Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 140. 35] Dienstag, den 19. Juli. ( Nachdruck verboten.) Im Vaterbaufe. Socialer Roman von Minna Rautsky. Reich nahm ein Glas vom Büffet, schwenkte es aus und hielt es unter. Das Glas lief an, so falt war das Wasser, so fohlensäurehaltig, daß es mussierte. Er reichte es dar, Luise dankte ihm mit den Augen und setzte es an die Lippen. Sie trank, wie Durstige trinken, hastig, in vollen Zügen. ,, Halt, halt!" rief er und legte in zärtlicher Vertraulichfeit seine Hand hemmend auf die ihre.„ Sie sind erhitzt, sie dürfen nur schlürfen, sehen Sie so.' so." Er führte das Glas an die Lippen, gerade an der Stelle, wo sie getrunken; sie merkte es wohl. So blieben sie vor dem Brunnen mit dem plätschernden Wasser, nippten wechselweise aus demselben Glase, füllten es immer wieder, sahen sich an und lachten wie Kinder zu dem ergöglichen Spiel. Kühlung, Kühlung!" rief er lechzend." Kühlung!" rief auch sie, es wurde beiden immer heißer dabei. Aus dem Saale nebenan hörte man jetzt die populäre Weise des neuesten Wiener Gassenhauers, den Tini mit dünner Stimme, aber ausgelassener Verve, heruntersang. Reich sang mit, er schien so glücklich zu sein, glücklich durch ihre Nähe. Luise fühlte es deutlich an der Seligkeit, die ihren Körper durchströmte. Dann sagte er plötzlich mit jener munteren Entschiedenheit, die einen Widerspruch ausschließt: Jetzt haben wir uns an der Quelle gelabt, jetzt werden wir uns an die Wiese setzen." Sie traten durch die offene Thür in das kleine Eckzimmer, wo Großvaters Bild, lorbeerumkränzt, noch auf der Staffelei stand. Sie sahen nicht darauf hin. Die Lichter der Krone waren gelöscht, das Auerlicht einer hochaufragenden Girandole, die mit einem Schirm von gelber Seide versehen war, tauchte das Gemach in einen Goldton, der süß und traulich war, wie Abenddämmerung. Ein feiner Blumenduft strömte ihnen entgegen, sie hatte ihn vorher nicht wahrgenommen; waren ihre Nerven sensibler geworden in dem gesteigerten Lebens- und Glücksgefühl, das sie beherrschte? Das Gemach, hochmodern, mit lichten Tapeten, zierlichen, lichtrosa Seidenmöbeln, mit den Kästchen und irisierenden Nippes der Secession, war weichlich und kokett, wie das Boudoir einer galanten Frau. Er führte sie zu dem kleinen Sofa mit aufrechter hölzerner Lehne und lachte, als sie steif und gerade darin saß, wie eine Puppe. Er rückte die Fußbank zurecht, er häufte die seidenen Kissen, in die sie sich lehnen sollte, den elastischen Körper etwas seitwärts geschmiegt. Seine Bemühungen machten sie ganz verlegen. ,, Danke, danke," sagte sie abwehrend, das bin ich ja nicht gewöhnt." Das Raffinement dieses Reichtums beklemmte sie, der Blumenduft, der heiße Atem des Mannes, der sich über sie beugte, um ihr Köpfchen besonders zu stützen, brachten ihre Sinne in Aufruhr. Ein seltsames Angstgefühl riß sie empor die getürmten Kissen fielen zu Boden und sie saß wieder steif und gerade wie zuvor, einen Zug der Ablehnung um die geschlossenen Lippen. Er hatte einen Stuhl herangezogen und betrachtete sie lächelnd, mit einem strafenden Blick. ,, Halsstarriges Kind," sagte er leise. Sie wollen feinem andern Willen gehorchen, als dem Ihrigen.. Sie nüßen Ihre Kraft. Sie wissen noch nichts von jenen Mächten, die uns Menschenkinder meuchlings überfallen... Sie haben recht. Man wehrt sich so lange man kann, man will sich nicht unterjochen lassen aber wenn diese Mächte erstarken und uns niederzwingen? D, Sie wollen nicht daran glauben? Ich bin auch so ein Rezer gewesen." Er rückte ihr näher und Teise, sich selbst und seine Schwäche belächelnd, wie im Unmut darüber, redet er weiter, in furzen, hastigen Säßen:„ Dem Mädchen, das mir gefiel, war ich aus dem Wege gegangen. 1904 Ich wollte keine Thorheit begehen... Nach Jahren sah ich sie wieder... Sie gefiel mir noch besser sie berückte mich. Aber ich wollte mich nicht nehmen lassen. gleichgültig... ich glaubte es zu sein Ich stellte mich Ich Thor! Was hat es mir denn genügt, daß ich die Gefahr erkannte? Daß ich geflohen war, weil ich mich vor dem kleinen Mädchen gefürchtet hatte?" ,, Gefürchtet, vor mir?" rief Quise impulsiv, im Wirbel ihres Entzückens. Er sah sie groß an. Seine Augen funkelten in freudiger, gut gespielter Ueberraschung:" Vor Ihnen? Hab' ich denn das gesagt?" Sie stand einen Augenblick wie gelähmt vor Entsetzen. Dann schlug sie beide Hände über die Augen. Was hatte sie gethan! was vorausgesetzt! Sie hatte ihm ein Geständnis gemacht, das er nicht erwartet hatte, nicht einmal gewünscht, das sie nicht wieder zurücknehmen konnte! Scham und Verzweiflung durchbebten sie. Sie warf den Kopf gegen die harte Lehne zurück, als wollte sie ihn zertrümmern. Wär's doch so... dann würde sie ihm und sich die tiefe Beschämung ersparen. Aber schon hatte er sich neben sie auf das Sofa gesetzt und mit zärtlicher Gewalt zog er die Hände von ihren Augen und hielt sie fest. Du Liebe, Süße, Einzige!" rief