IlnterhattungMatt des Vorwärts Nr. 128. Freitag, den 1. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 2Si Im Vaterdaulc. Socialer Roman von Minna Kautsky. „Ich werde in der Dreß sehr gut aussehen, Sie können sich darauf verlassen/' sagte Tini. „Das soll ich Ihnen aufs Wort glauben?— Na—" macht er mit der Hand abwinkend, als wolle er es derzeit dahin gestellt sein lassen.—„Hauptsache ist, können Sie fahren?" „Sehr gut." „Getrauen Sie sich eine kleine Steigung zu nehmen und auf der andern herabzurasen, um bei der Rampe rasch Halt zu machen und abzuspringen?" „Das ist mir nur ein Spaß." „Bravo, Sie kriegen die Rolle— Hand darauf." Sie legte die ihrige hinein: er zog sie näher und legte den Arm fest um ihre Taille. Sie duldete es trotz des Wider- willens, den sie gegen ihn empfand. Was sollte sie thun? Beim Theater umarmen sich alle und sie durfte sich's mit ihm nicht verderben, er war zu ein- flußreich. Sie brachte es über sich, ihn lächelnd zu bitten, er möge sie nicht vergessen. Mit wiederholten Knixen verabschiedete sie sich. Er nickte gönnerhaft und trieb die Artigkeit so weit, sie bis an die Thüre zu geleiten. Wie ihr das alles durch den Sinn ging, als sie, den Kopf gesenkt, rasch die Ringstraße dahinschritt— Jedes Wort, jede Geste hatte sich fest ihr eingeprägt, sie war bis ins Innerste aufgewühlt. Als ein Tramway klingelnd an ihr vorüber fuhr, blickte sie auf. Es war gerade die Matzleinsdorfer! Wie fatal! Sie war über die Haltestelle hinausgegangen und mußte umkehren. Als sie sich wendete, fuhr ein Privatequipage so dicht gegen das Trottoir heran, daß ihre Kleider bespritzt wurden. „Dummer Kerl!" schrie sie entrüstet. „Und da sitzen gar Zwa am Bock und kann kaner acht geben!" Im ausbrechenden Zorn kam die Borstadtwienerin drastisch zum Vorschein. Aber schon hielt der Wagen mit jähem Ruck und Baron Brandt sprang mit einer Flinkheit heraus, die man seinem Alter nicht zugemutet hätte. „Ah, Fräulein Schönbrunner— verzeihen Sie, ich bin untröstlich über die Ungeschicklichkeit meines Kutschers—" «O, Baron—" sagte sie mit nachsichtigem Lächeln. Mit überraschender VerWandlungsfähigkeit hatte sie sich der Situation angepaßt und versucht, dem Baron gegenüber sich „fein" zu aeben. „Woher kommen Sie bei dem schlechten Wetter?" fragte er. „Direkt aus der Theaterkanzlei!" „I was— nun, wie war es, wie hat man Sie auf- genommen?" „Sehr liebenswürdig— man war sehr freundlich mit mir—" sie senkte die Augen ein wenig, als verbiete ihre Be- scheidenheit ihr, mehr zu sagen, dann— mit triumphierendem Blick:„Thatsache ist, daß ich nächstens auftreten werde." „Charmant, ich bin entzückt. Und wohin wollm Sie jetzt?" „Nach Hause— mein Papa weiß noch gar nichts— Jesus!" schrie sie auf, alle Feinheit vergessend—„da fahrt mir die Tramway wieder vor der Nasen vorbei!" „Wenn Sie mir erlauben wollten, Sie in meinem Wagen nach Hause zu bringen—" Ein leises Nicken ihrerseits und schon hatte auf einen Wink der am Wagenschlag harrende Diener denselben geöffnet, sie hüpfte hinein „Haben Sie die Gnade, mir Ihre Adresse zu nennen." Sie hatte die Gnade, und als sie jetzt in dem eleganten Coup6 saß, auf den federnden Kissen in kornblauer Seide und der Wagen auf Gummirädern in Trab und doch so sanft dahin fuhr, da hätte sie aufschreien mögen vor Lust, in toller Aus- gelafsenheit in die Hände schlagen, aber sie bezwang sich klüglich. Sie saß ruhig und überließ dem alten Herrn ihre beiden Hände, die er abwechselnd küßte. Sie merkte es gar nicht. Lächelnd Nickte sie seinen Worten zu, ohne sie zu verstehen. Sie baute an dem stolzen Gebäude ihrer Zukunft. Einen herrschaftlichen Wagen wie diesen— einen feschen Kutscher, wie der am Bock, Toiletten wie die Szontag— aber sie selbst eine andre— nobler, feiner, gescheiter— mit Recht bewundert und angebetet, denn sie wird eine große Künstlerin sein. Mit vornehmer Grazie lehnte sie sich in die seidnen Kissen zurück, überrieselt von Schauern des Entzückens. 15. Kapitel. Tini hatte ein Röllchen zugeschickt erhalten und zugleich den Probezettel. Sie durchlas es in fliegender Hast und warf es ärgerlich auf den Tisch. Ist das auch eine Rolle, ein solcher Schmarrn! Ein Fräulein Mimi in einem französischen Salonstück war ihr zugeteilt worden; eine einzige Scene, einige Sätze enthaltend, und gerade den längsten und muntersten Satz hatte die Regie noch nachträglich heraus gestrichen. Es war empörend! Glaubte man vielleicht, sie würde nicht treffen, die paar Worte anmutig zu sprechen, man wird schon sehen. Voll Mut, im glücklichen Selbstvertrauen war sie auf die Probe gekommen— in ihrem Eifer zu früh. Es war niemand zu sehen, und sie ließ sich von dem Portier auf die Bühne