AnterhaltMgsblatt des Horivärts Nr. 133. Dienstag, den 12. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) Mi Im Vaterkaufe. Socialer Roman von Minna Kautsky. Jensen war mehr Romantiker und Künstler als Socialist und Politiker. Er hatte sich über die Dreistigkeit des Arbeiters geärgert, der über Dinge sprach, die er nicht verstehen konnte; bald faßte er Interesse für ihn. Fritz besaß doch für seinen geringei? Bildungsgrad eine bedeutende Intelligenz und eine rasche Auffassung. Bei verschiedenen Anlässen hatte er eine Feinfühligkeit bewiesen, die Jensen noch mehr verblüffte. Er suchte ihn auf, schloß sich ihm an. Einen Einblick in die Kämpfe dieser Klasse zu erhalten, die eine historische Bedeutung gewann, erschien ihm ebenso wichtig als interessant. Fritz hatte alles Mißtrauen abgelegt, kam ihm mit Offenheit entgegen. Jensens Persönlichkeit nahm auch sofort für ihn ein. Er war von Mittelgröße, überschlank, elegant und zierlich gebaut. Seine dunklen, interessanten Augen, die alles zu verstehen schienen, hatten zugleich einen so warmen Blick, daß man schwer von ihnen los kann, lieber den breiten Mund mit ungewöhnlich schmalen Lippen, init subtilem Ans- druck, zeichnete sich ein kurzgehaltenes schwarzes Bärtchen, dünn, wie ein Strich. Auch das Haar dieses Nordländers war dunkel, gegen die Schläfen zu etwas gelockt.» Er kam hoch aus dem Norden und hatte das Aussehen eines Südländers und eine südliche Lebendigkeit und Neugier. Er wollte alles wissen, alles kennen lernen, alles für Wien Typische studieren. Fragen und Antworten folgten zwischen ihnen schnell aufeinander. Fritz mahnte, es wäre Zeit, sich in den Saal zu begeben, wenn sie noch Platz finden wollten. „Unsre Wahlversammlungen sind stark besucht," sagte er. >,Die Anti halten allerdings noch größere und besuchtere ab — in den Kirchen." Sic begaben sich durch die enge Thür an dem Schanktisch vorbei in den geräumigen aber häßlich nüchternen Saal des «Großen Christoph". ll8. Kapitel. Als Elise am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war es heller Tag. Hatte sie so lange geschlafen?— Sie hatte so viel geträumt. Die Erregungen des gestrigen Abends wirkten nach und Fritz spielte in verschiedenen Gestalten in ihre Träume hinein. Bald war's der alte Fritzl, der bei Schönbrunner arbeitete, von der Arbeit geschwärzt, bald der neue, wie sie ihn gestern kennen gelernt. Sie wandelte im Traum mit ihm, Seite an Seite, einen Weg, der sich in einer unabsehbaren Perspektive dahin zog. Plötzlich hatte er sie an der Hand genommen, gar behutsam, nur mit den Fingerspitzen, und flüsterte ihr zu:„Willst Du nicht meine Frau sehen?" Sie standen in einem halb verdunkelten Räume still. ».Das ist mein Heim," sagte er zu ihr,„meine Frau schläft, auch das Kind." Unwillkürlich wandte sie den Blick nach der tiefen Ecke, in der ein Bett stand. Sie sah viel weißes Linnen und sagte nichts. Er lachte und schob sie näher. Sie fühlte sich erschöpft, die Glieder thaten ihr weh', es schien ihr, als hätte sie abermals einen weiten Weg zurückgelegt und war doch dem Bett nicht so nahe gekommen, um die darin liegende Gestalt zu erkennen. „Ich kann sie nicht sehen," murmelte sie.„Du mußt die Augen besser aufmachen," gebot er. Da riß sie sie auf: «Gusti!" rief sie. Sie erwachte. Es war Tag, sie lag in ihrem Bette. Sie sah sich um. Gusti stahl sich soeben von demselben hinweg. Sie hatte sich wohl vorhin über sie gebeugt. Sie schlich zur Schwester, die noch im Morgenkleid, das Haar gelöst, am - Fenster saß. Elise wandte sich auf die andre Seite. Die Müdigkeit, die sie im Traum empfunden, lag in bleierner Schwere in ihren Gliedern, sie schloß aufs neue die Augen. Die Schwestern plauderten leise miteinander. „Du kennst ihn nicht!" rief Luise plötzlich etwas leb- hafter aus. „Und Du kennst ihn?" fragte Gusti spöttisch. „Reich hat mir viel von seiner Jugend erzählt, von seinen Kämpfen, während wir durch die stillen Straßen dahin gingen." „Dahin liefen, solltest Du besser sagen, man konnte Euch gar nicht einholen." Die Thür öffnete sich, Witte trat herein, vollständig an- gekleidet. „Was ist's, meine Damen, wird heute nicht gefrühstückt?" fragte er laut und munter. „Pst!" machte Gusti.„Die Mutter schläft noch." Er dämpfte sofort seine Stimme:„Das ist gescheit, sie hat uns wohl gar nicht kommen gehört— es war drei Uhr." „Es war furchtbar spät, Papa." „Die Zeit ist Euch trotzdem nicht lang geworden, wie?" Er war zu den Mädchen getreten und nun wisperten sie alle drei eifrig miteinander. „Na also, jetzt habt Ihr auch einmal bei Sacher gespeist, mit fürstlicher Bedienung, wie war Euch denn da?" „Hast Du gesehen, wie tief sich die Kellner beim Fort- gehen vor uns verneigtet?, es war zu komisch," kicherte Gusti. Elise machte eme Bewegung.