er, im Triumph seiner männlichen Ueberlegenheit, dann leiser, in bewegteren Tönen: Siehst Du, Kind, wie das Gefühl stärker ist als der Wille, wir können dagegen nicht aufkommen... Und Du liebst mich? Sag' es gestehe! Mein süßes Mädchen, so sieh' mich doch wenigstens an!" Da schlug sie zagend die Augen zu ihm empor, mit dem Ausdruck innigster Liebe. Und als er sich langsam über sie beugte, seine Augen in die ihrigen senkend, als wolle er ihre Seele in sich saugen, ward ihre Bewegung übermächtig, ihre blühenden Lippen erwarteten, begehrten den ersten Kuß. Aber sein Ohr war wachsam, er hatte ein leichtes Knarren vernommen. Er war aufgestanden und, ohne sich zu übereilen, ging er direkt auf die Staffelei los. Sie „ Schade, daß das Bild so nachgedunkelt hat. müssen Ihren Vater fragen, wie man es auffrischen fann." Es muß gefirnißt werden." sagte Vater Witte, der mit Doktor Jensen eben in der Thür erschien. ,, Wir haben Dich schon gesucht, ich dacht' mir's wohl, Du wolltest Dir Großvaters Bild noch einmal ansehen. Aber wir müssen nach Hause, es ist spät geworden, mein Kind." 1. 21. Kapitel. Frau Elise fühlte sich schwach und apathisch, sie konnte das Bett nicht verlassen. Ihr Zustand erschien indes nicht besorgniserregend. Witte kam jetzt öfter mittags nicht nach Hause, um sich vor den Gläubigern zu retten, die ihn verfolgten. Gusti mußte suchen, mit ihnen fertig zu werden; war ihr doch jetzt die Aufgabe zugefallen, zu leisten, was der Tag verlangte. Sie hatte den Vater zu entschuldigen, Zahlung zu versprechen, die Gläubiger zu vertrösten. Es ging nicht ab ohne Grobheiten und Brutalitäten. Aehnlich erging es ihr bei den Kleinhändlern. Es war recht abscheulich von den Leuten, daß sie ihr nichts mehr auf's Büchel geben wollten. Wohl hatten die Wittes in der Kunst, sich durchzufretten, bereits ihre Proben abgelegt, aber sie wurde immer schwieriger. Aber wie die Mädeln trotz alledem in ihrem Jugendmut weder feige noch kleinmütig wurden, so blieb auch der Vater hoffmungsvoll. Er klammerte sich immer krampfhafter an jene Vorstellungen, die ihm schmeichelten und über Wasser zu halten vermochten. Wie geht's, Mutter?" fragte er eines Morgens, als er an ihr Bett trat, um ihr vor dem Weggehen die Hand zu drücken, und ohne ihre Antwort abzuwarten, fügte er tröstend hinzu: Besser, viel besser, ich seh' Dir's an. Nur Geduld, meine Alte, wir gehen dem Frühling entgegen, da bist Du bald wieder heraußen." Und zu den Kindern gewendet, teilte er ihnen mit, daß er abends spät heimkommen werde. Er habe eine Karte von Ferdinand erhalten, der ihn für den Abend zu sich lud. „Ich weiß nicht, was er von mir will, welche Absichten er auf mich hat; wir werden ja sehen." Er war in Spannung, voll froher Erwartung. Sie schien berechtigt. Als er am nächsten Morgen mit seinen Töchtern das Frühstück einnahm, hatte er ein triumphierendes Lächeln, seine Augen glänzten. „Na, Mädels, was wir gestern ausgeheckt haben, dürste Euch gefallen. Ferdinand plant ein Fest im„Grand Hotel". Er giebt seinen Freunden Revanche, wir gehören dazu, wir sind geladen. Es soll auch getanzt werden." „Getanzt!" Die Mädchen schrien auf vor Vergnügen. Der Vater konnte sie bereits mit dem vollständigen Fest- Programm bekannt machen, das er gestern mit Ferdinand zusammengestellt hatte. „Die Drescher Kapelle wird engagiert— außerdem Vor- träge— das Udl- Quartett— Deklamationen, wahrscheinlich Reich— zum Schluß soll ich mich als Schnellmaler produ- zieren. Dieses alte Weib von einem Glaser hat geplaudert, hatte den Brandts Erstaunliches von meinem Talent in diesem Genre erzählt, und da gab's keinen Widerspruch, ich mußte sofort eine Probe davon ablegen... diese Bewunderung hättet Ihr sehen sollen! Es ging aber auch vortrefstich. ich habe nichts an Gewandtheit eingebüßt, im Gegenteil. Ferdinand hat vielleicht recht, wenn er behauptet, ich könnte damit viel Geld verdienen. Na, wer weiß, was geschieht, wenn nur erst die Mutter wieder gesund ist." Er rieb sich vergnügt die Hände, schon waren neue Hoffnungen in ihm rege. Seine Phantasie war geschäftig, sie hob ihn empor, hoch über das Gemeine, über all die Kümmernisse des Lebens. Ach, nur zu bald sollten sie ihm näher und schmerzhafter auf den Leib rücken. Auf dem Weg ins Atelier, wie er sein Arbeitszimmerchen im Fabrikslokal vornehm bezeichnete, traf er fast regelmäßig an jedem Morgen mit Fritz zusammen, der� meist auf dem Rade, in seine weit entfernte Fabrik fuhr. Fritz hatte stets respektvoll gegrüßt, an einem der nächsten Tage sprang er ab und ging auf Witte zu. Dieser zeigte eine veränderte Haltung: er ging gebückt, sein Gesicht war gram- durchfurcht. Mit einiger Aengstlichkeit fragte Fritz nach dem Befinden seiner Frau. „Es geht besser, Gott sei Dank," lautete die Antwort. Fritz fragte weiter. Seine offenbare Teilnahme und die be- scheidene Art seines Aufttetens stimmten Witte günstig für den jungen Arbeiter. Er ließ sich in ein