Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 126. Mittwoch, den 29. Juni. 1904 (Nachdruck verboten.) 20 Im Vaterhaufe. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Vaters Lieblingsspeise wurde aufgetragen. Sie schmeckte ihm nicht. Auf seine unwirschen Aeußerungen verdoppelte die Gattin nur ihre Aufmerksamkeiten. Er lächelte grimmig. Man will ihn bei guter Laune erhalten, es war ihm klar— sein forschender Blick traf die Tochter.— SHe aß nichts— biß sich auf die Lippen— senkte vor ihm dn Augen; natürlich, in den Hrubi verliebt bis über die Ohren. Nur zeigen darf sich einer und so ein Madel ist gleich ganz weg. Die ztvei mit dem Hrubi hielten wohl zusammen gegen ihn— � glaubten ihn schon im Sack zu haben samt der Mitgift. Sie könnten sich irren—. Wenn er in die Mes- alliance willigt— bei seiner jetzigen Stellung war es eine. Wenn er seine Tochter dem Kleinmeister gab, durfte ihm die G'schicht' wenigstens nichts kosten. Das Essen ward abgetragen. Er blieb bei einem Glas Wein noch bei Tisch und starrte, die Ellbogen aufgestemmt. vor sich hin. Einigemal änderte er ächzend die Stellung; sein starrer Blick, der nichts zu sehen schien, haftete gleichwohl an dem Korb mit Aepfeln, der auf dem Büffett stand. Seine Frau glaubte darin eine Aufforderung zu erblicken und stellte ihn vor ihn auf den Tisch. „Magst Du Aepfel, Vater?" Er gab einen gereizten Ton von sich, worauf sie sich beeilte, den Korb hinwegzunehmen. Da fuhr er sie an, ob er nichts davon haben dürfe. Ganz erschreckt stotterte sie:„Ich Hab' Dich doch gefragt." „Was?" brüllte er. „Ob Du Aepfel essen willst!?—" „Aepfel, ich Hab' an einem genug," nörgelte er.„Aber wenn ich mich nicht wie ein Geier auf alles stürze, Hab' ich das Nachsehen.... Jetzt dank ich drauf— jetzt ist mir der Gusto vergaugen." Ungebärdig stieß er das Körbchen, das sie ihm wieder gereicht hatte, hinweg, und warf dabei das vor ihm stehende Glas um. Es war mit Rotwein gefüllt und er sprang in die Höhe, um seine Beinkleider zu salvieren. „Das sind Deine gescheiten Gläser, die nach unten zu dünner werden," rief er immer erboster,„die müssen umfallen. Jetzt will ich trinken, jetzt ist kein Wein da— jetzt kann ich verdursten— nein, wirklich, bei uns—." „Aber Mann, ich hol' schnell eine zweite Flasche." „Eine zweite— damit bist Du gleich fertig— das ist Dir ganz egal.— Natürlich, Du zahlst es nicht— das geht alles aus meinem Sackel.-- Dableiben!" schrie er, als sie nun doch fort wollte. „Dableiben, Sakerment!" Die Frau blieb stehen. Er stürzte sich seinerseits gegen die Thür. „Vater, hör' doch," rief sie voll Angst,„was willst Du denn?" „Hinaus will ich." „Sei doch nicht immer gleich bös, bleib doch sitzen," bat sie, ihm entgegentretend. Da drehte er sie mit einem Ruck herum und brüllte: „Das Weib wird mich noch wahnsinnig machen.— Herrgott, soll ich denn vorher eine Petition einreichen, wenn ich—" Er warf ihr die Thür vor der Nase zu. Man hörte von außen noch einige Kraftworte, dann wurde es still. Frau Schönbrunner rang die Hände. „Es ist manchmal nicht mit ihm auszuhalten." „Du mußt ihn auch immer reizen," fuhr jetzt die Tochter gegen sie auf. „Ich?— Aber Tini!" „Du verstehst ihn gar nicht zu behandeln.— Du weißt nie, was er will." „Aber Tini, ich konnte doch nicht wissen—" »Ich hätte ihn heute so gerne bei guter Laune gehabt: ich muß es ihm endlich sagen." „Aber Tini, er weiß es ja schon; der Hrubi war eine ganze Stunde bei ihm. Hab' nur Geduld, der Vater wird zu Eurer Heirat nicht nein sagen." „Er nicht, aber ich." „Du?" „Ich will nicht heiraten, das is nix für mich; ich mag kein Leben führen wie Du, mich schinden für meinen Mann bei Tag und Nacht, ihm jederzeit zu Gebote stehen und dafür noch gehunzt und gescholten werden, kein Dienstbot' läßt sich das mehr gefallen... und so eine Qual soll ich mir anthun? Auf Lebenszeit noch dazu, ohne Kündigung? Nein, da weiß ich was Bess'res, ich geh' zum Theater." Die Mutter bewegte nur ihre Lippen, ihr fehlten die Worte. „Was red'st Du denn?— Was glaubst Du denn?" brachte sie endlich mühsam heraus. „Ich glaub', daß ich's zu was bringen kann— die Leut' sollen Respekt vor mir kriegen— darauf kommt- alles an, das Hab' ich schon g'merkt.