Mnterhaltungsblatt dcs Vorwärts Nr. 129. Sonntag, den 3. Juli. 1904 2i] (Nachdruck verboten.) Im Vaterdause. Socialer Roman von Minna Kautsky. Am nächsten Morgen begann die Probe unerwarteterweise mit dem dritten Akt und Tini kam einige Minuten zu spät. Sie wurde vom Regisseur und Inspizienten hart angeblasen und erhielt eine Strafe diktiert, die ein Viertel ihrer Monatsgage betrug. Als Tini die Scene betrat, begann der Drill. Ihr Ton, ihre Aussprache, ihre Mimik, ihr Kommen und Abgehen, alles wurde bemängelt. Der Regisseur ließ sie jeden Satz wieder- holen, und jede Bewegung. Er spielte die Rolle ihr vor— sie konnte es ihm trotzdem nicht recht machen. Die Ungeduld der Mitspielenden über dm Drill auf der Bühne, der die Probe hemmt und ihr sJnde verzögerte, begann sich in boshaften Bemerkungen über blutige Anfängerinnen Luft zu machen. Und als der Regisseur verkündete,„wir machen die ganze Scene noch einmal," erhob sich heftiger Widerspruch. Aber ein Regisseur, der ein neues Stück einstudiert, ist- grimmiger als ein Feldwebel, der Rekruten drillt. Er habe hier zu entscheiden, erklärte er lauter als notwendig, und wenn er es für notwendig halte, iverde er die Scene zehnmal und zwanzigmal wiederholen lassen. „Jawohl, zwanzigmal, meine Herrschaften, und es ist mir ganz egal, ob es Ihnen, meine Verehrtesten paßt oder nicht paßt!" Da erhob sich Lotte, der Star dieser Bühne und verbat sich diesen rüden Ton. Sie sei nicht willens sich maltraitieren zu lassen, wegen solcher— eine Geste, eine höhnische Grimasse ergänzte den Satz. Sie zog die Pelzboa fester um ihren Hals, und sich zum Gehen anschickend, rief sie nachlässig über die Schulter hinweg, dem Regisseur zu: sie brauche die Seene nicht, wenn sie wiederholt werde, möge er gütigst für sie markieren. Dieser entgegnete grob und hieß sie bleiben. Da brach der Spektakel los. Alles wendete sich in beleidigtem Künstlerstolz gegen eine Diktatur in dieser Form. Die Spaßvögel suchten durch exaltierte Zurufe die Hitzköpfe noch mehr zu stacheln, und als der Theatersekretär, den alle haßten, dazwischen trat und lächelnd zu intervenieren suchte, wurde die Sache noch schlimmer. Man brüllte ihm zu, er habe den ordinären Ton hier eingeführt, die Schandwirtschaft, die jetzt grassiere, habe er am Gewissen— Fäuste erhoben sich, man drohte mit Prügeln. Lotte bekam einen Weinkrampf. Sie warf sich über das auf der Scene be- findliche Ruhebett und lag in Zuckungen. Man bemühte sich um sie.— Der Direktor wurde herbeigeholt— sie könne heute abend nicht spielen, hieß es. Er war außer sich. Er hielt ihr Salz vor, gab ihr die zärtlichsten Kosenamen, küßte ihre Hände — und versprach ihr endlich den Urlaub, den er bisher eigen- sinnig verweigert hatte. Darauf hörten die Zuckungen auf. Sie lächelte„ihrem guten Direktor" zu und sanst, schön, blaß, erhob sie sich, auf seinen Arm gestützt, und verlangte nun selbst die Wiederholung der Scene. Als man sie bat, sich doch zu schonen, bestand sie nur um so fester darauf. Nie werde sie sich einer Nachlässigkeit schuldig machen, sie sei viel zu viel Kunst- lerin, um nicht das Ganze im Auge zu haben. Es war der dramatische Höhepunkt, worauf sich die Wogen ebenso rasch glätteten als sie herangebrausi waren. Die Scene wurde wiederholt und ohne Unterbrechung zu Ende gespielt. Tini hatte sich wacker gehalten. Trotzdem erntete sie unfreundliche Blicke von allen Seiten. Für den Direktor war sie Lust und als der Regisseur an ihr vorüber ging, konnte er sich's nicht versage::, etwas von„Plackereien" und„schauerlicher Talentlosigkeit" vor sich hinzumurmeln. Ihre Lippen zitterten, sie war enttäuscht, gedemüttgt, ver- letzt. Da ward sie von rückwärts um die Taille gefaßt, und der Sekretär flüsterte ihr zu:„Nur sich nicht abschrecken lassen, Kindchen— nur Geduld— ich werde Sie poussieren,— habe ich nicht schön Wort gehalten?— Sie sind doch mtt dem reizen- den Röllchen zufrieden?" Sie nickte ihm zu, riß sich los und eilte hinweg. In sehr gedrückter Stimmung machte sie sich gegen Abend auf den Weg, um Reich aufzusuchen. Wenn Reich nicht be- schäftigt war, pflegte er Tarock zu spielen. Am häufigsten mit Brandts, am liebsten bei sich zu Hause. Ihm war's bequem, und sie fanden es wieder so ungeniert und daher urgemüllich in seinem reizenden Junggesellenheim. Man traf beim ihm Leute vom Theater, die stets amüsant sind.. In letzter Zeit seine Schülerin, die fesche Tini. Sämtliche Brandts interessierten sich für sie: mit der konnte man doch seine Hetz haben. Man fpielte nicht hoch bei Reich, allerdings verlor man immer, denn dieser war ein Matador, auch im Tarokspiel. Es war noch früh am Nachmittage. Die tiefstehende Sonne vergoldete die seinen Spitzen- vorhänge der Fenster und ruhte in glühenden Reflexen auf dem breiten Goldrahmen des lebensgroßen Portraits seiner Freundin und Kollegin, der berühmten Betti, das die Wand ober dem Sofa zierte. Unmittelbar darunter, an dem