„Was man doch für närrisches Zeug'zusammen träumen kann," dachte sie, und wieder riß sie die Augen auf, aber das Bild schwand nicht, sie wußte jetzt bestimmt, daß sie wach war.„Gustav!" rief sie. Mann und Kinder waren im nächsten Attgenblick an ihrer Seite. Alle redeten gleichzeitig in sie hinein, fragten nach ihrein Befinden und erzählten hierauf, was ein köstlicher Zufall ihnen bescheert hatte. Tini hatte die Loge, die sie ihnen geschenkt, von Herrn Brandt erhalten. Als Herr Ferdinand Brandt sie in derselben bemerkte, war er im Zwischenakt heraufgekommen, u?n sie zu begrüßen. „Der Mann war ganz entzückt, mich wieder zu sehen," versicherte Witte,„er hatte seinen Vater mitgebracht, den er mir vorstellte, ein lustiger alter Herr. Es dauerte nicht lange, so war auch Reich in der Loge und nun waren wir der Ziel- Punkt für alle Operngläser des Hauses." „Ist das derselbe Herr Reich, der sich so unartig gegen Dich benommen hat, Eristav?" fragte Elise. „Gott weiß, was der dainals hatte, gestern war er von einer Liebenswürdigkeit gegen mich, ich möchte sagen Herzlich- kcit, einfach bezauberi?d. Den Mädchen machte er i?ur eine Verbeugung, er hielt sich an mich. Das muß man sagen, er ist Kavalier, vom Wirbel bis zur Zehe, überhaupt alle durch die Bank— echte Kavaliere. Ich versichere Dich, Elise, es hat mir wohl getha??, mich wieder einmal unter vornehmen Leuten zu finden." Er begann auf und ab zu gehen, sich vergnügt die Hände reibend. Sein Schritt war leicht und elastisch, wie der eines Jünglings und seine Augen glänzten. „Zum Teufel auch, man ist ja kein Schuster," rief er lustig,„man besitzt noch den Ton der feinen Gesellschaft, man fühlt sich in ihr zu Hause.— Sie ließen mich auch nicht mehr los. Wir sollten mit ihnen soupieren, Tinis Debüt mußte gefeiert werden.— Ich sperrte mich gewaltig... aber da Tini nur unter der Bedingung annehmen durfte, wenn wir dabei waren, konnte ich schließlich nicht nein sagen." Elise schüttelte mißbilligend den Kopf. „Bei Sacher zu soupieren finde ich für unsre Mädchen nicht passend." „Aber was glaubst Du denn, die feinste Gesellschaft findet sich dort zusammen." „Auch die leichtfertigste." Davor waren wir sicher— wir blieben ganz unter uns — charnbre söparöe," sagte er mit jener fröhlichen Naivetät, die zu Harmlos ist, um nicht einfältig zu sein.„Es war famos, Lisi— das Essen exquisit und der Wein—". Er warf sich mit Vehemenz auf das Sofa, daß die verbogenen Federn knirschten.„Merkwürdig," ich habe doch ziemlich viel ge- trunken und weder Betäubung noch Kopfweh— gar nichts—■ muß ein vorzüglicher Champagner gewesen sein.-- Euch Mädeln hat er auch nicht geschadet, wie?" �„Im Gegenteil, ich bin so munter ivie nur je," versicherte Austi;„ich möchte gleich wieder von vorn anfangen." „Schaut mir den kleinen Lumpen an," scherzte der Vater. ,,Das möchte Dir also behagen?" „Das will ich nicht hoffen," sagte die Mutter, während sie aus Gustis Händen die Tasse entgegennahm. „Keine Angst, mein Kaffee bei Dir, Mutti, ist und bleibt mir das Allerliebste auf der ganzen Welt." Der Vater lachte. Luise war indeß von der andern Seite an das Bett ge- treten; sie umschlang die Mutter, preßte ihre rosigen Wangen an ihre blassen und schmeichelnd bat sie: „Sei uns nicht böse, es war so neu für uns, so schön." Als die Mädchen die Stube verlassen hatten, um Vaters Schlafzimmer aufzuräumen, setzte sich Witte an das Bett -seiner Frau und forschte teilnahmsvoll nach ihrem Befinden. „Nur recht ruhig sein, schone Dich, bleibe im Bett, in einigen Tagen ist es wieder vorüber. Um die Toiletten der Mädchen will ich mich selbst bekümmern, sie müssen natürlich in Weiß erscheinen." Und auf den überraschten Blick seiner Frau sagte er: �„Ich Hab' mit dem Möbelhändler gesprochen, er nimmt den Bücherschrank mit 6t) Gulden." Ein Seufzer antwortete ihm. Er zuckte die Achseln:„Es thut mir ja auch ieid, um das alte Erbstück, aber wenn sich's um Wichtiges handelt, sind kleinliche Bedenken nicht am Platze. Wenn ich die Mädchen in die Gesellschaft einführe, müssen sie sich auch elegant präsentieren." „In welche Gesellschaft willst Du sie einführen?" „In die gute, selbstverständlich." „Du wirst sie doch nicht weiter mit diesen Lebemännekn zusammenbringen, um Orgien zu feiern?" Die Gereiztheit dieses Ausfalles, der- absprechende Ton verletzte ihn. „Wie kannst Du so reden... mit Lebemännern zu- sammenbringen... Orgien feiern... na, hörst Du, Lisi, das ist aber stark... Ich habe sie doch nicht zusammen- gebracht! Ter Zufall hat es so gefügt— sollte ich eine so respektvolle Einladung refusieren? Fürchtest Du um die Kinder, wenn sie bei ihrem Vater sind? Uebrigens beruhige Dich, das war