Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 124. Sonntag, den 26. Juni. 1904 (Nachdruck verboten.) m Im Vaterbau fc. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Dem jungen Mädchen schoß das Blut ins Gesicht unter den beschämenden Gedanken, die in ihr aufstiegen. „Dann soll man ihm den Vorwand nicht nehmen," erklärte sie.„Wenn er uns draußen haben will, dann soll er's sagen, es giebt genug Wohnungen, bessere als diese, wir werden gehen, lieber heute als morgen." Das klang sehr energisch, Gusti hatte noch nie so gesprochen, aber hinter dem sich aufbäumenden Stolz lag das Weh. Der Mutter that sie leid. Das arme Kind dachte noch iinmer an ihren Emil und sie litt unter der Un- sichcrheit dieses Verhältnisses. Wenn der Emil ein Mann wäre, würde er anders handeln. Da schickt er ihr seine Photo- graphien, schreibt einige nichtssagende Zeilen dazu und hält sie so hin— vielleicht macht es ihm Spaß— und wir, die Eltern, sehen geduldig dem zu.— Ist diese Passivität, zu der uns Stolz und Zartsinn verurteilen, das Richtige? Emil ist kein Mensch des selbständigen Handelns, er wird thun, was ihm sein Vater befiehlt— er wird sich's niemals mit ihm verderben wollen— folglich— Gusti hat recht, wenn er uns draußen haben will, dann soll er es sagen, wir müssen es wissen,— aber vielleicht-- Elise hatte, während sie das in Gedanken erwog, an ihrem Hutband herumgeknüpft, jetzt zog sie den Mantel fester um ihre Schultern, sie schien zu einem Entschluß gekommen zu sein. „Ich will Herrn Schönbrunner ersuchen, einige Tage zu warten. Wir kennen uns lange genug, er wird es wohl nicht verweigern. Ich hoffe es— jedenfalls will ich mit ihm reden, ehe ich zur Wucherin gehe—" Sie winkte den Kindern er- munternd zu und von ihnen bis zur Thür geleitet, verließ sie die Wohnung, um ihren Hauswirt aufzusuchen. Eine steile Treppe, deren Stufen schmutzig, ausgetreten und bucklich waren, führten in das Souterrain, in die Arbeits- räume Schönbruuners. Sie befanden sich in jenem primitiven Zustand, der den handwerksmäßigen Betrieb zu begleiten pflegt, es fehlte an Licht und Luft, an jeder Fürsorge und Reinlichkeit. Die kleinen vergitterten Feusterchen unter der Decken- Wölbung waren erblindet und mit Spinngeweben verhängt, der Schnee, den der Wind hier angeweht, verdeckte sie völlig: aber aus jener Ecke, in welcher der Ofen stand, leuchtete rote Glut, die an den schwarzen, verrauchten Wänden in feurigen Flecken aufsprang und wieder verschwand, je nachdem die Flamme angefacht wurde oder in sich zusammenfiel. Ein halbwüchsiger Bursche mit bloßen Füßen trat den Blasbalg, ein zweiter hielt mit der Zange das Eisen ins Feuer, während Meister Schönbrunner vor dem Ambos ein rotglühen- des Stück mit dem Hammer bearbeitete. Sein derbes Gesicht und die muskulösen Arme, von denen die Aermel weit über den Ellbogen hinaufgeschoben, waren von dem Feuer beleuchtet, und seine Augen, unter denen sich der Ruß angesetzt hatte, glänzten in Feuerreflexen. Das monotone Fauchen des Blasbalges, das Prasseln des Feuers und die im Takt fallenden Hammerschläge, ding dang — ding, dang dang— erfüllten den Raum, und dazwischen tönte das gleichmäßige Surren der Bohrmaschine, die in einem kleinen Gelaß nebenan aufgestellt war und von zwei Lehrbuben bedient wurde. Es war ein Handmotor, der mit Händen und Füßen ge- trieben wurde, eine schwere, ermüdende Arbeit, die zwei Arbeits- kräfte ununterbrochen in Anspruch nahm. Schönbrunner hob den Kopf, horchte einen Augenblick darauf und arbeitete wieder weiter. jEr war am Nachmittag noch einmal herabgekommen, ehe er sich zur Sitzung ins Rat- haus verfügte. Diese Sitzungen waren jetzt gleichsam in Permanenz er- klärt und nahmen unmäßig viel Zeit in Anspruch. Aber es handelte sich um Wohl und Wehe der Stadt Wien, wie Schönbrunner behauptete, und da durfte er nicht fehlen. «Wir werden es diesen Juden schon zeigen—" dachte er grimmig, und hieb mit dem Hammer auf das Eisen, daß die Funken nach allen Seiten flogen. „Und nicht allein die Juden müssen unschädlich gemacht und vernichtet werden, mit ihnen zugleich diese roten Hunde, diese Judensoci"— ding ding— dang dang—. Rascher schlug er jetzt auf das Eisen, in kurzen, kräftigen Schlägen, während er es nach allen Seiten drehte, um es, nachdem es schmiegsam geworden, nach seinem Willen zu formen. Es war geschehen und er warf es beiseite. Ein andres, rotglühendes Stück ward dem Meister auf den Ambos gelegt. Er vollführte einige- Schläge. „Rindvieh, zu wenig heiß." brüllte er den Lehrbuben an, und warf das Eisen in die Glut zurück. „Wirst Du nie die Temperatur lernen, die man zum Schmieden braucht—" Er befahl dem Jungen, Coaks zuzulegen und hielt selbst das.Eisen ins Feuer. Dann begann er wieder zu hämmern. Und mit jedem Schlag, den er führte, hämmerte und bosselte er an den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Das Handwerk war ihm verleidet. Entweder den Betrieb vcr- kaufen oder vergrößern— eines von beiden— so kann es nicht fortgehen.