Anterhaltmtgsblatt des Vorwärts Nr. 137. Donnerstag, den 14. Juli. 1904 (Rachdruck verboten.) 32] Im Vater häufe. Socialer Roman von Minna Kautsky. Glaser lachte bei der jugendfrohen Erinnerung und Ferdinand stimmte aus vollem Herzen mit ein. Ein Diener trat ein. „Der Kranz?"—„Nein, ein Brief." Ferdinand er- schrak. Am Ende sagten die Wittes ab. Nein, Gott sei Dank, er war von der Betti— wenn die nicht kam', das war' kein Malheur.„Sie erlmiben schon?" Er öffnete ihn sofort. Sie teilte ihm mit, daß sie einen Bekannten mitbringe, einen jungen Ausländer, den sie von Berlin aus kenne, einen ge- wissen Dr. Jensen.„Ein politischer Oekonom oder ein ökonomischer Politiker, ich weiß nicht recht, was er ist, ich versteh' so was nicht," schrieb sie. „In Berlin haben's von ihm g'redt, als war' er chas Besonderes... ein- Narr ist er g'wiß,— und jetzt hat er mich hier aufgesucht, der dumme Kerl—, weil er das lustige Wien kennen lernen will. Ich Hab' ihm aber gleich gesagt, mein lieber Doktor, das suchen Sie vergebens, das lustige Wien existiert nicht mehr— das lustige Wien war ich. S.itdem mich die Wiener so schlecht behandelt haben, Hab' ich mein' Humor verloren, jetzt bin ich grantig und da is' aus mit der Lustigkeit. Aber das glaubt der nicht, und da ich ihn nicht anbracht Hab', bring' ich ihn mit. Bei Dir, mein lieber Ferdl, ist's noch am fidelsten, da ist noch am ersten was los. Du hast die beste Wiener Köchin— das ist schon was— und a paar hübsche Maderln find't man auch immer bei Dir— also ich hoff'. Du nimmst mir's nit übel, wenn ich einmal einen gebildeten Menschen bei Dir einführ', nachdem ich so oft mit dem Gegenteil aufgewartet Hab', und wirst meinen Freund gut empfangen. Wie immer Deine Betti." Ferdinand warf den Brief höchlichst erzürnt in den Papierkorb. Eine Unverschämtheit! Aber die wird mir so was nimmer mehr anthun, das weiß ich." Glaser stimmte ihm zu. „Die Betti glaubt immer noch, sie kann sich alles er- lauben." „Ich hätt' gute Lust— ich Hab' mich so g'freut auf den heutigen Abend— lauter Intime— und da bringt sie mir einen Fremden—" „Einen Berliner noch dazu—" „Am End' is er gar a Jud'?" „Natürlich, er is ja a Doktor." „Meiner Seel', ich hätt' gute Lust—" Wozu er Lust hatte, brachte er nicht mehr heraus. Der Diener erschien mit dem Kranz, gleichzeitig wurde der erste Gast gemeldet: „Frau Bankdirektor Krämer." „Jossas— die— schon!" stöhnte Ferdinand und faßte sich verzweifelt an die Stirne. Er wußte mit einem Male nicht, wo ihm der 5?opf stand. „Wie kann ich mich denn jetzt zu der hinsetzen, wenn der Kranz—" „Das werd' ich schon arrangieren," tröstete Glaser,„gehen Sie nur." Einen Augenblick später begrüßte Brandt mit Dank für ihr baldiges Erscheinen die nicht schöne aber elegante Frau v. Krämer, die in einer scheinbar einfachen, aber sehr distinguierten Toilette erschienen war. Sie trug über den weißen Atlas einen Ueberwurf von schwarzen, kostbaren Spitzen, das Corsage mit schwarzen Sammetschleifeu und Brillanten geziert: eine Kombination, die auch in der Frisur festgehalten wurde. Das mattblonde, stark gewellte Haar mit der Sammetschleife in tiefstem Schwarz und der blitz mden Agraffe gab diesem sonst so unbedeutenden Gesicht einen pikanten und vornehmen Anstrich. „Sie sind entzückend," versicherte Ferdinand, während er ihr die Hand küßte. „Bin ich Ihnen recht in der Toilette einer Grandmama?" lispelte sie kokett.„Da ich bei einem Junggesellen die Honneurs zu machen habe, muß ich Wohl besonders respektabel—" „Ach, Frida, das sind Sie ja immer. Sie genießen das Renommee einer Heiligen,— man hat wenigstens nie was gehört." setzte er einfältig lächelnd hinzu. Sie gab ihm einen leichten Schlag auf den Arm. „Ferdinand, wie geschmacklos können Sie sein— das versteht sich ja bei einer anständigen Frau von selbst... mein Gatte ist übrigens noch immer ein Othello, wie Sie wissen." „Haha, was weiß ich, Sie haben mir nie erlaubt— übrigens wo ist denn der teure Gatte?" „Ach Gott, der arme Mann, er hat so viel zu thun— wieder eine neue Gründung finanziell zu fundieren. Er arbeitet Tag und Nacht— er wird erst später erscheinen." „Der Mann bringt sich noch um vor lauter Arbeit." „Ich sage es ihm beständig— aber wir brauchen eben viel. Aber nun sagen Sie mir schnell, wen erwarten Sie?" Sie setzten sich einander gegenüber und er begann seine Gäste aufzuzählen, ihr über diejenigen, die ihr neu waren, einige Winke erteilend, um ihre Aufgabe als Stellvertreterin der Hausfrau zu erleichtern. Eine halbe Stunde später kam Betti mit ihrem Gaste angefahren. Die sonst so fesche Soubrette keuchte die teppich- belegte Treppe mühsam aufwärts, so langsam, daß der schlanke leichtfüßige Jexsen Miihe hatte, an ihrer Seite zu bleiben. Dabei plauderte sie unaufhörlich und kam dadurch noch mehr außer Atem: „Wieg'sagt, ein guter Kerl ist dieser Ferdl. Keine hat sich noch über ihn zu beklagen g'habt; höchstens ich in dem Augenblick... Wie so ein reicher Kampel im zweiten Stock wohnen kann, ist mir ein Rätsel.