Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 133. Freitag, den 8. Juli. 1904 (NdchdulZ verboten.) 23] Im Taterhaufc. i* Socialer Roman von Minna K a u t s k y. 17. Kapitel. J.'»Frau Witte," sagte der Eingetretene kauni liörbar. Da wandelte sich der befremdende Ausdruck ihres Ge- sichts zu freudigem Erkennen:„Frihel, mein Kind!" Der junge Mann empfing die ihm Entgegenstürzende in seinen Armen. „Meine liebe, liebe Mutter!" Ihr Kopf ruhte einen Augenblick an seiner Brust. Dann schlug sie die noch immer schönen Augen zu ihm auf und ihn liebevoll betrachtend, suchte sie sich Zug für Zug aus dem männlichen Antlitz ihren alten Fritzel zusammen. Er trug einen Bart, der veränderte ihn. in vier Jahren hatte er Zeit gehabt zu wachsen, aber die Augen, die guten treuen Augen waren dieselben, sie blickten mit derselben Innig- feit, die sie an ihnen gewohnt war, und wie er jetzt lächelte, erhielt sein emster Mund jenen jngendfrischcn Zug, der ihr syinpathisch war. „Mich so zu überraschen, kein Wort hat er mir geschrieben, böser Bub, hattest mich wohl schon ganz vergessen?" „Das glauben Sie doch sebst nicht. Ich kann Ihnen ja gar nicht sagen, wie ich mich auf diesen Moment gefreut habe, wie ich—" Er stockte und fügte dann ruhiger hinzu:„Ich bin schon einige Mal hier gewesen und wieder fortgegcmgen, ich wollte Sie allein treffen.— Heute sah ich die Jhtigen fort- gehen und da—" „Bist Tu noch immer so kindisch?" „Das bin ich. Sie müssen Geduld mit mir haben." -Als er ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie rasch zurück und sagte lächelnd: „Ich habe in der Kohlenkiste herumhantiert, meine Hände sind schwarz, ich muß sie erst waschen; geh nur hinein, ich komme gleich nach." Er gehorchte. Als sie nach einer Weile ins Zimmer trat, stand er am Fenster und wendete ihr den Rücken zu. „So. mein lieber Frib, jetzt gieb mir die Hand," sagte sie herzlich,„Du bleibst bei mir. Tu sollst mir erzählen— Langsam drehte er sich zu ihr um, in seinen Augen glänzte es feucht— er zerdrückte die Thränen. „Ja, wir wollen uns. alles sagen, Mutti— nichts vor einander verhehlen, nicht wahr?" Er nahm ihre Hand in die seine, die war hart und schwielig, wie ehemals, aber ihr Druck war sanft, von ängst licher Behutsamkeit. Sie warf einen raschen Blick nach dem Tisch. Dort, just neben der Lainpe, lag der Zettel des Kohlenhändlers. Sie nahm ihn an sich. Seine Augen sahen nach einer andern Richtung. Die kostbaren Teppiche, die Vasen und sonstigen Luxus artikcl, die ihm einst imponierten, die er bewundert hatte, waren verschwunden. Nur der geliebte Bücherkasten stand noch am alten Fleck und links und rechts davon die Bilder des Grotzvaters in goldenen Nahmen. „Setz Dich, Fritz." sagte Elise und nahm selbst im Lehn stuhl Platz. Er hatte sich dem Ofen genähert und legte die Hand über die Kacheln, als wolle er sich daran erwärmen. „O, der Ofen ist kalt," bemerkte er ruhig.„Das Feuer ist ausgegangen, darf ich einheizen?" „Wenn Tu damit ein Fener zustande bringst?—" sie deutete auf den leeren Eimer, den sie hereingebracht. „Nein, das treffe ich nicht; mit so dürftigem Material hiebt sich ein Schlosser nicht ab," scherzte er,„ich mutz ordentlich einfeuern können.— Wenn Sie erlauben, Frau Witte, ich bin gleich wieder da." Ohne ihre Antwort abzuwarten, rannte er hinaus. � ' Sie seufzte. Er hatte den Zettel gelesen, er wutzte, wie es um sie stand. Unglaublich rasch war Fritz wieder zurück, gefolgt von dem Kohlenträger, der seine Last in der Küche ablud und sich entfernte. Bald brannte ein starkes Feuer im Ofen, dessen Glut Pen Boden weithin erleuchtete. Er hatte den Stuhl nahe zu dem ihrigen gezogen und ragte zärtlich, wie es gehe. „Immer im alten," meinte sie ausweichend. Da sei nicht viel zu berichten. Sie wollte von ihm hören, er sollte ihr von Berlin erzählen, wo er das letzte Jahr in Arbeit ge- standen, sie wollte wissen, was er dort gesehen, was er ver- dient hatte, und welches seine jetzigen Aussichten und Pläne seien. Er hielt nicht zurück, offen und scksticht sprach er mit ihr, wie ein erwachsener Sohn zu der Mutter spricht, die seine Ver- traute gewordeu war. Draußen brauste es stärker gegen das Hau?. Der Wstid rüttelte an den schlecht schlietzenden Fenstern und warf von Zeit zu Zeit grobkörnigen Schnee gegen die Scheiben. In der Stube aber war es allmählich warm und behaglich geworden. Alle Geräusche des Hauses waren verstummt, man hörte nur seine Stimme, sie klang voll und sonor. Auf die Verwendung eines Freundes hatte er eine Stelle als Monteur in der Maschinenfabrik von Paul Brandt er- halten und als sie erstaunt fragte, wie es denn möglich sei, das; er es in so kurzer Zeit so weit gebracht, nachdem er doch keine regclmätzigen Studien gemacht, meinte er achsclzuckcnd: „Das kommt bei manchem von selbst. Man arbeitet doch immer mit den Maschinen, da lernt man ihre Konstruktion genau kennen, und endlich kann man sie zusaininensteUen, besser als irgend einer. Er hoffe seinem Posten gewachsen zu sein." „Und Du bleibst nun hier?" „Er nickte ihr lächelnd zu:„Mich hält hier so viel, nicht zum mindesten der 51ampf. Wir haben nun auch in Oester- reich Arbeit bekommen. Ich komme gerade zurecht, um mit- znthun." „Was ist das für eine Arbeit?" „Wahlarbeit, Mutti. Es handelt sich um ein Großes, das uns so nahe geht, dessen Gelingen so sehr in unserm Interesse liegt, datz wir eigentlich gar nichts andres wollen und denken sollten, als wie wir's vollbringen." Erstaunt blickte sie in sein Gesichd. das sich eigentümlich belebte; aus seinen Augen brach eine Flamme, die klarer als seine Worte verriet, was seine Seele erfüllte. Der grotze Kampf, den die österreichische Arbeiterschaft zur Erringung des Wahlrechts Jahre hindurch mutig geführt hatte, war zu ihren Gunsten entschieden worden. Nach langem Zaudern hatte die Regierung ganz plötzlich das Gesetz herausgebracht. Ein allgemeine Wähterklasse, eine fünfte Kurie war eingeführt, schon waren die Wahlen ans- geschrieben, über Hals und Kopf sollten sie durchgeführt werden. Es war das Ereignis des Tages, sie wutzte kaum etwas davon. „Wir haben es nun, jetzt wird's vorwärts gehen!" rief er in fröhlicher Zuversicht.„Es ist zwar ein miserables, ganz verhunztes Wahlrecht, was sie uns da gegeben, ein wahrer Hohn ist diese fünfte Kurie, aber wir sind doch froh, datz wir sie haben. Die Arbeiter werden nun zum ersten Mal zur kirne gehen, wir werden eine Anzahl Vertreter ins Parlament bringen, aber vorher heitzt's arbeiten. Die Regierung hat uns überrumpelt. Man will uns keine Zeit lassen, die Wahlen vorzubereiten, reinfallen sollten wir, aber das wirl� nicht geschehen, den Gefallen werden wir ihnen nicht erweisen." „Willst Du mitstimmcn?" fragte Elise. Ob ich will? Natürlich möchte ich, aber ich darf nicht. „Darfst nicht?" „Ist das nicht sonderbar bei einer allgemeinen Wähler- klasse? Ist bin Ocsterreicher, bin 21 Jahre alt und doch nicht wahlberechtigt." „Du hast doch nichts begangen?." Er lachte. „Nein> Mutti, ich bin kein Verbrecher und blödsinnig bin ich auch noch nicht. Aber das Gesetz verlangt, dah jeder Wähler mindestens sechs Monate ununterbrochen in einer österreichischen Gemeinde seßhaft gewesen sein muß, das ist schlau gemacht. Grade die Ledigen, die Unabhängigen, die sich in der Welt umgesehen haben, die Masse junger Arbeiter, tzie nicht an der Scholle kleben, sind damit ausgeschlossen-; aber egal, wenn ich auch nicht mitstimme, kann ich doch mitarbeiten. Jeder Genosse, der mitthut, ist hoch willkommen. Sehen Sie, die Wählerei ist den Oesterreichern neu. das muß erst gelernt werden. Und was da nicht alles zu beobachten ist! das Gesetz ist nicht leicht verständlich, aber dafür sehr umständlich und konfus. Es giebt viele, die sich darin nicht auskennen, die es absolut nicht kapieren können, denen muß man alles haarklein explicieren, denn bei dem geringsten Verstoß ist die Wahl un- gültig. Die Kommissäre lauern darauf— die Regierung baut auf die Unbeholfenheit der Wähler, da heißt's also auf- passen! Wir haben nun täglich Versammlungen in allen Be- zirken, die Führer arbeiten unermüdlich— die Genossen sind voll Eifer, voll Hingebung, jeder von uns thut was er kaüp. Wenn wir nicht wenigstens zehn Kandidaten durchbringen, laß ich mich hängen!" Er war während seines eifrigen Sprechens aufgestanden und ging in der Stube hin und her. Seine Augen blitzten in Kampfeslust. Sie hatte die ihrigen nicht von ihm abgewendet. Sie verstand nichts von dem was er vertrat, sie wußte nicht, ob er recht habe, aber im Herzen stellte sie sich mif seine Seite, in stolzem Muttergefühl. So hatte sie sich den Sohn gewünscht, so war er geworden, thatkrüftig und unerschrocken. Er hatte einen Blick auf die Uhr geworfen. „Jetzt werden die Fräulein wohl nicht mehr lang aus- bleiben?" fragte er vorsichtig. „Keine Angst," sagte sie, belustigt, weil sie ihren Helden auf einer Feigheit ertappte,„die kommen nicht sobald, sie sind mit dem Vater ins Theater gegangen." „Ins Theater?" Er zog die Brauen in die Höhe, sichtlich betroffen. Sie erzählte ihm unbefangen von Tinis erstem Auf- treten, und wie sehr es die Mädchen interessiert. Tini hätte ihnen eine Loge geschickt, sie freuten sich wie die Kinder. In ihre Wangen war, weil sie lebhafter sprach, eine kongestive Röte gestiegen; als er ihr näher trat, bemerkte er, daß ein Schauer sie schüttelte. „Mein Gott, Sie frieren noch immer.... Und es ist doch so warm hier—" Er eilte an das Bett, um eine Decke zu holen. Lichte Seidenbänder. Schleifchen, gefältelter Tüll und sonst noch