Gespräch mit ihm ein. So gingen sie, Fritz sein Rad führend, Seite an Seite mit einander. Unwillkürlich verglich Witte seinen alten, schäbigen Winterrock mit dem neuen, gut gefiitterten und gut sitzenden Jackett des Arbeiters. Und der junge Mensch hatte sein Rad oder fuhr mit der Straßenbahn, während er, bei jedem Wetter, den Weg zu Fuß zurücklegen mußte. (Fortsetzung folgt. js (Nachdruck verdotcn.) öcber Baukunft und RcFtauration. Die Frage der Restaurierung des alten Heidelberger Schlosses ist wieder aktuell geworden. Dieses alte Denkmal deutscher Bau- kuust, das zu zerfallen droht, soll restauriert werden. Im Hinblick darauf hat die öffentliche Meinung die Pflicht, sich hierzu zu äußern. Es sollen einige principielle Erwägungen angedeutet werden. Welchen Zwecken dient die Restauration? Wie stellt sich die Bau k u n st dazu, die neue� Wege sucht, die überzeugt ist, daß unsre Zeit nicht ihren eignen Stil besitzt, daß man ihr aber dazu verhelfen und alles aus dem Wege räumen muß, das irgendwie hinderlich ist? Unter den obwaltenden Umständen steht die Entscheidung bei der Verwaltung. Um so mehr Grund, nachdrücklich das Nichtige zu suchen und zu be- tonen. Auf den ersten Blick mag es sehr pietätvoll aussehen, wenn die Gegenwart sich bemüht, die großen Baudenkmäler der Vergangenheit zu erhalten und zu restaurieren, wenn die Festigkeit des Ganzen sich zu lockern droht. Meist waren es einfache Leute, die solche Bauten aufführten, die für die Jahrhunderte dauerten. Und ihre Namen kennt man vielfach nicht mehr. Sie machten keine großen, Pomp- haften Worte. Sie lieferten gewissenhaft und ernst ihre Arbeit. Das alte Heidelberger Schloß ist nun unzweifelhaft eines der schönsten deutschen Baudenkmäler. Nicht umsonst bildet es den An- ziehungspunkt für die Kunstbeflissenen, die hier die Entwicklung des deutschen Renaisiancestils studieren können. Wie viele Fremde stehen staunend vor dieser schöpferisch reichen Pracht. Auch auf die, die ohne Vorbildung den Schloßhos betreten, wirken diese mächtigen Fassaden mit ihrem feinen und imposanten baukünstlerischen Schmuck über» Wältigend. Ende des zwölften Jahrhunderts begonnen, wurde das Schloß in den folgenden Jahrhunderten immer weiter ausgebaut. Der sog. „Winterkönig- Friedrich V.(1610— 1621) war der letzte, der daran arbeiten ließ, den Bau zu vollenden. Leider war dem Bau kein langes Leben beschiedcn. Die Franzosen drangen ein und verheerten 1689 und 1693 die Pfalz. Dabei richtete sich ihre Rache natürlich besonders gegen den noch nicht allzulange aufgeführten Prachtbau. der ein Denkmal deutschen Könnens war. Einige bewohnbar gemachte Räume äscherte 1764 ein Blitzstrahl ein. So besitzen wie in diesem Bau, dessen unversehrtes Bestehen so kurz war, wohl die imposanteste und großartigste Ruine. Und schwerlich ist danach ein Schloß gebaut worden, dessen Fassaden einen so überreichen und doch so fein ge-- gliederten Schmuck aufweisen. WaS jetzt noch erhalten ist, kann man vom Schloßhof aus be- wundern. Wer einmal hier gestanden und die mächtigen und doch so leichten Mauern des Otto Heinrichs-Baues und des Friedrichs-Baues gesehen hat, wer gesehen hat, wie die Sonne das reiche Spiel der architektonischen Formen mit Licht und Schatten aufhellend und ver- dunkelnd belebte, wozu das Grün im Innern des Hofes, das sich an den Mauern hochrankt, noch einen schonen Ton hinzu giebt, oder wer abends dort oben stand,' wenn das gleiche. Dämmerlicht die plastischen Formen des Steins so trübe und still hervortreten ließ, der wird gestaunt haben über die schöpferische Begabung der alten Baumeister, die dieses Werk hinstellten. Und so schön ist dieser Bau in die Landschaft hineingesetzt, auf den Schloßberg, von dem man weit hinüber schaut in das reiche, blühende Land, in das wimmelnde Leben, das sich in den Straßen dieser Stadt abspielt. Der Blick vom Schloß auf die alte Neckarbrücke, auf die Stadt, die zu beiden Seiten des Neckar liegt, eingeschlossen von grünen Bergen, in die weite Ebene hinaus, die vor der Stadt sich breitet, wird vielen unvergeßlich sein. Mit Prag und Wien ist Heidelberg die älteste deutsche Universität, 1386 gegründet; und noch viele historische Erinnerungen knüpfen sich an diese Stadt. Der sogenannte Otto Heinrichs-Bau(erbaut 1556— 1563), der jetzt restauriert werden soll, gilt mit Recht als die größte Schöpfung der deutschen Frührenaissance. Er ist drei Stockwerke hoch, getragen von einem hochgewölbten Kellergeschoß. Der Skulpturenschmuck rührt teilweise von A. Colins aus Mecheln her, dessen Kunst wir noch viel- fach sonst antreffen, so z. B. in Jnnshruck, wo er für das Grab Marimilians 24 Marmorreliefs arbeitete, eine Schöpfung, die Thor- waldsen als Meisterwerk von bleibender Bedeutung pries. Die andre Seitenfassade, der sogenannte Friedrichs-Bau, ist 1661— 1607 erbaut, im Stil der entwickelten deutschen Renaissance. Dazu kommt noch der Ruprechts-Bau, der älteste Teil des