Nnterhaltungsblatt des Worwärks Nr. 138. Freitag, den 15. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) ssz Im Vaterkau se. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Tini war unterwegs geblieben. Der Baron und Paul waren auf sie zugetreten, Fuchs folgte und andre; einige Augenblicke später war sie umringt. Der eine hatte sie auf der Bühne gesehen, der andre die Notiz über sie gelesen, man war neugierig, man befragte sie. Paul spottete über ihr Lampenfieber, das länger gedauert habe als ihre Rolle... Sie antwortete nach allen Seiten munter und schlagfertig. Sie war voll Leben und wußte zu beleben. Ferdinand strahlte vor Vergnügen... Das war ihm einmal gelungen. Er stellte Betti die Fräuleins Witte vor. „Erinnern Sie sich noch der hübschen Kinder beim geraden Michel?" fragte er sie. Betti musterte die jungen Dinger strenge, mit Neugier und Verwunderung. „Was wollt's denn Ihr da, wie kommt's denn Ihr da herein?" schienen ihre Augen zu fragen. Doktor Jensen stellte dieselbe Frage an sich:„Wie kommt dieser Duft, diese prangende Jugendfrische unter diese Verlebten?" Dann trat er rasch auf Betti zu und bat sie, ihn mit den Damen bekannt zu machen. Er hatte neben Luise Platz genommen und als diese schüchtern zu ihni aufsah, begegnete sie schönen, sympathischen Augen. Das that ihr wohl, ihre Beklemmung verschwand. Jensen hörte, daß sie zum erstenmal hierher kamen, uin ein Bild ihres Großvaters zu sehen: ein Wort gab das andre — er blieb respektvoll in seiner Neugier, aber sie legte in naiver Offenherzigkeit ihm genaue Rechenschaft ab über ihre Beziehungen zu diesem Hause. In merkwürdiger Naschhcit war ein Ton der Vertraulichkeit zwischen ihnen hergestellt. „Das ist Wiener Art," dachte er. Er war gefesselt, ent- zückt, er konnte kein Auge von ihr abwenden: da bemerkte er ihr plötzliches Erröten und auch die Ursache desselben. Reich war von rückwärts an sie herangetreten. Sie konnte ihn nicht sehen, sie fühlte seine Nähe. Sie zuckte zusammen, als er neben sie trat. „Entschuldigen Sie, lieber Doktor, daß ich störe," sagte Reich.„Ich habe Auftrag, das Fräulein zu führen. Das Bild ist aufgestellt... Wir wollen es uns ansehen." Er bot ihr seinen Arm. Die Mehrzahl der Gäste war dem Hausherrn in das kleine Eckzinimer gefolgt, wo der„echte Witte" auf der malerisch dekorierten Staffelei in elektrischer Beleuchtung prangte. Und nun begann die Komödie: Glaser pries laut, was er innerlich verhöhnte: er sprach von dem Nachruhm des- Mannes, den man längst zu den Toten geworfen, und gratulierte dem Hausherrn zu dieser wertvollen Erwerbung. Und dieser lächelte, dankte, pflichtete bei, aufs höchste belustigt, daß die Fopperei so gut gelang. Auch Witte wurde beglückwünscht, sie kamen der Reihe nach,»m ihm die Hand zu drücken. Jeder wußte etwas von dem berühmten Witte zu sagen.' Es war rührend, fast zu viel fiir den armen Teufel, der, stets vom Schicksal verfolgt und herabgedrückt, sich plötzlich in einem solchen Hause, bei solchen Freunden, einer solchen Ehrung gegenüber sah. Sie machte ihn ganz konfus und seine Dankbarkeit tvar voll Demut. Die Mädchen sahen fröhlich und sieghaft aus. Was dem Großvater zu teil wurde, nahmen sie fiir den Vater in Anspruch. Er verdiente es, und in der Exaltation ihrer Jugend sprangen sie ihm an den Hals und küßten ihn ab. Die Herren traten näher.— Ach, diese frischen Lippen, die konnten küssen! Sie leckten die ihren, sie hätten zu gern auch etwas davon abbekommen. „Wie kokett diese Fräuleins sind," flüsterte Frau Fuchs entrüstet ihrem Manne zu, dem die?lugen förmlich aus dem Kopfe standen.„Sie küssen den Vater, um auch zu reizen, aber man merkt die Absicht und—" Sie blickte ihn an und zornig zischte sie ihm zu:„Dich scheint sie allerdings nicht zu ver- stimmen." Doktor Jensen stand seitwärts in stummer Beobachtung des Vorganges. Was bedeutete das? Er begann das Spiel zu durch- schauen und es empörte ihn unsäglich. Alle Gäste waren hereingekommen, auch Bankdirektor Krämer, ein dünnbeiniger, glatzköpfiger Elegant, der soeben erst eingetroffen war. Auch er wollte Großvaters Bild sehen. Es zeigte eine blühende Wiese, mitten darin zwei Mädchen, jugendliche Gestalten, die in unbekümmerter Lust dieselbe ge- plündert hatten; sie konnten der Blumen wohl nicht genug haben. Jede trug davon einen Kranz am Kopfe, einen großen Strauß in der Hand; aber schon nahte mit raschem Schritt das Verhängnis in Gestalt eines alten Bauern, der drohend seine Faust gegen sie schwang. Die ertappten Sünderinnen ergriffen Seite an Seite mit ihrem Raube die Flucht. Diesen Moment hatte der Künstler festgehalten und, um den Vorgang lauter und sinnfälliger zu gestalten, hatte er zwei niedliche langschwänzige Eidechsen, die sich gesonnt, von dem Lärm aufgeschreckt über den Weg huschen lassen. Mai, fand