Nnterhallungsblatl des'Vorwärts Nr. 132. Donnerstag, den 7. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 27t Im Vaterkaufe. Socialer Roman von Minna Kautsky. 17. Kapitel. Der Tag von Tinis Debüt war gekommen. Das ganze Baus befand sich in Aufregung. Die Hausbesorgerin war schon am frühen Morgen an die Theaterkasse geschickt worden, Billets zu kaufen. Sie kaufte auch eins für sich. Gegen Mittag war bei Wittes ein feinparfümiertes Gouvert abgegeben. Es enthielt die Anweisung auf eine Loge im 1. Rang nebst einer Karte: Im Auftrage der Debütantin, Fräulein Tina Schöne, stand darauf. Es war Tinis Theater- name. Die Mädchen gerieten außer sich vor Entzücken. In einer Loge zu sitzen und Tini auftreten zu sehen, das war eine so gesteigerte Freude, der sie sich ganz und gar hingaben. Sie tanzten in der Stube herum, lachten und umarmten immer wieder die Mutter, die ihnen zulächelte, an dieser Wonne sich letzte. Sie sausten über den Gang zu Schönbrunners hinüber, um Tini zu danken. Frau Schönbrunner ließ sie nicht ein. Tini sei nicht zu sprechen. Sie läge auf dem Sofa und es liefen ihr kalte Schauern über den Rücken...Lampenfieber! Als sie zurückkamen, wurden Schränke und Laden ge- öffnet, um eine für eine Loge halbwegs nlögliche Toilette zusammen zu stellen. Die weißen Sommerblusen wurden ge- bügelt und alle Kartons nach Bändchen und Spitzen durch- wühlt, um sie aufzuputzen. Gusti lachte triumphierend auf, als sie einen alten Filz- but des Vaters gefunden, aus dem sie sich Sohlen schnitt, die sie in ihre durchgewetzten Schuhe geschickt hineinpaßte. Als Witte um die Mittagstunde das Haus erreichte, sah er tief bekümmert aus. Ein heftiger Wortstreit mit seinem Ehef, der seine Arbeit getadelt, ihm Unbrauchbarkeit vorge- warfen hatte, bebte noch in seinen Nerven nach. Er wußte, was ihm bevorstand. Das war ein Präludium, heut oder morgen kam es zum Krach. Das Angstgefühl einer gefährdeten Existenz überkam ihn in all seiner Kläglichkeit. Er kämpfte dagegen, er sprach sich Mut zu. Es wäre immer gut, wenn man wisse, wie man daran sei. Er wird sich nicht überraschen lassen und sich beizeiten um einen andern Posten umsehen. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er die Treppe auf- wärts, Stufe um Stufe, und er schöpfte tief Atem, che er läutete. „Der Vater, der Vater!" Wie ein Jubel scholl es ihm entgegen. Die Loge wurde ihm vorgezeigt und über die Art ihrer Zusendung genau berichtet. Der leichtlebige Mann griff die Gelegenheit, sich zu zerstreuen, gierig auf. Seine Sorgen für einen Moment zu vergessen, war Wohlthat. Was nützte es auch, ihnen nachzuhängen? Ter Mensch muß sich oben er- halten: mit seinem Können hatte er nichts zu fürchten. Die angenehme Aussicht, sich mit seinen hübschen Töchtern in einer Loge zu zeigen, noch dazu im ersten Range, beschäftigte ihn bald ebenso sehr, als seine Kinder. „Habt Ihr meinen schwarzen Frack schon vom Boden herabgeholt?... Sieh nach, Elise, er bedarf vielleicht einer kleinen Reparatur... Hab ich ein blankes Vorhemdchen, Gusti?... Was machst Du denn da?" fragte er, ihr näher tretend, die noch immer mit ihrem Schuhwerk beschäftigt war. !.,Du wirst doch nicht mit diesen abscheulichen Schuhen auf die Straße gehen wollen?" „Ich habe keine andern." Da brauste er auf.„Ich verstehe das nicht, ich glaube, ich verdiene genug, daß meine Kinder nicht mit zerrissenen Schuhen umherlaufen müssen... geh' zu unserm Schuster und kauf' Dir neue." „Der giebt nichts mehr her, wir sind ihm noch schuldig," sagte Gusti, ohne daß der frisch-fröhliche Ausdruck ihres Ge- sichts sich nur im geringsten verändert hätte..: 7. Witte wandte sich ab, als hätte er's nicht gehört. >„Habe ich eine weiße Krawatte? Für eine Loge ist's un- umgänglich und wie sieht's bei Euch mit Handschuhen aus?" «„Wir waschen uns unsre Weißen," riefen die Mädchen, „Ja, Mädels wissen sich immer zu helfen," scherzte er, „Aber ich— ich muß doch auch welche haben?"? „Es stecken vielleicht noch welche im Frack," sagte Elise, Sie griff in die Tasche desselben und brachte richtig ein Paar zum Vorschein. Witte griff hastig danach: als er es auseinander nahm. merkte er, daß der eine einen abgeschnittenen Daumen hatte. Die Mädchen lachten, selbst Elise verzog lächelnd den Mund. Er fand es nicht so spaßhaft. Er ging in der Stube auf und nieder, dann trat er zum Bücherkasten und öffnete ihn, Der einst so reich versehene war fast geleert. Er nahm zwei große bereits in Papier gepackte Bücher heraus und entfernte sich rasch mit denselben. Als er um sechs Uhr wieder kam, zeigte er sich auf- geräumt aber auch ungeduldig, weil die Mädchen noch nicht fertig waren. „Wenn man während des Aktes in eine Loge tritt, giebt das ein Aufsehen im ganzen Hause, ich kenne nichts Schrecklicheres." Er war beim Friseur gewesen, Bart und Haare waren modern geschnitten: er sah um zehn Jahre jünger aus, er mochte sich auch so fühlen. Und als er in Frack und weißer Krawatte wieder hereintrat, war er so hübsch und elegant, „zum Verlieben", wie seine Mädels behaupteten.