Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 120. Dienstag, den 21. Juni. 1904 (Nachdruck verbale».) is] Im Vatcrbaulc» Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Als ihr Mann sich entfernt hatte, sehte sich Frau Schön- brunncr zu ihrer Tochter, die ein neues Taillenband zurecht- legte, um mit ihr zu beraten. „Wenn es neue Ballonärmel kriegt, wird inein schwarzes .Atlaskleid wieder wunderbar ausschauen, meinst Du nicht auch?" Tini zuckte die Achseln:„Neue Aermel in einem alten Kleid—" „Was, altes Kleid, einen solchen Atlas findest Du heute nicht mehr er ist immer noch schön— der hat sich ausgezahlt, wenn ich denk'— Ich bin nur froh, daß ich mir damals den Rock nicht Hab' in Zwickl schneiden lassen,— seht war' er der- Pfuscht— aber wie man jetzt die neuen Glockenröck' trägt, ist Ballonärmel brauckjen werde? Bei Piiieles Hab' ich einen sehr schönen Atlas zu neunzig Kreuzer im Fenster g'sehen—" So schwätzte sie fort, ohne daß Tini von ihrer Arbeit aufsah. „Mir scheint, Tini, Du ärgerst Dich, weil er mich mit- nimmt und nicht Dich," sagte die Mutter, und konnte ein triumphierendes Lächeln nicht ganz verbergen.„Aber warum hast Du ihn nicht gebeten, ich Hab' ihm's ang'sehen, er hat nur drauf g'wart', und ich wett', wenn's D' ihm a bisserl schön ichiit.Jo—" Tini hatte ein kurzes Auflachen. „Glaub'st mir liegt so viel dran, mit Euch zu gehen?" „I glaub' schon, aber Tu brauchst Dich ivegen der feinen G'sellschaft nicht zu genieren. Du hast ein schönes Benehmen, der Vater hat Dir was lernen lassen—" „Ja. der hat mir was lernen lassen, nicht zehn Kreuzer im Tag könnt' ich mir damit verdienen," rief auffahrend das junge Mädchen. „Davon ist doch nit die Red', Du hast's auch nit nötig, Gott sei Dank." „Nicht nötig, so? Wenn ich mich will von ihm Hunzen lassen und in Perkalkleideln'runilaufcn, dann Hab' ich's nicht nötig. aber da dank' ich dafür." „Na. na, Du wirst nicht immer zu Haus bleiben. Du wirst Dich verheiraten und dann Deine eigne Frau sein." Tini sah die Mutter mit einem übermütigen und dabei doch mitleidigen Blick an. „So wie Du Deine eigne Frau bist, gelt? Nein, ich bin nicht so wie Du, ich will nicht wie eine Magd im Hause ge- halten sein, und schlimmer. als eine solche. Ich will auch nicht den Mann nehmen, den er mir aussucht, und ich glaube, er hat schon einen für mich. Neil?,»ein. nix da, ich will lieber dran gehen, für meine Bedürfnisse selbst zu sorgen, ich will— aber wozu red' ich da'rum— Sie begann ihr Sachen zusammenzuraffen und trillert dabei den Luegermarsch. Dann sagte sie kurz angebundeil zu ihrer Mutter:„Ich geh' heut fort, aber sag' nichts dem Vater— ich will— ich muß mich— wegen was erkundigen." Probeweise schlang sie den Gürtel um ihre Taille und lief in die gute Shibe, um sich vor dem Spiegel zu betrachten. „Das Mädel ist oft wie ein Narr," brummte die Mutter, „man kann sich gar nicht mehr auf sie verlassen." Der Vorzug, den ihr der Gatte vor der Tochter ein- geräumt, hatte indes ihr Selbstgefühl in so wunderbarer Weise gehoben, daß sie sofort daran ging, ihre Toilette zusammen- zustellen. Sie nahm ihr Atlaskleid aus den weißen Hüllen, breitete es über dem Bett aus und legte einen Fächer darauf:— wenn der Schmuck noch dazu kam—„Wie bei Hof," dachte sie. Aus dem Nebenzimmer ließ sich das filavnern der Nähmaschine vernehmen. Sie horchte und ihre Züge nahmen einen befriedigten Ausdruck an: einen Allgenblick war sie vor Störung sicher. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen: rasch öffnete sie die Kommode, zog aus der hintersten Ecke eine Schatulle hervor, die sie mit einem Schlüssel, den sie besonders verwahrte, aufsperrte, und entnahm ihr, nachdem sie vorher noch einmal hingehorcht, ein Etui. Im nächsten Augenblick letzten sich ihre Augen an dem Armband aus rotem Golde mit einer Rosette von Türkisen und Perlen, das da auf weißem Atlas gebettet lag. Mit den braunen, abgearbeiteten Händen hielt sie das Armband empor und ließ es im Lichte funkeln. Prachtvoll! In zitternder Eile legte sie's um ihr Handgelenk und' drückte das Schloß zusammen: es schnappte. Dann streckte sie den Arm weit von sich und drehte ihn hin und her: Wie nobel! lieber das vulgäre Gesicht huschte ein Strahl verschönernden Glückes. Mit diesem Schmuck konnte sie auch neben einem Prinzen sich sehen lassen. Zur Siegesfeier wollte sie's anlegen, zum erstenmal. Wenn nicht bei dieser Gelegenheit, wann denn sonst? Seit- Jahren besaß sie den Schatz und niemand wußte darum. Nur heimlich durfte sie sich an diesem Besitz erlaben, da sie ihn offen nicht zu zeigen gewagt. Wie konnte sie auch!— Ihr Mann war so mißtrauisch... Wird er nicht fragen: Woher?—- Wie kommst Du dazu?