HlnlerhaltMgsblatt des Horwnris Nr. 134. Sonntag, den 10. Juli. 1904 (Nndjdeml verboten.) 29] Im Vaterhau Fe. Sozialer Roman von Minna K a u t s k y. 17. K a P i t e l. Elise unterbrach ihn rasch, als fürchte sie eine Anklage und wolle ihr zuvorkommen. „Du weißt nicht, wie gut und liebevoll sie gegen mich sind. Tag und Nacht sind sie um mich und immer geduldig und unverdrossen. Sie thun mir oft leid. Es geht uns nicht gut, wir müssen uns durchfechten, kümmerlicher als je, und nie eine Klage von ihrer Seite, nie ein unwilliges Wort. Sie sind so bescheiden, so rührend genügsam, ich versichere Dich, sie verstehen es in heiterer Art, sich mit der Dürftigkeit ab- zufinden. Es hat mich ungemein getröstet, daß es ihnen so leicht wtlrdc." „Sie sind jung, sie sind gesund," sagte Fritz hart. „Und glücklich veranlagt," ergänzte die Mlltter, und immer wärmer werdend, fuhr sie fort:„In den ödesten Tag wissen sie Abwechselung zu bringen, aus dem Unbedeutendsten sich eine Freude herauszuschälen. Luise hat angefangen zu malen, der Vater ist zufrieden mit ihr— wenn er ihr als Modell eine Blume bringt, für sie ist's gleich der ganze Frühling. Und Gustel sieht überhaupt nur das Helle, die ist wieder ganz anders, die kann nicht sitzen, nicht ruhig sitzen, ihr Körper braucht Bewegung, die anstrengendste Arbeit ist ihr die liebste. Hat sie in der Küche nichts mehr zu thun, läuft sie im Hause herum, holt sich die kleinen Kinder zusammen. Jeden Tag kommt sie mit so einem Schreihals daher, den sie der Mutter abgenommen: jetzt bringen die Mütter ihr die Kinder schon selbst, wenn sie anderweitig zu thun haben. Und sie wäscht sie und wickelt sie, und schleppt sie herum und möchte sie am liebsten gar nicht mehr hergeben." „Lebendiges Spielzeug," bemerkte Fritz mit einem er- zwungenen Lächeln. „Vorläufig noch, aber man sieht schon, wohin sie neigt. Luise ist anders. Nun, man muß sie nehmen wie sie sind, gut sind beide. Glaube mir, sie sind nicht verbildet und nicht verzogen, wir haben sie gelehrt, das Schöne zu sehen und daS Reine zu lieben, wir haben sie vor allem kräftig und gesund erhalten, nie haben wir Furcht und Strafe auf sie wirken lassen, wir waren der Meinung, Kinder erzieht man am besten durch die Freude." „Unsre Proletariermädchen erzieht die Not," sagte er ernst. „Willst Du diese Erziehung befürworten?" Er zuckte die Achseln.„Was sollen wir machen, die Not ist da, wir müssen sie erst vertreiben.... Einstweilen wird sie zum Ansporn, sie lehrt Disciplin, sie schärft uns selbst die Waffen.... Es ist nicht leicht, ihr beizukommen, der Einzelne ist machtlos gegen sie, drum müssen alle heran, um dieser Grimmigen an den Leib zu rücken. Auch die Mädchen müssen wir zum Kampf erziehen, sie organisieren." Elise schüttelte den Kopf.„Kämpft nur allein, die Mädchen laßt aus dem Spiele, der Kampf verroht." „Und wenn nun für alle dieser Kampf ein Muß geworden ist, eine Notwendigkeit?" „Doch nicht für die Frauen, was sollen sie? Ihr macht sie nur unzufrieden— laßt sie ruhig in der Familie." „Ruhig... in der Familie?" Es zuckte ironisch um seine Lippen.„Damit sieht's schlimm aus: seitdem man skrupellos die Familienväter entläßt und junge Kräfte nimmt, weil sie da sind, weil sie billiger sind. Man kann jetzt Männer im besten Alter feiern sehen, während ihre Knaben und Mädchen in Arbeit stehen. Auf lange hinaus kann heute ein Vater nicht mehr der Ernährer einer Familie sein, die Kinder müssen verdienen, wenn sie leben wollen." Elise seufzte:„Eine verkehrte Welt... Mir thut das Herz weh, wenn ich die ganz jungen Mädeln scharenweise in die Fabrik wandern sehe, blaß, welk, mit entzündeten Augen. sie haben ihre Frische schon eingebüßt, zu früh, viel zu früh hat man sie gezwungen, sich selbst zu ernähren." „Nicht nur sich selbst, viele von ihnen sind gezwungen, noch für andre zu sorgen, für eine Mutter, eine jüngere Schwester, wie oft für ein Kind." Elise fuhr auf.„Ja, so ist's. Ein Kind ist unter solchen Umständen bald da... fast jede hat ein Kind. Ist es nicht schrecklich, daß diese armen Geschöpfe so früh schon verloren und verdorben sind?" „Verdorben?" rief Fritz und sah sie mit großen Augen an. „Deshalb müssen sie nicht verdorben sein" und wärmer, in fast leidenschaftlicher Parteinahme:„diese Mädeln haben Pflichten, die stündliche Opfer von ihnen verlangen, sie er- füllen sie gewissenhaft, als etwas Selbstverständliches: man muß nur gesehen haben, mit welcher Hingebung und Zärtlichkeit so ein junges Ding für ihr kleines Kind sorgt, das ihr doch nur Kummer und Sorge macht." „Du hast ein solches Mädchen gekannt?" fragte Elise, ihn fixierend, mit erwachender Neugier. Er nickte.