— Ach! mein Beuschel is hin... bleiben wir a bisse! steh'n... Er ist doch nicht geizig? Freilich, sich auf den Müceit spielen, Künstler um sich ver- sammeln, das kost' nit viel. Er füttert sie ab, dafür machen's ihm an Narren vor. Und diese Deppen von Maler fühlen sich noch außerdem verpflichtet, ihm von Zeit zu Zeit ein Skizzerl oder a klein's Bildl zu schenken— als Rekonnaissance... Auf diese Weise hat er schon eine ganze Galerie zusammen- gebracht... Er hat schon so viel, daß er nächstens was los- schlagen wird.— Uebrigens halten sich die beim Essen und Trinken schadlos und beim Tarock erst recht... da ist der Ferdl schwach... Ueberhaupt, schwach kann man sagen in jeder Hinficht... Nie hat er einer guten Freundin was abschlagen können... Glauben's. daß er dafür an Dank g'habt hat? Ka Sptir... Gott sei Dank, jetzt san inir heroben, na, jetzt haben's wenigstens an klon' Begriff von dem Menschen be- kommen, dem ich Sie vorstell'."-: Sie traten ein. Betti übergab ihren Pelz dem Diener und trat vor den Spiegel, ihr Haar zu ordnen. Reich war ihnen auf dem Fuße gefolgt. Jensen faßte ihn ins Auge und ging auf ihn zu: „Darf ich hoffen, daß Sie sich noch meiner erinnern, Herr Reich?" „Natürlich— entzückt, Sie in Wien zu begrüßen, Herr Doktor," rief Reich. Die Herren schüttelten sich die Hände. „Ihr kennt Euch?" rief Betti, die sie durch den Spiegel beobachtete.„Na, ich sag's, die Welt wird immer klaner/ überall trifft man sich wieder." „Gelegentlich meines Berliner Gastspiels bin ich bei der Gräfin Dönhof wiederholt mit Doktor Jensen zusammen- getroffen.. „So— o? Mit Gräfinnen verkehren Sie... Mir haben s g'sagt, Sie wären a Demokrat." „Doktor Jensen ist ein Neffe der Gräfin." erklärte Reich. „Sogar verwandt mit Aristokraten? Wenn ich das dem Ferdl erzähl', haben's bei ihm gleich mehrere Steiner im Brett." „Nur von mütterlicher Seite," erklärte Jensen. Und mit einem malitiösen Lächeln fügte er hinzu:„Mein Vater war ein jüdischer Kaufmann." Betti wandte sich rasch nach ihm um und ihre Stimme dämpfend, sagte sie:„Was müssen's das sagen? Hier dürfen keine Juden herein, sie müßten denn mindestens schon 50 Jahre g'tauft sein, wie der alte Brandt. Na, hören's, mit Jhnern jüdischem Vater haben's mir die ganze Freud' an Ihnen verdorben. Aber wer waß' Sie schauen gar nicht so aus über sein Vater is man ja immer im Ungewissen, wir halten uns an die Gräfin Mutter... da lacht er— da schau', Mundi, was der für prachtvolle Zahn' hat— das war' was für uns, die könnten wir brauchen." „Ich brauche sie auch, und ich denke es Ihnen noch heute zu beweisen," rief Jensen, von dieser urwüchsigen Keckheit belustigt. Weitere Gäste traten ein, darunter ein junger, bild- schöner, aber bis zur Gekünsteltheit geschniegelter Mann, Maler Fuchs, mit seiner ihm kürzlich angetrauten Gattin, die er zum erstenmal hier einführte und die in einer pompösen und daher nicht ganz passenden Toilerte einherrauschte. Er war ein blonder, frischer Arier, sie eine schlanke, bereits etwas welke Dame, mit unverkennbar orientalischem Typus, die trotz der Aufmerksamkeiten, die Baron Brandt, der mit ihnen ge- kommen war, an sie verschwendete, ziemlich verstimmt aussah. Die saure Miene dieser mit Brillanten übersäeten Orientalin erhöhte Bettis Lustigkeit. War's nicht zum Totlachen, daß sich auch hier, bei diesen antisemitischen Brandts, so viel Judenstämmlinge einschlichen? „Bruader, die wirst Du nimmer los." trällerte sie; und in übermütigster Stimmung mit blitzenden Augen trat sie in den Salon. „Da schau', Ferdl, was i Dir bring', was sich an meine Fersen geheftet hat," rief sie dem Hausherrn entgegen:„Das lustige Wien." Ferdinands Stirne entrunzelte sich, er fand sich in der That einer froh gelaunten Gesellschaft gegenüber. Und als Betti ihm den eleganten Doktor Jensen spaßhaft als einen »halbsten Grafen" vorstellte, war ihr alles verziehen, sein Groll geschwunden. Frau Fuchs hatte neben Frau v. Krämer Platz genommen. Sie sprachen in forcierter Lebendigkeit mit ein- ander, dabei ihre Toiletten gegenseitig musternd. Betti warf ihnen einen bösen Blick zu. „Wenn diese Urscheln glauben, daß ich mich zu ihuen setz', dann irren sie sich," sagte sie zu Reich, mit ihm auf und abgehend, wobei sie die Damen fixierte. „Wie g'fallen Dir die Zwei'?