allerlei Kram waren darüber ausgebreitet. Mit einer Hand faßte er den Plunder zusammen und warf ihn, eben nicht sanft, beiseite. Sie bemerkte es. Er brachte die wollene Decke und beugte sich auf einem Knie zu ihr nieder, um sie völlig darein zu hüllen, aber seine sorglichen Hönde begegneten keinem Körper. Ein Schemen, ein Nichts schien diese Hülle zu bergen. Ein ungeheures Mitleid erfaßte ihn. Einen Augenblick beugte er den Kopf tiefer herab, um seine Bewegung zu verbergen. Sie strich mit den hageren Händen zärtlich über sein Haar. „Ich danke Dir, Fritz." Er erhob sich und setzte sich wieder neben sie. „Dil weißt, wie es um mich steht," sagte sie leise und auf seine abwehrende Geberde:„laß mich mit Dir davon reden, es thut mir wohl— vor Mann und Kindern muß ich's ver- bergen... die haben so gar keine Ahnung—" „Nein, die sehen nichts, die denken an nichts," hätte er aufschreien mögen in seinem brennenden Schmerzgefühl, aber er schwieg und klemmte nur den Schnurrbart zwischen die Zähne. In seinen Augen lag die Empörung. Elise fuhr fort:„Das kommt davon, weil sie immer um mich sind und seit Jahren gewohnt, die Mutter leiden zu sehen.... Daß sie sterben könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn." So dürfe sie nicht reden, verwies er. Sie werde wieder ganz gesund werden, sie sei noch jung, aber geschont müsse sie werden.„Ihre Kinder aber—" (Fortsetzung folgt.) J�aturmlTeiirchaftUche ücbcrlicbt. Von Curt Grottewitz. Wenn bei uns der Sommer beginnt, dann hat die Sonne gerade ihre größte Mittagshöhe überschritten. Die Tage werden von nun an kürzer, die Beleuchtung schwächer. Daß trotz dieser geringen Sonnenbestrahlung die Temperattir im Sommer durchschnittlich viel höher ist, als ün Frühjahr, beruht bekanntlich darauf, daß der Erd-. boden die Wärme in sich aufspeichert und diese aufgehäufte Wärme bringt im Verein mit der Sonnenbestrahlung eine weit höhere Luft- temperatur hervor, als im Frühjahr die stärkere Beleuchtung bei noch kühlem Boden erzeugt. Immerhin kann man vermuten, daß der schwächer werdende Lichtgenuß sich in der Pflanzenwelt, die doch so sehr auf Beleuchtung angeioiesen ist, bemerkbar machen mutz. Unsrs Bäume, die sehr lichtbedürstig sind, schließen ihren Jahrestrieb fast allgemein um Johanni ab. Es ist sehr wohl möglich, daß die Ein- stellung des Jahrestriebes eine Folge der sich vermindernden Be- leuchtung ist. Man kann zu dieser Annahme geführt werden durch eine Untersuchung, die in der That den Einfluß der Lichwerringerung auf unsre Bäume feststellt. Julius Wiesner hat kürzlich in einer Abhandlung in den„Be- richten der deutschen botanischen Gesellschaft" über eine Erscheinung gesprochen, die er als Sommerlaubfqll bezeichnet. Zu Beginn des Sommers nämlich, um den 21. Juni, verlieren unsre Bäume regel- mäßig Tag für Tag einige Blätter. Dieser Laubfall ist aber nicht mit dem zu verwechseln, der mitunter bei großer Hitze und Trocken- heit eintritt und den Wiesner Hitzelaubfall nennt. Der letztere er- scheint oft ganz plötzlich und er raubt den Bäumen bislveilen auf einmal sehr viel Blätter. Außerdem fallen bei großer Trockenheit gerade die Blätter ab, welche an der Oberseite der Krone sich be- finden und der Sonnenbesttahlung am meisten ausgesetzt smd. Die Sonnenhitze verleitet diese Blätter zu übermüßiger Wasscrverdunstung, so werden sie welk und lösen sich ab. Dagegen sind es beim Sommcrlaubfall die innersten, dem Sonnenlicht am meisten ent- zogenen Blätter der Krone, welche vom Baume herunterfallen. Hier ist es gerade der Mangel an Beleuchtung, der das Laub nötigt, seine assimilierende Thätigkeit einzustellen und damit nutzlos und kraftlos zu werden. Manche Blätter können ja auch bei schwacher Be- leuchtung noch den Gasaustausch mit der Luft vermitteln, aber je empfindlicher das Laub gegen Verdunkelung ist, um so früher stirbt es ab. Die Blätter unsrer Bäume sind nun im allgemeinen sehr lichtbedürftig. Darum zeigt sich bei ihnen der Sommcrlaubfall sofort, wenn die Sonne ihre größte Mittagshöhe überschritten hat. Das Abfallen der Blätter zieht sich über den ganzen Herbst hin, ja bis in den Herbst hinein, um dann plötzlich in den großen Herbstlaubfall überzugehen. Der Forscher konnte den Sommerlaubfall an vielen bei uns einheimischen oder angepflanzten Bäumen konstatieren. An zwei Exemplaren, einer Roßkastanie und einem Silberahorn, zählte er genau die Blätter, welche die Bäume bis zum Herbstlaubfall ver- loren. Es ging kein einziger Tag vorüber, an dem nicht Blätter von den beiden Bäumen abgefallen wären. Der Blattfüll begann bei der Roßkastanie am 2-1 Juni, bei dem Silberahorn am 29. Juni. Es waren eine recht große Anzahl von Blättern, die infolge des SommerlaubfalleS sich loslösten. Beim Ahorn betrug der Verlust 19, bei