherstreifen. Wie halten Sie es eigentlich aus in der Stadt, Frau Jäger, Sie sind doch auch vom Lande?" »Ja, Fräuleinchen, ja, das bin ich wolll" Die Alte nickte. „Und nun wohnen Sie hier auf dem Hof in Berlin. Möchten Sie denn da nie zurück?" „Hm..." Die Alte fädelte eine neue Nadel ein.„Nee, Fräu- lein Elschen, eigentlich doch nicht— seh'n Sc mal, was Hai man denn auf's Land? Da Hab' ich de Feldarbeit machen muffen für's Jut. Nee, ich bin janz froh, daß wir in de Stadt jekommen sind und daß ich's Nähen jelernt Hab', dis ist beffer als so auf de Felder rumfchusten muffen." „Aber es ist doch so schön auf den Feldern!" Else sah träumerisch ins Weite.„Ach Gott, wenn dann das Korn so im Winde wogt, und man am Waldrand liegen kann und in die Sonne blinzelt durch das Grün... das ist doch zu schön." „Ja, ja, wenn man in de Heede liegen kann im Sdjatten.. es zuckte etwas wie Spott um den welken Mund der Alten.„Aber stehen Se mal in de Kartoffeln und häufeln Se die, wenn Ihnen de Sonne auf'n Nacken brennt, und's is so heiß, daß Se sich kaum rühren können und Sc müssen schuften und schuften'n janzen Tag." „Ja, das ist was andres," meinte Else altklug. „Aber sehr anders I" Die Alte lachte kurz auf.„Oder wenn's sieht, daß alles so pladdert— und Se müssen raus in de Rüben oder Obst pflücken..." „Na. Regen ist für die Sommerwohnung auch nicht schön." Else machte ein Mäulchen.„Denken Sie etwa, es macht Spaß, im Zimmer zu sitzen? Und in was für Zimmern noch dazu. Alle so klein und eng... Und wir gehen doch in ein richtiges Dorfhaus, wo noch schwarze Kachelöfen drin stehen— aber eigentlich ist das gemütlich und so poetisch." „Ja, für'n paar Tage." Die Alte legte die blaue Bluse bei Seite und nahm die rosa.„Aber wohnen Se man'n janzes Jahr drinl Und s« sagen schon selber, Fräuleinchen, de Stuben sind eng; was wollen Se denn sagen, wenn im Winter alles naß is und man keinen Ofen nich warm kriegt und der Wind durch alle Luken pfeift?" „Na. in solchem Hause miet' ich einfach nicht." erklärte Else in weiser Entrüstung. „Nee?" Frau Jäger lachte wieder.„Ja, wenn Sie hinzieh'n, zieh'n Se in'ne Villa; aber wenn Se auf's Jut arbeiten müssen, wie unsereins, denn müssen Se schön nehmen, was Se kriegen, denn können Se man jrade zufrieden sein, wenn Ihnen das Jut'ne Bude jiebt, die Ihnen nicht über'n Kopp zusammenfällt." „Achl" sagte Else; sie wußte nichts andres zu sagen. Frau Jäger schüttelte den Kopf:„Nee, ich möcht' nich wieder auf's Land, wenn ich auch hier auf'n Hof wohne und auch meine Arbeit habe und manchmal bis in de Nacht sitzen muß. aber ich bin doch mein eigner Herr und kann mir'ne Wohnung suchen wie ich will, und thun was ich will, und mehr verdiene ich auch als bei die Schufterei da draußen, wenn's auch nich viel is." „Aber all die Felder und Wälder und all das Schöne draußen, vermissen Sie denn das nun gar nicht ein bißchen?" rief Else ver- wundert. „Das Schöne?" Die Alte ließ die Arbeit sinken und sah das junge Mädchen über die Brille an.„Ja, Fräuleinchen, was hat >dcnn unsereins vons Schöne da draußen. Das Schöne, das is für de Leute auf's Jut oder für de feinen Sommergäste, aber doch nich für ecnen, der arbeiten muß; der hat schon in de Stadt von's Schöne nichts, aber noch viel weniger auf's Land."— Kulturgeschichtliches. — Die Beizjagd in O st Preußen schildert Paul Dahms im„Archiv für Kulturgeschichte"(Bd. 2. 