den Entwurf reizend, ganz allerliebst. „Es ist, als hätte der Großvater in diesem Bilde seine Enkelinnen vorausgeahnt," behauptete der Bankdirektor, der ihre Aehnlichkeit mit den Blumcnpflückerinnen frappant fand. Man widersprach— man stimmte ihm zu— aber alle nahmen mit Vergnügen den Anlaß wahr, die Mädeln anzugaffen, sich an ihrer Verlegenheit zu weiden. Ferdinand wollte wissen, welche auf dem Bilde von beiden die schönere sei. Man lachte und examinierte aufs neue. „Die Wahl sei schwer," behauptete Maler Fuchs, der immer nur die Mädchen und nie das Bild betrachtet hatte. Reich räusperte sich. „Reich soll entscheiden," riefen sämtliche Damen wie aus einem Munde. Dieser wehrte sich gegen das Richteramt. Dann, wie einer plötzlichen Eingebung folgend, mit einem schelmischen Blick auf die Schwestern, die sich hocherrötend aneinander drängten, sprach er langsam, als wäre das herrliche Epigramm Goethes seinem eignen Fühlen entsprossen, in feiner Nuancierung, so daß jedes Wort seine Bedeutung erhielt: „Zwei der feinsten Lacertcn, sie hielten sich immer zusammen, Eine beinahe zu groß, eine beinahe zu klein. Siehst du sie beide zusammen, sc wird die Wahl dir unmöglich. Jede besonders, scheint einzig die schönste zu sein." Er verbeugte sich vor den Schwestern in lächelnder Grazie. Allgemeines Entzücken! Man applaudierte dem Künstler, Wie geistreich, wie fein war das Kompliment, und geradezu wunderbar hatte er die Worte gesprochen, einen Ausdruck hineingelegt! Einzig! Das konnte nur Reich! Jetzt wußte man endlich, wen man zu lobei, hatte, ohne sich eine Blöße zu geben, und die Damen machten in enthusiastischer Weise davon Gebrauch. Reich wehrte ab, wie ein König lästige Huldigungen, während sein Blick das erglühende Mädchen traf. Luise er- schauerte in Seligkeit. „Sic üben ja förmliche Hypnose an dem süßen Geschöpf," sagte Doktor Jensen zu Reich, als sie im Nebenzimmer sich fanden.„Ist das erlaubt?" Er sagte es in jenem scherzhaft frivolen Ton, der in der Gesellschaft zum guten Ton gehört. Reich antwortete in gleicher Weise:„Ach Gott, der sagen ihre Instinkte mehr als meine Augen, da ist schon alles wach und lebmdig... Man inöchte da immer beten: Führe uns nicht in Versuchung." „Sie Aermster, Sie halten sich wohl für verloren?" „Sie fragen mich mehr,, als ich selbst weiß," entgegnete der Schauspieler mit gutem Humor, da er wohl merkte, wie sehr er die Eifersucht dieses Herrn erregt hatte und in absicht- lichcm Uebcrschwang rief er:„Ach, wenn man so eine kleine wilde Ehe»eingehen könnte, es wäre herrlich!" „Für Sie." „Für uns beide. Ich bitte Sie, wer verlangt denn heut- zutage nach einer Ehe auf Lebenszeit? Ist sie nicht ein Schrecken für jeden, für Mann und Weib? Je verfeinerter und nervöser unsre Naturen sind, um so unerträglicher wird daS Joch. Die Ehen werden geschlossen, um gebrochen zu Serben... Wer wirb mutwillig solche Katastrophen herauf- beschwören? Andrerseits ist's nicht eine Sünde gegen die Natur, daß sich so ein liebes Mädel in Sehnsucht verzehrt, in fruchtlosem Harren, während ein Kerl, wie ich, Marienbader Wasser trinken muß und strenge Radtouren absolvieren, um sich herunter zu bringen?" „Sie werden sich damit von dem überflüssigen Fett refreien." Der Schauspieler überhörte diese Bemerkung und fuhr fort: „Glücklicherweise macht mir der Sport viel Vergnügen. Ich behaupte, das Rad ist ein ebenso großer Genuß wie ein Weib." „Sehr erfreulich, da wären Sie ja im Moment ungefährlich?" Reich hob den Kopf und sagte mit lustigem Blinzeln: „Gefährlich bin ich immer, das ist mein Beruf." Im Saale schwirrten die Stimmen immer lauter durch- einander. Alles sprach, alles lachte. Man suchte durch eine erkünstelte Lustigkeit sich gegenseitig zu animieren, zur Wiszig- keit anzuspornen. Gusti ersah den Moment, wo sie sich an ihren Vater herandrängen konnte, um ihm zuzuflüstern:„Ach Vater, wann werden wir denn essen? Ich bin so hungrig, mir ist schon ganz schlecht." Er tröstete sie, es könne lange nicht mehr dauern. Auch ihm knurrte der Magen, trotzdem er in be- friedigter Eitelkeit schwelgte. Ferdinand ging von einem zum andern, wie vorhin in der Küche, neugierig, naschend, Trivialitäten erhaschend. Er rieb sich die Hände, er war über die Maßen vergnügt: Man unterhielt sich bei ihm— er unterhielt sich selbst— es war famos! In einer Ecke am Fenster erfreuten sich Tini mit dem alten Brandt eines ungestörten Tete-a-tete. Er sprach lebhaft in sie hinein, sie replicierte nur kurz, denn sie erstickte fast vor Lachen. Paul und Bankdirektor Krämer standen unweit davon und der letztere erörterte eingehend die Schwierigkeiten seiner neuesten Finanzoperation. Paul nickte stumm ihm zu, während sein Ohr aus Tinis junges, herzerfrischendes Lachen horchte, das seinen kranken Nerven wohl that. Aber seine Brauen blieben gefurcht, er sah nur gereizter und verdrießlicher aus. Als einmal sein Blick das ungleiche Paar streifte, lächelte Krämer, er glaubte ihn zu verstehen.