der Rotzkastanie sogar 39 Proz. des ganzen Laubes. Wenn uns daher mancher Baum schon im September bei weitem nicht mehr den vollen, üppigen Eindruck macht wie im Juni, so dürfte dies zum großen Teile auf der Wirkung des Sommerlaubfalles beruhen. Manche Bäume sind jedoch sehr unempfindlich gegen die Verminderung der Beleuchtung. Beim Lorbeer zum Beispiel fallen im Sommer gar keine Blätter ab. Dagegen verliert er, wie andre immergrüne Bäume, sehr viel Laub in der Zeit, wo er neu ausschlägt und seine Triebe entwickelt. Einen sehr geringen Laubfall zeigen auch Bäume wie die Birke und die Lärche, die infolge ihrer lustigen Blattstellung dem Lichte überall Zugang gewähren. So lichtbedürftig diese beiden Bäume sind, so kommen sie doch in normaler Lage nicht dazu, ihre Blätter wegen Mangels an Beleuchwug zu verlieren. Das Licht liefert den Pflanzen die Energie, damit sie von der Kohlensäure der Luft in den Chlorophyllzcllen den Kohlenstoff ab- spalten und damit einen sehr wichtigen Nährstoff zum Aufbau der Stärke, des Zuckers und andrer wichtiger Pflanzenstoffe gelvinncn können. Bei dieser Abspaltung(Assimilatton) wird Sauerstoff frei. der aus den Spaltöffnungen des Blattes in die Luft zurückkehrt. Da nun der Mensch gerade Sauerstoff bei seiner Atmung verbraucht, so wird er recht mitten in der grünen Natur sich am wohlstcn fühlen. während im Zimmer, in großen Städten, oft ein Mangel an Sauer- stosf cinttitt. Die Verschlechterung des Blutes, die Schädlichkeit des Sauerstoffmangels ist eine bekannte Thatsache. Dagegen ist niemand jemals auf den Gedanken gekommen, daß die Pflanzen ihrerseits einmal an Mangel an Kohlensäure leiden könnten? Und doch scheint es nach Versuchen, über die E. Demoussy jüngst in den„Comptcs rendus"' berichtet, daß unsre gesamte Pflanzenwelt weit besser gedeihen würde, wenn die Lust reicher an Kohlensäure wäre. Der französische Forscher hatte schon im vergangenen Jahre mitgeteilt, daß die Pflanzen einen Ucberschuß an Kohlensäure gut für sich auszunützen verstehen und in kohlensäurereicher Luft eine erheblich größere Stoff- masse entwickeln als in gewöhnlicher Luft. Jetzt führt Demoussyi das reichlich« Wachstum der Gewächse in Mistbeeten auch darauf zurück, daß sie hier in einem Erdboden stehen, aus dem ein reichlicher Vorrat von Kohlenstoff ausgeschieden wird. Natürlich trägt hier auch die Wärme einen großen Teis zu dem raschen üppigen Wachswm bei. Um zu sehen, wie weit die Mistbeetluft an und für sich das Gedeihen der Pflanzen begünstige, kultivierte der Forscher Pflanzen in Töpfen, die mit Sand gefüllt und mit einer vollständigen minerali- scheu Nährlösung versehen waren. Die Töpfe wurden mit Glas- glocken bedeckt, die mittels Röhren mit Luft, mit gewöhnlicher sowie mit solcher aus Mistbeeten versorgt wurden. Da zeigte es sich denn, daß die Salatpflanzen in den mit normaler Luft versorgten Töpfen in vierzehn Tagen noch nicht die Hälfte des Gewichts erreicht hatten, welches die in Mistbeetluft kultivierten Pflanzen besahen. Das Gewicht der auf letztere Art erzogenen Gewächse erhöhte sich noch um ein bedeutendes, wenn die Mistbeetluft vorher durch Schwefelsäure hindurchgegangen und dadurch von Beimengungen gereinigt war. Der Gehalt an Kohlensäure betrug bei den Versuchen ein bis zwei Tausendstel, während die normale Luft nur ein Zweitausendstel des Gases enthält. So zeigen denn die Pflanzen ein weit besseres Ge- deihen, wenn ihnen der zwei- bis vierfache Betrag des normalen Kohlensäuregehaltcs zu teil wird. An manchen Stellen soll aber die Luft unmittelbar über dem Boden ebenfalls sehr reich an Kohlensäure sein. In früheren Erdepochen war der Gehakt der Luft an Kohlen- säure weit größer als heute, wo ein großer Teil derselben in den kohligen Ueberresten ehemaliger Pflanzen in der Erde vergraben liegt. Das üppige, gigantische Pflanzenlcben jener Zeit dürfte wohl zum großen Teil auf den damaligen Kohlensäurereichtum der Luft zurückzuführen sein. Danach wäre unsre Epoche der Vegetation viel weniger günstig. In vergangenen Erdperioden begünstigte außerdem die höhere Erdwärme den Wuchs der Pflanzen, die, vor greller Be- leuchtung durch eine dunstreiche Lust geschützt, wie im Treibhause emporschössen. Aber jene Pflanzenwelt war trotz ihrer Größe monoton, die Farnbäume und Koniferen bildeten die Hauptformen. Es fehlte an Licht. Erst die klare lichte Sonne der Tertiärzeit schuf die Blütenpracht der Pflanzen. In dieser Erdepoche war das Klima Mitteleuropas, und also auch Deutschlands, noch viel wärmer. Palmen wuchsen bei uns zu Anfang dieses Zeitraumes; später treten zahlreiche schöne Gewächse, besonders auch Gehölzpflanzen auf, von denen wir jetzt ganze Gattungen verloren haben, während sie heutigen Tages höchstens noch in Nordamerika