„Man wird Dich für meinen Bräutigam halten,"—„nein für meinen," riefen die Kinder, sprangen an ihm hinauf und küßten ihn ab. Gusti hatte der Mutter eine Suppe gekocht: als sie sie ihr brachte, schüttelte sie ablehnend den Kopf. „Aber Mutti, das ist ja schrecklich mit Dir," jammerte Gusti.„Du hast mittags nichts gegessen und jetzt willst Du abermals nichts zu Dir nehmen." „Nur einige Löffel," bat Luise, die von der andern Seite an sie herantrat. „5tinder, quält doch die Mutter nicht," mahnte Witte. „Sie macht keine Bewegung, woher soll der Appetit kommen?" „Ist Dir kalt, Mutter? Du hast eisige Hände," fragte Luise erstaunt, sie glühte. „Ich glaube es ist nicht warm hier," bemerkte die Mutter; sie hatte mittags die letzten Kohlen verheizt. „Wir werden im Vorbeigehen welche beim Händler be- stellen," tröstete der Vater und half selbst seinen Töchtern beim Anziehen. „Geht doch schon, es ist halb sieben, die höchste Zeit," drängte die Mutter. Es kam noch das Abschiednehmen. „Du brauchst die Thür nicht hinter uns zu schließen, ich schicke die Kohlen sofort durch den Träger herauf," ver- sicherte Gusti. „Schon gut. schon gut, geht nur, viel Vergnügen!"? Sie hatte ihnen freundlich zugelächelt. � Als sie fort waren, trübten sich ihre Augen. Sie sah nach dem Bücherschrank und seufzte. Auf die Prachtbibel mit den schönen Illustrationen von Dor6 hatte sie ihre Hoffnung gesetzt. Es war so ziemlich das letzte Stück, das noch zu verwerten war und nun war ihr Gustav zuvorgekommen. Er hatte das Geld in der Tasche, vielleicht auch schon ausgegeben.— Er konnte leichtsinnig sein— o ja, bis zur Gedankenlosigkeit.... Aber wenn man sich über die Härten des Lebens hinwegtäuschen kann, ist's nicht besser als zu ver- zagen? Fröstelnd hüllte sie sich in ihr Tuch, und den Kopf zwischen die Schultern ziehend, kauerte sie sich noch mehr zusammen. Das Geräusch der sich öffnenden Thür ließ sie ans- sehen. Ein Junge war hereingekommen. Er warf, einige Worte murmelnd, einen schmutzigen Zettel vor sie hin und ging wieder hinaus.■ Es war der Kohlenausträger gewesen. Auf dem Zettel standen die lakonischen Worte: Erst die Schulden zahlen, dann können Sie wieder, was. haben, früher nicht.... (Ste schlang ihr Tuch fester um ihre Schultern und' blieb, vhtte sich zu rühren, auf ihrem Stuhl. Mit einem leeren Ausdruck starrte sie in die flamme der kleinen Petroleumlampe, das einzig Wärmende, die vor ihr auf dem Tische stand. Es schlug sieben. Im Schornstein heulte der Wind, man verspürte fernen rauhen Hauch in der Stube. Elise erhob sich und ging in die Küche. Mit einem Lichtstümpfchen sah sie in der Kiste nach, ob nicht doch noch ein Rest von Kohle vorhanden wäre, und ver- suchte mit einer Schaufel den den Boden bedeckenden Kohlen- staub zusammenzuscharren. Auch etwas Holz war noch da. Damit könnte sie noch ein ganz nettes Feuerchen zusammen- dringen, dachte sie. Ein zufriedenes Lächeln huschte über das bleiche Gesicht. Da klopfte es an die Thür, sie war nicht geschlossen, und ohne daß der Klopfende die Aufforderung zum Eintreten ab- gewartet hätte, öffnete er sie rasch. Ein junger brünetter Mann von kräftigem Wuchs, in Lodenmantel, den weichen runden Hut in der Hand, war ein- getreten. Erstaunt sah sie den Fremden an:„Was wünschen Sie?" Er antwortete nicht sofort. Sein Blick haftete auf ihrer Gestalt, die in dem dunklen Kleid so schmal und abgezehrt, schier wesenlos vor ihm stand. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Uns früheren Kämpfen. (Schluß.) Es dauerte eine ziemliche Weile, che ich es wagte, mich öffentlich an den politischen Diskussionen im Verein zu beteiligen, trotzdem es mich innerlich nicht wenig dazu trieb.'Aber mich schreckte das Vor- bild eines jüdischen Genossen ab, der damals viel in Versamm- lungen sprach. Es lvar nicht nur ein sehr selbstloser, sondern auch ein sehr intelligenter Mensch, und was er sprach, hatte sachlich gewöhnlich Hand und Fuß. Aber er schwächte den Eindruck seiner Ausführungen dadurch ab, daß er sich beim Reden fortgesetzt ver- besserte, und ich lvar fest überzeugt, daß ich es voraussichtlich ganz ebenso machen würde wie er. Mein Ideal aber war Max Kayser, der trotz seiner Jugend ungemein eindrucksvoll sprach, und Jgnaz Auer, der sehr bald unser bester Redner geworden war. Das erste Mal, wo ich selbst das Wort zu nehmen wagte, war in einer Agi- tasionsversammlung in Spandau, wohin ich Max Kayser begleitet hatte. Der Versuch war ziemlich günstig ausgefallen, und Kayser und andre ermunterten mich, auf dein betreteneit Wege fortzufahren. Bald darauf sollte ich denn auch in der That als Referent auf- treten, und dies unter Umständen, die unsre danialigen Parteikämpse in