1904): Während diese Art Sport in dem bewaldeten Prcußenland ursprünglich kaum betrieben sein konnte, war sie im benachbarten Polen bereits zu hoher Blüte gelangt. Bevor der deutsche Ritterorden nach Preußen kam, wurde die Jagd vorwiegend mit Habicht und Sperber betrieben, während der seltenere Wanderfalke nicht immer leicht zu beschaffen war. Seit dem 14. Jahrhundert besaß Preußen in der Beschaffung dieses Bogels einen bedeutenden Aus, bis es schließlich von Holland abgelöst ivurde, dessen beste und zuletzt einzigste Falkenschule im Dorfe Falkenwerth in Flandern noch Jahrhunderte lang bestand. Nach dem Wanderfalken wird im Treßlerbuch von Marienburg, daS aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammt, am häufigsten der „muserhabich" genannt; die Bezeichnung Mäusehabicht hängt nicht mit Maus, sondern mit Mauser zusammen; jedesmal wurde das Gefieder schöner, und mit der Zahl der Lebensjahre wuchs der Wert des Vogels. Als man später im Ordensland mit großem Eifer Falkenfang und Falkendressur betrieb, lernte man alle Beizvögel, welche fortgesetzt begehrt lvurden, mit bestimmten Namen benennen, während alle minderwertigen oder gar wertlosen Raubvögel mit dem Kollektivnamen Blaufuß bezeichnet wurden, der ursprünglich dem Edelfalken aus dem Südosten Europas zukommt, da im ersten Jahr seine Wachshaut, seine Fänge und sein Oberschnabel rein blau sind. Die vom Hochmeister ausgesandten Falkner scheinen ihr Hand- werk besonders auf der Kurischen Nehrung betrieben zu haben, doch war auch die Falkenstätte auf der Frischen Nehrung recht ergiebig. Auch der Falkenfang in Kurland gehörte in späterer Zeit dem Herzog von Preußen; desgleichen war auf Gotland, das der preußische Orden eine Zeitlang besaß, ein ziemlich reichlicher Fang. Die Zahl der erbeuteten Vögel schwankte naturgemäß. So erfahren wir aus dem Jahre 1400, daß 75 Falken geliefert wurden, während vier Jahre darauf die Ziffer nur 20 erreichte, wohlverstanden, nur von der .Kurischen Nehrung. Die größte Sendung über Königsberg betrug 78 Stück. Aber auch als Geschenke liefen Falken ein. Trotz mannig- facher Irrtümer und selbst sicherer Ungcnauigkeiten glaubt Dahms nachrechnen zu können, daß von 1399 bis 1409 mindestens 1555 Falken nach Marienburg kamen, von wo alle nordischen Höfe mit Beizvögeln versehen wurden. 1390 entstand daselbst die erste Falkcnschule, der sich bald andre in Preußen anreihten. Die größte Zahl der versandten Falken betrug 135 im Jahre, sie sank bis auf 40, durchschnittlich wurden 97 erreicht. Das Jagdvergnügen war außer dem Hochmeister nur den obersten Gebietern und Komturen erlaubt. nur zuweilen wurde sie einzelnen Konventsbrüdern erlaubt oder jungen Ritterbrüdern gestattet, bei letzteren war diese Jagd wohl auch mehr den praktischen Bedürfnissen der Küche gewidmet, um Geflügel zum Mahl zu erhalten. Wenn auch die Erfindung deS Schießpulvers die Jagd mit dem Beizvogel nicht sonderlich be» einflußte, so machte der dreißigjährige Krieg ihr vielfach den Garaus.—(„GlÄbus".); Gesundheitspflege. ss. Ist Kakao nahrhaft? Der Kakao erfreut sich einer Bevorzugung nicht nur, weil er weniger bedenkliche Stoffe enthält als der den nervösen Leuten nicht zuträgliche Skiffee und Thee. sondern auch weil er im Ruf eines bedeutenden Nährwertes steht. Ein Mitarbeiter der„Blätter für Volksgesundheitspflege" macht nun darauf aufmerksam, daß der Kakao in letzterer Hinsicht ge- wöhnlich überschätzt wird. Allerdings hat der Kakao im Vergleich zum Kaffee und Thee auch in dieser Hinsicht einen Vorzug, weil er mehr Eiweiß und Fette enthält. Nun wird aber das Fett der Kakao- bohne größtenteils bei der Verarbeitung in den Fabriken entfernt. ehe das Pulver in den Handel kommt. Für den Gebrauch gilt sogar der Kakao als der beste, der am gründlichsten entölt ist. Wenn man sich weiterhin einen Begriff von den Nährstoffen machen will, die man mit einer Tasse Kakao, wenn sie nur mit Wasser gekocht ist, zu sich nimmt, muß mm, in Rechnung ziehen, wie viel oder vielmehr wie wenig von dem Kakaopulver dabei verwandt wird. Drei gehäufte Theelöffel auf 100 Gramm Wasser werden die meisten Hausfrauen