— Da wartet man auf eine größere Arbeit und wenn sie kommt, kann man sie nicht übernehmen— muß die Hälfte anderweitig vergeben, gerade die, bei der was zu ver- dienen wär'— wofür plagt man sich also?— Ich pfeif' auf das Kleingewerbe.— Er widmete ihm noch derbere Ztusdrücke der Verachtung.— Für die Hebung desselben, für die Rettung des kleinen Mannes, für die er dereinst geschwärmt, die noch immer das Programm seiner Partei bildete— das einzige, das sie hatten— besaß er nur mehr ein skeptisches Lächeln. Von der Höhe aus sieht man die Dinge eben anders als wenn man am Boden kriecht. Jedenfalls war es klüger, wenn man es thun konnte, sich selbst zu retten, als sich retten zu lassen, Gott weiß wann. Das Surren daneben hatte aufgehört und das bewirkte auch eine Unterbrechung seiner Gedanken. „Jetzt sind sie schon wieder erschöpft und können nicht weiter, diese Aaskerle." Er übergab das Eisen dem Gehilfen und ging in den Bretterverschlag, um nachzusehen. Nichtig, da lagen beide Lehrbuben auf dem Steinboden und streckten Arme und Beine von sich, als wären sie schon krepiert. Sie rührten sich auch nicht als der Meister herantrat: ihre Muskeln versagten den Dienst, nur ihre Augen wandten sich mit einem flehenden Ausdruck ihm zu. Schönbruuners Zorn wich einer dumpfen Resignation. „Was nützt es, wenn ich sie beutle, sie sind lahm, sie können nicht weiter.— Ein Dreck, diese Handmotoren," er stieß mit dem Fuße danach, wobei die Buben auch etwas abkriegten. „Einen Gasmotor müßte ich haben," kalkulierte er weiter. „Was einen, zwei— und einen dritten für den Ofen. Sie sind nicht so teuer, und man könnte Arbeitskräfte ersparen.— — Aber wo stell' ich sie auf?—" Er kehrte nicht zum Feuer zurück; er betrat die Keller- abteilung, die nach der Straße zu ging und besseres Licht hatte. Hier waren zwei Gehilsen mit Feilen und Polierarbeit beschäftigt. Er warf keinen Blick darauf, er durchmaß den Raum, prüfte die Stärke des Gewölbes und Mauerwerkes und schüttelte den Kopf. „Viel zu schwach." Nach der Nachbarseite hatte sein Saus nicht einmal eine Feuermauer. Da war es nur so daran ge- baut., v Ja, die Bauordnung damals und heute— hundert una eins— heute würde ihm da ein Gasmotor gar nicht bewilliat, da müßte er vorher alles umbauen.. „Da bau' ich aber schon gleich ein neues Haus am mcm Eckplatz hin, ein vierstöckiges— aber dann leg' ich mir kerne Werkstatt hinein.— Hahaha, damit ich mir die schönen Parteien vertreib, fällt mir nicht ein.... Ich bau's sehr elegant— wenn sie den Park da anlegen— und das muß die Kommune thun— wozu wär' denn unsereiner dabei— dann werd ich mir eine große Parkfront machen, da kann ich W oh iip reise erzielen wie in der Stadt."— Er steckte die Hände in die wasche und vor sich hin brummend ging er in die Schmiede zurück. Neue Bilder erstanden vor seinen sinnenden Augen, tn den bestechendsten Farben. Vom Gemeinderat in den Landtag ist nur ein Schritt, der wird gemacht. Und bei den Wahlen der fünften Kurie könnte es leicht geschehen, daß er auch in den Reichstag känie. Sein Anhang war groß, der drückte ihn durch, es tonnte wohl auch ein bisse! gemogelt werden: wo es gegen die Judensoci geht, ist alles erlaubt, und da helfen auch alle zusammen. 5£r nickte und lächelte bei der sich ihm aufthuenden Per- spektive von Glanz, Ehre und Gewinn. Hätte er einmal 10 Gulden Diäten, brauchte er sich nicht länger zu schinden. Es war längst seine Absicht, sich zurückzuziehen und er hatte auch bereits einen Käufer für das Geschäft. lFortsetzurig folgt.)! (ßeltwcttfncdeii. Der Wettsport ist die Mathematik des Weltgeistes. Diese von heute ab ewige Wahrheit ist nicht etwa ein Abhub von den Herrlich- leiten der Völkerbeschleunigungsseste in Hon, bürg, Hamburg und Kiel. Sie ist vielmehr von mir persönlich nach tiefem Nachdenken und sorgsamer Ueberlegung erzeugt worden. Zunächst erkennt man schon daran die Bedeutung meines Autoeitats, daß man die einzelnen Worte verstellen kann. So mächtig, unerschöpflick, bezwingend ist der Sinn des tiefen Satzes, daß er noch immer Sinn giebt, auch wenn man die Worte verwechselt. Der Geist ist aus der Zusammenstellung der drei Begriffe Weit- sport, Mathematik und Weltgeist auf keine Weise auszurotten. Man kann also auch sehr richtig bemerken: die Mathematik ist der Welt- geist des WettsportS. Oder: der Weltgeist ist der Wettsport der Mathematik. Oder: der Wettsport des Weltgeisies ist die Mathe- matik. Usw. Aber die ewigste Wahrheit liegt doch in der eingangs gewählten Reihenfolge: der Wettsport ist die Mathematik des Weltgeistes. Die Formel bedeutet, so dunkel ihre Fassung scheint, etwas durchaus Einfaches und Klares. Man wird schon