Mnterhaltungsblatt des Forwärts Nr. 136. Mittwoch, den 13. Juli. 1904 30 (Nachdruck verboten.) Im Vaterhaulc. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. � In der Küche hörte man die Mädchen lachen. Tini war bei ihnen; alle redeten durcheinander, war das ein Ge- schnatter. Im nächsten Augenblick ging die Thür auf. Tini, in dem alten nun schon völlig zerfransten Schlafrock ihrer Mutter gewickelt, hüpfte herein, ein herrliches Bouquet lang- stieliger Rosen in der Hand. Die Schwestern ihr nach. »Sieh'. Mama, was Tini bekommen hat! Die schönen Rosen— der Duft, entzückend!" Tini hatte die schönste herausgesucht und überreichte sie der Kranken mit einem Knix. „Die verehr' ich Ihnen, liebe Frau Witte, mit einem guten Morgen." sagte sie liebenswürdig, und ihr Bouguet aufzeigend:„Großartig, was?— von meinem Baron," sie schnitt eine Grimasse. »Von dem alten Herrn Brandt," fügten die Mädchen er- klärend hinzu. Da klopfte es an die Thür und gleich darauf stand die Frau Resel mitten im Zimmer. Als Abgesandte des Hausherrn fühlte sie sich zu diesem Ueberfall berechtigt. „Fräul'n Tini, Sie möchten gleich, aber schleunigst nach Hause kommen." Sie machte es wichtig. „Was is denn los, wieder was nicht recht, dem Herrn Papa?" „Er is ganz weg, weil von Ihnen was im„Tag- blatt" steht." „Wie, was— von mir— uit möglich!" Resel nickte bedeutungsvoll:„Und was da drinnen steht er hat's schon gelesen." Tini erblaßte.„Jesus Maria, die hab'n mich verrissen!" „Die Tabakkramerin hat mir die Zeitung, wie i'nein kommen bin. gleich hing'halten— ich Hab' sie mir auch ge- kauft— 4 Kreuzer kost's—" Resel hielt sie wie eine Trophäe in die Höhe. Tini entriß sie ihr mit zitternden Händen. „Wo— wo?" Die Resel bezeichnete die Stelle, in der die gestrige Novität besprochen war. Am Schluß sprang ihr der Name Tini Schöne entgegen. Die Mädeln sahen ihr über die Schulter, alle drei verschlangen die Zeilen:„Eine junge Anfängerin, mit einem Paar Augen, die sofort das Parterre in Brand steckten, sprach die wenigen Worte ihres Röllchens so munter und temperamentvoll, daß wir wohl nicht fehlgehen, wenn wir behaupten, da ist echtes Theaterblut vorhanden, und den Wunsch äußern, der char- manten Kleinen bald wieder zu begegnen." Tini stieß einen Freudenschrei aus, schlug in die Hände, warf sich auf den Boden— sprang wieder in die Höhe— umarmte die Mädchen— umarmte Herrn Witte und jubelte dabei:„Kinder, ich bin'was— ich bin'was!... das lesen heut' Tausende, ganz Wien wird heut' von mir sprechen. Von heut' an bin ich'was in der Welt! Zum Bater soll ich kommen, aha, jetzt wird er stolz sein auf mich— beim Frühstück hat er mich so geärgert mit seinem ewigen:„War schon der Müh' wert, daß wir gestern sechs Gulden für Dich aus- geben haben— so a Schmarrn Roll'!" Schon gut. Herr Papa, jetzt werd'n wir andre Saiten aufziehen, jetzt sind wir was, jetzt stehen wir in der Zeitung. Adieu, Kinder!" Und den alten Schlafrock, der sich schlaff um ihre Füße wickelte, hoch emporhebend, sprang sie hinaus. 19. Kapitel. In der eleganten Junggesellenwohnung Ferdinand Brandts waren die Vorbereitungen für den Abend im Zuge. Ferdinand, im tadellosesten Gesellschaftsanzug, kam selbst in die Küche, zählte die Flaschen, beschnüffelte die Salate und Kompote, die bereits angerichtet waren, fragte und tadelte, und machte das Dienstpersonal, seine Haushälterin an der Spitze, so ärgerlich und nervös, daß er es für geraten hielt. eiligst den Rückzug anzutreten. In dem geräumigen, hell erleuchteten, mit Spiegeln ausgestatteten Vorzimmer traf er Mit seinem Intimus, dem Maler Glaser, zusammen. Glaser, ein beleibter, jovial aussehender Fünfziger, war als Künstler wenig, als Gesellschafter viel gesucht. Bei Ferdinands Gastereien du' sie er niemals fehlen, denn er wußte die Kosten der Unterhaltung vortrefflich allein zu be- streiten und den Hausherrn nicht allein nach dieser Richtung hin jeder Mühe zu entheben, sondern ihn selbst auf das beste zu unterhalten: Pflegte doch Ferdinand über jene Schnurren und Bonmots am meisten zu lachen, die er am öftesten ge- hört hatte. „Nun, Glaser, was ist's?" fragte Ferdinand, nachdem er ihm die Hand gereicht.„Gefunden, was wir brauchen?" Der Maler nickte fröhlich ihm zu:„Es ist mir ge- lungen. das Meisterwerk zu entdecken, hab's auch gleich mit- gebracht." „Aber, Sie haben doch nicht— der Bilderhändler glaubt doch nicht am Ende, ich wünschte es zu kaufen... fällt mir nicht ein." „Ach, wo denn— nur zum Anschauen, Hab' ich ihm gesagt... ist so schon ein Opfer... na, schauen Sie sich's einmal an." Sie gingen nach dem kleinen Eckzimmer. Der Diener, dem Glaser das Oelbild im Rahmen über- geben hatte, war eben im Begriff, es auf eine Staffelei zu stellen, zu dem die rote Sammetdraperie eines Vorhangs einen gut gestimmten Hintergrund bildete. „Das ist also ein echter Witte?" fragte Ferdinand, der davor auf einem engen Secessionsstühlchen Platz genommen hatte und das Landschaftsbild mit ländlicher Staffage an- glotzte. „Witte keeit," sagte Glaser, auf den Namenszug deutend. „So, so— hm, hm— na, was sagen Sie— mir scheint — hm— na, was meinen Sie?" „An Quark," platzte Glaser derb heraus. „Mein Gedanke, aber der Mann war berühmt." „Berühmt— Gott, er war halt Professor— noch dazu mein Professor!