einmal und dieses eine Mal war es schicklich, es wird nicht wieder geschehen." Er stand auf, ging einige Male auf und ab, stellte sich dann wieder zu ihr ans Bett und sagte mit sanfter Würde:„Wir werden künftighin im Hause der Familie Brandt selbst verkehren, sie zählt zu den vor- nehmsten in Wien, das dürfte Dir doch genügen." Er schielte nach seiner Frau und als sie schwieg, hielt er nicht länger an sich; in stolzer Befriedigung, mit glänzenden Augen, er- zählte er, daß Baron Brandt ihn für morgen zum Lunch geladen, künftigen Sonnabend aber seien sie alle zu Ferdinand Brandt für den Abend gebeten. „Er besitzt ein Bild meines Vaters, ich soll es mir an- sehen. Er ist ein bekannter Mäcen und will mich bei dieser Gelegenheit mit einigen Koryphäen' der Kunst bekannt machen. Er meinte, es ließe sich vielleicht eine Witte- ausstellnng im Künstlerhause durchsetzen— das wäre doch großartig... unsre Bilder könnten ihr als verkäuflich eiu- gereiht werden.— Denk' Dir, Elise, wenn wir auf diese Weise einen anständigen Preis erzielten, das müßte Dir doch auch erwünscht sein, oder nicht?" Elise änderte nicht den absprechenden Ausdruck in ihrem Gesichte. „Ich sehe nicht ein, was die Kinder dabei zu thun habcu." „Die Kinder, Du siehst noch immer die Kinder in ihnen, das sind heute junge Damen— sie gehören in die Welt, sie müssen gesehen werden." „In dieser Welt? Was sollen sie dort?" „Ich weiß nicht, welche falsche Vorstellungen Du Dir davon machst. Du kennst sie nicht, diese Welt." „Du ebensowenig." Witte sah beleidigt aus, aber er behielt seine Vornehm- ffeit:„Mein Vater war Akademieprofessor, er gehörte zu dieser Welt,— ich bin dafür erzogen worden und ich habe auch meine Töchter dafür erzogen." Er setzte sich wieder an ihr Bett und mitteilsam, voll heiterer Zuversicht, suchte er sie zu überreden, daß das Glück ihnen nahe sei. (Fortsetzung folgt.)! Die erlte Ausstellung des deutschen Künstlerbundes in München. Es ist noch nicht lange Her, da Hörte man zum erstenmal von der neuen Vereinigung: Der deutsche Künstlerbund. Dieser stellt im Grunde weiter nichts dar, als eine erweiterte Zusammenfassung aller örtlichen Secessionen, die in München, Berlin, Dresden und andren Städten bestehen. Bei dieser Gelegenheit wird zugleich der Rahmen der Mitgliedschaft zu erweitern gesucht, indem die Künstler, die bis dahin noch nicht der Secession augehörten, aus irgend welchen lokalen Gründen vielleicht, dem Künstlerbund als dem größeren Zusammenhang sich anschließen. Die Initiative ging von Weimar aus und fand in Berlin und München, den beiden Städten, die in Bezug auf Kunst rivalisieren, günstigen Boden. Es soll ein um-- fassender Zusammenhang der Künstler geschaffen werden, die aus irgend einem Grunde zu den Gesamtbestrebungen der Secession zu-- stimmende Beziehungen haben. Dieser Künstlerbund will dann ab-- wechselnd in den größeren Städten Ausstellungen veranstalten, es soll eine Centrale da sein, die die Unternehmungen der kleineren Verbände regelt und sammelt. Ein solches Vorgehen lag in der Lust. Es war vorauszusehen, daß einmal die Secessionen es müde werden würden, immerzu als Opposition zu gelten. Sie glauben jetzt so weit ihre Berechtigung er-- wiesen zu haben, daß sie nicht als Umstürzler oder jugendliche Neuerer mehr angesehen werden wollen. So sammeln sie ihre An-- Hänger und bilden einen festen Zusammenhalt, der nichts andres bedeutet, als— zu erweisen, daß die Ideen, denen die Secession huldigt, die Geltung für die Zukunft beanspruchen können. Sie wollen durch ihren Zusammenschluß erreichen, daß sie noch einmal ermunternd geschlossen vorgehen, um sich an die Stelle der offiziell geltenden Kunstausstellungen zu setzen. Was bisher einzeln, in ver-- schiedenen Städten war, soll nunmehr sich sammeln, um init größerem Nachdruck weiterzuarbeiten. Es soll gezeigt werden, daß über ganz Deutschland hin diese Bestrebungen sich regen. Damit würden der Sache gute Dienste geleistet. Denn bislang glaubte man viel- leicht noch, einzelnen Regungen lokaler Art gegenüberzustehen, die man ignorieren konnte. Nun mit einem Male enthüllt sich eine Einheit, die viel überzeugender und dauernder wirkt. Die lokalen Verbände sollen damit nicht überflüssig gemacht werden. Innerhalb ihrer Grenzen bleibt ihnen noch genug vorbehalten. Nur wenn es nötig ist, gemeinsam zu handeln, soll eine Centrale da sein, die die Leitung übernimmt. Es ist damit etwas ganz neues geschaffen, das der Zeit socialer Zusammenschlüsse entspricht. Damit kommt in die Veranstaltungen, Kunstausstellungen der Secessionen und des Künstler- bundes ein Zusammenhang, der bis dahin ähnlichen Veranstaltungen fehlte, so daß das Publikum immer eigentlich dem Zufall glauben mußte, falls