Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 141. Mittlvoch, den 20. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 33] Im Vaterbau fc» Socialer Roman von Minna Kautsky. „Den Arbeitern geht es wahrlich nicht schlecht." dachte Witte, und wie gewandt sich der Bursche benimmt, er spricht frei von der Leber weg. Und diesem Gedanken Ausdruck gebend: „Sie haben was gelernt, Hofer. das freut mich, das Militär ist eine gute Schule für Sie gewesen; übrigens verdanken Sie auch Einiges meiner Frau." „Das beste, Herr Witte." Der schöne Ton freudiger Ueberzeugung klang da heraus. Witte sah nach ihm hin. sein Wohlwollen wuchs. „Es ist immer schön, wenn junge Leute das anerkennen, wa? man für sie�gethan hat. Meine Frau interessiert sich noch immer für Sie. Wenn Sie sie wieder einmal besuchen wollen, es wird sie gewiß freuen." „Danke, Herr Witte, ich wollte Sie eben selbst darum bitten." „Sie sagte mir, Sie hätten schon einen Posten. Das ging rasch... Sie gehören schon zu den besseren Arbeitern." „Zu den gelernten." korrigierte Friß. „Da haben Sie auch einen ordentlichen Lohn?" „Es thut's momentan. Die Fabrik hat große Aufträge und da wir Metallarbeiter gewerkschaftlich gut organisiert sind, haben wir keine Lohndrückerei zu fürchten. Freilich, wie lange wir noch so d'rauflos produzieren werden, kann man nicht wissen, gewöhnlich giebt's da einen Krach." „Ja, die Unsicherheit der Existenz," bemerkte Witte mit einem schweren Seufzer. Aber er richtete sich sofort wieder aus. im Gefühl seiner Würde:„Ihr Arbeiter lebt überhaupt nur von einem Tag auf den andern. Heut' habt Ihr Arbeit und morgen keine." Fritz zuckte die Achseln.„Es geht allen so. Ueberarbeit und Arbeitslosigkeit wechseln ab, wie Ebbe und Flut, als müßt' es so sein." „Es muß auch so sein und wird immer so sein," belehrte ihn Witte, im Tone der Ueberlegenhcit. „Entschuldigen Sie, Herr Witte, wir wissen schon, daß es nicht so sein muß und nicht immer so sein wird," sagte der Arbeiter ruhig. „Was können Sie davon wissen. Ich bitte Sie, lassen Sie sich doch nichts weiß machen, etwa von diesen privilegierten Nolksverführern. Halten Sie sich ruhig an Ihre Arbeit und denken Sie ein bißchen ans Sparen— jetzt können Sic's noch. Aber Ihr seid alle so, wie es Euch gut geht, werdet Ihr über- mütig, da wachsen Eure Bedürfnisse." Fritz hatte ein gutmütiges Lächeln. Der alte Bruder Leichtsinn predigte ihm Enthaltsamkeit.„Natürlich wachsen sie," rief er munter,„sie müssen wachsen, das ist Fortschritt, das ist Kultur, unsre Ausbeuter wollen das freilich nicht ein- sehen." „Das ist wahr," rief Witte. Es schien ihm einzn- leuchten, es stimmte zu seiner Erfahrung, und wie von Plötz- lichem Grimm erfaßt, rief er:„Die Ausbeutung ist eben blind, absichtlich blind, wollt Ihr sie sehend machen?" „Wir wollen sie abschaffen." „Ah, das giebt's nicht, das sind Träume, Albernheiten. Von der Sucht nach Gewinn ist noch 5keiner kuriert worden. Jeder will reich werden, jeder schindet seine Leute, so viel er kann; jeder sucht nach seiner Weise auszubeuten, seiner Stellung gemäß, und nach seiner Weise muß sich da jeder zur Wehr setzen, das ist erlaubte Notwehr, das kann einem niemand verübeln. Ihr aber greift sofort zu den extremsten Mitteln, Ihr insceniert Streiks, Ihr rebelliert gleich en rnnsse, das ist gefährlich und wird verboten. Was habt Ihr dann davon? Strafen, Entlassungen—" „Aber wenn nur durch den engsten Zusammenschluß, durch die Solidarität eine Besserung erreicht werden kann? Keiner dürfte sich ausschließen. Sie müßten es geradeso machen." «Ich? Ich bin kein Lohnarbeiter, mein lieber Fritz, ich bin ein Künstler, ich habe separate Abmachungen, ich werde nach meinen Leistungen honoriert." �„Und gerecht und zufriedenstellend honoriert?" fragte Fritz, ihn fest darauf ansehend. Witte senkte den Stopf.„Nein," sagte er kurz und schrofsi Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Witte atmete schwer und beklemmt. Die letzte Unbill, die ihm widerfahren, vor zwei Tagen erst, die er niemanden bisher gesagt, lastete auf ihm. Zorn und Grimm über das erlittene Unrecht wollten ihm schier die Brust zersprengen. Und plötzlich, stoßweise, in kurzen Absätzen, löste sich's von seinen Lippen, von seinem Herzen. Was war's, das ihn drängte, dem Manne, den er in seinen Standcsoorurteilen tief unter sich rangierte, zu ge- stehen, was er noch keinem gestanden, ihm seine Lage zu schildern, ihn gleichsam als Richter anzurufen in seiner Sache? Es war die Gemeinsamkeit ihrer Aus- b e u t u n g, die Gemeinsamkeit ihres Grolls. Es war das sichere Gefühl, der wird deme Erbitterung be- greisen, er wird sie teilen, es sollte ihm eine Lust sein, durch die eigne Empörung die des andern zu steigern. „Ja, mein lieber Fritz... zwanzig Jahre für die Firma gearbeitet,—— meine Muster haben auf