Schlosses, im Jahre 1400 vollendet und 1520 teilweise erneuert. Wenn nun ein solches Bauwerk, das eine ganze Zeit künstlerisch repräsentiert, der Zeit zum Opfer fällt— was kann da gethan werden? Das erste Gefühl wird sein: es zu erhalten versuchen. Jedoch stellen sich da gleich einige kritische Bedenken entgegen. Wir kennen genug solche Bauwerke, bei denen man versucht hat, die Zerstörung durch die Zeit durch Ergänzungen auszuhalten und wir wir haben wenig Freude daran. Was haben wir davon, wenn ivir plötzlich in der alten Fassade neue Stücke sehen, die dennoch aus dem Ganzen herausfallen? Nie fügt sich das Neue dem Alten ein. Jene äußerliche Richtigkeit, die erreicht werden mag, sie mag das Herz des exakten Regicrungsbaumeisters, des Historikers erfreuen. Er mag jauchzen, denn ihm liegt nur an den Thatsachen. Aber schätzen wir denn an den alten Kirchen und Palästen und Ruinen die exakte Richtigkeit? Es fesselt uns an diesen Werken das Künstlerische, die Kraft, die darin zum Ausdruck kommt, der ganze Vornbergang des Lebens, der sich in diesem Werk zur Erscheinung darstellt, das Entwicklungsmoment, das uns hier in diesem Werk, das das Werk eines ringenden Menschen ist, wie kristallisiert entgegen- tritt. Wir schätzen die Phantasie, das Alter, das Leben, dieses ganze nun Vergangene daran, das aus diesen Fassaden zu uns spricht. Wir erfahren daraus, daß es einmal Zeiten gab, in denen es den Menschen gelang, für ihr Fühlen ein architektonisch gewaltiges Zeugnis zu schaffen, das noch nach Jahrhunderten so kräftig auf uns wirkt, daß wir danach streben, es noch jetzt uns und unsren Nachkommen zu erhalten. Wir fühlen dabei den Mangel unsrer Zeit an architek- tonischem Fühlen, vergleichen die minderwertigen Prachtbauten unsrer Großstädte damit und hoffen auf eine bessere Zukunft, zu der uns diese Vergangenheit anspornt. Doch nicht in dem Sinne, daß wir strehen, diese Stile nachzuahmen— das führte gerade zu Schwachheit und Verfall—, sondern daß wir von ihnen loszukommen trachten, an ihre Stelle etwas Neues zu setzen trachten. Denn wir fühlen nicht mehr so. Wir haben andre Ziele. Eine Zeit von hundert und aberhundert Jahren sieht andre Ersiillungen, denen sie zustrebt. Und so gewiß eben die Architektur in der Vergangenheit strengste logische Folgerung des geistigen Lebens der damaligen Zeit war. so sicher ist es uns unmöglich, Lücken hier zu ergänzen, weil wir eben nicht mehr fähig sind, so zu fühlen und zu denken, wie unsre Vor- fahren, die in einem ganz andern Komplex von Lebcnserscheinuugcn aufwuchsen, dachten und fühlten. Ein künstliches Sich-Hineinvcrsehen wäre Heuchelei. Freilich brauchen wir ja nur durch die Straßen unsrer großen Städte zu gehen, um zu sehen, wie unsre Zeit hier von der Heuchelei, dem Nachahmen, dem Borgen lebt, wie sehr ihr künstlerisch eignes Wollen abgeht. Was hilft es, daß Malerei,.Plastik und Kunstgewerbe sich 559 an. Und fällt der Bau dann endlich, so falle er! Ein Restaurieren zu dem Zweck, dieses Ende zu verhüten, ist gerade so banaufisch, wie das Stilkopieren für moderne Gebäude unkünstlerisch, unwahr ist. Beides gehört in seinem Streben logisch zusammen. Es ergänzt sich. Wer sich an fremden Stilen topierend vergreift, der hat auch keine Achtung mehr vor den Bautverken, die diesen Stil repräsentieren. So wird die slavische Unterordnung zur Tyrannei, die nicht einmal die Werke der Großen mehr respektiert, denn es ist Respektlosigkeit, durch Flick wert ein solches Denkmal erhalten zu wollen. Und nur die, die selbst von ihrer Arbeit nicht hoch denken, können auf solche Gedanken kommen. So dreht sich das Bild gerade um. Der, der restaurieren will, läßt gerade jede Bietät vermissen. zu erneuern trachten, wenn die Architektur, die doch den äußeren halber etwas angefügt werden, das naturgemäß aus dem Ganzen Rahmen für die andren Künste schaffen soll, so hilflos versagt. herausfallen muß, das nur das Auge des peinlichen Bureaukraten Jmmer ist es als ein Zeichen von Größe und Macht angesehen worden, entzückt. wenn eine Zeit sich einen neuen, ihrem Sein entsprechenden architettonischen Stil schafft. Das ist ein Denkmal, das beredt zu den nach folgenden Geschlechtern redet. Aber sehen wir doch unsre Gebäude Da purzeln alle Stile der Vergangenheiten durcheinander, bombastisch wird die innere Leere durch Pomp und Prunk verhüllt, und die ganze Thätigkeit eines Baumeisters besteht scheinbar darin, die alten Stile zu kopieren, sie zu kombinieren. Und wenn er Lob erhalten will, kann er es nicht durch Darthun eines Neuen, sondern durch den Nachweis, daß er wie ein guter Schüler gelehrig und fleißig die Aufgabe löst, die ihm gestellt wurde, nämlich: nachzuahmen, zu kopieren und dabei sich so zu stellen, als schüfe er etwas Neues. Im Grunde find daher alle diese äußerlich so imposanten Gebäude und Denkmäler für den Einsichtigen gerade ein Beweis innerer Leere und Schwäche. Sie geben nichts Neues, fie regen nicht an, sie