— Unsinnigen Respekt sollen sie kriegen, auch der Vater." Ihre Augen blitzten und wie sie jetzt, die Nase hoch, die Arme in die Seiten gestemmt, in der Stube auf und nieder schritt, sah sie sehr hübsch und unternehmend aus. Die Mutter rang die Hände. „Mein Gott, wenn das der Vater erfahren möcht'." „Er muß es erfahren; ich werd' es ihm selbst sagen. Ich bin noch nicht majorenn, er muß seine Einwilligung geben." „Eher bringt er Dich um." „Das werden wir ja sehen." Als der Vater wieder herein kam, schien er sein Gemüt besänftigt zu haben und zu einem Entschluß gekommen zu sein. „Ich habe mit Dir zu reden, Tini," sagte er. jEin Schauer lief ihr über die Haut, aber sie blieb fest. „Ich auch, Papa." „Kann mir's schon denken, womit Du mir kommen wirst." „Nein, Vater, das kannst Du Dir nicht denken." Ihr Ton machte ihn stutzig; er war ungewöhnlich ernst. „Ned'i" befahl er barsch. „Nicht hier, ich muß Dich allein haben; komm in das andre Zimmer." „Was sind das wieder für G'schichten," brummte er, von einem unangenehmen Vorgefühl erfaßt. Aber er folgte ihr doch, die vorausgegangen war und schloß die Thür hinter sich zu. Die Mutter blieb allein zurück. Sie vermochte vor Aufregung nicht ruhig zu bleiben, ging in die Küche, kam wieder zurück, horchte und seufzte. Sie erwartete einen fürchterlichen Zornesausbruch, er blieb aus. Und merkwürdig, sie hörte immer nur die Tochter reden, in einem halblauten, ruhigen Ton. Jetzt hörte sie Lachen— der Alte lachte.,. lachte! Sie blieb wie erstarrt. Was hat die ihm gesagt, was muß die ihm vorgeschwindelt haben! Sie stellte sich dicht an die Thür und legte ihr Ohr daran. „Du beanspruchst also nichts Bares?" hörte sie ihren Mann sagen. „Ich will gar nichts, Papa, als Deine moralische Unter» stützung. „Was?" „Deine moralische Unterstützung. Sobald Du Deine Zu» stimmung giebst und hinter mir stehst, dann erscheine ich un» abhängig und beschützt, dann habe ich einen Halt und kann auftreten wie eine Dame." „Natürlich, ganz natürlich, und wenn eine solche Unter» stützung nichts kostet—" „Die kostet Dich gar nichts." „Natürlich: sonst wäre sie ja nicht moralisch. Diese Unter» stützung kannst' haben, so viel Du willst." „Ich werde mit meinem Talent rasch in die Höhe kommen, viel verdienen: und wenn ich dann eine Künstlerin bin, dann habe ich meine eigne Wohnung, meine Dienerschaft und wenn ich einmal Lust Hab' zu heiraten, muß es ein Graf sein, mindestens ein Baron." Jetzt lachten beide. Frau Schöubrunner hob die Augen zum Hinunel. „Das Mädel is ganz verrückt, daß sie aber den Alten d'ran kriegt hat, das versteh ich nicht." 14. Kapitel. Weißgraue Wolken jagten vom Winde getrieben über das Firmament. Sie entluden sich zeitweise in einem heftigen Regenschauer, der rasch vorüber ging, aber das Trottoir naß und glitschig machte. Die breite Ringstraße entlang brauste der rauhe Nordost in verdoppelter Heftigkest. Er rüttelte an Ladenschilderu und Auslagen, trieb sein tolles Spiel mit den entlaubten Baum- krönen der Alleen, pfiff den Passanten um die Ohrels und versuchte ihnen die Hüte vom Kopfe zu reißen. Und während die so Bedrohten nach oben griffen, um sie festzuhalte», verfing er sich tückisch in Mäntelkragen und Frauenröcke. Es war ein Uhr, die Speisestunde der Wiener. Die Ringstraße war wenig belebt und die Wagen der Tramway verkehrten in längeren Zwischenräumen. Tini, in der einen Hand den Regenschirm, den sie nicht öffnen durfte, wenn sie ihn nicht sofort umgedreht haben wollte, hob mit der andern geschickt und zierlich den Rock in die Höhe, um sich ftißsrei zu machen, und schritt rasch die Ring- straße entlang. Ihre Wangen brannten: ihre Augen, die sonst so munter und herausfördernd nach allen Seiten guckten, schienen nichts zu sehen, nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie war noch zu sehr mit den Bildern und Vorgängen beschäftigt, die sie soeben erlebt, und konnte nicht davon los- kommen. Die Muskeln ihres Gesichtes zuckten, sein Ausdruck wandelte sich unter den verschiedenartigen Empfindungen, die in ihr nachzitterten. Sie rekapitulierte die Fragen, die man an sie gestellt, und ihre Lippen murmelten die Worte, die sie darauf geantwortet hatte. Sie lächelte oder biß sich in die Lippen, je nachdem sie fand, daß sie gelungen oder ungeschickt gewesen waren. Daun machte sie wohl eine energische Kopfbewegung und stieß einen Laut der Ungeduld aus, als wollte sie sich damit von allem befreien, das ihr an die Nerven griff. Sie kam aus der Theaterkanzlei. Zum ersten Male und mutterseelenallein war sie dahin gegangen, um sich den daselbst herrschenden Gewalten vor- zustellen. Die Visitkarte von Edmund Reich, worauf dieser einige sie empfehlende Zeilen gekritzelt, war ihr Geleitschein und sollte eine Audienz vermitteln. lFortsetzung folgt.): (Nachdruck verboten.) Seeluft und Seebäder. Von jeher ist die Seeküste daS Wanderziel von Kranken und Erholungsbedürftigen. Wenn in der wärmeren Jahreszeit in zu- nehmendem Maße das Bedürfnis sich fühlbar macht, einige Wochen fern von der gewohnte» Umgebung und frei von den Mühen und Verdrießlichkeiten der Alltagsarbeit der Erholung und der Pflege der Gesundheit zu widmen, dann flutet zumeist ein beträchtlicher Teil des allgemeinen Touristenstromes