— Jetzt weiß ich erst, weshalb aus mir nichts geworden ist— der Ruchlose hat mein Genie im Keime erstickt." Ferdinand lachte, daß ihm die Thränen kamen. „Sehr gut.— Aber ein Professor kann einen wirklich ruinieren... Ich Hab' auch so einen gehabt... Aber ich bitte mir's aus, wenn sein Sohn kommt, muß das gelobt werden." „Na, versteht sich, gelobt, über den grünen Klee." „Habe mich ihm gegenüber mit meinem Witte schon patzig gemacht." „Das war nicht schön von Ihnen." „Nur wegen den Mädeln, damit Hab' ich sie hergelockt, sie kommen das Bild zu sehen, wird sie riesig freu'n." „Der tote Großvater als Köder benutzt— Ferd'l, Du bist ein schlechter Kerl." Ferdinand wehrte lachend ab, von dieser Voraussetzung sehr geschmeichelt. „Aber nein, aber nein— ich denk' an nichts Böses— im Gegenteil— das sind so nette, liebe, unschuldige Mädeln — wirklich bessere Mädeln— und trotzdem amüsant. Mit denen kannst Dir a Hetz machen— fein, natürlich— sie merken's gar nicht. Und die lachep zu hören, gar die Gusti, die Kleine, das ist allein schon ein Vergnügen, die lacht über alles, über meine Witze kann sie sich schiitteln... und sie ist so wollet— überhaupt reizend!... Herr Papa glaubt wohl, ich bleib' gleich hängen... aber ich Hab' gar keine Ab- sichten... keine guten, keine schlechten... ich will mich nur amüsieren, und es ist mir viel angenehmer, mit so gut- gearteten Mädeln als mit— hier verpflichtet man sich zu nichts und es kostet auch nichts... sehr angenehm... man will doch nicht immer die Würzen sein." „Ist viel feiner so," meinte Glaser ironisch. „Das sag' ich ja... Apropos, was wird denn der Händler für das Ausborgen verlangen?" „Bagatelle." Hätten doch lieber gleich aushandeln sollen... die Leut' sind so unverschämt, wenn's wissen, es g'hört für Unsereinen — der Rahinen ist übrigens—" „Schofel," ergänzte Glaser. „Sehr, paßt nicht herein. Vielleicht könnten wir— ein Visserl maskieren—" „Mit Lorbeer vielleicht?" „Meine Idee— das möcht' sich ja wunderschön machen—" „Zugleich eine Ovation." „Das wollt' ich eben sagen. Der Lorbeerkranz wird famos dekorieren— ein großer, grüner, schöner Lorbeer- kränz.. Ferdinands Phantasie schwelgte in diesem Lorbeer. Schon hatte er den elektrischen Knopf berührt und als der Diener erschien, gab er ihm den Auftrag, einen solchen von Fosatti zu holen. „Aber billig," schärfte er dem Diener ein,„er kann schon etwas pnsss sein." „Dann kann man ihn gleich für die Saucen verwenden," murmelte Glaser. Ferdinand hatte sich wieder vor das Bild gesetzt. Der beleibte Glaser zwängte sich einseitig in das moderne Stühlchen. Er saß unkomod, er war hungrig, denn wenn er bei Brandts geladen war, pflegte er vorher zu fasten, und es war ihm recht flau im Magen. „Heute nicht gut aufgelegt, wie?" fragte Brandt,„wir wollen doch lustig sein." «Der Humor kommt mir erst mit dem Essen," brummte Glaser. „Eine Cigarre gefällig?" „Es wird also noch lange dauern, ehe wir zu Tisch gehen?" ,„Die Leute kommen so spät." «Eine gräßliche Mod', erst wissen sie nicht, wann's er- scheinen sollen und dann wieder nicht, wann's nach Haus gehen sollen. Uebrigens bin ich selbst schon neugierig auf diesen Witte." „Sie kennen ihn?" „Wir sind zusammen an der Akademie gewesen." f„Hat er Talent? Mir hat er gesagt, er hätte eine � glänzende Carriere in Aussicht gehabt. Ist das wahr?" „Möglich." „Er sieht sehr pover aus.,. nicht einmal gut an- ' gezogen... auch die Mädeln nicht— eigentlich genant... wir sind glücklicherweise ziemlich unter uns." „Ich Hab' ihn als einen jungen flotten Kerl in der Er- innerung— Herrgott, war der fidel, und was der z'samm- g'schmiert hat... zum Entsetzen seines Papas, der ein gar- penibler Herr war." Glaser zündete seine Cigarre an. „Weiter, weiter—" befahl Ferdinand, gemächlich den Rauch von sich blasend. „Na, der Vater pinselte und düftelte und lasierte, man sieht's ja an dem Bild, wie oft das übereinand' gemalt ist. Der Sohn war breit und keck in der Pinselfllhrung. Nichts durchgearbeitet, alles nur auf Wirkung berechnet, auf Stimmung. Der Junge hatte zu unserm Gaudium eine Art Schnellmalerei erfunden, die uns verblüffte. Wie die Maul- ' äffen sind wir vor seiner Staffelei g'standen und haben ihm , zug'schaut, wie er in