führen. Da stand sie nun auf dem Podium und wußte sich in dem Dämmerlicht und den riesigen Dimensionen eines Bühnen- raumes gar nicht zurecht zu finden. An den Seitenkoulissen brannten einige Flammen. Ihr Licht, von der Dunkelheit aufgezehrt, reichte nur eben hin, den Raum ins Unendliche auszudehnen, der nur hie und da von unbestimmten, hochragenden, phantastischen Formen begrenz! erschien. Der Bühnenvorhang war aufgezogen; sie blickte hinaus in einen schwarzen gewaltigen Schlund von gähnender Leere. Die Logen und Sitzreihen waren mit dunklen Tüchern verhüllt, nur weit, oben, weit, weit hinten glitzerte etwas, da fiel ein Schimmer von Licht auf die Vergoldungen der Galerie. Wie hell und farbig wird sich der Raum abends im Lichter- glänz präsentieren, und hier wird sie stehen und in die aneinander gedrängten Gesichter des Publikums sehen, selbst ein Zielpunkt für alle Blicke, für die mit Gläsern bewaffneten Augen, die vielen Augen! Wie wird ihr da zu Mute sein? Sie that einige Schritte; es hallte so sonderbar. Sie blickte aufwärts— welch' ein unentwirrbares Laby- rinth von Galerien und Brücken, Schnüren, Latten und Rahmen. Ein Schimmer von Tageslicht, den die dunklen Massen, die dicht neben einander aufgehängt waren, nur in schmalen Streifen durchließen, stahl sich von oben herein. Sie war nicht mehr allein. Sie konnte zwar keinen Menschen entdecken, aber sie vernahm eine Stimme, die kurze Weisungen gab.— Signale ertönten. Plötzlich gab es ein Rauschen von oben her, etwaks Dunkles bewegte sich und schien auf sie herabzukommen. „Achtung!" hörte sie rufen— sie sprang seitwärts. Im nächsten Moment stieß eine große, die Bühne abschließende Wand auf den Boden an. Sie hatten eine Dekoration herabgelassen und Tini befand sich hinter derselben. Da ertönte der Kommando- ruf:„Auf!" und die Wand wurde langsam wieder in die Höhe gezogen. Tini trachtete von der gefährlichen Stelle weg und nach vorn zu kommen, da senkte sich eine zweite Wand gerade ober ihrem Kopfe. Sie stieß einen lauten Schrei aus, aber schon war ein Arbeiter in einer blauen Barchentjacke auf sie zuge- treten und ersuchte sie höflich, von hier fort zu gehen. Als sie sich nicht rührte, sie war zu konsterniert und er- schrocken, nahm er sie bei der Hand und führte sie sanft nach vorne, nach dem Souffleurkasten. Er zeigte auf den Stuhl des Regisseurs und sagte:„Da sind Sie sicher, Fräulein, da können Sie ruhig zusehen, wenn Sie's interessiert, wie wir das Zimmer zum 1. Akt stellen, aber besser wär's, Sie gingen in die Garderobe, die ist geheizt." Sie gestand verschämt, daß sie zum erstenmal hier sei, unq nicht wisse, wo sich dieselbe befinde. Er gab mit der Hand die Richtung an und bemerkt« schmunzelnd:„Sie werden's schon finden, die Schauspieler machen genug Spektakel, gehen Sie nur hübsch den Stimmen nach." Er salutierte und sprang hinweg. Sie ging nach rück« — 510 BotfS, und als sich jetzt eine Thür öffnete, drang ein Schwall sonorer Stimmen heraus, die sie rasch orientierten. Mehr als ein Dutzend Schauspieler und Schauspielerinnen sahen in dem Konversationszimmer lachend und plaudernd beisammen, auf das Zeichen des Inspizienten wartend, das den Beginn der Nßrobe verkündet. Die Herren hatten die Hüte am Kopf und starrten die Hereinkommende dreist und neugierig an. Nur zwei hatten ben verlegenen Gruß des jungen Mädchens mit einem flüchtigen Nicken erwidert. Die Damen nahmen einfach keine Notiz von ihr. Keiner der Herren erhob sich, um ihr Platz zu machen, und die Konversation, die keinen Augenblick gestockt, ging un- gehindert weiter. In dieser Grut>pe amüsierten sich einige Schauspieler, eine kleine Solistin, ein wunderhübsches Mädchen, wegen ihres dekrepiten Verehrers zu frotzeln und sie setzten ihr unablässig zu, um ihr das Geständnis zu entreißen, daß sie ihm bereits einen solideren Nebenbuhler gegeben habe. Sie läugnete, es sei nicht wahr, als ihr aber einer einen Namen ins Ohr raunte, so laut, daß ihn alle verstehen konnten, da zog sie ein Mäulchen und stimmte endlich in das schallende Lachen mit ein. Tini hatte sich diskret dem Fenster zugewendet und lehnte sich an dasselbe. Sie merkte wohl, daß ihre Nähe dem Pärchen, das da zu- sammen flüsterte und sich an einander drückte, nicht erfreulich war, sie ließen es auch an feindlichen Blicken nicht fehlen, aber mein Gott, sie mußte doch irgendwo sein. Schließlich erwachte ihr Trotz: Sie hatte eine Rolle, sie gehört ebenso gut herein, wie die übrigen. Das Zeichen zum Beginn der Probe erlöste sie aus dieser Situtation. Sie begab sich auf die Bühne und stellte sich dem Regisseur vor. Er überwies sie dem Inspizienten, und dieser schickte sie in die Garderobe