Hlnlerhallungsblalt des Worwärks Nr. 144. Sonntag, den 24. Juli. 1904 (Nachdruck verboten.) 80] Im VaterKaule. Socialer Roman von Minna Kautsky. Ein schwacher Laut vom Bette her läßt sie auffahren und dahin blicken. Die Mutter saß aufrecht im Bette. Ihre Augen glänzten fieberhaft, ein Ausdruck von Ekstase war in ihrem Geficht. Sie hatte ihr Kind gerufen und streckte ihr beide Hände entgegen. Im Nu war Luise bei ihr. Sie umschlang die Mutter, um sie sanft in die Kissen zurück zu legen. Diese wehrte sie ab. „Laß mich— laß mich Dich anfehen— Du bist so schön — so schön!" wiederholte sie in tiefem Erstaunen, als sähe sie diese blühenden Reize erst heute in ihrer Vollendung. Ihre Augen glitten über den weißen Nacken, den schöngeformten Busen, die vollen Hüften— ein Weib, ein fertiges Weib! „Ist heute Dein Hochzeitsfest?" fragte sie leise, der- traulich. Luise zuckte zusammen. Die Mutter träumte wohl noch. Sie nahm ihre Hände und küßte sie wiederholt. Mit zärtlichen Worten suchte sie sie in die Wirklichkeit zurückzu- führen. Sie war für das stsest bei Brandt gekleidet— hatte ihr Mutterl denn alles verschlafen? Begriff sie nicht, welche Bedeutung es für sie habe, was der Vater davon erwarte? Er wird wohl gleich da sein, um sie zu holen. Die Augen der Kranken verdunkelten sich, während sie sprach. Die Erinnerring schien ihr zurückzukehren, und fester umklammerte sie die Hand ihres Kindes. „Er kommt, um Dich zu holen— ,Ku gehst nicht— Du darfst nicht— Du bleibst bei mir!" Luise starrte sie an, in jähem SchrscklS Ihr�var/Äswffne sich der Boden vor ihren Fiißen..tbiliiwfbf „Ich soll nicht— Du willst es nicht'�—?"' in ihre Augen, sie faltete flehend die Hände. hoö „Mutter, ich weiß, es ist schlecht von mir, wenn ich'fort- gehe— Du bist krank— Du fieberst— ich will auch hiufort iinmer bei Dir bleiben, ich will nicht von Deinem Bett weichen, bis Du wieder gesund bist. Nur heute, nur dieses eine Mal laß mich fort— o bitte, halte mich nicht— laß mich gehen— nur dieses einzige Mal!" Ihr Ton war von einer herzbezwingenden Innigkeit. Die Mutter schüttelte den Kopf und in einem eigen- tümlich klagenden Ton wiederholte sie:„Du bist so schön— viel zu schön!" Luise lächelte unter den aufquellenden Thränen. „Schön will ich ja sein— wenn Dich sonst nichts be- unruhigt 1" „Was könnte mich mehr beunruhigen— Schönheit und llnerfahrenheit— einem Wüstling gegenüber— was kann mehr Elend schaffen!" Wieder griff sie nach ihren Händen, während ein Ausdruck von Seelenpeiu deutlicher in dem hageren Gesicht hervortrat. „Lriise, ich Hab' solche Angst um Dich— Du gehst zu ihm— ich weiß es. Du gehst zu ihm— aber ich lasse Dich nicht— Du bleibst bei mir!" Schwer atmend stand das Mädchen, die Röte kam und ging von ihren Wangen, sie zitterte wie Espenlaub. „Mutter, verlang' es nicht— ich kann es nicht!" Entseht sah sie die Mutter an.„Kannst nicht! Ist es so weit— hat er ein Recht auf Dich?" Luise sah ihr offen ins Auge und leise aber fest sagte sie: >,Ta, Mutter, wir sind einig geworden-- er hat mich lieb und ich ihn." Der Körper der Mutter beugte sich vorwärts, wie ein Rohr im Winde, ihr Atem war mühsam, die Finger trafen zusammen in einer häuderingenden Geberde. „Was hast Du, Mutter?" rief Luise erschreckt.„Grämst Du Dich über mein Glück— oder willst Du es mir nur ver gällen— was willst Du eigentlich?