zehn— fünfzehn Minuten eine Land- Schaft aufs Papier geworfen hat. Schad', der Mensch ist um ein Vierteljahrhundert zu früh ans die Welt kommen. Heut' hätt' er in der Secession sein Glück g'macht. Damals war's Carricatur. Blödsinn, Ulk. Aber ich muß sagen, seine Be- Handlung hat mir schon damals imponiert." -„Weiter." „.Was weiter?" „Weiter von der Behandlung." Glaser zuckte die Achseln. „Stimmungsmalerei... Wie kann ich Ihnen das er- klären— das hat man sehen müssen: mit einem alten struppigen Pinsel wirft er das dunkle Gewölk hin, wirbelt es wild durcheinander, daß es wie graue Fetzen da hängt... dahinter steht die Sonn', man sieht's an den goldigen Wolken- rändern, die er pastios aufsetzt; mit dem Dotter im Pinsel regaliert er die Landschaft, und was ihm davon noch übrig bleibt, läßt er als Lichteffekte über das Wasser huschen... Nun nimmt er Grün, spreizt den Pinsel weit auseinander und haut das Schilfrohr hin... es biegt sich im Winde... Das macht er alles so flink, mit einer Art Furor... Und nun abtönen.,. der Pinsel genügt ihm nicht mehr, er dreht ihn um... er arbeitet mit dem Stil, mit den Fingern, mit d?x Spachtel, mit den Spitzen seiner langen Nägel, und er kratzt und klatscht und tont, jeden Zufall zu einem Effekt benutzend. Als ich ihm einmal darauf gespuckt, hat er auch diese Gabe vorteilhaft zu verwerten gewußt... Eins, zwei, drei, die Landschaft war fertig— effektvoller, man kann nicht mehr!" (Fortsetzung folgt. 1j (Nachdruck verboten.) Seltsame Bäder. Weit über eine Million Kurgäste sucht im Laufe des Jahres ihr Heil in den deutschen Bädern; die preußischen Bäder allein werden laut einer jüngst herausgegebenen Statistik jährlich von etwa (ZOO 000 Kurgästen in Anspruch genommen. Eine Flut von An- zeigen, von Badebriefen, Saisonberichten überschwemmt die Zeitungen, und da erfährt man, wie herrlich-vornchm es in dem einen, lvie ein- fach still es in dem andern zugeht und wie alle diese Heilbäder vor- trefflich gegen eine Schar von Leiden helfen. Es giebt aber in der weiten Welt auch einige Bäder, die sich durch ihre Eigenart auszeichnen, keine Konkurrenten haben und schon der Originalität wegen erwähnenswert sind. Das schöne Land Tirol besitzt eine solche Specialität, die allerdings nur die Eingesessenen voll zu würdigen verstehen. Es find dies die Heubäder. Dabei handelt es sich aber durchaus nicht um ein Baden in Abkochungen von Heublumen, wie sie von verschiedenen Naturärzten empfohlen werden. Ter Kurgast wird vielmehr in einen Heuhaufen regelrecht eingegraben, bis an den Hals, so daß nur der Kopf hervorschaut. Da zu dieser Prozedur das frische Heu genommen wird, das noch warm oder„brennend" ist, so kommt der Patient bald in tüchtigen Schweiß. Die Wirkung ist sehr energisch und die Mattigkeit so groß, daß der„Kurgast" ohne Hilfe des Badreibers sich schwerlich aus dem Heu herausarbeiten könnte. Das radikale Schwitzbad-ist übrigens nicht ganz ungefährlich, und es sind schon Patienten ohnmächtig aus dem feuchtheißen Heu hervorgezogen worden. Aber es hilft gegen Gallfluß, Rheumatismus, Gicht und dcrgl. und wird darum von der ländlichen Bevölkerung gern genommen. Freilich das gewöhnliche Heu in den Thälern gilt nicht viel, besonders heilkräftig soll das frische kurze Gebirgsheu sein. Deshalb trifft man, wie schon Ludwig v. Hörmann berichtete, die übrigens höchst einfachen Vorrichtungen zu dieser Kur am häufigsten hoch oben auf luftigen Höhen. Da findet man das Kurhaus, eine Alpenhütte, und an einem Balken ihrer niederen Decke klebt ein Anschlagzettel, der die Badeordnung enthält. In einer Hütte auf dem Schlern, die nach Völs gehörte, lautete sie wie folgt: „Bemerkung 1. das derjenige, der auf da-Z Hei geth, sich fleißig den Koth abstreifet. 2. das derjenige, der von Hei hinausgehet sich fleißig das Hei abschittelt. 3. das jeder nicht von Völs gebirtüge, welcher eine ganze oder halbe Woche im Hei liegt, 30 Kreizer zahlen muß. Unterz. Heiinhaber." So liegen zur Zeit der Vergmahd oder hocken vielmehr die Kur- gaste in den Städeln Kopf an Kopf. Wie davon das Heu gegen Ende der Saison aussieht, läßt sich denken. Wandern wir weiter nach Süden, überschreiten den Po und dringen in den etrustischen Appenin ein, so finden wir hier nicht sehr weit von Florenz in der italienischen Provinz Toskana ein andres höchst seltenes Bad. Wir können hier zu Heilzwecken wörtlich„in der Hölle" schwitzen. In der Nähe des Ortes Monsumano im Val de Nievole besaß der Vater des italienischen Dichters Giusti einen Steinbruch. Im Jahre 1349 wurde darin der Eingang zu einer Grotte entdeckt. Die im Liaskalke sich dreihundert Meter weit erstreckende Höhle erregte Aufsehen, und zwar nicht allein durch die Tropfsteingebilde, die in ihr vorkommen, sondern vielmebr