allen Märkten Furore gemacht... sie waren die gesuchtesten Artikel... die Firma hat ihr Renommee mir zu verdanken.. mir! Er- höhung der Gage war mir seit langem zugesichert... die Chefs wußten sie immer hinauszuschieben... Als die Secession ihren Einzug hielt, fingen die Seccaturen an... ich Hab' sie getragen, Hab' mir alles gefallen lassen, ich wußte, als Alter war ich gegen die Jungen im Nachteil. Haha, ein Junger zu sein ist heutzutage allein schon ein Vorzug und ein Verdienst... ich Hab' es mir vor die Augen gehalten, ich wollte mir meinen Posten erhalten. ich habe das Menschen- mögliche gethan, umsonst... ich bin gekündigt... nach zwanzigjähriger Dienstzeit mit sechswöchentlicher Kündigung entlassen... was sagen Sie zu dieser Niederträchtigkeit?" Fritz sah erschreckt aus.„Abscheulich!" murmelte er. „Weiß es Ihre Frau?" „Nein, sie soll es auch nicht erfahren." „Gewiß nicht. Und Ihre Töchter?" „Sie haben keine Ahnung, die armen Kinder... rmd gerade jetzt..." „Gerade jetzt... wo noch Schlimmeres droht," sagte Fritz, einen andern Gedanken verfolgend.„Sie gehören keiner Gewerkschaft an. Herr Witte, keiner Krankenkasse?" „Wie kann ich als Künstler." „Sie gehören auch nicht der Künstlergenossenschaft an?" „Da hätt' ich auch was davon. Ihr Pensionsfonds ist noch nicht ins Leben getreten; die haben für ihre Witwen und Waisen noch nicht einmal gesorgt—" „Sie entbehren also jeder Hilfe, Sie sind schlimmer daran als ein Proletarier," fuhr Fritz schmerzhaft heraus. Da erhob sich Witte aus seiner gebeugten Haltung, er fand diese Gegenüberstellung höchst unpassend, er hatte den Hoch- mut seiner Klasse wieder gefunden. „Ich werde der Hilfe nicht entehren, Herr Hofer, ich habe Freunde, reiche, vornehme Freunde, die mich mit Wohl- wollen überhäufen. Schon eröffnen sich mir neue und lukra- tive Aussichten, die Familie Brandt meine ich, kann einem Künstler schon etwas bieten." „Die Familie Brandt?" „Sie werden schon von den Brüdern Braiidt gehört haben, zählen zu unsren bedeutendsten Großindnstriellen." „Ich keime sie, ich stehe bei ihnen in Arbeit." Witte machte große Augen.„Wie, Sie sind als Monteur bei Brandts engagiert— wie kommen Sie dazu? Das ist ja ein besonderer Glücksfall. Ich gratuliere." Er ermahnte ihn noch, sich ordentlich zu verhalten, damit er sein Glück nicht oerscherze, und fügte hinzu, ihn gleichsam verabschiedend:„Sie werden jetzt rascher fahren wollen." Sie waren aus den engen, wenig frequciitierten Straßen der alten Wieden herausgekommen, der herrliche Schwarzen- bergplatz breitere sich vor ihnen aus. Witte blickte iini sich Sie befanden sich in der Nähe von Ferdinands und Pauls Wohnung, eine Begegnung wäre leicht möglich... Wenn einer von ihnen ihn mit einem ihrer Arbeiter so vertraulich beisammen sähe— diese Leute sind so. diffizil... Wenn man in ihren Salons aus- und eingeht, ist man zu gesellschaftlichen Rücksichten verpflichtet... „Adieu, Herr Hofer," sagte er etwas eilig, indem er Fritz zunickte. Dieser hatte die Augen nicht von ihm gewandt. Ein Nchselzucken, ein trübes Lächeln:„Adieu, Herr Witte." Er hatte sich aufs Rad geschwungen, salutierte und fort war er. 22. Kapitel. Tini lebte jetzt in einer Umgebung, die täglich neue Wünsche in ihr entstehen ließ und ihre Begehrlichkeit steigerte. Das Stück blieb auf dem Spielplan und täglich war der Baron im Theater, um die paar Worte zu hören, die sie, wie er ver- sicherte, immer entzückender sprach. Die Proben für die nächste Novität nahmen ihre Bor- Mittage in Anspruch, an den Nachmittagen hatte sie Kon- ferenzen mit dem berühmten Schneider, der ihr Empire- Kostüm komponierte. Es sollte etwas Berückendes werden; ihre Figur sei tadellos, versicherte der gewiegte Kenner und Kleiderkünstler. Sie erzählte dies Urteil zu Hause. „Die Direktion läßt es mir machen," erklärte sie dem Vater auf eine diesbezügliche Frage, womit sich dieser zu- frieden gab. Er mochte wohl glauben, daß die Direktion auch den unnumerierten Fiaker beistellte, der sie ins Theater ab- holte und heimbrachte und oft stundenlang vor dem Hause wartete, ihrer Befehle gewärtig. Er forschte wenigstens nicht weiter. Die Mutter aber lief im Hause zu den Parteien und erzählte ihnen, die Tini habe einen Baron... er will sie heiraten... es hängt nur von ihr ab. Zu den Wittes kam Tini nur mehr, wenn sie eine be- stimmte Absicht damit verband. Einmal erbat sie sich eine Blusen-Taille der Gusti, angeblich, weil sie einen so guten Schnitt hatte, den nächsten Tag brachte sie Grüße von Reich, die sie Luise, ungehört von den andern, zu übermitteln wußte. Er habe geradezu tolle Anwandlungen von Sehnsucht, sagte sie ihr, aber er müsse vernünftig sein. Er spiele täglich, habe täglich Probe, studiere außerdem eine neue Rolle. Luise nahm die Botschaft mit durstigem Entzücken ent- gegen, sie entzündete ihr das Blut. Nach Tisch hatte sie Hut und Mantel abgenommen und ging aus dem Hause, dem Theater entgegen. Sie wollte ihn sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Es war eine unbezwing- liche Sehnsucht über sie gekommen. Ein heftiger Nordsturm durchfegte die Straßen und fuhr ihr brausend entgegen. Es war als wolle er sich ihrem Thun entgegenstellen, sie am Weiterschreiten verhindern.