— O, ich bin jung, laß mich doch glücklich sein..." Die Mutter antwortete nicht. Thräne um Thräne floß ihr über die eingefallenen Wangen herab, ein stummer, aber eindringlicher Protest. Luise geriet in die äußerste Bestürzung. Mein Gott, was sollte sie thun, wie konnte sie die Mutter beruhigen, wie dieses Mißtrauen zerstreuen, diese Antipathie besiegen? „Du kennst ihn ja gar nicht, Mutter: wenn Du ihn nur einmal gesehen hättest, ein einziges Mal mit ihm gesprochen, Du würdest einsehen, daß Tu ihm unrecht thust. Er ist der beste, der edelste Mensch, zart und feinfühlig, respektvoll und zurückhaltend. Seit langem ist er mir gut, er wollte sich's selbst nicht gestehen. Ich war ihm ein Kind, aber als wir uns wieder gesehen, da war's über ihn gekommen, wie über mich— die ungestillte, unstillbare Sehnsucht war laut geworden in uns Beiden!" Die Mutter schiittelte den Kopf, wehrte ab mit den zitternden Händen. „Red' nicht so— ich kann's nicht hören." Ihre Stimme klang rauh und heiser.„Das sind seine Worte— die Deklamationen eines Koniödianten sind's— Falschheit und Lüge!" Luise zuckte zusammen, als hätte sie einen Streich empfangen. „Du hassest ihn!" „Weil ich Dich liebe!" „Dann würdest Du mir nicht so wehe thun!" „Die Gefahr erkennen— so deutlich zu sehen— und sein Kind nicht davor bewahren zu können—" „Diese Gefahr existiert nur in Deiner Einbildung— Du quälst Dich damit und mich— Ich habe anderes von Dir erwartet. Du hast mich doch immer lieb gehabt— und ich Hab' mit ganzer Seele an Dir gehangen. Ich glaubte. Du würdest mich verstehen— mir vertrauen— ich rechnete auf Deine Güte, auf Deine Teilnahme— ich habe mich ge- täuscht--- das erstemal in meinem Leben, wo ich selbst- ständig fühle und denke— mißhandelst Du mich— beleidigst Du mich—" „Luise! Du weißt nicht, was Du sprichst— Du bist Mßer Dir!" „Weil Du es nicht begreifen willst, was in mir vorgeht — weil Du es nicht fassen kannst, daß ich nach ihm verlange, daß ich es nicht erwarten kann, ihn wieder zu sehen, weil ich nicht leben kann ohne ihn! Und wenn Du glaubst, daß dieses kränkende Mißtrauen mich abschrecken würde— daß Deine Worte mich wankend machen könnten in meiner Liebe zu ihm, dann weißt Du nichts von Liebe, dann hast Du niemals geliebt!" Die Mutter richtete sich empor, ihre Thränen waren ver- siegt. Die tief in den Höhlen liegenden Augen starrten sie an und mit einer Strenge im Tone, die sie niemals vorher be- festen, rief sie ihr zu:„Das ist nicht Liebe— die rohe Begierde treibt Dich zu ihm � er hat sie Dir eingeflößt— er hat Dich schon verdorben, der schlechte abscheuliche Mann!" „Mutter!" rief das Mädchen. Sie war aufgesprungen, glühend vor Scham. Schon hatte sie ihre Hände von der Mutter losgemacht, in diesem Augenblick auch ihr Herz.� Elise empfand es mit furchtbarer Klarheit. Mit einem Seufzer ließ sie sich zurücksinken. Schwer lag sie in den Kissen. Ihre Züge verfielen, die Brust hob sich mühsam. Luise, von plötzlicher Reue ersaßt, wollte sich über sie stürzen:„Mutter, verzeih' mir— beruhige Dich— ich bleibe." wollte sie ihr zurufen, aber dieser kindlichen Regung setzte sich eine ungleich stärkere Macht sofort entgegen. Sie ging auf und nieder im heftigsten Seclenkampf. Man vernahm nichts als das Rauschen ihres neuen Seidenrockes, dessen duftiger Oberstoff, in tausend Falten plissiert, ihren bebenden Körper umwogte. Plötzlich sprang sie gegen das Fenster. Ein Wagen hielt vor dem Hause. � Gleich darauf hörte sie den Vater in der Küche mit Gustt sprechen, in einem ungewöhnlich erregten Tone. Witte war konsterniert. Er kam, die Kinder zu holen und Gusti stand noch im Hausklcide da und erklärte auf seine Frage, was das bedeute, sie wolle bei der Mutter zu Hause bleiben.„.. Er fragte, ob es ihr schlechter gehe. Gustr verneinte. Also das waren nur Faxen, eine Laune von ihr und zwar im letzten Augenblick.„ �<■ Witte, schon von der Erregung des sich produzierenden Künstlers erfaßt, kam ganz aus dem Häuschen— redete stch Zmmer mchr in eine gelinde Wut. Sie wisse doch, was der Abend für ihn bedeute— wie viel ihm an Brandts gelegen sei— und Ferdinand, der sich in Aufmerksamkeit erschöpft— die Toiletten für diesen Abend beigesteuert, was müßte er denken. Er habe keine Ursache, seinen Freund zu brüskieren, er brauche ihn. Und Luise solle auch nicht allein gehen— „Ihr bleibt zusammen— verstehst Du— Es war ein Befehl von einer Entschiedenheit, welche Witte seinen Töchtern gegenüber sonst selten in Anwendung brachte. Luise mußte der Schwester helfm, damit sie rascher fertig wurde. Schon war die Resel da— jetzt kamen sie alle an das Bett der Mutter, um Abschied zu nehmen. Sie schlief.