durch ihre Temperatur. Während sonst in Höhlen kellerartige Kühle herrscht, war m dieser Höhle die Lnft warm, ja sogar stellenweise heiß. Die Grotte Giusti ist eben eine der äußerst selten vorkommenden Heißluft- höhlen. Unter den Neugierigen, die aus der Umgegend herbei- strömten, um das neue Naturwunder zu schauen, befand sich auch ein Bauer, der an Rheumatismus litt. Er verweilte länger in den Räumen, schwitzte und glaubte, eine Besserung seines Leidens zu verspüren. Er besuchte die Grotte öfters und genas seines Leidens — die Höhle wurde nun als Heilgrotte gepriesen; andre Rheumatiker kamen und fanden auch Genesung. Heute erhebt sich am Eingang zu der Grotte ein komfortables Kurhaus, die Wege in den unter- irdischen Räumen sind cementiert, elektrisches Licht glitzert und schimmert auf den Tropfsteingebilden. Die Grotte zerfällt in drei Abteilungen: zunächst kommt man in das„Paradies", in dem eine Temperatur von-j- 27 Grad Celsius herrscht, wandelt dann durch das „Fegefeuer" und gelangt schließlich in die„Hölle", in der eine Hitze von st- 35 bis 36 Grad Celsius brütet. Hier sind nun Stühle und Tische aufgestellt, die Kranken sitzen in Bademänteln und— schwitzen, Die Luft in der Grotte ist angenehm und flisch, da das poröse Gestein genügend für Ventilation sorgt. Da große Spalten und Klüfte fehlen, giebt es auch keinen Zugwind. Der Schweiß bricht beim Aufenthalt in dem Räume nicht plötzlich aus, sondern stellt sich lang- sam ein; es kommt nicht zu unangenehmen Blutwallungen, und darum können auch schwächere Kranke hier ihr Heil versuchen. Unter- halb der„Hölle" befindet sich noch ein kleiner See mit klarem warmen Wasser, in dem Schtviminkundige unterirdisch ihre Schwimmkünste üben können. Mitunter hat es sich ereignet, daß die Wässer stiegen und die Grotte überschwemmten, so daß sie für kürzere Zeit unzu- gänglich wurde. Wie in der„Deutschen medizinischen Wochenschrift neuerdings berichtet wurde, besteht ein großer Teil der Kurgäste aus Aerzten, was wohl für die Heilkraft der Grotte spricht. Sie bewährt sich namentlich bei Gelenkrheumatismus. Gicht. Nervenschmerzen und Nierenentzündungen. Die Kur dauert gewöhnlich 14 Tage btS 1 Monat. Die Heißlufthöhlen sind, wie gesagt, äußerst selten. Franz Kraus bemerkt in seiner„Höhlenkunde", daß sich eine ähnliche Grotte in Krain in der Umgebung von Sagor befinden soll. Ein fach- männischer Bericht über diese Naturmerkwürdigkeiten liegt aber nicht vor. Viel häufiger sind dagegen Höhlen mit sehr tiefen Temperaturen, die sogenannten Eishöhlen. Es giebt viele von der Sage umwobene Höhlen, die befl Menschen Glück und Heilung bringen sollen: Schatzhöhlen und Wundergrotten. In der Grotte Giusti geht alles mit natürlichen Dingen zu, und ihre seltsame„Hölle" ist das eigenartigste Schwitzbad der Welt, aber trotz des infernalen Namens lange nicht das heißeste. Ja, um das heißeste Bad der Welt aufzusuchen, müssen wir schon weit übers Meer reisen, nach dem fernen Osten, dem Lande der aufgehenden Sonne. Trotz der kriegrischen Zeiten herrscht im Innern Japans Ruhe und Sicher- heit, wie das den reiselustigen Welttouristen von den Bürgermeistern japanischer Hauptstädte neuerdings in einer Erklärung versichert wurde. Die Japaner leben auf einem unruhigen Boden, die Erde bebt dort häufig und zahlreiche Vulkane sind noch thätig. Darum ist auch Japan sehr reich an heißen Quellen, die seit altersher zu Heil- zwecken benutzt werden. Wenn unsre Altvordern aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert die berühmten und fashionablen Bäder von Miyanoshita und Jkao besuchen würden, so fänden sie dort alles in Ordnung, würden daran keinen Anstoß nehmen, daß dort Mann- lein und Weiblein in Adams und Evas Kostüm in den warmen Bassins bunt durcheinander herumplätschern. Ebenso ging es damals in europäischen Bädern zu, und der Japaner hat bis heute die ursprüng- liche Naivität bewahrt. Aber nicht von dem für uns so originellen Badeleben der Japaner, sondern von ihrem heißesten Bad wollen wir reden. Dieses ist in Kutsathu in den herrlichen Bergen im Innern Nipons zu finden. Dort entströmen der Erde heiße Quellen, die sich durch ihren Gehalt an Schwefel, Arsen, Alaun und Mineralien aus- zeichnen und gegen Rheuma, Gicht, Skrophulose, Lepra und andre Hautkrankheiten von vorzüglicher Wirkung sein sollen. Der Japaner ist an heißes Baden gewöhnt, häufig benutzt er zu Hause Bäder von 40 Grad Celsius, die er sehr gut verträgt; aber vor den Bädern in Kntsatsu schaudert er doch zurück. Das ist auch kein Wunder, wenn wir bedenken, daß die Temperatur des Wassers in dem dampfenden, Netsungon genannten Hauptbassin 70 bis 71 Grad Celsius beträgt! Der Karlsbader Sprudel ist ja auch 72 Grad Celsius heiß, aber man benutzt bei uns in Europa die heißen Quellen erst in gut abgekühltem Zustande zu Bädern. Der Japaner soll aber direkt in den heißen Brodel steigen. Da bedarf er einer Ermutigung und er badet in Kutsatsu auf Kommando. Ein lautes Hornsignal ruft die Badegäste zusammen. Mit langen Holzbrettern stellen sie sich vor dem Bassin auf und wüblen mit Schlägen das Wasser auf; die Prozedur wird im Takte nach dem Kommando des Bademeisters ausgeführt und dauert eine Viertelstunde. Dann gießen sich die Gäste mit Holz- bechern das heiße Wasser über den Kopf, und nun erschallt das Kom- mando: Hinein I Im Chor singend gehen die Kranken langsam vor und tauchen, bis das Wasser bis an den Hals steigt. Natürlich sind Wärter aufgestellt, die genau aufpassen, ob nicht dieser oder jener vom Schwindel oder von Ohnmacht ergriffen wird. Das Bad Hanert vier Minuten. In dem beinahe siedend heißen Wasser kommt dem Patienten die Zeit wie eine Ewigkeit vor, und um die Aufmerksamkeit abzulenken und sich gegenseitig Mut zu machen, stimmen sie einen eigenartigen Chorgesang an.„Noch drei Minuten!" ruft der Bade- meister laut nach Ablauf der ersten Minute,„noch drei Minuten!" antwortet der Chor aus dem Bassin. In derselben Weise wird „noch zwei Minuten!",„noch eine Minute!" und„noch eine halbe Minute 1" ausgerufen. Freudiger und freudiger lautet die Antwort Jber Badenden, bis endlich der Ruf„Fertig I" erschallt und die Gesell- schaft erstaunlich rasch mit krebsrot verbrühten Leibern aus der Flut herausspringt. Das Bad wird 4 bis ömal täglich genommen und die Kur dauert einen Monat.— Gerhard W e n d e m a n n. Kleines•pemlleton. k. Ein japanisches Wiegenlied veröffentlicht A. G. Hales in den„Daily NewS". In deutscher Uebersctzung lautet es ungefähr folgendermaßen: „Schlaf, meine braune Taube, schlaf in der Mutter Hut, Die Sterne stch'n am Hinmiel, mein kleiner Vogel ruht. Weine nur nicht und balle die Fäustchen, Du! Der Mond ist aufgewacht, mach' Du die Augen zu l Schlaf, braune Taube, schlafe, schlaf! Schlafe, braune Taube, schlaf' an der Mutter Herz! WaS fährst Du so auf, angstvoll und wie im Schmerz? 's ist nur der Wind, der im Pflaumenbaum weht. Es ist der Hahn, der zum Kampf mit dem Feinde kräht. Schlaf, braune Taube, schlafe, schlaf! Schlafe, braune Taube, denn Du bist wohl bewacht; Daß keiner Dich stören mag, habe ich sorgsam Acht. Die Schlangen im Grase verscheuch' ich Dir gern, Erdbeben und Blitze bleiben Dir fern. Schlaf, braune Taube, schlafe, schlaf!"— — DaS Schwimmen als Leibcsübung behandelt Dr. R. du Boiö- Rehmoud in der„Naturwissenschaftlichen Rundschau". Wir ent- nehmen dem Aufsatze folgendes: Der Hauptunterschied zwischen dem Schwimmen und andern Uebungen liegt natürlich darin, daß bei jenem der Körper sich im Wasser befindet und das Wasser schon an und für sich merkliche Wirkungen auf den Organismus ausübt. Diese treten beim Schwimmen noch verstärkt auf und bilden so den Hauptbestandteil der Einwirkungen des Schwimmens auf den Körper. Die wichtigsten Wirkungen des Wassers, die Badwirkungen, sind thermische, und zwar Reizwirkungen und kalorische. Was letztere anbelangt, so hat sich ergeben, daß ein Bad von vier Minuten Dimer bei 12 Grad Wassertemperatur dem Körper ebenso viel Wärme (100 Kolorien) entzieht, wie er normalerweise in einer Stunde ver- lieren würde. Dieser Wärmeverlust wird aber vom Körper alsbald ausgeglichen, und so stellt das kalte Bad eine Anregung zur Wärme- Produktion seitens der Körpers dar. Eine bis jetzt noch fast gar nicht beachtete Gruppe der Badewirkungcn ist die mechanische Wirkung des Wasserdrucks. Sie berechnet sich nach du Bois-Rehmond auf 8 Kilogramm. Man stelle sich, sagt er. dieses Gewicht in Gestalt von Sandsäcken oder Bleiplatten einem liegenden Menschen auf Brust und Bauch gepackt vor, und man wird von der mechanischen Wirkung des Wasserdrucks auf den eingetauchten Körper eine sehr handgreifliche Anschauung gewinnen. Der Wasserdruck beginnt zu wirken, sobald das Wasser dem Eingetauchten bis an die Achseln geht; die Expiration wird nun verstärkt, und die Einatmung erfordert merk- liche Anstrengung. Dann erzeugt schon ganz geringe Anstrengung im Wasser, z. B. schnelles Schwimmen über eine Strecke von wenigen Metern, selbst bei geübten Schwimmern anhaltende Atemlosigkeit, die sich bei dem gleichen Maße von Muskelbewegung in der Luft kaum bemerkbar machen würde. Der Wasserdruck wirkt außerdem auch auf den Kreislauf des Blutes. Was den Einfluß der Schwimm- bewegungen betrifft, so betont du Bois-Rehmond, daß zum Schwimmen an sich, d. h. um sich über Wasser zu erhalten, so gut wie gar keine Bewegungen erforderlich sind. Ganz anders verhält es sich dagegen beim Schwimmen als Fortbewegung; dieses erfordert schon bei mäßiger Geschwindigkeit eine recht