klassischer Weise illustrieren. In dein nördlich von Berlin gelegenen Städtchen Bernau, wo viel Weberei getrieben wurde, hatten wir Eiscnacher ein paar Anhänger, von denen der eifrigste ein aus Sachsen ein- gewanderter junger Weber namens G. Gladewitz war. Dieser, heute noch ein guter Kampfgenosse, drang darauf, daß von Berlin zwei Redner nach Bernau behufs Abhaltung einer Volks- Versammlung und Gründung einer Mitgliedschaft geschickt würden, und auf Zureden unsres Agitationskomitees entschloß ich mich, die Mission als zweiter Referent anzunehmen. Als erster Referent sollte Max Kayser den Leipziger Hochverratsprozeß behandeln. während mir die Aufgabe zugewiesen wurde, die Grundsätze des Socialismus zu erläutern. Ich muß bekennen, daß ich nur in der stillen Hoffnung annahm, es werde über dem ersten Referat und der sich anschließenden Debatte keine Zeit für das zweite Referat übrig bleiben. Aber es sollte ganz anders kommen. Als wir am festgesetzten Tage am Stettiner Bahnhof den Zug nach Bernau bestiegen, bemerkte Kayser, daß drei bekannte Mitglieder des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, H a s s e l ni a n n, Rost und Klinckhardt, in den gleichen Zug init uns einssiegen. Er teilte es mir sofort mit und drückte die Befürchtung aus, daß die Genannten uns nachreisen, um uns unsre Versammlung zu verderben. „Und dann wird's schlimm werden/ meine er,„Sie wissen ja, wie Hasselmann ist. Der spürt Ihnen auch den geringsten Fehler in Ihrem Vortrage auf und dreht Ihnen daraus einen Strick. Das ist der beste, aber auch der hinterlistigste Redner der Lassalleancr. Er kann die Massen fanatisiercn, und Rost ist ihnr an Gehässigkeit, lvenn möglich, noch über." In dieser Tonart ging es die ganze, glücklicherweise nicht sehr lange währende Fahrt. Wie sehr es mich, den Neuling, ermutigte, kann man sich leicht vorstellen, und als sich beim Aussteigen ergab, daß in der That Bernau auch das Ziel der Reise von Hasselmann und Genossen war, verstärkte sich die Jisienfität meines vorher aus- gedrückten stillen Wunsches um etliche Hundert Prozent. Indes, kein Gott hatte Erbarmen. Die Versammlung war sehr gut besucht, der mittelgroße Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Wie das Bureau zusammengesetzt wurde, erinnere ich nnch nicht mehr. Aber kaum war es gebildet. so erbat auch schon Haffelmann das Wort zur Geschäftsordnung. Er erhielt es und zeigte sich sofort als Meister schlauer Taftik. „Wir haben zwei Punkte auf der Tagesordnung," Hub er an, „von sehr verschiedenem Interesse. Der erste Punkt betrifft eine Sache von mehr persönlicher Bedeusimg, der zweite aber geht alle Arbeiter ohne Unterschied an. Ich glaube, die Arbeiter Bernaus wollen heute vor allen Dingen über den Socialismus hören, der jetzt die Arbeiter allerorts erfüllt. Ich schlage also vor, die Tages- ordnung umzukehren und zuerst uns über die Grundsätze des Socialismus zu unterhalten. Die Haltung der Versammlung zeigte, daß er gewonnenes Spiel hatte. Was wußten in der That die Arbeiter dieses zurückgebliebenen Landstädtchens vom Leipziger Hochverratsprozeß? Ebenso klar war aber auch, warum er die Tagesordnung umgestellt haben wollte. Referierte Kayser zuerst über den HochverratSprozetz, so war zu ge- wärttgen, daß er die Versammlung für Bebel und Liebknecht ge- Winnen, und eine Opposition einen ziensi'ch schweren Stand haben werde. So geschickt aber Hasselmann war so wenig gehörte Mut zu seinen hervorragenden Eigenschafter Hätte er schon einen stärkereu Anhang in Bernau hinter sich gelvnßt, so hätte er lvahrscheinlich eine noch stärkere Umwandlung der Tagesordnung beantragt. Aber Bernau war im ganzen noch ein unbeschriebenes Blatt, und so hielt er eS für geraten, erst das Feld zu sondieren. Sein Anttag wurde angenommen und mir die ebenso uner- wartete wie unerwünschte Ehre zu teil, als erster Referent aufzu- treten. Mit welchen Empfindungen ich meinen Vortrag begann, wird sich der Leser nach dem Vorausgeschickten selbst ausmalen können. Mir war, wie wenn ich in der nächsten Stunde gehängt werden sollte. Aber nach außen hin scheint diese Stimmung nichts ver- dorben zu haben. Die Versammlung schenkte mir viel Aufmerksam- keit, kargte auch nicht mit ihrem Beifall. Und Hasselmann, der nach mir das Wort ergriff, unterließ jeden direften Angriff auf meine Ausführnngen. Er hielt es für wirksamer, Kayser und mich an einer andren Stelle zu packen, nämlich an dem Umstand, daß wir beide— Juden waren. „Der Referent," fing er an,„hat Ihnen ein allgemeines Bild vom Socialismus entworfen. Aber er ist dabei ziemlich abstrakt geblieben. Ich will versuchen, Ihnen das nun an Bildern aus dem Leben klar zu machen. Nehmen wir als Beispiel, da ja hier viele Tuchmacher sind, das Schicksal der Wolle auf dem Wege ihrer Erzeugung und Verarbeitung." Und nun schilderte er, wie der Bauer das Schaf zieht und beim