— Die eine hat mit ihren Brillanten sich einen Mann gekauft, einen hübschen, das muß man sagen, die andre bringt ihren Mann um, damit er ihr Brillanten kauft. Er kann nicht g'nug verdienen, nächstens wirft was von der großen Defraudation eines Bankdirektors hören, der auf der Börse g'spielt hat. Und das sind die an- ständigen Frauen, die so Protzig dasitzen, vor denen unsereins sich verstecken soll? I krieg' an Zorn, wenn ich sie nur an- schau'... So was Miserables Hütt' i nie z'samm'bracht, so gemein war i nie, Gott sei Dank!" Paul Brandt, sein ironisches Lächeln auf den Lippen, trat zu ihnen: „Worüber ärgern Sie sich denn, liebe Freundin?" »I ärgere mich nit, was glauben's denn— i lach' nur." „Worüber?" „Ueber die tugendhaften Frauen der feinen Gesellschaft, die auf Respekt Anspruch machen. Hahaha! Respekt! Kugeln könnt' sich einer vor Lachen." 20. Kapitel. Ferdinand hatte wiederholt ungeduldig nach der Thür gesehen, endlich waren sie da. Witte in einem ausgeborgten neuen Frack, in weißer Krawatte war eingetreten, ihm zur Seite schwebte das hold- seligste Mädchentrio in einer Wolke aus weißer Gaze, etwas unsicher, etwas verlegen, mit schimmernden Augen und er- rötenden Wangen. Eine Erscheinung, die aller Augen ergötzte. „Wer ist das?" flüsterte man und erteilte sich selbst die Llntwort:„Die Jugend!" Die Vorstellung erfolgte. Witte verbeugte sich stumm, mit dem feinen Anstand von anno dazumal... Die Mädchen knixten und knixten, sie sahen nichts, sie hörten nichts, ihre Herzen klopften zu stürmisch. Der Name Witte ging von Mund zu Mund. Glaser kam mit offenen Armen auf ihn zu:„Witte, mein alter, lieber Junge! Du kennst mich wohl nimmer... Dein Ateliergenosse, der lVlaser!" Witte äußerte das größte Entzücken; die ehemaligen Kollegen schüttelten sich immer wieder die Hände. „Der hat's gut," scherzte Glaser, zu den übrigen gewendet. �Der kann seine schönsten Werke immer mit sich herum- führen." Das Wort gefiel, wie die Mädchen, die bereits in der Lamenecke angelangt waren. lFortsetzung folgt. II (Nachdruck verboten.) Das flnrnfche Land und Volk. Das in den letzten Jahren und erst in diesen Tagen infolge der brutalen Knechtung durch Rußland vielgenannte Finnland ist uns in politischer und kultureller Hinficht durch zahlreiche Publikationen näher bekannt geworden. Weniger ist dies der Fall in geographischer Beziehung; es dürfte daher— zumal bei der eigenartigen Natur des Landes und der Bevölkerung— ein kurzer geographischer Streif- zug, der allerdings nur ein Bild in großen Zügen zu entwerfen der- mag, nicht ohne Interesse sein. Finnlands Flächeninhalt entspricht ungefähr dem von Schott- land, England und Irland, den Niederlanden und Belgien zusammen- genommen. Auf der einen Seite rückt es gegen Norden vor(eine finnische Kirche befindet sich in Otsjoka, 107 Kilometer vom Nord- kap). Auf der andern Seite dringt es als Uferland des Ladoga- Sees im Süden und im Westen fast bis zu den Thoren Petersburgs. In seiner Geologie steht es vielleicht einzig da; denn Finnland hat sich aus der Ostsee erhoben, ja erhebt sich noch immer aus ihr, vom Wasser durchtränkt. Unter dem Grunde des Landes und des Meeres arbeitet still, aber unaufhörlich das unterirdische Feuer. Das Phänomen ist seit lange bekannt, aber seine Messung zu neu und zu unvollständig, um genau sein zu können. Aus Ibvjährigen, in die Strandklippe eingehauenen Merkzeichen glaubt man berechnen zu können, daß die nördliche Küste des Vottnischen Meerbusens sich 1,20 bis 1,70 Meter hebt, die nördliche Küste des Finnischen Meerbusens aber nur 60 Centimeter. Die Hebung nimmt gegen Süden ab, be- trägt an der schwedischen Küste auf dem Breitengrade von Stock- Holm 0 und geht südlich an den Küsten von Skane und Pommern in eine langsame Senkung über. Bemerkbarer sind die Folgen dieser teilweise noch rätselhaften Erscheinung. Das Land bewegt sich, das Meer weicht zurück. Die Ufer werden bloß gelegt, die Senkung nimmt zu, und wo früher Schiffe segelten, schwimmt nunmehr kaum ein Boot; wo der Fischer früher seine Netze warf, da weidet nun seine Kuh auf der Strandwiese. Klippen und Riffe entstehen, von denen früher keine Landkarte wußte, die Riffe erweitern sich zu Eilanden und Inseln. Diese wachsen endlich mit einander und den Ufern zu- sammen. Die Ufer werden erweitert, die Häsen ausgebaggert, die Seestädte werden gezwungen, dem fliehenden Meere nachzuziehen. Mit jedem Mannesalter entsteht ein neues bebaubares Gebiet. Die Erhöhung verändert die Oberfläche des Landes. Das verrinnende Wasser ist in den Thälern zurückgeblieben