reich- besetzten Theetisch, saß, neben dem Gastgeber das Original selbst. Baron Brandt und sein Sohn Ferdinand hatten der Dame gegenüber Platz genommen. Beide waren entzückt, die gefeierte Soubrette, die mehrere Jahre von Wien abwesend gewesen, wiederzusehen. Betti frotzelte sie, extemporierte, lachte und witzelte in forcierter Heiterkeit. Ihr lag daran, zu zeigen, daß sie von ihrem Temperament und ihrem Humor nichts eingebüßt habe und noch immer„auf- zumischen" verstehe. Ihr Cynismus, die Ungeniertheit ihrer Ausdrucksweise wirkten sichtlich belebend auf Vater und Sohn. Sie schlürften den Thee, naschten von den gehäuften Süßig» feiten und genossen als Gourmands den Hautgout von Bettis lustigen Abenteuern. Reich saß, die Hände in den Tasche:: seines bequemen Sackas, in das Jauteuil zurückgelehnt und nickte von Zeit zu Zeit mit einem überlegenen Lächeln ihr zu. Unwillkürlich streifte sein Blick das Bild an der Wand, das die Künstlerin aus der Höhe ihres Ruhmes, in der Frische ihrer Jugend in siegesgewisser Haltung darstellte. Wie sehr hatte sie sich ver- ändert. Betti war noch nicht alt, wenigstens nicht für eine Bühnen- größe. Ihr Körper war rund und voll, aber ihr Gesicht zeigte, trotz des zart rosa Puders und der rot geschminkten Lippen die Merkmale einer arg zerrütteten Gesundheit. Die Wangen waren schlaff und das Fleisch welk geworden. Nur die Augen, diese schwarzen, großen, stechenden und gemalten Augen bewahrten noch ihr unruhiges Feuer, zeit- weilig ließ sie sie aufblitzen in verwegener Lustigkeit. Sie hatte ein Gastspiel in Amerika absolviert. Ein Engagement, das sie in der Provinz angenommen, war nicht von Dauer ge- wesen, es wurde ihrer Excentricitäten wegen gelöst. Sie war überall pompös aufgetreten, hatte ihren ver- schwenderischen Launen gestöhnt, nun war sie erdrückt von Schulden und wünschte nichts sehnlicher, als von dem Wiener Publikum, das sie frech verhöhnte, dem sie alles Böse nach- gesagt hatte, weil es an Vergötterung ihr nicht genug gethan, wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. � Sie hoffte ein Gastspiel durchzusetzen, mit darauffolgendem Engagement. Aber wenn früher alle Thülen sich weit vor Üst geöffnet. schien fetzt in Bühnenkreisen ihr Name seinen Klang verloren zu haben. Man ließ sie in den Theaterkanzleien und bei den Agenten im Vorzimmer warten, und oft waren die maßgebenden Per- sönlichkeiten nicht einmal zu sprechen. Für sie nicht zu sprechen, für sie!— die Betti! Wie lange ist's her, daß dieses Gelichter vor ihr auf den Knien herun:- gerutscht war! Und die faulen Ausreden, die diese Bande ihr gegenüber gebrauchte: Die alten Stücke zögen nicht mehr � sie müßte was Neues bringen. Sie möge sich doch wieder ein- mal um einen Dichter umsehen, es sei schon lange her, daß :nan ihr keine Rolle auf den Leib geschrieben und dergleichen mehr. Früher, wenn ein Direktor ihr nicht angenehm war, hatte er sofort seine„Watschen" gehabt. Die erste, die sie ihrem Direktor heruntergehaut, war die Wurzel ihres Ruhmes ge- worden. Ganz Wien applaudierte ihr und nannte diesen Akt rohester Selbsthilfe urwüchsig und genial. Bald war sie der verhätschelte Liebling— nicht der Grazien— aber der Wiener geworden. Und jetzt! Jetzt hieß es, sich ducken. Jetzt mußte sie d:e Direktoren überlaufen, sich erniedrigen vor diesen Lümmeln. die Uebermütige spielen, während sie innerlich raste, S« Mußte ihnen die Hände drücken, während es ihr in den Fingern zuckte, und sich mit einem Scherz ihrer Geneigtheit empfehlen. Sie war krank, sie wollte sich's selbst nicht eingestehen, sie fieberte, denn sie mußte ein Engagement haben. Sie flüchtete in die Kirchen, betete stundenlang und ge- lobte Wallfahrten nach Mariazell, wenn die heilige Jungfrau sich ihr gnädig erweisen und ihr ihren Beistand leihen würde, damit ein vorteilhafter Vertrag zustande käme. Aber sie hielt es geraten, sich auch nach weltlichen Pro- tektoren umzusehen. Sie suchte ihren alten Freund Reich aus. Er war jünger als sie; sie hatte ihn einst empfohlen, sie hatte seine künstlerische Laufbahn in Wien geebnet; er verdankte ihr viel; jetzt konnte er etwas für sie thun. Und er war ja auch ein so netter, prächtiger Mensch, ein guter Kollege, ein feingebildeter noch dazu, und das schätzte sie über alles, wie sie behauptete, nur zu einein solchen konnte sie Vertrauen haben. Ihm gestand sie ihre Not. Ihre Möbel hatte man ihr gepfändet, ihr Schmuck war versetzt; selbst einen Teil der Garderobe hatte der Hauswirt zurückgehalten. Und das wäre noch alles nichts, aber die Schulden! gegen die 30 000.—„Sixt, das ist mein Weltschmerz," sagte sie mit einem cynischen Lächeln hinzu. Als Reich mit einer Strafpredigt anhub, hielt sie ihm den Mund zu.