die betreffende Ausstellung eine internationale war, und wenn sie nur lokal war, immer wieder dasselbe in Variation zu seh eil b ekain. Freilich muß die Leitling sich hüten, zu einseitig vorzugehen. Die Grenzen dürfen nicht nach den jeweiligen Wünschen des Komitees gezogen loerden. Es muß immer genug Spielraum ge- lassen loerden, daß nie eine Stagnation eintritt. In dem Falle er- weist der Bund sich sofort als überflüssig, ja als schädlich. Es ist aber das Eintreten eines solchen Falles nicht zu befürchten. Denn die lokalen Verbände, aus denen der Bund sich rekrutiert, werden immer für Erneuerung sorgen müssen. Was der Küiistlerbund mit diesem Vorgehen erreicht, läßt sich leicht übersehen. Er stärkt das Ansehen der Mitglieder, denen er zu erhöhter, künstlerischer Geltung verhilft. Es wird für die Zukunft nicht gut niehr möglich sein, bei offiziellen Gelegen- heiten, wo es sich um Aufträge haiidelt, die Secessioilisten einfach zu umgehen. Dem Ausland gegenüber ist eine einheitliche Vertretung ermöglicht. Während früher die Ausstellungen der lokalen Secessionen vielleicht zu lehrhaft und monoton waren, wird mm die Möglichkeit da sein, das Niveau vielseitiger zu gestalten. Es werden sich alle die Keime entwickeln, die in den abseits gelegenen Städten sich regen. Und indem dem Ganzen, dem deutschen Künstlerbund, der Charakter der bloß lokalen Opposition gegen ältere Verbände ge- nommen wird— eine Pflicht, die die lokalen Secessionen zu erfüllen haben— ist die Möglichkeit gegeben zu einem energischen Vorstoß int ganzen, da mm dem Vorgehen das nur Momentane, Lokale nicht mehr anhaftet, das nur für eine einzelne Gruppe Vor- teile Ivill, sondern es sich um ein Großes, Ganzes handelt. Dieser Weg war vorgezeichnet. Wollten die jungen Künstler nicht sich selbst in ihrer Entwicklung hinderlich werden, so mutzten sie dieser höheren Idee zusteuern, die für sie zugleich ein neues Macht- mittel bedeutet. Es ist für sie zugleich eine Existenzfrage. Denn von dem Moment des Zusammenschlusies an stehen ihnen.ganz andre Mittel zu Gebote, während die siühercn Vorteile ihnen nicht verloren gehen. Ein Rückhalt im Ganzen ist nie zum Schaden. Und gerade in künstlerischen Fragen ist er von hoher Bedeutung, da er dem Streben eine Gemeinsamkeit giebt, die, trotzdem dem Einzelnen und den einzelnen lokalen Verbäitden Selbständigkeit und Individualisierung gewahrt bleibt und bleiben muß, der Eni- Wicklung nur vorteilhaft sein kann. » München, Berlin, Dresden, Karlsruhe, Stuttgart, Frankfurt a. M.. Weimar, Breslau, Düsseldorf, Wien, Leipzig, Worpswede, Prag sind vertreten. Im ganzen stnd es nur 177 Bilder, 25 plastische, 80 graphische Arbeiten. Ein absichtliches Beschränken auf kleinstem Räume, das bei der sonst üblichen Ueberfülle von vornherein günstig stimmt. Dieser Ueber- zeugung must der Künstlerbund dauernd treu bleiben: dag das Wenige sich besser präsentiert als der Ueberflutzund daß das Gefühl des Wenigen, Guten die Empfindungsfähigkeit für künstlerische Werte nur erhöht. Die einzige bauliche Neuerung besteht darin, daß der bis dahin sehr ungünstige, stieftuütterlich behandelte Saal der Plastiken ausgebaut wurde, mit Oberlicht versehen und weiß getüncht ist, so daß der Stein der Slawen sich leicht von diesem Hintergrund und in voller Beleuchtung abhebt. Dieser Saal schafft auch durch seine von den andren Zimmern abstehende, hellere Veleuchwng und den weißen Ton der Wände eine wohlthuende Abwechslung. Und ohne irgend ein Gefühl der Ermüdung wandelt man durch diese wenigen Säle, in denen alles mit Raumverschwendung gehängt ist und keine Ueberfülle stört. Der schniale Flur, in dem graphische Arbeiten hängen, ist auf der einen Längsseite durch kleine Kojen erweitert, so daß jetzt die Möglichkeit gegeben ist, in diesem schmalen Gang zurück- zutreten und die Arbeiten wirklich betrachten zu können. Von dem Präsidenten des Bundes Kalckreuth hängt gleich im ersten Saal eine große Landschaft, die in ihrem großen Strich, in ihrer durch nichts Kleinliches getrübten Einheitlichkeit, in ihrer empfindungsfeinen Art die günstigsten Erwartungen erweckt. Auf gleicher Höhe steht das Porträt eines am Boden hockenden Knaben, der aufhorchend plötzlich den Kopf nach oben hebt. Heine ist mit einem großen, satirischen Stück„Der Kampf mit dem Drachen" ver- treten, in breitflächig, dekorativer Manier gemalt, das in kleinerem Umfang wohl feiner wirken würde. Ein Mann im Narrenkostiim mit Schellenkappe tötet den grimmen Drachen, der sich zu Füßen einer Schönen krümmt, und tritt nun nach dieser That mit tiefer Verbeugung zu der steif und zurückhaltend- anmaßend ihn erwartenden Dame, der er die zögernd und herablassend gereichte Hand küßt. Ein andres