Kauf schon vom jüdischen Viehhändler übervorteilt wird; wie dann der Bauer die Wolle zum Markt bringt und dort vom jüdischen Wollhändler ausgebeutet und bewogen wird, während er zugleich dem jüdischen Hypothekenbcsitzer Wucherzinsen zu zahlen hat; wie iveiter der jüdische Wollhändler dieWolle beim Wollkämmer verarbeiten läßt und einen hohen Prosit dabei vorwegnimmt. So ließ er die Wolle weiter wandern, und auf jeder Etappe einen Juden erscheinen, der den sie jeweilig weiter verarbeitenden Arbeiter um seinen Schweiß betrügt. In steigendem Maße wurde die Ausbeutung mit dem Judentum idensifiziert, und schließlich war der Jude nicht nur der betrügerische Ausbeuter der Arbeit, sondern auch der politische Beschwindler des Volkes. Juden beherrschten den Liberalismus, Juden suchten die Arbeiterbewegung im Interesse des Kapitalis- mus zu spalten. Juden setzten der wahren Arbeiterbewegung, die allein im Allgemeinen deutschen Arbeiterverein vertreten sei, allerhand Organisationen und Organisasiönchen entgegen, die nur den Zweck hätten, die Arbeiter von ihren wahren Interessen ab- zulenken. Sie liebäugelten mit allen möglichen reaktionären Elementen, wie z. B. mit Weifen und andren Partikularisten. So sei eS z. B.„notorisch, daß 600 Exemplare des„Volksstaat" der Herren Bebel und Liebknecht aus der Welfcnkaffe" bezahlt würden. Die Arbeiter sollten deshalb vor den Wölfen im Schafspelz auf ihrer Hut sein. Nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein sei der wahre Vertreter ihrer Interessen und werde sie zum Siegs führen. Dies der mit steigernder Schärfe vorgetragene Inhalt seiner Rede. Unter dem Gesichtspunkt der Wirkung betrachtet, war sie ein Glanz- stück schlauer Demagogie. Ohne unS persönlich anzugreifen, hatte Hasselmann uns den Arbeitern als verdächtig hingestellt und zu- gleich auch schon gegen eine etwaige Verherrlichung Bebels und Liebknechts eine Mine gelegt. Das bißchen Eindruck, das meine Ausführungen gemacht haben mochten, war durch seine Ansprache vollständig ausgelöscht. Wir waren in jeder Hinsicht in die Defensive gedrängt, und ivelche Anstrengungen auch Max Kayser, der nun sprach,»nachte, Hasselmanns Angriff abzuwehren, so gelang es ihm doch nicht, den Spieß umzukehren. Die Debatte entwickelte sich zur reinen Zänkerei, an der sich dann noch Rost und Klinckhardt be- teiligten, und das Ende vom Liede' war, daß von der Versamnilung, die anfangs wohl 300—400 Teilnehmer gezählt hatte, zwölf Mann für eine von Hasselmaim und sieben für eine von uns eingebrachte Resolusion stimmten. Der Effekt nnsrer Agitationsreise war gründlich vereitelt. Es sei hier gleich eingeflochten, daß etwa ein Jahr später mir das Los zufiel, in Verbindung mit einem seitdem verschollenen Ge- Nossen zwei andren Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, F. W. Tölcke und August Kapell, in Bernau denselben Streich zuspielen, den Hasselmann hier uns gespielt hatte, und mit dem ziemlich gleichen Er- folg. Das war eben eine der häßlichsten Wirkungen der damaligen Spaltung, daß nur zu oft nach demGrundsatz gehandelt wurde: Gewinne ich nichts, so sollst du auch nichts gewinnen. Am gedachten Abend aber nötigte uns das Schicksal einen eigentümlichen Waffenstillstand auf. Die Versammlung hatte sich so lange hingezogen, daß kein Gasthaus mehr in Bernau zu haben war, außer dem, wo wir uns herumstritten. Und auch hier war nur noch ein Alkoven frei, der zu dem Zimmer gehörte, in dem Hasselmann und seine Begleiter logierten. So hart es uns ankam, mußten wir uns entschließen, dort zu über- nachten. Von dem Grade der gegenseitigen Verbissenheit aber giebt es eine Idee, wenn ich hmzufiiae, daß wir außer einer kühlen Begrüßung kein Wort mit unfern Zimmergenossen aus- tauschten. Freundlicher gestalteten sich meine Agitationsfahrten nach der gegen eine Stunde Eisenbahnfahrt in südlicher Richtung von Berlin gelegenen Tuchmacherstadt Luckenwalde. Dort hatten wir eine sehr rege Mitgliedschaft, und mit den dortigen Genossen im Verein habe ich manche Fahrt über Land gemacht, um die Landstädte des weitausgedehnten Wahlkreises zu beackern. Unvergeßlich ist mir dabei folgende Episode, die ebenfalls in das Kapitel des social- demokratischen Bruderzwistes gehört. Eines Sonntags waren wir unsrer acht oder neun nach Treuenbrietzen gezogen, das damals noch außerhalb jeder Bahnverbindung lag. Es sollte dort die erste socialistische Ver- sammlung stattfinden, und zwar hatte unser Mann dafür den Saal des Schützenhauses genomnien. Keine sehr kluge Maßregel, denn, wie in ähnlichen Nestern, war in Treuenbrietzen dieser Saal der Sammelplatz der„oberen Zehntausend" des Ortes, den die Arbeiter nie besuchten. Und so war denn auch richtig am Versammlungstage das Innere des Saales von besagten Zehntansend, d. h. etwa 2—300 Spießbürgern, besetzt, während eine nicht allzugroße Zahl von Arbeiten: sich ziemlich