der Seeküste zu, und es ist keine Frage, daß die See nicht minder wie das Hochgebirge ihre be- geisterten Verehrer, ihre treuen, alljährlich wiederkehrenden Besucher hat. So verschieden zunächst auch Seeküste und Gebirge in all ihren physikalischen Verhältnissen erscheinen mögen, in manchen Beziehungen zeigen beide doch recht ähnliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus, und es ist zweifellos für den Gesunden ziemlich gleich- gültig, wohin er seine Schritte lenkt. Hier wie dort wird er alles finden, dessen er bedarf, um die verloren gegangene Spannkraft wiederzugewinnen. Schwieriger liegt die Sache für den Leidenden 'oder den der. Erholung im ernsteren Sinne Bedürftigen-, für ihn ist es doch sehr wichtig, alle wirksamen Faktoren sorgfältig gegeneinander abzuwägen, che er einen Entschluß faßt. In einem Punkte stimmen Seeklima und Gebirge miteinander überein. Hier wie dort herrscht im allgemeinen eine niedrige Durch- schnittstemveratur. die sich namentlich in der wärmeren Jahreszeit angenehm fühlbar macht und einen der Hauptanziehungspunkte bildet. Im ül'rigen bestehen aber doch erhebliche Verschiedenheiten. Mit der zunehmenden Höhe sinkt der Luftdruck in entsprechendem Verhältnis, die Atmosphäre wird dünner, ihr Sauerstoffgehalt ent- sprechend geringer und es bedarf häufigerer und tieferer Atemzüge, um das Luftbedürfnis zu befriedigen. So zweckmäßig nun diese An» regung für den Gesunden oder nur leicht Erkrankten auch ist, so ver- hängnisvoll könnte ihr Einfluß für Kranke werden, namentlich für Lungenleidende mit Neigung zu Blutungen oder für ältere Personen mit unelastischen, brüchigen Blutgefäßen. Die dünnere Luft wirkt nämlich wie ein Saugapparat auf das im Körper verteilte Blut und zieht es in die unter der Körperoberfläche gelegenen Gefäße, die mm einen viel höheren Druck auszuhalten haben und um so leichter bersten können. Dazu kommt noch als weiterer erschwerender Umstand die starke, körperliche Anstrengung, zu der der Gebirgs- aufenthalt in vielen Fällen verlockt. In all diesen Beziehungen ver- hält sich die Seeküste viel milder; der Luftdruck ist ziemlich hoch, die Atmungsfunktion ist in keiner Richtung erschwert, gleichzeitig sind aber an der Seeküste noch eine Reihe klimatischer Faktoren wirksam, die in ihrer Gesamtheit wohl geeignet sind, den wohl- thätigen Einfluß des Hochgebirges bis zu einem gewissen Grade zu ersetzen, ja ihn in bestimmten Beziehungen zu übertreffen. Wir haben schon auf die kühle Temperatur der Seeküste hin- gewiesen: in ihr besitzen wir ein sehr wertvolles Heil- und Kräftigungsmittel. Die Kälte ist ja ein Reiz, der wie wenige andre die Funkrionen der Atmung und der Blutcirkulation lebhast beein- flutzt und damit zu energischerer Thätigkeit der betreffenden Organe, zur Kräftigung des Herzens, der Lungen und der Blutgefäße den Answß gibt. Des weiteren wirft die kühle Temperatur auf den Gesanitorganismus. Indem diesem bedeutendere Wärmemengen ent- zogenwerden, ist«r, um die Körperwärme auf gleicher Höhe zu halten, gezwungen, ein erhöhtes Maß von Wärme zu erzeugen, es loerden also die Zersetzungsvorgänge in den Geweben angeregt, der Stoftwechsel wird gesteigert, der Appetit dementsprechend erhöht und ein vermehrter Anbau gesunder, leistungsfähiger Körpersubstanz, eine wahre Erneuerung des Organismus ist das Resultat dieser Funktions- ändcrungcn. Wenn wir diese Wirkung der Seeluft in den Vordergrund stellen, so dürfen wir darum doch nicht ihre übrigen heil- kräftigen Eigenschaften unterschätzen, obschon sie doch mehr als unter- stützende Faktoren in Betracht kommen. ES ist kein Zweifel, daß die wenigen Grade, um welche die Seeküste oft niedriger temperiert ist als das Binnenland, keine besonderen Wirkungen hervorrufen könnte, wenn nicht der Einfluß der stark beioegten Luft hinzukäme. An der Küste herrschen zumeist lebhafte Winde, abwechselnd vom Lande nach der See und von der See nach dem Lande. Sie sorgen in hervorragendem Maße für Reinhaltung und Erneuerung der Luft und erhöhen dadurch, daß fortwährend neue Luftmassen mit der Körperobcrfläche in Wärmeaustausch treten, den Einfluß der niederen Temperatur. Die Reinheit der Atemluft ist an der Meeres- küste nicht weniger vollkommen als im Gebirge. Die ausgiebige Ventilation sorgt für Entfernung aller gröberen, staubförmigen Ver- unreinigungen und zcrsetzungsfähigcn Massen, während die von der Mecresfläche zurückgeworfenen Sonnenstrahlen eines der kräftigsten Mittel sind, um organisierte Krankheits- und Zersctzungser reger in ihrer Entwicklung zu hemmen oder auch abzutöten. So sind denn an der Meeresküste die Bedingungen gegeben, um, ohne dem Er- holungsbedürftigen anstrengendere Leistungen zuzumuten, seinen Stoffwechsel