„Ja, und ich Hab' sie lieb gehabt, sie und ihr Kind... es war nicht das meine." Eine Pause trat ein, dann sagte Elise leise: „Sag' mir alles. Nütz." Sie heischte Vertrauen. Er hielt mit dem Bekenntnis nicht zurück. Und wie der erwachsene Sohn der geliebten Mutter ausführlich über sein Leben be- richtet, so berichtete er ihr. Er schilderte ihr sein Mädchen in der liebevollsten und zartesten Weise. Ehe Marie ihn kannte, hatte sie ein Verhältnis mit einem Manne, der ihrer nicht wert war. Er hatte ihr die Heirat versprochen, als sich aber die Gelegenheit für ihn fand, in ein Geschäft hineinzuheiraten, hatte er sie gebeten, ihn frei zu geben. Er wollte für das Kind sorgen, so lange er nicht eigene Kinder habe. Sie wies ihm die Thür: sie wolle ihr Kind allein ernähren. Sie war so brav und mutig und das Kind so lieb, wie selten eines. Damals lernte er sie kennen... sie zogen zusammen... das Glück dauerte nicht lange... Er wollte sie zu seiner Frau machen... sie hatte ihm nicht Zeit dazu gelassen... Die Proletarierkrankheit wütete in ihr— sie wehrte sich mit aller Kraft ihrer Jugend— vergebens— als sie sich endlich ins Bett legte, war sie auch schon tot... das Kind folgte ihr nach... Es sind kaum drei Monate her. „Mein armer Fritz," sagte sie leise. „Ich wollte es Dir schreiben, Mutter, aber ich habe gc- fürchtet. Du könntest es mißverstehen, könntest das Mädel für schlecht halten... das hätte mir weh' gethan." Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, er nahm sie und hielt sie in der seinigen, ohne sie zu drücken; so blieben sie Seite an Seite, stumm und beklemmt. Jeder hatte das Gefühl, daß er dem andern weh' gethan. Hatte er nicht indirekt ihre Kinder angeklagt?... Hatte sie nicht seine Geliebte beschuldigt? Aber das Gefühl des Un- rechts geliebten Menschen gegenüber macht so demütig, daß man sie auf den Knien um Verzeihung bitten möchte. Diese Demut lag in seinen Augen, als er sich jetzt über sie beugte. Du hast tausendmal recht, antworteten ihm die ihrigen. Müde lehnte sie den Kopf seitwärts, er ruhte auf seiner Schulter. Sie sagten nichts weiter. Zwischen Mutter und Sohn versteht sich die Verzeihung von selbst.� Als Fritz auf die Straße kam, fing er zu laufen an. Es war spät geworden, die Versammlung mochte wohl schon er- öffnet sein. Er hatte indeß nicht weit zu gehen, das Ver- sammlungslokal im Wirtshaus zum„Großen Christoph" befand sich ganz in der Nähe. Es lag an einem Kreuzungspnnkte und von allen Seiten kamen Genossen herangesteuert, um in der kleinen Thür des. Schanklokals zu verschwinden. Einige blieben davor auf der Straße und plauderten mit einander. Der Referent stand noch unter ihnen, das war beruhigend. Als dieser Fritz erblickte, machte er einen jungen Mann, der hier fremd schien und nach seinem distinguierten Aeußem den höheren Ständen angehörte, auf ihn aufmerksam. „Da ist ja der Hofer, nach dem Sie heut' in der Redaktion gefragt haben, Herr Doktor." Der also Angeredete ging Fritz rasch entgegen. Dieser schien angenehm überrascht. Die beiden jungen Männer schüttelten sich die Hände, wie alte Bekannte, Doktor Jensen, ein Königsberger, hatte Friß in Berlin kennen gelernt. Er war einer jener Ideologen, die das Be- dürfnis haben, etwas für die Menschheit zu thun und dabei Zeit und Geld, um es nach ihrer Weise ins Werk zu setzen. Er sympathisierte mit den Bestrebungen der Socialdemokraten, teilte ihre wissenschaftlichen Ueberzeugungen, verwarf aber als Ethiker ihre Rücksichtslosigkeit. Jede Gewaltthätigkeit der- abscheute er, eine langsame Entwicklung, ein allmähliches !Hineinwachsen in den Zukunstsstaat schien ihm das sicherste Mittel zu sein, ja das einzig mögliche, ihn herbeizuführen. Er hielt wissenschaftliche Vorträge und hatte in Berlin auch in öffentlichen Volksversammlungen gesprochen. In einer darauf folgenden Diskussion war Fritz ihm einmal ent- schieden entgegen getreten und hatte ihm gesagt, daß keine andre Klasse den Willen und die Stärke ermessen könne, die das kämpfende Proletariat für diese Kämpfe mitbringe und ins Treffen führe, als dieses selbst. Da giebt's keinen Kemmschuh. Der Gelehrte verteidigte seine Theorie im Namen der Gesittung und der Kultur, worauf der Arbeiter ihm rasch entgegnete:„Der größte Kulturfaktor sind wir, und die Kultur selbst ist's, die uns vorwärts treibt." Ein Argument, das der junge Doktor nicht zu besftMten wagte. (Fortsetzung folgt. Zs Grotze Verdieuer. ES war die EröffnungZvorstellttng einer bald wieder der- schwundenen Specialitätenbühne am nördlichen Rande der Großen Friedrichstraße zu Berlin. Die Löcher des Saales waren nur not- düfttig gestopft. Die Artisten boten nichts Außergewöhnliches, die Stimnrung war flau. Auch eine Sängerin erschien.