zurück. „Sie haben erst im dritten Akt zu thun— Sie werden gerufen, wenn's Zeit ist: so weit kommen wir heute wahrschein- lich gar nicht," erklärte er barsch. Der Mann hatte recht. l Fortsetzung folgt.): (Nachdruck verboten.) Der neue Botamfehe Garten zu Dahlem* Von Curt Grottewitz. (Schluß.) Wer unsre Kulturpflanzen genau kennen lernen will,— so weit Kr Anbau bei uns ini Freien möglich ist,— der wird auch diese Gewächsgruppen in besondren Abteilungen zusammengestellt finden. Daß mit dem Garten ein Museum verbunden ist, in dem namentlich die gewaltigen Herbarschätze des Museums im alten Berliner botanischen Garten aufgespeichert find, und worin sich Hörsäle für die Studierenden der Botanik befinden, versteht sich fast von selbst. Auch den Pflanzen warmer und heißer Länder lvird in großen Gewächshäusern, die aber noch nicht fertig und für daS Publikum noch nicht geöffnet sind, genügend Aufmerksamkeit zu teil. Auch in dieser Beziehung ist fast alle? in viel größerem Maßstäbe angelegt, als in dem alten Garten. Wie bereits bemerkt, nehmen die pflanzengeographischen Anlagen den breitesten Raum des Gartens ein. Sie sind nicht nur in wissenschaftlicher Beziehung einzigartig, sie bilden auch für das größere Publikum den Hauptanziehungspunkt. Werden doch hier jedem naturgetreue Landschaften der verschiedensten Länder vor Lugen geführt, ja, sie werden ihm nicht nur in irgend welcher toten Reproduktion gezeigt, sondern jeder hat Gelegenheit, diese Land- schaften selbst zu durchwandern. Es sind gewissermaßen lebende Ausschnitte aus der Natur jener Gegenden, Pflanzenscenerien, wie er fie sehen würde, wenn er in ihnen selbst dahinwanderte. Im alten Garten wurde die Illusion dadurch leicht ge« stört, daß die Formattonen zu klein waren, man konnte von jeder einzelnen die benachbarten sehen. Hier aber kann man in den Hauptlandschaften schon eine geraume Zeit umherwanden:, man wird besonders in einem Gebiete, von„Daltfchlmid" natürlich ganz zu schweigen, aber selbst von Nordamerika, Japan, Sibirien so lange festgehalten, daß wirklich nicht viel Einbildungskraft dazu gehört, um sich ganz in das be- treffende Gebiet mit seiner ihm eignen Pflanzenwelt versetzt zu fühlen. Es ist selbstverständlich, daß jeder dadurch von der Flora einen ganz andren, viel intensiveren Eindruck gewinnt, als wenn ihm die Pflanzen der einzelnen Gegenden in willkürlich zusammen- gestellten einzelnen Exemplaren vorgeführt würden. Der Unterschied ist der, wie zwischen Heu und GraS, wie zwischen Theorie und Praxis, wie zwischen Blld und Leben. Wir sehen und erleben das Wirken der herrschenden Pflanzenscenerien in dem betreffenden Lande, und dieses selbst tritt uns dadurch näher. Für die Kenntnis eines Landes ist die Planzenwelt von keiner geringen Bedeutung, sie ist vielfach der Schlüssel zum Verständnis des Klimas, der Boden» beschaffenheit und der Beschäftigung der Einwohner. Darum haben diese pflanzengeographischen Anlagen noch ein größeres als bloß botanisches Interesse. Selbstverständlich können bei uns im Freien nur die Pflanzen- formationen gemäßigter Zonen Aufnahme finden. Unser Klima ver- bietet es, tropische Wälder, ja auch die immergriinen Buschwälder des Mittelmeergebietes bei uns anzupflanzen. Allein die Kontinente haben geradein der Zonenlage, in der wir unS befinden, einen sehr breiten Rücken. Mitteleuropa, das weite' Sibirien, ein großer Teil von China und Japan, das gewalttge Gebiet Nordamerikas mit Aus- schluß einiger Südstaaten fällt in diese Region, deren Pflanzen» landschasten im allgemeinen bei unS im Freien nachgebildet werden können. Es kommen aber dazu noch manche Gebiete, die zwar sehr südlich, aber in großer Meereshöhe liegen, wie z. B. der Himalapa. Nun verfügen die Gewächshäuser des Gartens außerdem über einen solchen Reichtum von respettablen Topfgewächsen, daß selbst von einigen Formationen, die bei uns im Freien nicht darstellbar sind. doch ein einigermaßen eindrucksvolles Bild geschaffen werden kann. Das ist zum Beispiel mit den erwähnten hartlaubigen Bnschwäldern — den soaenannten Macchicn Italiens— der Fall, von denen man dank den schönen, großen mit dem Kübel in die Erde gesetzten Exemplaren von immergrünen Eichen, Lorbeer, Myrten usw. eine recht anschauliche Pflanzenscenerie zusammengebracht hat. Als eine große Sehenswürdigkeit müssen die Alpenanlagen gelten. Sie sind von einem— fiir künstliche Verhältnisse— ganz unerhört großen Umfancs. Der Umstand, daß das Terrain an und für sich wellig ist und einzelne Höhenrücke» durch Aufbringung von Erde ohne allzu große Mühe noch erhöht werden konnten, kam der Anlage sehr zu statten. Mit außerordentlich großem Geschick wurden aber diese Höhen