anzuregen, den Appetit zu heben und dis wichtigste Nahrung, die Atmungsluft, in reiner Form zuzuführen. Wenn wir in unfern bisherigen Betrachtungen nur gradweise Unterschiede des See- und Gebirgsklimas kennen gelernt haben, so bietet doch die Seeluft noch besondere Eigentümlichkeiten, die ihr für gewisse Zustände den Wert eines Heilmittels verleihen. Im Gegensatz zum Gebirge ist die Luft an der See gewöhnlich ziemlich feucht. Diese Feuchtigkeit wird keineswegs unangenehm empfunden, die Temperatur ist zu niedrig, um die Empfindung der Schwüle auf- kommen zu lassen, und andrerseits sind die Windströmungen so leb- hast, daß die Wasserverdunstimg von der Körperoberfläche keinen Schwierigkeiten begegnet. Die Luft wird nur recht kühl empfunden, aber das ist, wie wir gesehen haben, ein wohlthäiger Reiz, an den mmc sich bei einiger Vorsicht ohne Nachteil gewöhnt. Die Seeluft enthält nun keineswegs nur reines Wasser, sondern der Zusammen- setzung des Meerwassers entsprechend, führen die Wasserstäubchen Salz mit sich, wir atmen also gleichwie aus einem großen Inhalier- apparat eine mit einer Salzlösung geschwängerte Luft ein. Das ist für bestimmte Krankhcitszustände von hoher Bedeutung. Katarrhe der Nase, des Rachens, der Luftröhre und ihrer Verzweigungen, die mit Austrocknung und Zähwerden des abgesonderten Schleimes ein- hergehen, werden durch den Aufenthalt an der See oft für lange Zeit erheblich gebessert. Während die Feuchtigkeit der Lust allein schon das lästige Gefühl der Trockenheit bannt, hat die in ihr ent- haltcne Salzlösung noch die Eigenschaft, den Schleim zum Teil zu lösen, Ivodurch die Wirkung bedeutend verstärkt wird. Es scheint sogar, daß jener leichte Reiz auf die Schleimhaut der Luftwege auch die Wiederherstellung normaler Verhältnisse begünstigt, denn nach einem Seeaufcnthalt empfinden die Kranken oft lange Zeit keine Beschwerden, bis ein« Unvorsichtigkeit oder eine Erkältung doch wieder das alte Uebel wachruft. Jedenfalls ist die wochenlange, andauernde Einatmung der salzgeschwängerten Luft von kräftigerer Wirkung, als die vorübergehenden Einatmimgen am Jnhalationsapparat. ~ Auch auf die äußere Haut wirft die Seeluft durch ihren Salz« gehalt mächtig ein und erhöht den Einfluß des Kältereizes auf Atmung, Cirkulation und Stoffwechsel. Ungleich kräftiger ist natür- lich noch die Wirkung der Seebäder; zu dcni Reiz der kühlen Lust auf die Hautoberfläche kommt noch der Einfluß der Sonnenstrahlen, die mechanische Einwirkung des Wellenschlages, der Gehalt des Meer- Wassers an erregenden Substanzen usw. Das ganze Heer der modernen Heilmittel, Lust, Licht, Waffer, findet sich also hier der- einigt, um den Organismus zu energischen Umsetzungen anzuregen. Auch schwächliche Personen können diese natürlichen Heilmittel be- nutzen und sogar unter Umständen bei vorsichtigen, Verhalten an den Gebrauch von Seebädern gewöhnt werden. Es ist ja bekannt, welche vorzüglichen Erfolge bei rachitischen, skrophulösen und blutarmen Kindern auf diese Weise erzielt werden, so daß man nicht mit Un- recht in den Seebädern eines der besten Vorbeugungsmittel der Tuberkulose erblickt. Ueberhaupt erscheint die Möglichkeit der vor- sichtigen Dosierung ein nicht univesentlicher Vorzug des Seeklimas vor dem Gebirge. Damit soll keineswegs das eine zu Gunsten des andern herabgesetzt werden. Wir wollen vielmehr froh sein, daß uns die Natur ihre wirksamsten Heilkräfte inmitten der herrlichsten Umgebung zur Verfügung stellt, so daß jeder nach seiner Neigung alles findet, was seiner Konstitution zuträglich und seinem Gemüt angenehm ist. Für den Gesunden darf darum im wesentlichen die persönliche Geschmacksrichtung oder das berechtigte Verlangen nach Abwechslung, nach neuen Eindrücken die Wahl des Erholungs- aufenthaltes bestimmen, für den Leidenden ist dagegen unter allen Umständen die Entscheidung eine ernste Sache, bei welcher die ver- schiedensten Faktoren, Höhenlage, mittlere Temperatur, vorwiegende Windrichtung, durchschnittliche Zahl der Niederschläge, Waldreichtum usw. Berücksichtigung verlangen. Aber im allgemeinen kann man doch den Grundsatz aufstellen, daß für den Schwächlichen, wenig Wider- ftandskräftigen das Seeklima günstigere und minder zweischneidige Heilfaktoren darbietet als das Hochgebirge.