stellen nicht Versuche dar, neuen Ideen die Sprache des Steins zu leihen, sondern sie sind nur wiedergeläute Vergangenheit, Stilfopien. Die großen Dimensionen machen es nicht, das äußerlich anscheinend imponierende Verhältnis der Maße ist nicht Ausfluß innerer Ueberzeugung, fünfte lerischen Wollens und Schöpferkraft, vielmehr nur die lächerliche Freude an bureaukratisch genauer Arbeit, die auf Nachahmung beruht. Es fehlt die Lust zu jedem inneren Wagen; nur trübselig schleicht diese Entwicklung dahin. Und doch wird immer wieder und wieder gebaut, und je weniger man leistet, um so gewaltiger wird das Geschrei. Gerade für den allernotwendigsten Zweig der Kunst, den Häuserbau, fehlt es an originalen Kräften. Trotz aller Regierungsbaumeister, die jährlich in die Welt gesetzt werden, und die vom Staate die Bescheinigung erhalten, daß sie ihren Beruf verstehen, ist das Endresultat doch nur ein trauriges. Oder vielleicht gerade deshalb? Denn dadurch wird der freie künstlerische Beruf zur Schablone, zum Mittel, durch willfähriges Sich- zur- Verfügung- stellen Rang und Stellung zu gewinnen. Von jeder andern Kunst verlangt man, daß sie nach neuen Werten forscht. Hier, bei der Architektur, verlangt man, daß sie kopiert, und sieht darin ihre Bedeutung. Wenn man also auf den Gedanken kommt, ein so reifes boll endetes Werk alter Baukunst, wie es das Heidelberger Schloß ist, zu restaurieren, so ist das nur eine konfequente Weiterentwicklung der unfruchtbaren Ideen, die die Architektur überhaupt beherrschen. Wie soll denn so ein restauriertes Werk aussehen? Schon der äußere Eindruck würde doch ein ungleicher sein, als störend empfunden werden. Wir können feinen Dom mehr bauen, weil wir zu den Ideen, die damals die Welt so gewaltig aufrührten, nicht mehr die Beziehung haben, die seiner Zeit die Menschen dahin drängte, diesem Drang ein Denkmal in Stein zu schaffen. Wir können das ebensowenig, wie ein alter Baumeister nicht im stande gewesen wäre, die Energie der Architektur eines Riesenbahnhofs, einer Fabrikanlage, die Schönheit einer präcis arbeitenden Maschine, einer Brücke, die sich in weiten Bogen so leicht über das Wasser spannt, daß das Gesetz der Schwere fast aufgehoben erscheint, die durchsichtig flare Notwendigkeit der Architektur einer Untergrundbahn, eines Warenhauses zu empfinden. Zu diesen Jdeen, die sich darin wie in einem Zeitstreben fongen trieren, haben wir eben lebendige Beziehung, und es wäre Pflicht der Bau künstler, diesen Ideen für spätere Zeit vollgültigen Ausdrud in Bauwerken zu verleihen, damit unsre Nachkommen vor diesen Werken stehen, wie wir vor den Werken der Vergangenheit standen. Oder ist das Fehlen solcher Denkmäler ein Beweis dafür, daß dieser Geist noch schwach vorhanden ist? Nicht aber ist es unsre Pflicht, an alten Bauwerken, deren Schönheit in ihrem Vergangenheitswerte liegt, herumzufliden. VerInöchert und arm ist die geit, die sich zu solch feelenloser Flick arbeit hergiebt. Nur eine Lafaienzeit fann sich so in den Staub legen. Wie viel andre Jdeen leben noch gärend in unsrer Zeit, die harren, in architektonischen Schöpfungen symbolisch aufzuerstehen. Denkt doch niemand daran, ein Bild, das dem Verfall entgegen geht, wieder frisch zu übermalen, oder ein kunstgewerbliches Wert, eine Statue zu ergänzen", wenn das Ganze zerfiel. Allerdings bei der Plastik beginnt man ja schon mit„ Ergänzungen" zu wirtfchaften; es werden ja Preisausschreiben von seiten der Regierung erlassen, antiken Statuen, die ausgegraben wurden, durch Ergänzung aufzuhelfen. Jedoch hat man da wenigstens noch die Scheu, das Original unangetastet zu lassen; und die Kopie besteht für sich als mehr oder weniger verständnisvoller Versuch, das Fehlende zu ergänzen. Vielleicht drängt jedoch die Nachahmungsfucht unsrer Zeit, die sflavisch vor den Vergangenheiten friecht, die die äußerliche, trockene, bureaukratische Rechnungsrichtigkeit so fanatisch liebt und die Wahrheit der inneren Ueberzeugung so gern bernachlässigt, auch hier dazu, diese bisher verschonten alten Gemälde, Statuen usw. verständnisvoll zu flicken. Eine vernünftige Erkenntnis wird mir darauf finnen, diese alten Werke zu erhalten, etwa schädliche Einflüsse, die von innen oder bon außen fommen, fernzuhalten, zu beseitigen, so daß das Wert fich in sich selbst hält. Gerade der, der die Schönheit dieser alten Bauten wahrhaft empfindet, wird nicht mehr thun wollen. Er weiß, daß viel Ursachen zusammen famen, um diese Wirkung hervor zu bringen. Kann er denn dem äußerlichen Anflicken die schöne Patina der Zeit mitgeben, die zumeist bei alten Bauten entzückt, dieses fichtbare Butagetreten, daß tausend Jahre an diesem Bau rüttelten? Gerade dieses Alter macht den Stein so schön. Und in dieses organisch schöne Gefüge soll nun der rechnerischen Vollständigkeit Und die Vergänglichkeit eines so vorbildlichen Werkes, das uns entzückte, dessen Untergang wir nichts von seiner erhabenen Schönheit