verlegen an den Wänden herumdrückte. Ich hatte daher das Vergnügen, nach beendetem Vorttage mich mit einigen Philistern auseinandersetzen zu müssen, ohne daß die Arbeiter gewagt hätten, ihrerseits ihre Meinung kund zu thun. Schließlich meldete sich aber doch ein Arbeiter, ein Maurer, den wir Karl nennen wollen, zum Wort, aber zu einem ganz andren Zweck, als wir, die Luckenwalder und ich, vermuteten. „Was Ihnen der Herr Bernstein da gesagt hat," Hub er an,„ist ganz schön und gut. Aber ich muß Ihnen man bloß sagen, er ist einer von den Eisenacher Ehrlichen. Wir aber vom Allgemeinen Deuischcn Arbeiterverein sind die wirklichen Socialdemokraten, wir sind die Noten." Mit diesem stolzen Pronunciamento setzte sich Karl wieder. Ich hatte mit der Zeit Erfahrung genug gesammelt, um mir im stillen zu sagen, daß mir in diesem abgelegenen Orte der VoA- halt, ein Ehrlicher zu sein, kaum schaden könne, und daß auch die Betonung der Farbe auf das anwesende Publikum keinen tiefen Eindruck machen konnte. So nahm ich den Einwurf ziemlich philo- sophisch hin. Nicht so einer der von Luckenwalde mit uns gekommenen Genoffen, ein kleiner Weber aus der Rachbarschaft von Chemnitz, namens Simon. Kaum hatte Karl das stolze Wort„wir sind die Noten" verkündet, da hält es unfern sächsischen Freund nicht länger und heftig stieß er im breitesten Sächsisch die Worte hervor: „Glauben Sie es ihm nicht, meine Herren, wir sind noch viel röter!" Wie oft ist mir später bei unfern Partcidebatten dies Bild vor Augen getreten. Dort der mit stumpfsinnigen Spießbürgern an- gefüllte Saal, an den Wänden ein noch nicht erwachtes halb- entwickeltes Proletariat, und hier zwei Arbeiter, die vor diesem Publikum streiten, wer von beiden der„Rötere" ist. Bei manchen Debatten, die wir Ende der achtziger Jahre im Londoner Arbeitcrbildungsverein mit Anarchisten und sonstigen Socialrevolutionären pflogen, kam mir plötzlich der Gedanke, sind hier nicht auch wieder Karl und Simon in andrer Person? Beide gleich ihrer Sache ergeben, beide gleich begeistert, und beide gleich blind für die Natur der sie umgebenden Menschen. Kamen wir erregt aus den Sitzungen und wandten uns durch Charlotte Street oder Tottenham Court Road dem Soho-Viertel zu. wie müssig mußte uns im Angesicht der Menschen, auf die man da stieß, unser Streit er- scheinen I Was kam es gegenüber diesem Ocean von Unwissenheit, Vorurteil und Stumpfsinn auf die Nuance im Rot an, die wir ver- traten. Und wie schnell war anderseits der Haß verlöscht, den in den Jahren, von denen ich hier schreibe, Eisenacher und Lassalleaner gegeneinander empfanden. Als ich das zweite Mal nach Treuen- brietzen kam, hatte Karl, wie mir dortige Arbeiter sagten,, die Absicht, kundgegeben, mich gründlich zu verhauen, und die guten Leute hatten sich daraufhin stillschweigend als Schutzgarde für mich konstituiert. Achtzehn Monate später aber flog der Ruf zur Vereinigung ins Land und wurde allerorts mit geradezu elementarer Begeisterung aufgenommen. Ueber die wenigen, die ihn nicht verstehen wollten, oder, wie Hasselmann, seinem Geist zuwiderhandelten, ist die Ge- schichte zur Tagesordnung übergegangen. Karl und Simon aber kämpften fortan Hand in Hand, und wenn sie auch mittlerweile ge- storben fein follten, fo leben sie dennoch auch heute noch fort.— Eduard V e r n st e i n. Kleines Feuilleton. C. Ein Bcrgstcigerrckord im Himalaja. Die Bergsteigerin Mrs. Bullock Workmann hat im Sommer 1903 auf ihren Touren in, Nordwesten des Himalajagebirges zwei neue Gletscher aufgefunden, die sich nördlich vom Bralduthal hinziehen, und von dem Chogo-, Loongma-Gletscher nach Westen hin einige bis dahin noch unbekannte! Spitzen erstiegen und dabei eine Rekordleistung vollbracht, die siq selbst in einem Aufsatze des„Wide World Magazine" schildert. Sie und ihr Mann waren von drei italienischen Führern begleitet. Dag Lager, von dem aus sie ihre Besteigungen unternahmen, lag an den, Gletscher in einer Höhe von 14 Meilen aufwärts auf dem Abhang eines Felsengebirges, das den gewaltigen Felsen- und Schneerieseni vorgelagert war, die an der Vereinigung der Chogo-Loongma mih dem Haramosh-Gletscher sich emportürmen. Ein tolles Unwetter� Schnee- und Regenschauer mit Nebel und kalten Stürmen, sucht« die Gesellschaft in diesem Lager heim, und sie mußte zwei Wochen warten, bis eine Aenderung eintrat, um dann den Marsch nach den, unerforschten Gletscher im Westen anzutreten. Ein s paler Winten lag noch auf den unendlichen Schneemassen, und die rasenden Juli-, stürme brausten über die weichen, schon leicht aufgetauten Flächen� Die Reisenden hatten Schneeschuhe an, durch die ihnen das Gehen auf dem nassen, nachgebenden Schnee erleichtert wurde, doch di« Kulis, die die Zelte und den Proviant trugen, sanken tief in di« kalte, hemmende Masse ein. Man wandte sich nach dem Lager zurüch, und erst nach einigen