„Der Baron ist unverwüstlich... vor dem können wir Jungen un-Z verstecken... geben Sie acht, der wird Ihnen noch Streiche machen." Paul zuckte vornehm die Achseln und trat hinweg, den Vankdirektor im Bewußtsein seiner Revue zurücklassend. „Bringen Sie doch den alten Herrn nicht so ins Feuer," scherzte Paul, als er einige Minuten später an Tinis Seite trat.„Das ist nicht edel. Sie flattern ihm doch davon, und er hat das Nachsehen." Es war ein feindlicher Blick, den Vater und Sohn mit- einander tauschten. Tini aber rief fröhlich:„Das ist schön, daß Sie mich auch bemerken, setzen Sie sich nur her. Wissen Sie schon, ich Hab' eine Rolle in dem neuen Stück." „So— ah!" „Nur zwei Sätze Hab' ich zu sprechen, aber ich stell' was vor. Bin eine Marquise de Gondreville. In was für einem Kostüm muß ich erscheinen?" wandte sie sich an den Baron. „Im Empire-Kostüm." „Gondreville— Empire," wiederholte sie, die Nasen- laute karikierend.„Gon. gon— Em Em— is so recht?" Sie lachte wieder.„Mir thut schon die Nase weh, vor lauter Französisch."—„Aber sagen's mir. is's wahr, daß das Kostüm so häßlich ist, wie der Baron mir g'sagt hat?" lFortsetznng folgt.), lNnchdnill verboten.) Das fmmlchc Land und Volk. l Schluß.) Eigentümliche Fischgerätschaften sind Korbnetze aus Weiden- zweigen, die in den Stromschnellen angebracht'werden, um Neunaugen zu fangen, und eine Art Fischzäune aus Latten skatschor), die in den See hinaus gebaut werden. Hier, wie in der Pata, sucht der Fisch vergebens einen Ausgang. Eine sehr beliebte Fangart war bis vor kurzem das Stechen der Fische bei Fackellicht. Das Boot gleitet an dunklen Herbstabenden lautlos auf dem seichten Wasser dahin und trägt an seinem Bug ein hell leuchtendes Fackel- licht. Den auf dem Boden ruhenden Fisch blendet der Schein des Lichtes und man überrascht ihn durch einen tödlichen Schlag mit einem spitzen, gabelförmigen Eisen. Ein neueres Gesetz hat das Stechen des Fisches während der Laichzeit verboten. Auch Krebse werden bei Fackcllicht gefangen, am Tage mit Stangennetzen und Köder. Russische Soldaten haben eine drollige Fangart eingeführt. Ein Junge watet barfuß im Bache, den Boden vorsichtig mit den Füßen untersuchend. Der in seiner Ruhe gestörte Krebs packt mit seiner Schere die Zehe, der Fuß wird aufgehoben und der Krebs ist gefangen. Ein großer Teil der Bevölkerung betreibt das mühsame. oft lebensgefährliche Gewerbe des Holzflößens. Die im Winter der Axt des Holzhackers zum Opfer gefallenen Stämme werden vor dem Frühjahr an die Wasserläufe gebracht, und dann zu Tausenden zu Flößen zusammengekettet, die dann auf den Binnenseen mit Schlepp- dampfern weiter geführt werden, auf den Flüssen und Strömen treiben dagegen die Stämme frei mit dem Strome. Monate hin- durch wohnt der Flößer in seiner provisorischen Hütte aus dem Floß. Bald wird dieses vom Sturme auseinandergetrieben, bald geraten die Stämme auf Steine oder an das Ufer des Flusses. Diese Flucht- linge müssen wieder gesammelt und in den richtigen Kurs zurück- gebracht werden, aber mancher Stamm sinkt unter und gefährdet durch sein cmporstehendcs Ende die Schiffahrt. Ter Uferbesrtzer pro- testiert, der Fischer protestiert, die Fahrwasser werden versperrt. Ufer und Wasser werden von Baumrinde verunreinigt. Die Gesetzgebung hat zwischen diesen einander widerstreitenden Interessen zu ver- Mitteln gesucht, aber nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Endlich, nach einjähriger Fahrt, hat der Stamm des Waldes die Sägemühle erreicht. Hier gelangt nun die Föhre der Wildnis unter die Zähne der Säge und wird zu Brettern, Planken und der- gleichen verarbeitet. Die Erzeugnisse der Sägemühlen iverden nach Westeuropa und nach dem Mittelmeer verschifft. Die Bearbeitung des Holzes zu Holzmasse, Papier und andern wertvollen Artikeln gehört der Fabrikindustrie an. Finnischer Teer geht nach Deutschland, England und Süd» Europa. Er wird nach neuerer Methode in Oefcn fabriziert. Die ältere, noch gebräuchlichere Art, den Teer in Meilern zu bereiten, nimmt drei Jahre in Anspruch. Im ersten Sommer wird ein schmaler Streifen von der Rinde der Kiefer herausgeschält. Das Harz sickert hervor. Im folgenden Sommer wird der größte Teil der Rinde abgezogen, so daß nur noch ei» schmaler Rand den Baum am Leben erhält. Im Winter darauf wird der Baum gefällt, ge- spalten, getrocknet und im Frühjahr in einer runden, trichterförmigen Grube(Teerthal) aufgeschichtet, die mit feuchter Erde bedeckt und nachher in der Peripherie des Thales angezündet wird. Viel Aufmerksamkeit ist da Tag und Nacht erforderlich, wenn der in seinem Innern glühende Meiler nicht in Flammen auflodern