des Lefreren beobachtet haben, daß der Welt- geist sich im allgemeinen auf sehr zweifelhaste und zweideutige Weise im Menschen äußert. Wie fängt man die Wahrheit? Was ist Gewißheit? Was steht unumstößlich fest? Was ist erhaben über allen Standpunkten? Eine gährende Unendlichkeit von Trieben und Gefühlen, Ideen und Jnteresien, von wissenschaftlichen Erkenntniffen, die morgen schon als Aberglauben durchschaut werden, von wirren RechtSsormen, von sinnlosen Einrichtungen, ein Durcheinander quälender Widersprüche, toller Zufälle, geißelnder Willkür— so wandelt sich der Weltgeist in der Menschheit. Daher denn alles Thun auf Erden nichts ist wie Debatte, Streit, Zank, Krieg. Und gleich rätselhast ungelöst dräut die Frage der Verzweiflung: Was ist Wahrheit? Dieser Tage las ich m den Zeitungen von einem Soldaten, der aus der Kaserne sehr sicher auf vorübergehende Menschen schoß und sie erlegte. Mau schalt ihn ein wahnsinniges Ungeheuer und über- wältigte ihn wie ein wildes Tier. Wenn aber statt des einen Soldaten Zehntausende zu schießen beginnen, und nicht nur mit einer Flinte, sondern auch mit Kanonen und mit Sprenggeschoffen, so nennt man das nicht etwa epidemischen Mordwahnsinn, fondern Patriotismus. Heldenmut, geschichtliche Mission. Ein Wahnsinn mal hunderttausend gleich höchste Verminst I So gesetzlos äußert sich der Weltgeist in den Sterblichen. Stur auf einem Gebiete webt er zweifellose Klarheit und sichere unabänderliche Gewißheit. Wenn er mit Raum und Zeit spielt und ihrer Wunder Seherpracht entfaltet. In Zahl und Maß zaubert er absolute Gewißheit. Zweimal zwei ist immer vier, und ein Meter ist in allen Weltteilen zehnmal so lang wie ein Decimeter. Das ist die ruhige, zauberische Allgemeingültigkcit der Mathematik. Also giebt es nur ein Mittel, das Thun und Treiben, das Denken und Schaffen der Menschheit. unter das Gesetz der Wahrheit zu stellen: man muß alles Menschliche der einzigen Logik unter- werfen, die nicht zu fehlen und nicht zu täuschen vermag— der Mathemattk. Zählen und Messen muß zum obersten Richter in dem Gesamtgebiet menschlicher Handlungen werden. Wer Recht habe, darüber entscheiden nicht sogenannte Vernunstgründe, keine Dialektik, keine Thatsachen, auch nicht die Methoden und die Formeln von Er- fahrungserkenntniffen und Gesetzen, sondern nur Zahl und Maß, oder im Sinne der Kultur: der Wettsport. Welches Pferd stüher am Ziel angelangt, und wie viel früher es kam, das kann unmittelbar von der Uhr abgelesen werden. Weder der Dummkopf, noch der Streitsüchtigste, noch der Zweifelsnarr wird auch nur einen Augenblick an solcher Gewißheit irre werden. Konservative, liberale, klerikale und socialdemokrattsche Blätter geben denn auch die Sportsresultate mit einer Uebereinstimmung wieder. die man sonst nirgends findet. Hier ist der Wahrheit stster Anker- arund, hier versttimmen die Leidenschaften der Klassengegensätze, hier versagt der Bettug gekaufter Meinungsmacher. Dannt ist das Problem gelöst: Wie Wahrheit sich erhebe über Streit und Wirrnis, wie Hader und Krieg endgültig geschlichtet werden könne? Alle menschlichen Entscheidungen müssen auZgewettet werden. Das ist das neue, zeitgemäße Gottesurteil, gegen das es keine Appellatton. nicht einmal ein Murren gilt, weil seine Entscheidungen ihrer innersten Natur nach endgültig sein müssen. Das sichert mit einem Schlage für alle Zukunft den Völkerstieden auf der ganzen Erde. Es wird die Aufgabe der nächsten Zeit sein, daß sowohl im Rechte der einzelnen Staaten wie im Völkerrecht der Wettsport als Organisattonsshstem der Gesellschaft ausgearbeitet wird. Ich glaube. daß das weiter keine Schwierigkeiten machen wird. Ist das große Werk geschehen, dann endlich wird statt Glauben und tappendem Meinen die absolute Wahrheit weise über den Menschen regieren. Lüge. Täuschung. Irrtum, Ungerechttgkeit werden dann ebenso ver- schwinden wie Zweifel mtd revolutionäre Auflehnungen gegen die Entscheidungen. Man erlväge nur, wie unsicher der heuttge Justizbetrieb ist. Ob jemand schuldig sei oder mtschuldig, wer kann das wissen? Denn nicht jeder ist ein Socialdemokrat und deshalb von Natur schuldig. Weiß man vielleicht nach den endlosen Hinter-Pommern-Verhand- lungen, ob die Herren Schultz und Romeick edelste Wohtthäter der Menschheit seien oder die nichtsnutzigsten Schurken. Die Rechts- anwälte beweisen daS eine. die Staatsanwälte das andere. Da kennt sich niemand aus. Wie anders würde es werden, wenn der Wettsport in das Gettiebe der Justiz heilend und entscheidend eingreifen würde! Staatsanwalt und Verteidiger würden sich einfach im griechisch- römischen Ringkampf— natürlich ohne Schiebungen— meffen. Wer von beiden Parteien mit beiden Schuttern die Erde berührt, kann ohne weiteres festgestellt werden. Der Sieger hat Recht. Von allen Formen des Sports scheint mir für die Justizpflege das Sackhüpfen mit verbundenen Augen am geeignetsten. Wie viel schöner ist es, in Gottes freier Nawr, Recht zu hüpfen, als in dumpfen Sttiben Recht zu sprechen, um nicht zu sagen: Recht zu schwatzen. Für Uebertretungen genügt eine Bahn von einem Kilometer, für Vergehen eine Bahn von 10 Kilometern, für Verbrechen eine solche von 50 Kilometern. Richter, Staatsanwalt und Angeklagter stellen sich am Start auf und hüpfen los. Passtert der Angeklagte zuerst das Ziel, so ist er unschuldig, und muß steigesprochcn werden, in allen andren Fällen wird je nach den ntannigfachen Nuancen des Ergeb- niffes gelinder oder schärfer verurteilt. Gewiß, es kann sein, daß auch dann ein wirklicher Mörder sich eine Freisprechung erhüpft, und ein Unschuldiger geköpft wird, weil er selbst hinter dem Gerichtsschreiber zunickgeblieben. Aber, was schadet das? Ein hervorragender Sack- hüpfer ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, auch wenn er mal gelegentlich jemand erwürgt haben sollte. Dagegen verdient ein Stümper auch dann das Todesurteil, wenn er zufällig nichts verübt hat. Nicht nur die Urteilsfindung wird also auf diese Weise jeder Willkür entzogen, es wird auch unter allen Umständen die Auslese der Menschheit gefördert. Im höchsten Sinne des Rechts wird Recht dann immer Recht bleiben. Auf ähnliche Weise muß der Parlamentarismus verbessert werden. Mehrheit ist bekanntlich Unsinn. Aber der Sieger im Wettrennen steht über jedem Zweifel. Für die Herrenhäusler würde sich das Pferderennen als Gelchäftsordnung empfehlen. Der Herren- reiter, dessen Gaul siegt, darf seine Meinung ohne weiteres zum Gesetz erheben. Für den Reichstag bedarf es nur einer leichten Abänderung des Hantmelsprungs, um auch hier Ordnung und Vernunft zu schaffen. Bisher gingen diejenigen, die nein sagen wollten, durch die Nein-Thür, die Jalinge durch die Ja-Thür. Auch hier entschied der Unsimt der Mehrheit, der durch die Gehässigkeit und Zerklüftung der Parteien noch gesteigert wurde, über das Schicksal, ob Ja oder Nein triumphieren solle. Anders in Zukunft. Die Reichstags-Abgeordneten werden in zwei Hälften ausgelost; der eine verläßt links, der andre rechts den Saal. Der Direktor des Reichstags bläst ein Signal. Und nun stürzen die Volks- Vertreter so schnell wie möglich durch die beiden Thüren herein. Die Hälfte, die zuerst sich wieder vollzählig im Saal befindet, ist ent- scheidend, je nachdem sie durch die Rein- oder Ja-Thür gekommen. Es wird aiffangs ja einzelne Quetschungen aeben, und selbst wenn hin und wieder jemand im Ansturm erdrückt werden sollte, so ist das nicht verfassungswidrig. Welche ausgezeichnete Borbereitung für Theaterbrände bietet dies Versahren. ganz abgesehen von der unbedingten Zuverlässigkeit dieser die Kraft und Gewandtheit der Gesetzgeber fordernden Methodel Ich übergehe die Einzelheiten, wie das Urteil über Theater- Vorstellungen und sonsttge künstlerische Veranstaltungen in ent- sprechender Weise zu ermitteln sei. Ich bin überzeugt, daß auch hierin die einzige Möglichkeit gegeben ist, endlich den Streit zwischen Secesfion und Hofkunst zu schlichten. Mögen erst sich einmal oer Anton von Werner und der Klinger in hehrem Wettlauf messen! Rur einen Ausblick will ich mir noch gestatten. Väterchens Friedens« manifest wird int Haag von den Mäusen zernagt. Die Schiedsrichter der Wett schlafen an grünen Tischen mtd ihre Fingernägel wachsen durch die aufgetürmten Attenbogen. Draußen aber mähen sich die Völker zu Tausenden. Mit Worten läßt sich der Wettsrieden nicht schaffen. Denn wer wird als Richter anerkannt in dem Wider- streit nationaler Jnteresien? Der internattonale Wettsport kann und muß auch hier den er» lösenden Spruch fällen. Je nach der Schwierigkeit und Bedeutung der Konflikte veranstalte man internationale Hahnenkäinpfe, Diplomaten- boxereien. Panzerschiffregatten, Güterzugrennen bis hinauf zu Auto- mobilfahrten. Die Nation, deren Vertreter siegt, hat Recht. Steht bei den Differenzen die nationale Existenz selbst auf dem Spiel, so empfiehlt sich als äußerstes Mttel ein internationales Wettreden der Staatsoberhäupter: wer das letzte Wort behält, in dessen Sinne fällt die Entscheidung. Heute befinden wir uns erst am schüchternsten Anfang der Eni- Wicklung des Wettsports zu seinem wahren Ztulturberuf. Mt unwiderstehlicher Naturgewalt aber drängt die Geschichte zu dem an- gedeuteten Ziel hin. Der Wettweltfriede naht und mein sehr zu- treffendes Wort geht seiner Erfüllung entgegen: Der Wettsport ist die Mathematik des Weltgeistes I— c. Kleines f eirilUton. tn. Der Salat. Der lange Krüger that sehr pfiffig und wichtig, als er aus dem Kabinett des Chefs in das Comptoir trat. Ver- stöhlen winkte er den andern„jungen Männern" zu und flüsterte: „Heut is wat losl" Allgemeines Aufhorchen und Zusammenrücken. „Baumbachen seine Olle ist da— mit'n Pompadour!" „Na— und?" „Und? In'n Pompadour war'n Topp. Und im Topp war italienischer Salat. Sonst präpelt der Olle zwei jekochte Eier zum Zrühstück. Also?" Krüger sah siegessicher auf die andern.„Das hat'ne Bewandtnis!" „Krüger!" Der erste Buchhalter sah ihn forschend über die Brille an:„Haben Sie den italienischen Salat wirklich gesehen?" „Ob! Leibhaftig! Baumbach wollt'n beiseite schieben— bis ich'raus war, verstanden? Blinkte der Ollen zu als wie: warte doch noch! Aber die merkte nischt und packte aus. Zwei Bestecke und'ne Weinpulle. Also: los is wat!" „Aber was?" Acht grübelnde Köpfe. „Halt!" Der Buchhalter lief zu seinem Pult und kehrte mit einem Notizbuch zurück:„Hier stehen sämtliche Familienfestlich- leiten verzeichnet." Er blätterte. Ein leiser Pfiff.„Geburtstag! Der Alte wird fünfzig heute!" „Hurra!" rief der lange Krüger mit gedämpfter Stimme. „Kinder, es is so prachtvolles Wetterl Wir müssen feiern." „Feiern?" Der Buchhalter blickte wieder über die Brille. „Machen Sie sich man keine Illusionen, Krüger. So lange ich hier im Geschäft bin, haben wir noch keinen Wochentag frei gehabt." „Der Olle is ooch noch nie fünfzig Jahre geworden," entgegnete Krüger.„Aber wenn wir'n jratulieren und'n Präsent über- reichen..." „Präsent?" Sieben Kehlen entrüsteten sich. „Jatvoll!'n Präsent!" Der Lange nickte gewichtig. „Krüger wird ihm'nen Chronometer spenden!" spottete einer. „Nee," wehrte der lachend ab.„Wir machen's billiger. Wenn jeder fünfzig Pfennige schmeißt..." „Macht vier Mark," rechnete der Buchhalter.„Was wcllen Sie denn damit? Dafür giebt's nichts." „'Ne janze Masse," behauptete Krüger.„Zmn Beispiel:'n Stadtbahnabonnement dritter." „Einen Monat frei rasieren," spöttelte ein andrer. „'N Stammseidel aus Lehm," schlug ein dritter vor. ..'N Füllfederhalter." „'N Blumentopp." „Schnupptabaksdose."' „Cigarrenspitze." „Ansichtskarten-Album.*" „Halt!" Krüger sprang vom Tisch, auf den er sich gesetzt. „Wir spenden'n Spazicrstock!" „Der Alte braucht keinen," meinte der Buchhalter.„Hat noch tiie'n Stock gehabt." „Desto besser." Nach langem Hin und Her wurde endlich der Vorschlag des Langen accepticrt, gesammelt und Krüger beauftragt, sofort in einem nahen Laden das Geschenk zu besorgen. Das geschah sehr schnell. Er brachte außer dem Stock sogar noch ein kleines Rosenbouquet, das am Griff befestigt wurde. Dann schritt man zur Wahl eines Sprechers. Dieselbe fiel einstimmig auf Krüger. „Machen wir!" Und er setzte sich sofort in Bewegung, gefolgt von den übrigen.— Baumbach, der Chef, saß mit seiner Frau noch beim italienischen Salat, als es klopfte. Wütend sah er auf, riß sich die Serviette vom Halse und öffnete die Thür:„Was ist los?" „Hochverehrter Herr Prinzipall" Krüger stand, im Halbkreis von seinen Kollegen umgeben, und präsentierte den blumen- Geschmückten Stock.„Wieder ist ein Jahr vergangen und ein hoher «eiertag angebrochen. Fünfzig Jahre haben Sie heute vollendet— fünfzig Jahre des Fleißes und der Anstrengung, voll von Sorgen und Mühe, aber auch reich an Erfolg. Aus kleinen Anfängen haben Sie das Geschäft zu seiner jetzigen Höhe emporgcbracht; ein Welt- shaus ist heute die Firma Baumbach—" „Machen Sie's kurz," knurrte der Gefeierte. „Hochverehrter Herr Prinzipall Auch Ihr Personal glaubt En diesem Feiertage nicht achtlos vorübergehen zu sollen. Deshalb Ijat man mich beauftragt. Ihnen unsre Gratulation und diesen Spazierstock zu uberreichen als ein Zeichen unsrer Verehrung. Ge- ehrter Herr Baumbachl Der Mensch soll nicht nur arbeiten—" „Nanul" Das Gesicht des Prinzipals bewölkte sich. „Rein, Herr Baumbachl Der Arbeit soll die Erholung folgen. Wer Tag für Tag hinterm Pult gesessen und Zahlen gebüffelt hat. der darf auch einmal feiern und spazieren gehen. Deshalb wählten wir diesen Spazierstock als Präsent. Wenn, wie heute, es einen hinauszieht in die grüne, lachende Flur, wo die Quellen rauschen und die Vögel singen—" „Schluß mit der Chose, ja, Krüger? Machen Sie sich nicht zu große Unkosten. Ich verstehe schon." Der Lange verbeugte sich, überreichte den Stock und rief: „Unser verehrter Chef und seine hochverehrte Frau Gemahlin, sie leben— hoch— hoch— hoch!" Frau Baumbach knixte, die Serviette vor der Brust. Der Prinzipal lachte in kaum verhaltenem Aerger:„Sie sind'n freund- licher Mensch, Krüger. Also ich danke Ihnen, meine Herren. Lassen Sie auf meine Rechnung'n paar Münchener holen. Um Mittag schließen wir,— weil die Flur lacht und die Vögel singen, nicht wahr, Herr Krüger?" Dankesäußerungen. Verbeugungen. Abgang. Und während sich Baumbach von neuem die Serviette umknotete, murrte er:„Verfluchte Bande! Mußt Du auch mit Deinem Salat hier angetanzt kommen!"