— Vom Körbelgeld, das Du Dir inachst, nichr wahr? Gott war ihr Zeuge, sie hatte sich's ehrlich und mühsam zusammengespart, durch kleine Schmutzereien und kleinlüfyen Schacher im Haushall. Nie hatte sie ein Trinkgeld gegeben, nie, und sie hatte Hasenfelle. Knochen und Glasscherben gesammelt und dem Juden verkauft, nebst den alten Hüten ihres Mannes, die so fett und verdrückt waren, daß sie selbst der Jud' nicht nehmen wollte: aber dafür hatte sie ihm die Kundschaft der Frau Finanzrätin zugeschanzt, bei der sie als Schätzmeisterm fungierte: bei der konnte er dann seinen Rebbach inachen. Kurz, sie hatte ihres Amtes stets als gute, christliche Hausfrau ge- waltet und ihr Mann konnte sich nicht betlagen. Nur in eiuem Punkte hatte sie ihm gegenüber ein schleckstes Gewissen. Sie hatte dem Juden auch den Kragen und den großen Nerznmff der seligen Schwiegermutter verkauft, auf den ihr Mann so stolz war, auf den er bei jeder Gelegenheit hingewiesen, um ihr zu beweisen, wie wohlhabend seine Eltern gewesen, und in was für eine feine Familie sie hineingeheiratet hatte. Das Pelzwerk war ihr daher in der Seele verhaßt und sie hatte es nie getragen. Nach und nach hatte er es vergessen: aber wenn er Verdacht schöpfte— und sie fragte: Was hast Du mit der Pelzgarnitur meiner Mutter gemacht?! Sie schauderte... Dann sah sie wieder auf ihr Armband und seine gleißende Pracht. Jetzt fuhr sie zusammen. Tini hatte zu nähen aufgehört, jetzt kam sie gewiß heraus. Richtig, sie hörte schon ihre Schritte. Rasch warf sie das Ehii in die Schublade und zog den Aermel über die Hand herab, um ihren Schmuck zu verbergen.- Tini erschien auf der Schwelle, bereits zum Ausgehe� angezogen. Sie trug ihre Bluse mit Vallonarmeln, Mit dem neuen Gürtelband um die schlanke Taille, und ein rundes Hütchen, das bereits frühlingshatt mit auf langen Stielen nickeiwen Rosen garniert war. Sie sah hübsch, frisch und so unternehmend aus, wie nur je. „Was versteckst Du denn da vor mir?" fragte sie munter. Als sie das erschrockene und errötende Gesicht ihrer Mutter sah, mußte sie lachen. „Ich kann mir's schon denken,— ich wollte Dich eben darum bitten. Du sollst es mir borgen." „Was denn?— Ich versteh' Dich nicht—" stammelte die Mutter. Tin: sprang zur Kommode, öffnete sie und zog aus der Lade das leere Etui. „Wo ist das Bracelett?" „Ein Bracelett?" Sie hatte die Schürze heraufgenommen und um den Arm gewickelt, ihn krampfhaft verhüllend. Tini lachte noch stärker. „Das nutzt Dir nichts, glaubst Du, ich bin so dumm, o je, wie lang' bin ich Dir schon dahinter gekommen— aber Hab' keine Angst, ich verrat's nicht... verrar' Dich nur selber nicht— Du wirst's doch nicht nehmen, wenn Du mit ihin?— na, ich wüßt' nicht, was er Dir dafür anthät', daß Du den schönen Pelz der Großmutter verkauft hast." ,M waren schon Schaben hineingekommen.'' stammelte hie Muller. „Deine Schuld, weil Du nicht darauf acht gegeben hast— Laß Du ihn aber noch dazu einem Juden verkauft hast—" „Ich bitt' Dich, sag's ihm nicht.. „Nein, er braucht's nicht zu wissen-- aber mir borgst Du das Armband— ich geh' heut' wohin, wo ich fein ausschau'n will, man soll wissen, daß ich aus einem guten Haus bin, das ist mir wichtig*.. also mach' keine G'schichten, Mutti, und gieb's her." Lachend zog sie ihr die Schürze herunter, nahm der vor Uufregung schier Gelähmten das Armband von dem knochigen Handgelenk und legte es um ihren runden, weißen, jugend- lichen Arm.<£% war das Werk eines Augenblicks. „Gut steht's, was?— Viel besser als Dir, Mutti, das kannst Du mir glauben. Adieu! Hab' keine Angst, ich verlier' Dir's nicht, bin vor dem Vater wieder zu Haus'." Sie winkte der Hilflosen, deren Augen sich mit Thränen füllten, verheißend zu und hüpfte zur Thür hinaus. Frau Resel zündete schon„die Gas" an, als Tini von ihrem Besuch zurückkam. Sie war sehr aufgeregt, ihre Wangen brannten, ihre Augen leuchteten, neugeweckte Hoffnungen, ein gesteigertes Lebensgesühl sprachen aus ihrer Haltung und ihren Mienen. Auf dem Gange kam ihr Luise entgegen. Einen Augenblick war es, als wolle sie auf sie losstürzen, es wäre ihr ein Triumph gewesen, ihr zuzurufen: Ich war bei ihm— ich habe Talent— er hat's gesagt— er wird mich umsonst unterrichten— ich geh' zum Theater! Die Augen, die Luise gemacht hätte! Das zu sehen!— Aber sie bezwang sich, niemand sollte davon erfahren, vorderhand niemand—■. später werden es alle wissen, wenn sie in die Oefsentlichkeit tritt, wenn sie berühmt wird. Sie drückte die Lippen fest aufeinander, dann, Luisens Neugier zuvorkonunend, rief sie ihr zu:„Ich war bei meiner Pathin, ich mußte Kaffee trinken, d'rum bin ich so erhitzt— mein Gott, ich glühe!" 