soll. Nach vier Wochen ist das Harz in Teer verwandelt, das durch die Oesfnung des Trichters in darunter angebrachte Tonnen herab- fließt und, je nach dem Harzgchalt und der geluiv neu Verbrennung des Holzes 10, 20, 30 oder mehr Tonnen Teer liefert. Die Preise wechseln nach den Notierungen des Auslandes und werfen oft einen knappen Tagelohn, aber nichts für das Material ab. Auch Pech wird durch Kochen von Teer bereitet. Ein großer Teil der öster- bottnischen Wälder ist den Teergruben zum Opfer gefallen. Eine eigentümliche Industrie in Finnland ist die Birken- industrie. Sic ist ein besonders interessanter Ueberrest aus der ältesten Zeit. Die Verwendung der Birkenrinde für allerhand Zwecke ist in Finnland weit verbreitet. Wohin man auch auf der Reise kommt, überall sieht man das Bauernvolk in Rindenschuhen, die sie selbst anfertigen. Die Borke wird in großen Stücke» von den Birkenstämmen abgeschält; daher müssen diese in den finnischen Wäldern sehr oft ihre schöne, weiße Tracht ablegen; die Rinde wird dann in breite Streifen geschnitten und in ordentliche Knäuel oder Rollen von etwa 30 Ccntinietcr oder mehr Durchschnitt aufgewickelt. um so für den gelegentlichen Gebrauch verwahrt zu werden. Ge- braucht nun der finnische Bauer ein Paar neue Schuhe, so nimmt er eine Rolle aus seinem Magazin, schneidet die Streifen zu passender Breite, gewöhnlich 3 bis 5 Eentimeter, weicht sie, um sie geschmeidiger zu machen, in Wasser ein, und flicht sie ganz kunstgerecht zu der ge- wünschten Form zusammen, oft in erstaunlich kurzer Zeit, in einer halben Stunde oder weniger. Auch Gegenstände, wie Messerscheiden, Taschen, Ränzel, 5lörbe. kleine Flaschen, eine Art Schwämme, Schachteln, Dosen, Siebe usw., verfertigt der Finne mit viel Geschick aus Birkenrinde. Das finnische Haus— wir folgen hier wieder dem schon ge» nannten Werke— ist au? bchauenen Stämmen gezimmert, hat eine oder mehrere Seitenkammern und wird in einigen Landschaften durch einen nach beiden Seiten mit einem Ausgang versehenen Korridor in zwei Hälften geteilt. Gutsgcbäuden ähnliche zweistöckige Häuser baut nur der Großbauer in Oesterbotten. streicht sie mit Oelfarbe an und reserviert den gewöhnlich unbewohnten oberen Stock für Gastmähler. Die gebräuchlichste Farbe ist aus rotem Eisenstaub gewonnen. Je nach der Anzahl und Höhe der Fenster kann man auf das Bedürfnis nach Licht und Aussicht schließen. In dem größten Teile des mittleren, östlichen und südlichen Finnland kommen die Fenster nur spärlich vor und sind klein, zeigen aber doch eine Tendenz, sich zu vergrößern. In dem westlichen Teile des Landes nehmen sie größere Dimensionen an und werden in Oesterbotten so dicht und hoch, daß sie das Haus durch Lustzug auskühlen. Eine andre Ventilation hält man für überflüssig. Fensterscheiben kamen erst im 13. Jahrhundert allgemeiner in Gebrauch. Sie waren zuerst so selten, daß ein Bauer in Savolaks, der sich diesen raren Haus- schmuck verschafft hatte, fortwährend am Fenster sah, um den Vor- übergehenden zuzurufen, dah sie sich ja in acht nehmen sollten, die Hand durch die Scheibe zu stecken. In der regelrechten, geräumigen Stube, dem Hauptraum des Hauses, versammelt sich die Familie zu den Mahlzeiten und während der dunklen Zeit des Tages, die Männer bei der Holzarbeit, die Frauen beim Spinnen, beim Karden der Wolle und bei andern häuslichen Beschäftigungen. Auch Zeitungen dringen jetzt in die Geselligkeit des Bauernhauses ein. In dem grohen, offenen Herde mit seinem Backofen prasselt ein Feuer aus Holz- scheiten. Zur Beleuchtung dienen brennende Kienspäne(Pertor), die bei Bedarf in die Wandspalten gesteckt werden und deren mau sich auch, oft mit bösen Folgen, in den Stallungen des Hofes bedient. Bei feierlichen Gelegenheiten leuchtet an der Decke eine kunstreiche Laterne aus Holzspänen. Zu Hause gegossene Talglichter stellt man den Gästen hin. Unter der Decke hängt Holzmaterial zum Trocknen, und lange Stangen, an welchen runde Roggenbrote, durch ein Loch in der Mitte des Brotes, aufgereiht sind. Zum Hausgerät gehören der grohe bemalte Ehtisch, die Betten, gewöhnlich zwei übereinander, mit ihren bunten, kunstreich gewobenen, wollenen Decken für den Hausherrn, die Hausfrau und die betagten Hausgenossen, sowie die breiten Bänke für die übrigen; auch auf dem Ofen sucht der Häusler gern seine Schlafstätte auf. In einem kleinen Cckschrank verwahrt man die Bibel, das Gesangbuch— und das Geld. Die Wanduhr, oft in bunt bemaltem Schränkchen, darf nicht fehlen; die ebenso bunt bemalte Kleidcrkiste steht in der Nebenkmnmer oder au>f dem Boden. Unter der Diele befindet sich ein kleiner, mit einer Luke ver- schlossener Keller; Vorratskammern und Kartoffelkeller befinden sich auherhalb des Hauses. Sonstige Nebenräume sind der Pferde- und