— Dr. med. F. Bernhart. kleines Feuilleton. so. Schifferkind. Ein krauslockiges, kleines Mädel, kaum neun. Ihre flachsgelben Haare flattern, ihr Gesicht ist gebräunt von Wind und Sonne. Ihr Vater hat die Boote unten am See, er verleiht sie an die Ruderer, die von Berlin her kommen, er fährt auch über nach dem andern Ufer. Es ist eine wundervolle Stelle drunten am See bei der Ueberfahrt. Die alten Kriippelweidcn hängen ihre Zweige weit über das steile Ufer bis ins Wasser hinab, bilden eine dichte, grüne Laube über der Flut. Gelbe Mummeln blühen und der Wind rauscht im Röhricht. Wenn draußen die Dampfer vorübergleiten, kommen große Schaukelwellen und schlagen am User in die Höhe wie eine wild empörte Brandung. Links hin steht hoch und finster der Kiefernwald, rechts aber zwischen Feldern und Gärten liegt das Dorf auf weißer Sanddüne, seine roten Ziegeldächer leuchten mit den roten Kirschen um die Wette. Ist auch den ganzen Tag da die Kleine, sollte eigentlich im Dorf sein, Mutter im Garten und in der Wirtschast helfen, fällt ihr aber gar nicht ein. Kaum daß die Schule aus ist, kommt sie tripp trapp, tripp trapp: Die Holzpantinen flappern. Heidi geht es die hohe Stöckerwcppe am Sandhang hinab und ist ein Lachen und Juchzen und Zwitschern, als känien junge Vögel aus dem Nest. Weg mit den Holzpantinen l Sie fliegen in das Gras, und nun die Röcke zusammengenommen und ins Wasser hinein. Patsch, patsch, patsch.. die Schaumperlcn fliegen ihr wie ein feiner Sprüh- regen ins Gesicht, aber das ist eine Lust l Uebrigens ist sie verständig, hilft schon im„Geschäft", sitzt in dem lleinen Fährmannshäuschen und verhandelt mit den Berlinern, die ganze fleine komische Kruke ehrpusselige Würde. „Eine Mark für die Stunde ist nicht zu teuer, mein Herrl Nein, eine Mark kostet es überall." Ihr Vater ist oben von der Waterkant, sie spricht den Dialekt der Pommern. „Aber, wem. Dein Vater grade überfährt, ist wohl noch nicht mal ein Boot zurecht?" „Das-nach ich Ihnen zurccht, mein Herr." Und da ist sie auch schon dabei, mit einem kühnen Schwung ist sie von der hohen Boots- brücke in den Kahn gesetzt. Eins zwei drei ist das Steuer an- gehängt, ist die Kette gelöst, liegt das Boot seitwärts an der Ruder- brücke. Und eS schwankt und schaukelt bei alledem und die eleganten Berlinerinnen, die schon vor Angst„quietschen", wenn es an's Ein- steigen geht, und die Geschichte ei« bißchen„kippelt", die eleganten Berlinerinnen schreien hell auf. „Nein, seht doch das Kind, so etwas kann solch Kind!" Das Kind kann aber noch viel mehr. Mittags liegt es in der Rudcrkiste auf den Petzen und blinzelt müde in die Sonne hinein. Wirklich ein hartes Lager zur Mittagsruhe. Aber durch die Krüppel- weidenzweige schaut man geradenwegs in den Himmel. Abends bringt es die Boote in'S Schilf, das ist ein Stück Arbeit, meine Herrschaften! Drei, vier Boote aneinander gehängt in langer Kette und im vordersten muß der Fährmann stehen und steuern. Und das macht das Kind. Eins, zwei— eins, zwei.. Gleichmäßig, im allerschönsten Takt läßt es die schweren Ruder ins Wasser fahren: eins, zwei— eins, zwei— und die lange, lange Bootflottille gleitet ruhig und sicher über den See und stößt nicht einmal an, an den Böotspfählen und Segelbooten, die hier verankert find, und verschwindet im Schilf. Im Schilf werden die Boote festgemacht für die Nacht. Eins nach dem andern kommt an seinen Ankerplatz, aus einem ins andre muß der Fährmann springen und wieder abstoßen und wieder an- legen und dabei aufpassen, daß es nicht auf den Sand kommt. Und das alles macht das Kind. Und dabei flüstert das Schilf im Abendwind. Wie ein geheimnis- volles Raunen geht es über das Wasser, und die Schatten von dem finsteren Walde her wachsen länger und immer länger... Und es ist eigentlich eine Zeit, wo sich Kinder graulen, wenn man sie allein ins Freie schickt. Aber das Kind grault sich gar nicht, es macht seine Boote fest und holt die andern und komnit dann im letzten zurück; aber nein, nicht zurück, es fährt noch ein Stückchen in den See hinaus. Dahin fährt es, wo die Dampfer kommen und die großen Schaukelwellen das Boot auf ihren Rücken nehmen und auf und nieder wiegen, auf und nieder. Da giebt's dem Boot einen kühnen Schwung, daß es die Wellen gerade schneidet, und zieht die Ruder ein und läßt sich treiben. Man hört es bis zum Lande juchzen, wenn eine große Wells kommt. Und am Lande stehen die Berliner und„quietschen" wieder. „Nein, seht doch das Kind I... Das ist ja schrecklich!" „Wie kann man denn solchem Kinde so was erlauben!" „Jawohl, das ist ja unerhört I Leiden Sie doch solchen Unfug nicht!" fährt eine Alte den Vater an, der an der Bootsbrücke lehnt und sein Pfeifchen schmaucht. Aber der Vater lacht nur:„Die weiß Bescheid von klein auf, bat is so allens die Gewohnheit." Und dabei schiebt er die Pfeife in die andre Mundecke, und seine Augen hängen an dem Boot, das daS Kind jetzt mit sicheren Ruder- schlügen zurück ans Ufer leitet.