10. Kapitel. ' Das in Oestreich beliebte System des Sichfortwurstelns wurde auch von den Wittes mit anerkennenswerter Geschicklich- keit befolgt. Aber je mehr Witte sich mühte, seiner Finanznot abzuhelfen, er kam immer tiefer hinein. Er war tüchtig in seinem Fache, wenn er auch nichts Besonderes leistete, was nicht Hunderte ebenfalls zuwege gebracht, aber seine Muster waren beliebt und er durfte mit Recht behaupten, daß die Firma, die klein angefangen, zum guten Teil ihm ihren Aufschwung verdankte. Der verstorbene Chef hatte dies stets willig anerkannt, wenn auch mehr mit Worten als mit Thaten, denn die Ge- haltsaufbesserringen, welche er ihm gewährte, hielten der zu- nehmenden Teuerung eben nur die Wage. Sein Sohn und Nachfolger zeigte ein schlechteres Gedächtnis für die Verdienste feines Modellzeichners. Gleichwohl hielt Witte den Zeitpunkt gekommen, um eine bedeutende Erhöhung seines Gehaltes einzukommen. Der Chef wies ihn nicht ab, aber er suchte unter allerlei Vorwänden, den Bescheid hinauszuschieben. Er war eben ein Neuling im Geschäft und, was Wille noch schlimmer dünkte, ein Neuerer. Er huldigte jenen, wie Wille sich ausdrückte, verrückten Auffassungen und Ideen, welche damals in Wien in der Kunst und, von ihr inspiriert, auch im Kunstgewerbe hervortraten. Das Publikum verhielt sich spröde dagegen, es lachte und spottete über die„Secession", wie diese Richtung in Wien benannt wurde und wollte davon nichts wissen. Trotzdem griff sie um sich, wie ein Uebel. Von den Architekten begünstigt und geführt, begann das Kunstgewerbe, namentlich in der Ausstattung der Jnnenräume, stark secessionistisch zu arbeiten. Tie Umwälzung war da, ihre Ursachen waren nur Wenigen klar geworden. Es war die vervollkommnete Technik, die neu konstruierten Maschinen, die auch hier, wie aus andern Gebieten, revolutionierend wirkten. Man sparte dadurch an Arbeitskräften, man konnte minder- welliges Material verarbeiten, durch neu angewandte Methoden den Stoffen Feuer, Glanz und Glätte geben, durch Einfachheit in der Zeichnung rascher vorwärts kommen. Man konnte billiger produzieren, billiger vellaufen. „Billig, billig, billig! Massenproduktion für die Massen!" war die Parole. War es bisher der Adel, die Plutokratie, welche das Kunstgewerbe, allerdings spärlich, in Nahrung setzten, so war jetzt das Bedürfnis nach geschmackvoller Ausschmückung feines Heims in breitere Schichten gedrungen und konnte bei der Billigkeit der Produkte auch befriedigt werden. Was früher in einigen Exemplaren hergestellt wurde, fabrizierte man jetzt zu taufenden, und siehe, der früher so exklusive Adel und die oberen Zehntausend kauften mit Vorliebe diese billige Ware, weil sie billig war, weil sie Mode war. Mit der Demo- kratisierung der Gesellschaft ging die Demokratisierung der Kunst Hand in Hand. (Fortsetzung solgt-Zi Huö dem Musikleben. Wer im Chore mitzusingen pflegt, der wird sich dielleicht schon manchmal gewundert haben, daß da meistens nur eine einzige von den vier zusannnenklingenden Stimmen(oder wie viel es eben sind) etwas selbständiges in einer gut zusammenhängenden Tonfolge, eine sogenannte Melodie, zu singen hat. Die übrigen Stimmen find gegenüber dieser einen(nieist der obersten) Stinime unselbständig, lediglich Begleitung: noch dazu eine, die in recht wenig sinnvollen Toufolgen einherznschreiten hat. Seltener bekommen alle Stimmen ihren Anteil an der Führung des Ganzen: und wenn, dann scheint trotzdem das Ausschreiten der meisten Stinunen mehr im Dienste des augenblicklichen ZusammenllingcnS zu stehen, sogar mit starken Zumutungen an sprunghaste Schritte, als eine der- nünftige Gangart der einzelnen Stiinmen darzustellen. Ob es damit stüher nicht besser war als jetzt? Ob nicht ältere kirchliche Gesänge Stimme für Stimme gesanglicher waren als neuere weltliche? Ob nicht manches Ueberwiebene'der musikalischen Moderne gerade darauf zurückgeht? Und ob nicht bei der Unterweisung im musikalischen Bilden der entscheidende Fehler begangen wird, zu sehr nur das Zusammenklingen und zu wenig das Nacheinanderklingen von Tönen zu lehren? Mit dieser Skizze eines Zweifels, der sich in manchem Sänger regen mag, haben wir versucht, ohne Appell an besondere theoretische Keimtnisse eine theoretische Richtung verständlich zu machen, die vor einiger Zeit häufiger vertreten war und die jetzt wieder in einem Vortrag eifrig verfochten worden ist. den am 14. d. M. Herr Otto Fiebach vor einem geladenen Kreise gehalten hat. Es kann hier nicht unsreS Amtes sein, die Begeisterung des Vorwagenden für den„reinen, ab- soluten Contrapunkt" und seine Bekämpfung der„Harmonielehre" als der bloß„accordischen" Stimmführung, des„Krebsschadens der modernen Komposition", auseinanderzusetzen und auf seine ein- leitenden Erörterungen einzugehen, die das Wesen der Musik in teil- weise zuweffender Weise als StimmNngsausdruck darzulegen suchten. Ins Unrecht setzt ihn die thatsächliche Entwicklung der Musik seit der Neuzeit(speciell seit Rameau im 18. Jahrhundert) jedenfalls. Zurück geht es nun einmal nicht. Allein Einseitigkeiten zu ergänzen und Auswege aus unsrem eng beschränkten Tonsysstni, das dem Reichtum vergangener und auch stcmder gegenwärtiger Musik nicht gerecht wird, zu finden: dazu dienen solche Ueberweibunaen einer konservativen Kritik ganz gut. Aeltere Mnsiksteunde denken dabei wohl noch an Männer in Berlin wie E. Grell und H. Bellermann zurück. Und darin unser musikalisches Bewußtsein aufzurütteln ist wertvoller, als unsren Männergesang mit einer Ausspielung des angeblich Natürlichen gegen vermeinlliche Künstlichleit zu krittfiercn.