>sie trug eines jener Flitterlleider, von denen man nicht weiß, wie sie am Körper haften können; die wahrscheinlichste Lösung ist, daß die Frauen sich ihre Haut mit Fischleim bestreichen und sich dann in einem Hansen bunter Lappen wälzen: was kleben bleibt, wird das Kleid. Die Sängerin aber samj dünn und spitzig, völlig temperamentlos, mit einer einstudierten Dutzendforsche, die nicht einmal frech war, und sie sang durchaus nichts• Anrüchiges, sondern polizeifromme Albernheiten. Das Publium blieb lübl. Nur an einem überfüllten Tische ging es leb- hast her. Man klatschte rasend und schien vor Begeisterung zu bersten. An den Huldigungen ftir die Sängerin beteiligte sich auch ein alter welker Mann, mit gefärbten Brillengläsern, dem man, ohne Pessimist zu sein, reichlich fünf Prozent Zucker geben konnte. Als ich diese Tischgesellschaft beobachtete, stand bei mir der Eindruck fest: Die ganze Veranstaltung ist eine reine Familienangelegenheit. Der greise Herr schien mir nur deshalb nicht der Vater der Sängerin zu sein, weil er offenbar auch dazu zu alt war; ich taxierte ihn als Großonkel des Fräulein da oben, und ich kombinierte weiter: Das kleine Mädchen stammt aus bescheidenen bürgerlichen Ver- Hältnissen. Mama und Papa und Tante und Großonkel, auch der junge Vetter, der am Tische nicht fehlte, hatten Talent in dem Stolz der Faniilie gewittert und da man modern genug war, keine dummen Vorurteile zu haben, so versuchte mau das Talent als Specialität zu verwerten. Früher ließ man sie in solchen Fällen Schauspielerin lernen, jetzt muß sie Artisttn werden. Das Ganze mußte übrigens entschieden Meyer heißen, und Meyers be- fanden sich in der ganz verminftiger Thätigkeit, eine Haussestimmmig für das Debüt ihres Sprößlings zu erzeugen. Die Fannlienklaque that, was sie konnte und es war nicht ihre Schuld, wenn das weder Verwandle noch verschwägerte Publikum nicht mitging. Meine Vermutting erwies sich insofern als durchaus zutreffend, als die Sängerin nach einiger Zeit unter der aufgeregten Meyer- Gruppe Platz nahm; sie wurde lebhaft begrüßt, mau überhäufte sie mit Anerkennung und versicherte ihr, daß alles glänzend gegangen fei. Das kleine blasse, blonde Mädchen, das zwar größer war, wenn man den Zug einer gewiffen verderbten Halbwüchsigkeit nicht als Ersatz von Schönheit, Anmut und Feuer anerkennen will, fühlte sich wie eine richtige Thcaterprinzessin und slinunte lebhaft den rechnerischen Erwägungen ihres Erfolges bei. Ich habe das Unglück, ein unzerstörbares Gedächtnis für Physiognomien zu haben, und deshalb jeden sür eiueir Bekannten zu halten, den ich einnial gesehen, ohne doch zu wissen, wer der Bekannte sei. Das kleine Mädchen und der welke Marin verfolgte mich seitdem. Ich trieb gerade das Geschäft, das„lebende" Berlin zu studieren, jenes Berlin, das überall ist, loo teure Preise genorunlen werden, und das eine Orgie darin sieht, wenn man um 7 Uhr morgens zu Bette geht und bis dahin stumpfsinnig Champagner schluckt. Und immer sah ich das halbwüchsige Mädchen, das schwindlig aus ihren Kleidern herabzustürzen schien, und den alten kränkelnden Mann mit den dunklen Brillengläsern. Das Paar war Nie allein, sondern stets von einem geschäftigen Troß umringt. Schließlich ftagte ich? wer ist denn der Alte. „Sie wissen nicht? Das ist doch der Professor Meher, ein seh» gescheiter Mann, schade, daß.. „Und das magere Kind?* „Aber Sie sind wirklich unwahrscheinlich ungebildet. DaZ ist ja seine Frau l" „Das ist ein Ehepaar?" ftagte ich tief erschüttert,„erlaubt denn das das Strafgesetzbuch?" „Eigentlich nicht, denn er ist doch nur ihr—" Es folgte ein Wort aus dem Heinze- Prozeß. Unmittelbar darauf begrüßte sich mein Informator sehr ftenndschastlich mit dem Paar, dessen männlicher Teilhaber zu alt schien, um der Vater seiner Frau zu fein. Niemand erfteute sich in dieser ganzen Welt des Lebens, das nichts erlebt, einer größereu Beliebtheit als diese beiden, mit denen man in den Sektwinkeln zechte, um hinter ihnen schmutzige Witze zu reißen. Und das junge Weib schleppte den siechen, zerarbeiteteu Greis mit sich, durch alle Bälle und Feste, er hing an ihren unruhig schweifenden Röcken. Die Vorfahren des Profeffors mögen mit Kleidern gehandelt haben, jetzt handelten die Kleider mit ihm. Vor Gericht Ivurde offeiikimdig, was die vielen Freunde seit jeher wußten. Die alberne Ueppigkeit dieses Daseins wurde auf Pump bestritten.„Wenn ein Herr mit dem Titel Profeffor kommt, so kredittert man selbstverständlich, ebenso wenn ein Graf oder Baron kommt; wenn jemand mit einem gewöhnlichen Namen kommt, so ist da§ etwas andres". Das beschwört als Zeuge ein benachteiligter Geschäftsmann. Man glaubt's auch ohne Schwur. Wozu würde man sich sonst um den Titel einer Hofbank bewerben I Weil aber nur teure Sachen gepumpt werden, so ist es selbstverständlich, daß man sich jenen SündenlnxuS leistet, über den die Ehrbaren aus Anlaß des Meyer-Prozcsscs so beweglich zürnen. Die Straßenbahn leiht nicht den Groschen, also muß man Guinmiräder wählen. Wcrtheim verlangt Barzahlung, mithin fährt man bei den kostspieligsten Hoflieferanten vor. Auch Aschinger besteht auf prompter Gegenleistung, folglich bleibt keine