bedeutende Anstrengung, und schnelles Schwimmen erschöpft in kürzester Zeit selbst kräftige Individuen, falls sie nicht besonderseingeübt sind. Eine genaue Messung der beim Schwimmen geleisteten Arbeit ist schwierig. Versuche hierzu sind angestellt worden, indeni man ermittelte, welche Arbeitsgröße ausreichte, um den Körper von einem Boot aus mit derselben Ge- schwindigkeit durch das Wasser zu ziehen, die beim Schwimmen würde erreicht werden. Es ergab sich, daß diese Arbeit für die Sekunde 7,1 Meterkilogramm beträgt, d. h. gleichbedeutend der Arbeit, die aufgewandt werden muß, um in der Zeiteinheit 7,1 Kilogramm 1 Meter hoch zu heben. Dies ist aber nur etwa 13 Proz. mehr Arbeitsaufwand, als mäßig schnelles Gehen erfordert. Nun kann man aber mit einer Geschwindigkeit von 100 Meter in der Minute stundenlang marschieren, während es eine erhebliche Anstrengung ist, auch nur eine Viertelstunde lang mit der angegebenen Geschwindigkeit zu schwimmen. Dr. du Bois-Rehmond löst diesen. Widerspruch, indem er darauf hinweist, daß das Schwimmen eine äußerst un- ökonomische Art der Fortbewegung ist, indem eine größere Arbeits- menge darauf verwandt wird, Teile des Körpers herumzuschlendern, als dazu, den Gesamtkörper durch das Wasser zu treiben. Das ist aber zum Erfolge der Schwimmbewegung notwendig, denn diese hängt lediglich von der Geschwindigkeit dieser Bewegungen ab. Rur plötzliche Bewegung der Gliedmaßen beim Schwimmen kann förderlich fein, diese aber bedingt beträchtlichen Energie-Aufwand, und deshalb erfordert besonders schnelles Schwimmen so große Anstrengung. Außerdem besteht ein Teil der Belvegungen der Beine wie der Arme gewissermaßen in einer Umkehr der wegförderlichen Bewegungen, so daß die nutzbare Arbeit(die wirkliche Ortsveränderung) der Differenz zweier Arbeiten gleich ist, von denen die eine vorwärts, die andre rückwärts wirkt. Unter diesen Umständen muß nach du Bois- Reymond die Gesamtleistung selbst bei mäßigem Schwimmen der des schnellsten Gehens gleichgestellt werden. Ucberhaupt ist nach diesem Forscher der Mensch für Bewegung im Wasser ungünstig gestellt, weil er dabei sehr große Gliedmatzen bewegen mutz.— te. Tie letzte Volkszählung in Südafrika weist für das Kapland eine Einwohnerzahl von 1 430 034 Seelen nach, wovon 248 926, also etwas mehr als ein Drittel, Weiße sind. Die Zunahme gegen das Jahr 1891, in dem die letzte Zählung stattfand, beträgt etwa 42 Proz.; die Gesamtziffer belief sich damals auf 1 039 800, die der Weißen auf 336 603. Diese Angaben bezichen sich nur auf die eigentliche Kapkolonie ausschließlich der Eingeborenen-Territorien, wo die Volkszählung das Ergebnis von 632 239 geliefert hat; an Weißen sind dort nur 12 770 vorhanden. Auch hier ist die Steige- rung seit 1891 nicht unbeträchtlich. Damals waren die betreffenden Zahlen 487 364 und 10 379. In Pondoland und Betschuanaland leben 107 406 Weiße unter einer Gesamteinwohnerzahl von 237 002. Das ganze von diesen Bezirken zusammengesetzte Gebiet hat demnach jetzt 2 404 878 Einwohner gegen 1 227 224 im Jahre 1891. Gleichzeitig hat auch in den übrigen afrikanischen Be- sitzungen des Britischen Reiches ein Census stattgefunden. Für daI eigentliche Transvaal sind ermittelt worden 299 327 Weiße, 942 493 Eingeborene und 23 891 andre farbige Personen, zusammen also 1 263 716. Swaziland enthält 393 Weiße, 84 231 Eingeborene und 22 andre farbige Personen, im ganzen 82 434, mit Transvaal zusammen also 1 324 200. Die Stadt Pretoria zählt 21 161 Weiße und 12 292 Eingeborene, die Gesamtziffer ist für diese Stadt be- greislicherweise herabgegangen. Die Stadtgemeinde Johannisburg umfaßt 84 113 Weiße und 64 277 Eingeborene, zusammen demnach 148 690. In Transvaal und Swaziland ist das weibliche Geschlecht Set der Weißen Bevölkerung noch immer sehr in der Minderheit, nämlich im Verhältnis von 119 916 Frauen zu 139 399 Männern. Die Kolonie des Oranjeflusses weist eine Gesamtbevölkeruug von 585 999 auf, was eine Vermehrung von 137 999 in den letzten Jahren bedeutet. Die Zahl der Weißen hat sich in diesem Gebiet von 65 999 auf 143 999 vermehrt.