oder Japan sich'erhalten haben. Die Sumpf- cppresscn(Taxodium), die Mammutbäume(Sequoia), die Magnolien, die Amberbäume sind bei uns jetzt ausgestorben. Vor kurzem ist von L. Laurent noch eine weitere Gattung, Abronia ge- nannt, in tertiären Ablagerungen Europas aufgefunden worden, die heute nur noch in Amerika vorkommt. Diese Gattung ist also ein neues Beispiel für die große Äcbereinstimmung der Pflanzenwelt Europas mit derjenigen Nordamerikas während der Tcrtiärzeit. Entdeckungen wie die erwähnten des Sommerlaubfalles und der Ausnützung reichen Kohlcnsäuregehaltcs gehören in das jetzt immer sorgfältiger studierte Gebiet der Abhängigkeit der Pflanze von äußeren Einflüssen. Noch ist die Wissenschaft weit entfernt von dem Ziele, die Pflanze ganz aus ihrem Milieu heraus erklären zu können. Da hat zum Beispiel jüngst der japanische Forscher K. Miyake in dem Wachstum der Kühblume ein sehr zweckmäßiges Werhalten dieser Pflanze gegen äußere Einflüsse festgestellt. Die bekannte Kuhblume, der Löwenzahn, kommt auch in Japan, wenn auch in etwas andern Varietäten, vor. In der Entwicklung des Blüten- schaftcs kann man bei der Pflanze drei Perioden beobachten. Zu- nächst wächst der Schaft bis zur Mitte der Blütezeit in �t!va 7 bis 10 Tagen in die Höhe. Er hat dann das Drittel bis die Hälfte der endgültigen Länge erreicht. In der zweiten Periode, welche die letzte Hälfte der Blütezeit und das erste Stadium der Fruchtbildung um- faßt, wächst der Schaft fast gar nicht. In den 6 bis 8 Tagen dieser Periode verlängert er sich allenfalls um ein Zehntel der gesamten Länge. In der letzten Periode endlich, die 7 bis 10 Tage währt, wächst der Schaft sehr energisch in die Höhe, er erhält dann das zwei- bis dreifache der Länge, die er in der Blütezeit besaß. Die Zweckmäßigkeit dieses periodischen Wachstums leuchtet ohne weiteres ein. Anfangs braucht der Schaft im Frühjahr in dem niederen Grase noch nicht bedeutend zu wachsen. Ja, es würde der Blüte sogar schädlich fein, wenn er über das Niveau der umgebenden Vegetation hinauswüchse. Wind und Regen könnten chn in dieser Zeit leicht beschädigen. Der Schaft ist während dieser Zeit sogar noch zum größeren Schutze des Blütenkopfes gekrümmt. Später aber wird es sehr vorteilhaft sein, möglichst hoch zu wachsen, um die mit federigcn Flugorganen versehenen Früchte dem Winde preiszugeben. So ist hier gerade die Zweckmäßigkeit solchen periodischen Wachstums offensichtlich. Allein wie kommt dieses Wachstum zu stände? Was hält den Schaft auf während der Blütezeit, was zwingt ihn zu schnellem Wachstum nach der Blüte? Solche und ähnliche Fragen hat die Wissenschaft erst zu stellen begonnen. Die Beantwortung liegt also natürlich noch ziemlich fern.—, Kleines feirilleton» — Ein Stück Mittelalter. Der Münchener„Allgemeinen Zeitung" wird aus Karlsruhe unterm 6. Juki geschrieben: Als letzte Ueberreste aus der Rechts- und Territorialgeschichte des Mittelalters bestehen im Großherzogtum Baden noch zwei Kondo- minate. DaS eine befindet sich im Amtsbezirk Mosbach, wo die abgesonderte Gemarkung„Bernbrunner Höfe" teilweise zu Baden, teilweise zu Württemberg(Oberamt NcckarsulmX gehört; die zu den einzelnen Höfen(im ganzen sechs)' gehörigen Ländereien liegen zerstreut innerhalb der Gemarkung. Schwierigleiten rechtlicher oder materieller Natur haben sich aus diesem Kondominatsverhältnis noch nie ergeben. Anders liegt die Sache beim Kondominat Kürn- bach, einer Landgemeinde bei Bretten, die teils der Staatshoheit von Baden, teils der von Hessen untersteht. Die Gesamtcin- wohnerzahl der Gemeinde �betrug nach der letzten Volkszählung 1451, die Gesamtfläche beträgt 1286 Hektar. Eine genaue Angabe, wieviel davon auf badisches und wieviel auf hessisches Staatsgebiet entfällt, ist nicht möglich, da die Landeszugehörigkeit der Grundstücke innerhalb der Gemarkung dem Grundbesitz folgt; 84 Häuser sind badisch, 126 hessisch; an den ersteren ist der Buchstabe B, an den letzteren der Buchstabe II angebracht. Nach dem Haus, in dem der einzelne wohnt, richtet sich seine Staatszugehörigkeit; zieht er aus einem badischen Haus aus in ein hessisches, so vertauscht er samt seinen Grundstücken die badische Staatsangehörigkeit mit der hessischen. Der badische Teil der Gemeinde hat seinen Bürger- meister, ebenso auch der hessische; bei den für den badischen und hessischen Teil der Gemeinde gemeinsamen Angelegenheiten wechseln die beiden Bürgermeister alle drei Jahre im Vorsitz. So lange die wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse bis Mitte des letzten Jahrhunderts noch einfache waren, verursachte dieses Kondominats- Verhältnis keine Schwierigkeiten; dieselben traten erst ein, als in den letzten Jahren verschiedene neue Gesetze, von Reichs wegen und