Wahl: man niuß ins Bristol- Hotel. Die Moralpredigten über die Leichtfertigkeit des KrcditgevenS, die man jetzt reichlich von sich giebt, sind eitel Heuchelei. Es wird immer so bleiben, daß nur die Lumpe bar zahlen müffen. Auch die ehelichen Anschauungen des Herrn und der Frau Pro- fessor sind ohne allgemeines Interesse. Wenn der Ehegemahl seinem süßen Weibchen rät, ordentlich zu räubern, doch ohne Gegen- leistung, wenn er sie mahnt, 500 M. loszuutzen, so ist er damit nur seinen als Handelsredakieur angesehenster Blätter be- währten Anschauungen treu geblieben, daß es zu den tiefsinnigsten Eingebungen der kapitalistischen Wirtschaft gehört, Waren zu kaufen ohne Lieferimg, oder auch leere Bauplätze zu beleihen. Ein Wort aber, das in dem Prozesse fiel, ist auS den: tiessten Innern der kapitalistischen Gesellschaft gesprochen: das hcrzig-naive Wort von dem„großen Verdiener", als den Frau Meyer ihren Ehe- gemahl gekannt hat, als sie ihn heiratete. Der Ausdruck stammt wohl aus der Weltanschauung der Heiratsvermittler, er trifft aber genau— eine peinliche Photographie seines moralischen Wertes— den Gott und Helden dieser Zeit. Man redet von Unternehmern. von Uitternehmerintelligenz, von königlichen Kauflenten gar— nenne man sie doch künftig nur die großen Verdiener. Der große Ver- diener, der ist Sinn und Zweck der Menschheit, und wer kein großer Verdiener ist, der ist eben von Natur und Geschick bestimmt, den andern zu helfen, daß sie große Verdiener werden. In der Schule der„National-Zeitting" und der„Vossischen Zeitung" mag Herr Professor Meyer bald herausgcrcchnet haben. daß. wenn er zeitlebens hungern und sein Gehalt Pfennig fiir Pfennig beiseite legen würde, er doch niemals ein großer Verdiener werden würde, der andre für sich arbeiten ließe. War er etwa unfähiger, fauler, unwissender als sein Unternehmer, der Millionen ans dem Zeitungsgeschäft verdient? Verstand er weniger von dem kapitalistischen Wirtschaftsgetriebe als die Börsenherren, die Gold mit Scheffeln maßen? Und da es sicher keine das Leben erfüllende ideale Aufgabe ist, im Dienste von Lessings Erben, über die Börse zu schreiben, so konnte diese Thätigkeit nur einen Sinn haben, wenn sie ihm erlaubte, das jämmerliche Dasein, in dem alte, kümmerliche Herren selbst die Weiber nicht umsonst erhalten, in einigen Lüsten totzuschlagen. Die Ehrlichkeit ist offenbar eine Tugend, die von den starken Gaunern erfunden ist, die alles Interesse haben, daß es ehr- liche Leute giebt, die zum Objeft des Betrugs geeignet sind. Die Tragikomödie des Prof. Meyer ist, daß er nur ein großer Verdiener sein wollte, es aber nicht war und nicht sein konnte. Die schwächliche Armseligkeit seiner einstigen Landlehrcrthätigkeit hing ihm unausrottbar an. Die Religion des großen Verdieners ver- langt gebieterisch großen Stil. Zu zwei Jahren Gefängnis ist er und zu fünf Vierteln sein Leih-Weiüchen verurteilt worden, weil sie in zwei Jahren sür lumpige 20(XX) Mark an Waren bestellten, die zu bezahlen sie vertrauensvoll der Zukunft überließen. Es ist nicht sc» viel, wie ein anner Teufel zu erhalten pflegt, der in der Not fünfzig Pfennige stiehlt, aber es ist fast so viel, wie die Ponnnern-Gründer erhielten. Die Nomeick und Schultz hatten das Zeug zum großen Verdiener. Der geniale Gedanke, Stücke Sandboden, die einer Ziege nicht genug Nahrung geben würden, dadurch in Gold zu verwandeln, daß man im voraus das Wohnbedürfnis der nichts wie arbeitenden Massen bewuchert, wird von der heiligen Kirche deS großen Verdieners höher belohnt, als die Stümperei des Prof. Meyer, Champagner auf Kredit zu nehmen. So stand denn der Stümper auch nur mit ein paar Tausend Mark im Geheimconto der Pommernbank. Jede Ananas, jeder seidene Unterrock, jedes Stiefelchen und Bändchen wurden Meyers in Moabit mit qualvoller Gründlichkeit nachgerechnet. Daß die Meyerin als wohlthätige Frau eimnal de» Bettel von 20 Marl in dem auch lonst vielseitig Wirksanren Brustausschnitt ihres Gewandes verschwinden ließ, wurde ihr vom Staatsanwalt äußerst verdacht. Und selbst der amtierende Kollege des Hofbankpredigers Sello faird keine Worte der Bewunderung für diese Wohlthätigkeit, die bescheiden nur das Mieder wissen läßt, was die Rechte genommen. Wie anders bei den Pommern. Auf dein wohlthätigen X-Conto allein und das Privat conto des Freiherrn v. Mirbach hat sein Geheimnis über- Haupt nicht entschleiert— standen 600 000 Mark, von denen mehr als dieHälfte spurlos in irgend einem magischen Brustausschnitt der Weltgeschichte verschwunden sind, ohne daß Staatsanwalt und Richternach demVerbleib auch nur gefragt hätten. Den wohlthätigen 20M. der Madame Meyer ist die Oeffentlichkeit der Justiz bis in die intimsten Er- scheinungen des menschlich-weiblichen Körperbaues entrüstet gefolgt, die wohlthätigen 350 000 M. des X-Conto blieben unbefragt. Wer mochte auch