— Sie nahm den Kampf mit ihm auf, sie fühlte sich jedem Widerstande ge- wachsen. Der Wind verfing sich in ihrem Mantel, riß an ihrem Hut, zerwühlte ihr Haar— sie lachte des rohen Ge- fellen. Nur zu— nur zu! Höher hob sich die junge Brust, sie atmete tiefer und voller, und im Gefühle ihrer Kraft spreizte sie beide Arme aus, Flügeln gleich. Den Kopf er- hoben, die Augen verlangend in die Ferne gerichtet, eilte sie, während ihre Füße kaum den Boden berührten, thatsächlich aus Fittigen des Windes dahin, dem Geliebten entgegen. Die Gartenanlagen vor dem Theater waren um diese Stunde einsam und leer. Im Schutz der Gebüsche ordnete sie ihr Haar, befestigte ihren Hut und blickte durch das kahle Geäst hindurch nach dem Bühneneingang hinüber. Wenn er jetzt mit seinen Kollegen das Theater verläßt, will sie quer über den Platz gehen, als wolle sie die andre Seite gewinnen. Er wird sie sehen, sie grüßen... Schon fühlt sie den schönen Blick seiner Augen aus sich gerichtet und erschauert unter dem Aufruhr süßer Empfindungen. Zuwartend bleibt sie in ihrem Versteck. Die Probe war aus. Damen und Herren traten aus dem Gebäude und gingen nach verschiedenen Richtungen, als hätten sie Eile, zu ihrem Mittagessen zu kommen. Er, den sie suchte, ist nicht darunter. Unverwandt blickte sie nach der Pforte, die auf die Bühne führt, ihr Herz klopfte vor Ungeduld, ihr Abgott erscheint nicht. Schon wurde das Thor geschlossen. Thränen standen in ihren Augen. Angst überkam sie— sollte er krank sein? Sie sieht nach dem Zettel, er zeigt keine Veränderung an. Er spielt heute, das beruhigt sie wieder. Er hatte wohl einen andern Ausgang gewählt, war vielleicht schon fort, ehe sie kam. Den Kopf gesenkt, den Mantel fest zusammen- genommen, schreitet sie heimwärts. Der Wind braust über sie hin. sie hat ihm keinen Widerstand mehr zu leisten. In einer der verkehrsarmen Straßen, in der Nähe ihrer Be- hausung, kommt ihr ein junger Mann entgegen, der grüßend den Hut zieht. Es ist Dr. Jensen Er bleibt stehen, sein Blick will sie bannen. Sie erwidert den Gruß und hastet an ihm vorüber, ihre Schritte beschleunigend. Er bleibt betroffen stehen, dann geht er ihr nach. Seit jenem Abend bei Brandt hatte sie seine Gedanken unaufhörlich beschäftigt. Sie gefiel ihm außerordentlich. Nun hatte er einen Brief seines Vaters erhalten, der ihn zurückrief. Er zögert, er fühlt sich gehalten — er will nicht abreisen, ehe er sie nicht noch einmal gesehen, womöglich gesprochen hatte. Was will er? Das Mädchen liebt einen andern. Sie bildet sich das nur ein, sagte er sich. Sollte es ihm nicht gelingen, sie von dieser Passion, nein, Verblendung zu heilen? Seine frische Jugend rechtfertigte diesen Glauben, und da seine Eifersucht in dem Schauspieler nur den verlebten Wüstling sehen wollte, wuchs im Handumdrehen sein Verlangen zu einer ethischen Forderung empor. Er wollte sie retten. Vater Witte war ihm nicht unsympathisch, aber eitel und leichtgläubig er.- schienen. In Bezug auf feine Töchter mochte er wohl mit hochfliegenden Plänen sich tragen. Luise war intelligent, aber unerfahren, verwirrt durch die neuen Eindrücke, die von innen und außen auf sie einstürmten. Wie konnte es anders sein! lFortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Quecksilber. Quecksilber war schon im Altertum bekannt, wurde aber seiner flüssigen Beschaffenheit halber nicht zu den Metallen gerechnet, die der Mensch damals als Eisen, Blei, Kupfer, Zinn, Gold und Silber kennen gelernt hatte. Die Aehnlichkeit des Quecksilbers mit dem Silber war wohl die Veranlassung, daß man es im Altertum„Silber- Wasser" und„flüssiges Silber" nannte. Unsre deutsche Bezeichnung „Quecksilber" ist die Uebersetzung des lateinischen Namens„Argen- tum vivum", der den Haupteigenschaften des„lebendigen Silbers" durchaus gerecht wird. Auch Theophrast wählte um 300 v. Chr. für das Quecksilber in dem Namen„Wassersilber" eine Bezeichnung, die durch die Natur des eigenartigen Stoffes naheliegend war. Von diesem Schriftsteller wissen wir, daß es das Verdienst des Atheners Callias um 41S v. Chr. war, aus dem steinigen und harten Zinnober Spaniens durch ein Verfahren die Gewinnung des Quecksilbers ge- funden zu haben, wodurch er zu einem äußerst wohlhabenden Manne wurde. Aus den Mitteilungen, die wir bei den Schriftstellern des Alter- tums über das flüssige Silber finden, verdient die von Plinius (23— 79 n. Chr.) besondere