Landesgesetze, eingeführt werden sollten; speciell die Durchführung der Katastervermessung und des reichsgesetzlichen Grundbuchsrechts solvic der Steuergesetzgebung ließ sich bei dem gegenwärtigen Zustand nicht ermöglichen. Die Aufhebung des Kondominats, die erstmals in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts angeregt worden war, erwies sich daher immer mehr als eine Pflicht gegenüber der Ge- meinde Kürnbach. Nach langwierigen Verhandlungen gelang es im letzten Jahre, einen Staatsvertrag zwischen Baden und Hessen ab- zuschließen, wonach das Kondominatsverhältnis! aufgelöst wijed. Kürnbach, das ganz von badischem Gebiet umschlossen ist, fällt danach ganz unter badische Staatshoheit; als Gegenkeistung erhält Hessen den ganz von hefsischem Gebiet umgebenen, zur Waldgemarkung der badischen Gemeinde Schönau(bei Heidekberg) gehörigen Mittel- buchwald sowie einen Teil des großherzoglichen Domänenwaldes im Distrikt Adlerstein(bei Hcddesbach, A.-B. Heidelberg) und eine Geldsumme im Betrag von 150 060 M. —„Magyaren". Wer das ungarische Amtsblatt in die Hand nimmt, so schreibt die«Kölnische Zeitung", findet darin gewöhnlich jeden Tag ein bis zwei Spallen, die mit ministeriellen Genehmi- gungen von Namensünderungen gefüllt sind. Solche Genehmigungen lverden in Ungarn immer anstandslos erteilt, wenn es sich dariun handelt, einen ftemdklingcnden Namen in einen magyarischen zu verwandeln; alle andren Namensänderungen werden in der Regel rundweg abgewiesen. Die nach Tausenden zählenden Namens- magharifierungen haben in den letzten Jahren eine solche Ver- wirrung geschaffen, daß es heute schlechterdmgs mmröglich ist, aus den: Namen irgend Ivelche Schlüsse auf die Nationalität zu ziehen. Dies gilt in erster Reihe von den Politikern, und selbst die ultra- magyarische äußerste Linke ist voll magyarisierter Namen. So hieß der Abgeordnete Polünyi ftüher P o l l a t f ch e k, der Abgeordnete Veszi, zur Zeit wohl der übertriebenste Chauvinist im Abgeordnetenhaufe, Weiß; der Abgeordnete Visontai, die juristtsche Auwrität der Opposition, W e i u b e r g e r; die Eigentümer der beiden größten ungarifchen Zeitungen, Rükofi und Legrady, Kremser bezw. Pollak. Der verstorbene Präsident der Kossuth-Partei Jrünhi führte den Namen Halbschuh, der Abgeordnete Morzsänyi hieß Brezlitschka.der Abgeordnete Heltai hieß H o f e r, der Abgeordnete Domherr Komlvssy hieß Kleinkind, der Präsident der Ugron- Partei. Szederkönhi, hieß Schönnagel, der Abgeordnete Enbrel hieß Engel, der Abgeordnete Gajari Vettelheim, der Abgeordnete Mezei Grünfeld, der verstorbene Csatär, einer der größten Schreier der äußersten Linken, hieß Löffelholer, der Ober- gespan Fenyvesi hieß Schmirkooszky, der gewesene Ackerbau- Minister Daränyi hieß Grieskorn. Nicht besser ver- hält es sich mit den Namen der Künstler und Schrift- steller. Der Maler Mimkücsy hieß ursprünglich Lieb, der Maler Philipp Laszlo Laub, die Malerin Mlma Parlaghy Brachfeld, der Maler Feszty Rehrenbeck, der Bildhauer Mättai M u d e r l a!, der Bildhauer Zala Mayer, der Komponist Mosonyi Brand, der Klavierkünstler Polönhi Pollatschek� der Komponist Kontt K o h n, der Biolinkünstler Remenyi Hoff- mann, der Architekt Alpar Schocke. Unter den Schauspielern wurde aus einem Fräulein Jaiteles ein Fräulein F ä h, aus einer Frau Schweitzer eine Frau- H e I v e y, aus einem Navratil ein Nadah/ aus einem Neuhauser ein Uyhazi und so Weiler in endloser Reihenfolge, kamr man doch die wirklich magyarischen Bühnenkünstler an den zehn Fingern abzählen. Was die Gelehrten betrifft, so hieß der ehemalige Erzieher des Kronprinzen Studolf, Bischof Ronny, früher L e i n i n g e r, der Arzt Professor Koränyi Kornfeld, der Historiker Kdiiyi K o h n. der Professor der Medizin Kötly K e t t l, der Stattsttker Körösi H a j d u s ch k a, der Professor der Chirurgie Reczey Katschenka, der Orientalist Vambery Bamberger, der Sprachforscher Szinnhei Färber, der Geschichtsforscher Marczali Morgen- st e r n usw. Ja, selbst die zwei Gastwirte, die in Pest die beste „echt magyarische" Küche führen sollen, sind deutschen Ursprungs, denn der bekannte Restauratenr Szikszay hieß Preindl, der alte Karikas aber hieß Ring. Nach alledem wird eZ nicht weiter auf- fallen, daß der Erfinder der ungarischen Tortenspecialität, Dobosz, ursprünglich Duntaszak, der Erzeuger des besten ungarischen Champagners, Törley, aber Schmiert hieß.— lr. Furchtbare Scencn vom Untergänge der„Norge" schildern die Ueberlebenden der Katastrophe nach jetzt vorliegenden ausführlichen Berichten. Nur der Lichtblick bleibt in diesen Schreckensbildern, daß aiich viele Züge von heldenmütiger Selbstaufopferung erzählt werden. Als das Boot mit den Geretteten von Grimsby herabgelassen wurde, war nur noch ein Platz in dem Rettungsboot. Die„Norge" sank schnell, ihr Dasein- zählte nur noch nach Sekunden. Ein siebzehn- jähriger Knabe schwang sich als letzter in das Boot.