so gottlos sein, den Spuren der wahrhast großen Ver- diener auf ihren heiligen Bahnen mit roher Neugier zu folgen! Nein, die Kleinen ä la Meyer sollen sich nicht an die Kunst des großen Verdieners wagen! Sie verdienen schon deshalb strenge Strafe, weil sie die gewaltige Kunst lächerlich machen. Indessen, die rechten großen Verdiener sind auch die pommerschen Grenadiere des Bauschwindels noch nicht. Die idealen Vertreter dieser höchsten irdischen Vethätignng kaufen nicht Waren. ohne zu bezahlen, und beleihen nicht Grundstücke über Wert, sie kaufen Arbeit gegen bloße Anzahlung unter Wert. Wer Arbeit kauft und mcht bezahlt, der erfüllt das feierlichste Gebot des kapitalistischen Rechts und der kapitalistischen Rechtlichkeit. Er wird nicht nur der grüßte Verdiener, sondern auch der ausgezeichnetste Ehrenmann. Auch durch den Prozeß Meyer schritt die Lichtgestalt eines solchen größten Verdieners, bor dem sich das Haupt in Ehrfurcht neigte, em Mann und Held, ganz Tugend und Millionär. Er ent- ließ seinen unseligen Redakteur, weil er gegen seine gebietende Instruktion über eine gesperrte Bank eine Notiz gebracht— seinem Stephany sah er mehr nach!— und diese strenge sittliche Er- habenheit belohnt sich dem Besitzer der„Vossischen Zeitung" in unablässig strömendem Golde. So weit dringt der Ruf und die Kraft solcher Tugend, daß selbst die Kuppler ihm ihr Scherflein bringen und in seinem Blatte Aufnahme begehren; entrichten sie aber die tarifmäßigen Jnseratengebühren, so finden sie offene Anne im Hause der erlesenen Tugend. Die Ratschläge, die Herr Meyer seiner Frau für den Umgang mit großen Verdienern erteilte, hat er sicherlich den, Inseratenteil der „Vossischcn Zeitung" entnommen, nur haben fie ihm nicht die Millionen eingebracht, die sein Verleger aus ihrer Jnserierung zog.— «Joe. KUincs fcuülcton. HS. Das Medaillon. Die alte Frau keuchte, als sie die letzte Stiege hoch oben im Hinterhause erstiegen hatte und in ihr Stäbchen trat. Die Knie zitterten; sie mußte sich erst ein Weilchen in dem alten Korbsessel verschnaufen,«he sie das Gesangbuch mit dem Goldschnitt in das schwarze Futteral gleiten ließ und das Kopftuch von dem dünnen, grauen Haar nahm. Langsam, streichelnd glitten die harten Hände über das Tuch, legten es sorgsam in die alten Falten und verwahrten es in der Schublade bei den weißen Wäsche- stücken. Dafür nahmen sie eine frisch beplättcte blaue Schürze heraus. Während die Alte diese umthat und die Bänder knotete, überlegte sie. Es war ihr, als habe sie etwas vergeffcn; als sei ihr Aeußeres noch nicht ganz in dem häuslichen Stande wie sonst. Das passierte ihr neuerdings öfter. Sie mutzte über Dinge grübeln, welche ihr sonst rein mechanisch von Händen gingen. Ein plötzlich auftauchendes Hungergefühl lenkte ihre suchenden Gedanken dann wieder ab und ließ sie nach der Kommode blicken, wo unter einem Glasgehäuse sonst die kleine, goldene Taschenuhr gehangen. Sie war nicht mehr dort. Und nun fiel es der Sinnenden ein, daß sie die Uhr ja der Schwiegertochter, die ihr allsonntäglich ein Mittagessen brachte, geschenkt hatte. Das heißt— die Alte seufzte bei dem Gedanken— nicht eigentlich geschenkt, nein, aber die junge Frau hatte so viel geredet, hatte es so klar bewiesen, daß sie, die Mutter, doch ganz unnütz das schöne Uehrchen da hängen habe, tage- lang unaufgezogen.... Ein Klopfen. Die alte Frau schrak auS ihrem Nachdenken, entriegelte die Thür und ließ die Schwiegertochter mit dem Essen- korbe herein. Die stöhnte:„Es ist wirUich kein Vergnügen, hier zu Dir theraufzuUettern. Hier," sie begann, den Korb auszupacken,»da bringe ich Dir wieder etwas recht Schönes. Eine Suppe, wie Du sie in keinem Restaurant bekommst. Sieh nur die Fettaugen I Und hier, ein Stück Geschmortes, da kann sich eine ganze Familie dran satt essen. Du hast sicher noch zum Abend davon. Da, da ist auch Salat; ganz frischer Salat in saurer Sahne, Nun, was sagst Du dazu?" Die Alte lächelte zufrieden:»O, ich danke Dir. Wenn Dst wüßtest, was ich schon für einen Hunger hatte!" Sie setzte sich eilfertig zu Tisch.„Du kochst gut, Martha, sehr gut. Ein wahrer Segen für Franz, daß er solche Frau—" sie stockte und löffelte eifrig die Suppe.„Es ist ein richtiger Festtag für mich, Martha. Der Sonntag, mein' ich. Denn in der Woche steht's sehr schlecht um meinen Tisch, wie Du weißt." „Uns geht es nicht viel besser," erwiderte die Tochter.„Trotz, dem, wenn Du Dich entschließen könntest, täglich herumzu, .kommen.. „Nein!" Die Alte wehrte heftig ab.