Beachtung, weil sie beweist, daß man damals schon wußte, daß die Metalle mit Ausnahme des Goldes auf dem Quecksilber schwimmen. Plinius beschreibt auch, wie man mit Hilfe von Quecksilber Gold auflöste, indem man z. B. dieses Wasser» silber auf golddurchwirkte Gewebe goß. Im Anfang des 7. Jahr- Hunderts unsrer Zeitrechnung weist Jsidorus darauf hin, daß die Auf- bewahruftg des Wasscrsilbers mit Vorsicht zu geschehen habe, da es sich leicht mit Metallen amalgamiere und diese so zerstöre. Daß auch die Neger frühzeitig gelernt haben, Quecksilber zu verwerten, geht aus einer Angabe Humboldts hervor, der die Nachricht des Arabers Edrisi erwähnt, nach der an der Ostküste von Afrika schon vor dem 12. Jahrhundert seitens der Neger das flüssige Silber zur Amalga» mation in den Goldwäschereien benutzt wurde. Die Araber in Spanien verstanden ebenfalls die Quecksilbererzeugung, denn der von 912 bis 961 lebende Kalif Abderrhaman besaß in dem Pracht- garten seines Palastes zu Cordova eine mit diesem Wassersilber ge- füllte große Muschel aus Porphyr. Es würde zu weit führen, noch weiter auf historisch interessante Daten zu sprechen zu kommen; es sei nur noch erwähnt, daß die Familie Fugger im Jahre 1ö2ö die Gruben von Almaden von der spanischen Krone pachtete, und daß sie der Ouecksilberausbeutung einen großen Teil ihres Riesen- Vermögens verdankte. Da das flüssige Silber bei normaler Temperatur nicht fest ist. so kann es kein Wunder nehmen, wenn man es im Altertum nicht als Metall betrachtete. Die Karthager und Phönicier befaßten sich sehr eingehend mit der Natur des Quecksilbers; die Alchemisten des Mittel- alters untersuchten es mit allen Mitteln der damaligen Chemie. Man lehrte dann, daß Quecksilber neben Schwefel in allen Metallen enthalten sei, oder daß diese beiden Substanzen die Eltern von allen Metallen seien. Zu dieser Auffassung führte wohl ein falscher Rück- schluß aus der schon erwähnten Thatsache, daß sich das Wassersilber sehr leicht mit andern Metallen amalgamieren läßt. Als endlich im Jahre 1759 Braun in Petersburg feststellte, daß Quecksilber bei genügender Kälte fest wird, da reihte man endlich das bis dahin als Halbmetall betrachtete eigenartige Material In die Reihe der Metalle ein.... Da Quecksilber in der Natur im gediegenen Zustande in �orm fadenförmiger oder kugeliger Tröpfchen nur sehr selten gefunden loird, so mutz die rationelle Gewinnung aus den geschwefelten Verbindungen, besonders aus der des Zinnobers, durchgeführt werden. Zinnober kommt nun allerdings in der Natur ziemlich reichlich vor; es sind aber doch nur verhältnismätzig wenig Fundorte bekannt, deren Gehalt reich genug ist, um eine lohnende Quecksilber-Produktion durchführen zu lassen. Die Hauptfundorte in Europa sind: Almaden in Spanien, Jdria und St. Anna in Kram; die autzerdem noch auf viele Länder verteilten Fundorte liefern nur eine geringe Menge Quecksilber. In Amerika wird, abgesehen von Mexiko, hauptsächlich in Kalifornien das flüssige Silber in grotzem Matzstabe gewonnen. In Form des Sulfids sindet sich das Quecksilber vereinigt mit den Sulfiden des Antimons, Arsens, Eisens, Kupfers und Silbers in der Natur vor. Das wichtigste Rohmaterial für die Verhüttung von Quecksilber ist nach wie vor das Zinnober, auch Schwefelquecksilber genannt. Wie verschieden der Gehalt an Quecksilber in dem Rohmaterial der Fundstellen ist. lätzt sich aus den folgenden Zahlen erkennen. So beträgt der durchschnittliche Ouecksilbergehalt in der Fundstelle zu Almuden 8 bis S Proz., schwankt aber im einzelnen zwischen 0,75 und LS Proz.; in Jdria ist der durchschnittliche Gehalt nur V.S bis 0,8 Prozent, und zu Nikitowka in Südruhland weisen die Erze auch nur V.S Proz. Gehalt an Quecksilber auf. Die bedeutenden Zinnober- lagerstätten in Kalifornien haben einen durchschnittlichen Metallgehalt von 1 bis 3 Proz. Das technische Princip der Quccksilber-Darstcllung besteht in der Destillation des aus den Erzen gewonnenen Metalles und in der Kondensation der Dämpfe. Die Verhüttung des Zinnobers kann ent- weder durch Rösten unter Lustzutritt oder durch Zersetzen der Schwefelverbindung mit Kalk oder Eisen geschehen. Bei der erst- erwähnten Methode verflüchtigen sich metallisches Quecksilber und schweflige Säure; bei dem zweiten Verfahren wird der Schwefel an Kalk oder Eisen gebunden, und das Quecksilber allein verdampft. Für die Darstellung des flüssigen Silbers in grotzem Matzstabe hat sich das Röstverfahren als besonders vorteilhaft erwiesen. Die Oefen, die zu dem Röstprozetz verwendet werden, sind im Laufe der Zeit sehr vervollkommnet worden. Im Altertum benutzten die Phönicier für ihre Quecksilber-Gewinnung irdene Töpfe, die durch Deckel verschlossen und von autzen durch Feuerungsmaterial erhitzt wurden. Die„Bustamente-Oefen" oder«Aludeln", welche in