Bild„Vestalin" verspottet die künstliche und ungesunde Eni- haltsamkeit, die den Teufel gern bei sich aufninimt, jedoch sich vor allen kompromittierenden Folgen anständig wehrt. Auch eine Plastik steuert Heine bei, einen phantastischen Teufel in Bronze, mit winzig kleinem Kopf, dünner Brust, riesigen, breiten Hufen und plumpen Händen nebst dickem Bauch, ein grinsendes Ungeheuer, das einen im Traum verfolgen könnte. Ein feines Bild von Block„Der Träumer" stellt einen jungen Mann auf dem Sofa sitzend dar, der das Buch sinken läßt und vor sich hinsieht. Dreydorff giebt eins seiner stillen, farbig so gewählt durchgeführten Interieurs, mit denen er auf sänitlichcn Ausstellungen vertreten ist. H ä n i s ch s„Juli" stellt eine kräftig hingestrichene, frische Landschaft in heller Sounenbcleuchtung dar. Die„Landschaft am Bodensee" von Kaiser zeichnet sich durch die Größe der Auffassung, durch die weiten Linien des Räumlichen vorzüglich aus. Noch ist aus dem ersten Saal ein stimmungsvolles Interieur mit zwei Personen zu erwähnen, daS sich durch die feine dunkelgrüne Beleuchtung ans- zeichnet, die hervorgerufen wird durch das Licht, das durch grüne Vorhänge strömt. Es ist von Winternitz. Hans Borchardt, Strobentz und N i ß l gehören insofern zusammen, als sie alle drei feine Bildchen in kleinem Umfange geben, in denen ohne jede Prätension die Farben so delikat gemischt werden,— an Stühlen, Sofas, seidenen Kleidern sehen wir es—, daß wir an die besten Holländer erinnert werden. Hier hängt auch Slevogts brillanter „Andrade als Don Juan" sin der Komthurscene), in dem er wiederum seine treffsichere Charakteristik, seinen schnellen Blick in der Erfaffung der monrentanen Bewegung sowie sein leb- Haft vibrierendes Farbengeftihl beweist. Otto Sohn-Rethel giebtPastellzeichnunngen von holländischen Bauern und Holländerinnen, die, obwohl hart in Zeichnung und Farbe, doch von eignem Sehen und Können zeugen. Die„Spanische Tänzerin""'von Stuck ist ebenso gewaltsam übertrieben, wie fast alle neueren Arbeiten dieses begabten Malers, der seine Fähigkeiten dazu benutzt, sie ohne viel Ueberlegung zu vergeuden. Das Kinderbild„Die Gratulantin" ist mißglückt. Die„Susanne im Bade" hat feine koloristische Momente kein blaues Tirch gegen den nackten Körper, der in grünlichem Wasser steht), doch zeigt dies Bild ebenso Entgleisungen und Oberflächlich- leiten.„Olga", ein Fraucnbildnis, blondhaarig, mit feinem blauen Stinrgchängc, ist Lenbach nachempfunden. Thomas Bilder „Paradies",„Eine alte Geschichte" zeigen den schönen, intimen, gelb- lich warmen Ton, der den Werken Thomas so gut steht. DaS zeichnerische und malerische Ungeschick, das man an ihm rügte, gehört zu ihm wie seine warme Empfindung. Auch Uh de bcihätigt in einem Bilde«Im Garten" seine alte Art, die Farben lebendig im Freien leuchten zu lassen. Eine Landschaft in Wind und Sonne von T o o b y entzückt durch ihren feineu, weichen, breiten Ton. T r ü b n e r giebt einige seiner schon bekannten Reiterporträts und Porttäts im Freien, die in wuchtigen Strichen wie hingehauen sich ausnehmen. Die Worps- weder Overbeck. Bog est er, Modersohn sind nicht allzu günstig vertteten. Der„Verkündigung" von Vogeler mangelt es an Farbigkeit und der Stimmungsgchalt wirkt nicht suggestiv. Am besten wirkt noch Overbeck mit einer großen Landschaft„Korn- felder", die in breitem Schwünge die Weite des Horizonts ahnen lassen. Eine Landschaft, die wohl an Tiefe der Auffassung wie an Feinheit der Ausführung mit zu dem Besten gehört. was� hier zu lehcn ist, bietet L e i st i k o w. Einfache, schlichte Hänge, wie sie in der Mark oft zu treffen sind: mageres Gras auf sandigem Ge- lände; dazu ein paar ärmliche Häuser in feinem, stumpfem Licht. Mit drei bekannten Bildern.Papageienallee",„Wirtshausgarten", „Reiter am Sttande" beweist Liebe« mann wieder trefflich seine zielsichere Ueberlegenheit. Hier ist jeder Sttich bewußt gethan und doch dient es nur dem Künstlerischen. Wie zitternd, fein ist die Luft in dem„Wirtshausgarten" I Wie flüssig der Ton in dem Meerbild. Eine große Begabung im Dienste einer hohen Intelligenz. Ton- schöne Landschaften bietet Toni Stadler; die stille Wärme des Lichts über weiten Wiesen. Durch eine Reihe von Zeichnungen überrascht K l i n g e r mehr als er erfreut. Es ist vieles hart in seinen Arbeiten, wenn man auch die überlegene Hand in Einzel- heiten wohl merkt. Die Aquarellstudien„Shringis" sind in ihren sonnig überfluteten Tönen noch am flüssigsten. Nur sollte ein Mann wie Klinger solche Kleinigkeiten, die jeder andre ebenso leistet, nicht ausstellen. Sie schaden ihn?. Den, der ihn kennt, freut das Unbekannte daran. Aber die andern lemen seine Art darin nicht schätzen. Man sieht das ernsthafte