„Es ist mir zu um- ständlich. Und dann," fügte sie wie für sich selber hinzu,„mag ich auch keinem zur Last werden." Die junge Frau hörte das letzte nicht mehr. Ihr Blick heftete sich mit einem Ausdruck der Ueberraschung und Gier tuf einen glänzenden Gegenstand am Sammethalsbande der Schwiegermutter. „Was ist denn das?" Die Alte verschüttete vor Schreck einen Löffel voll Suppe und griff mit der Linken zum Halse:„Das Medaillon?" Dabei fiels ihr ein, daß sie vorhin auf dieses gesonnen und'es abzulegen ver- gessen hatte. „Das ist doch echtes Gold, lvie?'" „Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß es echt fft" Tic alte Frau sah ängstlich auf die Tochter, welche aufgestanden war und sich ihr näherte. „Gewiß, ist es echt!" Und mit Vorwurf:„Ich habe es noch nie bei Dir gesehen." „Ich trage es nur zum Kirchgange.'" Und, als wollte sie dem Kommenden vorbeugen, fügte die Mutter mit Angst und Hast hinzu: „Es ist das letzte Andenken an meinen Seligen. Mein Liebstes, was ich habe. Sein Bild ist drin. Sein Bild, wie er jung war." „Ein schönes Medaillon." Die andre ließ es durch die Finger gleiten.„Schwer und gediegen." Sie nestelte am Bande.„Ich darf es mir doch einmal gründlich besehen?" „Nein." Die Alte zitterte.„Nein, laß es.,, laß es sein." Sie preßte beide Hände wie zum Schutz an Hals und Band. „Mein Gott, Hab' Dich doch nichtl" Ein unwilliger Ruck und sie hatte das Medaillon in der Hand. Dann trat sie zum Spiegel und legte sich's vor:„Es würde mir gut stehen." Und nachdem sie sich ein Weilchen bespiegelt:„Willst Du es mir nicht für heuts Nachmittag leihen?" „Es ist das Letzte, Martha." „Leihen, Mutterchen, leihen." Schmeichelnd klang es. „Nein." Die Alte saß in ratloser Angst.„Ich muß zuweilen sein Bild sehen." Bittend:„Gieb es mir wieder, Martha." Die hatte eine Nadel aus dem Haar gezogen:„O, daS Bild nehmen wir einfach heraus;" sie begann in dem Medaillon herum- zustochern. Die Alte zitterte am ganzen Leibe, der Löffel fuhr klirrend auf dem leeren Teller umher. Plötzlich sprang sie auf:„Gieb her!" Das Medaillon war schon in ihrer Hand.„Meine Uhr hast Du genommen und alles. Nun auch noch das! Ich geb' es nichtl Hörst Du: es ist das Letzte und ich geb' es nichtl" Die Tochter war blaß geworden:„So? Auftrumpfen willst Du? Soll ich einmal rechnen, was ich schon gegeben habe? Hier, das schöne Mittagessen jeden Sonntag...." „Du kannst es behalten!" Die Alte keuchte und packte alles zurück in den Korb.„Da, da, behalt's nur. Behalt's nur! Ich will es nicht... will es nicht..." „Du sollst mir das Medaillon doch nur leihen, nicht schenken." „Leihen? Leihen? O, Du, das kenn' ich! Das kenn' ich!" Die Augen der alten Frau begannen zu funkeln.„Du weißt wohl nicht, was Du Dir alles von mir geliehen hast. Aber nichts Hab' ich wiedergesehen, nichts! Doppelt ist Dein Esfen bezahlt! Dreifach!" „Gut!" Die Schwiegertochter setzte eine beleidigte Miene auf und nahm den Korb. An der Thür wandte sie sich noch einmal:„Ich gehe. Entlveder Du giebst mir das Medaillon oder ich bringe Dir keinen Teller Suppe mehr!" „Ich will nichts mehr haben von Dir! Nichts, nichts, nichts! Geh' nur, Du... Du...!" Sic sank schluchzend in ihren Korb- stuhl. Und während die Tochter mit bösem Gesicht die Treppe hinab- stieg, küßte die Alte das Medaillon, halb weinend, halb lachend.—< ie. Reisekrankhciten. Wer von Reisekrankheitcn hört, wird natürlich zuerst an die Seekrankheit denken, die auch ohne Zweifel das häufigste solcher Leiden ist, und zwar in dem Grade, daß eins vollkommene Seetüchtigkeit bei Vergnügungsreisenden mehr zu den Ausnahmen gerechnet wird. Aber auch die heutigen Befördcrungs- mittel zu Lande lassen sich nicht so ganz weißbrcnnen. Seit der Einführung der langen Durchgangswagen auf den Eisenbahnen kann man von vielen Fällen einer Erkrankung an starker Ucbelkeit hören. die sich auf der Eisenbahn ereignen und eine auffallende Aehnlichkeih mit den nur allzubekannten Erscheinungen der Seekrankheit auf- weisen. Es ist anzuerkennen, daß die Durchgmigswagen auf den deutschen Eisenbahnen im allgemeinen ziemlich glatt laufen und für die meisten Leute sogar ein angenehmeres Beförderungsmittel dar-, stellen als die älteren Eisenbahnwagen. Personen aber, die nach der Riviera reisen, werden nicht selten Opfer der eigentümlichen Be- wegungen, die von den dort benutzten langen Eisenbahnwagen während der Fahrt verursacht werden. Bei einer genaueren Be- trachtung dieser Wagen ist das gar nicht so sehr wunderbar. Die Achsen mit dem beweglichen Radgestell befinden sich an beiden Enden des großen Wagens, der also nur an diesen Stellen unterstützt ist. Dadurch müssen notwendig abwechselnd Auf- und Niederbewegungen des Wagens eintreten, die ihre besondere Unannehmlichkeit für empfindliche Gemüter haben. Außerdem steht die Längsachse des Wagens beim Nehmen einer Kurve in einer ganz andern Richtung als die Radgestelle, auf denen er ruht, und dadurch entstehen weitere Einflüsse besonderer Art. Das Stampfen und Rollen, das den Dampfschiffen die bekannte unheilvolle Gewalt über ihre Insassen verleiht, findet thatsächlich, wenn auch in geringer Schwingungs- große, sein Ebenbild in dem Verhalten der Luxuswagen der inter- nationalen