„Weder Silcher noch Hegar, sondern reiner Satz l"— Dieses Wort O. Fiebachs ist eine Ver- lemumg geschichtlicher Thatsachen, doch aber tausendmal vernünftiger und fruchtbarer als das„Silcher gegen Hegar." Und ebenso hat man von einem so tief gehenden Standpunkt aus mehr Recht, gegen das Unzulängliche der gegenwärttgen Operettenkomposition aufzuweten, wie es auch jener Vorwagende that, als wenn man es etwa vom Standpunkt des Verlangens nach mehr„Melodie" oder gar von dem einer sittlichen Entrüstung über eine„frivole" Musik aus thut(eine solche giebt es in diesem Sinne überhaupt nicht). Fortwährend wird geklagt, daß in der modernen Kunst und auch anderswo so viel Sweben nach absonderlicher Originalität tobe. Unsre Operettenkomponisten und ihre Textmacher beladen sich mit einem solchen Ehrgeiz nun einmal gar nicht. Sie sind das Gegenteil vieler ihrer Sujets und Helden und könnten etwas von der Unsinnsphantasttk dieser ganz gut brauchen. Während O. Fiebach ungefähr so denkt, daß die durch unsre jüngeren musikalischen Meister verschüttete alte Welt der reinen Sttmmführung noch lebe und ausgegraben werden müsse, haben zwei Olmützer Gymnasialprofefloren, Bruno und Roderich Benarius, die Idee, daß in Poinpeji unter dem Lavaschutt noch wirkliche Men- schen leben, und wollen sie durch ein vom ersteren erfundenes Sprengmittel ausgraben. Knapp vor der Abreise hat aber der ge- swenge Roderich Konflikte mit seiner Gymnafialjugend und schläft durch eine ihm heimttickisch dedicierte, mit einem Schlafmittel ver- setzte Cigarre ein. Im Traum sieht er sich mit(Onkel Bruno in Poinpeji. wie sie die Sprengung vornehmen, und erblickt nun wirk» liches pompejanischcs Menschenleben, wobei allerdings Onkel, Kusine, Kollegen usw. ebenfalls pompejanische Menschengestalten angenommen haben. Mit seinem Chlinder und seinem böhmischen Deutsch erweckt er unbändige Heilertelt, zumal bei der schönen Jone, besteht aber einen Tierkampf so glänzend, daß er Jone heiratet und sie samt ihrer blinden Sklavin Nydia heim nach Olmütz nimmt. Aber dort beträgt sie sich höchst ungeberdig, zieht sich sogar aus, um wieder in ihrem griechischen Gewände dazustehen, läuft damit auf die Straße usw., bis ihr Mann seine Stellung verliert. Nydia, mit den Zügen seiner Cousine, bringt ihm etwas Trost über verlorenes Glück. Wir sehen ihn kummervoll dasitzen, in derselben Stellung, in der er eingeschlafen war, bis ihn seine wirkliche Cousine weckt, da es höchste Eisenbahn nach Pompeji sei. Fortsetzung des Kusses im Traum, Stirnreiben, und selbstverständliches Daheimbleiben in Olmütz. Das ist„Der Herr Profess o'r", die Operette, die am neu- lichen Sonnabend im Gastspiel des Central-Theaters bei Kroll vorgeführt wurde, nachdem das Stück Ende des borigen Jahres den Wienem die Erstlingsfreude bereitet hat. Victor L ö o n gab hier einen Text, dem selbst der grimmigste, einen Löwen auf„Löwenbrei" zusammenschlagende, Tierbändiger nicht den leisesten Vorwurf poetischer Streberei machen wird. Man unterhält sich bei dieser geschickten Posse wirklich gut und darf sich entschieden dagegen verwahren, daß ihr im Verhältnis zu andern Operetten- und Operntexten ein Mehr an Blödsinnigkeit vorgeworfen werde. Und den Komponisten darf kein Tadel der Extravaganz treffen. Auch geht es schwerlich auf sein persönliches Unglück der Blindheit zurück, daß er in breiten Sentimentalitäten schwimmt. Das ist vielmehr nun schon einmal Sitte(und Sittlichkeit) in Operette und Tingeltangel. Nur schade, daß die Sklaverei der Sitte auch diesen Komponisten trifft. Herr Bälg von Ujj kann besseres. Ensemblegesänge lvie das Quintett zu Anfang, und Sttmmungsmalereien wie die verschiedentlichen Schlaffcenen und der- gleichen macht er sehr gut. Gelegenheiten ettva zu exotischen Originalitäten(wie z. B. bei dein Chor zu Anfang des zweiten Aktes) läßt er unbenutzt, und Humor oder Charatterkomik sind nicht seine Sache; Lachausbrüche gelingen ihm schon besser. Stets machen wir wieder die Erfahrung, daß Operetteiikomponisten, die etwas Tüchtiges können, im Verlauf des Stückes immer mehr nachlassen. Es ist eben die Sklaverei des Librettos und des Publikums- geschmackes, unter dem sie stehen. Von der mteressanten Ouvertüre an rutscht auch dieser Komponist allmählich ins Nichts hinunter. Eine Erquickung ist es, im Vergleich damit zurückzugreifen— soweit