Viehstall, Getreidedarre», Heuscheunen und die nicht weniger wichtige Badstube, mit ihrem heißen, von den Steinen des Ofens empor- steigenden Wasserdampf. Auf der oberen Schwitzbank derselben peitschen sich die Badenden mit nassen Besen, und diese Bäder ge- hören zu den beliebtesten Genüssen des Volkes. Im ganzen Lande badet man jeden Sonnabendabend, während der Ernte und des Dreschens jeden Abend, und in einigen Gegenden baden Männer und Frauen gemeinsam, ohne dah man daran Anstoh nimmt.. Einige haben die Gewohicheit, nach dem Bade nackt durch den Schnee in das Haus zu laufen. Das Pferdegeschirr und die Boote sind in den ver- schiedenen Landschaften verschieden. Das älteste Fuhrwerk, purilo, das aus zwei an den Enden gebogenen Stangen, die mit Zweigen zusammengebunden waren, bestand, ist jetzt selten, aber man benutzt noch ein primitives Gespann aus krummen Baumwurzeln(skacklor) für Fuhrschlitien aus holprigen Waldwegen. An Riemenzeug und Karren entwickeln die Wohlhabenden ihren Lurus. Das Segelboot des Küstcnbewohners ist für die Stürme der Ostsee berechnet, aber an der Südküste und teilweise auf den Vinnenseen bedient man sich eigensinnig der flachen, auf seichtem Wasser gehenden, meist leckenden Nachen. Doch zieht man an den meisten Binnenseen lange, schmale, schotenförmige und sehr schwankende Boote vor, da sie die leichtesten sind Die großen Kirchenbootc in Tavastland und Savolaks, die mit 16 bis 26 Paar Rudern vorwärts getrieben werden und manchmal bei der Fahrt zur Kirche bis zu 100 Personen aufnehmen müssen, sind Gegenstand des Stolzes und des Wetteifers der ganzen Dorf- schast. Die Dorfjugend sieht es als ihre größte Ehre an, mit einem solchen Boote im Wettrudern zu siegen, und man opfert, um die möglichst größte Geschwindigkeit zu erreichen. Hunderte von Eiern, mit deren Weiß man das Boot von unten glatt streicht. Bei seiner Liebe zur Einsamkeit und llnabhängigkeit baut der Finne seinen Hos gerne auf einen Hügel am Strande; aber in dicht bevölkerten Gegenden findet man grohe, stadtähnliche Dörfer, in denen es Kaufläden, Postexpcditionen, Apotheken, Handwerker, Feuer- wehr. Marktplätze, Schulen, Lesezimmer und Vollsbibliothcken giebt. In diesen Dörfern gestaltet sich das häusliche Leben beweglicher. Als ein Beispiel für die Lebensweise des Landvolkes im Finn- land wählen wir die Schilderung des Stockholmer Profeß'ors Rctzius, der seine Beobachtungen in Tavastland gemacht hat. Man steht dort (im Sommer) mit der Sonne aus, oft um 2 Uhr, ißt ein Frühstück von Roggenbrot, oft mit gesalzenem Fisch, und trinkt saure Milch oder Rapakalja dazu. Diese Mahlzeit wird eine genannt. Darauf geht man an die Arbeit. Zwischen 8 und 9 Uhr geht man nach Hause zurück und hat dann eine warme Mahlzeit, bestehend aus Pell- kartoffeln oder Roggcnmehl- oder Gerstengrütze oder Fischsuppe mit Kartoffeln oder endlich einen Brei von saurer Milch, Gerstenmehl, Roggenmchl und Wasser. Diese Mahlzeit heißt a a m i a i n c n. Dann schläft man eine Stunde; darauf geht man wieder an die Arbeit. Ungefähr um 2 Uhr wird Mittag gegessen, das murtina oder päivällinen genannt wird; dabei giebt es keine warmen Speisen, ebensowenig Butter— ausgenommen an Sonntagen—, sondern nur Roggenbrot und gesalzenes Fleisch und die essigsaure Milch. Am Sonntag leistet man sich oft auch etwas Butter, saure Sahne, bis- weilen Beeren, hin und wieder ein wenig gesalzenes Fleisch. Dann schläft man wieder eine Stunde, worauf man bis 9 oder 10 Uhr arbeitet. Das Abendbrot, i t a i n e n, besteht aus Roggenbrot und gesalzenem Fisch, Kartosseln, Brei. Grütze u. dergl. Darauf geht man zu Bett. So ungefähr ist die einfache Hausordnung des finnischen Landvolkes im Sommer. Im Winter ist der Unterschied nur der, daß man um 6 Uhr morgens aufsteht und um 6 oder 7 Uhr abends schlafen geht, die Essenszeit und Gerichte, sogar inklusive der sauren Milch, sind im übrigen dieselben. Für die ärmste Bevölkerung indessen, die in den sogenannten„Einöden' in Rord-Tavastland und in gewissen Teilen von Karden wohnt, ist dieser Speisezettel noch «in unerreichbarer Luxus. Hier muß man froh sein, wenn man seinen Hunger mit der dicken Grütze von Roggenmehl und der essig- sauren Milch stillen kann. Vielleicht ist man geneigt, eine solche Schilderung für übertrieben zu hallen.„Ich konnte mich aber," fährt Retzius fort,«auf meiner Reise bei mehreren Gelegenheiten von der Wahrheit derselben überzeugen. So geschah es z. B., daß ich in einem Hause in einem der abgelegenen Teile des Landes von der ganzen Familie nur drei Kinder zu Hause fand, von denen das älteste etwa über sechs Jahre alt war; ihm war der Schutz der andern übertragen, denn die Eltern waren für die ganze Woche mehrere Meilen weit fort auf Arbeit, und wurden erst"nach mehreren Tagen wieder zurückerwartet. Auf dem Tisch bei den Kindern lag die Kost, die für sie reichen sollte, bis die Eltern nach Hause kommen würden; sie bestand nur aus einem groben Teig von Roggengrütze, und wehe den Kinder», wenn sie zu schnell verzehrt wurde!"