mit Steinen so belegt, daß das Ganze den Ein» druck von Felsmassen macht. Es gilt in garten-architektonischen Kreisen als eine große Schwierigkeit, einen natürlich aussehenden Felsen herzustellen. Denn man kann doch nicht kubikmetergroße Granitblöcke von entlegenen Gegenden hcrbeitransportteren. Kleine Steine aber zu natürlich aussehenden Wänden und Felsvorsprüngen zusammenzustellen, dazu gehört eine künstlerische Hand. Im Dahlemer Garten sind nun zwar recht statttiche Steine zur Ver» Wendung gelangt, aber auch hier konnte doch nur durch eine garten- künstleriich hochbegabte Kraft jener volle Eindruck des Natürlichen und Naturgemäßen erzielt werden, den wir in diesen Alpenpartten bewundern müffen. Es wird das Ideal einer pflanzengeographischen Anlage sein, jeder Pflanzcnformation möglichst die Bedingungen, also besonder» die Bodenbeschaffenheit zu geben, die sie in der Natur hat. Dadurch wird nicht nur ihr Gedeihen gesichert, sondern sie wird so auch am besten in Ordnung zu halten sein und von Unkraut— das ist jede andre nicht zugehörige Pflanze— nicht überwuchert werden. In den Alpen- anlagen ist nun die„Echtheit" so weit geführt worden, daß selbst das Gestein der Felsen genau demjenigen entspricht, auf dem die betteffende Formatton in der Natur wächst. Wir finden also hier Kalkgestein:n den„Voralpen", Granit im„Riesengebirge", Marmor in den„Apenninen" usw. Indes darf man nicht denken, daß diese Echtheit im Gestein nur etwas Aeußerliches wäre. Viele Pflanzen wachsen gut nur auf einem bestimmten Gestein, und es ist daher nur richtig, daß jeder Pflanze der Boden ihrer Heimat gegeben wird. Die Alpenanlagen umfaffen nicht nur die eigentlichen Alpen, sondern auch verschiedene andre Hochgebirge der Welt. Am wunderbarsten durchgeführt, geradezu minutiös in der Ausarbeitung ihrer Pflanzenscenerien sind die eigentlichen Alpen behandelt. A. Engler, der gerade dieses Gebiet genau kennt, wollte wohl an ihm am eindringlichsten zeigen, wie er sich das Ideal einer pflanzen- geographischen Anlage vorstellt. Die Formationen des übrigen Mitteleuropa sind ja auch ganz naturgetreu durchgeführt, aber ihre Zahl ist nicht besonders groß, und ihre Darstellung bietet weniger Schwierigkeiten. Andrerseits aber sind die Pflanzengebiele ftemder Erdteile doch noch nicht so exakt durchforscht, daß schon jede kleine und weniger auffällige Formatton be- kannt wäre. Aber an den Alpen ließ sich gerade zeigen, daß sich auf einem verhälttiismäßig kleinen Gebiet sehr verschieden» arttge Pflanzenscenerien zufammendrängen können, und es mußte einen so genauen Kenner derselben, wie es Engler ist, reizen, gerade diese einmal recht nattirgemäß wiederzugeben, ganz im Gegensatz zu den jetzt in Mode kommenden Alpenanlagen, in denen die Pflanzen verschiedenster Standorte kraus durcheinander gewürfelt sind. So finden wir hier denn jede Pflanzenformation, die uns auf den Alpen begegnet, nicht nur die Waldbestände der Fichte, Schwarzföhre, Lärche. Zirbelkiefer, Edelkastanie, sondern auch die Gehölzfluren von Knieholz, Alpenrosen, Sevcnstrauch, die verschiedenen Arten von Mooren, von Wiesen, von Fclsenvegetationen, die in jedem Teile der Alpen verschieden sind, ja in derselben Region in mannig- facher Zusammensetzung vorkommen. Wer nun kein besonderer Pflanzenkenner ist, der wird zwar beispielsioeise für den Unterschied der„Formation der Borstgras-Wiese" und der„Formatton der Rostsegge" wenig Interesse haben, aber diese reiche Gliederung der Alpenpartten erhöht doch die Mannigfaltigkeit, die Größe der Anlage imd erst dadurch, daß ihr soviel Platz eingeräumt ist, daß wir auf den harten Gebirgswegen so lange Zeit zivischen den Felsen auf und nieder gehen können, bekommen wir den Eindruck des Gebirges. Andrerseits aber entspricht die Größe der Anlage auch dem Interesse, daß wir gerade der schönen, durch Blütengrötze und eigenartigen Habitus ausgezeichneten Alpenflora entgegenbringen. Selbst die Pflanzengebiete der fremden Erdteile sind in ihrer pflanzengeographischen Gruppierung schon recht eingehend behandelt. Sehenswert ist besonders die japanische Abteilung, der ein sehr großer Raum zugewiesen worden ist, der allerdings erst zum Teil ausgefüllt ist. Japan ist ja so außerordentlich reich an Pflanzen, besonders bestehen seine Wälder im Gegensatz zu den unsren aus einer großen Fülle von Arten. Laubbäume, Nadel» bäume. Sträucher, leuchtende Blumen, alles ist dort in überaus großer Fülle vorhanden, und der Pflanzenfreund wird ebenso gern in den parkartigen Buschformationen. den Horas, verweilen, in denen jetzt Diervillen, Deuzien und Rosen ihre Pracht entfalten, wie in den formenreichen Laubwäldern und den aparten Cypressen- beständen. Nun. zu sehen und zu lernen giebt es ja im ganzen Garten genug. Und nur wer bei einem Besuch sich auf Weniges beschränkt, wird von der Fülle des Gebotenen nicht erdrückt, sondern durch den Genuß eines Stückes herrlicher Natur erhoben werden.