ein Vergleich paßt— aus G. Jarnos„Volkstümliche komische Oper":„Der zerbrochene Krug," über die wir vor einiger Zeit berichtet haben, und deren Klavierauszug uns nachttäglich zu- gegangen ist. Auch da kein Ehrgeiz, eigene Wege zu wandeln, viel- mehr sogar ein künstliches Suchen geläufiger Wege. Aber welcher charakterisierende Humor, welche Frische in den Weisen, ohne das landesübliche Larmoyante I Derlei könnten wir in größerer Menge brauchen, und es liegt nicht an der Differenz zwischen Operette und komischer Oper, wenn man uns einer Utopie beschuldigte. Die Aufführung des„Professors" war unter Kapellmeister Arthur Peisker im Ganzen gut gelungen. Wenn aber der Vertreter der Haupttolle, Hans G o I w i g als Roderich, nun schon einmal wenig Stinime hat, so könnte er doch mindestens feme schauspielerische Leistung aus der humorlosen Starre erlösen, mit der er sie gab. Eine Rolle, die so viel Gelegenheit zu wechselnder Mimik und zu schlagenden Konttasten darbietet wie diese, kommt nicht bald wieder. Die Sängerinnen Mia Werber und Josep.hine Vettori trugen zu dem erfolgreichen Eindruck des Stückes viel von ihren bekannten Vorzügen bei. Herr Oskar Braun ist wohl der an Gesangskunst reichste unter allen Mit- gliedern jener Operettenttuppe, soll aber dringend gemahnt sein, mit diesem Reichtum bester umzugehen und sich mcht zu über- schlagen. Wir ttäumen viel von besterer Kunst und müsten einstweilen doch froh sein, mit etwas Olmütz oder Berlin vorlieb zu nehmen. Wollen wir mehr, so lacht uns das Publikum aus— der Künstler schwerlich.— sz. Kleines feuilleton. ow. Stare im Kirschbaum. Im Garten dicht an der Straße steht ein großer Kirschbaum, darin hängt ein fürchterliches Gespenst. Wie ein heruntergekommener Mensch, ein Landstreicher, ein Mörder oder ein Gemordeter sieht es aus, entsetzlich! Die Kinder gehen scheu vorüber, obwohl die langen Aeste mit den glänzend roten Früchten so weit herüberhängen über die Straße und gar nicht zu hoch! Das Gespenst verdirbt ihnen den Appetit. Die Stare hocken mißvergnügt im Hollundergebüsch hinter der Scheune und gucken lüstern und angstvoll zugleich nach dem Kirschbaum. Meister Gutke aber reibt sich vergnügt die Hände.„Das haben wir brav ge- macht!" denkt er.„Diesmal soll mir keiner eine Kirsche klauen!" Wie der Wind leise ging, wackelte der alte, eingedrückte Chlinderhut auf dem Kopfe des Gespenstes, es wackelten die dürren, hölzernen Arme und die Rockfittiche. Unsagbarer Schauder ging durch die kleinen, schmachtenden Herzen der Kinder und der Stare. Und die letzteren riefen unmutig ihr Stähär— Stähär, und dann flogen sie, plötzlich von Angst gepackt, hinweg und suchten nach alten, haarigen Raupen und harten, bitteren Käfern, ohne die süßen Kirschen ganz zu vergesten. Am andren Tage aber setzten sie sich wieder auf die Hollunderbüsche und riefen wieder ihr Stähär— Stähär. Und ein junger Star flatterte unruhig umher und brachte dann aus seiner Kehle ein Geräusch hervor, wie wenn Meister Gutke Holz sagte. Alles ivbelte vor Vergnügen. Der junge Star, darvS geschmeichelt, miaute nun wie eine Katze, machte dann das Knarren der Gartenthür nach und schließlich wackelte er umher wie daS Gespenst auf dem Kirschbaum. Darob erntete er einen schmetternden Beifall. Und nun war er ganz übermütig geworden und meinte: Und wenn mich der Galgenkerl auf dem Kirschbaum cmspeit, ich furchte mich nicht. Und damit that er. als flöge er direkt auf den Baum zu. er kehrte aber sofort wieder um. Gar so schlimm kam ihnen das Gespenst aber nicht mehr vor wie gestern. Erstens gewöhnten sie sich an den Anblick und dann sahen sie, wie der Kerl entweder immer still>dastand, als wollte er und könnte nicht, oder aber im Winde baumelte er immer wieder auf dieselbe Weise und nach derselben Richtung ohne Abwechselung, Die alten Stare aber rieten zur Vorsicht. Man hatte schon Wunder- dinge erlebt, wie solche Gespenster tagelang unbeweglich geblieben waren, und plötzlich, wenn man sich ihnen genähert, waren sie lebendig geworden und hatten die Hände ausgestreckt oder es war gar ein Schuß gefallen und viele arme Stare hatten ihr Leben dabei eingebüßt. Der junge Star aber hielt sich mehr an seine Alters- genossen und suchte sie zu verleiten, mit ihm wenigstens auf den nächsten Baum neben dem Kirschbaum zu fliegen. Es gelang ihm mich, seinen Plan durchzusetzen und, hast du nicht gesehen! flog er mit fünf, sechs Vögeln hinüber in den alten Apfelbaum. Die Zurückgebliebenen ergriff bleiche Angst und sie glaubten, daß nun etwas llnerhörtes geschehen werde. Es geschah aber nichts, solange sie auch warteten. Und schließlich faßten sie sich ein Herz und flogen ebenfalls hinüber auf den Apfelbaum. Darob schwoll denen, die zuerst dahin geflogen waren, vollends der Kamm und nun fielen sie plötzlich, von Mut und Lüsternheit