Almaden in Spanien erfunden worden waren, galten lange Zeit als die besten Röst-Oefen. Heutzutage dürften die Ofeneinrichtungen des aus einen Jahrhunderte alten Betrieb zurückblickenden Quecksilber- Werkes zu Jdria als vorbildlich gelten, da sie eine sehr vollkommene Konstruktion aufweisen. Bei den in Jdria gebräuchlichen Schacht- Oefen wird abwechselnd eine Lage Groberz auf eine Lage Holzkohle gebracht. Für eine Batterie von zehn Oefen genügen 14 Mann zur Bedienung. Für die Verarbeitung des kleinen Rohmaterials werden die sogenannten Schüttel-Röst-Oefen benutzt. Die quecksilberhaltigen Feinkiese fallen auf dächerartige Konstruktionsteile und das Queck- silber sammelt sich nach und nach am Boden des Ofens an. Diese Oefen können von aussen von den Arbeitern bedient werden, so datz die Belästigungen durch die giftigen Röstgase fortfallen. Die Gase werden durch kräftige Ventilatoren in Kondcnsationsanlagen be- fördert, von wo sie in den Schornstein enttveichen. Je nach der Art der verarbeiteten Erze sind die Rückstände wertlos oder eignen sich noch zur weiteren Ausbeutung; in Jdria werden die an den Rück- ständen haftenden Ouecksilberteilchen jährlich in einer Menge bis zu tausend Kilo gewonnen. In den Kondcnsationsanlagen müssen nun die quecksilberhaltigen Gase durch Kondensation mittels Erniedrigung der Temperatur ver- dichtet werden. Hierzu verwendet man hauptsächlich Thonrohre, deren dünne und doch widerstandsfähige Wandungen leicht durch Wasser gekühlt werden können. Die Thonrohre reichen mit dem uWeren Teile in eine mit Wasser gefüllte grotze Schale; die Kondensations- produste fallen nun teilweise in das Wasser dieses Bassins, teils bleiben sie an den Rohrwandungen hängen und werden bei der Reinigung entfernt. Die Kondensation der dünnen Quecksilbergase, die mit Staub, Asche und theerigen Bestandteilen durchsetzt sind, geht aber in den Thonrohren nur unvollkommen vor sich, weshalb man die Gase noch durch lange Holzkammern schickt. In Jdria umfassen die Kondensationsräume nicht iveniger als 16 vvv Kubikmeter, trotzdem ist die Kondensatton der Gase keine vollkommene, da sich sowohl im Essenkanal als auch noch im Schornstein selbst nicht unbeträchtliche Mengen Quecksilber vorfinden. Das aus den Bassins genommene Kondensationsprodust ist nicht rein, sondern ein mit Unreinlichkeiten durchsetzter Schlamm, der die Bezeichnung„Swpp" führt. Um reines Quecksilber zu gewinnen, wird der Schlamm durch Pressen oder Reiben zur Abgabe des flüssigen Silbers gezwungen. Für diesen Zweck werden die Stuppmühlcn be- nutzt, welche die Masse durcheinander kneten, so datz sich das schwere Quecksilber auf dem Mühlenboden ansammelt und von hier durch kleine Löcher in ein Sammelgefäh flietzt. Da das Produkt aber auch jetzt noch nicht ganz rein ist, so mutz man suchen, die resttercnden Un- reinlichkeitcn zu entfernen. Dieses ist mit Hilfe des Weitzkopfschen Reinigungsapvarates jetzt verhältnismätzig leicht durchführbar. Man nimmt nämlich ein miten verschlossenes trichterförmiges Gefätz und drückt dieses in ein mit Quecksilber gefülltes Bassin. Wenn jetzt der Ventilverschlutz geöffnet wird, so kann in den Trichter das Queck- silber nur von unten emporsteigen, während die leichten Ver- unreinigungen, die oben schwinimen, nicht mit einströmen können. Ist der Trichter von unten gefüllt, so wird mit dem Ventil der Boden wieder verschlossen, und man hebt das reine Quecksilber heraus. Dieses wurde früher in Beutel aus Schafleder gefüllt; jetzt benutzt man aber für diesen Zweck eiserne Flaschen, die leider nicht in allen Ländern die gleiche Grötze ausweisen, da die mexikanische Flasche nur 34,05 Kilo, die italienische, kalifornische und russische aber 34,7 und die spanische Flasche, wieder abweichend, 34,5 Kilo Inhalt hat. Während man früher in den Quecksilberwerken mit 80 Prozent Ausbeute sehr zufrieden war, hat man jetzt alle Stadien der Pro- dustion so verbessert, datz nur etwa 10 Prozent Verlust in Frage kommen. Datz sich aber jede weitere Verbesserung der Ausbeute lohnt, dürste die Thatsache beweisen, datz ein Werk von 500 Tonnen Jahresproduktion infolge der bis jetzt als unvermeidlich geltenden Verluste für etwa 300 000 Mark Schaden hat. Die Vermeidung aller Äerluste ist aber auch im Interesse der Bekämpfung der so ge- fährlichen Quecksilbervergiftung dringend zu wünschen. Trotz aller Verbesserungen liegen heute die Verhältnisse so, datz der Arbeiter in etwa 100 Stunden 4 Gramm dieses giftigen Metalles in sich auf- nimmt. Im Jahre 1001 betrug die Quecksilberproduktion der Vereinigten Staaten 1031, Spaniens 84ö, Oesterreichs 512, Ruhlands 368 und Mexikos 335 Tonnen, während Deutschland nur 1700 Kilo erzeugte, Der Preis des Quecksilbers beträgt zur Zeit auf dem Märst in London pro 1000 Kilo ungefähr 5000 Mark. Das specifische Gewicht des flüssigen Silbers, das bei— 39,5 Grad gefriert, und bei+ 360 Grad siedet, beträgt bei normaler Temperatur 13,6 und in gefrorenem Zustande 14,19. Für wissenschaftliche Zwecke findet das Quecksilber vielfache Verwendung, genau wie es für viele technische Zwecke eine grosse Rolle spielt. Die Herstellung von Thermometern, der Belag für Spiegel, die Gewinnung von Gold usw. werden mit Hilfe von Quecksilber durchgeführt. Bekanntlich ist der Widerstand, den die Quecksilbersäule einer Capillarröhre von 1,06 Meter Länge und 1 Millimeter Durchmesser aufweist, für die Elektrotechnik sehr wichtig, da dieses die Widerstandseinhest«Ohm" ist.— Rudolf Gerber. Kldncs Feuilleton. — Von den Alpenblumcn schreibt eine Leserin den„Basler Nach» richten": Bei Ihnen las ich vorige Woche einen Artikel über die Flora in den Schweizerbcrgcn, der meinen lebhaften Widerspruch hervor» rief. Der Einsender gelangt darin zum Schlutz, datz Edelweih und Alpenrose in unsrcn Bergen beinahe ausgerottet und eigentlich nur noch an unzugänglichen Orten zu finden sind. Wo der Schreiber jenes Artikel hcrumgewandert ist, um diese betrübende Wahrnehmung zu machen, weiss ich natürlich nicht, möchte ihn aber bitten, mich auf einigen Kreuz- und Querzügen im Berner Oberland zu begleiten, nur auf bekanntesten Routen, und wenn er dann nicht mit Edelweitz und Alpenrosen heimkehrt, so viel sein Herz begehrt, kann er es dreist als Wunder in die Zeitung setzen. Nur eins mutz er sich merken. Die Alpenrose blüht in niedrigeren Regionen im Juni, in höheren und schattigeren Gegenden im Juli, und nur selten im August, während umgekehrt die Blütezeit des Edelweitz hauptsächlich in den August fällt. Besuchen wir vorerst die Stockhornkette zur Einleitung unsrer Reise, und spazieren wir vom Gurnigelbad ein Stündchen bergan zum oberen Gurnigel: Alpenrosen die Fülle. Ebenso an den meisten ähnlichen Stellen der ganzen Kette. Wenden wir uns dann zum Thunersee, fahren auf den Beatenberg und steigen von dort an verschiedenen Stellen in die Höhe nach dem Guggisgrat zu: überall Alpenrosen, wenn auch nicht so reichlich. Dann gehen wir von Jnter» laken aus zwei Stunden lang durch herrlichen Wald nach dem Abend- berg: der Grat vom Hotel aufwärts leuchtend von Alpenrosen! Gehen wir von dort oder von Wilderswhl nach Saxeten und durch Wald und Weide gegen das Renggli zu: Alpenrosen in schönsten Exemplaren I Jetzt geht's nach der Schynigen Platte, aber zu Fuss; an einigen Stellen viele Alpenrosen, aber mager wegen des Terrains. Endlich die Wengernalp: zwischen Wengen und Kleiner Scheideck einerseits, dieser und Alpiglen andrerseits, weite Felder von Alpen» rosen, Blüte an Blüte, unzählbar, leuchtend rot, scheinbar immer gleich viel, wennschon Scharen von Wanderern täglich reich beladen nach Hause kehren. Das gleiche gilt von der grossen Scheideck I Zum Schlutz steigen wir noch von Grindelwald aus auf dem bekanntesten der Faulhornwege bis Waldspitz: ringsum ein Meer von Alpen» rosen, links und rechts, oben und unten I Ich glaube, das genügt für den Augenblick. Nun zum Edelweitz. Datz es früher gerade „auf den Weiden wuchs", möchte ich bezweistln, wenigstens lernte ich schon vor 40 Jahren in der Gcographicstunde,„datz das Edelweitz auf hohen Bergen an steilen Felsen wächst und, wie die Gemse, den kühnen Wanderer leicht in's Verderben lockt." Nun, so schlimm ist'S nicht, ich habe viel Edelweitz gepflückt und manche Gemse, zwar nicht gejagt, aber in nächster Nähe mit Jubel vorbeispringen gesehen unk» bin doch noch am Leben; aber gerade für jedes Kind, wie auf der Ristelalp und nach dem Axalphorn zu, wächst das Edelweitz nicht oft und hat es wohl nie gethan. Spazieren wir aber vom Schwefelberg. bad an der Stockhornkette herunter, so gibt's viel Edelweitz, nur müssen wir vorsichtig sein, und es sollte keiner sich allein auf die Suche begeben. Bequemer haben wir's auf dem vielbegangenen Weg von Grindelwald zu Bäregg; da winken Edelweitz in Menge vom Metten- berg herunter, in nächster Nähe des Wirtshauses stehen sie schon in schönen Exemplaren und laden zum Pflücken ein. Reiche Ernte aber halten wir, wenn wir uns einen Führer leisten wollen nach der Klubhütte am Schreckhorn z beides sind prachtvolle, kleine Tagestourcn, auch für eine Großmutter, wie ich es bin, leicht zu bewältigen, und verschaffen uns neben allem andren großen Genuß eben Edelweiß, so viel wir wollen. Endlich wandern wir noch von Grindelwald auf die Bußalp am Faulhorn, besuchen die Burg mit ihrer wunderbaren Aussicht und stecken uns zum Abschied ein paar Edelweiß auf den Hut. So giebt's noch tausend Orte, wo Edelweiß und Alpenrose zur Freude des Wanderers reichlich blühen nebst ungezählten andren, ebenso schönen, wenn auch nicht so berühmten Blumen; ausgerottet sind sie nicht, sondern stehen vielerorts unter dem Schuh der Regierungen, dank den Bemühungen des Alpenklubs, und das Aus- graben mit den Wurzeln ist verboten.