— Kleines feuilleton. sx. Am Bahnhof. Scheitelrecht steht die Sonne über dein Platz vor'm Bahnhofe. Ihre Strahlen fallen mit sengender Schärfe au, Mensch und Tier, auf Dach und Pflaster. Von den Stirnen der schaukelnden Eroarbeiter tropft der Schweiß; die braune Brust unter dem geöffnete» Hemde und die nackten Anne glänzen in der Sonne, wenn sich der Rücken zurückbiegt und der blinkende Spaten herauf- fährt aus dem metcrbreiten Kanal, an dessen Seiten sich die feuchte Erde zu schmalen Wällen häuft. Gelb leuchtet der Sand; doch die Feuchtigkeit verdampft im Nu; dann stäubt's wie graues Mehl von den oberen Schichten... Droschkenpferde mit hängenden Köpfen und nassen Rippen trotten heran. Rotseidene Sonnenschirme leuchten im Wagen. Ein Vorder- rad streift den grauen Sandwall. Eine Wolke fliegt auf. ,Puh! Dieser Staub 1" „Entsetzlich I" Das Gefährt hält vor'm Portal des Bahnhofes. Helle Kleider rauschen und glänzen. „Wären wir nur erst an der See l� „Ach ja. an der Seel" „Adieu 1" Eine junge Dame winkt übermütig nach dem Platz: „Wer weiß, wann wir uns wiedersch'n I' „Adieu, olles Staubnest N jauchzt ein kleiner Backfisch. Dienstmänner sind herbeigesprungen und beladen sich mit Koffern, Reiselörben und Hutschachteln. Keuchend drängen sie sich durch die menschengefüllte Halle nach dem Gepäckschalter. Ein großes Summen, Plaudern und Lachen geht durch die dichtgedrängte Menge. Männer in grauen und weißen Anzügen und Strohbiitcn, leichtgekleidete Damen, Kinder mit hellen Röckchen und nackten Beinchen; steife Bonnen und ratlose, schüchterne Ammen und Hausmädchen. Am Billetschalter rascheln die Scheine, klingt Gold und Silber.... Immer neue Equipagen rollen heran' eine Droschke löst die andre ab. Zu Bergen türmen sich die Koffer im Gepäckraum. Die Beamten keuchen, hasten und schwitzen. Allmählich füllen sich die Wartesäle. Behende schlüpfen die Kellner hin und her, winden sich durch die Gruppen, servieren hier und nehmen dort eine Bestellung entgegen. Schmachtende Kehlen rufen... „Ich wäre gestorben in Berlin!' beteuert eine korpulente Dame ihrer Nachbarin.„Noch drei Tage und ich lag da! Wahrhaftig I' Und als jemand lächelt, quittier! fie's mit dem entrüsteten Satz: „Nun, ich bitte Sie! Wer soll denn das hier im Sommer aus- halten I Man ist ja kein Mensch mehr I' Und sie fächelt sich mit dem Spitzentaschentuche Kühlung zu. „Und so schrecklich langweilig I' nickt langsam die blaffe, erwachsene Tochter; sie unterdrückt ein Gähnen und wiederholt: „So langweilig!" Dann richtet sie mit müdem Augenaufschlag die Blicke zur Decke:„Ach, am Meer... ja I... Am Meer... I' „Ach ja, das Meer... I' „Das Meerl" Wie ein glückseliges Echo läuft's durch den Saal. An einein andern Tische klingen die Gläser:«Auf glückliche Fahrt, Herr Zippel I' „Prosit, Herr Doktor!' „Wie lange denken Sie fortzubleiben?" „Hm!" Der andre besinnt sich.„Ganz nach Laune. Vier Wochen vielleicht an der See. Dann möglicherweise ins Gebirge. Lni Ende noch eine kleine Rundreise— wollen'mal sehen." „Vor Ende September, Anfang Oktober laff' ich mich auch nicht wieder hier blicken. Im Winter kriegen mich keine zehn Pferde aus Berlin. Aber im Sommer— brr!" Er schüttelt sich und spült den Ekel mit einem kräftigen Schluck hinunter. Zippel lacht:„Ganz meine Meinung. Ach, wissen Sie, es ist doch ein schönes Gefühl, einmal so alles hinter sich zu lassen... „Ansznspannen?" Der Doktor nickt lebhast.„Ist einfach not- Wendig.' „Ganz recht. Notwendig. Durchaus notwendig l Auf Ihr Wohl. Herr Doktor I" „Prosit!" Die Gläser klingen. „Hundert Muscheln such' ich," erzählt ein Knabe seiner kleinen, blondgelockten Nachbarin, und die Augen blitzen.«Da liegen so viel, wie Du haben willst! Spielst Du mit mir? O, am Wasser können wir schön spielen. Wir fahren auch mal Boot, ja? Oder auf das große Danrpffchiff, hörst Du, darauf fahren wir auch. Ich kriege gar keine Seekrankheit mehr, bloß'n ganz kleines bißchen. Du?" „Ich weiß nicht," antwortet schüchtern die Kleine. „Du brauchst gar keine Angst zu haben," tröstet der Junge. „Wir spielen schön zusammen, ja?" Er klatscht in die Hände.