übermannt, in die Kirschen ein— etwas abseits vom Gespenst. Ei,'wie sie schmeckten l Stähär! Stähär! Das war ein Genuß! Das konnten die andern nicht mit ansehen, und so fielen auch sie in den Kirschbaum ein. Und der wurde nun weidlich geplündert, denn es mochten wohl dreißig bis vierzig Stare sein. Die haben bald ein Schock Kirschen abgethan! Meister Gutke, der eben in stiller Zufriedenheit einen Stiefel besohlt und danach sich eine Cigarre angesteckt hatte, gewahrte Plötz- lich, als er durchs Fenster sah, die Bescherung. Die Cigarre fiel ihm aus dem Munde vor Schreck und Acrger. In Heller Wut riß er sein Desching von der Wand, das immer geladen war, schlich sich sachte nach der Gartenthür und puff! da fuhren die Schrotkörner in das Geäst. Die Stare flogen entsetzt davon, weit, weit, rings in die Nachbarschaft.„Zum Glück haben wir kein Starleben zu be- klagen," sagte der Aelteste von ihnen.„Ich hoffe aber, daß sich jeder dieses schlimme Erlebnis zur Warnung dienen lasse, damit nicht noch Aergeres sich ereigne." Man ließ es sich auch zur Warnung dienen. Den ganzen übrigen Tag und den nächsten Vormittag. Alsdann beschloß man unter Führung des jungen Stares, am Abend dem Kirschbaum wieder einen Besuch abzustatten, dabei aber genau acht zu geben, wenn jemand an der Gartenthür erschiene. Damit waren die andren einverstanden, das heißt, sie sagten bloß: Stähär! Stähär! Das be- deutet aber soviel wie: Jawohl, Du Kerl, wir sind dabei— aber feste!— en. Die Sprengwirkung eines Blitzes ist kürzlich unter merk- würdigen Umständen beobachtet worden. Ein 1b Meter hoher Nadelbaum, eine Himalaha-Ceder, stand dicht neben einem Hause. Die Insassen des Hauses sahen dem eingetretenen Gewitter von einem Fenster aus zu, von dem jene Ceder nicht sichtbar war. da- gegen eine nur etwa 10 Meter weiter abstehende Araucaria. Plötz- lich zeigte sich auf letzterer eine eigentümliche Feuererscheinung, als ob ein Schwärmer durch die Zweige niederging und sie zu Boden drückte. Gleichzeitig erfolgte ein furchtbares Getöse wie von tausend Pistolenschüssen, das von einem Geräusch begleitet war, als ob die Zweige der Araucaria zusammenschlügen. Unmittelbar darauf stieg eine Dampfwolke aus dem Rasen empor, auf dem die beiden be- zeichneten Bäume standen. Die Untersuchung ergab, daß der Stamm der Ceder vollständig zerstört war. Die Spitze war etwa 1l> Meter über dem Erdboden abgebrochen und anscheinend gerade herunter- gefallen, da sie dicht neben dem Stamm fast senkrecht im Boden stak. Der Hauptteil des Baumes war ungefähr 1 Meter über dem Rasen in zwei Teile zersplittert, die nach rechts und links auseinander- gefallen und auch an sich noch zerborsten waren. Die Beobachter bemertten den eigentümlichen„Schwefelgeruch", der bei Blitzschlägen gewöhnlich auftritt, aber an keinem der Bäume waren Spuren von Verbrennungen zu entdecken. Der Vorgang kann sich nur so er- klären, daß sich der Saft in dem kräftigen Baum durch die Wirkung des Blitzes in Dampf verwandelte und den Stamm auseinander- sprengte. Immerhin bleibt das erwähnte Aufsteigen einer Wolke aus dem Rasenplatz merkwürdig. Man sollte nicht verabsäumen, bei Gewittern auf derartige Erscheinungen zu achten und sie an ge« eigneter Stelle mitzuteilen.— Medizinisches. — Wie lernen Blinde sehen? Der Augenarzt Schanz operierte, wie er in der„Münchencr medizinischen Wochenschrift" berichtet, einen sechsjährigen Knaben, dessen Sehvermögen von Geburt an infolge von Star herabgesetzt war auf Erkennen von hell und dunkel. Alle Gegenstände, die man dein Knaben in die Hand gab. betastete er nach allen Richttmgen und führte sie auch vor das Auge. Dabei stellte er sich immer gegen das Licht, legte den Gegenstand unmittelbar an die Augenhöhlenränder und zog ihn am Auge vorbei. Er prüfte so den Schatten, den die Lichtquelle von dem Gegen- stände in seinein Auge erzeugte. Gab man ihm z. B. eine gefaßte Linse, wie sie zum Augenspiegeln gebraucht wird, so sagte er. nachdem er sie auf diese Weise geprüft:.Das ist e Guckell" Er hatte erkannt, daß die Mitte durchsichtig war. Gab man ihm farbige Gläser, so hielt er sie in gleicher Weise ans Auge und rief: „Das ist e Glasel." Auf die Frage, wie es aussieht, sagte er:„Ja, das sieht aus!" Er merkte also, daß die Sachen farbig waren, aber über Unterschiede zwischen den Farben waren trotz vielen Fragens keine Auskünfte zu erlangen. Bei diesen, Patienten hat Schanz kurz hintereinander beide Augen operiert und an. Weih- nachtsabend gleichzeitig beide Auge» aufgebunden und mit Starglas versehen. Bei der ersten Sehprüfung nach der Operation erkannte der Patient mit dem Auge nicht seinen Ball, einen Topf erklärte er als Teller, sein Näpfchen auch als Teller. Mit den Augen, und auch erst, wenn er sich sehr genähert hat, wird nur der Löffel und ein Bauklötzchen erkannt. Das