und hat Seen und Mvore gebildet. Im Anfange waren die großen Seen Meeresbuchten und ihre Mündungen Sunde. Diese Sunde wurden Flüsse und die Flüsse immer reißender. Das aufgehende Eis riß mit der Frühlingsflut Steine von den Ufern und setzte sie dort ab, wo das Flußbett flach war. Daraus entstanden reißende Ströme, welche früher nicht existierten, und die sich fortwährend verändern. Nur wenige der finnischen Flüsse sind gegenwärtig schiffbar und auch diese nur auf kurzen Strecken und an den Mündungen. Die Seen sind der Stolz der finnischen Geographie, aber zu- gleich ihre Verzweiflung, da kein Lehrbuch, keine Karte sie zu zählen oder zu benennen oermag. Beinahe jeder Thalgrund in Finnland ist oder war ein See. Das Matz des Dichters„Land der 1000 Seen" erreicht nicht den fünften Teil der wirklichen Anzahl. Mit Recht sagt das von finnischen Schriftstellern und Künstlern in deutscher Sprache herausgegebene Werk«Finnland im 19. Jahrhundert", daß an Wasserreichtum Finnland nur mit den Archipelagen und den Deltaländern verglichen werden kann. Rings um Finnland, in ihm, unter ihm. wogt das Meer. Ein Teil der Gewässer ist unter die Oberfläche des Landes versunken und hat diese Sümpfe und Moore gebildet, welche dem Ansiedler beständig drohen und ihn beständig anlocken,— heute Frosthöhlen, nach zehn Jahren vielleicht fruchtbare Felder. Die Messungen sind von verschiedenem Datum und das Areal nicht mit Gewißheit bekmmt, aber man glaubt berechnen zu können, daß Moore und Sümpfe am Anfange des 19. Jahrhunderts 28 Prozent des Flächeninhalts des Landes einnahmen und jetzt, am Anfange des 20. Jahrhunderts, nicht 20 Prozent übersteigen können. Der Gräben ziehende Spaten des Arbeiters erobert mehr Land, als das freigebige Meer durch sein Zurückweichen schenkt. Die Seen Finnlands sind nicht wie andre Seen, seine Flüsse nicht wie andre Flüsse. Infolge der langsam anwachsenden Er- Hebung ist hier eine große ruhige Kraft in immerwährender Be- wegung zu einem bestimmten Ziele. Was man in andern Ländern Fluhsysteme nennt, das sind in Finnland Seensysteme, Wasserläufe. Ein Fluß ist hier nur der letzte Sprung des Sees. Und der See wandert wie der Fluß. Eine beständige, leise, oft unmerkliche Strömung verrät seine Wanderlust. Er verzweigt sich, wird schmäler, erweitert sich wieder und begicbt sich bald in einem Sund, einem Fluß, einem Bach, bald in einer brausenden Stromschnelle auf den Weg, den nächsten See aufzusuchen, bis sie alle vereint ein Bett finden, das sie zum Meere führt. Manchmal versperrt eine Höhen- kette, ein Landrücken, eine sandige Heide ihm den Weg. Hat er genug Kraft aus den Frühlingsfluten getrunken, so durchbricht er das Hindernis, vermag er dieses nicht, macht er einen Umweg oder sickert unter der Oberfläche weiter. Von Zeit zu Zeit empören sich die Wasser und verändern das Aussehen der Umgegend. Am 3. April 1830 unterbrach der Längelmänvesi einen Kanaldamm und stürzte in den zwei Meter tiefer liegenden See Roine hinein. Am 4. August 1859 durchbrach der große See Höytiäinen einen andern Kanal- dämm und stürzte sich in den zwei Meter tiefer liegenden See 04/ PhhäseNä. Menschenhände sind fortwährend in Bewegrmg, um diesen Revolten zuvorzukommen oder sie unschädlich zu machen. Man hat berechnet, daß Finnland im Verhältnis zu seiner Größe ein Drittel mehr Binnenwasser hat als Schweden, 3V, mal mehr als Norwegen und die Schweiz, 8 mal mehr als das europäische Rußland, 10 mal mehr als Deutschland und Schottland und beinahe 40 mal mehr als Dänemark, Oesterreich-Ungarn und Frankreich. Infolge der Landerhebung, des Fällens der Wälder und des Aus- trocknens der Moore sind die Wassermaffen in langsamem, aber fort- währendem Abnehmen begriffen. Jedes Jahr werden Seen und Teiche abgelassen oder ausgepumpt, um Land zu gewinnen oder trocken zu legen, aber nicht selten folgt nachher die Reue, wenn der Siedler anstatt des frischen, blauen Sees einen frostbringendcn Sumpf er- halten hat. Die Tiefe der Seen wechselt vom seichtesten Wasser bis zu Thal- schluchten, bedeutend tiefer als das draußen vor der Küste wogende Meer. In der Vorstellung des Volkes find einige Seen bodenlos. In einem Teil derselben ist das Wasser von Lehm getrübt oder durch den Ausfluß der Moore dunkel, in andern krystallhell und cmf bedeutenden Tiefen durchsichtig. Ebenso wechselnd ist ihre Farbe von einem fast schwarzen Wasser bis zu dem grellsten Blau. Die finnische Landschaft ist ein beständiger Wechsel von Bergen, Seen, Wäldern, Höhen, Mooren und Heiden; dazu kommen in den Küstenthälern noch die Ebenen und die Flüsse. Die harte, meilen- weite, mit Heidekraut und spärlich mit Fichten bestandene Sandheide ist für Finnland eigentümlich und wird nirgends in derselben ein- samen Größe wiedergefunden.