— Geographisches. ur. Aus dem Südpolargebiet. Bei der Bearbeitung der Mollusken, welche die„Belgika" von ihrer Südpolreise heim- gebracht hat, ist der Forscher Pelseneer zu einigen Ergebnissen von allgemeinerem Interesse gelangt. Nach der Verbreitung der Mollusken und allerdings auch auf Grund andrer Verhältnisse kann man eine antarktische und eine subantarktische Zone unterscheiden. Die erstere würde nur die Region umfassen, die innerhalb der Pack- eisgrenze liegt, also das vermutete antarktische Festland und die Inseln, die von ihm nur durch geringe Meerestiefcn getrennt sind. Diese Zone ist mit Schnee bedeckt und mit Gletschern, die bis zur Meeresküste hinabreichen. Dagegen reicht die subantarktische Region bis zum 59. Breitengrad, der etwa mit der nördlichen Treibeisgrenze und der mittleren Grenze der winterlichen Schneefälle, sowie der Luftisotherme von 13 Grad für den Februar zusammenfällt. Soweit die Mollusken in Betracht kommen— und das sind eine stattliche Anzahl von Arten— liegt wenig Anlaß vor zu der Annahme, daß die Südspitzen der Kontinente, Afrikas, Australiens, Südamerikas, früher nach dem Südpol zu mit einander verbunden gewesen seien. Große Meerestiefen in der subantarktischcn Zone trennen die Fest- länder von dem Polargebiet, auch giebt es in jenem wenig Mollusken- arten, welche den ganzen Zonenring rings um die Erde bewohnen. Allenfalls wäre eine ehemalige Verbindung von Südamerika über die Antarktis mit dem australisch-neuseeländischen Gebiet nicht ganz von der Hand zu weisen, namentlich zeigt die Ltüstenfauna Südamerikas, Südgeorgias und der Kerguelen-Jnseln eine größere Verwandtschaft mit der antarktischen. Einer solchen Verbindung haben übrigens schon andre Forscher vom ticrgcographischen Standpunkic aus das Wort geredet. Auf diese Weise würde z. B. auch das isolierte Vor- kommen der Straußvögel in Südamerika leicht zu erklären sein, die dann auf der Endstation einer ehemaligen großen Verbrcitungsbrücke von Australien über die Antarktis nach Südamerika wohnen würden. Endlich ergreift Pelseneer in den Berichten der„Belgika" noch das Wort zur Frage der BiPolarität, d. h. der Verbreitung von Tier- arten über das Nordpolar- wie über das Südpolargcbiet. Diese Frage ist deswegen sehr wichtig, weil sie eine von manchen Seiten angenommene Wanderung aller Organismen von einem der beiden Pole aufs engste berührt. Vom Gesichtspunkte der Mollusken aus muß Pelseneer diese Fnjgk verneinen. Er befindet sich dabei in Uebereinstimmung mit den Bearbeitern der übrigen Tiergruppen, sowie mit den andern Forschern, welche sich mit der Tierivelt der Antarktis beschäftigt haben. Das Ergebnis lautet daher: Die Tier- Welt des Nordpolargebietes und des Südpolargebietes ist eine durch- aus verschiedene, und es liegt somit kein Grund vor, die Verbreitung der Organismen von einem nach dem andern Pol anzunehmen.— Medizinisches. — Typhusepidemien. Nach den Untersuchungen Gaffkys besteht kein Zweifel mehr, daß der Erreger des Unterleibs- typhus ein Bacillus ist, der fast stets durch Verschlucken dem mensch- lichen Verdauungskanal einverleibt wird. Ueber den Jnfektionsweg herrscht freilich noch manche Unklarheit, deren Beseitigung erst nach weiteren Forschungen inöglich sei» wird. Noch immer stehen sich hier, wie in der„Kölnischen Zeitung" ausgeführt wird, zwei Theorien gegenüber, die Trinkwasiertheorie und die Bodentheorie, deren jede namhafte Anhänger aufweist, wenn auch in neuerer Zeit die über- wiegende Mehrheit der Gelehrten der erstern anhängt. Nach der Trinüvassertheorie geschieht die Massenübertragung des Thyphus in der Weise, daß die bacillenhaltigen Abgänge der Kranken, infiziertes Waschwasscr u. dergl., aus undichten Senkgruben in die Erde durch- sickern oder in die Flußläufe geraten, von wo dann die Krankhcits- erreger neue Infektionen verursachen. Die Isolierung der Bacillen ist besonders bei der bakteriologischen Untersuchung verdächtigen Flußwassers wegen der ungeheuren Verdünnung mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden. Indessen ist nachgewiesen, daß die Bacillen Wochen-, ja monatelang im Wasser und im Eise ihre ge- jährlichen Eigenschaften beibehalten, wenn sie sich auch nur in be- schränktcm Matze zu vermehren vermögen. Damit stehen auch die zuweilen beobachteten Epidemien durch infizierte Milch im Zu- sammcnhangc. In solchen Fällen geraten die krankmachenden Keime durch vorherige Verwendung verunreinigten Spülwassers in die Milchgefäße und finden in der Milch dann einen vorzüglichen Nähr- boden. Einen gewissen Gegensatz zu dieser Jnfektionstheorie bildet die von Pettenkofer und seinen Schülern begründete Boden- oder Grundwassertheorie. Nach dieser entwickeln sich die Spaltpilze des Typhus vorzugsweise im Erdboden, besonders wenn derselbe für Wasser und Luft gut durchgängig ist, und treten dann mit der Grundluft in die menschlichen Wohnräume über. Nur da, wo die Disposition des Bodens besteht, kommt es nach Pettenkofer zu epidemischer Verbreitung des Typhus, eine anderweitige Verschleppung der Krankheit gehört zu den unwahrscheinlichen Seltenheiten. Im Verein mit Buhl machte der Gelehrte weiterhin auf den cigentüm- lichen Zusammenhang der Typhus-Epidemien mit niedrigem Stand des Grundwassers aufmerksam, den er für München und einige andre Städte nachgewiesen zu haben glaubte. Er deutete diese Erscheinung so, daß das Grundwasser bei hohem Stande die Typhuskeime zurück- halte, und daß die letzteren aus mechanischen Ursachen erst dann in die Grundlust übergehen könnten, wenn das Grundwasser sinke. Gegen die Anschauunaen und Schlußfolgerungen Pettenkofers hat man auf JJirund unstet heutigen genauen Kenntnisse der Lebens- bedingungen des Typhusbacillus geltend gemacht, daß dieser Uebertritt der Bacillen in die Grundluft nach physikalischen Gesetzen schwer möglich sei, man hat weiterhin aus zweifellosen Trinkwasser« Epidemien beweisende Schlüsse gezogen und auf die Thatsache hin- gewiesen, daß Ortschaften, die mit reinem Quell- oder Leitungswasser versorgt sind, nur selten Erkrankungen in größerer Zahl aufweisen. Aus diesen Gründen neigt die Mehrzahl der Sachverständigen heute zu der Annahme, daß unbeschadet der Möglichkeit anderweisiger Jnfektionswege in den meisten Fällen das Trink- und Nutzwasser die gefährlichen Keime verschleppt.— Humoristisches. — Sehr wahrscheinlich.„Elise, was machst Du da im Duirkeln mit Deinem Vetter?" „Wir unterhalten uns über den neuen Zolltarif, Mama."— — Verdächtig.„Du bist ja gestern nacht sogar einigemal in den Staub gefallen? Was hat denn da Deine Alte zu den Kleidern gesagt?" Pantoffelheld:„Diel Die gute Seele hat sie sogar in der Nacht noch geklopft!"— — Begreifliche Neugier. Bauer:„Vitt' schön, möchten S' nicht meine Alte photographieren?" Photograph:„Mit größtem Vergnügen: so, bitte Platz zu nehmen, bitte Frau, jetzt ein recht freundliches Gesicht zu»nachen; eins, zwei, drei, fertig; so, in acht Tagen können Sie die Bilder holen." Bauer:„Dank schön, dank schön, nicht notwendig, brauch' keine; sagen S' mir nur, was ich schuldig bin!" Photograph:„Ja, ivarum haben Sie dann Ihre Frau photographieren lassen?" Bauer:„Wissen©', Herr Photograph, ich war so neugierig, wie denn meine Alte ausschaut, wenn sie ein freundliches Ge- ficht macht!"— („Meggendorfer Blätter.") Notizen. —„Der Generalkonsul", eine dreiaktige Operette von Reinhardt, wird als eine der ersten Novitäten der kommenden Saison im Central-Theater in Scene gehen.— — Viel Geld und wenig K u n st. Ueber zwei Millionen Mark sind aus dem Staatsfonds für Kunstzlvecke vom 1. April 1896 bis Ende März 1993 ausgegeben worden. Der größte Teil dieser Summe(1 299 99-4 M.) entfüllt auf die Abteilung zur„Förderung der monumentalen Malerei und Plastik".— — Die ungeheure Beheirdigkeit der Meisen illustriert folgende Beobachtung. Ich habe— erzählt einer in der„Nerthus"— in einem verhältnismäßig kleinen Bauer eine Tannenmeise skenis ater), die mich durch ihre fortwährenden Saltt mortali zwischen Decke und Sprungholz ergötzte. Dabei kam ich auf den Gedanken,>nit der Uhr in der Hand festzustellen, wieviel mal sich dieses niedliche Geschöpfchen in einer Minute überschlagen möchte. Ich zählte in diesem Zeitraum 49—45 Ueberschläge, zwischen denen hier und da ein Seitensprung stattfand und auch wohl ein Schlückchen Wasser genommen wurde. Das bedeutet in der Stunde 2490—2799 Purzel- bäume, und da das Tierchen während des ganzen Tages nur wenig still saß, eine ganz bedeutende Kraftleistung für ein Vögelchen wenig größer als ein Zaunkönig.— — Orangen- und Citrowenernte in Italien. Die Statistiken des italienischen Ackerbauministeriums zeigen, daß das Jahr 1993/1994 die höchste bis jetzt erreichte Ernte an Agrumen ergab. Es wurden nämlich 5 250 999 999 Früchte, d. i. 6 562 599 Doppelcentner geerntet gegen 4 999 999 999 im Gewichte von 6 125 999 Doppclccutner im Vorjahre(1992/1993).— — Der b i l l i g st e Bahnhof ist, nach der„Frankfurter Zeitung", in Petriroda zwischen Gotha und Ohrdruf. Der dortige Bahnhof, der noch ganz neu ist, besteht aus einem Staket mit Thür, einer Laterne, einer Laterncnleiter und einem Schilde, das den Namen der Station bekannt giebt. Das ist alles: als Bahnhofshalle dient das Himmelsgewölbe, das im Süden mit dem Thüringer Walde wirkungsvoll dekoriert ist: man bedarf hier weder irgend eines Gebäudes,'noch irgend eines Beamten. Trotzdem hat man die Bahnsteigsperre von Anfang an eingeführt. Wenn nämlich der Zug kommt, steigt der Schaffner heraus, geht an das Staket, öffnet die Thür und läßt die Reisenden aus Petriroda eintreten. Wie kommen diese zu Fahrkarten? Hier hat man Temperenzler und Alkoholiker zu unterscheiden. Die letzteren haben in dem etwa fünf Mimten entfernten Dorfe die Gastwirt« fchast aufgesucht und dort vom Wirt ein Glas Bier und eine Fahr- karte verlangt. Da man aber heutzutage auf die Alkoholgegner Rücksicht zu nehmen hat, so läßt man die Temperenzler ohne Fahrkarte durch die Staketthür schlüpfen und achtet nur darauf. daß sie sich in Gotha oder Georgenthal ihren Fahrschein nachttäglich kaufen.— Verautwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo., Berlin ZW.