Studium wohl. Aber bei einem Klinger giebt man sich doch wohl mit dem einfachen Arbeiten nicht zufrieden. Dill, Brodel, Haider, Kuehl, Steppes, Branden- bürg. Hübner, Breyer, Linde-Walther, Corinth, Diez, Hölze!, L. v. Hofmann, A. v. Keller(Porträt- aufnahmen der Schlaftänzerin Mad. G.), Samberger, Walser, Zwirnt scher sind meist mit schon bekannten Arbeiten vertreten. Unter den plastischen Arbeiten fallen Gauls lebendige, fein modellierte Tierstudien in Bronze auf, Bären, Ziegen, Gänse, Strauße, Schafe. Der große Entwurf eines Löwen ist in Gips ausgestellt. Alex. O p p I e r hat eine ernste Arbeit, den Kopf einer alten„Fischerin aus der Normandie" hier. Mit das Beste giebt H u d I e r in seinem„Träumer", eine prachtvoll lebendige Bronze- figur, wahr und groß in jedem Teile. Bisher konnte es immer noch so scheinen, als befänden sich die Vertreter der offiziellen Kunst in der Mehrheit und die Secessionen, d. h. die jüngeren Künstler, träten dagegen zurück und müßten sich ihre Geltung immer noch erst erkämpfen. Diese Sachlage ändert sich nun. Da der Bund so umfassend die deutschen Kräfte orgäni- sieren will und der Regierung gegenüber seine Unabhängigkeit wahrt, sind ihm die günstigsten Auspicien sicher. Damit ist keine parteiische Stellungnahme für oder gegen verbunden. Solange der Bund diesem Grundsatz treu bleibt, das Gute selbst unparteiisch zu suchen. und aufzunehmen, hat er von vornherein die Sympathien für sich, da er den Weg beschreitet, der vorwärts führt. Wird er diesem Grundsatze untren, giebt er seine nach allen Seiten unabhängige Stellung auf, treibt er eine kleinliche Sondcrpolitik, so verliert er sein Ansehen, entzieht sich selbst den Boden. ES war eine richtige Erwägung, die erste Ausstellung in München zu veranstalten. Damit versichert man sich der dortigen Kräfte, die leicht eifersüchtig aus ihre Stellung sind. Es ist anzu- nehmen, daß die nächste Ausstellung in Berlin sein wird. Da wird man sich davon überzeugen können, wie der Bund sich in dem bis dahin wohl fertiggestellten neuen Gebäude der Berliner Secession ausnimmt. Die Münchener Ausstellung ist in ihrer Ausgeglichenheit und feinen Reserve sehr gut geeignet, den Reigen zu eröffnen. Für den Eingeweihten gab es allerdings wenig Ueberraschungen, und viele Bilder hatte man schon anderswo gesehen. Jedoch— wenn so viele große Ausstellungen zu gleicher Zeit in Deutschland statt- finden, ist es nicht möglich, überall gleich Ueberraschendes zu bieten. Es ist gerade als ein gutes Zeichen zu betrachten, daß der Künstler- bund so begann. Späterhin wird noch Gelegenheit genug gegeben sein, nach allen Richtungen die Kräfte zu sammeln und zu entfalten. Ernst Schur. kleines feiiiUetcrn. — Aus dem Fremdenbuch der Tells-Kapelle. Vom Vierwald- stättersee wird der„Frankfurter Zeitung" geschrieben: Nichts fröh- sicheres, als so ein hellfarbiger Vierwaldstättcr-Dampfer, der bei schönem Sommerwetter durch die blaugrünen Fluten dahinschauselt, mit seinen bunt durcheinander gewürfelten Touristen. Angehörigen aller Nasionen. Spaßig waren mir bei meiner letzten Fahrt nach der Tells-Platte die vielen Deutschen, die längs den Außenseiten der Kabine über die Tische siefgebeugt dasaßen und mit verzweifeltem Eifer ganze Stöße von Ansichtspostkarten an die fernen Lieben niederschrieben„aus der schönen freien Schweiz". Immer unter der kundigen Leisiing BädckerS, verfehlen wenige dieser Fremden. auf der Station Tells-Platte auszusteigen und dort, vor der ver- gitterten Kapelle stehend, mit mehr oder weniger Sachverständnis die patriotischen Stückelberg-Freskcn in Augenschein zu nehmen. Hernach schreibt nian sich unfehlbar in das mächtige Fremdenbuch ein, das gleich dem Evangelienbuch auf einem in der Gittermitte angebrachten Pulte aufgeschlagen daliegt. Derartige Fremdenbücher sind selten ganz uninteressant. Sie offenbaren uns die„Volksseele auf Reisen" oder doch wenigstens die Reiseseele des Mittelstandes. Ich möchte daher nicht unterlassen, ein paar von den neuesten und vielleicht noch nicht edierten kostbaren Aufzeichnungen dieses während der Reisesaison so vielbeschriebcn»n Buche« hierher zu setzen. Von einem soliden patriotischen Gefühl und Verständnis für den schweizerischen National- Helden zeugen die Verse: „güt Völler und für Zelte» Erglänzt.dies Bildnis hell, Und ob Gelehrte streiten: Es lebe unser Tell l" Und ferner: „Heil dir, geweihte Stell'. Wo einst der Meister Tell Dem Geßler, diesem Protzen, Heroisch wagt' zu trotzen." Ueberaus zahlreich sind lakonisch knappe und doch so vielsagende Inschriften wie folgende: „Auf der unvergleichlichen Hochzeitsreise. Im schönen Monat Mai. Oberarzt N." oder noch straffer, strammer und— zugleich voll verhaltener Zärtlichkeit: „Müller und Frauchen Auf Hochzeitsreise." Nur ganz gemütvolle Deutsche können sich so sinnig in Fremden- bllchern verewigen I Wiederum sehr schön heißt eS weiter: „Von fern werde ich Deiner gedenken. Du Land der Freiheit. — Aus Berlin." Und da wagt man noch zu behaupten, die Berliner hätten keine Poesie im Leibe! Angesichts einer solchen Leistung ist es sehr wohl möglich, daß auch folgende anonyme, elegische Einzeichnung von einem Spree-Athener herstamme: „Die herzlichsten Lebewohlgrüße dem schönen Schweizerlande. Möge es gedeihen mit seinem wackeren Völklein. Klein, aber mein, kann jeder Schweizer sagen, und das mit Recht. Lebt wohl, ihr herrlichen Gestade!" Weniger Würde und sittliche Haltung scheint uns dagegen Victor Meyer zu beweisen, wenn er die Aeußerung bucht: „Victor Meyer hat sich sehr wohl gefühlt am 28. Mai a. 6. 1904. Das Schiff kommt bald. Dann lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften. Johanna geht und nie mehr kehrt sie wieder I" Von dem scharfen, um nicht zu sagen, ätzenden norddeutschen Geiste geben uns zwei Rcise-Dokumente wie folgende Zeugnis: „Nasse Beene— Aussicht keene! Dr. B.. Posen." und „Hildebrand, Lieutenant wo— wird nicht gesagt." Damit sei die kleine Blütenlese aus dem Frcmdenvuchgarten der Tellskapelle beendigt— nicht ohne die Anregung zu geben: es möchten solche Sträußchen hin und wieder gepflückt werden, sonst könnte es passiere», daß unsrer deutschen Litteratur ganz wertvolle Erzeugnisse verloren gehen.— gc. Reiseratschliige aus dem vorigen Jahrhundert. Im Jahre 1810 erschien in Salzburg ein Buch von Mathias Oberhöfer, das den Reisenden allerhand gute Ratschläge erteilt, die, wenn sie auch auf die heutige Art des Reifens nicht mehr immer Anwendung finden können, doch ihrer Originalität wegen zum Teil hier Platz finden mögen. Mathias Oberhöfer ist der Meinung, daß nur reisen solle, wer gesund ist und keinerlei Beschwerlichkeiten fürchtet, und fährt dann fort:„Thue recht viel Geld in deinen Beutel, stecke ihn aber nicht in den Sack, sondern hänge ihn lieber an einer feinen Kette um den Hals, wo er sicherer ist vor den Dieben, die um den Reisenden herum sind, wie die Füchse um den Hasen. Suche dir einen „Schwager" aus, der mit guten Pferden reist und der in die Deligence keine Leute nimmt, die mit ihm unter einer Decke stecken, um die Reisenden zu bestehlen. Der Schwager soll auch nüchtern sein, auf daß ihm nichts passieret oder er gar die Deligence umwerfet. Man sehe, ob er eine Schnapsnase hat, das ist immer ein schlechtes Zeichen und verratet seine Unzuverlässigkeit. Nimm mit auf die Reise, was du brauchest: Einen Kamm, eine Bürste, ein klein Spiegelglas, eine Paraplue, einen Stock und etliche Kugclchcn aus der Apotheken, denn man kann nicht wissen, ob man nicht vergiftet wird, um leichter be- raubt zu werden. Auch einen Rosenkranz und ein Gebetbuch nimm mit, denn es ist ein nützlich und erbaulich Ding, zu beten, wenn man nicht schlafen kann oder ein Nachbar dich mit thöricht Worten quälet. Stelle dich gut mit den Reisenden, aber traue ihnen nicht und lasse ja kein Geld sehen, auf daß du nicht bei ihnen die Begier cnt- flammtest, es zu besitzen und dich zu bestehlcn. Dem Schwager aber versprich ein gut Trinkgeld, wenn er dir gibt einen Vordersitz, wo du sicher bist, im Schlafe nicht überfallen zu werden. Rede mit den Reisenden freundlich, und schimpfe nie über ein Land, durch welches du reisest. Finde alles gut und schön, dann wird es dir wohl er- gehen. Wenn du in die Stadt kommst und dir der Thorschreiber dein Wanderbuch abverlangt, gib ihm einen guten Groschen, dann wird er dir auch männlich beistehen, wenn dir etwas widerfahret. Den Herbergsvater empfange freundlich. Lobe seine Kost und seinen Trank, auf daß er dir gibt ein bequemlich Obdach."— Musik. Heute(Dienstag) soll in einer deutschen Stadt eine Feier stattfinden, die voraussichtlich nicht so beachtet werden tvird, wie sie es verdient, die aber doch von dem Beginn und Fortgang eines gewichtigen Stückes Kulturarbeit ein charakteristisches Zeugnis ab- legt. Die— soweit die allgemeine Kenntnis reicht— älteste Musiks chule in deutschen Landen, die Würzburger, feiert ihr hundertjähriges Bestehen. Sie entstand, nachdem in romanischen Ländern bereits durch zwei bis drei Jahrhunderte ein Verhältnis- mätzig reiches Schulwesen der Musik sich entwickelt hatte, als ein erst- privates, dann administrativ eingefügtes Unternehmen im Rahmen der Universität, blühte auf, blühte wieder ab und wurde im Jahre 1875 sowohl auf moderne musikalische Höhe gebracht, wie auch zu einer felbständigen Staatsanstalt ausgebaut. Neben ihr giebt es auf deutschem Boden nur ganz wenige staatliche oder zum Teil staatliche