— Archäologisches. k. Vom Totenkult der alten Aeghpter. In der Ausstellung der ägyptischen Funde, die jetzt in London eröffnet ist, sind auch eine Anzahl bemerkenswerter Gegenstände vereinigt, die aus den Felsengräbern von Ben-i-Hassan stammen und aus der lt. und 12. Dynastie herrühren; dazu gehört ein prächtiger Sarg von Sebek- Metcp-aa, einem hohen Tempelbeamten; der Sarg ist von innen und außen mit Texten aus dem Totenbuch und andren heiligen Schriften geschmückt. Noch ein andrer Sarg in ziemlich beschädigtem Zustand ist aufgefunden, dessen Inschriften Varianten bilden zu einem Teil des berühniten Papyrustcrtes, den Maspero zu Sakkarah vor einigen Jahren auffand und der so viel Licht in die frühesten Perioden der ägyptischen Religion und Sprache gebracht hat. Diese beiden Särge enthielten natürlich Muniien; aber selbst im konservativen Aegypten löste eine Art der Bestattung in bestimmten Zeiten die andre ab, und so kann man hier auch Beispiele der sogenannten„Topf- g r ä b e r" finden. Bei einem von diesen ist der Körper in der zu- samiyengekrümmten Lage, die in den neolithischen Zeiten gebräuchlich war, in einen runden irdenen Topf mit einem Deckel gelegt. Garstang, der die Ausgrabung dieser Gegenstände leitete, schreibt diese Särge mit größter Wahrscheinlichkeit der dritten Dynastie zu, und nicht weit von diesem sieht man einen ähnlichen irdenen Sarg, in den der Körper in voller Länge ausgestreckt hineingelegt war, wie es die frühere Art der Beerdigung erforderte. Aelter als das Be- graben in Thonsärgen ist wahrscheinlich die Art, daß man die Körper in zusammcngcvreßter Stellung in eine viereckige Holzbüchse steckte, die an ihrer Ostseite eine Reihe hölzerner Säulchen zeigte, die vielleicht der Ursprung jener„Fassade"(8rekK) gewesen sind, die mau immer als das Kennzeichen der königlichen Würde an den Gräbern findet und die anzeigt, daß der tote König dem Gotte Horus gleichgesetzt wird. Unter den kleineren Gegenständen fallen ganze Gruppen der puppenähnlichen Thonfigürchcn auf, von denen der fromme Aegypter glaubte, sie würden ihm auch in jener andren Welt durch ihre Zauberkunst ein Wiederaufleben seiner liebsten Be- schäftigungen gewähren. Darum wurden hier die Scenen des täg- lichen Lebens sorgsam nachgebildet, wie wenn die kleinen Puppen Leben und Blut der Verstorbenen aufnehmen und mit all dem lieben gewohnten Treiben auch im dumpfen Totenreich die ax�ne Seele umgeben möchten. So zieht neben Bäckereien und Kornspeichern auch die genauere Darstellung einer Brauerei, die in voller Thätigkeit ist, die Aufmerksamkeit auf sich. Eine Anzahl Sklaven bereiten das Malz, eine andre Schar bringt es in mächtige Thongefäße, um die Gärung hervorzurufen, und ein dritter Sklaventrupp trägt auf seinen Schultern große Töpfe mit dem fertigen Bier fort. Hier kann man auch in eine alte, ägyptische Schlächterei sehen, in der fette Ochsen für die Küche der Herrschasten zerlegt werden, der fetteste freilich ist sorgsam beiseite gebracht worden, denn er ist für das feierliche Opfer aufgehoben. Noch feiner gearbeitet sind die Modelle von Booten, von denen einige init mehr als zwanzig Rudern besetzt sind, während in einem eine Schar Krieger sich befindet, die auf dem Hinterdeck Schach oder Dame spielen. Da sieht man auch die äußerst lebensvolle Gestalt eines Mädchens, das vom Markt heim- kehrt, einen Korb auf dem Kopfe trägt und zwei Gänse in den Händen hält, die sie am Nacken gepackt hat. Die Krone dieses Teiles der Ausstellung aber ist die hölzerne Statuette eines Mannes, der mit Hilfe eines langen Stabes daherwandert; in Realismus und Feinheit der Behandlung, ebenso wie in der ganzen Stellung er- innert sie an die berühmte Statue des sogenannten Sheik-el-Belcd/ die freilich doch noch feiner ausgeführt ist. Töpfereien und Thon- waren in reicher Menge sind vorhanden, aus denen man das Alter der ausgegrabenen Schichten erkennen kann, auch viele Kugeln sind da, unter denen eine besonders durch ihr glänzendes Blau auffällt. Sie ist mit dem Bilde eines Tieres, wahrscheinlich eines Stachel- schweines geschmückt.— Technisches. atk. V a n a d i u m st a h l.