„Sie ist nicht Wüste, nicht Steppe, nicht Prairie, nicht Todesstille, nicht Lebensfreude und doch mit allem dem einigermaßen verwandt, eine in sich verschlossene Kraft, ein grübelnder Ernst, eine Natur, die in ihren Stimmungen wehmütig weich sein kann, aber ungeteilt sich selber treu sein will. Zur Sommerszeit verdunkelt, zum Winter belebt der Nadelwald die finnische Landschaft. Ter See ist ihre Sonnenseite, ihr Fenster, ihr pulsierendes Blut. Der See ist im Sommer und im Winter ihr freier Ausblick, ihr offener Weg, ihre Mahnung zum Leben. Ohne Seen wäre dieses Land ein Steinhaufen unter Schnee." Das finnische Volk ist nicht weniger interessant als das Land, das es bewohnt. Natur, Schicksale und Traditionen haben dem finnischen Voltsthpus ein gemeinsames Gepräge aufgedrückt, das wohl innerhalb des Landes bedeutend wechselt, von dem Fremdling aber leicht erkannt wird. Der Tavastländer(Hämäläinen) bildet den Kern dieses Volks- typus, der von ihm die am meisten ausgeprägten Züge empfangen hat. Er bewohnt die Landschaften Tavastland, Satakunta, das nörd- liche Nyland und das südliche Oesterbotten mit Ausnahme der Küsten- strecke, und das eigentliche Finnland.>vo eine Kolonisierung seiner nahen Verwandten, der Esthen, ihr Blut und ihre verstümmelte Sprache mit vermengt haben. Er ist grob gebaut, mitunter hoch- gewachsen, muskulös, breitschulterig, mit breitem Gesicht, eingebogener Nase, grauen Augen und hat braune oder flachsgelbe Haare. Der Karele(Karjalainen) bewohnt die Landschaften Karelen, Savolaks und das nördliche Oesterbotten. Im Vergleich zum Tavast- länder ist er schlanker, beweglicher, lebhafter, empfänglicher, un- beständiger, ein eingeborener Dichter und geborener Geschäftsmann. Das Haar ist braun, die Augen grau oder braun, die Glieder schmächtiger, sein ganzes Aeußere offener und zugänglicher. Die schwedische Bevölkerung des Landes bewohnt ganz Aland mit den umliegenden Skären, das südliche Nyland und die Küsten des südlichen Oesterbotten. In den Küstenstädten ist die schwedisch sprechende Bevölkerung zahlreich, in einigen überwiegend. Da die schwedische Sprache mehr als zwei Jahrhunderte lang die Sprache der Bildung gewesen ist, haben viele, die finnisch redeten, ihre Mutter- spräche gegen diese vertauscht, während andre beide Sprachen an- wenden. Das Schwedische der Landbevölkerung wird in den alter- tümlichen Mundarten, welche Spuren der alten norränen Zunge be- wahren, gesprochen. Der Stammtypus, lichtes Haar, blaue Augen, schlanker, hoher Wuchs variiert, aber das beweglichere, hitzigere, frei- wütigere und unbeständigere schwedische Volkstemperament ist leicht zu erkennen. Das Selbstgefühl ist stark ausgeprägt. Seit undenk- baren Zeiten Besitzer fteien Bodens, ist der schwedische Bewohner von Oesterboften geborener Demokrat, und ängstlich um seine Freiheit besorgt; zugleich ist er geborener Holzarbeiter sslöjdare), weshalb er den Ackerbau den kräftigen Frauen überläßt und als Zimmermann in die weite Welt hinauszieht. Der Nyländer, weniger geschickt als Tischler, aber besserer Landmann, ist im Herrendienst nachgiebiger geworden und hat seine Spannkraft verloren. Sein Leben am Bord seines Schiffes, mit dem er Holztransport betreibt, ist ein Wechsel zwischen harter Mühsal und schläfriger Ruhe während des Wartens auf günstigen Wind. Der Aländer ist Seemann, Schiffsreeder, und infolge der steten Berührung mit Schweden, am meisten mit diesem Lande vertraut. Fischer wie alle Küstenbewohner, wagt er sich weiter ins Meer hinaus, als die andern. Der Lappe steht durch seine Sprache, aber nicht an Sitten und Gemütsart dem finnischen Volke am nächsten. Er nennt sich samelads und rechnet sich die Verwandtschaft mit dem Finnländcr als Ehre an, die aber der Finnländer seinerseits nicht anerkennen will, und die bedeutend entfernter ist als die zwischen Karelen und Tavastländern. Ein Haupterwerbszweig des finnischen Landvolkes ist der Ackerbau. Besonders wird Roggen und Gerste gebaut. In gewissen Teilen des Landes, die größere Ebenen besitzen, besonders in Oester? botten, giebt der Acker einen vorzüglichen Ertrag. Aber in vielen ausgedehnteren Strecken ist der Boden keineswegs dankbar, sondern im Gegenteil sehr unfruchtbar. Große waldbewachsene Heiden und Sandrücken durchkreuzen das Land, Sumpf und Moor füllen oft die Thalsenkungen zwischen ihnen. In deren Nähe ist der Frost häufiger zerstört oft in ein Paar Nächten alles, was der Bauer mit Mühe aus der Erde