Holzpferdchen, das er früher heim Betasten als„Mähschafel" bezeichnete, erkennt er nicht mit dein Auge. Den Christbaum mit silbernen Äugeln an den Zweig- spitzen bezeichnet er richtig und versucht zu blasen, er hält die Kugeln augenscheinlich für Lichter. Wird ein großer Gummiball auf den Boden gelegt, findet er ihn. wenn er in die Richtung des Balles gestellt wird. Wird der Ball auf die Seite gelegt, so muß er lange suchen! versucht er ihn zu fassen, so sieht er nicht die Tischbeine, die Tischplatte, die ihm dabei in den Weg komme». Den rollenden Ball verfolgt er richtig. Ein Thaler wird mit dem Auge als Schlüssel erklärt, mit der Hand als„Pfengel". Gicbt man ihm ein Bilderbuch, in dem Spielsachen und sonst ihm bekannte ein- fache Gegenstände abgebildet sind, so erkennt er auch nach vielen Wochen nicht die einfachsten Sachen, nicht einmal das Bild des Balles, des Stuhles, der Lauche. Er sucht die Gegenstände zu betasten und bezeichnet alles als Blumen. Am interessantesten war die Prüfung am Spiegel. Er glaubt auf das„Gaffel" zu sehen.„Es sind Kinder draußen." Er betrachtet die Spiegelscheibe:„Kinder heben die Hand hoch." Auf die Frage, wer wohl das sei. der ihm alles nachmache, ob er es nicht selbst sei, betastete er auch zwei Monate nach der Operation noch sein Spiegel- bild und sagt:„Das ist e Mädel."„Mädel hat eine Brille auf." Drei' Monate nach der Operation hatte ihm die Schwester aus Papier einen Schützenhut gemacht und ließ ihn damit in einen Handspiegel sehen, sofort rief er seinen Namen und nickte seinem Spiegclbildc zu. Als ihm der Hut abgenoinmen und er wieder vor einen Wandspiegel gestellt wurde, erkannte er sich wieder nicht: erst einige Tage später erkannte er sich in, Wandspiegel, er nahm seinen Rockflügel' und winkte seinem Spiegelbilde zu. Drei Monate nach der Operation erkennt er mit den Auge» alle Gegenstände seiner Umgebung, im Bilderbuch aber noch keine Figur, die Farbenprüfung ergab noch ein recht niäßiges Resultat. Das Gesichtsfeld schien keine größeren Defekte aufzuweisen, Entfernungen wurden ganz leidlich geschätzt, er griff richtig, baute ganz hübsch mit dem Bau- kästen, sprang frei die Treppe hinab und nahm dabei absichtlich öfters mehrere Stufen gleichzeitig.— Völkerkunde. — Neber die Heiterkeit der W a n j a m w c s i in Deutsch- Ostafrika wird in der Aprilnunimer des„Afrikaboten" folgendes berichtet: Die Heiterkeit der Wanjamwefi ist sprichwörtlich. Nicht nur giebt es unter ihnen viele originelle Naturen, die durch ihren gesunden Witz eine ganze Gesellschaft zu unterhalten verstehen, sondern das ganze Volk zeigt in seinem Benehmen eine erstaunliche Fröhlichkeit, die sich bei jeder Gelegenheit in Musik und Tanz kund- giebt: zil Hause und bei beschwerlichen Karaivanenmärscheu, überall zeigt der Wanjaniivesi ein heiteres Wesen, das ihn nicht nur allenthalben empfiehlt, sondern ihm auch über die drückenden Sorgen des Alltagslebens leicht hinweghilft, ohne ihm gerade das Gepräge des Leichtsinns aufzudrücken. Wenn am Abend eines mühe- vollen Marschtages der Europäer erschöpft von den Anstrengungen und Strapaze» sich zur Ruhe niederlegt, dann denkt der Lastträger aus llnjamivesi»och lange nicht an die Nachtruhe. Derselbe heitere Sinn, den er tagsüber bekundete, iven» er unter den Glutstrahlen der afrikanischen Sonne eine Last von 30— 40 Kilogramm trug und trotz Hunger und Durst den beschwerlichen Marsch durch die heiße Steppe fortsetzte, dieselbe Fröhlichkeit, die ihn dann über alle Mühen hinweg- hob und sogar noch launige Sangesweiscn ihm entlockte, verläßt ihn auch am späten Abend im einsamen Lager der Wildnis nicht. Ja, im Gegenteil, sie steigert sich noch bei den Klängen der Musik und belebt die Einöde: da. wo tagsüber vielleicht kein Mensch zu sehen ivar, wo sonst beim fahlen Mondeilschein die Tiere der Wildnis zur Tränke kamen, � da ist jetzt plötzlich ein ganz neues Leben erblüht. Beim flackernden Schein der Wachtfeuer und beim Klange der Neger- mufik erblickt man die schlvarzcn Gestalten, in Reigen geschart, tanzend daherhuscheu. Und djesem Vergnügen liegen die Söhne Unjainwesis nach des Tages Last und Arbeit stundenlang ob. Es ist für den Europäer ein ganz eigentümliches Schauspiel, lvenn er zum erstenmal diese fröhlichen Tänze in niagischer Beleuchtung erblickt: da kann er nur staunen über die urwüchsige Kraft unsrer Neger, die selbst am Abend heißer, arbeitsreicher Tage»och keine Müdigkeit kennen, iveil. sie eben ihre Mühen mit Fröhlich- keit und munteren Liedern würzen. Auch bei den Feld" arbeiten in der Heimat lieben es die Wanjamwefi, Lieder zu singen, ja, sie können sich eine andauernde geregelte Arbeit gar nicht denken ohne Musik, denir sie wissen recht wohl, daß die Arbeit dann an» besten von statten geht, wenn ein geübter Sänger die Gesell« schast erheitert. Und wenn am Abend nach der Glut und den Ar- beiten des Tages die Sonne! am fernen Horizont entschwunden ist und der silberhelle Diond mit seinen sanften Strahlen die Gegend beleuchtet, dann hört der einsame Wanderer von allen Seiten in den kleinen friedlichen Negerdörfer» inuntere Weisen erschallen. Aus jeder Hütte ertönt ein frohes Lied zum Klange der Musikinstrumente, und inmitten des Dorfes auf freiem Auger schlingt die Jugend den munteren Reigen und führt ihre Tänze auf. Um den Taft zu machen, wird ein Saiteninstrument, ,,odono" genannt, gespielt. Die Blinden gelten iu Unjamwesi als die besten Musikanten und Chor- führer.