nehmen wollen, soll nicht durch äußerliche, fleinliche Mittel zu erhalten oder zu vervollständigen gesucht werden. Sie soll ihren Weg nehmen. Die Ruinen der Vorzeiten sollen verschwinden, wenn ihre Zeit gekommen ist, und ihr Untergang soll uns die Mahnung eindringlich aussprechen: Schaffe aus Deiner Zeit heraus Gleiches, Gleichwertiges. Laß das Alte stürzen, wenn es stürzen will, und schaffe Neues. Das ist wahre Bietät. Ernst Schur. Kleines feuilleton. sz. Alte Musikinstrumente. Mit dem gegenwärtigen Aufblühen des Museumswesens und mit der Ausbildung der verhältnismäßig jungen Musikwissenschaft sind nun auch Sammlungen von Mujit instrumenten entstanden. Sie wollen, gleich den Gemäldegalerien usw., vor allem die noch erreichbaren Exemplare aller Instrumentenarten konservieren und dann das Gesammelte dem Anblick und Studium zugänglich machen. Neben den dafür besonders berühmten Städten wie Brüssel, München, Leipzig( Privatsammlung von P. de Wit) u. a. besaß auch Berlin eine bedeutende Sammlung aus diesem Gebiete. Ihr derzeitiger Leiter, Prof. O. Fleischer, hatte den Eifer und das Glück, bei einem niederländischen Liebhaber eine auserlesene Kollektion zu finden und sie um ein verhältnismäßig Billiges durch Maecenaten hand für den Staat erwerben zu lassen. Dadurch ist nun die hiesige Sammlung zu der angeblich bedeutendsten von allen geworden und beweist jedenfalls, wie viel sich auch heute noch auf Sammlerwegen erreichen läßt, wenn man sachkundig vorgeht und den Mut hat, fich ob seines Interesses für alten Schund" und ob seines Vertrauens auf das Wachsen aus fleinen Anfängen heraus berlachen zu lassen. Die früheren Räume in der alten Bauakademie" waren bald zu eng, und so übersiedelte die Königliche Sammlung alter Musikinstrumente" in die geräumige, neue Hochschule für Mufit( Charlottenburg, Hardenbergstraße). der In diesen Tagen ist nun endlich die jckige Aufstellung öffentlich zugänglich geworden( Dienstag 11-1, Mittwoch und Sonnabend 12-2 Uhr.) Leider fehlt noch ein Katalog der Sammlung längst vergriffene alte würde ohnehin nicht mehr zureichen. Ohne einen genügenden Katalog oder eine ihn ersehende Führung ist es begreiflicherweise nicht möglich, ein verläßliches Bild von dem gegenwärtigen Stande und speziell von ihrem erwähnten Zuwachs zu geben. Soweit wir sehen konnten, vermehrt dieser insbesondere die Hebergangsformen von der älteren Familie der Streichinstrumente, den früher Fideln" und später Biolen" genannten Vorgängern der heutigen Geigen, zu diesen, sowie die zahlreichen, unsern Guitarren und Zithern ähnlichen Arten der ehemaligen Lauten. Dabei find mancherlei völkerkundliche Einblicke zu gewinnen, von den groben Alpenhörnern angefangen bis zu den norwegischen Volkszithern u. dgl. mehr. Auch der Reichtum an übergroßen Baßinstrumenten und zierlichsten Diskantspielereien der älteren Zeit im Gegensatze zu der heutigen Konzentrierung auf brauchbare Orchesterinstrumente mit möglichst vollkommenem Tone tritt aufs neue hervor. Die mächtigen Fagotte aus der ersten Zeit dieses Instrumentes, das besonders die Schwerfälligkeit der alten, tiefen Blasinstrumente überwinden sollte, dann die größeren Variationen seiner höheren Genossen, der Oboen, sind auch dafür besonders lehrreich. Vor Vermehrungen der früheren Zinten, insbesondere der noch nicht lang ausgestorbenen geschlängelten„ Serpente", dann der spazierstockähnlichen Stockflöten, der kleinen Klaviere von der Konstruktion mit geriffenen Saiten( Slavichmbeln u. dgl. m. nicht erst zu sprechen! Auch die Strohfiedel( Xylophon) erscheint in vermehrter Anzahl. Die Panspfeife" mit den abgestuften Röhrchen sehen wir in Exemplaren aus Schilfrohr und selbst in einem aus Eisen von einem einzigen Stüd. Die vielleicht merkwürdigste Bereicherung von Kuriositätswert ist eine Aeolsharfe in Form eines dreiseitigen großen Prismas, dessen Saiten solide Refonnanzböden sind und über je 2 Stegen je 6 Saiten tragen. " Der jetzt dem Publikum zugängliche Bestand der Sammlungen ift quantitativ nicht viel und macht den Eindruck einer durch Raummangel gebotenen Auswahl des Charakteristischften, namentlich unter den räumlich anspruchsvollen Instrumenten. Wie wir erfahren, ist denn auch thatsächlich noch ein großer Teil in der Dachgegend des Gebäudes aufgespeichert. Zu einer Verstärkung der Aufmerksam teit auf den vollen Bedarf solcher Sammlungen und auch zu einer 560 Förderung der Katalogarbeit wird hoffentlich der Umstand beitragen, stellt. Auf den dortigen Baumwollstanden ist nämlich eine große daß das vorerwähnte Musikhistorische Museum" von Paul de Wit rötlich braune Ameise entdeckt worden, die auf den Blüten in Leipzig foeben seinen Jllustrierten Katalog" herausgegeben hat: des Gewächses Honig sucht und von allen andren Insekten, die er beschreibt die nahezu 1200 Gegenstände der Sammlung und bringt sich noch auf der Pflanze zusammenfinden, gerade den Samen. zahlreiche Abbildungen von selteneren