„Weckt sie nicht," sagte der Vater,„die schläft, bis wir zurückkommen." Leise schlichen sie sich hinweg. Elise rührte sich nicht. Das steigende Fieber zeichnete rote Flecken auf ihre Wangen. 24. Kapitel. Die Drescher Kapelle spielte mit hinreißender Verve den ersten Walzer, als Witte mit seinen Töchtern in den glänzend erleuchteten, von einer vornehmen Gesellschaft gefüllten Saal trat. Diesmal wartete Reich nicht in zur Schau getragener Gleichgültigkeit, bis die Wogen der Geselligkeit ihn mit Luise Zusammenführten;, kaum hatte er sie in neuer strahlender Schönheit erblickt, schritt er direkt auf sie zu. Er tauschte einen flüchtigen Händedruck mit Witte und saßte dann die Hand seiner Tochter. Sie am Arm führend, schritten sie die Tischreihen entlang, die, nach Art der Varietäts, im Saale aufgestellt waren, in hinlänglich geschickter Verteilung, daß die Kommunikation nicht erschwert war. „Ich hatte Dich mit Ungeduld erwartet," sagte er leise, ihren Arm an sich drückend,„und ich fürchtete schon—" Ihr holdes Gesicht, über das ein Schatten gelegen, wendete sich aufhellend ihm zu.„Du hast nichts zu befürchten," sagte ihr inniger Blick. Was ihre Seele bedrückte, war von ihr genommen. Sie wußte, deutlicher als je vorher, daß sie kommen mußte. Wie schwer hätte sie sich an seinem Gefühl versündigt, wie hätte er zweifeln müssen an dem ihrigen, wäre sie fem geblieben. Ferdinand, den seine Pflichten als Wirt in Atem hielten, ying ihnen entgegen. „Die sehen famos aus," dachte er beim Anblick der Schonen, die er angezogen hatte. Er fühlte sich gleichsam als Schöpfer dieser bisher verborgeneu Reize und gedachte seine Urheberrechte daran sich nicht schmälern zu lassen. Aber ehe er sie erreichte, blieb er vor einer neuen Erscheinung wie ge- bannt, in sprachlosem Staunen. „Nein, diese Tini, es ist unglaublich!" Er sah sie am Arm seines Vaters in einer weißen Atlas- toilette, einfach aber von äußerster Eleganz, in einer neuen Frisur, die ihrem pikanten Gesichte einen eigenartigen Charme verlieh. An ihrer Seite, mit ihr im Gespräche, schritt Excellenz Wehrmann, auf dessen Erscheinen er kaum zu rechnen gewagt. Er war durch seine hohe Stellung eine der einflußreichsten Persönlichkeiten. In allen Aemtern Niederösterreichs von ebenso ausschlaggebender Bedeutring, wie in der Sport- und Theaterwelt. Von Haus aus arm, war er doch überall dabei, ein Liebling der Wiener Gesellschaft. Seine glücklichen Einfälle bei festlichen Veranstaltungen machten ihn einfach unentbehr- lich, und seitdem er den ebenso glücklichen Einfall hatte, eine Fürstin daran partizipieren zu lassen, bot diese Vereinigung sämtlichen Zeitungsreportern unerschöpfliches Material. Man konnte über Excellenz Wehrmann lange Feuilletons schreiben, man konnte ihn glorifizieren, ohne, seiner politischen Thätig- keit Erwähnung zu thun. Und mit dieser Persönlichkeit plauderte Tini ganz ungeniert, sie lachte sogar und der Graf, der ihren Fächer in der Hand hielt, schien von dieser Munterkeit angenehm unter- halten zu sein. „Es ist unglaublich!" wiederholte Ferdinand, er konnte sich gar nicht erholen. Ein ungeheurer Respekt vor dem Wagemut dieses Mädels überkam ihn und zugleich eine gewisse Aengstlichkeit, sie könnte zu weit gehen, sich und sein Haus vor diesem vornehmen Gast blamierm. Er bemerkte, wie Reich den Grafen begrüßte, wie dieser stehen blieb und sich Witte?md seine Töchter vorstellen ließ, worauf sie gemeinsam an einem Tische Platz nahmen. Ferdinand atmete auf. Gott sei Dank, er war der Verlegenheit überhoben, den hohen Herrn richtig zu plazieren, dieser hatte sich seine Ge- sellschast selbst gewählt. Er ging auf den Grafen zu, um ihn als Wirt zu be- grüßen. lFortsetzung folgt.jj ' lNachdruck verboten.) Sin teurer k)uncl. Von Leon Souvestre. Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. I. Als Herr Flambette, ein großer Nimrod vor dem Herrn, dieses irdische Jammcrthal mit den Jagdgründen eines besseren Jenseits vertauschte, hinterließ er eine Witwe und einen Hund. Von der Witwe ist nur zu berichten, daß sie zwar noch recht passabel aussah trotz ihrer vierzig und etlichen Jahren, daß aber ihr Charakter diesem Aeußeren herzlich wenig entsprach. Mit einem Wort: eine Xantippe. Der Hund dagegen war ein prächtiges, auf vielen Ausstellungen prämiiertes Tier. Als Jagdhund hatte er nicht seinesgleichen, und alle Nimrods des Bezirks beneideten Flambettc, welcher im wohl- berechtigten Stolz das Tier nicht für alles Gold der Erde verkauft hätte. Als Flambette das Zeitliche gesegnet hatte, war auch seine Witwe nicht durch die vorteilhaftesten Anerbieten zu bewegen, sich von dem Tier zu trennen. „Rataboul verkaufen? Den Hund meines armen Seligen? Niemals!" Der„arme Selige" war ihr im höchsten Grade gleichgültig, der Hund desgleichen. Der wahre Grund war ein anderer. Die Witwe Flambette behielt den Hund nur, weil sie wußte, daß sie damit alle jene ärgerte, welche ihn gern besessen hätten. Es soll solche Frauen geben. lSeitP�M/iOrchk? Fllwckettc tot war, langweilte sich Rataboul schrecklich. Er liebte die Jagd ebenso leidenschaftlich wie sein der- und die Entbehrung seines Lieblingsvergnügcns machte ihn melancholisch. In seinen Hundeträumen sah er Schwärme von. Rebhühnern auffliegen, hörte er das Knallen der Flinten.--- Die Federn flogen.... Das Rebhuhn fiel.... Er, Rtullboul, apportierte.... Ach! es war bloß ein Traum!... Patoche vergötterte ebenfalls die Jagd, nur mit dem Unter» schied, daß Patoche kein Hund, sondern ein alter Knabe von etlichen fünfzig Jahren war, der sich durch einen Handel mit Heringen, Seife und Petroleum im Lauf der Zeit ein niedliches Vermögen erworben hatte. Als eingefleischter Junggeselle erzählte er mit Stolz von den zahllosen Heiratsattacken, deren Gegenstand er gewesen und aus denen er stets unbesiegt hervorgegangen war. Vor einigen Monaten hatte er sich in dieser Gemeinde nieder» gelassen, die man ihm als den Mittelpunkt eines besonders wild» reichen Landstrichs gerühmt hatte, in der Absicht, hier seine Tage in einem süßen ckolce iar niente zu verbringen und ungestört seinen beiden großen Leidenschaften zu leben, denen er bis dato mit Rück» ficht auf sein Geschäft leider nur in sehr bescheidenem Umfang hatte fröhnen können: der Jagd und dem Fischfang. Vor allem aber der Jagd! Am Tage der Eröffnung marschierte Patoche scho i bei Morgen- grauen hinaus, in meterhohen Jagdstiefeln, auf der Schulter eine Flinte allermodernster Konstruktion, an der Seite eine Jagdtasche, geräumig wie ein Schiffsbauch, begleitet von einem großen, hoch- beinigen Hund, den er in Paris erstanden hatte. „Eine Perle von einein Jagdhund!" hatte ihm der Händler versichert. Am Abend kehrte Patoche heim, ohne etwas erlegt zu haben, die folgenden Tage dito. Die„Perle von einem Jagdhund" scheuchte in ihrem Uebereifer das Wild beständig schon einen Kilometer vor dem Jäger auf. Patoche kaufte einen anderen Hund: die umgekehrte Geschichte. Im Gegensatz zu Nr. 1 war Nr. 2 durch nichts aus seiner göttlichen Ruhe zu bringen. Gleichmütig trottete er hinter seinem Herrn her, ohne sich um die ihm obliegenden Funktionen zu kümmern. Einige Male mußte Patoche sogar stehen bleiben, um ihn zu er» warten: der Hund hatte sich ins Gras gelegt und that die Absicht kund, ein kleines Schläfchen zu machen, bevor er sich weiter den Freuden der Jagd hingab. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter Hund wurden angeschafft — Patoche kam nach wie vor mit leerer Jagdtasche zurück. Ein anderer an seiner Stelle hätte den Mut verloren. Patoche dagegen faßte einen männlichen Entschluß. Na dann nicht! entschied er. Dann werde ich eben ohne Hund auf die Jagd gehen! � �. Gesagt, gethan. Patoche ließ am nächsten Morgen Hund Nr. B «u Hauie und machte stch allein auf den Wea. II. Als Patoche am Hause der Witwe Flambette vorbeikam, lag Rataboul im Grase und beschäftigte sich angelegentlichst damit, die Fliegen zu fangen, welche um seine Schnauze herumvoltigierten. Auch eine Art, sich selbst die Illusion der Jagd zu verschaffen! Beim Anblick von Patoches Flinte stellte er sich plötzlich zitternd auf seine vier Beine. Ein Jäger!... Und dazu ein Jäger ohne Hund!... Unwiderstehlich trieb es Rataboul vorwärts. Schweifwedelnd sprang er dem Mann mit der Flinte entgegen, und sein Blick richtete sich mit einem eigenartig beredten Ausdruck auf das Gesicht des Jägers. «Da Du keinen Hund hast," sagte dieser Blick,„nimm mich doch mit!" Worauf Patoche, der damit durchaus einverstanden war, mit einem lakonischen„Komm!" antwortete. Ein Luftsprung, ein fröhliches Bellen, um seine Freude zu be- zeugen, und Rataboul folgte Patoche. Ach! welch ein schöner Jagdtag das war! Rataboul übertraf sich selbst. Am Abend ächzte Patoche unter der Last des erlegsim Wildes. Seine Jagdtasche war gepfropft voll. Man kann sich leicht vorstellen, daß er am folgenden Morgcä nicht verfehlte, seine Schritte nach dem Hause der Witwe Flambetkr zu lenken, wo er seinen treuen Mitarbeiter wiederzufinden hoffte. Ach! Der treue Mitarbeiter war nicht an seinem gewohnten Platz. Patoche pfiff. Ein klägliches Wimmern, das aus der Tiefe des Gartens kam, antwortete ihm. Näher an den Zaun heraus tretend, gewahrte Patoche den Mitarbeiter. An seinem Halsband war eine solide Kette befestigt, deren anderes Ende am Boden einet Hundehütte angeschlossen war. Der Mitarbeiter war festgelegt. Beim Anblick des Gefährten seiner gestrigen Heldenthaten begann er wie wahnsinnig hin- und herzuspringen, an seiner Kette zu zerren und abwechselnd wütend und bittend zu bellen und zu winseln. Verlorene Liebesmüh! Die Kette war solide! Bei dem Geräusch aber hob sich der Vorhang eines Fensters, und das Gesicht einer Frau kam zum Vorschein, ein spöttisch, höhnisch lächelndes Gesicht, das Gesicht der Witwe Flambette. Das liebenswürdige Geschöpf bog sich vor Lachen angesichts der fassungs- losen Miene von Patoche. „Satan!" brummte dieser ergrimmt. Den ganzen Tag wetterte und fluchte er ohne Aufhören. Am Abend, wütend darüber, wieder einmal mit leerer Tasche heimzu- kehren, tobte er: „Das kann so nicht weitergehen! Ich muß diesen Hund haben!" Ohne sich nur Zeit zu lassen, seine hohen Jagdstiefel auszu- ziehen, lief er zur Witwe Flambette. „Madame!" begann er.„Wollen Sie mir Rataboul verkaufen?" „Wo denken Sie hin!" schrie die Witwe auf.„Den Hund meines armen Seligen!" „Ich würde Ihnen einen guten Preis dafür zahlen," fuhr Mtoche fort, ohne von dem Gefuhlsausbruch der Witwe Notiz zu pphtnen.„Dreihundert Frank." Die Witwe Flambette schüttelte verneinend den Kopf. „r:„Fünfhundert!" „Nein." „Achthundert!" „Nein." „Na dann meinetwegen tausend Frank!" bot Patoche noch höher. Abgemacht?" „Weder für tausend noch für zehntausend." „Aber warum nicht?" rief Patoche, verzweifelt ob dieses eigen- sinnigen Widerstandes.„Er nützt Ihnen doch nichts, dieser Hund!" „Er bewacht mich des Nachts. Eine alleinstehende Frau muß einen Beschützer haben." „Ich werde Ihnen einen anderen dafür geben... einen richtigen Hoshund I" „Ja, aber das ist doch nicht der Hund meines armen Seligen?" Vergebens erschöpfte Patoche seine ganze Beredsamkeit; die Witwe wollte Rataboul um keinen Preis verkaufen. Sie empfand ein wahrhaft diabolisches Vergnügen angesichts der Wut, in welche der Nimrod über ihre Weigerung geriet. Patoche hatte aber auch allen Grund, wütend zu sein. Nachdem er einmal die Vorzüge Ratabouls kennen gelernt hatte, betrachtete er diesen Hund als unbedingt notwendig für sein Leben. Er mußte ihn haben, koste es, was es wolle! Lange zermarterte er sein Hirn vergebens, wie dieses Ziel er- reichen. Am Ende beschloß er, den Hund zu stehlen und mit ihm zu fliehen, weit, weit fort von der Witwe Flambette. In einer dunklen Nacht wagte er es, die Mauer des Nachbar- grundstücks zu erklettern. Sein Wagnis ließ sich gut an. Rataboul, der Patoche erkannte, verhielt sich niäuschenstill. Kühn gemacht, sprang Patoche von der Mauer in den Garten. Pardautz! Er war auf die Glasglocken der Melonen gefallen.... Es entstand ein schrecklicher Lärm. Aus süßem Schlummer auffahrend, öffnete die Witwe Flambette ihr Fenster und begann verzweifelt, wie eine Henne, der es an den Kragen geht, zu schreien: „Hülfe!... Diebel... Mörder!... Feuer!"... Die Nachbarn liefen zusammen. Man fand Patoche zwischen den Scherben der Melonenglocken. Ihn für einen Melonendieb zu halten, ihn, Patoche, den Besitzer von 10 000 Frank Renten— das ging nicht gut. Also was? ,"Die Geschichte, st sehr einfach," erklarte der Schulmeister in spottischem Ton.„Es giebt nur zwei Kategorien von Menschen die nachts über Mauern klettern: Diebe und Verliebte! Herr Patoche ist kein Dieb, also..." v � J Durch diese scharfsinnige Schlußfolgerung war zur Evidenz er- wiesen, daß Herr Patoche, mochte er auch noch so entrüstet dagegen protestieren, in Madame Flambette verliebt war. III. .„Verliebt! Ich, der ich die Ehe verabscheue! Noch dazu verliebt m dieses verfluchte Weib, das mir absolut nicht seinen Hund vcr- kaufen will— das wäre ja niedlich!" brummte Patoche, als er am andern Morgen erwachte. Dann aber kam ihm eine Idee, die er als geradezu genial erklärte. Uebrigens warum nicht? erwog er. Wenn ich sie heirate, habe ich den Hund! Welch entzückende Perspektive! Ja, aber die Witwe Flambette heiraten? Auf meine schöne Freiheit verzichten?... .turj Lange zögerte Patoche. Lange kratzte er sich den Kopf. Aber da es kein anderes Mittel gab, Rataboul zu erwerben, mußte er schon in den sauren Apfel beißen. Er würde die Witwe eben als unvermeidliche Zugabe mit in Kauf nehmen. Hols der Teufel! -müjphne sich noch Zeit zum Ueberlegen zu lassen— er fürchtete, er könnte sonst andern Sinnes werden— ging Patoche, um die Witwe Flambette anhalten. Er war reich, von stattlichem Acußern jäld noch nicht zu alt— also eine gute Partie. ?n,,iNach einigem Zieren sagte die Witwe„ja". -Mir bleibt wohl nichts anders übrig," lispelte sie,„nachdem Sie mich so schrecklich kompromittiert haben." „Ich bestelle sofort das Aufgebot," antwortete Patoche. In kürzester Zeit war die Ehe geschlossen. Am Hochzeitsabend, als die beiden Gatten das eheliche Heim, d. h. das Haus der Exwitwe Flambette, betraten, lief Patoche ganz zuerst zur Hütte Ratabouls— jetzt seines Ratabouls. „Wo ist denn Rataboul?" fragte er, erstaunt, die Hütte leer zu finden. „Er ist nicht mehr da," antwortete die junge Gattin mit ihrer essigsauren Stimme.„Ich habe ihn gestern töten lassen." „Rataboul töten!" rief Patoche, dessen Herz stillstand. „Ja.... Jetzt, da ich einen Mann habe, der mich nötigenfalls verteidigt, brauche ich keinen Hund mehr!" Man versetze sich an Patoches Stelle! Was würde der verehrte Leser gethan haben? Patoche war von Natur jähzornig. Er wurde rot, blaß, grün, dann— entsetzlich!— erhob er die Hand. Piff! eine Ohrfeige ausildie Wange von Madame Patoche... Paff! eine zweite Ohr- feige... Darauf drehte er sich um und verschwand. Man sah ihn niemals wieder. Das war die Hoci zeitsnacht von Herrn und Madame Patoche. „Ja, ja, so gehts mit Liebesheiraten immer," meinte sentenziös der Schulmeister, als er die Geschichte erfuhr.