hervorgelockt hat. Es ist daher wohl wenig zu ver- wundern, daß er seinen Roggen lieber höher oben, auf den Ab- hängen der Hügel oder Rücken ansät. Von alters her hat man sich ge- wöhnt, den Wald zu verachten, der dem Bauer eher ein Hindernis als ein Reichtum erscheint. Von alters her hat er daher auch ge- lernt, sich durch die Zerstörung des Waldes Boden zu verschaffen, Durch Brandwirtschaft erhält er ohne allzuviel Beschwerde eine Art Acker. Er fällt den Wald und brennt ihn nieder und sät dann seinen Roggen, wo er ein Stückchen Boden findet, nachdem er den Grund mit einer Art primitivem Pflug, der wie ein Schweinsrüssel zwischen den Steinen des Bodens umherfährt, aufgerissen hat. In neuerer Zeit hat indessen die Gesetzgebung dieses Ausroden des Waldes zu hemmen versucht, und heute wird bereits an vielen Stellen mit modernen Gerätschaften ein rationeller Ackerbau betrieben. Die Jagd, die früher für das Volk Finnlands ein wichtiger Nahrungs- zweig war. hat heute an Bedeutung verloren. Reiche Erträge liefert der Fischfang, besonders der Lachsfang, der auf folgende Weise mit der sogenannten Pata(Lachswehr) betrieben wird. In der Strom- schnelle wird eine geräumige, dreieckige, im Boden mit Bohrlöchern versehene Kammer gebaut; die Basis ist in einen Winkel eingebogen und die Spitze gegen den Strom gerichtet. Der Lachs geht gegen den Strom und findet in dem Winkel eine Oeffnung, durch die er in die geschlossene Pata hereinkommt. Hier findet er die enge Eingangs- thür nicht wieder. Die Pata wird herausgehoben, daß Wasser fließt ab und die Lachse zappeln am Boden, manchmal zu Hunderten auf einmal. Die kräftigeren Fische werden durch einen leichten Schlag auf das Maul getötet und am Strande der Größe nach aneinander gereiht, wonach der Fang gewöhnlich an die bereits wartenden Käufer versteigert wird. (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. or. Die Sommerwohnung.„Aber ich störe wohl?" ftagte Luise. „Nein, wenn ich störe"... Sie kam nicht weiter, die Cousine schob sie einfach in das Wohnzimmer hinein und schloß die Thür hinter ihr zu. „Nichts störst Du, setz' Dich da drüben hm, ich krame einfach weiter und wir schwatzen." „Na ja, wenn Du meinst... aber sonst... Na, zunächst mal guten Tag auch, Kinderl" Sie reichte dem Vetter, der auf dem Sofa saß, die Hand und begrüßte die Nichten und Neffen. Max sprang ihr gleich an den Hals und Emmy untersuchte ihren Pompadour, fand auch richfig die Bonbons, die bei Tante Luise niemals fehlten. Klärchen, die Große, grüßte nur mit einem Kopfincken. sehr geschäftig, sie kam eben mit einem Arm voll Kleider vom Korridor herein. Es sah überhaupt wüst aus im Zimmer, alle Stühle und Tische belegt mit Sachen, alle Schrantthüren aufgesperrt, alle Kästen vor- gezogen. „Ihr habt wohl groß Reinemachen?" ftagte Luise—„aber jetzt im Juli..." „Werde ich groß reinemachen.. fiel ihr die Cousine spöttisch ins Wort:„Wir packen doch für die Reise, wie Du siehst." „Ach. Ihr verreist doch? Wohin soll es denn gehen? In den Harz oder ins Riesengebirge?" „Ins Seebad." bemerkte der Mann trocken.„Seebad Friedrichs- Hägen." „Na. Adolf, laß den Ton." die Frau zog die Augenbrauen hoch und wandte sich dann wieder dem Besuch zu:„In die Sommer» Wohnung gehen wir, ich kann Dir ja nicht sagen, wie ich mich freue. Alles so nett,'ne niedliche Wohnung." „Wohnung ist gut. Stube und Kammer,'n Loch und noch ems, der Vetter war offenbar in schlechter Laune. Die Frau stampfte leicht mit dem Fuß auf:„Aber, Adolf, was Luise bloß denken muß. Wir kriegen'ne sehr niedliche Wohnung, in der Sommerwohnung richtet man sich ein, und aus dem Fenster kann man direkt auf den See seh'n." „Besonders auf die Richtung, wo er liegt." „Ach. Papa, das ist ja gar nicht wahr. Klärchen kam der Mutter zu Hilfe.„Wenn der Wind die Bäume bewegt, sieht man das Waiser ganz deutlich." „Also hoffen wir, daß eS alle Tage stürmt," lachte Luise.„Und Ihr wollt wieder in Sommerwohnung?" „Ja man mutz mal was für ferne Erholung thun", nrckte die Frau,„besonders Adolf, der ist so runter.". „Darum muß er auch die nächsten sechs Wochen n Tag zweimal Eisenbahn fahren, das dient zum Dickwerden." wandte sich der Vetter zu Luise._.„ „Ja. ich kann doch nicht dafür, daß Du ,ns Geschäft mußt, die Frau zuckte die Achseln;„und an die schonen Morgen denkst Du wohl nichr und an die schönen Abende, die..." „Für mich um sieben aufhören und um halb zehn ansangen. � „Ach, Du mußt immer nörgeln!" Sie wandte sich ärgerlich ab und wieder der Cousine zu:„Wir bekommen'n zweifenstriges Zimmer und in die Kammer kann ich den Reisekorb stellen, und denk' mal; ich brauch nur vierzig Mark zu geben's Monat, und sechs Mark für's Reinemachen." „Aber werdet Ihr fünf Mann denn in einer Stube Platz haben?" zweifelte die Cousine. „Och ja— da ziehen wir'ne Gardine und in der einen Hälfte schlaf' ich mit den Mädchen und in der andren Adolf mit dem Jungen. Emmy und Klärchen schlafen in einem Bett. Ja, in der Sommerlvohnung heivt es sich einrichten." „Das dient zur Erholung," sagte der Mann. „Ach Adolf, laß' doch die faulen Witze," die Frau that verächt- lich,„als ob es nicht alle so machen in der Sommerwohnung." „Jawohl, so machen's alle," lachte Luise; es war ein etwas zweideutiges Lachen. „Na, und man ist ja auch nicht im Zimmer, man ist ja meisten- teils im Garten." „Und wir bekommen'n sehr netten Garten," fiel die Frau rasch ein.„Er liegt wunderhübsch, so recht ruhig hinterm Hause." „Ja, Tante, gerade gegenüber von den Ställen," jubelte Max,„und von der Laube kann man die Schweine wunderschön beobachten." „Und auch wunderschön riechen." sagte der Mann. „Ja Adolf, das ist ja nur, wenn der Wind so steht." Die Frau wurde wieder ärgerlich.„Und was redest Du denn," drehte sie sich zu dem Jungen,„das war im Frühling, wo man in den Stall sah, jetzt ist die Laube ganz grün umrankt. Stallgeruch gehört überhaupt zur Laudluft." „Und zur Erholung," sagte Luise und nickte dem Vetter lachend zu. „Nu fang' Du auch an I" Die Cousine drohte ihr und wandte sich dann zu der großen Tochter:„Klärchen, was bringst Du denn da? Den Petroleumkocher? Der wird apart gepackt." „Ach, den nimmst Du auch mit?" fragte Luise. „Na, worauf soll ich denn kochen?" Die Cousine sah verwundert auf:„Wir werden doch nicht etwa fünf Mann hoch essen gehen, das wäre zu teuer. Was kocht mau denn auch groß in der Sonnner- Wohnung?" „Na eben, da hungert man sich durch," lachte der Mann.„Heute Rührei und morgen Koteletten, oder heute Koteletten und morgen Rührei." „Ja, Braten werde ich Dir nicht machen können auf dem Kocher," sagte die Frau spitz,„und noch dazu, wo ich in dem Zimmer koche, wo wir schlafen." „Ach das muht Du auch?' fragte Luise.„Hör mal, das ist ja aber gräßlich. Jetzt im Hochsommer noch dazu. Die LuftI" „Ach das ist auch zur Erholung," spottete der Mann. „Ja gewiß ist es zur Erholung." Die Frau fuhr wütend auf, „arme Leute hausen so's ganze Jahr, und Du willst cS noch nicht mal sechs Wochen... und nun zähl' doch auch mal all das Schöne auf: die Spaziergänge an der Müggel und in den Wald, die rechnen wohl gar nicht? Nein? „Ja. aber hör' mal." sagte Luise,„kannst Du die eigentlich njcht auch von hier aus machen? Wenn Du die Wocbe'n paarmal raus- fährst? Und dann hast Du Deine bequeme Wohnung und Deine geiunden Schlafzimmer und sitzt abends auf'm Balkon nah''m Friedrickshain oder irgendwo in'nein Sommergarten, wo es nicht nach Schweineställen riecht." „Siehst Du!" rief der Mann triuniphiercnd,„siehst Du, das Hab' ich auch gesagt. Und kannst jeden Tag wo anders hinfahren, wenn Du in's Grüne willst." „Jawohl, und es heißt, wir sind in Berlin geblieben. Nein, Kinder, nun hört auf." Die Frau erhob sich mit kalter Verachtung: „'ne anständige Reise kann man schon nicht machen, dann will ich wenigstens auf Sommerwohnung gehen; was würden denn wohl die Bekannten sagen, wenn's heißt, daß wir in Berlin geblieben sind?"— LS. Die Erdbeeren sind in diesem Jahre gut und reichlich ge- raten und haben dementsprechend ungeheuere Mengen höchst gesunder Früchte aus den Tisch fast jedes Haushalts geliefert. Abgesehen davon, daß der Geschmack der Erdbeere fast ohne jede Ausnahme eine große Schätzung genießt, sind von versckiedenen Seiten noch immer Einwendungen gegen ihre Bekömmlichkeit erhoben worden. Manche Leute glauben sie nicht essen zu können, weil sie Nessel- neber davon bekonmien, andre betrachten sie als schädlich für Gicht- kranke. Das letztere Urteil gründet sich aus die Ansicht, daß die Erdbcereu zu viel von gewissen Salze» enthalten, die das Blut alkalisch machen und den Säuregehalt der Ausscheidungen herab- setzen. Diese Frage muß im wesentlichen durch die Chemie entschieden werden. Der„Lancet" hat in seinem Laboratorium jetzt eine ganz genaue chemische Untersuchung der Erdbeeren vornehmen lassen und teilt als Ergebnis folgende Zusammensetzung mit: 89,5 Proz., also fast neun Zehntel Wasser, 1,15 Proz. löslicke Salze einschließlich freier Säuren. 0.14 Proz. Kalk und Eisensalze. 0.8 Proz. Eiweißstoffe. 5,8 Proz. Zucker. 0,15 Proz. ölige Stoffe. 