„Du sollst bloß mal seh'n, wie schön es da ist." Andächtig lauscht die Blondlockige. Sie fährt zum ersten- mal... Draußen, vor dem Bahnhofe, hat der Polier längst die Mittags- pause gepfiffen. Die blanken Spaten ruhen. Die Arbeiter haben sich die Stirn mit dem Hemdärmel gettocknet und sind herauf- gestiegen aus dem Graben, in den eine Leitung versenkt loerden ,oll. Einige überquerten den Platz, stiegen die drei Stnfen zur Destillatton hinauf und aßen dort zu Mittag. Jetzt sitzen sie schläfrig bei einer schalen Weißen. Nur drei Jüngere, die keine Müdigkeit kennen, spielen eine Poule am Villard. Andre verzehrten gleich am Arbeitsplatz ihre Stullen und streckten sich da- nach auf den Sandwällen nieder oder legten sich in den Graben. Nur einer hat sich in den Schatten einer versteckten Bahnhofsnische gerettet. Dem brachte die Frau ein warmes Essen im Henkelkorb, an der Hand ein kleines, barfüßiges Mädchen. Dann löffelten sie alle drei aus dem großen braunen Topf. Vater rollte die Jacke zusammen, bettete sie als Kopfliffen und streckte sich lang zu einem kleinen Schläfchen. Zwei Minuten, und er schnarchte. Auch die Frau ist im Sitzen eingenickt. Nur die Kleine hat sich mehr und nichr dem Portal genähert und bestaunt die ankommenden Leute und ihre farbige Kleiderpracht.— Ein Zug pfeift. Fast gleichzeitig trillert die Pfeife des PolierS. Die Mittagspause ist zu Ende. Aus der Destillation kommen die Arbeiter herauSgeklettert und schlendern an die Arbeit. Die Schläfer im Graben und auf den Sandwällcn erheben sich langsam, dehnen sich und greifen zur Schaufel. Glühend heiß liegt die Lust über dem Platz. Wie erschlafft alle Glieder, matt die Bewegungen. Der in der Bahnhofsnische schnarcht noch immer. Er hat das Signal nicht gehört. Seiner Frau ist der Kopf fast bis auf den Schoß gesunken. „He, Krause I" Der Polier steht plötzlich neben ihnen.„Hei WaS is denn das für'ne Donnerwetterzucht I Aufjestanden I Oder soll ich Ihnen erst Beene machen?" Krause ist hochgefahren, angstvoll aufgeschreckt die Frau. Der Polier hat seine Uhr gezogen:„Fünf Minuten über de Zeit!" „Fünf Mi-?" „Jawoll, fünf Minuten l' Ein böser Blick. Der Polier geht ab. Und während Krause zu seinem Spaten eilt, greift die Frau eilig zum Henlelkorb, ruft die Kleine und wandert mit ihr heim» wärts durch Staub und Sonnenhitze. In der Bahnhofshalle aber faucht die Lokomottve. Langsam setzt der Zug sich in Bewegung. Und in den Coupees plaudert. lacht und jauchzt es:„Das Meer... ach ja, das Meer... daS Meer..."— Archäologisches. k. Neue Funde in Antinoe. Aus Paris wird berichtet: Der Archäologe Albert Gayet hat über die Resultate der Aus- grabungen, die er zu Antinoe mit Unterstützung der ftanzösischen archäologischen Gesellschaft unternommen hat, vor einem zahlreichen Publikum Bericht erstaltet. Der Gelehrte hat genau die Slelle, an der sich die Adelsgräber von Anttnos befinden, festgestellt. Hier ruhen der Glanz und der Prunk der römischen Spätzeit, die reifen Früchte einer sterbenden Kunst. Schwere Steinblöcke sind jedoch von den Bergen herabgcrollt über die Gräberstätte; die heiße Sonne hat den Boden ausgetrocknet, gedörrt und zerbröckelr, so daß eine sehr große Summe' notwendig wäre, diese Schätze zu heben. Gayet hat daher auf diese Ausgrabungen vorläufig verzichten müssen, doch hat er dafür andre wertvolle Funde gemacht, so einen Wagenlenker mit Peitsche und Stachel; Gladiatoren mit ihren Waffen, von denen der eine einen Helm mit stolznickcnden Federn trug; eine unbekannte Frau, eingehüllt in einen Stoff, auf dem Scenen des Bacchus-Mythos dargestellt sind. Der interessanteste Fund, den der Gelehrte in einer reizenden Vorführung darbot, war das Grab einer Frau, die einst nach der Meldung de- Inschrift „Die wundervolle Sängerin des Osiris", Khelmyß, gewesen war; sie war eine Griechin und hatte eine wichtige Rolle in den geheimen Mysterien gespielt. Diese Khelmyß ließ Gayet wieder auferstehen und leibhaftig vor dem Publikum ihr magisches Weihelied vortragen. Die Künstlerin Zorelli trat in einem langen gelben Gewand, mit einer Blumenguirlande geschmückt, die bis zu den Füßen niederwogte, ganz umhüllt von einem dichten Schleier nach Art der Tanagrafigürchen, in langsam rhythmischem Schreiten hervor, und feierlich ertönte das heilige Opferlied:„Der Isis Blut, ihre Thränen und ihre Vitien, das sind die Zauberformeln, die den unbewegten Gott schützen, daß er triumphierr über die bösen Geister. Sie nahet Dir, Osiris, sie kommt zu Dir, Isis, die heilige Herrscherin des mächtigen Reiches, die hochverehrte Göttin, die Königin des Ostens und des Westens." In den dunklen Seufzern der Klage, in den Schreien der Verzückung und in einein inbrünstigen Leichen- gebet klang das Lied aus. In diese Mysterien der Osiris- Verehrung führte auch wieder das ausgegrabene Marionettentheater, von dem der Gelehrte darauf berichtete. Es ward neben dem Grabe der Sängerin gefunden und hat die Gestalt eines Schiffes aus Holz und Kupfer, dessen Kajüte eine richtige Bühne war, auf der sich die Personen des heiligen Spieles bewegten; es ist die Barke, auf der die einsame Göttin dahinfährt, um den Sonnengott, ihren Gemahl, zu suchen. Ueber der Bühne war eine Stange befestigt, an der die Fäden hingen, durch die die Marionetten Leben und Bewegung erhielten. In der Mitte steht eine Puppe mit beweglichen Armen, dre die Isis darstellt. Rechts und links stellten Coulissen die Ufer des Nils dar. Die Handlung erzählte von dem Tod und der Auferstehung des Osiris, von all den Scenen, von denen die Priesterin eintönig sang, und nur die Eingeweihten durften die Darstellung des Mysteriums anschauen.