— Aus dem Pftanzenleben. — lieber die Entstehung der japanischen Zwerg- g e w ä ch s e giebt der Botaniker O. Drude in der„Gartenflora" folgende Auskunft: Die jungen Pflanze» werden in so kleinen Töpfen erzogen, daß ihre Wurzeln bald das ganze Erdreich erfüllen, und. nach weiterer Nahrung suchend, oberflächlich austreten; dann erhalten die Pflanzen etwas größere Töpfe, in welchen sich aber alsbald dasselbe Bild des Nahrungsmangels wiederholt und so fort ihr ganzes Leben hindurch. Zu diesem geringen Quantum Erdreich giebt man den Pflanzen außerdem gerade nur so viel Wasser, als sie zum Bestehen durchaus nötig haben. Dabei verkümmert zugleich die Pfahlwurzel, und auch die Seitenwurzeln entwickeln sich tvedcr genügend schnell noch genügend zahlreich für ein kräftiges Wachstum der Pflanze, so daß das ganze Leben sehr verlangsamt wird: ver- schnitten werden übrigens die Wurzeln nicht. Durch das Hervor- brechen derselben nach oben wird der dicke und unförmlich kürze Stamm allmählich in die Höhe gehoben und erscheint wie auf Luft- wurzeln gestützt. Die andre Seite der Kultur liegt im Verändern des natürlichen Wuchses der Zweiguntcrdrückung. Die Japaner verknüpfen frühzeitig die Aeste unter sich oder mit dem Stamm in einer möglichst verkrümmten und zickzackförmigen Weise und be- dienen sich dabei zum Anbinden der Bambusfasern. Dadurch wird eine das Wachstum in sich selbst unterdrückende Form erzielt, so daß der Stamm nach 50 bis Ivv Jahren erst 4— 7 Centimetcr Durchmesser und die zehnfache Höhe besitzt. Wo ein verkrümmter Ast ab- stirbt, wird er abgeschnitten und durch einen unterhalb des Schnittes hervorsprießenden neuen Ast ersetztz: dadurch wird oft der Anschein eines künstlichen Zuschnittes hervorgerufen.— Notizen. — Eine bisher unbekannte Charade Schillers ist in einem alten Fremdenbuchs der Wartburg anfgeftmden worden. Die Charade ist 23 Zeilen lang und vom Dichter selbst im Jahre 1803 niedergeschrieben.— — Calderons„Richter von Zalamea", in einer UebersetzlMg von Rudolf Presber, wird eine der erst«: Novftäten der kommenden Saison im L e s s i n g- T h e a t e r sein.— — Das Bergtheater in Thale am Harz beginnt am 2o. Jnni mit Shakespeares„Sommer nachtstrauni" seine diesjährige Spielzeit.— — Die S ch w ind- Ausstellung in der National» g a l e r i e ist eröffnet.— — Der Franzose DeSplagncS hat am mittleren Niger, in der Gegend von Ansugo, die Stelle gefuirden, wo ehemals die alte sudanesische Haupt st adt Kukiya stand.— t. Eine merkwürdige wp tische Täuschung beschreibt der japanische Physiker Terada. Sic entsteht, wenn der für physikalische Experimente häufig benutzte Bärlappsamen auf eine Wasserfläche gestreut und durch. einen Luststrom in eine kreisende Bewegung ver- setzt ivird. Nachdem man das herumwirbelnde Pulver einige Zeit beobachtet hat. richte man das Auge auf einen benachbarten Tisch, und man wird wahrnehnteu, daß die Fläche sich zu drehen scheint, aber in einer umgekehrten Richtung wie jenes Pulver.— c. Der t h ä t i g st e Vulkan der Erde ist der S a n g a y in Ecuador. Er ist 5323 Meter hoch und seit 1728 ununterbrochen thätig. Die Geräusche von seinen Eruptionen hört man bisweilen in dem etwa 223 Kilometer entfernten Quito; einmal zählte man in einer Stunde 267 Ausbrüche. � — Eine Glockeninschrift des Kirchturms zu Bernau teilt der Astronom Archenhold im„Weltall" nach Angabe der Bcruauer Stadtchronik von Weruicke mit:„Im Jahre 1649 wurde die Glocke umgegossen und erhielt dabei eine vom Diakonus Schöppius in Versen verfaßte lateinische Inschrift, deren Inhalt etwa folgender ist: Der(1618) von dem Erdkreis ungern gesehene, sehr schreckliche Komet verkündigte dem ganzen Europa grausige Kriege. Wir haben gesehen, von da begann der Schmerz. O, die Unfälle, ach, die Schlachten der Könige und Feldherren, welches alles das Welttheater aufweist. Schon ivährend dieses den Heiligen geweihte Werk, die Glocke, vollendet wird, wächst endlich der Friede im Verlaufe des JahreS, in welchem wir aufseufzen. Möge wieder erstehen der Friede, der nunmehr der Welt verftmdigt wird."— Icrantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BcrlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinLW.