Nnterhallungsblatt des Honvärls Nr. 142. Donnerstag, den 21. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 31] Im Vaterkaule. Socialer Roman von Minna K a u t s k y. Ein Ausspruch Spencers, des großen Denkers, dem Jensen begeistert anhing, fiel ihm ein: Wenn sich ein junges Mädchen allzu früh in der Welt zurecht findet, kündigt das stets Gemeinheit an. Wie konnte sich ein unschuldiges, fein- fühliges Mädchen, wie Luise, mit einem geraden Smn in einer Welt des Scheins, in einer verderbten Welt sich zurecht- finden? Es war unmöglich. Es galt sie aufzuklären, er wollte ihr Führer sein, ihrem Geiste Nahrung geben, ihren ästhetischen Sinn weiter entivickeln. Es schien ihm die edelste Aufgabe, aber wie soll er's anstellen, um zu dieser Mission zu gelangen? Ein ernstes Verhältnis war derzeit unmöglich. Er konnte nicht als Freier auftreten. Er war nicht selbständig, war in seinen Existenzbedingungen noch völlig abhängig von seinem Vater... zudem an eine verfeinerte Lebensführung gewöhnt... Seine eigne Entwicklung war noch mcht abgeschlossen... Und wie würde seine Mutter sich zu dem Mädchen stellen? Hundertmal hatte er in den letzten Tagen diese Einwendungen sich vorgelegt und war doch täglich hierher gekommen in der Hoffnung, dem Mädchen zu begegnen oder den Vater zu treffen, wenn er aus der Arbeit nach Hause kam. Er wiederholte sich, während er hinter ihr drein ging, was gegen die Fortsetzung dieser Bekanntschaft sprach, und ließ dabei das Mädchen nicht aus den Augen, bewunderte ihre schlanke Gestalt, die graziöse Haltung, den leichten elastischen Gang, der ihm den schön gebauten Körper verriet. Am Schönbrunnerhause angelangt, trat er an ihre Seite. „Fräulein Witte, verzeihen Sie meine Kühnheit— ich wollte-mich erkundigen—" Sie reichte ihm die Hand zum Gruße entgegen, sie tauschte kurze, nichtssagende Worte. Dann sagte er ernst und dringend, wie man einen Herzens- Wunsch vorbringt:„Fräulein Witte, Ihr Vater hatte einige Fragen an mich gestellt, ich wäre glücklich, ihm vor meiner Abreise die gewünschte Auskunft geben zn dürfen." Ein schöner offener Blick auf ihn begegnete seinen fragenden Augen. Sie antwortete nihig, ohne Verlegenheit: „Er wird Ihnen danken, Herr Doktor, aber er ist nicht zn Hause'— die Mutter ist krank— wir haben nur eine Stube— verzeihen Sie, aber ich kann Sie nicht bitten, herauf zu kommen." Sie neigte verabschiedend ihr Haupt und trat in das Haus. Sie war verschwunden. Sein Blick haftete an der Stelle, wo sie gestanden, seine Zähne nagten grausam an seiizen Lippen. Er hatte eine gründliche Abfertigung erfahren— oder wäre es wahr, was sie gesagt, sie hätten nur eine Stube — eine einzige Stube—? Und ex hatte Witte uird seine Töchter als Gäste in einein eleganten Salon gefunden, wo er mit dem Aplomb des Künstlers auftrat. Und waren die Mädchen nicht geschmackvoll gekleidet, sorglos und heiter ge- wesen. als wäre ihnen niemals ein Wunsch versagt geblieben? Der Gegensatz zwischen seinen Vorstellungen und der Wirklichkeit brachten ihm Gedanken peinlicher Art. Er hatte den Hausflur betreten, ohne es recht zu wissen. Der schrille, ordinäre Ton einer Frauenstimme, die vom Hofe aus einer andern Person etwas zurief, weckte ihn aus seiner Versunken- heit:„Die Frnul'n Luis' wird schau'n,— die kriegt was Schönes zu hören. Hören's, wie die Jüdin zetert und schreit — sie haben's nicht'neinlassen, sie steht in der Kuchel, man lwrt's bis herunter." Eine dicke Person stürzte aus einer im Flur befindlichen Thür und lief in den Hof hinaus. „Jcssas, Jossas! Die macht den Wittes an' schönen _ nnjz— et so was!" "ben über das Ganggeländer herab rief jetzt lachend „Sie ist schon'nausz'flogen, die Fräulein n'nausg'schmissen bei der Thür." g'habt, niit der unverschämten Jüdin... jetzt her." „Sie will halt ihr Geld!" „Da kann's warten, haha! Das kriegt sie nie." „Die schimpft am Gang noch weiter. Haben Sie's g'hört? A Bagage hat's die Wittes genannt." „Ein Skandal!" Doktor Jensen zuckte zusammen. Die Vorurteile seiner Klasse, seiner Erziehung machten sich geltend. Er war von dein Vorgang, dessen unfreiwilliger Zeuge er geworden, aufs äußerste verletzt und abgestoßen. Das Geschimpfe der Abgewiesenen wurde lauter und zorniger; die Hausbewohner traten aus den Thüren,'rotteten sich zusammen, und die im Parterre drängten nach dem Flur, die Wucherin erwartend, die unter Geschrei und Gepolter die Treppe herabkam. Jensen entfloh. Er hatte die Lösung für manches, das in Wittes Auftreten ihm rätselhaft geblieben, gefunden: die richtige Boheme, dachte er, ungeordnete, schmutzige Verhält- nisse, die alles Feingefühl untergraben, wenn sie nicht Schlimmeres thun. Deshalb wehrte ihn Luise ab, deshalb wollte sie ihm keinen näheren Einblick gestatten, sie hatte alle Ursache dazu. Schon erschienen ihm ihre Beziehungen zu dem Schauspieler in einein andern Licht als bisher. Er war im- glücklich, er war um Vieles ärmer geworden. Als er mit dem Abendzug im Schlafcoupee erster Klasse nach Berlin fuhr, lag die Schlaffheit einer schmerzlichen Eni» täuschung in seinen Zügen. Wiederholt fuhr er sich mit der Hand über die Stirne, als wollte er verscheuchen, was sich ihm aufdrängt gegen seinen Willen. Er hatte einen entzückenden Traum geträumt, er war erwacht. Aber sobald er die Augen schloß, stand das liebliche Mädchenbild mit dem schönen Blick, der reinen Stirne doch wieder vor ihm... der Kampf war noch zu Ende, er nannte sich selbst einen Schwächling, denn er fühlte, daß er seine schöne schlanke Lilie niemals vergessen werde. 23. Kapitel. Wie das Festprogramm den Festgeber einzig beschäftigt, und von ihm mit der größten Wichtigkeit behandelt wurde, so nahm Witte einen nicht minder regen Anteil daran. War es doch das Vorspiel für ein Unternehmen, das er in seiner Rat- losigkeit ernstlich ins Auge zu fassen begann. Ferdinand, der sich in diesen Tagen als Impresario fühlte, hatte als künstlerischen Beirat eine just vakante Kraft sich zugesellt, einen verkrachten Theaterdirektor, der im Be- griffe war. für die Turnee eines Varietät-Ensembles ins Ausland Wiener Specialitäten zusammen zu stellen. Was Witte bot, war originell, und der Antrag des Direktors, er möge seiner Gesellschaft sich anschließen, war ernst gemeint. Er wartete nur den Erfolg des Abends ab, um ihm einen Kontrakt zu unterbreiten. Die Drei saßen nun abends beisanimen und arbeiteten, das heißt, Ferdinand und der Direktor sahen zn, wie Witte die Entwürfe für Bilder in Schnellmalerei skizzierte. „Er macht das einzig, ganz famos!" rief Ferdinand einmal über das andremal aus. und der Direktor versicherte, die Bilder würden die Glanznummer des Festes abgeben. Da waren also wirkliche Aussichten auf Erfolg, auf Ruhm und Gewinn: ein neues Leben that sich vor Witte auf. Sein Selbstvertrauen war ihm zurückgegeben und seine Ambitionen wuchsen sofort ins Ungemessene. Als ihm Gusti Mitteilung von der Scene machte, welche die Wucherin aufgeführt, und daß ihnen die Pfändung drohe, zuckte er verächtlich die Achseln. Er wußte, daß er gerichtlich verklagt sei, er wollte der Pfändung zuvorkommen. Der Ehef war geneigt, eine Ab- fertigung ihm zu gewähren. Sie sollte ihm sofort ausgezahlt werden. Damit wollte er den Bettel von einer Wechselschuld begleichen, dann war er mit dieser Blutsangerin fertig und es blieb ihm noch etwas übrig. Der Abend vor dem Fest brachte den Wittes eine uner» wartete Ueberraschung. Ein mächtiger Karton war im Auftrage des Herrn Ferdinand Brandt bei ihnen abgegeben worden. Der Vater war zu Hause und half seinen Mädchen beim Auspacken.� Er enthielt zwei reizende Roben aus rosa Cröpe de Chine, Die Mädchen sahen sich an, sahen den Vater an. Ein brennendes Rot trat in ihre Wangen. „Ist das für uns? Sollen wir das anziehen?" „Gefällt es Euch vielleicht nicht?" „Oh!..." Sie faßten es an. Etwas so Schönes hatten sie kaum noch gesehen. Auch der Vater betrachtete aufmerksam die feinen, durch- aus plissierten Röcke, die, als wären sie von dem warmen Leben des Körpers durchhaucht, bei jeder Bewegung sich dehnten- und wieder zusammenfielen. „Das ist wohl etwas ganz Neues, und der weiche, zarte Ton der Farbe, sie wird Euch vortrefflich kleiden. „Sieh' nur, Papa," rief Gusti,„das Unterkleid ist aus Atlas, und die schönen Schleifen!" Sie schlug die Hände vor Entzücken zusammen. „Bist Du jetzt mit ihm ausgesöhnt, Gustel? Für ein verdorbenes Kleid schickt er zwei neue, ich hätte es übrigens auch so gemacht." „Können wir denn das annehmen?" fragte jetzt Luise und sah sehr ernst aus. „Warum denn nicht. Glaubst Du, er spürt das in seinem Beutel? Uebrigens, wenn wir rechnen wollten, meine Leistimg an diesem Abend, für die ich mich nicht honorieren lasse, bietet reichlichen Ersatz dafür; aber unter so guten Freunden rechnet man nicht." Seine Augen leuchteten in stolzer Genngthuung. ♦ Der Südsturm hatte einen Unischlag des Wetters herbei- geführt. Während der Nacht hatte es zu schneien angefangen und es schneite nun fort. Der Schnee lag in schimmernder Weiße bereits fußhoch auf der Straße und das Thermometer zeigte 4 Grad unter Null. Bei Wittes herrschte den Tag über jene nervöse Unruhe, die großen Ereignissen vorausgeht. Sie alle hatten die Empfindung, als wären sie an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt. Mittags war der Vater nur für einen Moment nach Hause gekommen. Er brachte frische Rosen, von denen er eine der Mutter galant überreichte. Er hatte Geld in der Tasche. Sein Chef hatte ihm die Fleins Abstandssumme gezahlt und erklärte nun jeder weiteren Verbindlichkeit ihm gegenüber los und ledig zu sein. Witte tvar's zufrieden, er brauchte ihn nicht mehr. Er war an das Bett seiner Frau getreten. Er fand, daß sie bedeutend frischer aussehe. Prüfend greift er nach ihrem Puls, suchte lange u.nd konnte ihn nicht finden. „Keine Spur von Fieber!" erklärte er, und nickte beruhigt und lächelnd ihr zu.„Hast auch keine Schmerzen, wie Lisel?" Sie verneinte. „Wenn die Mutter nur etwas genießen wollte," klagte Süüilsti.„Da steht die Suppe, sie will sie nicht." Er drohte seiner Frau mit dem Finger: „Böse Mutter, warte nur, wenn Du nicht folgst, werde ich morgen den Doktor holen— jedenfalls soll er'mal nachschauen." Ja, morgen, da war die Geschichte vorüber, die ihn so sehr in Anspruch nahm. Morgen wird, was heute noch in der Schwebe, entschieden sein. Dann hatte er vollauf Zeit und die Nötige Ruhe, um alles in Ordnung zu bringen. Er kleidete sich rasch für den Abend um und nahm den Hut. Er mußte ins„Grand Hotel", um die letzten Vor- Bereitungen zu treffen. Die Beleuchtung mußte geprobt, die Diener informiert werden. „Ich komme nach acht Uhr mit dem Wagen, Euch dbzuholen." Er war schon bei der Thür und kam wieder zurück. „Gusti," sagte er leise,„nimm die Bilder von der Wand, ich möchte sie am liebsten fortschaffen lassen,— sie sollen nicht unter die Siegel kommen." lFortptzimg folgt.)! (Nachdnick verböte«.) 6m toller Einfall. Von W. W. Jacobs. „Da wir gerade von's Geld sprechen," sagte der Nachtwächter nachdenklich und erwählte sich eine leere Seifenkiste auf dem Kai zum Sitze,„die ganze Welt würde wohl was besser sein, wenn wir mehr davon hätten. Es würde hier wohl netter und gemütlicher für'n jeden sein." Er brach ab, um eine kleine Tabaksdose aus Messing zu öffnen und zärtlich ein kleines„Priemtje" Tabak hinter seine linken„Unsen" zu stecken, während er gleichzeitig die Anstrengungen eines ziemlich großen Dampfers beobachtete, der sich bemühte, an den nächsten Kar anzulegen, ohne mehr als drei Viertel des Flusses zu versperren. Er paßte so genau auf, als ob das ganze Manöver von seiner Auf- merksamkcit abhinge, und erst, als der Dampfer festlag, wandte er seine Augen ab und nahm sein Thema wieder auf. „Es ist natürlich der Dalles, der die Leute schlau macht," kon- statierte er nachdenklich.„Der schlaueste Mensch, den ich gekannt habe, hatte nie'n Pfennig in der Tasche, und die Einfälle, wie der das immer fertig brachte, andre Leute sein Bier bezahlen zu lassen. da hält' er'n Vermögen mit machen können bei die Juristerei, wenn er man die Bildung gehabt hätt'.'n doller, kleiner Kerl war's. Ich Hab' Leute geseh'n, die ihn gar nich kannten und'n Schoppen Bier für ihn ausgaben und ihm dann die Straße'runter nachgingen, um zuzusehen, wie er'n Konstabler niederschlug, wie er ihnen ver- sprachen hatte. Sie gingen ihm bis zum ersten Konstabler nach, den sie trafen, und dann zeigte er sie an und sagte, sie wollten ihn tot- schlagen, und der Konstabler ging dann an sie'ran und fragte, was sie da'rumlungerten, aber keiner von den Burschen wollt's ihm sagen. Sie fühlten sich ganz dämlich, wenn sie dann weggingen. Er starb nach'n Unfall im Hafenkrankenhaus, der arme Kerl." Er schüttelte bedächtig seinen Kopf, expedierte sein Priemtje in die rechte Krise, ohne von der Bemerkung des Nachtwächters des nächsten Kais, daß es ein schöner Abend sei, Notiz zu nehmen, und lachte geräuschvoll. „Die dollste Art, Geld zu schinden, wo ich je von gehört habe," sagte er zur Erklärung,„war eine, die sich vor fünfzehn Jahren zutrug. Ich hatte g'rade als Vollmatrose vom„Nordstern" abge- mustert, der zwischen hier und den australischen Häsen fuhr, und die Leute, denen die Geschichte passierte, waren Schiffsmate von mich, wenn auch man Heizers. Ich weiß, daß die Geschichte wahr is, weil ich'r selbst'n bißchen mit d'rin war, und den Rest habe ich von sie selbst gehört, und neben- bei fanden sie auch nix Sonderbares darin oder was Außergewöhn- liches. Es schien ihnen'ne ganz leichte Manier, Geld zu verdienen. und ich muß sagen, wenn alles glatt abgelaufen wär', hätt' ich auch so gedacht. Ungefähr'ne Woche, nachdem wir in Hamburg abgemustert, hatten diese Kerle keinen roten Pfennig mehr und waren nun ganz verzweifelt, denn ihr Durst war noch nich halb gelöscht und ihre Landfahrten hatten sozusagen erst angefangen, und am Ende von die Zeit kamen sie'runi zu mir auf mein Logis, das ich hatte, und wollten nun sehen, was sich machen ließe. Da war'n vier im ganzen: der alte Jürgen Voß, Hein Wulmeier, Peter Schlichting und'n Neffe von Jürgen,'n Waisenknabe, dessen Vadder und Mudder dod waren. Die Mudder war'ne halbe Negerin und'ne halbe Malaiin gewesen. als sie noch lebte, und Jürgen war immer ganz besonders genau darin, die Leute zu erzählen, daß sein Neffe nach ihr arten thät', Es tvar wohl genug, daß das arme Weib sich im Grabe umdrehte, sozusagen, aber Jürgen sagte immer, er schuldete das seinem Bruder, daß er das erwähnte. „Was soll'n wir machen?" sagte Peter Schlichting, nachdem sie alle gesagt hatten, was für elende Kreaturen sie doch wären, und wie schlecht Seeleute bezahlt würden.„Wir wollen alle auf der „Minerva" anmustern, aber vor vierzehn Tagen geht die nich, was soll'n wir bis da thun, um zu leben?" „Du hast ja noch'ne Uhr, Peter," sagte der alte Jürgen, wie im Traum,„und Hein hat'n Ring. Es is bloß gut, daß Du den Ring noch hast, Hein. Es geht uns einen wie dem andern, Maat, und ich wollte bloß, ich hätt' auch was für's allgemeine Wohl. Aber wo ich'n verwaisten Neffen habe, das hat mich arm gemacht." „Halt'n Schnabel," sagte sein Neffe kurz. „Alles ist gegen uns," sagte der alte Jürgen.„Da sind die vier grünen Papageien, die ich von Brasilien mitbrachte, alle dod." „Meine zwei Affen auch," sagte Peter Schlichting, und schüttelte seinen Kopf,„und sie haben immer so nett bei mich geschlafen." Nu schüttelten sie alle den Kopf und Schlichting machte'nen bösen Krach mit Jürgen, daß der sagte, vielleicht, wenn die Affen nich bei ihm geschlafen hätten, lebten sie noch. Er sagte, wenn Jürgen mehr von Affen verstände, als er, wieso er dann nich sein Geld darin statt in grüne Papageien gesteckt hätte, die bloß ifjre Federn ausrissen und an Erkältung stürben. „Da wir gerade von Affen reden," unterbrach Hein Wulmeier plötzlich den alten Jürgen,„wie denkt Ihr über unsre Schönheit hier." „Ja, was is damit los?" sagte der Neffe'n bißchen rupr� „Na, der is doch vierzig Affen und Millionen von r- geien wert," sagte Hein und springt ans;„und seinen Zweck und läuft wie'n Christenmensch ange mal'n Mund auf, mein Enges, und steck' die Z dreh' mal die Augen'n bißchen." .Latz''n doch zufrieden, Hein." sagte Schlichting. und ich dacht' auch so. Die holde Schönheit war so gerade genug für mich, ohne das noch alles. .Thu' mich blotz mal den Gefallen," sagte Hein eifrig,.mach' Dich mal so hätzlich, wie Du kannst." .Latz''n zufrieden," sagte der alte Jürgen, als sein Neffe ihn anknurrte.»Tu kannst selbst nich klagen, Hein." »Ich sage Euch, Maat," sagte Hein ganz langsam und feierlich, »da steckt'n Vermögen in ihm. Ich Hab'n mir gerade genau an- gesehen und nachgedacht, woran er mich erinnern thut. Zuerst dachte ich, es war' der große ausgestopfte Affe, den wir in Melbourne sahen, dann fiel mir plötzlich ein, daß es der wilde Mann aus Borneo war, den ich sah, als ich noch'n kleiner Bengel war in Vegesack. Wenn ich nu sage, datz der wie'n hübscher, gutmütiger Mensch neben Dir aussah, mein Engel, geht Dich dann'n Licht auf, wo ich hin stcurc?" „Was is denn Deine Idee, Hein?" sagte Jürgen und steht auf und hilft mir und Schlichting seinen Neffen festhalten. „Meine Idee is die," sagte Hein:„wir zieh'n ihm seine Kledage 'runter, wickeln ihn in die Gardine da oder was ähnliches, binden ihn an'n Ende Tau und ziehen dann'rum mit ihm nach Martin Härders auf der Recperbahn und verkaufen ihn für zweitausend Mark als wilden Mann aus Borneo. „Was?" schrie unsre Schönheit, mit ganz gräßlicher Stimme. »Latz los, Peter; laß los, hörst Du nich?" .Halt' Deinen Schnabel. Junge, wenn alte Leute reden," sagte sein Onkel, und ich konnte wohl sehen, datz die Idee ihm gefallen hat. „Versucht blotz, mich in'ne Gardine zu stecken," sagte sein Neffe, und heulte fast vor Wut. „Nimm doch Verstand an. Junge." sagte Hein.„Du sollst ja Deinen Teil von dem Draht abhaben. Es is ja nur für ein oder zwei Tage, und wenn wir weg sind, kannst Du auch verduften, und wir haben dann jeder fünfhundert Mark." „Wie rechnest Du das, Hein," sagte Jürgen ganz kühl. „Vier in Zweitausend," sagte Hein. „Höh," sagte Jürgen.„Höh, das möchste wohll Ich wußte gar nich, datz es Dein Neffe is, Hein." „Gleichen Part für jeden," sagte Schlichting.„'s is'nen guter Gedanke von Dich, Hein." Hein hält den Kopf hoch und sieht'n starr an. „'s is mein Plan," sagte er und sprach ganz langsam und bc- dächtig:„Jürgen is der Onkel und er is der wilde Mann. Zwei- tausend durch drei macht..." „Du brauchst Dir Deinen Dickkopp nich mit Rechenkunststückers zu zerbrechen, Hein," sagte Schlichting ganz höflich.„Ich will mein Teil haben, sonst sag' ich's Martin Härders." Kein Mensch sagte'n Wort von mich: zwei saßen auf meinem Bett, Hein brauchte eins von meinen Taschentüchern, das er im Ofen gefunden hatte, und Peter Schlichting hatte aus dem Krug auf meinem Waschtisch getrunken, und doch fiel's ihnen nicht ein, auch an mich zu denken. Das sind so recht die Heizer, und das ist, warum sie sich überall so unbeliebt machen. Es dauerte fast'ne ganze Stunde, bis sie den holden Engel 'rumgekriegt hatten, und die Worte, die sie dabei in'n Mund nahmen, machten mich man froh,-datz die Papageien nicht mehr lebten und sie lernten. So was haben Sie noch nich gesehen, wie der Engel aussah, als sie damit fertig waren. Wenn er schon doll in seinem Zeug aussah, so war er'n wahres Scheusal ohne das. Hein Wulmeier putzte ihn famos'raus, aber er konnte es ihm nich recht machen. Erst queste er über die Gardine, welche nich patzte, sagte er, dann stöhnte er, datz er barfuß laufen sollte, dann wollt' er was haben, um seine Beine zu verstecken, was man ihm nich verdenken konnte, wie die aussahen. Hein Wnlmeier verlor fast die Geduld dabei, und der alte Jürgen mutzte sich zusammen nehmen, datz er sich nicht ganz und gar von ihm lossagte. Schließlich war er fertig, und nachdem Peter Schlichting 'runtergegangen war und'n abgebrochenen Zeugstaken vom Hof ge- holt hatte und ihm gezeigt war, wie er sich drauflehnen und Spektakel machen müsse, sagte Hein, wenn Martin Härders ihn für zweitausend Mark kriegt, machte er'n feines Geschäft. „Wir müssen'ne Droschke haben," sagte der alte Jürgen. „Geh' los und versetz' Deinen Ring, Hein, und hol''ne Droschke." Hein brummte erst, aber er ging doch, und kam dann auch schnell mit die Droscbkc und das Geld wieder, und sie gingen nu alle'runter und siihrten den wilden Mann an'n Ende Tori. Sie trafen auf der Treppe nur einen, aber der schien was vergessen zu haben, waö er schnell holen mutzte. Hein ging voran und machte die Droschkcnthür auf und stand da und wartete, weil der wilde Mann im letzten Augenblick sagte, die Gardine sackte'runter. Endlich hatten sie'n doch draußen, aber eh' er einsteigen konnte, sauste die Droschke die Straße'runter, zehn Meilen die Stunde, mit Hein an der Thür hängend, der schrie, sie sollten stoppen. Die Droschke kam zurück mit'ner Geschwindigkeit von anderthalb Meilen die Stunde, und die Redensarten von dem Kutscher waren einfach nich mehr schön. Selbst als er zurückkam, wollte er nich fahren, wenn er nich die doppelte Taxe im voraus kriegte. Na, sie stiegen denn schließlich ein und gondelten los. Vor Martin Härders seine Thür war es nu das reine Theater. Hein sagte, wenn da'n bischen Krach wär', war' das'ne schöne Reklame für Martin Härders und vielleicht könnten sie dann noch mehr als zweitausend Mark für ihn kriegen, und die drei hatten nu "re liebe Not, den wilden Mann aus der Droschke zu kriegen, und der Kutscher sprang wie so'n Verrückter'rum. Dann und wann kriegten sie den wilden Mann halb'raus, und dann sprang er wieder 'rein und knurrte. Er schien gar nich zu wissen, wann er aufhören sollte, und Hein und die andern kriegten die Geschichre bald ebenso dick, wie der Kutscher..Zwei Jahre hätten die Droschke nich so ruiniert, aber schließlich kriegten sie'n doch'raus, und da Härder seine Thür osfen stand, weil er sehen wollte, was das für'n Radau war, so gingen sie gleich'rein. „Was is hier los?" fragte Härder, der'n großer, dünner Mann war mit'n schwarzen Schnurrbart. „Das is'n wilder Mann aus Borneo," sagte Hein, noch ganz außer Puste.„Wir hab'n ihn in'nem Walde in Brasilien gefangen und sind nu zu Ihnen gekommen, datz Sie die Vorhand haben sollen." Martin Härder war so überrascht, daß er erst gar nich sprechen konnte. Der wilde Mann schien ihm den Atem wegzunehmen und er guckte in'ner ganz hilflosen Manier seine Frau an, die g rade'runter- gekommen war. Sie war'n ganz hübsches Frauenzimmer,'n bischen dick, mit'ne Masse gelbes Haar, und sie lachte sie alle an, als wenn sie sie alle ihr Leben gekannt hätte. „Kommen Sie in die Stube," sagte sie freundlich, gerade als Martin wieder etwas zu Atem kam. Sie gingen'rein und der wilde Mann war gerade dabei, es sich in einem Lehnstuhl bequem zu machen, als Hein ihm'n Blick zuwarf, und er sich statt dessen ans der Matte zusammenrollte. „Er is kein sehr schönes Exemplar," sagte Martin Härders schließlich. „Besonders der Backenbart gefällt mich nich," sagte seine Frau. „Außerdem wer hat schon mal von'n wilden Mann mit Kragen und Schlips gehört?" „Du meinst den verkehrten," sagte Martin Härders, bevor datz Hein Wulmeier noch für sich selbst sprechen konnte. „Oh, entschuldigen Sie man," sagte Frau Härders ganz höflich zu Hein.„Ich dachte nur, wie putzig es war', datz'n wilder Mann 'n Kragen trüge;'s is'n Irrtum von mich. Das is denn wohl der wilde Mann da auf die Matte?" „Da is er, Madam," sagte der alte Jürgen ganz kurz. „Er sieht nich wild genug aus," sagte Härders. „Nee, er is viel zu zahm," sagte seine Frau und schüttelte ihre gelben Locken. Die Burschen guckten sich'nander an, und der wilde Mann dachte, datz es nu wohl Zeit war', was zu thun; und da das nächste sür ihn zur Hand Hein sein Bein war, schlug er seine Zähne da'rein. Nu hätte allerdings wohl jeder geglaubt, daß Hein der wilde Mann war', so stellte er sich an, und Frau Härders sagte, wenn er sich selbst so weit vergessen könnte, datz er solche Worte vor ihr gebrauchte, so sollte er's doch nich vor solch armen Heidentier thun. „Wieviel woll'n Sie für ihn haben?" sagte Martin Härders, als Hein sein Bein in Sicherheit gebracht hatte und damit ans Fenster gegangen is, um es nachzusehen. „Zweitausend Watt," sagte der alte Jürgen. Martin Härders guckte seine Frau an, und die beiden lachen los, als wenn sie gar nich wieder aufhören wollten. (Schluß folgt.) kleines feiriUeton. — Eine Gemeindcratssitzuug in Vogelsberi, wird von einem hessischen Steucrbcamten im II. Band der„Hessischen Blätter für Volkskunde"(Leipzig, B. G. Teubner) anschaulich geschildert. Der Verfasser war im Jahre 1865 mit der Vermessung einiger Gemeinden des Kreises Alsfeld beauftragt. Ich hatte, so erzählt er, der Bürger- meisteret gebührende schriftliche Mitteilung davon gemacht, daß daS Werk der Vermessung der Gemarkimg in einigen Tagen beginnen werde, und um die Einberufung einer Gemeindcratssitzung gebeten, in welcher ich gedachte, der löblichen Gemeindeversammlung die not- wendigen Mitteilungen über die pflichtmäßige oder wünschenswerte Mtwirkung der Gemeinde bei besagtem Werke zu machen. Ich war wohlvorbercitet mit einem guten Vortracj über die Nützlichkeit, ja Notwendigkeit der Vermessung im all- gemeinen und der Gemarkung Maulbach im besondern. Ich trat in das Veratungszimmer ein; eS war das intime Zimmer des Bürgermeisters, der diesmal nicht auf dem Bette lag, sondern ordnungsgemäß oben an dem Tische auf einem Stuhle saß. Rundum die Gemeinderäte. Es Ivar schon ein erquick- licher Tabaksdust im Zimmer, da die Männer ihre kurzen Pfeifen rauchten. Ich wurde lebhaft an eine Kricgerberatung der Sioux nach Fenimore Coopers Beschreibung erinnert. Braune, hagere Gesichter mit in die Stirn hängenden Haaren, unbeweglich und im tiefsten Ernst. Mein Gruß wurde gemessen erwidert. Da sonst nichts erfolgte, nahm ich auf die von mir ergangene Einladung Bezug und hielt ohne weiteres meinen Vortrag, eindringlich imd mit jugendlicher Wärme. Schließlich proponierte und verlas ich den Entivurf eines Vertrages zwischen mir und der Gemeinde, betreffend die Vermarkung der Eigen- tnmsgrenzen(das war des Pudels Kern) und empfahl denselben zur geneigten Annahme und Unterzeichnung. Tiefe Stille. Ich fragte, ob einer der Herren Gcmeinderatsmitglreder etwas zur weiteren Er» örterung oder Förderung der Angelegenheit vorzubringen habe oder ob noch irgendwelche Auskunft meinerseits erwünscht sei. Tiefe Stille. Da war auch ich mit meinem Latein zu Ende und sagte:„Ich glaube Wohl, die Herren wollen sich die Sache noch in Ruhe überlegen und ich bitte, mir mitzuteilen, wann dieselben geneigt sein werden, in weitere Verhandlungen einzutreten Einstweilen kann ich mich dann ja wohl entfernend Ich ergriff Stock und Hut und— da that der Herr Bürgermeister den Mund auf und sagte:„Mer wern's üwer- lege". Ich empfahl mich, sehr enttäuscht und wenig hoffnungsfreudig. Drausien aber stand der Rechner und fragte nach dem Remltat der Sitzung. Ich teilte es ihm mit und er sprach die denkwürdigen Worte:„Es sein lauter Oisie"(Dchsen); eine Stunde darauf aber brachte er mir zu meinem großen Erstaunen und zu nreiner Freude den von Gemeinderat und Bürgenncister unterschriebenen Vertrag. Dieser sicherte mir siir das nächste Jahr einen guten Diätenverdienst neben der Gebührentaxe, die ich aus der Staatskasse erhielt und die dazumal geradezu schmachvoll war.— k. Eine Schlangenjagd. Das Tagesgespräch in Madrid bildet eine Tragikomödie, die sich am vorigen Freitag im Park von Madrid, dem Buen Retiro. zutrug. Dort liegt der Zoologische Garten, dessen Hauptanziehungskrast zwei Riesenschlangen von etwa acht und sieben Meter Länge bildeten. Als der Wärter morgens früh die Tiere fütterte, biß ein Reptil ihn plötzlich in die Hand und wand sich um den Unglücklichen. Zum Glück hatten andre Wärter den Vorfall bc- merkt, und mit Eisenstaugen und andren Waffen brachte» sie die Schlange von ihrem Opfer ab. Inzwischen hatte aber die andre Schlange die allgemeine Verwirrung benutzt, mir schnell unter den Büschen fortzugleiten und ihre Gefährtin folgte ihr auf ihren Pfaden. Jetzt wurde Alarm geschlagen; nach wenigen Minuten hallte der Garten wieder von dem Geschrei entsetzter Frauen und dem Wehklagen erschreckter Kinder; die Wärter aber liefen auf der Suche nach den fehlenden Reptilien hm und her. Die erste Schlange war auf den großen Reitweg gelangt, auf dem sich zu so früher Stunde nur wenige Reiter bc- fanden. Sie erschien plötzlich vor dem Pferde des rumänischen Konsuls, das vor Schreck den Reiter abwarf; dies beunruhigte aber wieder die Schlange so, daß sie sich schleunigst davon machte. Der Konsul kani init dem Schreck und mit einen, Riß an der Hand davon. Inzwischen hatte der Civilgouverneur 200 Mann der Bürger- wehr aufgeboten, die bis an die Zähne bewaffnet die Verfolgung aufnahmen. Eine regelrechte Treibjagd wurde organisiert, der Park systematisch abgesucht. Die Jagd dauerte den ganzen Tag, bis die Leute gegen Abend im Grase verborgen einen langen schlangenartigen Körper entdeckten. Vorsichtig unizingelten sie diese», und wohl eine Viertelstunde ergoß sich ein Hagel von Geschoffen darauf. Dann erst wagten sie sich an den Leichnam heran, und fanden zu ihrem große» Aerger, daß sie nur eine»— Gartenschlauch durch- löchert hatten. Von neuem begann die Suche, und endlich stießen die kühnen Jäger auf ihre Beute; nicht weit vom Kristallhaus im Garten lag die eine Schlange zusammengerollt schlafend da. Nach wenigen Sekunden war das Reptil erschossen. Die zweite Schlange entkam aus dem Zoologischen Garten und gelangte in eine Milch- Wirtschaft; dort trug sie eine Ziege davon und zog sich in eine ent- fernle Ecke des Gartens zurück, um ihre Beute in Sinhe zu ver- zehren. So wurde sie von einer Abteilung der Bllrgerwehr gefunden, und schon sollte das Feuer auf fie beginnen, als der Direktor des Zoologischen Gartens auf der Bildfläche erschien. Er wies darauf hin, daß die Schlange, die sich dick gefreffen hatte, nicht länger ge- fährlich iväre und überredete die wackere» Schützen, ihm das Reptil zu überlassen. Mit Hilfe niehrerer starker Männer brachte er den Ausreißer ohne weitere Umstände in den Käfig zurück.— lveographisches. ie. Neues aus I n n e r a f r i k a. Aus dem Gebiet der beiden bedeutendsten rechtsseitigen Nebenflüsie des Kongostroms, des Sanga und des Ubangi, Ivo für die geographische Forschung noch immer viel zu thun bleibt, sind neue Nachrichten gekommen, die eine weitere Aufklärung der Karte herbeiführen werden. Die Forschungen der letzten Jahre haben erwiesen, daß die fast parallel von Nord nach Süd gerichteten Flußläufe einander wesentlich näher liegen, als man früher angenominen hatte. Daraus hat sich der Schluß ergeben, daß der mächtige und oft genannte Kraut-Likuala lläkuala aux herbes) eine geringere Länge besitzt, als sie ihm von den früheren Karten gegeben worden fit. Zwischen jenen beiden Strömen Sanga und Ubangi war nördlich von dem Likuala ein andrer ansehnlicher Fluß Mokala oder Motaba bekannt, über besten Lauf man aber nichts Sicheres wußte. Einige hielten ihn für einen Nebenfluß des Sanga. andre für einen Zufluß des Ubangi, und noch andre behaupteten, daß er in dem Gebiet zwischen den beiden Strömen in einen ausaedehnten Sumpf mündete.� Uebcr diesen Punkt ist Klarheit geschag?» worden durch eine Reise von Paul de Villelongue, deren Ergebniste jetzt in einer gründlichen Verarbeitung der„Revue coloniale" nebst einer Karte veröffentlicht worden sind; in der Karte sind überhaupt alle Ent- deckungen auch andrer Forscher berücksichtigt worden. Villelongue wählte als Ausgangspunkt die große Ortschaft Bayanga am Sanga- Fluß und begab sich von dort ostwärts nach Lopi, das im obersten Teile des Flußgebietes des Mokala gelegen ist. mit der Absicht, den letzteren Fluß möglichst in seinem ganzen Lauf auf Kähne» abwärts zu befahren und jedenfalls seinen Verbleib mit Sicherheit zu ermitteln. Bald nachdem die Bootfahrt in unbekannte Gegenden hinein begonnen hatte, mehrten sich die Anzeichen daiür, daß die dortigen Eingeborenen noch nie oder doch nur vor sehr langer Zeit in Berührung mit einem Europäer gekommen sein konnten. Häusig Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: ergriffen die Einwohner der Dörfer eilends die Flucht vor dem Weißgesicht und waren auch durch Ausstellung von bunten Stoffen und dergleichen Lockmitteln nicht zur Rückkehr zu bewegen. Die Schiffahrt auf dem Strom erwies sich namentlich in besten oberem Teil als recht mühsam, da die Bootssrachten oftmals umgeladen werden mußten, weil das Fahrwasser durch mächtige Baumstämme völlig versperrt war. Die oft mit Wirbelwinden auftretenden Ge- witter, mit denen auch der Reisende selbst gründliche Bekanntschast machte, richten große Verheerungen in den Wälder an, daher sind die kleineren Flußläufe immer mehr oder weniger mit umgestürzten Baumriesen verstopft. In der ersten größeren Ortschaft, die aus mehreren kleinen Dörfern zusammengesetzt war, empfing der gemein- same Häuptling die Expeditton mit aller Höflichkeit und bat sogar um die Errichtung einer Fattorei. Während die Reisenden sonst nicht behindert wurden, wurden sie von den Eingeborenen doch mit den fabelhaftesten Geschichten über den noch zu befahrenden Fluß- lauf traktiert, als ob den Negern daran lag, sie von der Fortsetzung der Fahrt abzuhalten. Weiterhin kamen sie an den Ruinen eines alten, völlig verlastenen Dorfes vorüber, und bei der nächsten An- fiedelung entflohen die Einwohner wieder mit fürchterlichem Geschrei und ließen sich auf keine Weise beruhigen. Am nächsten Tage wäre die Expedition beinahe einer List feindseliger Neger zum Opfer gefallen. Die Leute versuchten, sie zu einem Besuch in ihrem Dorfe zu bewegen, benahmen sich dabei aber derart, daß ihre Einladung Verdacht erregte. Dieser bestättgte sich auch, indem bald darauf eine Anzahl von Booten die Reisenden auf dem Fluß einzuschließen suchte, jedoch schließlich die Flucht ergriff. Weiler unterhalb änderte sich die Land- schaft vollkommen: der Wald hörte auf und machte weiten, mit hohen Gräsern bestandenen Flächen Platz. An den Ufern wurden vielfach Elefanten gesehen und auch einer davon erlegt. Der Fluß dehnte sich mehr und mehr zu einem Sumpf aus. Kem festes Land, keine Ansiedelung war sichtbar, und die Reisenden nmßten in ihren Booten bleiben, wo sie turchtbar von Moskitos zerstochen wurden. Noch weiter abwärts wurden die Elefanten und Nilpferde imnier zahlreicher. Noch tagelang dehnte sich der Sumpf aus, obgleich an die Stelle der Grasflächen allmählich wieder Palmen traten. Nach drei Tagen erst konnten die ermüdeten Bootfahrcr ihren Fuß wieder einmal auf festes Land setzen. Endlich kamen sie plötzlich an eine ungeheure Wassermasse, und es stellte sich heraus, das es der Lauf des Ubangi war. Damit war also ermittelt, daß der Mokala ein Nebenfluß dieses Stromes ist. Sowohl als Verkehrsmittel wie wegen des Reichtums der anliegenden Gelände an Elefanten, be- sonders aber wegen der Wälder, die fast ausschließlich aus 5tauttchuk- bäumen bestehen, wird den Entdeckungen am Mokala-Fluß eine große Bedeutung beigemesten. Mindestens auf der Hälfte seines Laufs dürste er sogar mit kleinen Dampfern zu befahren sein, da er eine Breite von 30 bis 35 Meter und eine Tiefe von 8 bis 15 Meter aufweist und nirgends durch einen Wasserfall oder eine Stromschnelle unterbrochen wird.— Humoristisches. — Wortspiel.„Der Spurtler scheint von seiner Eh' nicht sonderlich erbaut?" „Ja. der hat so ein trautes Heim, daß er sich nicht heim traut."— — Die besorgte Gattin.„Gustav, steck' Dir doch'ne Cigarre ins Gesicht, dann s i e h st e n i ch t s o d u m m a u s."— — Berliner Pflanze. Ein Dorfprediger hat einen Berliner Jungen erwischt, der ihm Aepfel gestohlen hat. Prediger:„Junge, hast Du nicht die zehn Gebote gelernt?" Junge:„Nich zu knapp!" Prediger:„Nun, und wie heißt das siebente Gebot?" Junge:„Du sollst nich klauen!"— („Lustige Blätter".) Notizen. — Im Harzer Bergtheater geht am 23. Juli Ernst W a ch l e r s Trauerspiel mit Chören„Widukind", Musik von Karl Goepfart, erstmalig in Scene.— — Das Pariser Lamonreux-Orchester giebt in der ersten Oktobcrhälfte dieses Jahres zwei Konzerte in der Berliner Philharmonie.— —„Madame Tricotet", eine neue Operette von Leo Fall, wird zu Beginn der kommenden Saison im Theater am Weinbergsweg die Erstaufführung erleben.— c. Die„ S c o t i a", das Schiff der schottischen Süd» p o l a r- E x p e d i t i o n. ist am Freitag auf ihrer Rückkehr von der Antarktis in KingStown angekommen. Die Expedition entdeckte eine Landgrenze, die mehrere Meilen nördlich von der Grenze auf Sir John Murrays Seekarte ist, und folgte der vereisten Küste über 150 Meilen im südlichen Eismeer, wo Sir James Roß Lottingen von 4000 Faden machte. Die„Scotia" fand bei 2600 Faden Grund und brachte viele Tiefseetiere herauf, die aufbewahrt wurden. Diese Expcditton ist auch die erste, die auf der Gough-Jnsel landete.— — Im Vogtlande und in der Che nr nitzer Gegend tritt auf Fruchtbäumen die Blutlaus in beängstigender Weise auf.— Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin