Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 125. Dienstag, den 23. Juni. 1904 (Nachdruck verboten.) so] Im Vaterkaule. Socialer Roman von Minna Kautsky. Es war der junge Schlosser, die Tini kannte ihn, der eine kleine Erbschaft gemacht und sich etablieren wollte. Er speku- lierte auf seine Tochter und verlangte eine kleine Mitgift. Der Mann ginge auf alles ein, dem war keine Bedingung zu hart, natürlich, er bezahlt das Geschäft mit dem Gelde des Schwieger- Vaters, mit seinein Gelde, der Schlaumeier, aber das wird er sich noch überlegen, so gern er auch das Mädel schon los wär. 's Geschäft verkaufen,'s Mädel verheiraten, beide werden nicht besser— aber beides an einen und denselben ist ungeschickt. Plötzlich hob er den Kopf und blickte gegen die Thür. In dem ungewissen Licht sah er, daß sich dort etwas be- Wege, es war jemand hereingekommen. Er warf den Hammer hin und ging ihm entgegen. „Frau v. Witte," rief er erstaunt. „Aber daß Sie sich auch da herunterbemühen, wegen dem Zins: wollen wir nicht lieber hinaufgehen? Uebrigens wenn Sie schon da sind, ich nehm' ihn auch hier." Frau Witte rang nach Atem und als sie ihm jetzt ihre Bitte vortrug, klopfte ihr Herz so heftig, daß sie kaum reden konnte. „So. so," sagte er kurz und wiederholte„so, so." Er ließ merken, wie unangenehm ihm jede Uupünktlichkeit sei. Als sie aber mit ihrem sanften, flehenden Ton sagte:„Nur zwei Tage warten Sie, dann zahlen wir sicher," nahm er eine huldvolle Miene an. Solange wollte er warten, und als sie mit den Augen ihm dankte, streckte er sich höher, in dem Gefühl, ein guter Kerl zu sein. Mit einer alten Partei müsse man Nachsicht haben, und dann wisse man ja, wie es in Künstlerfamilien zugehe. Wo das Geld leicht verdient wird, da wird's auch leicht ausgegeben. „Wir G'schäftsleut' haben's nicht so gut. Wir müssen uns plagen und haben nichts davon." Er begann zu jammern, wie er sich abrackern müsse, erst in Werkstatt, dann im Gemeinderat, er käme den ganzen Tag aus dem Schweiß nicht heraus: und wcnn's noch was abwerfen thäte, aber auch das nicht einmal:„Hinschmeißen möchte man alles." Sie suchte ihn auf die Zeit zu vertrösten, wenn der Emil zurückkäme. Wenn er ihm das Geschäft übergebe, werde er sich's erleichtern können. Da fuhr der Alte auf, als hätte sie einen wunden Punkt berührt. „Damit er auch nichts verdient," sagte er rauh. Dieser Hillweis auf Ueberlassung des Geschäfts an seinen Sohn, der mit so ruhiger Sicherheit ausgesprochen wurde, als könnte er nichts andres sein, erregte seinen Aerger und mehr noch sein Mißtrauen. Jenes Mißtrauen des Kleinbürgers, der es zu etwas gebracht und nun in jedem armen Teufel einen Speku- lanten auf sein Vermögen wittert. Das wär' ja sehr begliem, wenn das, was er in langen Jahren mühsam zusammengeschuftet, nun von andern Leuten lustig genosseil würde. Der bloße Gedanke, daß die Wittes je an seinem Geld einen Anteil haben könnten, erregte ihn maß- los. Aber so hatte er nicht gewettet. Es hatte ihm Spaß ge- macht, zu sehen, wie sein Stammhalter so früh schon hinter einem hübschen Mädchen her war. Jetzt, wo der Emil als heiratsfähiger Mensch zurückkommt, wird's ernster. Die Wittes möchten ihn gleich mit dem Kotzen fangen. Er kriegt das Geschäft, sie rechnen schon drauf und die Gusti könnt' sich so schön ins Volle setzen. Das möchte ihnen passen, trotz aller Hochnäsigkeit, aber ihm paßte es nicht. Seine brutalsten In- stinkte waren wachgerufen, aber die vornehme, bescheidene Haltung dieser Frau, ihr blasses Gesicht legten ihm eine ge- wisse Reserve auf.— Er wird die Sache mit größter Feinheit behandeln, er wird es ihr nur in der Blume sagen,— aber verekeln wird er's ihr ordentlich. Nachdem er die Lehrbuben an die Bohrmaschine geschickt hatte, die andern abzulösen, begann er: „Ja, meine liebe Frau v. Witte, das mit dem Geschäft übergeben is leicht gesagt, aber es heißt nix mebr. heutzutage. Was soll ich ihm denn übergeben? Den alten Blasbalg da, oder die Bohrmaschine und das andre Gerumpel? Oder die Kundschaft, die ich nicht Hab? Wir Kleinmeister leben ja nur von der Reparatur, oder wenn uns eine große Firma gelegent- lich was hinschmeißt, was sie selber nicht mag, weil nix dabei zu verdienen ist: wenn einer, wie ich, der das Handwerk im kleinen Finger hat, damit nix aufstecken kann, glauben Sie, daß der Emil dabei seine Rechnung find't. Keine Spur— der taugt ja gar nicht � mehr dafür. Der Mensch hat immer in der Fabrik gearbeitet, unter ganz andern Verhältnissen, gar jetzt, wo er im Ausland war. glauben Sie, daß sich der in dem Kellerloch und mit dem ganzen G'frett da zurechtfind't? Das giebt's nicht. Der Emil muß sich eine kleine Fabrik einrichten können— so mit fünf, sechs Gehilfen— und einen ordentlichen Motor dazu— das geht heut noch— und dann muß er halt a brav's Madel heiraten, die a Geld hat." Frau Witte sah ihm fest in die Augen und entgegnete ruhig: „Sie verweisen Ihren Sohn also auf diesen Weg?" „Ich weiß keinen bessern." „Und wissen Sie auch, daß Emil damit einverstanden sein wird, seine Selbständigkeit um diesen Preis zu erkaufen?" „Was soll er denn machen? Ohne Kapital kann man heuzutage nix anfangen, und als Kleinmeister geht er zu Grunde." Breitspurig und lächelnd stand er vor ihr, in dem Be- wußtsein, eine unumstößliche Wahrheit gesagt zu haben. „Uebrigens ist der Emil nicht so dumm, um das nicht zu begreifen, und eine reiche Frau ist doch nicht so was Bitteres. meine ich, daß man's nicht nehmen möcht', ich habe auch die Richtige schon in petto." Er glaubte zu bemerken, daß die Frau zusammenzuckte, und in seiner Weise wurde er noch charmanter. „Sehen Sie, liebe Gnädige, bei den Künstlern kann's anders sein, das sind unpraktische Leut'— die machen eher a Dummheit, aber ein Geschäftsmann, das weiß ein jeder, der kann kein Mädel heiraten, die nix hat." Sie gab keine Antwort. Das reizte ihn und unwillkürlich verfiel er in einen erregten Ton. „Die Leut' plauschen freilich von meinem Reichtum, aber da täuscht man sich sehr— woher sollt's denn kommen— das möcht' ich wissen. Und bedenken Sie nur, meiner Tochter muß ich eine Mitgift geben und wenn es mir noch so schwer fällt, das muß sein, sonst bring' ich's nicht an, und das ist bei an- ständigen Leuten auch so der Brauch.— Aber die Tochter aus- heiraten und dem Sohn mit meinem Geld einen größeren Betrieb einrichten, das ist mir zuviel, das kann ich nicht leisten, absolut nicht, dann ging ist betteln mit meiner Alten, und das kann niemand von mir verlangen." Elise hob den Kopf und sagte vornehm, wenn auch ihre Stimme ein bißchen bebte und eine blasse Röte in ihre Wangen stieg:„Niemand wird das von Ihnen verlangen, gewiß niemand." Sie nahm ihren Mantel zusammen und wendete sich zum Gehen. „Mir scheint, die hat's verstanden." dachte Schönbrunner und wollte, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, ein wenig ein- lenken, aber in seiner töppischen Roheit kam er immer tiefer hinein. „Nit bös sein, liebe Frau Witte, ich bitte, nicht vielleicht zu glauben, daß ich damit eine Anspielung— ich weiß ja nix und brauch' nix zu wissen... Der Emil hat mir nie etwas g'sagt und was ich so g'sehen Hab'— haha, er war ein Bub, sozusagen, und sie ein klein's Madel— und wenn die in- einander verliebt sind, das ist wie eine Kinderkrankheit— da lacht man dazu, wenn man gescheit is. Sie haben es wohl auch nicht ernst g'nommen, na natürlich nicht— aber wenn der Emil jetzt zurückkommt, da— da könnt' die G'schicht leicht ein andres G'sicht kriegen—" „Herr Schönbrunner," unterbrach Frau Elise,„Ihre Vor- aussetzungen sind absurd und ich muß bitten," sie strebte der Thür zu,„mich damit zu verschonen." Er ging ihr nach und stellte sich vor die Thür. „Ich sag' ja nix, ich mein' ja nur— es ist meine PsliKt. Ihnen da ein wenig— die Gustel ist ja ein lieber Acr.— ob Ble ein lieber Kerl ist— d'üs liebe G'frieserl, das sie immer hat mir g'fiel sie auch— und d'rum thät's mir leid— der Emil, der Sakrawalter, hat schon einige unglücklich g'macht — da heißt's halt a bisserl acht geben auf die beiden, damit nix passiert; haha, Sie verstehen mich schon." Frau Witte zitterte am ganzen Körper, unfähig zu reden, während er in ein gemütlich sein sollendes Wiehern ausbrach. „Genug," stieß sie endlich hervor. Sie suchte die Klinke, aber die kleine Thür, die windschief in verrosteten Angeln hing, besaß keine solche. Er stieß sie auf und sagte galant: „Vitt' nur einen Augenblick sich zu gedulden, ich werde gleich leuchten, damit Sie nicht fallen. Und nichts für ungut, ein guter Rat am rechten Ort— hehe— nicht wahr—" „Ten möchte ich Ihnen zu teil werden lassen, Herr Schön- brunner, geben Sie auf Ihre eigne Tochter acht." „Dank' schön; aber meine Tini, die kennt sich aus— meine liebe Frau Witte, die weiß mehr als wie ich und Sie zusammen, da hat's keine Gefahr." Er hatte ein Zündholz gefunden,, das er an seiner Hose angerieben und nun leuchtete er mit freundlicher Weisung durch den finsteren Kellerraum zur Stiege hin, bis das Zünd- holz an seinen harten Fingern erlosch. Die Mädchen warteten indes in banger Ungeduld auf die Rückkehr der Mutter. Die Dämmerung begann der Nacht zu weichen und noch immer war sie nicht da. Sie horchten auf den Wind, der an den Scheiben rüttelte und auf die ungeduldigen Schläge ihres eignen Herzens. Die Mutter kam nicht, sie war fortgegangen. „Bei dem kalten Wind; sie kann den Tod davon haben." Gusti rang die Hände.„Sie sucht die Wucherin auf." „Nicht einmal zwei Tage Frist hat der Hausherr ihr zu- gestanden," klagte Luise, Thränen im Auge. Gusti antwortete nicht. Wenn noch eine leise Hoffnung auf den Emil in ihrem Herzen war, sie war vernichtet. Sie sprachen nicht weiter, sie sahen hinaus in die zu- nehmende Dunkelheit, mit dem Gefühl völliger Rat- und Hilf- losigkeit. 13. Kapitel. Im Hause Schönbrunner herrschte eine schwüle Stimmung, es war wie bei einem Gewitter. Einer schlich um den andern herum, jeder hatte ettvas am Herzen, jeder lauerte auf den günstigen Moment, es vorzutragen und war ungeduldig, weil er nicht kommen wollte. Tini war besonders nervös. Heute wollte sie es dem Vater sagen, sie konnte nicht länger warten. „Du mußt auf die Bühne, je eher, je besser," hatte ihr Reich gesagt. Er hatte ihr eine Empfehlung an den Direktor einer Vor- stadtbühne mitgegeben, sie solle sich damit vorstellen. „Aber ehe Du in die Höhle des Löwen gehst, sieh Dich nach einer Waffe um," hatte er mahnend hinzugefügt. Das heißt, nicht als armes Hascherl solle sie vor dem Direktor erscheinen, sondem als junge Dame aus guter Familie, die, pekuniär unabhängig, nicht des Broterwerbs wegen zur Bühne gehe, sondern weil sie zu dm Berufene,: zähle. Es war gewiß ein guter Rat, aber wird er sich ver- wirklichen lassen? Der Vater, der bei Tisch ihr gegenüber saß, sah heute un- gemein mürrisch aus; die Mutter hingegen hatte ein stilles, strahlendes Lächeln. Tini wußte es zu deuten. Hatte sie ihr doch zugeflüstert, daß der Schlossermeister Hrubi diesen Vor- mittag um sie angehalten habe. Daß er eine Mitgift be- vnspruche und mehr verlangte, als der Vater ihr geben wolle, verrieten ihr wieder seine umwölkte Stirne. Darauf baute sie ihre Hoffnung, und noch auf etwas: der Dummkopf, der Hrubi, hatte sich hinter die Frau Mutter gesteckt, um seine Sache zu fördern, und diese war selig über den Glauben, sie könne etwas bedeuten. Sie hätte schon wissen können, daß der Vater nie that, was s i e wünschte. Was sie protegierte, dem setzte er sich justament entgegen. Soeben hatte sie das Lob dieses Jünglings gesungen und Tini hatte mit Befriedigung die höhnische Grimasse bemerkt, die der Vater dazu gemacht. Das konnte sie vor dem Schlosser retten; aber wird der Vater sich ihren Wünschen deshalb gefügiger zeigen? Diesen zu erobern, für ihre Sache zu gewinnen, dünkte ihr so furchtbar schwer, daß ihr immer wieder der Mut sank. lFortsetzung folgt.) Mnckener jsaKmanssteUiing im Glaspalast 1904. Von den 2200 Nummern der Ausstellung, die der Katalog auf» zählt, kann man gut zwei Drittel streichen und man wird um keinen Deut ärmer sein. Wenn man die 74 Säle durchwandert, von denen 35 der Münchener Mnstlergenossenschast gehören, die sie entweder mit eignen Werken oder doch mit solchen versieht, die ihrer Jury unterstehen, wird das Gefühl innerer Leere immer drückender und man ist schließlich auf einem Niveau angelangt, wo ein anständiges Mittelmaß höchlichst erfreut, da das Minderwerttge so aufdringlich überwiegt. Schließlich ist man noch dankbar für diese angehäufte Mäste. Denn so gelangt man schneller durch diesen Urwald von Bildern. Die Dekoration der Säle ist nach alter Art, wie sie einstmals war, beibehalten. Ein wenig Auffrischung würde nicht schaden. Die Bilder hängen allerdings nicht allzu dicht auf und bei einander. Die Wnndbekleidung, ein schmutziges Dunkelrot, ist den Bildern jedoch nicht günstig. Nur manchmal ist der Versuch gemacht, dieses Einerler durch freundliche, vornehme Farben zu unterbrechen. Manchmal plätschert ein Brunnen und verbreitet Kühlung. Einige Rohrmöbel, sparsamst verteilt, bieten Gelegenheit zum Ausruhen. Einige Rundfosas, zu deren Verkleidung der türkische Teppich nicht reichte, sind schon ein Luxus. So hat man gleich von vorn- herein deutlich das Gefühl: Hier strengt sich niemand an, dem Publikum gastlich entgegenzukommen, seine Gunst zu gewinnen. Sie haben es nrcht nöttg. Man weiß, daß man hier alteingesessen ist und folglich keine Rücksichten zu nehmen braucht, Neuerungen ein- zuführen nicht nöttg hat. Ein paar alte Gobelins hängen irgendwo an den Wänden. Nur vereinzelt bieten wenige Blattpflanzen dem Auge mit ihrem Grün Abwechslung. Viel Liebe merkt man also nicht. Alles trägt die Devise: es ist so, es war so und es wird so bleiben. Punktuni. » Das Niveau der M. K. G.(Münchener Künstler-Genossenschast) ist etwa das gleiche, wie es bei uns am Lehrter Bahnhof betroffen wird. Nur daß man nicht annähernd so viel in PatriottsmuS und Schlachtenbildern macht. Man lebt sich hier in Genrescenen, Anekdoten, rührseligen Anmerkungen aus. Die Gemüttichkeit bringt das so mit sich. Eines Bildes entsinne ich mich, das für die Art bezeichnend ist. Auf einem Haufen von Büchern sitzen zwei Affen und wühlen zwischen den Blättern. Der eine grinst vergnügt aus dem Bilde heraus. Dieses Bild betttelt sich: Bücherfreunde. Und jeder biedere Münchener hat seinen Spaß daran und schmunzelt: schaugts die an l Die gemütliche Nonchalance dieser menschenähnlichen Tiere berührt ihn sympathisch. Der Hauptwert solcher Bilder liegt nicht in den, Malerischen. sondern eigentlich nur in dem mehr oder minder spaßigen Titel, mit dem der Maler sein Bild erklärt, ihm eine witzige Note anhängt. Mit dem Vorherrschen dieser Genrekunst hängt ein Vorteil zusanimen, der sich ungewollt einstellt als Folge, der diese Ausstellung von der Berliner am Lehrter Bahnhos günstig unterscheidet. Es werden nicht diese großen Ausstellungsschinken nach Ouadratmeter-AuS- dehnung gemalt, die bei uns in dem Ehrensaal oder doch dicht da- neben paradieren, mit Flottenbildern und Geschichtsillustrationen. Es gieb, keinen Ehrensaal. Man mertt— schon das berührt an- genehm— wenigstens kein schielendes Liebäugeln mit höfischen Tendenzen. So geht man denn an Landschaften vorbei, die viel zu groß sind, als daß sie noch inttm wirken könnten, die über die bloße, photograpisch treue Wiedergabe nicht hinaus kommen. Dann kommen Porttäts, die so gräßlich kalt und nüchtern wirken, daß einem gruselt und man meint, nicht Menschen zu sehen, sondern gespensterhaft zierige Puppen. Damen, deren Konterfei so glatt aussieht wie ein Abzieh- bild. Blumen stehen daneben, in gleicher Delikatesse gemalt. Und die Puppen drehen und wenden sich, zeigen sich in allen möglichen Posen, drapieren sich, möchten so gern verführerisch aussehen und wirken doch so niederschmetternd langweilig. Kurz, der ganze Vorrat an Möglichkeiten wird auch hier erschöpfend aufgeboten. Mit Bildern dieser Art wurden 35 Säle gefüllt, an 1500 Stück. Die wenigen nennenswerten Arbeiten dieser Genostenschast hängen zusammen in einem abgelegenen Saal. Es dies die Namen Grothe- Düsseldorf(Landschaften aus der Eifel), Soldenhoff- Zürich, Paula G i g l- München(eine in silbernem Ton gehaltene Landschaft), Editha Weck« München, W a S z a r h- Budapest, Johanna M e r r W i r t m i l l e r- München, Eugenie B a n d e l l(Nach der Arbeit), meist also Damen. Der Saal, der einst immer Lenbach gehötte, ist angefüllt mit lila und weißen Blumen und grünen Blattpflanzen, in deren Mitte die Büste von Lenbach steht. Ein andrer Saal enthält Pastelle und Oelbildcr von ihm, worunter ein Bülow-Bild auffällt. Ein Hühner- bild ist um deswillen interessant, daß er es gemeinsam mit einem andren Maler, mit I. B. Hofner, malte. Es zeigt schon all die Farben, die er später mir noch verfeinerte. München steht überhaupt unter dem Zeichen der Lenbach-Ausstellungen. Der hiesige Kunstverein veranstaltet wechselweise immer ganze Serien-Ausstellungen, die auseinander folgen. Und im nächsten Jahr soll das ganze Lebenswerk Lenbachs noch einmal vereinigt werden. Nicht zum Besten des Malers. Wenige charatte- 3" 499- rWsche Beispiele wären kesser. Sonst wird das Wer! eines Lenbach leicht monoton. Ein sehr schöner Leibl,.der Schauspieler", entzückt durch die breite und doch leichte, wie flockige Art. mit der die Farben hin- gesetzt sind. Gegen das Niveau der Münchener Künstlergenosienschaft hebt sich die Münchener Luitpold-Gruppe ein wenig ab. Man merkt das Gefühl für künstlerische Verantlvortichkeit, für Tradition. Die Technik ist eine gewähltere, ist sie gleich auch noch immer nicht gewählt. Doch fiüten sie sich, so faustdick grob zu sein, wie die Künstlergenossen- chast. 12 Säle nehmen die Mitglieder der Luitpold-Gruppe für sich in Anspruch. Moll, E. Liebermann, Wirkner. Zoff sind die besten. Namentlich Zoff fällt durch seine aparte und breite, ruhige Malweise auf. Auch Düsseldorf, das sich diesen beiden Gruppen anschließt, überrascht nicht durch eignes Streben. ES herrscht dort der gleiche Schlendrian. Erst in kürzester Zeit beginnt sich da wieder ein neues Leben in der Kunst zu regen, von den, man hier nicht viel merkt. Nur Jul. I u n g h e i m erfreut durch eine gewisse Intimität seiner Farbengebnng. Heupel-Siegen bemüht sich, in breitem Strich sich von der tisteligen Kleinheit seiner Genossen zu befreien. Die „Chrysanthemen" Petersens sind zwar zu dunkel und zu schwer; die Blüten, weih und lila, leuchten nicht recht. Doch ist das eine gute und ehrliche Arbeit. In„Schwere Arbeit",„Abendsonne „Der alte Gärtner" giebt Marx Stücke von überzeugender Innerlichkeit; er bemüht sich, das Anekdotenhafte fernzuhalten und den farbigen Momenten nachzugehen. Auf gröbere und einfachere Wirkungen spekuliert wieder der Verein Berliner Künstler. Bei dem Tiefstand der Leistungen freut man sich schon über die ehrlich frech hingepatzten und aufdringlichen„Interieurs" von Brandis. Bei dem„Königsttger und Pfau" freut man sich dann über den, wenn auch äußerlichen, farbigen Elan, mit dem das Grünblau deS Pfaues- und das Gelb des Tigers kontrassiert sind. Doch wäre liebevollere, eingehendere Arbeit hier am Platze, und der Maler Kuhnert sollte sich nicht so sehr an der äußersten Oberfläche genügen lassen. Eine lichte Arbeit giebt Mieth in einer Jnterieurstudie einer Dorftirche. Besser repräsentiert sich, wie das meist der Fall ist, Karlsruhe. Hier hat man ein Gefühl für malerilche Werte. Die„Enten" von Koester, denen man in jeder der großen Ausstellungen begegnet, find zwar nicht mit allzu großer Liebe gearbeitet; inanchmal macht sich der Künstler die Arbeit recht leicht. Doch zeigt sich bei ihm wenigstens ein Sinn für farbige Frische und Lebendigkeit. Der.Herbstabend" von Nagel ist fein empfunden und gut in Farbe eingesetzt, eine gründliche Arbeit. Die Künstler, die seiner Zeit aus der Berliner Secession aussiaten und mit dem Verein Berliner Künstler nicht mitgehen wollten, thaten sich zusammen und bilden die Ver- einigten Klubs Berlin. Da noch andre Gruppen hinzu- kamen, ist das Verzeichnis der Namen sehr abwechslungsvoll. Und auch das Niveau ist sehr verschieden, im allgemeinen gut und im ganzen wegen dieser Verschiedenheiten interessanter als die andren Gruppen. Die Farben schreien hier nicht so. Und die Künstler bemühen sich, das farbige Leben mit den Augen zu sehen, die ein moderner Mensch im Kopfe hat. Freilich giebt es ja dafür schon so viel Vorbilder, daß es nicht schwer fallen kann, bei einiger Intelligenz diesen Weg zu beschreiten. SchlichtingS Art wird oberflächlich und roh, wenn er sich an große Bilder heran macht. Es reicht dazu nicht aus. Hans K l o h ß zeigt einen freien Blick für die zarten Schönheiten der Mark im Vorfrühling. Ein bunt bewegtes Bild giebt Skarbina mit einer„Kirchweih in der Oberpfalz", dessen kleines Format, in dem sich das Gewimmel drängt, gerade reizvoll wirkt. Hans Hermann giebt hier drei holländische Sttmmungen, frischer als sonst, und es scheint, er will sich nicht mehr fortwährend selbst kopieren. Die Arbeiten von W. Hamacher zeigen immer einen eignen Charakter. Er siebt die Lust, die über dem Wasser liegt, die farbig eigenttimsiche Beleuchtung im Hafen. Er mischt die Farben in eigner Weise und bemüht sich immer wieder, diese Stimmung der wassergesätsigten Luft zu erreichen. Kräftig dekorasive Wirkungen erzielt Achtenhagen in seiner„Burg in Nideggen"; der Gegensatz der grauen Burg gegen den grünen Hang ist sicher herausgebracht. Den Genannten schließen sich Julie Wolfthorn, Kahser- Eichberg, Uth, Feldmann, Fenner-Behmer, Staffen, L i e d t k e gleichlversig an. Die Bereeniging„St. Lukas" in Amsterdam verwendet in charakteristischer Werse holländische Mottve. Ihr Niveau ist ein gutes. B r e m a n fällt durch die Helligkeit seiner Farben(„Morgen- sonne",„Bauerngut") auf, und Therese Schwartze durch ein feines, breit gemaltes Herrenporträt, dessen vornehme Farben (schwarz und braun) sehr gut zu einander gestimmt sind. Der G l a s g o w- G r o u p, die sinnier noch mit Vorliebe das Braun verwendet, dessen Vorherrschen in ihren Bildern sie bekannt machte, reihen sich die Edinburger Künstler, die„Society of Scottish Artists", mit weniger guten Arbeiten an. Der eigne Charakter des schleswig- holsteinschen Landes, sein fettes Grün der Wiesen, die bunten Farben der bäuerlichen Wohnungen giebt den einheimischen Künstlern in reicher Fülle Mosive. Die Schleswig-Holsteinsche Kunstgenossenschaft, die sich vor einigen Jahren bildete, ist bestrebt, diesen frischen. reichen Eindruck festzuhalten. Wir begegnen guten, strebsamen Arbeiten, die in treuer Sachlichkeit ihr Ziel suchen. Leipold (Marschlandschaft), I. Alberts feine Stücke(Blühender Frühling, Sommertag, Blühende Hallig) zeugen beredt von der farbig frischen Landschaft, die mit Blüten wie bedeckt ist. Mit fester Hand stellt er das alles hin, die hellrot blühende Wiese, den lauter fließenden Bach. die kleine Holzbrücke, die hinüberfiihrt, ein Bauernhaus seitlich mit breitem Giebel und über all dem der breite, freie Himmel, der alles umspannt. Es sind noch Arp, Feddersen, Kallmorgen. N o l d e zu erwähnen. Keinen erfteulichen Eindruck hinterläßt die Gruppe italieni- scher K ü n st l e r. Freilich trifft man wenigstens nicht mehr so häufig jene schrecklich bunten, italienischen Kostümstücke an. Segantini wirkt auf die nachfolgende Generation. Doch immer noch ist genug Oberflächliches, genug Grobes hier vertreten. ES heben sich heraus C h i n i(Sonne auf dem Meer), T o m m a s i(Der Fluß), wo er über eine eigne Zartheit verfligt. G. Ciardi bemüht sich, der Buntheit der Farben Zusammenhang in Luft und Licht zu geben („Sommer in Venedig"). C a m p r i a n i giebt„Segelnäherinnen". bei denen man an Liebermann denkt. Die Arbeiten von Argentieri zeichnen sich dnrch kräftigen Schwung aus(„Auf dem See"). Weich und geschmeidig' ist Chiterin(. Pastorale",„Letzter Strahl"). Maria n t, Pellizza.B. Ciardi, Scattola vervollständigen die Auslese des Besseren. So hat man zum Schluß doch noch den Eindruck, daß diese Italiener bestrebt sind, malerisch weiter zu komnien, als man es bisher von ihnen annehmen mußte. Einen flauen Eindruck macht die Stuttgarter Kunstgenosscn- schast. Nur Wirsum(„Park"), Mohn(„Herbst") und Bauer („In der Werkstatt", intime Wiedergabe einer sonnig durchleuchteten Dachstube) heben fich heraus. Ebenso steht es mit der Freien Bereinigung württembergischer Künstler. Hier ist der Kontrast noch auffallender. Diese wollen viel und verfalle» da- durch in ein groteskes Verzerren von Aeußerlichkeiten. Auch ihre kolossalen Skulpsiiren reden die gleiche Sprache. Die grellen Male- reien eines Otterstedt und die geradezu abschreckend rohen Porträts von Rasch sind bezeichnend. Marie O st h o f f giebt einen guten Akt, und der Eichenwald von Starker ist eine tüchtige, ehr- liche Arbeit. Am geschlossensten wirken auf der ganzen Ausstellung die beiden Säle, die die„Scholle" zusammenstellte. Hier ist kein ängstliches Schielen nach Vorbildern. Hier sind die meisten Zukunstsniöglich- leiten. Der junge Geist, der bis dahin nur extravagant sich ge- bärdete und kraftmeierisch, zeigt hier seine tüchtigen Qualitäten. Diese Maler können alle etwas. Und sie freuen sich der bunten Fülle der Erscheinungen, die sie ungebrochen und natürlich wieder- f;ebeu, überall ihr Gebiet malerisch zu versiefen strebend. Man spürt ofort, diese fügen sich nicht ein, sondern sie dominieren, sie bilden einen eignen Kreis, von dem noch manche Anregungen ausgehen werden. Sie werden die Mllnchener Tradition fortpflanzen. Dem Impressionismus der Berliner Secession stellen sie ein andres Streben gegenüber, das ein eigenkräftigeS Gewächs aus Münchener Boden ist. Sie nehmen mit dieser malerischen Bravour, die ihnen eigen ist, die alte lieber- lieferung Münchens wieder auf, die unterbrochen war. Bisher gab es noch nicht eine Ausstellung dieser Vereinigung, die Künstler wie eldbauer. Münzer, Püttner, Georgi, Erler. rler-Samaden, Weise, Putz vereint, die soviel gute Sachen zeigte und das wirkliche Können und den Wert für die Zu- kunst so energisch und deutlich betont. » Der Münchener Aquarellistenverein zeigt viele gute Arbeiten. I t s ch n e r giebt ein erfteuliches Kinderbild. In Wielands Rauhfrost' fallt die freie Wiedergabe des Schnees auf. Straht- manns„Flora" bietet ein wundervolles Gewirr bunter Blumen auf grüner Wiese dar, die alle aufs sorgsamste ausgemalt sind. Von ihm giebt es auf der Ausstellung noch ein großes phantastisches Bild: Salome, das in gleicher Weise märchenhast reichen Schmuck im einzelnen zeigt. Die Arbeiten von Giese, Hellingroth und K ö s e l i tz sind hier noch als tüchtig anzuschließen. Auch der Verein für Original-Radierung zu München bewährt wieder seinen guten Ruf. Eine weichtönige Landschaft von Völkerling, eine farbig sparsame und reizvolle Landschaft„Eral" von Ulrike Woller, eine kräftige Bildnisstudie von Schwarz. In dem Bund zeich- nender'Künstler in München zeichnen sich K o l b mit großen, phantasttschen Entwürfen, Ubbelohde mit feinen Landschaften. Kreidolf mit Kinderbildern und Hegenbarth aus. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß sich dem An- geführten, den Oel- und Temperabildern, den Aquarellen, Pastellen, Gouachen, den vervielfältigenden Künsten eine Architektur-Ausstellung, die nichts Bedeutendes bietet, sowie eine Sammlung von Kopien an- gliedert. Das Kunstgewerbe fehlt ganz. Die Plastik, die sonst noch hier vertreten ist, tritt in ihrer fade« Kleinlichkeit ganz zurück gegen die umfangreiche Kollektivausstellung von Werken Ruo. M a i so n s. Diese zeigt das tüchttge, nie ent- gleisende Können des verstorbenen Bildhauers, der fich seiner Grenzen wohl bewußt war, der es fertig brachte, Denkmäler zu schaffen, die frei von hohlem Pathos waren und doch groß wirkten, weil sie schlicht waren.— Ernst Schur. Kleines feuiUeton. k. Seltsame Gerichtshöfe. Unlängst wurde in England eine Gerichtsverhandlung unter höchst seltsamen Umständen abgehalten. Im Mold County Court fand eine Verhandlung vor Sir Horatio Lloyd statt. Da die Erörterungen sich hinzogen, die Beteiligten aber noch den Abendzug nach Ehester erreichen wollten, wurde be- schlössen, den Prozeß in der Bahn zu Ende zu führen. Um 5 Uhr wurde die Verhandlung geschlossen, der Richter und der Anwalt be- gaben sich nach der Bahn, ein Wagen erster Klasse wurde gemietet und der Prozeß nahm während der Fahrt seinen Fortgang. Während der ersten Hälfte des Weges hielt der Anwalt die Verteidigungsrede. Hinter der Station Hope Junktion, auf der Mitte des Weges, er- hielt der Ankläger das Wort. Der llrieilssoruch wurde jedoch vertagt. So seltsam die Geschichte klingt, so hat sie doch, wie eine englische Zeitschrift schreibt, nicht einmal den Vorzug der Neuheit. Eine ähnliche Gerichtsverhandlung fand im Winter 1833 in Amerika statt. William Deatrick, der Besitzer einer Farm in der Nähe von Williamson, verklagte die Pennsylvania-Eisenbahn-Gesellschaft aus Schadenersatz für die unrechtmäßige Besitzergreifung seines Landes. In Williamson existierte aber kein sc großes Gebäude, wie zur Auf- nähme aller am Prozeß Beteiligter erforderlich war. Nach der In- spektion des Landes traf der Gerichtshof in einem Zuge zusammen, und hier wurden auch die Zeugen vernommen. Der Tag neigte sich, und da alle Anwesenden nicht nur wünschten, daß die Verhandlungen zu Ende kämen, sondern auch noch am»elden Abend zu Hause sisin wollten, beschlossen die Richter, die Rechtsanwälte ihre Verteidigungs- reden während der Fahrt nach Chambersbury, wo die meisten wohnten, halten zu lassen. Sehr merkwürdig war auch die Ver- urteilung eines Mörders in der Methodistenkirche zu New Jersey. Der Vorsitzende Gurmere verkündigre von der Kanzel herab, daß Samuel Shinn, der Mörder eines gewissen Thomas Applegate, zu achtzehnjähriger Zwangsarbeit im Staatsgefängnis verurteilt sei. Der englische Vicekanzler Shadwell fällte einmal ein Urteil, während er in der Themse schwamm. Der damalige Herzog von New Castle ließ die Waldungen in Clumber in so ausgedehntem Maße fällen, daß sein Erbe, Lord Lincoln, sich zu gerichtlichem Einschreiten ge- nötigt sah. Die Gcrichtsfcrien litten eben begonnen, aber Lincoln durfte, da die schlimmen Verwüstungen immer weiter um sich griffen, keine Zeit verliere». Sein Anwalt begab sich schleunigst zur Stadt und ließ noch während der Nacht die Urkunden ausstellen. Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen war er in Barn Elms, dem Hause des Vicekanzlers. Als er hörte, daß dieser zum Schwimmen gegangen war, nahm er ein Boot, ruderte ihm nach und war nach wenigen Schlägen an seiner Seite. Der Anwalt trug seine An- gelegenheit vor. Nachdem Shadwell die gerichtliche Einschreitung bewilligt hatte, setzte er seine Schwimmübungen fort.— Geographisches. — Die Austrocknung des Tschadsees. Der „Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Die flacheren und abfluh- losen afrikanischen Seen scheinen auf dem Aussterbe-Etat zu stehen. Der Steph aniesec im Süden Aetbiopiens ist heute auf den dritten Teil des Umfanges zusammengeschrumpft, den er zur Zeit seiner Entdeckung, vor sechzehn Jahren, hatte. Der Schirwasee, östlich des Nyassa und Sambesi verbindenden Schire, den im April 1859 Livingstone aufgefunden hat, ist bis jetzt auf ein paar Lachen völlig verschwunden, und seine Inseln sind landfest geworden. Jetzt stellt sich heraus, daß auch der Tschadsce, an dem afrikanische Be- sitzungen Deutschlands, Englands und Frankreichs zusammenstoßen, im Laufe eines Mcnschenaltcrs überraschend viel an Fläche verloren hat und in seinen Umrissen ganz anders aussieht, als auf unsren Karten, wo der See die bekannte herzförmige Gestalt zeigt. Der Tschadsce, in den als größter Strom der Schari mündet, der aber leinen Abfluß hat, ist ein sehr flaches, je nach der Jahreszeit an Größe wechselndes Gewässer im Uebergangsgebiet von Sahara und Sudan. Tenham, Barth und Nachtigal haben einzelne der Ufer berührt und Overweg hat als erster die im Nordosten liegende Insel- schar besucht. Auf Grund der Beobachtungen dieser Forscher gab man dem See eine Ausdehnung von etwa 27 033 Quadratkilometer, zur Zeit des Hochwassers von 36. ja 40 und 50 000 Quadrat- kilomcter. Heute ist er. wie die französischen Forschungen der letzten zwei Jahre ergeben haben, zur Hochwasserzeit, Ottober bis Januar, nur etwa 18 bis 20 000 Quadratkilometer groß, in der übrigen Jahreszeit aber höchstens 10 000 Quadratkilometer. Die Inseln des Nordostens versanden immer nieyr und wachsen andrerseits in- folge der Sand heranführenden Wüstenwinde nach der offenen Fläche immer weiter hinaus, diese ständig beschneidend. Die Umrisse des zu allen Jahreszeiten offenen Wassers zeigen jetzt die Form eines Winkeleisens mit nach Südwesten gerichteter Spitze. Die beiden nach Nordnordwest und Ostnordost streichenden Schenkel sind je 140 Kilometer lang und 20 bis 40 Kilometer breit, und das Kamerun angrenzende Stück ist acht oder neun Monate im Jahre eine gegen >4000 Quadratkilometer große grasbedeckte Sumpfebene mit zahl- reichen Tümpeln. Der Schrumpfungsprozeß hat namentlich in den letzten sechs Jahren ravide Fortschritte gemacht. Die Ursachen sind Verdunstung und Versickerung des Wassers in größerer Menge, als der dem See während und nach der Regenzeit vom Schari zugefllhrte Wasserüberschuß beträgt, so daß der See niemals wieder die Höhe erreicht, wie in dem jeweilig vorangehenden Jahre. Die erwähnte», von Nordosten kommenden Wüstenwinde thun noch ein übriges. Vermutlich wird der Prozeß nicht eher zum Stillstand kommen, als bis in seinem Verlauf die Mengen des auf diese Weise verloren- gehenden Wassers und des Zuschusses der Regenzeit einander gleich- geworden sind.— Physikalisches. en. Der Ursprung des Donners ist gar nicht so ein- fach zu erklären, wie man wohl meint. Gewöhnlich stellt man sich das dem Blitz nachfolgende Geräusch vor als Schallwellen, die durch die plötzliche Zerreißung von Luftmasscn gebildet werden. Eine solche Auffassung ist aber viel zu allgemein, wie jetzt Professor Trowbridge in Experimenten gezeigt hat. Dieser Physiker war be- sonders zur Aufklärung einer derartigen Frage berufen, denn er hat in seinen Versuchen mit ungeheuren elekttischen Entladungen die Nachahmung des natürlichen Blitzes soweit getrieben, wie es vor ihm noch keinem Gelehrten im.Laborarorium gelungen ist. Der wichtigste Satz, der sich aus seinen Beobachtungen ergiebt, besagt. daß das starke Geräusch eines Blitzes im wesentlichen der Zersetzung von Wasserdampf zuzuschreiben ist. Ueberdies wird die Länge solcher Entladungen bedeutend beeinflußt durch den Feuchtigkeitsgehalt der Wolken. Der letztere Schluß erscheint freilich fast selbstverständlich, wurde aber durch die Experimente in einer Art bewiesen, die be- sondere Beachtung verlangt. Trowbridge hatte sich jahrelang damit beschäftigt, das Spektrum des Wasserdampfes zu studieren. Nach vielen andren Versuchen beschloß er, das Spektrum zu erforschen, i das durch mächtige elektrische Entladungen in einer mit Wasser- ! dampf gesättigten Atmosphäre entsteht. Zur Erzeugung, seiner künstlichen Blitze benutzte Trowbridge eine Accumulatorenbatterie von 20 000 Zellen, deren Strom er in große Glaskondensatoren leitete. Die sonst noch notwendigen Apparate mutzten zu diesem Zwecke neu erfunden werden, um den außerordentlichen Anforde- rungen zu genügen. Zunächst dachte er daran, das Spettrum des Wasserdampfes dadurch der Beobachtung zugänglich zu machen, daß er elektrische Funken von einer Wasserfläche zu einer andren über- springen ließ. Die Ausführung dieser Absicht erwies sich aber als unmöglich, da sich zwischen Flüssigkeiten keine elektrischen Funken bilden wollten, und zwar aus denselben Gründen, weshalb auch der natürliche Blitz selten ein« Wasserfläche trifft. Der Gelehrte sättigte nun zwei Holzstücke mit destilliertem Wasser und hüllte sie in Watte ein. die gleichfalls mit soviel Wasser befeuchtet war, als sie halten wollte. Wenn diese beiden Gegenstände an den Enden eines Strom- kreiscs angebracht und etwa vier Zoll von einander entfernt belassen wurden, so entwickelte sich zwischen ihnen ein Strom von außerordentlich hellen Funken. Das Geräusch dieser Entladungen war so bedeutend, daß sich der Forscher die Ohren verstopfen und außerdem noch ein dickes Tuch um den Kovf binden mußte, um es überhaupt auszuhalten. Die Entstehung des donnergleichen Getöses führte Trowbridge zurück auf die Explosion von Wasserstoff- und Sauer- stoffgasen, die durch die Zersetzung des Wasserdampfes gebildet werden. Auf Grund dieser Annahme wird es durchaus wahrschein- lich, daß die Stärke des natürlichen Donners in gleicher Weise durch die Anwesenheit der starken Feuchtigkeit in den Wolken gewaltig verstärkt wird. Die Photographien, die Trowbridge von seinen künstlichen Blitzen aufgenommen hat, machen einen ganz merk- würdigen Eindruck und erinnern, wie er selbst sagt, an einen leuchtenden Wasserfall. Man sieht nicht einzelne Funkenlinien wie bei den gewöhnlichen Funkenentladungen, sondern eine dichte Masse, die einer ganz ans Elektticität bestehenden Wolke gleicht. DaZ Spektrum dieser künstlichen Blitze muß ganz dem der natürlichen. entsprechen, wenn letztere in einer Entfernung von etwa IV, Kilo- meter beobachtet werden und zwischen sehr dichten Wolken über- springen.— Humoristisches. — Die Kunst, italienisch zu reden. Ein Mitarbeiter der„Wiener Reichswehr' giebt einige militärisch-historische Anekdoten aus vergangener Zeit zum Besten. Er erzählt u. a.: Folgendes Geschichtchen ist, wenn vielleicht nicht wahr, so doch gut erfunden. Wiener Freiwillige kamen 1848 in ein ganz italienisches Städtchen in die Ouarttere. Ein Zugsführer, der sich unter den mit der Eisenbahn angekommenen Quartiermachern befand, setzte sich mit einigen Kameraden in das kleine Wirtshaus, der Wirt eilte ge- schästig herbei: „Comanda signore?"(„WaS befehlen die Herren?') „Ja. ja, mir san auf Kommando da,' nickte der Zugsführer. „öomanäa ckol viuo?"(„Befehlen Sie Wein?') stagte weiter der Wirt. „Richtig!'s Kommando san Wiener.' „.Ancks pane?"(„Auch Brot?") „Ja, mir san mit der Bahn gekommen.' „Arrests rosto?" s.Auch Braten?") „Rasttag ist heut a,' entgegnete der Zugführer,„aber jetzt schaut's zubi da, daß mer was zu ttefeln kriegt.' „Sustito, subito!"(„Gleich, gleich!') bemerkte der geschäftige Wirt, und bald stand vor den Wienern eine Schüssel mit Braten, Brot und Wein. „Schaut's, schaut's!" bemerkte der ZugSführer,„mit die Katzel- macher(ein altwienerisches Spottwort zur Bezeichnung der Italiener) kann man sich ja ganz gut verständigen.'— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. — Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer L-Co., Berlin SW,