— — Bon den Berner Mcitschi erzählt ein Aufsatz in der Zeitschrift „Wandern und Reisen"(Düsseldorf. L. Schwann.): Die Berner Landmädchen, auch einfach„Meitschi" genannt, wenn sie längst den Kinderschuhen entwachsen sind, bekunden meist einen fröhlichen, harmlosen Sinn, erfreuen sich infolge ihrer naturgemäßen Lebens- weise einer guten Gesundheit, sind ausdauernd und arbeitsam und manchmal recht hübsch in ihrer Erscheinung. Des ferneren besitzen! sie einen natürlichen Humor, sind für wohlgemeinte Neckereien nicht unempfindlich und antworten witzig und schlagfertig. Wenn es aber jemand gelüsten sollte, unfern Meitschi in unziemlicher Weise zu nahe zu treten.— dann werden sie grob, und das handfeste Ve- nehmen des Bernermutz kann zum Durchbruch kommen; das hat schon mehr als einer erfahren! Selten ist es dem Touristen ver- gönnt, die Berner Mädchen in ihrem häuslichen Kreise schalten und walten zu sehen. Sotvohl das Emmenthal, als auch der Ober- aargau, Landschaften, in denen die echte und rechte Berner Bauern- same niedergelassen ist, werden vom Touristenstrome kaum berührt, und der Fremde begegnet den Bcrnerinnen zumeist nur in den Kur- orten, wo sie während der Saison als Aufwärterinnen in Hotels, Pensionen und in Geschäften ein ehrbares Auskommen finden. Dort erkennt er sie sogleich an der malerischen, eigenartigen Landestracht, die sich, wie sonst nur wenige schweizerische Volkstrachten, seit Jahr- Hunderten in fast unveränderter Weise erhalten hat. Es stecken auch hier und da Baseler oder Zürcher Kinder in der Berner Tracht. aber die meisten Töchter stammen aus guten, oft behäbigen bernischen Bauernfamilien. Unter zahlreichen Geschwistern findet sich immer das eine oder das andre, dem die heimatliche Scholle zu wenig Ab- wechselung bietet, und das sich mit Einwilligung der Eltern den Sommer hindurch in einen Fremdenort begiebt. Beim Beginn der Reisezeit wird das Bündel geschnürt, und die schöne Tracht, dia sonst nur an Sonntagen zu Ehren kommt, wird in der Saisonstelle zum täglichen Hauskleid. Nehmen wir an, daß Züsikathi(Susanna- Katharina) bereite sich vor zur Abreise nach Jnterlaken. Da ist das erste die Sorge um die schöne Tracht. Das Müetti(die Mutter); holt das schwarze Sammetmieder aus dem Schrank hervor, dann werden die blendend weiße, aus feinster heimischer Leinwand ge- woben? Hemdenbrust sowie die weiten Aermel neu aufgebügelt. Ein schwarzer Rock(Jüpe genannt) und eine farbige, lange. Schürze vervollständigen das Kostüm bis auf den Miedcrschmuck, der in der eichenen Familientruhc, in Seidcnpapier gewickelt� ausbcwährt ist, Dieser Schmuck besteht aus feinen sflbtwnen Ketten und durch- brochenen oder hübsch ciselierten Rosetten, mit Haken und Ocsen versehen. Die Göllertkettchen und Rosetten bilden den Stolz einer Berncr Bauerntochter und zudem ein wertvolles Andenken an die Voreltern, von denen sie ererbt wurden. Je nach dem Vermögens- stände der Besitzerin ist der Schmuck verschieden reich; ein Gehänge von sechs und mehr Kettchcn an einem Strang verrät schon Wohl- habenheit. Der moderne Hut. den das Züsikäthi sich nun zurecht- setzt, gehört« nicht zur ursprünglichen Tracht; früher wareff schwarze Spitzenhauben und schwefelgelbe Strohhütchen mit breiter Krampe und langen, herabwallenden Bändern im Gebrauch, die man heutzutage leider selten mehr sieht. Nun steht unser Meitschi ftx und fertig da; nur das Röslein im Mieder fehlt noch, und das steckt ihm der Jakob, sein Schatz, kurz bor der Abreise ms gelobte Ober- land� pem Berner Wägeli noch heimlich zu.> Medizinisches. se. Eine neue Behandlung der Kurzsichtig- keit. Auf dem letzten„Kongreh der Gelehrten Gesellschaften Frank- -reichs" hat der Augenarzt Dr. Leprince auf Grund einer vieljährigen Erfahrung über die Behandlung der Kurzsichtigkeit gesprochen. Er ist von dem Standpunkt ausgegangen, daß es für eine so verwickelte Erscheinung nicht ein einziges Heilmittel geben könne, sondern daß der Grad und die Art der Kurzsichtigkeit berücksichtigt werden müsse. Er unterscheidet zwischen schwacher, mittlerer und starker Kurzsichtigkeit, oder, wie die Wissenschaft sich ausdrückt, Myopie. Die schwache fturzsichtigkeit nennt er nach ihrem leider gewöhnlichen Ursprung Schulmyopie, weil sie sich sehr häufig bei Schülern findet. Gegen sie müsien vor allem vorbeugende Maßregeln ergriffen werden, um eine weitere Entwicklung des Leidens zu verhindern und es, wenn möglich, noch zu heilen. Für die wichtigsten Mittel hält Leprince in dieser Hinsicht die Massage des Augapfels und der Gegend der Augenbrauen und meint, daß man in drei Vierteln aller Fälle auf diesem Wege die Notwendigkeit des Gebrauchs von Augengläsern verhindern könne. In der zweiten Klasse der Kurzsichtigkeit, die weitaus die meisten Fälle in sich schließt, ist die Anwendung von Gläsern angezeigt. Ist die Myopie noch nicht so weit vorgeschritten, so kann auch hier die Massage noch eine Besserung