„Not auszanken, Mundi, schau, das vertrag i nöt. Schulden Hab i ja immer g'habt, das ist doch nix Neues bei mir.'s is nur der Unterschied, daß früher meine Bewunderer sie bezahlt haben und jetzt—" sie seufzte, dann war sie Reich an den Hals gestürzt und halb lachend, halb weinend—; „Mein lieber Mundi, Du mußt mich retten. Irgend ein' Strohhalm wirst doch auftreiben können, an den ich mich klammern kann." Reich versprach alles— er war ein so guter Kerl, so liebenswürdig und tellnehmend; er versicherte ihr, sie sei nicht vergessen und auch noch nicht ersetzt. „Ueberhaupt nicht ersetzbar," bemerkte sie entschieden, sie' war sofort wieder die Alte. Er wollte eine allerhöchste Persönlichkeit für sie inter- essieren und auch in ihrer momentanen Bedrängnis ihr bei- stehen: er lud sie zu einer Tarokpartie. Ihre alten Freunde, die Brandts, wollte er als Partner mit ihr zusammenbringen. Die spielten sehr schlecht Tarok, aber sie würden sich amüsieren, die Betti gewinnen, alles weitere würde sich finden. Von solchen vielfachen Millionären dürfte man erwarten, daß sie als„Würzen" ihre Schuldigkeit thun würden. Und jetzt saß sie den beiden Brandts, Vater und Sohn gegenüber und, nachdem sie mit sehr viel Laune ihre amerikanische Tour geschildert, die ihr schrecklich viel Ruhm, aber kein Geld eingetragen hatte, erwartete sie von ihnen ein verständnisvolles Eingehen auf ihre pekuniäre Lage, aber die Herren fuhren in ihren faden Schmeicheleien fort, sie ver- sichernd, daß sie und das Wiener Publikum sie noch immer anbeteten. „Hören's mir auf, mit dem Publikum," rief sie mit er- zwungener Munterkeit, das undankbarste auf der Welt ist ein Publikum, und das Wiener ist noch dazu das dümmste von allen. Freilich, wenn ich jetzt zum Auftreten komm', werden's Augen und Ohren gehörig aufreißen. Ich bin jetzt besser als je— jetzt rann ich erst was." Sie reckte sich höher in dem unverwüstlichen Gsauben des Schauspielers an sich selbst.„Ich werd's ihnen schon zeigen, und wenn ich einige lustige oder gar gerührte Extem- pores loslass', dann liegen's wie ehemals am Bauch vor mir. Nur zum Austreten muß ich kommen, zum Auftreten, zum Austreten!" (Fortsetzung folgt.); Propketenkraft. In das wüste Stimmengewirr einer schlaffen, feigen und ver- logenen Zeit braust, wie ein Wunder, das Prophetenwort Tolstojs, den man den letzten Christen nennen müßte, wenn er nicht vielmehr der erste wäre. Mit einem uralten, wehrlosen, einfältigen Wort durchdringt er den Wahnsinn, mit ihm ruft er die Zeit zum jüngsten Gericht. Es ist das Christenwort von der Nächstenliebe, das seit Jahrtausenden die Menschen auf den Lippen führen, während ihre Hände morden. Dies eine Wort ist die ganze Kritik Tolstojs, die sein gewaltiges Manifest gegen den russisch-japanischen Krieg belebt und durchleuchtet. Wenn Ihr denn, so ruft er der Welt zu. Christen sein wollt, so müßt Ihr Euer Bekenntnis auch bethätigen, zu jeder Zeit, unter allen Umständen, oder Ihr seid bewußte Verbrecher. Wäre dies Manifest zu andem Zeiten erschienen, etwa gar zur Zeit des Friedensukas des Zaren, so wäre es kaum mehr als ein beredtes und bewegendes, mystisch die klaren Schlüffe der gesunden Vernunft umschimmerndes Traktätlein eines starken Einsiedlers und träumenden Propheten gewesen. Im Augenblick höchster Kriegs» Wut aber in die Welt geschleudert, ist es eine revolutionäre Heilandsihat des Einzelnen gegen alle Andren. Ein abscheuliches Verbrechen im Sinne einer ruchlosen Staatsgewalt, ist es ein Dokument der Ewig- keit im Geiste erlöster Zukunft, das den kaum noch gewagten Glauben an die menschliche Vernunft, an die erhabene Macht des Guten und Wahren wundersam belebt, ist es die That eines Mannes, der frei von jeglicher Menschenfurcht das Wort der Wahrheit und der Ueber- zeugung hinausschreit, ob es auch nach den Paragraphen der Staats» gewalt, Kerker, Verbannung und Tod bedeute. Fürwahr, noch ist der Heldentrotz der Bekenners nicht verschwunden, noch nimmt der freie Gedanke den Flug durch Finsternis und Grausen. ob auch der Häscher und Henker hinter ihm jage. Hier ziemt sich nicht hochnäsige Kritik, die so jämmerlich leicht auf das Papier hin» geschrieben werden kann; den Schauern der Ehrstircht vor der Prophetenkraft, die kein Zittern vor den Schrecken der Gewalt kennt, sollten wir uns allein hingeben. Und lernen sollten wir alle von dieser unbeugsamen Entschlosienheit, die ihre Erkenntnis ohne Zaudern und Abschwächen verkündet und keinen Widerspruch zwischen Wort und That duldet. Die Wahrheit kann nur eine ganze, unteilbare Wahrheit sein. Jede scheue und ängstliche Halbheit ist Tod der Wahrheit. Die Einheit der Weltanschauung ist die höchste Leistung der menschlichen Vernunft, begicbt sie sich erst auf den Weg des AbHandelns und Zugebens, so ist die Bahn des wirren Aberglaubens beschritten, aus dessen blutüberströmtem Labyrinth es keinen Ausweg mehr giebt. W i r sollen müssen! Ein unerhörtes Schauspiel! In diesem finsteren Rußland, in dem jeder freie Gedanke ein Verbrechen ist, jedes Urteil über die Thateii der Obrigkeit nach Sibirien führt, tritt ein Mann auf und erhebt mitten in den Wirbeln