— Medizinisches. — Die Schlafkrankheit bei Weißen. Im Spital St. Camille zu Antwerpen liegt ein von der Schlafkrankheit be- fallener Europäer. Der ihn behandelnde Arzt Dr. Dupont giebt über den Fall in der Medizinischen Fachschrift„Le Caducee" nähere Einzelheiten. Der Kranke ist ein 24jähriger Handelsagent V., der im Januar dieses Jahres aus Afrika zurückgekehrt ist. Sein eigentüm- liches Benehmen am Kongo hatte disziplinarische Maßnahmen gegen den Mann und seine Rücksendung nach Europa veranlaßt. Eines Tages erschien er nämlich in scheinbar sinnloser Trunkenheit— nachher ergab sich, daß er nur zwei Glas Bier genossen hatte— vor seinen Vorgesetzten und erregte durch Gehorsamsverweigerung und Drohungen in Gegenwart von Eingeborenen allgemeines Aufsehen. Schließlich ergab sich, daß er völlig unsinniges Zeug schwatzte. Am lg. Januar wurde Dr. Dupont zu dem Kranken gerufen. Er fand einen sehr blutarmen Menschen, der kaum noch gehen konnte und höchst verstört und aufgeregt schien. Am 21. Januar trat V. in das Spital und Dr. Dupont stellte die Diagnose auf beginnende Schlaf- krankheit. Seitdem hat sich der Zustand des Kranken anhaltend ver- schlimmert. Der Schlaf wird immer länger, das Schlucken immer schwieriger. Auf einem Stuhl an einem Tische sitzend, raucht der Patient hin und wieder eine Cigarette und starrt gleichgültig auf die Bilder einer vor ihm liegenden Zeitschrift. Ist alles um ihn ruhig, so schläft er ein. Der Kranke wird mit Arsenik behandelt. In dem- selben Spital befindet sich ein am 21. März aus Afrika zurückgekehrter Löjähriger Schiffskapitän, der gleichfalls an Schlafkrankheit leidet und dessen Krankheitszeichen in verschiedenen Punkten mit denen im ersten Falle übereinstimmen. Uebrigent hatte Dr. Dupont schon im September 1902 einen weißen Schlafkranken zu behandeln. Es war ein Trappistenmissiouar, der fünf Jahre im Bezirk des Aequators verweilt hatte, wo die Krankheit unter den Eingeborenen sehr häufig i". Der Missionar ist am 24. Januar 1993 in Antwerpen ge- starben.—(„Kölnische Zeitung".) Aus dem Tierreiche. — Neue Beobachtungen an dem amerikanischen Löffel stör. Der„Prometheus" berichtet nach der „Science": An dem im Mississippi heimischen, eigenartigen Löffelstör (?c>Iz?oc>on apstbula) hat neuerdings G. Wagner einige Eigentüm- lichkeiien feststellen können, die man merkwürdigerweise bisher fast immer übersehen hat. Erstlich entdeckte er am Vorderende in der Nähe des Mundes ein Paar kleiner Bartfäden, die noch dadurch aus- gezeichnet sind, daß der rechte bedeutend größer entwicklet ist als der linke. Des weiteren fand unser Gewährsmann, daß die Fische an der Schulterrcgion und an dem Isthmus, d. h. an dem zwischen den beiderseitigen Kticmenöffnungen gelegenen Körperteile, eine Bedeckung von echten Schuppen tragen. Es gelang auch, den voraussichtlichen Grund für das Vorhandensein dieses besonderen Schutzmittels aus- findig zu machen. Es zeigte sich nämlich, daß die Löffelstöre in außerordentlich hohem Grade von den Lampreten heimgesucht werden. Nicht selten wurden zehn bis fünfzehn dieser Schmarotzer an einem Löffelstör gefunden, und fast sämtliche zur Untersuchung gelangten Fische zeigten wenigstens Narben von den durch die Lampreten ver- nrsachten Wunden. Da nun an der oben gekennzeichneten Körper- stelle sich besonders große Blutgefäße unter der Haut hinziehen, so ist es leicht verständlich, warum gerade an dieser Stelle es zur Aus- bildung eines besonderen Schutzmittels kommen konnte.— Technisches. — Registrierender Schiffskompaß. Einen Kompaß, der von Minute zu Minute die Richtung der Nadel aufzeichnet, hat, wie die„Technische Rundschau" mitteilt, der Franzose Heit erfunden. Der Seemann kann also nach dieser Aufzeichnung den Lauf des Schiffes für irgend einen Zeitraum genau feststellen. Die Kompaß- scheide ruht auf einer Stahlspitze, die in einem Oueckstlberttopfen steht. Die mit der Windrose versehene Kompaßkarte trägt am äußeren Rande einen silbernen Zeiger, der durch einen dünnen Draht mit dem einen Pol einer Elektricitätsquelle in Verbindung steht. Vermtwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Das metallene Kompaßgehäuse ist in eine Anzahl von einander isolierter Abschnitte geteilt, deren jeder mit einem Draht dermaßen verbunden ist, daß bei dem alle Minuten erfolgenden Sttomschluß durch Oueckstlberttopfen, Zeiger und Gehäuse-Abschnitt an der ent« sprechenden Stelle eines außen befindlichen Papierblattes ein Fünkchen durchschlägt, um die Richtturg der Fahrt festzulegen.