Instrumenten, Porträts von wurm als ihren grimmigsten Feind betrachtet, während sie alle andren Meistern des Instrumentenbaues u. dgl. m. in Ruhe läßt. Die Kiefern dieser Ameise find groß genug, um den Käfer in der Mitte zu umfassen und das Gelenk zwischen dem Brustpanzer und dem Hinterleib durchzukneifen. Gleichzeitig biegt die Ameise ihren langen, geschmeidigen Körper kreisförmig zurück und verseßt dem Käfer einen Stich an einem unbeschützten Punkt, wo die starke Panzerung eine Deffnung zeigt. Das Gift der Ameise wirkt augenblicklich, der Käfer giebt den Kampf auf und wird von dem Sieger fortgeschleppt, ohne ein andres Lebenszeichen von sich zu geben als ein schwaches Hin- und Herarbeiten der Beine. Die durch den Ameisenstich herbeigeführte Be täubung ist, ähnlich wie die von Wespen und andren Insekten hervorgerufene, eine dauernde, so daß der gestochene Käfer auch dann nicht wieder aufkommt, wenn er der Ameise entrissen wird. Wenn die Vereinigten Staaten ihre Baumwollfelder retten wollen, wird daher wohl ein Versuch gemacht werden müssen, diese mittelamerikanische Ameise aus ihrer Heimat zu importieren. Humoristisches. gc. Heiße Sommer in der Vorzeit. Unfre Klagen über diesjährige anhaltende Hitze und Dürre des Sommers müssen verstummen, so berechtigt sie auch sein mögen, wenn die Berichte über die Witterung vergangener Sommer aus den ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnung und dem Mittelalter auf Wahrheit beruhen. Aus dem Jahre 484 wissen alte Aufzeichnungen zu melden, daß infolge der abnormen Hize und Trockenheit selbst die Obstbäume und Weinstöcke eingingen. Die heißen Sommer der Jahre 550 und 590 waren von pestartigen Krankheiten begleitet. Dem heißen Sommer von 812 folgte die anhaltende Dürre von 874 mit einer Hungersnot. Heuschreckenschwärme vernichteten die Gefilde in Deutschland und Frankreich. Während der ungewöhnlichen Hiße und Dürre trat im Jahre 923 das sogenannte„ Antoniusfeuer" als Krankheit auf, eine qualvolle Seuche, der Tausende und Tausende von Menschen erlagen. Ein sehr heißer Sommer muß auch der Sommer des Jahres 1112 gewesen sein, in seiner Gluthize sollen sich Bäume, Gräser und Sträucher von selbst entzündet haben. Eine wahrhaft afrikanische Temperatur muß ferner 1231 in Süddeutschland geherrscht haben, denn es heißt, daß man Gier habe in der Sonne sieden können. Große Dürre, Krankheiten und Teuerung brachten dann die heißen Sommer 1236 und 1258-60. Starte Trockenheit, häufige Gewitter und Erdbeben brachten die Jahre 1350, 1352, 1356 und 1357, ferner die Jahre 1366, 1372, 1388, 1390, 1391 und 1394. Durch frühzeitige Hike war das Jahr 1420 ausgezeichnet, und aus dem Jahre 1472 wird mitgeteilt, daß der Frühling mit seinem Blumenschmud bereits im Februar angebrochen und während der unerträglichen heißen Witterung vom 4. Juli bis 29. September kein Regen gefallen sein soll. Im Oktober blühten die Bäume von neuem, besonders war eine sehr reiche Weinernte zu verzeichnen, die in Berlin den Wein sehr billig machte. Völkerkunde. Zeit" Die„ Damen" in der Tasche. Die Wiener berichtet: Der Anstreicher 8. und sein Freund K. spielten eines Tages in einem Leopoldstädter Kaffeehause letzten Ranges Klabrias. St. hatte auffälliges Pech, er verlor fast jede Partie und dadurch fünf Stronen, während 8. unerhörtes Glück hatte und jedesmal die Damen" bekam. Trotzdem schöpfte K. keinen Argwohn. Erst ein iebiß mußte ihn aufmerksam machen, daß sein Partner die " Damen", das sind die am meisten geltenden Starten, in der Tasche habe und nach Bedarf verwende. Nun ging dem K. ein Licht auf. Er erstattete gegen seinen Freund die Anzeige wegen Betruges; dieser Tage fand die Verhandlung statt. Schon die Verlesung der Anklageschrift rief bei den Zuhörern Heiterkeit hervor. Richter( zum Angeklagten):„ Nun, was sagen Sie dazu? Sie sollen die Privatbeteiligten um fünf Kronen geschädigt haben?" Angeklagter( verächtlich):„ Um fünf Kronen? Der hat in sein' Leben noch keine fünf Kronen beisammen gehabt."( Heiterfeit. Der Geschädigte macht eine komische Handbewegung, die seine Verblüffung über diesen Ausspruch ausdrücken sollte.) Richter( zum Privatbeteiligten):" Haben Sie ihn beim Falschspiel ertappt?" 3euge: Ich hab' verloren. Auf einmal seh' ich, wie er aus dem Kartenpadl eine Karte herausnimmt und oben draufgiebt. Sage ich, Sie mein Lieber, das geht bei mir nicht!" Richter:„ Nun, was hat er gesagt?" 3euge:„ Er hat gesagt: Na, wenn's nicht geht, dann geht's nicht.( Stürmische Heiterkeit.) Bis mich ein Gast aufmerksam gemacht hat, daß er die„ Damen" in der Tasche hat. Richter: Haben Sie öfter" Damen" in der Hand gehabt?" 3euge: Nicht erlebt hab' ich, eine zu sehen.