„Das endigt in der Regel schlecht!"...__ Kleinca Feuilleton. dr. Sonntag. Sonntagabend. Sommersonntagabend. Did Sonne ist im Niedergehen, ihre goldenen Strahlen leuchten noch, aber sie sengen nicht mehr. Ein befreites Ausatmen geht durch die Welt. Kühler streicht der Wind vom Wasser her. In den Waldeslvipfetn regt sich ein Brausen, die Blumen heben sich in der Abendkühle, der Vögel Sang tönt Heller, dichter wird der Strom der Spaziergänger, enger schließt sich die lange Reihe der Wagen und Radler auf dem Fahrdamm. Jubelndes Leben überall. Fröhliche Gesichter, klingendes Lachen, schwatzende Stimmen, Kinder jagen sich, junge Männer singen, der Schänke am Waldrand flutet alles zu. n.'?nrn!g Jeder Tisch ist besetzt, in den Gängen schiebt sich die Mipigo, Gläscrklirren, Tellerklappern, das dumpfe Rollen der KegeWaesif mischt sich mit dem Knattern der Gewehre von der Schießbadsubes Sonntagsfreude, Sonntagslust.-.nMiij:I *" nzsaal tönt Musik, grell schmetternde BlechinstrupUPtei und locken... Walzerklänge: die DonautofWe>� tixiiir illi den Kaffeetischen summen mit und fächelz» nMwundener Jugendzeit. Die Msinng� -»gerspitzen, aber bei den jungen Mädcheiff sich auch die wunderschönen Schmetterlinge, die an Dr. ßWuMifcger in Dresden, der damals der größte Schmetterlings- Händler der Welt war, befördert wurden. Er nannte das Insekt c>MlpW>ptei-s paradisea und verkaufte die Exemplare zu sWch'chohcn PMMs ein Privatsammler bezahlte 600 M. fürjWlF t«1', Manchmal kommt man auf sehr merkwür Atfmw So übten sich einmal mel sich auf Deck eines nach Sidncy gehenden DchwPferI �veschiben, im PissoVenschießc.:, als ein großer SchinekterliNg angeflogen kam. Er wurde heruntergeschossin, die Stücke sorgfälsiw Mammelt und zu- sammengesetzt und dann an einen englischest Entomologen geschickt, der feststellte, daß die Art der Wissenschaft neu war. Jetzt befindet sich der Schmetterling in der Sammlung des Britischen Museums. Zum Transport der Schmetterlinge braucht man kleine dreieckige Umschläge aus ziemlich steifem Papier, auf denen der Tag der Ge- fangennahme, der genaue Ort und alles Wissenswerte steht. Die KouvertS werden in alte Konservenbüchsen oder Cigarrenkistcn ge- packt und gelangen so zum Händler, der zwischen dem berufsmäßigen �niektenjäger und dem Sammler vermittelt. Jedes Exemplar wird dann besonders aufgeheftet und aufgezogen, eine Arbeit, zu der sich besonders geschickte Frauenhände eignen. Vom Händler werden die Schmetterlinge nunmehr sortiert und mit Namen und Aufschrift vcr- sehen und sind jetzt verkaufsfertig. Ein gewisser Prozentsatz ist mehr oder weniger beschädigt. Sind es seltene Exemplare, so werden si� ausgebessert, was eine mühsame Kunst ist. In die Flügel werden Stücke eingesetzt, Beine und Fühler ersetzt; das Ganze wird mög- lichst natürlich gemacht. Ein Sachverständiger läßt sich freilich durch solche„ausgeflickten" Schmetterlinge nicht täuschen. Das ist auch nicht beabsichtigt; aber wenn ein Sammler ein seltenes Exem- plar nicht erhalten kann oder den hohen Preis nicht bezahlen will, so begnügt er sich mit einem solchen ausgebesserten, das billiger ist. Zur Versendung mit der Post oder Eisenbahn werden die Schmctter- linge übereinander in Kästen aufgeheftet, die mit Torf ausgefüttert sind, über das eine Lage Watte gebreitet ist. Diese Kästen werden in stärkere Kisten verpackt und so überallhin verschickt. Sollen die Schmetterlinge über die Grenze gehen, so werden sie in einen Kasten mit Glasdeckel gepackt, so daß der Zollbeamte den Inhalt feststellen kann, ohne ihn auszupacken. Während gewöhnliche Schmetterlinge schon für wenige Pfennige zu kaufen sind, besitzen seltene einen Wert. der mehrmals ihr Gewicht in Gold beträgt. Es kann vorkommen, t ein Schmetterling 25 Jahre eine Seltenheit bleibt, während von M andern neuen schon nach wenigen Monaten weitere Exemplare nden werden. So wurden für die ersten Exeniplare eines schönen tgucn Schmetterlings aus Brasilien je 200 M. gezahlt, während p Preis jetzt auf 5 M. gesunken ist.— Humoristisches. ,j}— Viel verlangt.„Michl I Hast Dst auch in der Stadt photographieren lassen? Wie mar S denn?" z„Ein vertraxtcr Kerl, der Photograph! Zuerst hat er g'sagt. i' soll ihm fünf Markt geben und nach'a Hütt' i' a' freundlich's G'sicht aa' no' macha' soll'n I"— — Nebensache.„Se san nix und Hain nix und wollen inei' Tochter?" „Aber ich liebe sie I" „San Se'was und Hain Se'was, dann brauchen Se se nix zu lieben, dann kriegen Se se e' so!"— — Ablenkung.„Sie sind angeklagt, dem Herrn hier im Wirtshause eine Ohrfeige gegeben zu haben. Was können Sie zu Ihrer Rechtfertigung anführen?" „Dös Hab' i' nur'than. daß niei' Zorn verraucht— denn wissen S'. hoher Gerichtshof, sonst lverd' i' glei' grob!" � („Fliegende Blätter".) Notizen. — Einen Wettbewerb für Einakter zur Schiller» feier 1805 schreibt die P r a g e r„ C o n c o r d i a" aus. Jede Forin und jedes Genre ist zulässig; nur Festspiele, die nach der Feier ihre Aufführbarkeit verlieren, sind ausgeschlossen. Die Arbeiten sind anonym bis zum 31. Dezember 1öl)4 an den genannten Verein (Prag, Graben, Deutsches Haus) einzusenden. Die Preiszuerkenmin� erfolgt am 1. März 1905, die Aufführung des preisgekrönten Stücke« ain Deutschen Landestheater in Prag im Mai 1905.— — Die Bayreuther Fe st spiele begannen am Freitag mit der Aufführung des„ T a n n h ä u s e r" in der Pariser Be- arbeiwng. Siegfried Wagner dirigierte. Der Erfolg war ein großer.— — Die„Richard Wagner-Stipendienstiftung", die gegenwärtig über eine Summe von 105 000 M. verfügt, soll bis zum 100. Geburtstage Wagners(22. Mai 1913) auf eine Million gebracht werden. Zu diesem Zwecke hat das Komitee der Stiftung den Besuchern der heurigen Bayreuther Festspiele einen Aufruf unterbreitet, in dem sie um ihre Mithilfe angegangen werden.— — Der Bildhauer Adolf Donndorf hat seiner Vaterstadt W e i ni a r seine umfangreiche Bi o d e l l s a m m l u n g zur Ver» siiginig gestellt. Die Stadt hat eine Summe von 30 000 M. bewilligt mit der Bestinimung, daß ein besondere? Museum errichtet wird, in der die Kunstwerke Aufstellung finden sollen.— — Eine Luftballon fahrt über die Jungfrau, oder den Mönch, will der Schweizer Luftschiffer Spclterini in der zweiten Septemberhälfte unternehmen; die Fahrt soll am Fuß des Eigcr- gletschcrs, wo sich die Station der Jungsraubahn befindet, angetreten werden.— a. Arbeiter-Schutzanzüge. Um die Gefahren, welche einem Arbeiter in der chemischen und elektrotechnischen Industrie in gefundheitlicher Beziehung drohen, zu vermindern, hat eine Düffel- dorfer Firma unter dem Namen Robur einen ans tierischen Roh» stoffen hergestellten Loden auf den Markt gebracht, der aus Kamcel- und Ziegenhaaren bestehend, schon eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Säurceinflüsse bedingt, aber durch mehrfache Imprägnierung durch alle Abstufungen des Herstellungsvorganges gegen die zer- fetzenden Einflüsse der Säure nahezu unempfänglich gemacht wird.— — Eine originelle Zahlung. Im Jahre 1639, so be» richtet die Zeitschrist„Das Bayerland", zahlte Abt Martin Dallmayr des Zisterzienserklosters Fürstenfeld an Bischof und Domkapitel von Regensburg 20 000 fl. als Ablösung für das Kloster Waldsassen. Die erste Rate, 12 000 fl., sandte der Abt in lauter Groschen und Halbbätznern; drei Pferde waren nötig, um den Wagen von der Stelle zu bringen, auf dem das Kleingeld geladen war.— Verantwortl. Redakteur: Paul Büttner, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin SW,