— —„Sunawcnd" in der Wachau. Wir lesen in der Wiener „Zeit": Die„goldene" Wachau, der Strombezirk der Donau zwischen Krems und Melk, hält bekanntlich jeden Vergleich mit den gepriesensten Landschaften des Rheingebietes aus. Namentlich die Romantik Dürnsteins, das hinter epheuumsponnenen Mauern auf stromumrauschten Felsen zu Füßen der Höhe, von der die alte Kuenringer Feste niedergrüßt, seinen Dornröschenschlaf schläft, sucht ihresgleichen. Dasselbe gilt von Weißenkirchen, von St. Michael, auf dessen morschem Kirchendache sieben rätselhafte Steinfiguren sitzen, von Spitz, das sich malerisch um den„Tausendeimerberg" aufbaut, und von Aggstein, dessen imposante Trümmer, von blutigen Erinnerungen umwittert, aus finsterem Tannicht hervorragen. Abgesehen von den Hochsommertagen, die auch schon in dieses Para- dies Gäste aus dem verhältnismäßig nahen Wien locken, ist es hier fast immer einsam. Nur zu„Johanns"(24. Juni) kommen Neu- gierige aus allen Teilen des Landes gezogen, um eines der grandiosesten Schauspiele mit anzusehen, die sich auf heimischem Boden erhalten haben: die Feier der„Sunawend". Wenn nämlich die Sonne kaum hinter die westlichen Hügel des Waldviertels hinab- gesunken ist, wenn sich das Zwielicht von Kuppe zu Kuppe spinnt, wird es plötzlich im Thal und auf den Höhen lebendig. Ein Summen bieler Stimmen scheint sich mit dem Gemurmel des Stromes, mit dem Geflüster der Wälder zu vermischen, und sobald die ersten Sterne durch die duftigen Nebel in der Tiefe flimmern, zuckt Feuer- schein von allen Gipfeln auf und ein Riesenbrand scheint die Kämme der Gebirgsketten zu beiden Seiten der Donau ergriffen zu haben. Zu Häupten steiniger Halden werden lodernde Fackeln geschwungen, um bald da, bald dort in tollen Sprüngen, von Klippe zu Klippe sausend, bergab zu jagen. Und während die Burschen diesen Irr- lichtern uralte Lieder nachsingen, beginnen zitternde, flackernde, bald verlöschende, bald hochauflodernde Lichter den Strom hinabzutreiben: die schwimmenden Johannisfeuer, die wie glühende, funkelnde Augen lautlos dahintreiben, bis sie im Osten mit dem Sternengeflimmer einer mondhellen Johannisnacht zu verschmelzen scheinen.— ti. Ein einzigartiger Beruf. In Wien ist neulich in der Person von Magdalena Gelly eine Frau verstorben, die auf der Erde wohl nicht ihresgleichen gehabt hat. Sie hatte es zum Beruf erwählt, ihr lebendiges Ich zu anatomischen Studien herzugeben, namentlich zu solchen an den Atmungsorganen. Die berühmtesten Wiener Aerzte haben sie seit 20 Jahren als Unterrichtsgegenstand für die Studenten benutzt. Diese Stellung verdankte die Frau einer eigentümlichen Befähigung, über die fraglichen Organe durch ihre Willenskraft zu gebieten. Sie konnte ihre Stimmbänder minutenlang unbeweglich erhalten, sogar wenn sie berührt wurden, und so waren die Studenten in der Lage, an ihr zum Beispiel die Betrachtung des Kehlkopfes übungSweise in einer Vollkommenheit kennen zu lernen, wie sie sonst an einem lebenden Menschen nicht denkbar gewesen wäre. Die Frau besaß sogar die wunderbare Begabung, gewisse Hindernisse, die sich der Untersuchung häufig entgegenstellen, künstlich hervorzubringen, und gab dadurch den angehenden Aerzten eine unvergleichliche Ge- legenheit, sich in der Ueberwindung solcher Schwierigkeiten zu üben. Andrersetts hatte sie eine besondere Empfindlichkeit der Schleim- häute erworben, die ihr gestattete, jeden Fehler in der Untersuchung selbst zu fühlen und anzugeben. Sie konnte stets genau sagen, in welcher Lage sich ein in ihrer Nase, ihren.Kehlkopf oder ihren Schlund eingeführtes Instrument befand, so daß danach der Student auf ein Versehen aufmerksam wurde und es verbessern konnte. Dann förderte sie schließlich aus ihrem großen schwarzen Beutel, den sie stets bei sich hatte, eine ganze Sammlung von Gegenständen zu Tage. die sie sich als Fremdkörper in die verschiedenen Teile der Luftwege einführte, wo sie dann aufgefunden werden sollten. So hat sich die merkwürdige Frau wirklich gewisse Verdienste um die Heilkunde zu erwerben gewußt. Sie selbst stand sich gut dabei, denn sie erhielt für jede Sitzung zwei Gulden und genoß den Vorzug, von Aerzten ersten RangcS begehrt und von einer zahlreichen Studentenschaft als Versuchskaninchen geschätzt zu werden. Ein Ersatz wird für sie wir das topographische Talent der Eskimos zu bewundern. Äalliherua, alias Erasmus Dork, entwarf im Winter 1350/51 an Bord der„Assistame" eine Karte.„Er nahm den Bleistift, ein Ding, das er nie zuvor gesehen hatte, und zeichnete die Küstenlinie von Pikierlu bis.Kay'Jork mit staunenswerter Genauigkeit, machte Signaturen, um alle Insel», bemerkenswerte Klippen, Gletscher und Berge anzugeben und erteilte allen ihre einheimischen Namen." Fast unglaublich klingt es, das} für Ed. SB. Parcy auf der Melville-Halb- insel(1821) sogar eine Eskimoftau eine Karte zeichnete, die ihm später als Führer in nördliche Seen diente. Es ließen sich noch eine große Anzahl von Fällen aufzählen, in denen sich die Eskimos als vorzügliche Kartographen und Geographen erwiesen. Sie werden in dieser Beziehung vielleicht nur noch von einzelnen Südscebewohnern. übertroffen.