weiteren, gleichsam tastenden Ausflügen untj Proben begann am 9. August der eigentliche große Marsch mit den Führern und einer Begleitung von 18 Kulis, die die gesamte Aus-, rüstung trugen. Diese Kulis sind ein stetes Hickdernis für den Be-, steiger des Himalaja, da ihre Furchtsamkeit und Beschränktheit häufig das Vordringen unmöglich macht. Man sagte ihnen daher nichts von den weitgehenden Absichten, sondern belud sie nur mit Proviant und Holz für drei Tage. Die Gesellschaft überschritt den Chogo-> Loongma-Gletscher, marschierte dann an den Abhängen eines Berges! entlang über den Basin-Glctscher, bis man das erste Lager in, Schnee und Eis in einer Höhe von 16 350 Fuß aufschlug, im An-> blick einer ungeheuren von Schnee bedeckten Bergspitze. Früh am andern Morgen begann der Aufstieg in Zickzacklinien, die die Führen bezeichneten, den Abhang hinan. Um 8 Uhr war man auf einem Vorsprung angelangt, der, von Schnee und Eis bedeckt, einen Platz für ein Frühstück darbot, wo man auf die Kulis wartete, die eine halbe Stunde später murrend ankamen, denn sie waren kr./.Tief in den Schnee gesunken. So mutzte der zweite Führer losgeseilt und zurückgelassen werden, um sie zu ermutigen und ihnen zu helfen, Als sie aber über den Vorsprung hinaus waren, mußten sie vor-, wärts; auf der steilen Lehne im Schnee konnten sie sich nicht �nieder» werfen und so keuchten sie denn nach, während heller Sonnenschein auf der Weißen Fläche glänzte, von dem Führer stetig angefeuert. der alle zwei Minuten sein„Vorwärts, vorwärts!" rief. Dann schlug man 18 800 Fuß hoch das Lager auf, das weite, glänzende! Schneemcer des Gletschers auf der einen Seite und einen auf-, ragenden Wald wolkenumhüllter Gipfel auf der andern. Nebel flutete heran und Schnecschauer rüttelten an den kleinen Zelten, wis wenn ein Unwetter drohe, doch da das Barometer ziemlich hoch stand» blieb man guten Mutes. Der dritte Morgen stieg mit kalter Klar- heit auf; im blaugrauen Dämmerschleicr grüßten ernst und majestätischj die ewigen Höhen. Die Reisenden brannten auf den Weitermarsch, aber die Kulis lagen schnarchend in den Zelten und ließen sich mit Mühe zum Aufstehen bewegen. Während des Tages wurde dis Widcrwilligkeit und die Schlaffheit der Kulis noch größer, so daß sie schließlich trotz hoher Gcldversprechungen nicht mehr vorwärts zu bringen waren. Einige waren erkrankt und lagen wie tot; die andern weigerten sich trotzig. So mußte man denn allein weitev zu kommen suchen; vorläufig brachte man die Nacht in einer Höhe von über 19 000 Fuß zu. Mrs. Workmann klagt, daß man wegen der dünnen Luft keine zehn Minuten hätte schlafen können, ohn« wegen Atemnot aufzuwachen und mühsam nach Luft zu ringen« Früh um drei Uhr brachen die kühnen Kletterer von neuem auf beb hellem Mondlicht und bei einer Temperatur von 15 Grad Fahrenheit und klommen aneinandergeseilt im Zickzack die starke Steigung hinauf» die fast senkrecht sich aufreckte. Die mondumleuchteten Eismasseu warfen flimmernde und blendende Lichter her und woben eine geister» Haft bleiche Atmosphäre über die Wanderer, deren verschlungene« Weg sich hier und da auf einem engen Grat an Abgründe drängte» die sich viele tausend Fuß tief wie ein Schlund des Todes aufthatew» Es war bitter kalt in dem matten Licht und besonders fror man an den Füßen, während die Hände durch dicke Handschuhe geschützh waren. In einer Höhe von 21 000 Fuß waren die Füße völlig ab-, gestorben, und man mußte sich gegenseitig mit den Eisäxten an dis Füße schlagen, bis man ein Zwicken und Stechen empfand. Imme« höhere Spitzen erhoben sich schemengleich in der blassen Beleuchtung. eine Welt schattenhafter Giganten, die noch nicht zum Leben erweckt in ewiger Ruhe schliefen. Da schoß in diese ungewisse Dämmerung eine plötzliche Lichtgarbe; gelbgetönte Schleier flogen über der, Himmel, und hinter den Bergen flimmerten rosige Wölkchen. Da verloren die Gipfel ihre fahle und unheimlich tote Gestalt; in warme Farben und helles Leben getaucht flammten die blassen und starren! Schneefelder auf; mit Gold die Felsen umstrahlend zog die Sonne empor im Triumph. Es blieb trotzdem ziemlich kalt, 16 Grabt Fahrenheit, und die Müdigkeit, die schwächende Wirkung der dünnen Lust ließ die Wanderer langsam und schweigend weiterziehen, bis man den Gipfel von 21 500 Fuß erreichte, der 500 Fuß höher, ist vis der Mout Koser©unge, der höchste Berg, den Frau Workmann bis dahin erklommen. Man wandte sich nach dieser That einer andern Epitze im Norden zu; da man sich noch ganz frisch fühlte, überschritt inan nach einem Aufstieg von einigen hundert Futz einen engen Sattel, und begann dann den Aufstieg. Der zweite Gipfel erhob sich nicht unter einem so steilen Winkel, und so kam Frau Workmann in drei Stunden hinauf. Es bot sich hier kein andrer Anblick als auf dem ersten Gipfel, nur erschienen die Niesen der Mustagh-Spitzen noch