— Humoristisches. -—Die Männer von Kentucky. Einen gelungenen Witz, schreibt die„Kölnische Volkszeitung", erzählt man sich aus Kentucky. Signor Zanetti, der Zauberer, führte einem aufs höchste interessiertet: Publikum in einen: Städtchen jenes Staates seine Kunst- stücke vor. Einmal trat er vor und sagte: „Für mein nächstes Kunststück brauche ich eine kleine W h i s k y f l a s ch e. Will einer der Herren so freundlich sein, mir eine Viertelliter-Flasche zu leihen?" Niemand rührte sich. Der Zauberer schien überrascht. Mit einer bittenden Geberde sagte er: „Ich hatte einen andern Eindruck von den Sitten Kentuckys. Vielleicht haben Sie mich nicht verstanden. Will einer der Herren so freundlich sein, mir eine Viertelliter-Flasche Whisky zu leihen?" Kein Mensch rührte sich. Der Zauberer bat um Entschuldigung und sagte, dann müsse er das beabsichtigte Krinststück für diesmal vom Programm streichen. Er wandte sich seinem Tische zu, als im hinteren Teile des Saales ein Mgnn aufstand und rief: „Mster, könnten Sie eins Halbeliterflasche ge- brauche«?" „Gerade so gut," antwortete Zanetti. Im Moment war jeder einzelne Mann im Publikum auf seinen Füßen und streckte dem Zauberer eine Halbeliterflasche entgegen.— Notizen. — Das Schauspielhaus wird, nach Vollendung des Um- baues, eine Reihe von klassischen Stücken geben. Aus Aussicht genommen sind:„Nathan der Weise",„Tasso",„Die Laune des Ver- liebten",„Kabale und Liebe",„Der zerbrochene Krug",„Der Kauf- mann von Venedig",„Der Sommernachtsttaum" und„Was Ihr wollt".— — Das Kleine und das Neue Theater werden vom 16. bis zum 31. Juli geschlossen sein.— — M. v. Wewelers neue Oper„Dornröschen" ist vom National-Theater am Weinbergsweg zur Aufführung erworben worden.— — Der verstorbene Aftikareisende Stanley hat ein Vermögen von nahezu 3 560 000 M. hinterlassen, die hauptsächlich aus den: Ertrag seiner Bücher stammen.— — Ein Preisausschreiben(Gesamtsumme 16 000 Mark) für wissenschaftliche Arbeiten über die technischen Borgänge bein: Erhärten der hydraulischen Bindemittel wird durch den Minister der öffentlichen Arbeiten unter Beteiligung des Vereins Deutscher Portlandcement- Fabrikanten erlassen. Die Aufgabe lautet:„Darlegung des Wesens und des Erhärtungs- Prozesses der kalkhalttgen hydraulischen Bindemittel(Erhärtung in der Luft, im Süß- und Seewasser)" und zerfällt in fünf Unter- ftagen, die sich mit dem Nachweise der einzelnen bei dem Erhärtungs- Prozeß vorgehenden Verbindungen beschästigen. Die Arbeiten sind. bis zum 31. Dezember 1906 im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Wilhelmstr. 80, abzuliefern. Den einzelnen Beiverbern kann gestattet werden, in dem Laboratorium in Westerland auf Sylt eigne Versuchskörper herzustellen und in den dortigen Behältern zu lagern, soweit dies ohne Störung des anttlichen Betriebes geschehen kann.— c. Interessante Beobachtungen über Temperatur und Lebensbedingungen in Höhen von 3000 bis 4800 Meter, wie sie die englische Expedition in Tibet jetzt durch- schreitet, macht der Berichterstatter der„Times". Die niedrigste Temperatur von 32,2 Grad Celsius unter Null hat man in: Lager von Chuggia festgestellt. Im Januar und Februar war in einer Höhe von 4676 Metern die niedrigste Temperatur nachts— 23,1 Grad Celsius. In einer Höhe von 3060 Metern bcttug die nächtliche Mi::imalten:peratur— 13,88 Grad Celsius. Die Aerzte der Expeditton haben auch die Bergkrankheit sorgfältig studiert. Durch nmngelhafte Abkochung der Nahrungsmittel wurden häufige Verdauungsbeschwerden verursacht. In einer Höhe von 4675 Metern kocht daS Wasser bei einer Temperatur, die um mehrere Grad niedriger als am Meeres- spiegel ist, und das Kochen wird ungenügend; es ist fast unmöglich, den Reis zuträglich kochen zu lassen. Von den verschiedenen Sorten roter Linsen aus Indien, die zur Bekösttgung der Truppen dienen, konnte in einer Höhe von 3000 Metern nur eine einzige Art, der „nrnssoor", genügend gekocht werden. Bei dieser niedrigen Temperatur war das Oel geftoren, und die Instandhaltung der Gewehre wurde fast unmöglich.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 3. Juli. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsansialtPaul Singer L:Co.,Berlin L W.