— Humoristisches. — Boshaft.„Herr Wirt, Sie halten ja morgen eine Jagd ab— können Sie keine Treiber brauchen?* „Gewiß I... Was seid Ihr denn?" „Dachdeckerl"— — Schlechtes Gewissen. Hausfrau(beim Kaffee- kräuzchen plötzlich die Thüre öffnend, zum Dienstmädchen):„Was. Sie horchen?... Sie können sogleich Ihre Sachen packen I... Wie lange stehen Sie übrigens hier schon?" D i e n st m ä d ch e n:„Eine halbe Stunde I" Hausfrau:„So lange schon?... Na... Sie können bleiben I"— — Baderkniff. Bader(zum Lehrjungen):„Micherl, wenn D' den Herrn rasierst, so tritt'n ordentli' auf'n Fuß— vielleicht laßt er sich uacha auch d' Hühneraug'n schneiden I"— (Fliegende Blätter.') gewiß nicht leicht zu finden sein, zumal sie ihr Geheimnis nicht der- raten und überhaupt keine Schüler hinterlassen zu haben scheint.— k. Wie eine Kartoffel 2000 Mark wert sein kann. Im Frühling 1903 empfand man ein nicht geringes Erstaunen über die Nachricht, daß in England eine neue Spielart von Kartoffeln das Pfund zu 20 M. zum Aussäen angekauft worden sei, während sonst eine ganze Tonne von Saatkartoffeln nur 40 bis 80 M. kostet. Noch größer war die Ueberraschung, als am Ende des Jahres für Knollen einer andern Gattung,„El Dorado" genannt, Preise gezahlt wurden, die bei einem englischen Pfund(453 Gramm) zwischen 2000 und 4000 M. schwankten. Da nun durchschnittlich zwei dieser Knollen auf ein Pfund kommen, muß also manchmal die beträchtliche Summe von 2000 M. für eine einzige Knolle gezahlt werden. Uns mag diese Kostbarkeit und Seltenheit einer Frucht, die wir täglich auf unserm Tisch zu sehen gewohnt sind, verwundern, doch haben während der letzten 30 Jahre die Kartoffclzüchter sich außerordentlich bemüht, die einzelnen Arten zu verbessern, den Ertrag größer und die Kar- toffel für Krankheiten unempfänglich zu machen. So bedeutsam ist der Erfolg dieser Kartoffel-Specialisten gewesen, daß eine Sorte Kartoffeln,„Evergood". deren Ertrag früher im besten Falle sechs Tonnen den Mvrgen betrug, im Jahre 1903 sechzehn bis achtzehn Tonnen brachte, und in einem Jahr, wo viel Krankheit die Kartoffeln befiel, war bei dieser Sorte die Zahl der kranken Früchte sehr klein. Aber damit war der Ehrgeiz des Züchters noch nicht erschöpft, sondern er erzielte eine Sorte, bei der nach seinen Versuchen ungefähr auf ein Pfund Aussaat ein halber Centner Ernte erzielt wird und 80 bis 90 Knollen von einer einzigen Pflanze gewonnen werden. Daß für eine solche außerordentliche Frucht auch ein hoher Preis gezahlt wird, ist nicht verwunderlich. Werden doch die von diesen Knollen ge- ernteten Früchte im Herbst 1904 das Pfund 100 M. kosten, eine Tonne also die stattliche Summe von 225 200 M., und was ein Feld von auch nur wenigen Morgen dann einbringt, das ist gar nicht auszudenken. Zudem wissen die klugen Kartoffelzüchter eine solche kostbare Frucht vielfach auszunützen, indem sie die„Augen" einzeln einpflanzen und die Schößlinge dieser Triebe dann abschneiden und nochmals einpflanzen, so daß die Ertragfähigkeit einer einzigen Knolle außerordentlich gesteigert wird. Die berühmteste Kartoffelart ist die„El Dorado", von dem schottischen Pflanzer A. Findlay in Markinch zuerst auf den Mark: gebracht. Auf dem Petersburger Markt herrschte große Aufregung über den Verkauf eines Exemplars dieser seltenen Gattung. Die Knolle wog kaum ein halbes Pfund und wurde für den Preis von 1000 M. verkauft. Die Geschichte dieser Kartoffel, die„Gardeners Magazine" erzählt, ist höchst sonder- bar; der bloße Name wirkt wie ein Zauberspruch; der Ertrag der Aussaat war ein sehr geringer und die Nachfrage eine außerordentlich große. Wenige Züchter sicherten sich den ganzen Vorrat und nun stieg der Preis außerordentlich hoch. Einige Firmen besaßen noch gewisse kleine Vorräte von der kostbaren Kartoffel. So verkauften Pond und Sons in New Dork vier Pfund, das Pfund zu 3000 M., und ein gewisser Massey erhielt für 14 Pfund 23 000 M.