2,48 Proz. Cellulose und Samen. Nächst dem Wasser sind alio freie Säuren nebst sauren Salzen, Zucker und Faserstoffe die Haupt- bestandteile. Die gesamte Säure, als Essigsäure berechnet, belauft Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: sich auf 0,82 Proz.; an Wasser enthält eine Erbbeere einen größeren« Betrag als Milch, was auf den ersten Blick unglaublich erscheint, weil doch die Erdbeere ein fester Körper ist und Milch eine Flüssig- keit. Auf einen eigentlichen Nährwert der Erdbeere kann freilich kaum gerechnet werden, außer vielleicht in Rücksicht auf den Zucker. der die Hälfte der gesamten festen Bestandteile bildet. Dieser Zucker ist immerhin bedeutsam, weil er Fruchtzucker dar- stellt, der von Zuckerkranken leichter aufgenommen wird als jeder andre Zucker, so daß Erdbeeren sogar häufig den Pattenten verschrieben werden, die an einer milden Form jener Krankheit leiden. In der Hauptsache werden die Erdbeeren mehr wegen ihres Saftreichtums, ihrer Süße und ihres Geschmacks, als wegen eines etwaigen Nährwerts genossen. Die in ihnen enthaltenen Salze wirken zweifellos leicht abführend, während die unverdaulichen Samen- und Faserstoffe, wenn sie in großen Mengen aufgenommen werden, die Thätigkeit der Gedärme anregen sollen. Die Mineral- salze der Erdbeeren berge» eine ziemlich große Menge von Kali. Phosphorsäure und Eisen, so daß das Lob der Erdbeere als eines Mittels zur Nervenanregung nicht ohne vernünftigen Grund ist. Der Farbstoff der Erdbeere ist sowohl rn Wasser wie in Alkohol leicht löslich und die Lösung ergiebt ein eigentümliches Absorptionsspektrum, das ein dunkles Band in der grünen Zone aufweist. Dieser Farbstoff enthält Eisen in einer organischen Form. Gerbsäure hat wenig oder gar keine Wirkung auf die Erdbeeren, so daß Erdbeertee mit Recht für bekömmlich gehalten wird. Durch Experimente ist nachgewiesen worden, daß Erdbeeren sich leicht in alkalischen Lösungen zersetzen, demnach wohl auch leicht in den alkalischen Verdauungsfäften der Einaeweide. Nur die Samen werden nicht von solchen Lösungen angegriffen und überhaupt von dem Körper unverdaut wieder ausgestoßen. Das aus der Erdbeere zu gewinnende Oel hat einen überaus angenehmen Geruch und seine Menge ist im Vergleich zum Gewicht der ge- trockneten Frucht nicht unbeträchtlich. Unreife oder verdorbene Erdbeeren haben einen viel höheren Gehalt an Säure als die gesunde Frucht, eine Thatsache, die eine Erklärung dafür bietet, daß das Essen solcher Erdbeeren Durchfall und Kolik erzeugt.— Humoristisches. — Der Weg zum Erfolg.„Guten Tag, lieber Kapell- meister, was machen Sie Schönes?" „Gutta Tack, mille gracie for das Nachftack. Ick machen gutt." „Ja, ums Himmelswillen, sind Sie denn verrückt geworden? Sie sind doch aus Quedlinburg und sprechen auf einmal g e- brachen deuts ch." „Si, mio, amico— das sein sso: Ick haben eine Opera eingereicht an die Köniklische Operhaus, und damit sie wird angenommen, ick sprechen deitsch wie ein Jtaliano."— — Maßstab. T o u r i st:„Sagen Sie mal, Frau Wirtin, kann ich vielleicht zwei Handtücher bekommen?" Wirtin:„Ja, wollen Sie denn den ganzen Sommer hier bleiben?"— — An der Haltestelle. Berliner Mädel:„Ach. Sie könnten mer wol sagen, mit welchem Wagen komme ick am besten nach'm Schle'schen Bahnhof?" Herr:„Da müssen Sie den(J-Wagen benutzen." Mädel:„Fahren Se doch a lle en e mit'n K u h w a g e n, Sie Ochse I"- („Lusttge Blätter".) Notizen. — Bruno E l b o s fünfaktiges Dranra„ I r m i n f r i e d" er» zielte bei der Erstaufführung im Leipziger Stadt-Theater einen Achtungserfolg.— c. Im New D orker Zoologischen Garten sollen Ateliers für Künstler errichtet werden.— — Der größte Baum Deutschlands ist eine Weiß- t a n n e im Gemeindewalde der schwäbischen Schwarzwald- Stadt Schwenningen: sie führt den Rainen H ö l z l e s- k ö n i g. Eine am Stamm der Tanne angebrachte Tafel trägt folgende Aufschrist:„Württembergischer Schwarzwald bei Schwenningen. Größte Tanne Deutschlands: Gesamthöhe 43 m; bei Im Hohe 2m Durchmesser und gm Umfang, bei 30m Höhe 360 om Umfang. Kubikinhalt des Stammes 44übm. Alter etwa 350 Jahre."— — Frauen i in P o st d i e n st früherer Zeiten. Im Archiv des Reichspost-Museums finden sich die Bestätigungen zweier Postvcrwalterinnen aus den Jahren 1744 und 1748, eigenhändig ausgestellt vom Fürsten Alexander Ferdinand von Thurn und Taxis. Eine dritte Urkunde von 1779 bestätigt die Ernennung einer Frau zur Posthaltcrin in Warendorf.— — In trockenes Pergamentpapier verpackte Butter hält sich acht Tage länger als Butter, die in feuchtes Papier ein- gehüllt ist; die in feuchtem Papier aufbewahrte Butter erhält bald einen schlechten Geruch, besonders an der Oberfläche, wo das Papier ausliegt.— Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer lkCo.,VerlinLW.