gewaltiger, und die eben erstiegene Spitze lag> tiefer, daß man nur auf sie herabsehen konnte. Es war nur noch wenig Sauerstoff in der Luft und die Ermattung wuchs, doch masz die Gesellschaft erst noch sorgsam die Höhe des Gipfels, die sich als 22 5st8 Fuh hoch er- wies, und liest sich dann zum Frühstück nieder. Fleisch konnte man [freilich nicht einnehmen, man muhte sich mit Chokolade und Kola- biskuits begnügen. Frau Workmann war mit diesen beiden Rekords gufrieden. aber Dr. Workmann und zwei Führer stiegen noch auf ein großes Plateau herunter, überschritten dasselbe und bestiegen einen dritten Gipfel, auf dessen Höhe sie 23 3g4 Fust erreichten, eine Höhe, die die Gipfel des Aconcagua um 311 Fuh übersteigt, die bis dahin den Rekord der höchsten Besteigung bedeutet hatten. Der Abstieg war durch die schlechten Schneeverhältnisse noch mühsamer und be- schwerlicher: man sank knietief bei jedem Schritt ein und erreichte echt nach fünfzehnstündiger Abwesenheit das Lager des dritten Tages wieder. Von da ab ging es eilig weiter abwärts, und es war die höchste Zeit, dast man hinabkam, denn ein Sturm brach aus und bald lagen die Berge wieder in tiefem Nebelgrau und in einem treibenden Schneegestöber.— Kulturgeschichtliches. — Einen w e st f ä l i s ch e n Dicbssegen veröffentlicht P. Sartori(Dortmund) im 2. Heft der„Zeitschrift des Vereins für rheinische und westfälische Volkskunde". Er stammt aus einer Nieder- schrift, die etwa uni die Mitte des 13. Jahrhunderts in Schlcipe bei Grüneubaum a. d. Volpe angefertigt wurde und drei solcher Segen für verschiedene Fährnisse enthält. Der Diebssegen lautet wörtlich: „Heilige drchfaltigkcit in einiger gottheit, gott vatter söhn und heyligcr geist, behüte mich und alle meine lcute heut den heiligen tag und nacht vor allen dieben und diebinen, sant peterus peterus peterus bind mit dem band der gottes Hand, und mit dem bandt in Christus Hand alle diebc und diebinen die mich thuen bestchlen, das sie müssen stehen wie die sonne zu gibion und der mont zu achlon, das keiner keinen schrit weder hinter sich noch vor sich gehen könne; bis ich mit meinen äugen über sie sehe und ihn mit meinem munde Urlaub gebe sie zehlen mir dan alle sterne am firmament alles laub und grüne grast wast auf erden grünt, können sie dieses nicht so sollen sie geschlossen und geschnürt stehen durch diese aller Heiligsie nahmen gottes Heloym, gott tetragammaton, gott Adoney, gott Sabaoth, gott Emanuel, gott Hagios, gott Otheos, gott Jschryos, gott Jehova, gott mesia, gott Alpha und Omega samt allen nahmen gottes vatters sohns und des heilligcn geistes, dieses gebe ich ihnen zur buhe durch diese aller heiligste nahmen gottes vatters sohns heiligen geistes amen. In diesen nahm ich dich gcstelt habe in dessen nahmen gehe wieder von hier in nahmen des vatters sohns und des heiligen geistes amen." �— Medizinisches. se. Die B e r i- B e r i hat ihren Einzug in Süd- a f r i k a gehalten. Aign hat in England diese Erscheinung in ihrer möglichen Tragweite sofort gewürdigt und sich in beiden Häusern des Parlaments damit beschäftigt. Die Veri-Beri ist eine ebenso geheimnisvolle wie furchtbare Krankheit und deshalb werden dagegen voraussichtlich die Politiker in London nicht mehr ausrichten können als die Aerzte. In Südafrika haben sich chinesische Kulis als die Träger der Seuche erwiesen. In Durban haben sich unter einer Schiffsladung von Chinesen 40 Beri-Bcri-5iranke gefunden, und 25 Fälle sind bereits am„Rand" zu verzeichnen gewesen. Das Wesen der Beri-Beri ist noch so gut wie völlig rätselhaft. Einige Forscher haben gemeint, einen besonderen Bacillus als Er- reger der Seuche entdeckt zu haben, andre haben der Gegenwart dieses vdcr jenes Wurms die Hauptrolle zugeschoben, aber nichts davon ist sicher erwiesen. Am ehesten glaubhaft sind noch die Vermutungen bezüglich des Einflusses der Ernährung und der Oertlichkeit auf die Entstehung der Krankheit. In einigen Fällen von Beri-Beri soll eine Ernährung, die zu arm air stickstoffhaltigen Elementen oder an Fetten gewesen ist, als Ursache mitgespielt haben. Früher wütete die Krankheit in der japanischen Marine. Noch im Jahre 1882 war der dritte Teil der Erkrankungen dieser Truppe der Beri-Beri z»zu- schreiben. Damals bekamen die japanischen Matrosen fast aus- schliestlich Reis zu essen. Nachdem die Verpflegung verbessert war, fiel die Sterblichkeit an Beri-Beri schon 1834 auf 137 und im folgen- den Jahre noch weiter auf 6 vom Tausend. Auch die Erfahrungen in den Gefängnissen auf der Insel Java haben einen ähnlichen Zu- sammenhang mit der Ernährung wahrscheinlich gemacht. Ein schneller Ortswechsel und eine verbesserte Ernährung scheinen gegen eine Epidemie wirksame Mittel zu sein.—■ Aus beut Pflanzenleben. — Die Transpiration der Eucalyptusblätter. Durch zahlreiche Beobachtungen in der Umgebung von Rom, in Algier und den Vereinigten Staaten ist festgestellt, dast die An- Pflanzung von Eucalyptusbäumen ein Gesünderwerden solcher Gegenden zur Folge hatte, in denen zuvor Fieberkrankheiten ge» wütet hatten. Die Mehrzahl der Forscher, die diese Frage diskutiert haben, sind der Ansicht, dast die austrocknende Wirkung der Eucalypten jene segensreiche Aenderung hervorbringe. Gelegentlich ist wohl auch die Vermutung aufgetaucht, daß durch die Verdunstung des ätherischen Oels aus den Blättern die Malariamücken vertrieben würden; doch hat diese Hypothese keinerlei Bestätigung gefunden. Dagegen ist vielfach die Meinung verbreitet, dast die Transpirationsfähigkeit der Blätter von Eucalyptus im Ver- gleiche mit denjenigen andrer Bäume auherordentlich grost wäre. Ed. Griffon hat es nun, wie die„Coinxtso rendus" melden, neuerdings unternommen, das Vermögen der Eucalyptusblätter, Wasser zur Verdunstung zu bringen, quantitativ festzustellen. Durch den Vergleich mit den Blättern andrer Gewächse(Flieder, Weinrebe, Birke, Weide, Erle, Esche, Wallnust, Linde) ergab sich dabei, dast der Transpirationsbetrag der Eucalyptusblätter denjenigen andrer Laubarten niemals an Größe übertrifft, wohl aber häufig beträcht- lich dahinter zurückbleibt. Nicht also durch die starke transpirierende Kraft der einzelnen Blätter erklärt sich die das Gelände austrocknende Wirkung der Encalyptusbäume, sondern durch die Fähigkeit jener Gewächse, einerseits in kurzer Zeit eine ungeheure Laubkrone zu entwickeln und andrerseits auch bei starker Besonnung die Tran- spiration nicht einzuschränken.—(„Prometheus".) Humoristisches. — Die höhere Tochter. Köchin(zum Hausfräulein): „Wenn die Eier frisch bleiben sollen, gnä' Fräulw, müssen S' an einen kühlen Ort gelegt werden." Das Fräulein:„Wie könnte man das aber u u r der Henne beibringen?"— — Nahe Beziehungen. Kaufmann:„Sie bitten mich um die Haud meiner Tochter... wie kommen Sie dazu.. ich kenne Sie ja gar nicht I" Bewerber:„Erlauben Sie, Sie haben mir doch gestern noch eine Geschäftsempfehlung geschickt I"— — Berliner Kind. Lehrer:„Wer führt die Farben schwarz-weist-rot?" Schüler:„Deutschland." Lehrer:„Und rot-blau-weist?" Schüler:„Frankreich." Lehrer:„Und schwarz-gelb?" Schul e r:„Oesterreich." Lehrer:„Und schwarz-weitz?" Schüler:„Preusten." Lehrer:„Und blau-weih?" Schüler:„ A s ch i n g e r I"—(„Lustige Blätter.") Notizen. — Wilhelm W e i g a n d s dreiaktiges Drama„Agnes Kor n" wird zu Beginn der neuen Spielzeit am Karlsruher Hof-Theater die Erstaufführung erleben.— —„Der Bettler" oder„Nummer 15", eine neue Oper von Robert Erben, Ivird im Theater am Weinbergs- weg erstmalig in Scene gehen.— — Re st'e von großen Walfischen hat dieser Tage Professor Pohlig ans Bonn in den gelben Meeresküstensanden des Tertiärs von Grafenberg-Gerresheim bei Dnssel- dorf gefunden. Für die Rheinlande sind solche Funde neu und aus so alten Schichten überhaupt kaum bekannt.— — Der Erlanger Fischzuchtverein hat Setzlinge des durch Wohl- geschinack ausgezeichneten Ä ischgrün der Karpfens nach Japan geschickt; dort will man den Fisch einbürgern.— — Der Rockallfels, an dem der dänische Dampfer „N o r g e" gescheitert ist, hat am Wasserspiegel nicht mehr als 75 Vierer Umfang. Eine Landung auf dem Felsen ist äußerst schwierig und nur im Juli auszuführen, wo in diesem Meeresteil ein einigermaßen ruhiges Wetter herrscht. Vor einigen Jahren beschäftigte man sich in England mit dem Plan, auf dem Rockall- felsen einen Lenchttmm nebst meteorologischer Station zu errichten, die hier ein günstiges Beobachtungsfeld hätte. Indessen begegnet die Ausführung so großen Schwierigkeiten, dast es kaum sobald zur Verwirklichung des Planes kommen wird.— t. Eine Eisen bah ndurchqnerung von Süd- amerika ist in Aussicht genomnien. Die Bahn soll von Val- paraiso nach Buenos Ayres führen. Der größte Teil der geplanten Strecke ist bereils vorhanden. Heute schon steigt von Valparaiso aus die Eisenbahn am Andengebirge hoch hinauf; sie ist auch schon an die Hauptstadt von Chile, Santiago, von Süden her angeschlossen. Auf der argentinischen Seite ist die Eisenbahnlinie zwischen Buenos Ayres und der Stadt Mendoza am östlichen Fust der Anden vollständig fertig. Es bleiben auf chilenischer Seite nur noch 40 Kiloineter Schienenweg zu bauen, aber die Hindernisse sind auf dieser kurzen Strecke so außerordentlich grost, dast fast die ganze Länge dieser 40 Kilometer als Tunnel herzustellen sein würde. Die chilenische Regierung hat den Bau der Eisenbahn bereits aus- geschrieben: sie stellt dem Unternehmer für einen Zeitraum von 20 Jahren eine Mindestverzinsung von 5 Proz. sicher unter der Voraussetzung, dast die Kosten des Baue» 30 Millionen Mark nicht überschreiten.—_ Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Krück und Verlag: VorlvärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltKauISinger LrCo..BcrlinLVf.