Schnellzüge. Wenn nun unglücklicherweise das Mittag- essen gerade in eine Zeit fällt, wo der Zug einen besonders schwierigen Teil seiner Strecke zurückzulegen hat, so werden manche Passagiere sich bald genötigt sehen, einen andern Beistand zu verlangen als den des Kellners. Eine gewisse Erfahrung gehört heute fast zu jeder Fort- bewegung. Alan muß ebensogut wissen, wie man am besten der See- krankheit vorbeugen kann< wie man gelernt haben muß, wie man seine Gesundheit in einem Schnellzug auf möglichster Höhe erhält oder wie man auf einen schnellfahrenden Omnibus gelangt usw. Daß alle Arten des Reifens ermüdend wirken, geht hervor aus der allgemeinen Neigung zum Schlaf in den Eisenbahnwagen, und auch die sprichwörtlich gewordene Schläfrigkeit der Fuhrleute auf dem Lande ist vielleicht weniger darauf zurückzuführen, daß sie früh auf- stehen müssen und oft bis in die Nacht beschäftigt sind, als darauf, daß ihre Muskeln durch die fortgesetzte Anstrengung, die Stöße auf schlechten Wagen und Wegen möglichst aufzufangen, in dauernder Thätigkeit erhalten werden und dementsprechend ermüden, lieber- Haupt giebt es ja in keiner Lebenslage soviel verschiedene Gewohn- heiten als beim Reisen in irgend einer Form. Der eine kann nur vorwärts sitzen, andre können überhaupt nicht mit der Eisenbahn fahren, noch andre bekommen eine Anwandlung von Schwäche bei schneller Fahrt, und manche Leute werden thatsächlich krank, wenn sie nicht beim Reisen ihre Gewohnheiten berücksichtigen können. Die Annahme liegt nahe, daß bei langen Fahrten, namentlich auf der Eisenbahn, das schnelle Vorübergleiten der Gegenstände draußen auf die Augenmuskeln eine besondere Wirkung ausübt und dadurch zum Gefühl der Ermüdung, zu Köpfschmerzen und Schwindel führt. Diese Auffassung würde auch die Thatsache erklären, daß oft schon durch Schließen der Augen Erleichterung verspürt wird oder auch durch Abblenden der Fenster oder durch bloßes Vermeiden des Hinaus- schauens. Eine gute Lektüre, zu der aber in diesem Fall nicht nur ein interessanter Inhalt, sondern auch eine klare Druckschrift ge- hört, kann zur Ablenkung und Beruhigung gute Dienste leisten. Ganz aufgeklärt sind die Ursachen der Seekrankheit und ebenso der Eisen- bahnkrankheit durchaus noch nicht. Man hat vermutet, daß durch die Bewegungen eines Schiffes oder eines Eisenbahnwagens das Gleich- gewicht im Blutkreislauf gestört wird, ebenso wie ein Quecksilber- barometer auf einem Schiff mit dessen Rollen und Stampfen plötzlich steigt und fällt. Dadurch würden die Nerven und die Eingeweide mittelbar beeinflußt werden, aber letztere werden wohl auch direkt in Mitleidenschaft gezogen.— Naturwissenschaftliches. — Neuere Untersuchungen über Blitzschläge in Bäume. Ueber dieses Thema sprach Dr. Brick in der letzten Sitzung des„Naturwissenschaftlichen Vereins" in Hamburg. Einem Bericht des„Hamburger Correspondcnt" entnehmen wir das Fol- gende� Anknüpfend an einen im Sachsenwaldc zwischen der Grander Chaussee und dem Kesselburger Wege im August vorigen Jahres beobachteten Blitzschlag in zwei 8 Meter von einander entfernt stehende Rotbuchen, von denen die eine unter Abschälung ihrer Rinde der ganzen Länge nach aufgespalten, die andre, deren Stamm drei eigenartige Blitzspuren aufweist, in 4,2 Meter Höhe abgebrochen und zersplittert wurde, schildert der Vortragende zu- nächst die verschieden-» äußerlich sichtbaren Blitzschäden an Bäu- mcn, wie sie durch starke elektrische Entladungen hervorgerufen werden. Es wird entweder ein verschieden breiter Rindenstreifen gerade oder in weiter Spirale von dem Stamm, der Holzfaser folgend, los- gelöst z. B. bei Pappel, Eiche, Ulme usw., oder der Blitzschlag ent- rindet den ganzen Bauni, z. B. bei Buche, oder er zerreißt den Stamm in größere und kleinere, bielfach brettartigc Splitter, die oft weit fortgeschleudert werden. Schließlich ist auch bei Rotbuche be- vbachtet worden, daß der Blitz den Baum in horizontaler Röhre bis zum Kern durchbohrt und dann senkrecht hinunter z"m Wurzel- stock geht. Auch ganze Gruppen von Bäumen können in einem Be- stände vom Blitz getroffen und durch Tötung der Rinde zum Ab- sterben gebracht werden; zuweilen sterben die äußeren Bäume erst nach längerer Zeit. Wird die Rinde nur streifenweise abgeworfen, so verheilt die Wunde durch Uebcrwallung in einigen Jahren. Ein Verkohlen oder Verbrennen eines lebenden Baumes findet nie statt, wohl aber kann Entzündung trocknen, dürren Holzes oder kern- fauler Stämme eintreten. Cohn nahm an, daß nach Durchbrechung der Rinde der Haupt- ström in die gut leitende, sehr wasserhaltige Cambiumschicht geht, und daß ihre Flüssigkeit in Dampf verwandelt wird, der die Rinde in Fetzen oder Streifen abwirft oder den Baum explosionsartig zcr- Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlin.— Druck und Verlag: schmettert. Colladon machte dagegen darauf aufmerksam, daß für die einzelnen Baumarten eine charakteristische Art besteht, wie sie vom Blitz getroffen werden. Jonesco fand, daß das Holz der stärkehaltigen Bäume, wie Eiche, Pappel, Ulme und Hasel, die Eick« trizität besser leite als das Holz derjenigen Bäume, die einen Ocl- oder Fettgehalt aufweisen, wie Buche, Wallnuß und Birke. Daher stammt anscheinend auch die durch die statistische Aufnahme in mehreren Ländern bestätigte Tatsache, daß Eichen und Pappeln am meisten, Kiefern sehr oft, dagegen Rotbuchen selten vom Blitz ge- troffen werden und äußerliche Blitzspurcn zeigen. In neuerer Zeit zeigte jedoch Hartig, daß außer den äußerlich sichtbaren Blitz- schaden auch sehr häufig innere Blitzschäden an den verschiedensten Bäumen vorkommen und daß die genannten Baumarten nur des- halb häufiger getroffen werden, weil sie die höchsten der Gegend sind. Schwächere Blitzschläge verlaufen in der Baumrinde entweder in einer engen Spur, oder sie töten einzelne isolierte rundliche, läng- liche oder zickzackförmige Partien oder breite Lappen der Rinde ab. Die getöteten Partien werden von der gesunden Rinde dann durch einen Korkmantel abgeschlossen. Es bilden sich ferner innere Uebcrwallungen, und bei Nadelhölzern entstehen pathologische Harz- kanalbildungcn, so bei der Wcißtanne, bei der normalerweise Harz- kanäle im Holze nicht vorkommen. Alle diese Erscheinungen sind äußerlich wenig oder garnicht sichtbar. Humoristisches. — Auch ein V e r g i ß m e i n n i cht.„Du, Pepi, warum schaust Du denn in einemfort das Schwein! an?" „Ja weißt D','s Schweiferl von dem schaut aus wie ein 8, und da muß ich halt immer an mein' Lebastiau denken!"— — Neues Wort.„Hat sich Ihre Frau schon für ein Bad entschlossen?" „Noch nicht— sie ohnmachtelt vorläufig noch so herum!"— — Aus der Schule. Lehrer:„Wir kommen jetzt zu den „Empfindungswörtern". Kann einer von Euch ein's nennen?" Der kleine Moritz:„Waih geschrie'n!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Erich Ziegel, früher am Berliner Schillerthcater, ist auf fünf Jahre an das Wiener Burgtheater engagiert ivorden.— — Eine Ausstellung von Sitzmöbeln wird im September und Oktober im Lichthofe des Kunstgewerbe- m u s e u in s veranstaltet. Die Ausstellung soll sich von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart erstrecken und besonders die Ent- ivickelungsgeschichte der einzelnen Möbeltypen dieser Gattung(Schemel, Stuhl, Sessel, Bank, Sofa 2C.) veranschaulichen.— — Ans dem engeren Wettbewerb für ein Plakat der Bayerischen Jubiläums- Aus st ellung Nürnberg 1906 ging die Arbeit des Münchener Malers A. Weitzgerber siegreich hervor.— — In Lillehammer am Mjösensce(Norwegen) ist kürzlich ein F r e i l u f t- M u s e u m eröffnet worden, das eine Anzahl alter- tümlicher Bauernhäuser enthält. Wie alle Freiluft-Museen enthalten auch diese Bauernhäuser und sonstigen altertümlichen Gebäude, wie Vorratshäuser. Kleiderkammern usw., ihre vollständige, originale Einrichtung, so daß jedes einzelne Gebäude ein kleines Museum für sich darstellt und einen genauen Einblick in die Lebensweise der Bauern früherer Jahrhunderte gewährt. Die Einrichtungen dieser Wohnungen sind zum Teil ebenso eigenartig wie wertvoll, da sie Handarbeit der Bauern selbst darstellen. Das Museum von Lille- Hammer umfaßt überwiegend Gebäude und Gegenstände aus dem Gudbrandsthal.— — Der kürzlich gegründete Verein zur Förderung der wissen- slchaftlichen Erforschung des Adriatischen MeereS hat seine Thätigkeit mit systematischen Fischereifahrten zwischen Grado und Punta Salvore begonnen, um das Meeresprofil zwischen diesen Punkten in biologischer und oceanographischer Beziehung zu durchforschen. Wissenschaftlicher Leiter ist der Professor der Prager deutschen Universität und Vorstand der k. k. Zoologischen Station in Trieft, Dr. Karl Cori.— — Der vom Verein deutscher Eisenbahn- Verwaltungen aus- gesetzte erste Preis zu 30(30 Mark für litterarische Arbeiten auf dem Eisenbahngebiet ist dem bayrischen Eisenbahn-Assessor in Eger. Dr. Heinrich Uebelacker für seine Abhandlung:„Untersuchungen über die Bewegung von Lokomosiven mit Drehgestellen in Bahnkrümmungen" zuerkannt worden.— c. Ein chinesischer Münchhausen. Ein chinesischer Diplomat erzählte folgendes Geschichtchen. Er hatte drei Hunde. Als er eines Abends heimkam, fand er sie auf seinem Lager ans Teakholz und Marmor schlafen. Er trieb sie herunter und prügelte sie. Als er am nächsten Abend nach Hause kam, lagen die Hunde auf dem Fuß- boden. Als er aber mit der Hand auf daS Lager faßte, fand er eS noch warm von ihren Körpern, so daß er sie wieder durchprügelte. Am dritten Abend kehrte er uoch früher als gewöhnlich zurück und siehe da— die Hunde saßen vor dem Lager und pusteten darüber hin, um es abzukühlen... Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LeCo., Berlin ZW.