— Geographisches. gc. Eine Kartographie bei den Naturvölkern zu suchen, erscheint auf den ersten Blick als reine Ironie. Und doch bringt Dr. Trüber im letzten Hefte der„Deutschen geographischen Blätter" den Nachweis, daß die mit ungewöhnlicher Sinnesschärfe und einem vorzüglichen Orientierungsvermögen begabten SBilden Karten geschaffen haben, die von großem zeichnerischen und geo- graphischen Verständnis Zeugnis ablegen. So fertigten zwei Indianer für Henry Doule Hind, der die Halbinsel Labrador teilweise durchforscht hat, aus Birkenrinde, die eigens zu dem Zwecke aus dem Walde geholt wurde, eine Karte des Flusses Moisie und des alten Montagnais-Weges. Ein andrer machte denselben Versuch: ein Vergleich ergab eine vollständige Uebereinstimmung beider Karten untereinander und mit der Wirklichkeit. Solchen Karten wurden nach demselben Berichte eine Reihe von Mitteilungen durch Zeichen beigefügt. Genau dasselbe Verfahren haben nach Jochelsons For- schungen im Kolyma-Gebiet in Sibirien die Jukagiren. Aber auch mit Kreide sind Karten gezeichnet worden. Mit Kreide entwarf ein Laos für Dr. Harmand auf eine schwarze Tafel eine Karte deS Se-bang-hieng, eines Nebenflusses des Mekhong. Besonders häufig scheint die Kreide auf Schiffen verwendet worden zu sein. Kittlitz, der den russischen Admiral Lütke 1820 in die Südsee begleitete, sah, wie Eingeborene der Karolinen förmliche Karten von ihrem ganzen Archipel samt den Marianen auf den Boden des Verdecks mit Kreide zeichneten. Weit erstaunlicher gestalteten sich die Leistungen der Wilden, wenn man ihnen Bleistift und Papier in die Hand gab. Karl von den Steinen ließ alle kartographischen Sandzeichnungen in sein Tagebuch mit Bleistift eintragen. Im Gegensatz zu der fast kindlichen Arbeit der Baküri stehen vortreffliche Leistungen, wie sie Gregg von den Comanchen berichtet. Einer ihrer Häuptlinge, Taba Quina, entwarf auf einem Bogen Papier mit Bleistift eine Land- karte von den Hauptflüssen, der Straße von Missouri nach Santa Fe und den verschiedenen mexikanischen Ansiedelungen. Auch George Back(1833— 1835) hatte sich von einem Indianer eine Karte zeichnen lassen, welche das Fort Reliance an dem Lokhartflusse mit seinen Wasserfällen enthielt. Als nun Tycell im Jahre 1900 das- selbe Gebiet zwischen dem großen Sklavensce und der Hudsonbai durch- forschte, ließ er sich ebenfalls durch einen Indianer eine Skizze vom Artillsriesee und vom Thelonflusse herstellen. Noch mehr aber haben Notizen. — WilhelmJordan ist in Frankfurt a. M., wo er seit langem seinen Wohnsitz hatte, am Sonnabend gestorben. Der Dichter war am 8. Februar 1819 zu Jnsterburg in Ostpreußen ge- boren. 1840 wurde er aus Leipzig und Sachsen wegen eines „atheistischen Toastes" ausgewiesen. Er ging nach Paris, kam 1843 »ach Berlin und wurde vom Oberbaruimschen Kreise in die Deutsche Nationalversammlung gewählt. Jordan hat Theaterstücke. Romane, Gedichte geschrieben. Am bekanntesten ist er durch das Doppelepos „Die Nibelunge" geworden, das in Stabreimen abgefaßt ist. Der Autor hat es an vielen Orten in Deutschland und in Slmerika ftei aus dem Gedächtnisse vorgetragen.— — Henrik Ibsens Briefwechsel wird demnächst im Buchhandel erscheinen.— — Eine Fritz Reuter-Ausstellung wird anläßlich des dreißigsten Todestages(12. Juli) des Dichters im G r e i f S w a l d e r Universitätsgebäude veranstaltet.— —„Der Prinzgemahl", eine dreiaktige Operette von Andrö Massager, geht Mitte Juli erstmalig im Neuen königl. Operntheater in Seene.— — Der Leipziger Stadtrat hat die Preller'schen Odyssee-Landschaften zum Preise von 25 000 Mark für das städtische Museum angekauft.— — Das auf der Düsseldorfer Kuust-Ausstellung befindliche Gemälde von Franz Stuck, den Maler und seine Frau im Atelier darstellend, ist von der Stadt K ö l n für das Wallraf- Richartz-Museum angekauft worden.— — Farbige Bauskizzen für das geplante Charlotten? burger Schiller-Theater zu liefern, sind sechs deutsche Architekten aufgefordert worden. Der Preis für die Skizze ist mit 2500 M. angesetzt. Dem Verfertiger des besten Entlvurfs wird der Bau übertragen.— c. Das Schicksal des P a p st p a l a st e s in A V i g n o u scheint besiegelt zu sein. Der Magistrat dieser Stadt hat es abgelehnt, für die Restaurierung der Burg weiter Geld zu bewilligen.— — In dem Wettbewerb zur Erlangung einer Borrichtung zun, Messen des Winddruckes hat den ersten Preis— 5000 M.— Obpr-Jngenieur Gießen in Kiel erhalten; der zweite Preis— 3000 M.— fiel dem Mechaniker R. Fuetz in Steglitz und dem Dr. ing. Reißner in Berlin zu.— — Gegen Mücken st iche wird in neuerer Zeit Bor-Vaseline empfohlen, mit der die Stichstcllen eingerieben werden; dabei dürfen die Stellen aber nicht gedrückt oder massiert werden, da das den Mückenspeichel nur noch weiter in das Gewebe treiben würde. Ein gutes Mittel ist die Seife; je mehr Soda sie enthält, desto besser; gewöhnliche Seife ist also besser als feine. Man schält sich ein kleines Stück wie Kreide vor und reibt damit möglichst gelinde die Stichstelle, so daß sie einen leichten Seifenüberzug erhält; dieses Verfahren mildert das Jucken sofort. Auch gequetschte grüne Petersilie, auf die Stichstelle gelegt, thut das. In dieser Hinsicht erfreut sich ja das Betupfen mit Salmiak noch immer eines guten Rufes. Als Slbhaltunasmittel kann auch eine Abkochung von Wermut dienen, die man auf die Haut reibt. Sluch manche flüchtige Oele, wie Nelken-, Kampfer-, Lavendel- u. a., sind wirksam.— Verantioortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.