( Heiterkeit.) Er hat immer aufgenommen. A Kunst, wenn er die Damen" in der Tasche hat." Die Verhandlung wurde vertagt. Notizen. leber uralte Volksgebräuche im Gouverne ment Jaroslaw berichten russische Blätter: Jm Gouvernement Jaroslaw und zum Teil auch in den benachbarten Gouvernements ist der Umzug aus einem alten Hause in ein neues mit zahlreichen uralten abergläubischen Gebräuchen begleitet. Wenn das Haus im Bau vollständig beendet und im Innern eingerichtet ist, wird eine besonders mutige Person gewählt, die in dem neuen Hause allein übernachten soll. Gewöhnlich fällt die Wahl auf einen Verwandten des Hausherrn oder auf einen Knecht. Wenn nun der Person, die die erste Nacht in dem neuen Hause verbringt, nichts Schlimmes widerfährt oder sie von keinem bösen Traum gequält wird, so kann das Haus ohne Gefahr für seine Bewohner bezogen werden. Am Tage, an dem das Hausgerät in den neuen Bau überführt wird, trägt der Hausherr vor allen Dingen das Heiligenbild hinein und hängt es in eine Ecke. Darauf wird von den Hausgenossen des Hausbesizers ein Hahn und eine Kaze hineingebracht, wobei man Letztere auf den Herd legt. Nach dem Volksglauben vertreibt der Hahn durch seine Wachsamkeit und sein Krähen die bösen Geister, während von der Kaze angenommen wird, daß sie zum Behagen und Frieden beiträgt. In einigen Kreisen besteht auch noch heute die - Lothar Schmidts Komödie, Josefine Martens" alte Sitte, vor dem Beziehen des neuen Hauses den Hausgeist wird von der Neuen Freien Voltsbühne( mit dem Rein(" Domowoi") aus dem alten in das neue Haus hinüberzubitten. Zu diesem Behufe entnimmt die älteste weibliche Person der Familie hardtschen Ensemble im Neuen Theater) zu Beginn der kommenden Spielzeit aufgeführt werden. dem Herde einige Kohlen, legt sie in einen noch nie im Gebrauch ge= Professor Udel, der Begründer des belamuten Quartetts, wesenen neuen irdenen Topf und bringt ihn mit den Worten:„ Bitte, Bäterchen, folgen Sie uns in das neue Haus" in die neue Wohnung, ist in Wien gestorben. 3wei Märchenbilder von Emil Orlit:„ Hänsel wo die Kohlen auf den Herd geschüttet werden und der Topf zeruns bon dem schlagen wird. Nachdem der Umzug beendet ist, findet die Ein- und Gretel" und Rübezahl" find weihungsfeier statt, die gewöhnlich durch einen Gottesdienst ein- Teubnerschen Verlag zugegangen. Die Lithographien haben geleitet wird. Stellt sich mit der Zeit in einem neuen Hause die das Format 75:55 Centimeter; jedes Bild kostet 5 M. C. Ein Diadem, dessen Alter auf 3000 Jahre geschätzt Notwendigkeit heraus, eine neue Thür oder ein Fenster durchzubrechen, wird, ist in der etruskischen Totenstadt Tarquinia auf so muß dieses unter Beobachtung ganz besonderer Vorsichtsmaßnahmen erfolgen, da eine am unrechten Orte oder zu unrechter gefunden worden. Nachdem man 200 Gräber aufgedeckt hat, sind Zeit durchbrochene Thür viel Unheil über das Haus bringen kann. außer dieser Goldkrone noch eine Anzahl von Vasen, Amuletten und In Dörjern, die in der Nähe von Wäldern gelegen sind, kommt es andren Gegenständen gefunden, welche die etrustische Kultur gegen häufig vor, daß Spechte in den frischen Balken des neugebauten über der römischen nicht nur älter, sondern entschieden überlegen Hauses nach Insekten suchen. Hört nun das Volk des Hämmern zeigen. Eine große Storchenkolonie befindet sich in dem des Spechtes an einem neuen Hause, so ist es der festen Ueberzeugung, Wie Sankt Hubertus" mitteilt, daß einem Bewohner der Tod bevorsteht oder daß zum mindesten Dorfe Seeth an der Eider. giebt es dort 200 Storchnester, auf manchem First deren zwei. ein Hausgenosse das Haus in nächster Zeit verlassen wird. Rechnet man neben den Alten drei Junge aufs Nest, dann klappern tausend Storchenschnäbel in dem Eiderdorf. Aus dem Tierleben. („ Globus".) Boshafte Drudfehler. Das Programm zum Konzert ss. In die Baumwollfelder der Vereinigten Staaten ist von des Berner Männerchors in der Martinsfirche zu Chur ist durch Merifo her ein Kriegsheer eingebrochen, dessen Besiegung dem Druckfehler arg entstellt worden. Der Berner Bund" schreibt: Zu Menschen schwere Mühe machen wird. Dieser Feind ist ein Käfer, dem gefühlvollen Liede„ Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden, der nach seiner eigentlich für den Schaden verantwortlichen Larve die letzten roten Astern trag' herbei", hat der Druckfehlerteufel als Baumwolljamen Wurm bezeichnet wird und in den der eine Variante für Feinschmecker erfunden:" Die letzten roten merikanischen Grenze zunächst gelegenen Baumwollpflanzungen be- Austern trag' herbei" hieß es auf dem Programm. Das wäre reits entsetzliche Zerstörungen angerichtet hat. Alle Versuche zur immerhin noch harmlos, ganz schlimm aber ist der zweite Streich. Eindämmung des Schadens find bisher unbefriedigend verlaufen. Hoch strahlt vom Firnenschild Freiheit dein hehres Bild" Jetzt kommt endlich eine Nachricht aus Guatemala, die eine heißt es in der Vaterlandshymne aus dem Calvenfestspiel. Was Rettung vor den Angriffen des Baumwollfamen- Wurms in Aussicht wurde daraus? Hoch strahlt vom Firmenschild.. Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.-Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.