patriotischer Kriegsraserei eine Anklage gegen die Herrschenden, wie sie auch in freien Staaten zu solchen Zeiten noch niemals jemand gelvagt hat. Unverwundbar scheint es wandelt er im Strahlenmantcl seiner Ueberzeugung. Die .Kirche hat ihn verflucht und ihn des Rechtes der ewigen Seligkeit für verlustig erklärt. Ihn kümmerte der Pfaffenhaß nicht. Sein religiöses Bewußtsein war zu tief und ernst, als daß es der rohen Kirchenmacht nicht ruhig hätte spotten können. So zerreißt er jetzt alle Schlingen eines leeren und lügenhaften Patriotismus, in er- habener Vaterlandslosigkeit ruft er die Druckerpresse des Auslandes zu Hilfe, um dem Zaren, den Großfürsten, den Generälen, den In- dustriellen.'den Gcldherren, den Popen, ihre Verbrechen ins Gesicht zu schlendern: Ihr sollt den Nächsten lieben, Ihr sollt nicht töten! Während preußische Richter Angehörige des deutschen Reiches pro- zessieren, weil sie russische Schriften verbreitet, läßt der Russe Tolstoj, ohne daß er aus Rußland flieht, die Worte hinausgehen:„Dieser ununterbrochene Strom unglücklicher, betrogener ruifischer Bauern, die man»ach dem fernen Osten bringt, diese„nur" sünfzigtausend lebenden Russen, die Nikolai Romanow und Alexej Kuropatkin zu töten beschlossen haben und töten werden, um die Dummheiten. Räubereien und allerlei Scheusäligkeiten zu schlitzen, die in China und Korea unsittliche, ehrgeizige Menschen an- gerichtet haben! Menschen, die jetzt ruhig in ihren Palästen sitzen und neuen Ruhm, neue Borteile und neuen Profit von der Töwng dieser fünfzigtausend ganz unschuldigen, durch ihre Leiden und durch ihren Tod nicht das Geringste gewinnenden, betrogenen russischen Arbeiter erwarten." Dem Monarchen verleiht das Gesetz Unverletzlichkeit. Ein Heer von bewaffneten Dienern schützt das Gesetz. Aber hinter den Panzerthüren der mordgerüsteten Schützer selbst zittert der Selbstherrscher noch in nnablässiger Todes- furcht vor den Brechern des Gesetzes, das ihm Unverlctzlichkeit verbürgte. In Tolstojs Werk erkennt man eine höhere Unverletzlichkeit, die nicht vom Gesetz gewährt wird, sondern die der Gesetze spottet, eine Uiiverlehlichkeit, die keine Waffe zu ihrem Schutze hat, sondern alle Waffen gegen sich gerichtet weiß, und vor der doch die brutalste und wchrtüchtigste Gewalt ohnmächtig zurückweicht. Tolstojs Manifest erklärt dem ganzen herrschenden Rußland den Krieg, es ist eine Emt'örung ini Innern während eines zerschmetternden Kampfes gegen einen überlegenen äußeren Feind, vielfälttger Tod droht solchem Beginnen, der Prophet aber geht ruhig seiner Arbeit nach, er ist erhaben über jeder irdischen Sorge— mögen sie mit ihm beginnen, was fie wollen: er mußte aussprechen, was er dachte. Und die blutige Faust des Zarismus bebt vor dem Entsetzlichen zurück, die Heiligkeit des Propheten anzutasten. Das ist das Tröstende dieses unerhörten Vorganges: Es giebt dennoch moralische Mächte, die über jeder Gewalt triumphieren.... Es scheint ein jäher Widerspruch Tolstojs Wesen zu zerreißen: der große Dichter ist ein Feind der Kunst, der kühne und klare Denker ein Verächter der Wissenschaft, der reine Künder heller Lebensbejahung ein Asket in düsterer Kutte. Wer jedoch sein Manifest gegen den russisch-japanischen Krieg mit Andacht liest, der wird gewahr, wie sich der Widerspruch löst und aufhebt. Tolstoj weist iu demselben Geiste die Flötenspieler und Komödianten zurück, wie eS der Grieche Plato gethan: Sie verwirren und schwächen ihm die eigentliche Aufgabe des Menschentums, die darin besteht, gemein» sam zu schaffen, nicht zu zerstören. Die Kunst dient den Instinkten der Widersacher des einen erhabenen Zieles, der Menschen- brüderschaft. Und ist etwa die Wissenschast fähig und gewillt, den Schrecken der Schrecken zu überwinden, das furchtbare Bewußtsein von der Machtlosigkeit der menschlichen Vernunft? Im Gegenteil: Das Ge- schüft, das sich Wissenschast nennt, bringt jeden Wahnsinn in ein System, es rechtfertigt das Widersinnige durch erlogene Vernunft- gründe, und philosophiert die entsetzlichsten Verbrechen um in tiefste geschichtliche Mission..Gelehrte Juristen, die Herren Mnrawiew und Martens, suchen scharfsinnig zu beweisen, daß zwischen dem Ruf zum Weltfrieden und dem Beginn eines Krieges, der freinde Länder erobern soll, ein Widerspruch nicht zu finden ist. Und die Diplomaten drucken und versenden in der Kultursprache Frankreichs Rundschreiben, in denen haarscharf nachgewiesen wird, daß die russische Re- giening, nachdem sie alle Versuche gemacht hat, die stiedlichen Beziehungen austechtzuerhalten sin Wirklichkeit waren es Versuche, die andren Staaten zu betrügen), sich genötigt sieht, das einzige Mittel zu einer vernünftigen Lösung des Problems zu rüsten: den Menschenmord. Dasselbe schreiben, drucken, versenden die japanischen Diplomaten. Gelehrte, Historiker, Philosophen ver- gleichen die Gegenwart mit der Vergangenheit, ziehen aus der Parallele die tiefsinnigsten Schlüsse und sprechen lang und breit von den Gesetzen der Vvlkerentwicklung, von dem Verhältnis der gelben zur weißen Rasse, des Buddhismus zun, Christentum, und recht» fertigen mit solchen Schlüssen und Betrachtungen den Totschlag, den die Christen an den Menschen gelber Rasse verüben." Darum verachtet Tolstoj die Wissenschast und ans dem gleichenGrunde lehrt er auch, den bunten Reiz des sinnlichen Lebens verabscheuen. Wird nicht nur wegen dieser sinnlichen Genüsse den Menschen das Unerträglichste erträglich, lassen sie sich nicht dadurch von ihrem Ziele ablenken, werden sie nicht widerstandslos gegen Unterdrückung und Barbarei? Das Seelenheil, das zu erringen des Menschen Aufgabe sei, ist, wie es Tolstoj versteht, nicht etwas Ueber- wellliches. Weltflüchtiges, Dogmen-Religiöses. sondern einfach die Besinnung des Menschen auf seinen wahren Beruf: zu arbeiten mit dem Nächsten gemeinsam, nicht den Nächsten zu vernichten. Auf diese Weise wird der vermeintliche Widerspruch zur notwendigen Folgerichtigkeit. Tolstoj gleicht einem Naturforscher, der, um ein Experiment rein durchzuführen, alle störenden Erscheinuirgen auszuschalten bemüht ist. Er hat verzweifelnd eingesehen, daß die unendlichen Kultur« bemühungen der Menschheit völlig ohnmächtig sind, die Kultur bricht zusammen, sobald die Barbarei rast. Deshalb ist ihm die moderne Kultur schließlich nur ablenkende, störende Nebenerscheinung. Er aber will die Seelen bändigen und festigen in dem einen schlichten und erhabenen Gedanken der Nächsteitliebe, die nicht mehr bloß ein prunkendes Wort, sondern ein unverbrüchliches Gesetz ist, dem sich alles andre unbedingt unterordnet. Das ist ihm der einzige Weg der Erlösung: die Auferstehung der Seelen.„So sonderbar es viel- leicht den Meilschen erscheinen mag, die mit Kriegsplänen, Rüstungen, diplomatischen Verhandlungen, mit der Verwaltung, mit Wirtschaft- lichen Maßregeln, mit revolutionärer und socialiftiicher Propaganda und init allerlei unnützen Wissenschaften beschäftigt sind, durch die sie die Menschen von ihren Nöten zu erlösen gedenken: die Erlösung der Menschen, nicht allein von den Nöten des Krieges, sondern von all' den Nöten, die sich die Menschen selbst bereiten, wird nicht von den Kaisern und auch nicht von denen kommen, die Welt- bündnisse schließen. Nicht von den Menschen, die da Kaiser und Könige von den Thronen stürzen, sie durch Institutionen ein- schränken oder Monarchien in Republiken verwandeln, nicht durch die Friedeitskonferenzen, nicht durch die Verivirklichung socialistischer Pläne, nicht durch Siege und Erobeningen zu Land und zu Wasser, nicht durch Büchersanimlnngen, Hochschulen, nicht durch unnütze geistige Bethätigung, die man jetzt Wissenschaft nennt, sondern nur dadurch, daß die Zahl der schlichten Menschen stetig sich mehrt, die..."— das ist Tolstojs Gedanke— zunächst innerlich Christen werden, die das Reich Gottes zunächst innerlich verwirklichen, erst dann Iverde sich auch das äußerliche Reich Gottes begründen,„das jegliche Menschenseele erwünscht". Niemals ist die christliche Idee edler vertieft worden, es sei denn bei dem Deutschen Fichte, dessen Anschauungen gar manche merk- würdige Berührung mit Tolstoj haben. Weil aber Tolstoj das Christentum also beim Worte nimntt, darum nannte ihn neulich ein deutsches christliches Kanonenblatt, das fteilich von der Industrie der Mordwerkzeuge lebt, einen asten Fasler. Das socialistische Proletariat weiß, daß diese aus der Ver- zweiflmig geborene Mystik Tolstojs nur die Sache der Menschheit für immer zerstören würde, wenn sie sich der Gemüter bemächttgte. Tolstojs Heilsweg kann nicht zum Ziele führen. Indessen Tolstoj ist auch uns ein Prophet, der uns begeistern mag zu dem Glauben an die Sache, zu dem Mut der Wahrheit, ohne die nichts Großes werden kann. Der Prophetenkraft, die über Menschenfurcht erhaben ist, bedarf jede Bewegung, die eine geschichtliche Mission zu er- füllen hat.__ Joe. Kleines f euilleton. rn. Urlaub. Er saß vor einer geleerten Kasteetasse und blickte versonnen aus dem Fenster seines kleinen Hinterzimmers. Das ging auf einen engen Restaurationsgarten, der wie eingequetscht zwischen hohen Hauswänden lag. Acht braune Tische enthielt er, ungerechnet die. welche in den grünumwachsenen Seitenlauben standen. Zwei große, steinalte Kastanien beschatteten den ganzen Garten. Kein Gast hielt sich jetzt, in früher Nachmittagsstunde, hier auf. Nur der Kellner saß, den Rücken den. Eingange zugekehrt, an den Stamm einer Kastanie gelehnt, hielt die Serviette in der Hand und nickte vor sich hin. Spatzen, Meisen und Rotkehlchen zwitscherten in den Bäumen oder hüpften an der Erde herum, nach den Krumen suchend, die der Kellner von den Tischen gefegt.— Der Betrachtende ain Fenster schrak aus seiner Versonnenheit auf, als die Thür ging und seine Logiswirtin eiligst eintrat:„Aber. Herr Christian, es ist die höchste ZeitI Sie kommen zu spät in die Stunde!" „Heute komme ich nicht zu spät, Frau Hanke. Die Herrschaften, bei denen ich Stunden gebe, sind nun sämtlich verreist. Ich habe— Urlaub." Frau Hanke hörte nicht den ironischen Ton, der auf dem letzten Worte lag.„Urlaub?! Na. das ist Ihnen aber wirklich einmal von Herzen zu gönnen I Nu aber'raus mit Ihnen, Herr Christian — in die Sonne und an die Lust, damit Sie wieder'n bißchen Farbe kriegen! Mein Gott!" Die kleine Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen und faltete sie dann vor'm Bauche.„Wie blaß Sie sind! Ein Gesicht wie weißer Käse!" Sie schüttelte das apfel- runde Haupt. „Das ist bloß von außen," scherzte Christian. „Von außen?" Frau Hanke trat einen Schritt näher und wackelte mit der Hand:„Mit Ihrer ganzen Gesundheit steht's doch auch man eben so so. Ist's denn'n Wunder? Ich bin man'ne einfache Frau und verstehe nichts von Ihren gelehrten Sache», aber so viel weiß ich: das ewige Studieren macht dumm und krank dazu! Und dann sich noch'rumärgern mit fremder Leute Göhren— ich danke schön I" „Ja, ja." sagte Christian und zielte mit dem Bleistift nach einer Fliege. „Ist das denn'ne Art, die halbe Nacht über den Büchern zu sitzen, und den ganzen Tag sozusagen und jede Stunde? Keinmal 'raus in's Grüne, keinmal'ne Lustigkeit oder sowas. Nee, Herr Christian I Ich habe Herren zu wohnen gehabt, mit denen war's mir mitunter schon zu toll, aber ich gäb, weiß Gott, was drum, wenn Ihnen'mal der Hut schief sitzen thät'l" „Ich auch. Das wär' lustig." „Urlaub! Und da," sie grist ein dickes Buch vom Tische auf und buchstabierte am Titel,—„na ja!'n fremdländisches sogar! Hebräisch oder chinesisch— was weiß ich! Das fehlt Ihnen gerade noch!" „Uebersetzungen, Frau Hanke. Ferienbeschäftigung für die Zeit, wo mir die Stunden ausfallen und ich also keine Einnahme habe,'n Glücksfall für Sie und mich." „Ich bin wohl so'ne Blutsaugerische?" Frau Hanke empörte sich. Christan lachte:„Unsinn, Frau Hanke. Ganz und gar nicht. Aber schließlich wollen Sie doch Ihre Miete und was noch so drum und dran hängt. Ich will essen— wenn auch nicht viel. Also: der bewußte Knüppel beim Hunde. Schrum!" Er hieb auf den Tisch. „Und das nennen Sie Urlaub?" Frau Hanke nahm das Kaffee- geschirr und drehte sich an der Thür noch einmal:„Für solchen Urlaub dank' ich!" „Ja..." Christian nickte, starrte ein Weilchen vor sich hin. rückte dann mit plötzlichem Entschluß den Tisch an's Fenster und begann seine Arbeit mit verdächtigem Eifer. Es ging nicht. Immer wieder zwang es ihn, nach den Sonnen- lichtern zu sehen, die im Laubdach der Kastanien spielten und zuweilen gar in's Fenster und über das Schreibpapier huschten. Christian besann sich und schob den Tisch weiter zurück in das Zimmer. Als er eben die Feder ansetzte, begann eine Drossel mit lauten Tönen unter seinem Fenster zu schmettern. Christian horchte ein Weilchen, schloß das Fenster, wandte alle Willenskraft auf und begann von neuem an seiner Arbeit. Eine halbe Stunde quälte er sich, eine Stunde vielleicht... Dann war ihm, als schnüre ihm etwas die Brust zusammen, als rücke die Zimmerdecke tiefer auf ihn herab. Heiß Ivar es auch. Er warf den Rock ab und marschierte einige Male hin und her, die Unruhe zu dämpfen, welche immer heftiger wurde. Er setzte sich wiederholt, ergriff die Feder und warf sie wieder zur Seite. Die lange Pfeife siel ihm ins Auge. Ohne Besinnen griff er danach. suchte ein paar Tabaksreste zusammen, zündete sie an und paffte in gewaltigen Wolken. Dann setzte er sich in die Sophaecke, ein Bein heraufziehend. Nach einer Pause folgte das zweite. Das Träumen kam über Christian. Er dachte, wie es wohl wäre, wenn er wirklich Urlaub hätte. Wenn er einmal so alle Sorgen und Last abschütteln könnte und nicht an den Monatsersten und an die Mahlzeiten zu denken brauchte. Wenn... Christian schlief ein. Es war schon dunkel, als er erwachte. Er sprang jäh empor und trat auf die Pfeife, welche neben das Sopha gefallen war. Ein Lichtschein flimmerte an der Decke. Der kam von den bunten Lampions aus dem Garten. Kalter Tabaksdunst im Zimmer. Christian riß das Fenster auf. Kühl, erfrischend kam es herein. Plaudern. Gläscrgeklapper, Lachen drang aus dem menschengefüllten Garten herauf. In den dichtgrünen Lauben aber, unter dem Fenster, war nur dämmerige Helle, nur ein Flüstern und leises.Wichern kam daraus hervor. Weiße Kleider schimmerten durch das Blattwerk. Und zu- weilen stieg ein seltsamer Laut herauf wie von verstohlenen Küsien. - Christian stand lange im Tunkeln und horchte. Nicht cnif das. was gesprochen wurde. Denn die Worte Versrand er nicht. Ader in ihm war etwas, das wollte da hinab. Bis ihm die Hebersepung einfiel. Da schloß er das Fenster, zog die Gardine zu und zündet« die Lampe an. Nun klang alles nur noch gedämpft von unten herauf— wie ans der Ferne. Und während Thristian schrieb, hatte er das Gefühl, als rinne das Leben weitab an ihm vorbei, als würde er's nie ergreifen können.,. Kulturgeschichtliches. — Die Medizin im Talmud. Der Talmud ist teils ein suristisches, teils ein religiöses Werk. Seine Auseinandersetzungen haben fast immer entweder ein religionsgesetzliches oder ein er- bauliches Ziel. Die Verfasser des Talmuds(in den erste» drei bis vier Jahrhunderten nach Christi Geburt) waren wohl fast nie Mediziner von Fach; trotzdem nachten sie fich mit medizinischen Dingen befassen, da ja der Talmud die Auslegung und Erklärung der Bibel zum Zlvecke hatte und da eine Reihe von medizinischen Dingen vorrommen, die dann im Kommentar, also im Talmud, ab- gehandelt werden mutzten, wenn auch in erster� Linie stets vom religionsgesetzlichen Standpunkt aus. Eine wissenschaftliche Medizin kann man also im Talmud nicht verlangen. Sie steht sicherlich weit rmter der des Hippokrates, etwa auf der Höhe des Durchschnitts- erztes damaliger Zeit, richtiger gesagt, der Talmud bietet' die Volks- Medizin jener Zeit. Was im Talmud besonders auffällt, ist der krasse Aberglauben und Dämoneuglauben, vou dem Hippokrates über- Haupt rrichts weiß. Ferner der grotz« Mangel an richtiger anatomi- scher oder physiologischer Anschauung, obwohl die Verfasser des Talmuds ausreichend Gelegenheit halrcn, bei den Schlachttieren gewisse Kenntnisse zu sammeln, die auf der andren Seite bei chirurgi- scheu Maßnahmen doch öfter zu Tage traten(Einrichten von Ver- reatimgcn und Kuocheribrüchcn z. B.) Die Diätetik und allgemeine hygienische Lebensführung wird im Talmud zum Teil in mustergültiger Weise beschrieben. Sehr angenehm berührt die Fürsorge für die Kranken, auch für geistig kranke. Die Jrrenpflege und die Lehre, daß Jrrsein auch eine Krankheit ist, steht im Talmud auf einer Höhe, die erst in den letzten Jahrzehnten wieder erreicht wurde. Interessant ist, daß der Talmud bereits künstliche Zähne kennt (silberne und goldene). An gauz moderne Organtherapie erinnert die Vorschrift, daß ein von einem tolle» Hunde Gebissener von dessen Leber essen soll. Wenn nach alledem auch d> Medizin im Talmud wissenschaftlich noch auf einer recht tiefen Stufe steht, so giebt sie doch eine ganze Reihe in kulturhistorischer Richtung wichtige und interessante Aufschlüsse.—(«Umschau'.) Geographisches. gc. Der größte Gletscher der Welt. Das größte Akpengebirge der Erde ist der die Grenze zwischen Borderindien und Tibet bildende Himalaja. Es Ivird an Höhe seiner Kämme und Gipfel, an Tiefe und Wildheit seiner Thäler, an Umfang seiner Fünfelder und Gletscher von keinem andren Gebirge der Erde er- reicht, es bietet Bilder von überwältigender Erhabenheit, aber an Schönheit steht es unsren Alpen weit nach. Die höchsten Gipfel liegen ün mittleren Himalaja, an der Grenze von Nepal, und im westlichen Himalaja an der Grenze zwischen Kaschmir und Tibet. Hier steigt der Dapsang in der Wustakhkette bis zu 861g Meter Höhe auf, und somit, da der Gaurisfankar im Central-Himalaja 8839 Meter Höhe hat, der zweitgrößte Berg der Erde. In der Mustakhkette findet man auch den längsten aller Gletscher: den Baltorogletscher. Dieser Eisstrom stießt von der Mustakhkette herab und hat bei einer durchschnittlichen Breite von IV» Kilometer eine Länge von über 50 Kilometer. Zahlreiche kleinere Gletscher kommen von rechts und links aus de» Schluchten und von den Hängen herab und vereinigen sich mit ihm, weshalb auch eine ganze Anzahl von langen Schutt- und Geröllstreifen, sogenannte Wittelmoräuen, auf seiner Oberfläche sichtbar sind. Das Gletscherende ist mit nn- geheuren Massen von Geschiebe, Geröll und Schutt bedeckt. Dies findet man übrigens bei allen Gletschern des Himalaja, wodurch sie unansehnUch werden. Die schneeige Weiße, wie bei den Alpen- gletschern, oder das herrliche Blau des Eises, wie im Spätsommer am Siosenlauigletscher. dem Uebelthalferuer, dem oberen Grindelwald- undRhonegletscher, tritt selten hervor. Aus einem gewaltigen Gletscher- thor rauscht ein starkerGletscherbachhervor. Die umgebenden Berghänge sind von erschreckender Steilheit, die Pahübergänge nicht unter 5000 Meter, also höher als der Gipfel des Montblanc.— Aus der Pfiauzeuwelt. — o— Nelken. Wenn die Rosen ihre eigentliche Blütezeit hinter sich haben, dann wendet sich die allgemeine Gunst der Nelke zu. Diese ist die Hauptblume des Hochsommers. Neben Rosen und Tulpen ist sie wohl die populärste aller Blumen. Es giebt verschiedene Arten dieser Pflanze, aber wenn jemand von Zielten spricht, dann meint er immer die Gartennelke. Eine ccbwechselungsreiche Blüten- Pracht und ein berauschender Duft ist ihr eigen, wie kaum einer andren Blume. In Südeuropa einheimisch, ist sie fest alter Zeit ein Schmuck der Gärten. In unzähligen Spielarten ist sie ver- breitet, und noch heute bildet die Züchtung neuer Gartennelken einen Hauptzweig in den Blmnenzüchtcreien. Die Nelken überstehen bei uns nicht immer den Winter, manche Exemplare erfrieren oder per- Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: faulen unter der Decke. Man hak sich deshalb bemüht, auch solche Neltensorten zu züchten, die, im Frühjahr ausgesät, noch im Sommer blühen. Diese Eigenschaft besitzen die sogenannten Margareten- Nelke«. Indes kommt ihr Flor doch zu spät im Sommer, so daß überwinterte Gartennelken immer noch den Vorrang verdienen. Da- gegen rst eine andre, bei uns in Gärten verbreitete Nelkenart, die Chineser-Nelke, die im Anfange des IL. Jahrhunderts eingeführt wurde, schon frühzeitig im ersten Jahre zum Blühen zu bringen. An Farbenbuntheit übertrifft sie fast noch die Gartennelke. Gegen» wärtig ist besonders eine Äbartenklasse dieser chinesische« Blumen, die sogenannten Hedwigsirelken, sehr beliebt. Diese blliheu äußerst dankbar den ganzen Sornmer hindurch. Neben der Gartennelke und den Chine ser- Nelken finden wir in unser« Gärten noch zwei andre Nelkenarten, die jenen beiden an Ansehen jedoch nicht ganz gleichkommen: die Fedcrnclke und die Bart- nelke. Beide Arten wachsen in Süddeutschland wild, sind indes sehr selten. Die letztere besrtzt sehr kleine Blüten, die aber in reicher Anzahl in einem büfchcligen Krqzf vereint find. Die langen, dünnen. haarartigen Deckblätter, welche den Kelch der Blüten umgeben und weit hervorragen, haben der Blume den Namen gegeben. Ihre Blätter find weit breiter als die der andren Nelken, darum macht sie nicht recht einen nclkenartigen Eindruck. Die Federnclke dagegen gleicht im Blatt der Gartennelke ganz und gar; ihr« Blüten, ur- sprünglich weiß oder rötlich, bestehen aus federiz ausgezackten Blättern. Es ist eine recht liebliche Blume, dazu ganz winterhart und außerordentlich anspruchslos. Sie wird viel zu Einfassungen von Beeten gebraucht und eignet fich dazu ganz vorzüglich. Ihr unbändiges Wachstum macht cS indes nötig, ihr, wenn möglich, jedeS Fahr einen neuen Platz anzuweisen. Sonst werden die einzelnen Exemplare zu breit und imschön. Wir besitzen in Deutschland, selbst im nördlichen, noch eine wilde Nelkenart, die es ebenfalls verdiente, im Garten angepflanzt zu werden. Das ist eine Nelke, der Linne das Beiwort superbns gab, also die Prachtnelke. Sie hat noch mehr federartig zerschlitzte Blüten als die Federnelke, sie sieht darum sehr'lustig und anmutig aus. Ihre Blätter find ebenfalls ganz nelkcnartig, allerdings nicht so weiß- grau von Farbe. Sie liebt einen etwas schattigen Standort. Im Freien kommen noch mehrere andre, aber bescheidenere Nelken bei un? vor. Häufig begegnet man auf trockenen Grasstellen, an Wald- rändern der kleinen Heidenelke, die hübsche rote, weißfleckige Blüten besitzt. Zu kleinen Büscheln vereint find die Blumen bei der Karthäuser-Nelke, deren Kronenblätter ebenfalls rot gefärbt find, jedoch drei dunklere Längsstreifen besitzen. Im ganzen zählt man neun bis zehn Nelkeuarten, die in Deutschland heimisch sind.— Hnmoristisches. — Erste Sorge. Frau:„Mein Gott, waS thun wir nur! Der Junge hat soeben ein Geldstück verschluckt!' Mann:„Da mach'n wir gleich Kasse— damit wir wissen, wie viell'— — Kleine Gefälligkeit.(In der Sommerftische.)„Hör'n Se, Fräul'n, ha'n Se mein' jung'n Stier nit geseh'n?' „Ihren Stier? Ach Gottl Nein— wo ist er denn?' „Nu, er is losgebroche'!.. Wenn Se'n sollte' seh'n, sin' Se doch so gut im' laufe Se mit Jhr'm rote Paraplui vorne her in mein' Stall I— — Mißtrauisch. Junge Frau:„Schon wieder schickst Dir dem Heiratsvermittler fünf Mark 1.. Sag''mal Arthur— Du hast mich doch nicht etwa auf Abzahlung genommen?'— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Die Freie Volksbühne hat von Anfang April 1003 bis Ende März 1904 100 232,25 M. eingenommen, 88 193,97 M. ausgegeben. Im Spieljahre 1392/1893 betrugen die Einnahmen 30 687,95 M., die Ausgaben 28 310,95 M.— — Die französischeReg i eru n ghat fürdieHerstellimg von Haudschriften-Reproduktionen 100 000 Fr. ausgeworfen. ES sollen die wertvollsten Handschristen der französischen Tamm» lunaen vervielfältigt werden, die Leitung der Arbeiten ist der Pariser Akademie der Inschriften übertragen worden.— — Der Arbeiterverein der schwedischen Stadt Norr- köping befitzt eine eigne Theaterbühne. Jetzt hat der Berein zum Direktor und Sceneninstruftor seiner Bühne F. Strandberg, bisher Sceneninstruktor am Stockholmer Vollstheater, berufen.— — Das französische Unterrichtsministerium verbot dje Verwendung von Kindern unter drei- zehn Jahren in Theatern und Tingel-Tangeln.— — Die Pariser Opera C o m i q u e bringt als erste Novität der nächsten Saison„ D a S königliche Kind' von Alfred B r u n e a u, mit einem Libretto von Emile Zola, heraus.— — Ein Bild Leibis, eine Dachau erin mit ihrem Töchter lein, ist für die Nationalgalerie erworben ivorden. Das Gemälde aalt seit 1889 für verschollen; erst vor kurzem tauchte es iu Brüssel wieder auf.— — Für eine Stradivari-Geige wurden auf einer Londoner Auktion 15 900 M. gezahlt.— Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.. Berlin SW.