(Nachdruck verboten.) Es hat den Anschein, daß schon ein Zusatz von 3 bis 5 Teilen Vanadium auf 1090 Teile Stahl genügt, um dem Stahl sehr bemerkenswerte Eigen- schaften zu verleihen. Im eigentlichen Sinne erteilt das Vanadium dem Eisen oder Stahl keine neue Eigenschaft, sondern er verdoppelt nach jeder Richtung hin die Fcstigkcitskocffizicnten und giebt dem- selben eine sehr große Härte; diese erscheint z. B.. nach„L'Echo de Miues et de la Metallurgie", bedeutend genug, die Dicke eines Schiffspanzers auf die Hälfte herabzusetzen.'Es ist schwer zu ver- stehen, daß ein Zusatz von nur V, bis lA Prozent zu einer Eisen- legierung eine so kräftige Wirkung ausüben kann; möglicherweise läßt sich die Wirkung mir der großen Neigung des Vanadiums, sich unter gewissen Verhältnissen mit dem Sauerstoff zu verbinden, er- klären. Dieses Verhalten könnte hier insofern in Betracht kommen, als selbst die kleinsten Mengen von Vanadium in einem Bade von geschmolzenem Stahl jede noch in der Schmelzmasse vorhandene Spur von Eisenoxyd reduzieren. Das Brechen selbst der besten Stahlsorten wird dem Eisenoxyd zugeschrieben, dessen Bildung ohne Anwendung von Vanadium unvermeidlich ist. Kristalle von Oxyden, selbst mikro- kristallinische, wirken ähnlich wie das Ritzen des stärksten Glases mittels Diamant. Eine besondere Eigenschaft des Vanadiumftahls ist, daß derselbe das Maximum von Härte nicht durch Tempern, sondern durch Glühen bei einer Temperatur von 700 bis 800 Grad erreicht. Dies ist in verschiedener Hinsicht von Bedeutung. Beispiels- weise wird eine Hobelmaschine, deren arbeitende Teile aus Vanadium- stahl hergestellt sind, mit der größten Kraft und Geschwindigkeit arbeiten. Wenn die Schabeisen heiß werden, ja selbst wenn sie Rot- glühhitze erreichen, werden sie noch Eisenfcilspänc abstoßen und nicht versagen. Es ist fast überflüssig, zu bemerken, daß in einem solchen Falle bei Verwendung gcwöhillichen Stahls die Schabeisen weich werden und ihre Schneidkrast verlieren würden. Die vorerwähnte Eigenschaft des Vanadiums ist von besonderer Wichtigkeit für Geschosse. Es ist bekannt, daß der Stoß, welchen die letzteren beim Erreichen des Zieles aushalten müssen, eine ent- sprechende Erhöhung der Temperatur zur Folge hat. Wenn durch Zusatz von Vanadium diese erhöhte Temperatur die Härte der Gc- schoßspitze nicht vermindert und infolge dessen die Schärfe der letzteren ganz erhalten bleibt, so wird auch die Durchschlagskraft des Ge- schosscs nicht nachteilig beeinflußt werden. Tie Verwendung des Vanadiums kann eine sehr mannigfache sein. Man vermutet, daß dieselbe vielleicht eine vollkommene Umwälzung in Bezug auf die Ar- mierung von Schiffen, die Kriegsausrüstung des Soldaten usw. herbei- führen dürfte. Der Preis für ein Kilogramm Vanadium betrug früher ca. 130 000 Frank, jetzt kostet dasselbe etwa ISO Frank.— Humoristisches. — Ein Vergnügen. Der kleine Adolf stürzt freude« strahlend ins Zimmer:„Mutter! heut' bin ich mit dem Onkel ge- fahren! aus dem Automobil! denk' Dir! so sind wir gefahren, daß wir gar nichts mehr gesehen haben, und reden Hab' ich nicht mehr können und der Staub ist mir überall hinein in Augen, Mund und Nase, und gehört Hab' ich nichts mehr und alles ist mir durchein- ander im Kopf... ach I es war ei» Vergnügen I"— — Ungewohnter Anblick. Berliner:„Was das ein ungewohnter Anblick auf hoher See ist: soweit das Auge reichte, nichts als Wasser und Himmel und kein einziges Denkmal!"— — Anklage. Bergfex(in einer Mpenwirtschaft re- nominierend):„Heute feiere ich meinen fünfundzwanzigsten Ab- stürz I" Bauer:„So, so, Sie san der, der all'weil unsre Berg' so ruiniert!"— („Meggenborfer Blätter".) » Büchereinlanf. — A. F. Krause:„Unter dem starken Leben." Novellen. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 3,50 M.— —„Jung-Rußland."(Rene Novellen von Gorki, We- ressajeff, Andrejew.) München. Dr. I. Marchlewski u. Co. Preis IchOTW.— — Kurt Martens:„Katastrophe n." Novellen. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Preis 2 M.— — Charles E u st a c e M e r r i m a n:„V r i e f e an P apa". Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 3,50 M.— — Eugen I s o l a ni:„Die lange Nase". Fabeln. Zürich. Cäsar Schmidt. Pr. 1.00 M.— — Georg v. d. Gabelentz:„Das weiße Tier." Novellen. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 3,50 M.— — Fritz Döring:„ K l e i n st ä d t i s ch e Herzen". Roman. Berlin, Eisenach, Leipzig. Hermann Hillger. Preis 20 Pf.— — Hermann Heijermans:„Diamantstadt." Roman. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 5 SB.— — Robert Heimann-Dvorak:„Ehre?" Roinair. Zürich. Cäsar Schmidt. Pr. 1,20 M.— — George Moore:„Arbeite und bete"(Esther WaterS). Roman. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 0 M.— — Karl v. Perfall:„Frau Sensburg". Roman. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 4M.— — Frank Wedekind:„Hidalla". Drama. München. Dr. I. Marchlewski it. Co. Preis 2 M.— — Wilhelm Schmidt-Bonn:„Die goldeneThür". Drama. Berlin. Egon Fleische! u. Co. Pr. 2 M.— —„Gottfried A n g u st Bürgers Ehestands-Ge» schichte." Berlin. Ernst Frensdorff.— — Eduard Fuchs:„Ein vormärzliches Tanz- idyll: Lola Montez in der Karikatur". Berlin. Ernst Frensdorff.— Vcrantloortl. Redakteur: Paul Büttner. Berlni.— Druck und Verlag: Borlvärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Sitigcr LcCo.. Berlin LW.