Musikschulen; sie selber ist, obwohl sie für den Musikuntcr- richt als Ganzes sorgt, vorwiegend Orchesterschule. Ihr jetziger Direktor Dr. Karl Kliebert, der anscheinend schon 1875 die treibende Kraft der Reorganisation war, hat zum Jubiläum eine Denkschrift herausgegeben(„Die Kgl. Musikschule Würzburg, ihre Gründung, Entwicklung und Neugestaltung", Würzburg, Druck von H. Stürtz, 1904), die nicht nur durch Umfang und Ausstattung. sondern auch durch das Gewicht ihrer Arbeit zu den bedeutendsten unter den noch immer recht seltenen Litteraturwerken der Geschichte des künstlerischen Unterrichts gehört und ihrem Verfasser sowie ihrem Gegenstande selber alle Ehre macht. Es wird geraume Zeit dauern. bis solche Hundertfeiern wieder und in schnellerer Folge erscheinen. Denn erst lange nach jener Würzburger Gründung begann in den deutschen, zumal den reichsdeutschen Ländern jene schwere Menge von Konservatorien und dergleichen zu entstehen, die jetzt als un- vermeidliche Uebel an so vielen Straßenecken deutscher Städte zu finden sind. Von musikalischen Dingen Bilder durch andre als musikalische Mittel zu geben, ist eine niemals ganz zu vollführende Aufgabe—- was wohl auch mit schuld sein mag an dem Zurückbleiben der musik- pädagogischen hinter andrer pädagogischer Litteratur. Noch fühl- barer wird der Widerstreit, wenn die Bildhauerkunst das An- denken von Tonkünstlcrn versinnlichen soll. Läßt sich dabei Musikalisches anders als etwa durch die kleinlichen Mittel von Attributen andeuten? Wir besitzen in Berlin am Tiergartenrande das Denkmal eines Großen, dessen Namen man in diesem Zusammen- hange lieber nicht nennt. Von dem längst nicht mehr neuen Un- geschicke der Anfügung isolierter Figuren nicht zu sprechen, so ist die Gesamthaltung des(technisch gewiß verdienstlichen) Dcnkmales, ent- sprechend seinem Ursprung, von einem solchen widernatürlich harten Pathos, daß damit nicht einmal die dichterische Eigenart jenes Künstlers, geschweige denn seine musikalische, ausgedrückt wird. Da- gegen ist uns vor einigen Tagen das Haydn-Mozart-Beet- hoven-Denkmal geschenkt worden, ein Werk, in welchem seine Schöpfer, Vater und Sohn S i e m e r i n g, nicht nur ein Stand- bild von Hohem Wert überhaupt geschaffen, sondekn auch das Wunder- bare erreicht haben. Musikalisches wenigstens andeutungsweise in Plastischem wiederklingen zu machen. Wer Bedenken getragen hat. einen gemeinsamen Begriff von Rhythmus zugleich für redende und für bildende Kunst zu verwenden, der sieht hier in dem gleichmäßig und doch wechsclvoll Dreiteiligen des Denkmals, in seiner Ber- bindung zweier plastischer Materialien, in seiner Versinnlichung der Bewegungsart der Mlsik aus jener Zeit des Rokoko und der ihm folgenden Kunstweisen eine Leistung vor sich, die nun einmal wirklich ein Neuwert ist. Seine Schöpfer scheinen, fern von aller lauten Oeffentlichkeit, durch ihre allmähliche, an viel Ausprobieren reiche Arbeit zugleich ein Denkmal der höchsten künstlerischen Hin- gäbe geschaffen zu haben.— sz. Notizen. — Peter Hilles Schöpfungen(Aphorismen, Lyrik. Novellen, Dramen und ein großer Roman aus dem Teutoburger Walde„Die Hassenburg") werden gegenwärtig für eine Gesamt- ausgäbe bei Schuster u. Löffler(Berlin) zusanrmcngestellt. Die von Julius Hart besorgte Ausgabe wird vier Bände umfassen; die beiden ersten sollen bereits am 11. September vorliegen.— — Mit der Katalogisierung der Handschriften des alten O st friesischen Landrechts hat die ostfriesische Landschaft den Privatdozenten Dr. Borchling in Göttingen bcauf- tragt.— — Die Erstaufführung von Messagers Operette„Der Prinzgemahl" im Neuen königlichen Operntheater findet voraussichtlich am 21. Juli statt.— — Max Klinger ist vom Leipziger Richard Wagner- Denkmalkomitee mit der Ausführung des Wagner-Denkmals beauftragt worden.— — DaS Leipziger Kunstgewerbe-Museum wird vom 15. September bis zum 15. November eine Ausstellung von Alt-Thüringer Porzellan veranstalten. Es kommen in Betracht die Fabrikate der Manufakturen von Volkstedt bei Rudolstadt, Limbach, Wallendorf, Kloster Veilsdorf und Gotha, ferner von Großbreitcnbach, Ilmenau, Rauenstein, Gera, Blanken- stein, Eisenberg und Pößneck. — Auf dem Monte Rosa(Schweiz) wird in 4560 Meter Höhe ein neues geophysikalisches Observatorium erbaut.— — Bilses Nachfolger. Dem Verleger von BilseS Roman „Aus einer kleinen Garnison", Richard Sattler in Braunschweig, find, wie die„Braunschweiger Neuesten Nachrichten" mitteilen, seit Herausgabe dieses RomanS über 150„Enthüllungsroman"- Manuskripte zugegangen.— LZerantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Bertin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdrucksrei u. Verlagsanstalt Paul Singer äcEo., Berlin LV/.