„Wo ist meine Schwester?" fragte er. Niemand hatte sie gesehen. Da sprang er auf das sinkende Schiff und er fand seine Schwester in der Nähe der Reling knieend beten. Sanft hob er sie auf, küßte sie und hob sie in das Rettungsboot, wo er sie auf seinen Platz setzte. Zuletzt sah man den Knaben mit bloßem Haupte auf dem Schiffe stehen, die Augen auf das Boot gerichtet, das seine Schlvester in Sicherheit bringen sollte.„Als ich wieder hinsah", fügte das Mädchen hinzu, das die That ihres Bruders selbst erzählte, „war das Schiff gesunken". Als ein echter Held benahm sich auch der zweite Maat der„Norge". Er befand sich in dem Rettungsboot, das mit Menschen so schwer beladen war, daß es zu sinken drohte. Der Maat stand in der Nähe der Ruderpinne und bcboachtete ruhig die Lage. Mitleidig sah er auf die Frauen und Kinder; jeden Augen- blick drohten die Wellen, das schwere Boot zu überschwemmen.„Ich kann nicht sehen, wie Frauen und Kinder ertrinken. Ich gehe. Lebt wohl, Freunde," und damit sprang er über Bord. Ein glänzendes Zeugnis stellen die Ueberlebenden überhaupt dem Heldenmut der Mannschaft aus. Als das Schiff die letzte plötzliche Bewegung in die Tiefe machte, standen die Männer auf Deck, die Arme übereiuandergelegt, das Haupt entblößt, feste Entschlossenheit im Gesicht. Auf der Brücke standjKapitän Gundel, der dann ivie durch ein Wunder gerettet wurde. Nicht einen'Moment war er von seinem Posten gewichen, obwohl Leute von der Besatzung, deren Kommando er die Rettungsboote anvertraute, ihn gebeten hatten, einen ihrer Plätze einzunehmen.„Wir mußten uusren Weg durch eine Allee ertrinkender Männer, Frauen und Kinder nehmen," erzählte ein Ueberlebender.„Sic klammerten sich an das Deck und au die Ruder, aber wir mußten sie ablvehren. Wir mußten taub bleiben gegen die Bitten der Frauen und die Flüche der Männer, denn das Boot war für zwanzig Personen gebaut und trug bereits siebenundzwanzig. Selbst nur ein Kind mehr wäre unser aller Tod gewesen."„Wenn unser Boot groß genug gewesen wäre, hätten wir über hundert Personen retten können," erzählt ein andrer Ueberlebender,„aber unsre Lage tvar sehr ernst. Wir fanden kein Wasser zum Trinken und nur wenige Biscuits zum Essen. Das Boot hatte ein Segel, aber keinen Mast und nur zwei Ruder, aber wegen der Ueberfiillung konnten sie nicht gut gebraucht werden, und niemand wußte, wie lange wir ziellos auf hohem Meere dahiutrciben würden. Den Biscuit wagte man deshalb nicht anzureißen, lzumal da man wußte, daß er den Durst nur vergrößern würde. Ein alter Mann Namens Johausen aus Tromsö saß tief gebeugt voin Liummer in einer Ecke des Bootes; er hatte seine Frau und fünf Kinder verloren. Um Plätze für sie im Boot zu suchen, hatte er sie auf die Luke gesetzt und als er zurückkam/ um sie zu holen, waren sie Verschlvuudcn. Sturzseen fegten ständig über das offene Boot und die Gesellschaft hatte zum Ausschöpfen dcS Wassers nur eine alte Kanne und die Stiefel. Die meisten hatten zum Schutz gegen die Elemente nur ihre Nachtkleider. Sie ivaren in 24 Stunden nur zehn Meilen getrieben, als Kapitän Miles von der„Salvia" die Signale bemerkte. Als er die Leute fand, saßen sie bis zur Taille im Wasser. Rundherum schwammen Hunderte von Leichen, meistens Frauen und Kinder, so daß der Kapitän sich wie erlöst fühlte, als er von dem schrecklichen Anblick wieder fortkam.— Technisches. on. Die größte Lokomotive der Welt hat kürzlich die Werkstätten von Schenectady(Staat New Jork) verlassen und ist in den Besitz der Baltimore— Qhio-Eisenbahn übergegangen. Gegen- wärtig paradiert sie als Sehenswürdigkeit auf der Weltausstellung in St. Louis. Die Verhältnisse dieser Maschine sind sowohl nach den Ausmaßen wie nach dem Gewicht ganz ungewöhnliche. Sie ist für schwere Güterzüge bestimmt und loiegt ohne' den Tender bei sonst vollständiger Belastung 151 500 Kilogramm. Da sie auf sechs Achsen ruht, so hat jede von diesen ein Gewicht von 25 230 Kilogramm zu tragen. Der volle Tender lvicgt für sich noch weitere 04 800 Kilogramm, so daß sich für die ganze Maschine rund 210 000 Kilogramm ergeben. Der merkwürdigste Teil dicier Riesenlokomotive ist der Kessel, der bei einer Länge von fast 12 Metern in seinem cyliudrischen Teil den bisher»och niemals erreichten Durch- messer von 2,20 Metern besitzt und aus Stahlplatten in einer Dicke von 2>/2 Centimetern besteht. Im Innern enthält er 430 Röhren von etwa 6>/z Meter Länge und 3,7 Ceutimeter Durchmesser._ Der Rost hat eine Fläche von 0,7 Quadratmetern, während die gesamte Heizfläche die ungeheure Ausdehnung von 620 Quadratmetern um- faßt. Der Kessel lviegt leer 63 