herbeiführen, indem sie den Stoffwechsel innerhalb des Auges, mit andren Worten seine Ernährung durch den Säftezufluß, anregt. Daß die Aus- wähl der Gläser mit großer Sorgfalt für jede einzelne Person ge- schehen mutz, ist selbstverständlich, kann aber nicht oft genug wieder- holt werden. Durch eine passende Behandlung kann ein Kurz- sichtiger dieser Klasse dazu gebracht werden, daß er zehn oder zwölf Stunden ohne Beschwerden zu arbeiten vermag. Besonders merkwürdig ist nun erst die Art, wie Dr. Leprince die starke Kurzsichtigkeit behandelt. Zunächst schreibt er den Ge- brauch von Gläsern vor, dann aber versucht er die weitere Zunahme der Myopie von Grund aus zu verhindern, und zwar durch Ein- spritzungen unter die Bindehaut des Auges. Als Jmpfflüssigkeit wendet er eine Salzlösung an, die unter dem Namen des physiologi- sehen Serums bekannt ist und auch zu andren Zwecken schon vielfach von den Aerzten benutzt wird. Die Flüssigkeit dringt unmittelbar durch die Lymphwege in den Säftekreislauf des Auges ein und bringt so das Heilmittel bis an die Stelle selbst, die durch eine Blutung oder andre Störungen erkrankt ist. Dadurch wird die Wirkung eine viel stärkere als bei der Anwendung von äußerlichen Mitteln oder Augenbädern. Mehr oder weniger starke Trübungen des Glas- körpers sowie die ungemein lästige Beeinträchtigung des Gesichts- selbes durch die Erscheinung von faden-, netz- oder spinnenartigcn Gebilden werden durch diese Behandlung geheilt. Bei besonders verwickelten Erkrankungen wendet Dr. Leprince noch andre Arzneien neben der Salzlösung an. Das Verfahren selbst ist für den Patienten keineswegs unangenehm, wenn das Auge vorher durch Kokain un- beweglich oder unempfindlich gemacht ist. Nach jeder Einspritzung ist nur eine Schonung von zwei oder drei Stunden erforderlich, ehe der Kranke wieder seiner Arbeit nachgehen kann. Eine merkliche Besserung tritt gewöhnlich nach der vierten oder fünften Ein- spritzung ein. Tie Gesichtsschärfe steigert sich langsam, freilich niemals bis zur Güte eines ganz gesunden Auges. Vor allem aber verschwinden die quälenden Nebenerscheinungen, und ein weiterer Fortschritt der Kurzsichtigkeit wird sicher verhindert. Besonderes Gewicht legt der Arzt auf die Beeinflussung des bei starker Kurz- sichtigkeit stets erkrankten Glaskörpers, der durch die Einspritzungen eine erhöhte Leistungsfähigkeit zurückerhält. Endlich ist auch die Tragweite des Verfahrens für die Vermeidung noch schwererer Augen- krankheiten Hervorzuheben, namentlich der Netzhautablösung, eines bis jetzt leider noch fast unheilbaren Leidens.— Geologisches. cg. Geologisches von Helgoland. Die großen Bodenbewegungen, welche die Grenzen zwischen Festland und Meer seit ältester Zeit verschoben haben, sind auch in jüngeren Erdperioden noch nachzuweisen. Namentlich sind an den Küsten der Ostsee und Nordsee mehrere Anzeichen beobachtet worden, die auf eine Ver- änderung des Meeresniveaus nach der Eiszeit hindeuten. Jetzt neuerdings hat auch W. Wolfs in seinen geologischen Beobachtungen auf Helgoland(„Monatsberichte der Deutschen geologischen Ge- fellschaft", ISOZ, Nr. 7) auf Beweise für solche Niveauschwankungen aufmerksam gemacht. Die Insel Helgoland besteht aus einem hohen, steilen Felsenblock und einer niederen Düne, die beide nur der über die Meeresoberfläche hervorragende Teil einer großen unterseeischen Landmasse sind. Di: b-tztere besteht aus Gestein, das in alter Zeit bis zur Kreideperiode herauf abgelagert worden ist. Dieser unter- seeische Landrücken ist im Bereiche der heutigen Insel in seinem ganzen Umfange leicht festzustellen, während an seinen äußeren Grenzen die Meerestiefe jäh zunimmt. Ursprünglich hat nun offenbar der ganze Landrücken einmal die Höhe besessen, die heute nur noch die steile Hauptinsel besitzt. Allein die Wellen der Nordsee haben an dem oberen Teil der Landmasse, soweit er über der Wasser- obcrfläch» liegt, unaufhörlich genagt, und sie haben ihn soweit ab- getragen, daß nur noch ein Stück davon, eben die heutige Hauptinsel, übrig geblieben ist. Nach der Abrasion, die noch heute erfolgt, und die im Jahrhundert einen Landschwund von 3— 5 Metern Breite bedeutet, läßt sich berechnen, wieviel Zeit die Nordsee gebraucht hat, um die ganze Landmasse bis zu ihrer heutigen Forat abzutragen. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Man gelangt da auf eine Zeit von 10 000— 15 000 Jahren. Diese Zahl ist sehr interessant, man ersieht aus ihr, daß die Nordsee erst seit verhältnismäßig junger Zeit Helgoland umspült. Man kann allerdings daraus zunächst noch nicht mit Sicherheit schließen, daß sich Helgoland nebst seiner Umgebung um jene Zeit so weit gesenkt habe, daß die Fluten der benachbarten Nordsee über das Land herein- brachen und es umspülten. Es wäre auch möglich, daß zu jener Zeit das Binneneis geschmolzen und dadurch das Niveau der Nordsee soweit gehoben worden sei, daß diese nun bis Helgoland vordrang. In diesem Falle hätte also keine Boden' chwankung stattgefunden. Allein für diese, für ein Hinabsinken der Erdscholle, auf der Helgo- land steht, sprechen doch zwei verschiedene Erscheinungen. Einmal hat man auf der Doggerbank Reste vom Renntier und Mammut ge- funden. Es mutz also damals auf Helgoland eine Periode gegeben haben, wo dieses Festland war, nachdem das Binneneis ver» schwunden war, und ehe die Fluten der Nordsee hereinbrachen. Sodann aber spricht ein weiterer Umstand für die Niveausenkung Helgolands. Es sind nämlich fünf Meter unter der Meeresoberfläche im Nordhafen und bei den Klippen nördlich der Düne nacheiszeitliche Pfanzen- und Tierreste gefunden worden, die in süßem'Wasser ab- gelagert worden sind. Eine solche Süßwasserablagerung konnte natürlich nur erfolgen, wenn zwischen der Vereisung und der Ueber- flutung durch die Nordsee eine Festlandszeit lag. Wir müssen des- halb annehmen, daß Helgoland nach der Eiszeit noch eine Zeitlang zum Festlande gehörte, daß aber dann der Boden sich senkte und das Land, zu dem Helgoland gehörte, vom Meere überflutet wurde. Helgoland ragte aber damals als bedeutend größere Insel aus dem Meere hervor, die Wellen nagten indes unaufhörlich an der Küste, so daß der obere Teil der Insel bis auf den heuttgen Rest zerstört wurde.— Humoristisches. — Der arme Magen. Arzt(zum Patienten):„Von dieser Medizin dürfen Sie aber nichts verschütten, sonst ruinieren Sie's Nachtkast'l!"- — Deutlich. Fremder(der nach Besichttgung des Schlosses dem Kastellan ein sehr kleines Trinkgeld gegeben hat):„Sagen Sie guter Freund, spukt's denn hier auch manchmal?" K a st e l l a n(grob):„Unter einer Mark nicht l'— — Viel verlangt. Grapholog:„Was unsereins nicht alles wissen soll. Gestern schickt mir eine Mutter, die den Zu» künstigen ihrer Tochter zum Essen einladen will, dessen Schriftzüge, mit der Bitte, aus ihnen herauszubringen, was seine Leibspeise ist l"—(„Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Historische Lieder(Bylinen) aus Sibirien hat die Abteilung für russische Sprache und Litteratur der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg eben in ihren„Nachrichten" heraus- gegeben. Diese Lieder sind schon in den sechziger Jahren von dem verstorbenen sibirischen Ethnographen S. I. Guljajew gesammelt worden und haben für Forscher und Liebhaber der epischen Volks- altertümer ein hoheö Interesse.—(„Globus".) — Das Leipziger Schauspielhaus wird anfangs der Saison Josef Stolbas dreiakttges Lustspiel„DieSeebad- Nixe" erstmalig aufführen.— — Die in Mailand preisgekrönte einastige Operette„Die Ziegenhirtin" von Dupont wird im Herbst dieses Jahres an der Wiener H o f o p e r zur Aufführung gelangen.— t. Glasierte Butter. Es ist auch in Deutschland längst bekannt, daß sich die Butter mit Anwendung von Hucker glasieren, d. h. mit einem glasähnlichen Ueberzug versehen läßt. Das Ver- fahren scheint jetzt Bedeutung zu erhalten, da es neuerdings in Eng- land in größerem Maßstabe für die in Formen verkaufte Butter Anwendung findet. Die„Droguisten-Zeitung" macht daher auf den Nutzen dieser Nenerung aufmerksam, der darin besteht, daß sich die so behandelte Butter längere Zeit hält. Sie wird zuerst sehr sorg- fältig geknetet und gewaschen, dann in Pfunde abgewogen, gesonnt und in einen kühlen Raum gebracht. Die Glasierung erfolgt nun in der Weise, daß die Oberfläche der Butter mit einer heißen Zucker- lösung bepinselt wird. Der Pinsel muß sehr weich sein und rasch über die Butter geführt werden. Unter der Wirkung der heißen Lösung schmilzt eine dünne Schicht der Butter an der Oberfläche und verbindet sich mit der Zuckerlösung zu einem eisähnlichen glänzenden Lack, der die Ware gegen verschlechternde Einflüsse von außen her vollkommen schützt.— c. Per Dampf. Einen Rekord im Romanschreiben stellt die englische Schriftstellerin Mrs. L. T. Meade auf. wenigstens in der Schnelligkeit. Wenn sie im Zuge ist, diktiert sie. wie eine englische Zeitschrist verrät, ihren zwei oder drei Sekretärinnen 6000 Worte täglich.— —„Glücklicherweise". In einer vom ftanzösischen Kolonialministerium veröffentlichten Note über die Zustände in den französischen Besitzungen Jndochinas findet sich folgender Satz: „Die Bewohner Cambodgas sehen es als die schwerste Beleidigung an, die man ihnen zuzufügen vermag, wenn man ihnen den Kopf abschneidet; die andren Völker Jndochinas teilen„glücklicherwerse nicht dieses Vorurteil."—______ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..Berlin L1V.