— _ I. Wiese. Kkims fcuUUton. lc. Tie liebe Eitelkeit. Ein paar Anekdoten von berühmten Männern erzählt ein Mitarbeiter des„Gaulois". Saint- Simon, der Begründer des Saint-Simonismus, hielt sich für das größte Genie der Neuzeit. Eines Tages fuhr er mit Eilpost nach Coppct, um M m e. d e S t a e l, die er gar nicht kannte, einen Be- such zu machen. Gleich»ach seiner Ankunft suchte er sie auf und hielt ihr folgende Rede:„Madame, ich bin der Graf von Saint-Simon. Sie sind eine geniale Frau, und ich bin, wie Sie wissen, ein genialer Mann. Wir wollen uns heiraten, dann haben wir sicher Kinder, wie sie die Welt noch nicht gesehen. Ich komme direkt aus Paris, um Ihnen daS zu sagen, und ich zweifle nicht an Ihrer Einwilligung." Mme. de Stael hätte ihm am liebsten ins Gesicht gelacht, aber sie bezwang sich und sagte:„Ich bin entzückt, die Bekanntschaft eines genialen Mannes, wie Sie es sind, zu machen. I ch halte mich nicht für eine geniale Frau, und wenn ich es auch wäre, so wäre ich doch immer noch nicht sicher, daß unsre Kinder geniale Menschen würden. Sic wissen doch, wie viele geniale Männer mittelmäßige Kinder haben."„Sie geben mir also einen Korb?"„Zu meinem großen Bedauern muß ich es."„Gut, Madame." Saint-Simon erhob sich, verbeugte sich, und fuhr alsbald nach Paris zurück.... Nach dem Kriege lebte in Paris ein Mann, der Thier? er- staunlich ähnlich sah und sich darauf sehr viel einbildete. Er trug ein würdevolles, steifes Wesen zur Schau und war selig, wenn man ihn für den Präsidenten hielt. Eines Tages traf ein junger Mann in lustiger Gesellschaft diesen Doppelgänger von Thiers. Er hatte ihn schon vorher gesehen und erkannte ihn jetzt wieder.„Ich wette." sagte er zu seinen Freunden,„daß ich diesem Menschen irgendwo einen Fußtritt gebe und er mir dafür noch dankt!" Man ging auf die Wette ein. Der junge Mann lief dem eitlen Herrn nach und versetzte ihm einen Fußtritt an der vorher ausgemachten Stelle. Ter Mann drehte sich wütend um.„Ah, Verzeihung, ich sehe jetzt erst, daß ich mich geirrt habe; aber Sie sehen M. Thiers zum Ver- wechseln ähnlichl"„So ähnlich wäre ich ihm. mein Herr?"„Voll- kommen, und ich zweifle sogar noch..."„Ich bin nicht M. Thiers." „Ah, um so besser für Sie, mein Herr; denn dann sind Sie sicher ein sehr achtbarer Mann."„Danke, mein Herr." Die Wette war gewonnen.... Lamartine war sehr gut, aber von einer naiven Eitelkeit, die ihn selbst nicht im Unglück verließ. Eines Tages besuchte ihn ein junger Dichter, den ein Freund ihm empfohlen hatte. Am Tage nach dem Besuch fragte der Freund ihn, was er von dem Empfohlenen hielte.„Der wird es sicherlich niemals zu etwas bringen," meinte Lamartine.„Warum denn?"„Er war in meiner Gegenwart durchaus nicht aufgeregt oder verwirrt." Aehnliche Aussprüche hat man auch Victor Hugo zu- geschrieben, der jedem Dichterling, wenn er ihm Verse zuschickte, antwortete:„Sie sind ein großer Dichterl" und der dennoch keinen Vergleich zwischen sich und einem andern zuließ. Eines Tages über- raschte ihn Leconte de Lisle in seinem Garten und fand ihn in Nach- denken versunken.„Woran denken Sie, Meister? Ist es indiskret, danach zu fragen"„Ich dachte an Gott. Ich sagte mir, daß wir uns nach meinem Tode gegenüberstehen würden, und ich fragte mich, was Gott wohl zu mir sagen würde?" Leconte de Lisle lächelte: „Das ist doch sehr einfach, Meister; er wird sagen: Tritt näher. lieber Kollege I" Der Dichter zitterte und seine Seele war freudig erregt.... xc. Das belebte Wattenmeer. Zur Ebbezeit, wenn aus den Watten, wo jegliche Spur eines Pflanzcnlebens erloschen ist, die nordfriesischen Inseln und Halligen mit ihrem lieblichen Grün gar freundlich hervorblicken, dann gehen wohl von Insel zu Insel oder vom Festlandc nach den Halligen und Inseln Menschen über das Watt. Es sind die Schlickläufer.(Mim nennt nämlich jenen Schlamm, der die Watten spärlich bedeckt,„Schlick".) Für den lln- geübten ist es, so schreibt P. Andresen in eineni Aufsätze über das Wattenmeer, aber ebenso gefährlich Ivie mühsam, solche Wanderungen zu unternehmen. Wer aber die Mühe nicht scheut, dem ist eine Wanderung über die Watten an der Seite eines Ortskundigen sehr zu empfehlen. Namentlich der Naturfreund wird bei solcher Wan- derung reichen Gewinn mit nach Hause nehmen. Jene schmalen Wasserrinnen, die sich, einem silbernen Netze gleich, zwischen und auf den Watten ausbreiten, und die man Prielen nennt, bergen reiches Leben. Wenn die Flut nachläßt, dann erheben sich zunächst big höher gelegenen Watten aus dem Meere. Je weiter die Flut zurück- geht, desto größer werden die Watten, desto schmaler die Wasserrinnen zwischen ihnen. Zahlreiche kleine Scctiere, die es versäumten, mit der abziehenden Flut dem offenen Meere zuzueilen, sind in den Prielen zurückgeblieben. Dort schreiten Knaben oder Schiffer barfuß in den Wattcnprielen umher, um mit der Hand Fische und dergl. für die nächste Mahlzeit zu greifen. Sie sind es aber nicht allein, die den zurückgebliebenen Tieren und Tierchen nachstellen, ja, sie sind diesen nicht einmal die gefährlichsten Feinde. Das sind vielmehr die Vögel, die in großen Scharen herbeikommen und denen hier der Tisch reichlich gedeckt ist. Austernfischer, rotfüßige Wassertreter und Seeschwalben, Enten aller Art bevölkern das Watt. Garnelen und Krebse, Würmer, die sich aus der Erde hervorwagtcn, behende Fischlein und dergl., alles fällt ihnen zur Beute. Namentlich wimmelt es in den Wasser- rinnen von Krebstieren aller Art. Unter diesen ist es die wohl- schmeckende Garnele, die besonders genannt zu werden verdient. Der friesische Anwohner nennt die Garnelen„Porren". Die Porrenfischer stellen den kleinen Tierchen eifrig nach. Sie schieben ihr Netz in der Rinne vor sich her und entleeren es in den Korb, den sie am Arm tragen. Einzelne Taschenkrebse, die dabei mit jns Netz gingen, werden wieder ins Wasser zuzrückgeworfeit. Wenn dre Flut sich aufs neue einstellen will, dann gehen die Porrenfänger an das Land zurück. Hier werfen sie ihre Garnelen in heißes Salzwastcr, dabei fleißig mit einer rotglühenden Feuerzange unirührcnd. Bald ist die Arbeit vollendet, und die Garnelen können ihren Weg in die nächstgelcgenen Städte antreten. Am bekanntesten von allen Bewohnern des Watten- meeres ist den meisten Fremden, die als Badegäste in den Nordsee- bädern geweilt haben, wohl der Seehund. Ein Teil der Möven, Sccschwalben, Enten, Schnepfen, Strandläufer, Taucher und Gänse bleibt auch zur Flutzeit zurück, die meisten aber begeben sich auf die Inseln und auf das Festland.— Geographisches. — Eine wiedergefundene Insel. Auf älteren norwegischen Seekarten findet sich der Name eines im Stillen Ocean gelegenen Eilandes, dessen Entdeckung skandinavischen Seefahrern zugeschrieben wird und welches, wenigstens nominell, bei vcr- schicdcncn Gelegenheiten als norwegisches Territorium erklärt worden ist. Das Eigentümliche an der Sache war indessen, daß man bisher weder einen verläßlichen Anhaltspunkt dafür hatte, unter welchem Längengrade die Insel zu suchen war, noch welche ungefähre Flächen- ausdehnung sie besaß. Mehrere nordische Schiffe, welche der Wissen- schaft halber einen Abstecher nach dem auf den Karten verzeichneten Ort unternahmen, mußten unvcrrichtetcr Sache wieder abziehen, und man beruhigte sich schließlich bei der Annahme, daß es sich offenbar um ein von vulkanischen Eruptionen beherrschtes Eiland gehandelt habe, welches bei der 1833er 5!atastrophe oder früher schon von der Bildfläche verschwunden sei. Zu einer ähnlichen Auffassung gelangte auch die britische Admiralität, welche die Insel zwar auf den offiziellen Karten weiterführte, deren Existenz jedoch als Zweifel- Haft bezeichnen ließ. Soweit wäre alle? in Ordnung gewesen, wenn nicht unlängst ein englisches Segelschiff auf dem Wege von Sydney nach San Francisco zufällig in die Lage gekommen wäre, sich durch Augenschein von dem Vorhandensein des„verschollenen" Eilandes zu überzeugen. Jener Segler sichtete unter 16 Grad nördl. Br. und 179 Gr. westl. L. ein langgestrecktes Jusclgebilde, welches nach Ausweis der an Bord geführten älteren Karten unzweifelhaft mit der norwegischen Be- sitzung identisch sein mußte. Die Insel erwies sich bei näherer Bc- sichtigung als völlig unbewohnt, doch hatte sie ein ungemein üppiges Tier- und Pflanzenlebcn von durchaus tropischem Charakter auf- zuweisen. Ihre Flächenausdehnung wurde nach oberflächlicher Ver- Messung auf IV- Meilen Länge und V- Meile Breite festgestellt. Der Käpitän des Seglers erstattete nach seiner Rückkehr von seiner Entdeckung eingehenden Bericht an die Geographische Gesellschaft in London, deren Sekretär, Scott Keltie, seinerseits sich mit den hiesigen Instanzen in Verbindung setzte, um diesen über die intcr- essante Wahrnehmung Aufschluß zu geben. Keltie fügte seiner Mit- teilung die Erklärung hinzu, daß die wiedergefundene Insel bisher thatsüchlich von keiner andern Ration in Anspruch genommen worden sei, und daß demzufolge die Stichhaltigkeit der norwegischen Prioritätsrechte nicht in Zweifel zu ziehen sei. Die definitive Auf- klärung durch den englischen Segelschiffkapitän hat übrigens in nautischen Kreisen um so größere Ileberraschung erweckt, als die Schjetniansinscl— dies derName, den das Eiland nach seinem Entdecker führt— im Bereich einer ziemlich belebten Verkehrsroute des Stillen Oceans liegt und infolgedessen von den vorübcrfahrenden Schiffen eigentlich schon längst hätte bemerkt werden müssen. Der„Globus", dem wir diese Notiz entnehmen, konstatiert, daß nicht auf allen Karten jenes Eiland als zweifelhaft bezeichnet wird. Es führt auch die Bezeichnung A n n a r i f f.— Ans dem Tierlebc». — Tierleben in den Gruben. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung" von der Saar: Wer einmal eine Gruben- befahrung mitgemacht hat, der hält es für unmöglich, daß außer den die Fördcrkarren ziehenden Pferden noch andre Tiere da unten ihr Dasein fristen können, da ihnen, wie man annehmen sollte, doch alle Existenzbedingungen fehlen. Und doch sind den Spuren der Menschen animalische Parasiten auch in der Finsternis der teilweise stunden- lang sich hinziehenden, unterirdischen Gänge gefolgt, und zwar gerade solche Vierfüßler, die auf der Oberwelt nirgends Schonung genießen: Mäuse und Natten. In der Grube sind sie ziemlich sicher; bei dem schwachen Schein der Grubenlampe können sie etwaigen Verfolgungen leicht entgehen, der Bergmann selbst aber läßt sie ruhig gewähren, da sie keinen Schaden anrichten können. Sie werden ge- duldet, fast darf man sagen, gerne geduldet, denn sie erfüllen gewisser- maßen eine hygienische Aufgabe. Was der Knappe wegwirft, das be- seitigen sie gründlich mit nie versiegendem Avpetit; Wursthaut, Papier, in welches Käse, Wurst usw. gewickelt war, es verschwindet rasch und spurlos und mit ihm so manche andre Dinge, die sich über- all, wo viele Menschen konzentriert sind, nun einmal bemerkbar machen. Vorsichtig müssen die Bergleute aber mit ihrem Vesperbrot sein; legen sie es an eine den Nagern irgendwie zugängliche Stelle. dann ist es für sie verloren, zum mindesten aber so angefressen, daß nur ein guter menschlicher Magen es sich zuführen läßt, ohne heftig zu protestieren. Merkwürdig ist, daß Ratten und Mäuse sich gegen- seitig möglichst aus dem Wege gehen. Die Grube, in denen Mäuse Hausen, ist von Ratten frei und umgekehrt; unlauteren Wettbewerb dulden die Langschwänze unter sich so wenig, wie die Hunde in Kon- stantinopel. Manchmal, wenn sie in die Enge getrieben werden, gehen namentlich die Ratten aggressiv vor. Ein Bergmann in Grube „König" verfolgte eine Ratte, die sich sein Frühstück schmecken ließ. Das Tier geriet in einen toten Winkel, von wo es kein Entkommen mehr sah. Ein Satz und es hatte sich in den Arm des Verfolgers festgebissen. Die Ratte mutzte totgcdrückt toerden, ehe man ihre Zähne aus dem Fleische des Mannes lösen konnte. In alten, nicht mehr befahrenen Schächten hausen auch große Kolonien von Fleder- mäusen. lieber Tag verharren sie in ungestörter Siesta; sobald aber der Abend kommt, schwirren sie scharenweise hinaus auf den Jnsektcnfang.— Humoristisches. — Das S ch n ä p s ch e n. Die„Deutsche Reichszeitung"' (Mülheim a. Rhein) erzählt: In einem Dörfchen nahe unsrer Stadt waren drei Frauen wegen übler Nachrede vor den Schiedsmann ge- laden. Dieser konnte dringender Geschäfte halber sie nicht gleich abfertigen: er ließ sie einige Zeit allein und setzte ihnen zur Förde- rung des versöhnenden Geistes ein Schnäpschen vor. Nach einer Weile meldete ihm die Magd, daß die Frauen im Wartezimmer wie besessen lärmten. Dort sah es in der That heiter aus; Möbel waren beiseite gerückt, Teppiche aufgerollt und hochgeschürzt wiegten sich die drei Grazien im Tanz. Das Schnäpschen hatte die Versöhnung schneller herbeigeführt, als es wohlgemeinte Worte des Schieds- mannes vermocht hätten. Als dieser nun, die Situation erfassend, zum Schluß noch einen gegenseitigen Kuß empfahl, hatte die Freude keine Grenzen mehr. Die luftigen Frauen konnten sich eines doppelten Erfolges freuen. Sie waren miteinander versöhnt und der Reue enthoben.— Notizen. — Ein russisches S ch r i f t st e l l e r h e i m wird gegenwärtig in Petersburg erbaut. Das Haus wird zwei Etagen haben und vorläufig für zwölf Personen eingerichtet sein. Bei der Aufnahme werden hauptsächlich Belletristen und Kritiker berück- sichtigt, die unverheiratet, krank und alt sind. Für jeden wird ein besonderes Zimmer mit voller Pension bestimmt; außerdem lvird das Haus ein gemeinsames Speisezimnier. einen Salon und eine Bibliothek enthalten. Ein Zimmer nebst Pension wird monatlich nur 54 Mark kosten. Das Asyl bekommt eine Gartcnanlage; später sollen noch einige Wohnungen für ganze Familien gebaut werden.— — Im Wiener Sommertheater„Venedig in Wien" fand eine nach nachgelassenen Motiven Millöckers von Ernst Reiterer zusammengestellte Operette„Jung-Heidelberg" bei der Erstausführung vielen Beifall.— —„Das M a r k t k i n d", eine neue Operette von S toll, wurde bei der ersten Aufführung im Deutschen Volks- Theater zu Prag freundlich aufgenommen.— — Ein Fro st-Laboratorium wird noch in diesem Sommer die chcmisch-pflanzenbiologische Anstalt in L n I e a