000 Kilogramm und faßt 13 Kubik- meter Wasser. Auch der Nahmen, der den Oberbau dieser Maschine zu tragen hat, muß selbstverständlich von außerordentlicher Be- schaffenheit sein. Die sechs Achsen sind in zloei Gruppen von Berantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: je drei augeordnet, die sich in einem Wstaud von über 9 Metern befinden. Die beiden Achsengruppcn sind nicht durch mechanische Glieder mit einander verbunden, sondern nur durch die Wirkung der Dampflraft. Die Hintere Gruppe trägt zwei Hochdruckcylinder, von denen der Dampf nach den Niederdruckchlindern der vorderen Achsengruppe durch ein biegsames Rohr hineingeleitet wird. Infolge der großen Länge der Maschine hat besondere Rücksicht darauf genommen werden müssen, daß sie den Kurven des Schienenweges folgen kann. Daher besteht der Unterbau nicht aus einem starren Rahmen, sondern ist in der Mitte durch ein senkrechtes Charniergeleuk geteilt. Die Räder haben einen Durchmesser von fast>/z Meter. Der Druck im Innern des Kessels beläuft sich auf lü'/z Kilogramm für das Quadratcentimeter der Fläche, und zum Antrieb ist ein Gesamtdruck von wenigstens 30 000 Kilogramm nötig. Die schwersten Maschinen desselben Systems mit sechs Achsen in Europa befinden sich im Besitz einer spanischen Eisenbahngesellschaft, wiegen aber nur 108 000 Kilogramm und haben überhaupt keinen Tender. Auch die große sibirische Eisenbahn benutzt ähnliche Maschinen, aber von sehr viel geringerem Gewicht. Der Unterbau der Transsibirischen Eisen- bahn ist ziemlich schwach und gestattet nur eine Belastung von höchstens 144100 Kilogramm auf die Achse. Dementsprechend wiegen die dortigen Lokomotiven auch nur 84 000 Kilogramm, wozu ein Tender im Gewicht von 61000 Kilogramm hinzukommt.— Humoristisches. — Unüberlegt. Die verwitwete Frau Professor Roller tvar eine gute, liebe Frau, aber wie ihr Seliger litt sie an einer von Jahr zu Jahr sich steigernden Zerstreutheit. Eines Tages be- kam sie Besuch von einem jungen Verwandten, der eben seinen Doktor gemacht und nun eine„Vetternreise" unter- nahm. Gastfrei lud sie ihn zum Ueberuachten ein und bereitete ihm im Eßzimmer ein Lager, da sie kein Fremden- zimmer besaß. Es war schon bald Mitternacht, alles hatte sich zur Ruhe begeben, der Doktor lag, noch ein bißchen lesend, im Bett, da rief ihm plötzlich seine Tante aus der Nebenstube zu:„Anton, mach doch einmal das Licht in Deinem Zimmer einen Moment aus. Ich mutz mir noch etwas aus dem Eßzimmer holen." Gehorsam löschte Anton sein Licht aus. Die Thür öffnete sich, und herein trat die Tante, im tiefften Negligs,-- die brennende Lampe in der Hand.—(„Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Die einaktige Satire„Harmonie" und das einaktige Versspiel„Der P r ü g e l j u n g e" von Hans l'Arronge sind für das Luft spiel-Haus zur Aufführung angenommen worden.— — Auf der Düsseldorfer Kunstausstellung sind bis zum 6. Juli für 200 000 M. Gemälde und Plastiken verkauft worden.— — Die chemische Untersuchung der aus nebliger Stadt- l u f t stammenden festen Niederschläge zeigte, daß diese zu 39 Proz. aus Kohlenstoff, 12 h/z Proz. aus Kohlenhydraten. aus 4 Proz. Schivefelsäure, 1,4 Proz. Salzsäure, 2,0 Proz. metallischem Eisen, 2 Proz. organischer Materie und 31 Proz. mineralischer Stoffe, wie Kieselsäure. Kochsalz usw., bestanden. Am bedeutendsten ist der Gehalt der Luft au organischen Substanzen und pathogenen Bakterien in dicht bevölkerten Vierteln der Städte.— — Eine merkwürdige Selbstmordanzeige brachte jüngst ein amerikanisches Blatt:„Herr Moffart", so hieß es dort, „ein angesehener Bürger aus dem Staate Ohio, machte dieser Tage den Versuch, eine Kugel aus seinem Revolver zu entfernen. Es gelang ihm. Er war 02 Jahre alt I— Büchereinlauf. — E m i l B e r g m a u n:„ N a m c n l o s I" Gedichte. Dresden. E. Pierson.— — Genua Höh:„Goldene K ä t i e." Novelle. Berlin und Steglitz. Hans Priebe u. Co. Pr. 2 M.— — Julius Stelle»heim:„Die Ball mutier und andre Typen der Gesellschaft." Skizzen. Berlin. F. Fontane u. Co. Preis 2 M.— — Julius Karl Fischer:„Nervös." Roman. Berlin. Karl Freund.— — Emmi E l e r t:„Funken unter der Asche." Roman. Berlin. F. Fontane u. Co. Preis 3 M.— — Hans Hauptmann:„Wie seine Hoheit ver- pöbelte." Roman. Braunschweig. Richard Sattler. Preis 3 M.— — S. Lublinski:„Die Bilanz der Moderne." Berlin. Siegfried Cronbach.— — E r u st Walter:„ A m Webstuhl der Geschichte." Eine kulturhistorische Episode aus dem 19. Jahrhundert. Dresden. E. Piersons Verlag.— — H i l l g e r s illustrierte Volksbücherei. Heft 1—6. Berlin, Leipzig, Eisenach. Hermann Hillger. Preis pro Heft 30 Pf.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 10. Juli. Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer&Co.,Verli»ZW.