schon als Verschwendung betrachten, und doch stellen sie höchstens 20 Gramm Kakao dar. Nun besteht der Kakao etwa zu V. aus Fetten und zu etwa V, aus Eiweiß, so daß man sich mit der einen Tasse jenes übermäßig starken Kakaos nur etwa 0 Gramm Fett und 3 Gramm Eiweiß einverleibt. Das ist immer noch besser als gar nichts, aber man sollte doch wenigstens wissen, daß der Genuß von Kakao in der gewöhnlichen Zubereitung dem Menschen keine Nähr- stoffe zuführt, die etwa andre Nahrungsmittel entbehrlich machen könnten. Daher sollte der Kakao namentlich für Kinder stets mit Milch zubereitet werden, wodurch das Getränk selbstverständlich weit nahrhafter wird, und außerdem noch mit einem reichlichen Zusatz von Zucker. Unter diesen Bedingungen ist am Kakao nur noch der Umstand auszusetzen, daß er stark sättigt und die Eßlust für andre Speisen von größerem Wert beeinträchtigt. Dasselbe gilt begreif- licherweise von der Chokolade. Daraus ergiebt sich, daß niemand, der irgend einen Widerwillen dagegen hat, zum Genuß von Kakao gezwungen werden noch sich selbst zwingen sollte. Schließlich ist eine Tasse von nicht zu starkem Thee und dazu 1— 2 Eier sowohl an Nährwert wie an Verdaulichkeit ein weit besseres Frühstück, denn mit einem Ei wird dem Körper doppelt so viel Eiweiß und fast dreifach so viel Fett gegeben wie mit einer Tasse Kakao. Ihren besonderen Wert wird die Chokolade immer für Jäger und Touristen behalten, denen sie«ine vorzügliche Erquickung und die Möglichkeit giebt, ihren Hunger zu betäuben, ohne deshalb ihr Gepäck erheblich zu beschweren. Im Haushalt aber sollte man Kakao und Chokolade zur Bestreitung des Frühstücks nicht so ohne weiteres bevorzugen und gänzlich ver- meiden, wenn man zu Verdauungsbeschwerden neigt.— Humoristisches. — Seidig.„Warum g'rad' der Strohkopfbauer die größt'n Erdäpfel hat I S o d u m m wia d e r— bin i' aa' l"— — Schrecklich.„... Sage mir nur, warum macht denn Deine Frau seit einigen Tagen gar so ein grantiges Gesicht?" „Ach, die ärgert sich schrecklich... denn sie weiß eine Menge Neuigkeiten— und ist total h e i s e r I"— — Tief gesunken.«Wie der Mensch nur so'runter- kommen kann! Der Huber Maxl war früher Bierführer und jetzt fahrt er's Wasserfatz von der Straßenreinigungs- g'sellschaft I"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Paul Lindau ist von der Leitung der von ihm vor 25 Jahren begründeten Monatsschrift„Nord und Süd' zurück- getreten.— — Im Dresdener Schauspielhause wurden die drei Einakter„Das Vaterunser" von Fran?ois Coppü, „Lydia" von Franz Gensichen und„Die Banausen- s ch l a ch t" von L e o L e n z bei ihrer Erstaufführung mit großem Beifall aufgenommen.— — Albert Geigers Drama„M a j a" ist vom Karls- ruher Hof-Theater zur Aufführung angenommen worden. «.Ein altägyptischeS Hans wurst- Theater, das von dein Archäologen Cayet im Verlaufe seiner Ausgrabungen in Antin oö entdeckt worden ist, wird in Paris in einem Saal des Muses Guimet ausgestellt. Dieses kleine Theater war für die Er- ivachsencn bestimmt.— t. Für die Ursachen desRegens hat Rüssel der Londoner Meteorologischen Gesellschaft unlängst vier Erklärungen gegeben: Als erste nimmt Rüssel das Aussteigen feuchter Luft an den Abhängen von Gebirgen; als zweite daS ziemlich plötzliche Eindringen einer Luftmasse in eine andre, die aus einer entgegengesetzten Richtung kommt und über oder unter der Gegenströmung weiter fließt; als dritte das Aufsteigen mehr oder Iveniger feuchter Lust bis zu einer Höhe, in der die Verdichtung des Wasserdampfs platzgreist, wobei oft die Wärmestrahlung gegen den Weltraum hin und auch elektrische Ladungen mitwirken; als vierte die Vermischung von Luftströmen verschiedener Richtungen.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SW,